Ans Messer geliefert - Jeffery Deaver - E-Book
Beschreibung

Nicht nur für Buchliebhaber: 13 spannende Bücher-Krimis von amerikanischen Top-Autoren! »Ans Messer geliefert« von Jeffery Deaver! Alonso María Carillo, genannt Cuchillo, das Messer, ist der Chef eines mexikanischen Drogenkartells. Und obwohl er sonst nicht gerade zimperlich ist, hat er doch ein durchaus schöngeistiges Hobby: Er sammelt wertvolle alte Bücher. Bisher war der Mann nicht zu fassen. Aber so eine Schwäche fürs Bibliophile bietet natürlich Angriffspunkte ... Nicht nur für Buchliebhaber: 13 spanndende Bücher-Krimis von amerikanischen Top-Autoren! Neben »Ans Messer geliefert« enthält dieses eBook folgende Stories: »Die Schriftrolle« von Anne Perry, »Der Buchjäger« von Loren D. Estleman, »Der Buchbefreier« von Laura Lippman, »Das Buch der Geister« von Reed Farrel Coleman, »Das Buch der Lügen« von Peter Blauner, »Der Mann, der nur Bücher liebte« von David Bell, »Das Buch ohne Geschichte« von Thomas H. Cook uvm.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:636


Jeffery Deaver / William Link / Anne Perry / Andrew Taylor / Peter Blauner / C. J. Box / Ken Bruen / Reed Farrel Coleman / Loren D. Estleman / Laura Lippman / David Bell / Mickey Spillane / Max Allan Collins / Thomas H. Cook

Biblio-Mysteries

13 Bücher-Krimis

Knaur e-books

Über dieses Buch

13 spannende Bücher-Krimis - Alle Titel der Reihe »Bibliomysteries« nun in einem Sammelband vereint.

 

Der Sammelband beinhaltet u. a. folgende Titel:

 

»Ans Messer geliefert« Alonso María Carillo, genannt Cuchillo, das Messer, ist der Chef eines mexikanischen Drogenkartells. Und obwohl er sonst nicht gerade zimperlich ist, hat er doch ein durchaus schöngeistiges Hobby: Er sammelt wertvolle alte Bücher. Bisher war der Mann nicht zu fassen. Aber so eine Schwäche fürs Bibliophile bietet natürlich Angriffspunkte ...

 

»Alte Bücher wiegen schwer« Ein reicher Antiquar wird in seinem Laden von einem umstürzenden Regal erschlagen. Wie es scheint, hat aber noch jemand anders kräftig nachgeholfen. Der legendäre Lieutenant Columbo nimmt die Ermittlungen auf ...

 

»Die Schriftrolle« Der Buchhändler Monty stößt in einem Antiquariat in Cambridge unvermutet auf eine rätselhafte Schriftrolle, deren Herkunft Fragen nach der Wahrheit der Bibel aufwirft. Ehe er es noch recht begreift, sieht er sich mit den Mächten des Bösen konfrontiert, denn kurz darauf findet er den Besitzer des Antiquariats in dessen Haus verbrannt auf …

 

Inhaltsübersicht

Jeffery Deaver - Ans Messer geliefertMITTWOCHDONNERSTAGFREITAGWilliam Link - Alte Bücher wiegen schwerAnne Perry - Die SchriftrolleAm darauffolgenden Samstagmorgen war [...]Zurück im Buchladen, öffnete [...]Am nächsten Tag probierte [...]Monty fuhr in das [...]Monty war erst spät [...]Tatsächlich wollte er weder [...]Am nächsten Tag bekam [...]Später, als er, nachdem [...]Am Abend standen Hank [...]Andrew Taylor - TodessonatePeter Blauner - Buch der LügenC. J. Box - Bis zur letzten SeiteKapitelAnmerkung des AutorsKen Bruen - Buch des VerratsReed Farrel Coleman - Das Buch der GeisterLoren D. Estleman - Der BuchjägerLaura Lippman - Der BuchbefreierDavid Bell - Der Mann, der nur die Bücher liebteSpillane/Collins - Das SündenregisterDas SündenregisterThomas H. Cook - Buch ohne Geschichte
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Ans Messer geliefert

Jeffery Deaver

MITTWOCH

Am Abend zuvor hatten sie sich kennengelernt, und jetzt, am Vormittag des nächsten Tages, wurden sie allmählich warm miteinander. Sie wurden lockerer, fassten Vertrauen zueinander. Fassten beinahe Vertrauen zueinander.

Wie’s eben so geht, wenn man mit einem Fremden zusammengespannt wird, um einen Mordauftrag auszuführen.  

»Ist es hier immer so heiß?«, fragte P. Z. Evans und blinzelte gegen das schmerzhaft grelle Sonnenlicht an, dem selbst die starke Tönung seiner Ray-Bans nichts entgegenzusetzen hatte.

»Nein.«

 »Gott sei Dank.«

 »Normalerweise ist heißer«, antwortete Alejo Díaz mit seinem runden, sinnlichen Akzent.

»Du verarschst mich.«

Es war Mai und sechsunddreißig Grad warm. Sie saßen auf der Plaza Zaragoza in Hermosillo. Der malerische parkähnliche Platz wurde von den Statuen zweier Herren mit strenger Miene dominiert. Generälen, wie Evans sich hatte sagen lassen. Und einem Dom.

Und der Sonne … heiß wie brennendes Benzin.

Evans war von Washington, D. C. herübergeflogen. Er lebte in der Nähe der Hauptstadt. Wenn er nicht gerade unterwegs war. Bei seinem Abflug hatten in D. C. angenehme vierundzwanzig Grad geherrscht.

»Im Sommer kann warm werden«, räumte Díaz ein.

»Warm?«, wiederholte Evans sarkastisch.

»Andererseits … Warst du mal in Arizona?«

»Einmal. In Scottsdale. Zum Golfen.«

»Scottsdale ist im Norden. Paar hundert Kilometer von hier. Vergiss nicht, wir sind hier mitten in Wüste. Da muss heiß sein. Was glaubst du denn?«

»Ich hab nur sechs Runden gespielt«, sagte Evans.

»Was?«

»In Arizona. Sechs Runden. Mehr habe ich nicht geschafft … Ich dachte, ich falle tot um. Und wir haben um sieben Uhr morgens losgelegt. Spielst du Golf?«

»Ich? Spinnst du? Viel zu heiß hier.« Díaz lächelte.

Evans trank Cola aus einer Flasche, deren Hals er vorher auf das Gründlichste mit einem antibakteriellen Wischtuch bearbeitet hatte. Angeblich war Hermosillo, die Hauptstadt von Sonora, die einzige Stadt in Mexiko, in der das Wasser aufbereitet wurde. Also war das Eis, in dem die Flaschen gekühlt wurden, wahrscheinlich sauber.

Wahrscheinlich.

Er wischte den Hals und die Öffnung noch einmal ab. Ärgerte sich, dass er keine Miniflasche Jack Daniel’s zum Neutralisieren eingesteckt hatte. Die Wischtücher hinterließen einen ekelhaften Geschmack.

Díaz trank Kaffee mit drei, vier Stück Zucker. Heißen Kaffee, keinen eisgekühlten. Evans wollte das nicht in den Kopf. Als Starbucks-Junkie zu Hause und ausgemachter Kaffeetrinker in sämtlichen Dritte-Welt-Ländern, die er je bereist hatte (von abgekochtem Wasser bekam man schließlich keinen Durchfall), hatte er das Gebräu seit seiner Ankunft in Hermosillo noch nicht angerührt. Und hätte auch den Rest seines Lebens gut auf heiße Getränke verzichten können. Schweiß kitzelte ihn in den Achselhöhlen, an den Schläfen und zwischen den Beinen. Er hatte sogar das Gefühl, an den Ohren zu schwitzen.

Díaz und Evans blickten sich um. Jugendliche überquerten den Platz auf dem Weg zur Schule, Büroangestellte schlenderten die Wege entlang zu ihren Büros und Besprechungen. Für Einkaufsbummler war es noch zu früh, aber vereinzelt waren schon Mütter mit ihren Kinderwagen unterwegs. Die Männer, die nicht in Anzügen steckten, kamen in Jeans und bestickten Hemden daher. In Sonora huldigte mann der Cowboy-Kultur, auch das hatte Evans sich sagen lassen. Pick-ups waren allgegenwärtig und genauso zahlreich wie alte amerikanische Personenwagen.

Die beiden Männer ähnelten sich vage. Zwischen dreißig und vierzig, stämmig, athletisch, mit rundem Gesicht – das von Díaz pockennarbig. Was aber der Attraktivität seiner zerfurchten Züge, die ihn als Nachfahren von Pima-Indianern auswiesen, keinen Abbruch tat. Beide hatten dunkles Haar. Evans' Gesicht war glatter, heller natürlich, und ein wenig asymmetrisch, die Augen leicht schief. Trotzdem wirkte es anziehend, in seinem Fall vielleicht eher auf risikofreudige Frauen.

Sie hatten Jeans und Laufschuhe an. Ihre kurzärmeligen Hemden trugen sie über den Jeans. Auf diese Art wären ihre Waffen verborgen geblieben, die sie heute jedoch ohnehin nicht dabeihatten.  

Bis jetzt hätte niemand Grund gehabt, ihnen übelzuwollen.

Das würde sich ändern.

Ein paar Touristen schlenderten vorüber. Hermosillo war eine Durchgangsstation für Reisende, die aus den USA an die Westküste von Sonora wollten. Viele waren mit dem Auto unterwegs, viele mit dem Bus.

Busse … …

Evans senkte die Stimme, obwohl niemand in der Nähe war. »Hast du heute Morgen mit deinem Kontaktmann gesprochen, Al?«

Bei ihrer ersten Begegnung hatte Evans einen Versuchsballon steigen lassen und den Namen des mexikanischen Agenten abgekürzt – um zu sehen, wie er reagieren würde: beleidigt, abweisend, feindselig? Doch der hatte gelacht und den Song von Paul Simon zitiert: »You can call me Al.« Díaz hatte gezeigt, dass er Spaß verstand, und damit spontan Evans' Sympathie gewonnen. Der Humor hatte auch eine Vertrauensbasis geschaffen. Viele Leute, die verdeckt arbeiten, glauben, ständig »Scheiße« zu sagen und Witze über Frauen zu machen, schafft Vertrauen. Falsch. Humor schafft Vertrauen.

»Sí. Und was er sagt … Ich glaube, unsere Arbeit … sie wird nicht leicht.« Er nahm den Deckel von seinem Becher und blies hinein, um den Kaffee abzukühlen. Evans fand das zum Totlachen. »Ist gut geschützt. Sehr gut. Sein Leibwächter, José, ist guter Mann. Immer bei ihm. Und man sagt, sie wissen, dass was passiert.«

»Was?« Evans verzog das Gesicht. »Eine undichte Stelle?«

Das wiederum fand Díaz komisch. »Ach, gibt immer undichte Stelle. In Mexiko, jedes Ei hat Knacks. Bestimmt sie wissen nicht Bescheid über uns, aber er hat gehört, jemand ist gekommen, um ihn zu töten. Oh, sí, er hat gehört.«

Der »Er«, von dem die Rede war, hieß Alonso María Carillo, war jedoch besser bekannt als Cuchillo. Das Messer. Woher der Spitzname kam, darüber gingen die Meinungen auseinander. Aber höchstwahrscheinlich nicht davon, dass er sich mit dieser Waffe seiner Rivalen entledigte – er war nie eines Gewaltdelikts beschuldigt worden … überhaupt war er nie irgendeines Delikts beschuldigt worden. Viel wahrscheinlicher war, dass er diesen Namen seinen Geistesgaben zu verdanken hatte. Er besaß einen messerscharfen Verstand. Er war vermutlich der Kopf eines der Kartelle in Sonora, dem mexikanischen Bundesstaat, der, gemeinsam mit dem Nachbarstaat Sinaloa, als die Heimat der gefährlichsten Drogenbanden galt. Das Hermosillo-Kartell war zwar klein, doch eines der tödlichsten. Mindestens tausend Tote gingen auf sein Konto … und die Produktion vieler Tonnen Drogen – nicht nur Kokain, sondern auch das tückische Meth, mit dem aktuell im Drogenhandel die größten Profite erzielt wurden.

Aber Cuchillo war so ausgefuchst, dass er nie strafrechtlich belangt wurde. Das Kartell wurde von anderen geführt, die jedoch – da war die Bundespolizei sich sicher – nur Strohmänner waren. In den Augen der Öffentlichkeit war Cuchillo ein innovativer Unternehmer und Philanthrop. Absolvent der Universität von Kalifornien in Los Angeles, mit einem Abschluss in Wirtschaft und einem in englischer Literatur. Sein Vermögen hatte er allem Anschein nach mit legalen Firmen gemacht, die bekannt waren für die gute Behandlung der Mitarbeiter und den verantwortungsbewussten Umgang mit Umwelt und Finanzen.

Mit rechtsstaatlichen Mitteln war Carillo also nicht beizukommen. Deshalb die gemeinsame Operation von Alejo Díaz und P. Z. Evans – eine Operation, die übrigens nicht existierte, sollte das Thema je in Washington, D.  C. oder Mexico-City zur Sprache kommen.

»Er vermutet also, dass es jemand auf ihn abgesehen hat«, sagte Evans. »Das heißt, wir müssen uns was einfallen lassen. Ein Ablenkungsmanöver. Seine Aufmerksamkeit in diese Richtung lenken, damit er nicht dahinterkommt, was wir wirklich vorhaben.«

»Ja, ja, richtig. Ein Ablenkungsmanöver. Mindestens eines. Vielleicht auch zwei. Aber gibt noch ein Problem: Wir kriegen ihn nicht nach draußen.«

»Warum nicht?«

»Mein Kontaktmann sagt, er bleibt die ganze nächste Woche in seiner Festung. Vielleicht länger. Bis glaubt, Luft ist rein.«

»Scheiße«, sagte Evans leise.

Ihr Auftrag steckte in einem straffen Zeitkorsett. Man hatte Informationen, dass Cuchillo einen Anschlag auf einen Reisebus plane. Das Fahrzeug sollte angehalten, die Türen blockiert und der Bus schließlich in Brand gesteckt werden. Der Anschlag würde in zwei Tagen stattfinden, am Freitag, dem Jahrestag des Versprechens, mit dem der mexikanische Präsident die Wiederaufnahme des Kriegs gegen die Drogenkartelle angekündigt hatte. Damit endete die Information – und wohl auch das Leben des Informanten. Somit war es unmöglich vorherzusagen, welcher Bus ins Visier genommen werden sollte. Es gab hunderte Busse, die auf den verschiedensten Routen verkehrten, betrieben von Dutzenden Unternehmen, die keinen Wert darauf legten, ihre Passagiere durch Einstellen des Betriebs oder Zusammenarbeit mit der Polizei abzuschrecken. (In Vorbereitung auf seinen Auftrag hatte Evans die Busunternehmen unter die Lupe genommen und dabei festgestellt, dass allesamt in ihrer Werbung eines hervorhoben: Mexiko ist ein sicheres Land!!)

Allerdings hatten Díaz und Evans einen Weg gefunden, den Anschlag zu verhindern, auch ohne den konkreten Bus zu kennen. Die größten Kartelle in Sinaloa und Sonora wollten auf Gewalt verzichten. Tote Touristen, auch tödlich verunglückte Touristen, waren immer eine schlechte Reklame – und gefährlich für das eigene Leben. Ein geplanter Anschlag auf Unschuldige, insbesondere Amerikaner, konnte den Drogenbaronen das Leben zur Hölle machen. Zwar würde keiner seiner Rivalen und erst recht niemand innerhalb seiner eigenen Organisation sich deswegen mit Cuchillo direkt anlegen, doch falls ihm etwas zustieß, würden seine Handlanger den Anschlag nicht durchziehen. Das hatten die Agenten in Erfahrung gebracht.

Wenn Cuchillo sich jedoch in seiner Höhle verkroch, bis von dem Bus nur noch das ausgebrannte Gerippe übrig blieb, dann behielt Díaz' Kontaktmann wohl recht: Ihre Arbeit würde nicht leicht werden. Die Überwachung mit Drohnen hatte ergeben, dass das Haus auf einem gut zwei Hektar großen Grundstück stand und von einer hohen, elektrisch gesicherten Mauer umgeben war. Das Grundstück selbst war dicht mit Bewegungsmeldern und Kameras bestückt. Das Anwesen unter Beschuss zu nehmen, würde nichts bringen, denn sämtliche Gebäude – das große Haupthaus, die separate Bibliothek und die freistehende Garage – hatten dicke kugelsichere Fensterscheiben. Und die Wege zwischen den einzelnen Gebäuden waren von außen nicht einsehbar und somit selbst für den besten Scharfschützen unerreichbar.

Während sie unter der sengenden Sonne schmorten, überlegte Evans, ob einem bei steigender Hitze das Hirn allmählich verdunstete. Er musste an Haferbrei denken, langsam ausdampfenden Matsch.  

Er wischte sich die Stirn ab, trank von seiner Cola und erkundigte sich nach weiteren Einzelheiten aus Cuchillos  Geschäfts- und Privatleben. Díaz wusste einiges zu berichten. Nicht umsonst hatte der Mann ein Jahr lang unter Beobachtung gestanden. Evans hörte aufmerksam zu und nickte immer wieder. Er war ein guter Taktiker in seiner Spezialeinheit gewesen. Und er war ein guter Taktiker in seinem jetzigen Beruf. Er trank seine Cola aus. Die dritte an diesem Tag.

Scheiße, und es war erst Viertel vor zehn.

»Was weißt du über seine Schwächen?«

»Seine Schwächen? Cuchillo hat keine Schwächen.«

»Das glaubst du doch selbst nicht! Jeder Mensch hat Schwächen. Drogen. Frauen. Männer. Alkohol. Glücksspiel.«

Schwächen waren äußerst wirksame Instrumente in Evans' Branche. So nützlich wie Gewehrkugeln und Plastiksprengstoff.  Meistens sogar noch nützlicher.

Díaz tat sich noch mehr Zucker in seinen Becher, der nur noch einen kleinen Rest Kaffee enthielt, und rührte um. Kunstvolle Achterschleifen. Er trank und blickte dann auf. »Vielleicht gibt doch was.«

»Und was?«

»Bücher«, sagte der mexikanische Agent. »Vielleicht Bücher sind seine Schwäche.«

*

Es war ein angenehm warmer Maiabend in Washington, D. C., deshalb hatte er sich in ein Starbucks mit Terrasse gesetzt … und warum auch nicht?

Das Lokal lag schließlich in einem Yuppie-Viertel. Wenn es Yuppies überhaupt noch gab. Peter Billings' Vater war ein Yuppie gewesen. Scheiße, war das lange her.

Billings trank einen ganz normalen Kaffee, schwarz, ohne Extraschuss oder Milchschaum oder irgendwelche ausgefallenen Zusätze. Insgeheim war er überzeugt, dass Leute so etwas manchmal bloß bestellten, weil sie sich gerne dabei zuhörten.

Er hatte sich auch einen Scone bestellt, die reinste Kalorienbombe, doch das war ihm egal. Er würde ohnehin nur die Hälfte essen. Später, zu Hause in Bethesda, würde ihm seine Frau ein kalorienreduziertes Abendessen aus der Tiefkühltruhe vorsetzen.

Billings ging gerne zu Starbucks, weil man dort so schön unsichtbar war zwischen all den Anzugträgern, die ihren Lebenslauf tippen wollten, ohne dass ihr Chef es mitbekam, und den Ehemännern und -frauen, die hier E-Mails an ihre Geliebten schrieben.

Und den Agenten, die sich hier zu – sagen wir mal – vertraulichen Gesprächen trafen.

Ein Starbucks mit Terrasse hatte noch zwei weitere Vorteile. Wenn man drinnen saß, übertönte der Heidenlärm, den der Milchaufschäumer vollführte, jedes Gespräch. Wenn man draußen saß, besorgte das der Verkehr. Zumindest hier auf den Straßen von D. C.

Er biss ein Stück von seinem Scone ab und schnippte sich die Brösel von seinem dunkelblauen Anzug und der hellblauen Krawatte.

Einen Augenblick später setzte sich ein Mann ihm gegenüber an den Tisch. Auch er hatte sich einen Kaffee geholt, doch seiner war mächtig aufgepeppt mit Haselnuss- oder Mandelsirup, Sahnehaube, Streusel. Billings musste beim Anblick des Mannes an ein Wiesel denken. Wenn du die vierzig schon überschritten hast und jemand sieht dich an, und das Erste, was ihm einfällt, ist das Wort Wiesel, dann solltest du dir vielleicht langsam Gedanken über dein Äußeres machen. Ein bisschen zunehmen, zum Beispiel.

Dir einen Scone gönnen.

»Abend«, sagte Billings jetzt zu Harris.

Harris nickte und leckte dann Schlagsahne vom Deckel seines Kaffeebechers.

Billings fand es abstoßend, dieses Hervorschnellen der Wieselzunge. »Wir müssen jetzt entscheiden. Entweder oder.«

»Genau.«

»Ihr Mann da unten im Süden.«

»Adam.«

Ein Codename war so gut wie der andere für Harris' Mann in Hermosillo, der gerade Alonso María Carillo alias Cuchillo an den Fersen klebte. Dessen Namen würde Harris natürlich nicht nennen. Lauter Verkehrslärm auf den Straßen von D. C. ist wie Espressomaschinen. Laut eben. Er überlagert, doch er löscht nicht aus. Und Harris wusste genauso gut wie Billings, dass es Tontechniker gab, die belastende Wörter aus einer Kakophonie von Geräuschen so präzise heraussaugen konnten wie ein Kolibri Nektar aus einer Blüte.

»Die Kommunikation funktioniert?« Billings flüsterte beinahe.

Keine Antwort. Natürlich funktionierte die Kommunikation. Harris und seine Leute waren die Besten. Selbst ein Nicken war überflüssig.

Billings wollte noch einmal von seinem Scone abbeißen, doch irgendwie scheute er davor zurück, es vor der Nase eines Mannes zu tun, der mindestens ein Dutzend Leute umgebracht hatte, so hieß es wenigstens in dessen ungeschriebenem Lebenslauf. Billings hatte indirekt auch eine Menge Leute getötet, aber im Nahkampf? Höchstens ein Eichhörnchen. Und auch das nur versehentlich. Jetzt wurde seine Stimme noch leiser. »Gab es schon Kontakt zwischen ihm und der ZP?«

Zielperson.

Cuchillo.

»Nein. Er ist noch in der Vorbereitungsphase. Keine Annäherung.«

»Dann hat er also nichts gesehen? Keine Waffen oder Ware auf dem Anwesen?«

»Nein. Sie halten Abstand. Sowohl Adam als auch sein Kollege aus dem Süden.« Pause. »Die gesamte Überwachung erfolgt per Drohne.«

Billings hatte die Aufnahmen gesehen. Und sie waren nicht sehr hilfreich.

Am Nebentisch erhob sich ein Paar und sammelte seine Einkaufstüten zusammen. Billings und Harris verstummten.

Billings ermahnte sich, seine Fragen ein wenig behutsamer zu stellen. Harris' Neugier konnte jeden Moment erwachen. Und das wäre nicht gut. Billings hatte nicht die Absicht, sein Gegenüber in das einzuweihen, was ihn seit ein paar Stunden, seit Eintreffen der jüngsten geheimdienstlichen Erkenntnisse, mit Unruhe erfüllte: dass er und seine Abteilung einen Mord in Auftrag gegeben hatten, der möglicherweise den Falschen traf.

Es bestanden inzwischen nämlich gewisse Zweifel, ob Cuchillo tatsächlich der Kopf des Hermosillo-Kartells war. Die Nachrichten, die Billings' Leute abgefangen und als Info über Drogenlieferungen des Kartells eingestuft hatten, bezogen sich in Wahrheit auf den Versand legaler Waren aus Cuchillos Fabriken an US-amerikanische Firmen. Die Überweisung eines enormen Betrags auf eines seiner Konten auf den Cayman-Inseln war nicht, wie angenommen, eine Geldwäscheaktion, sondern erwies sich als völlig legal. Das Geld stammte aus dem Verkauf einer Ranch Cuchillos in Texas. Und der Tod eines Drogenlieferanten aus der Gegend war nicht, wie vermutet, ein von Cuchillo angeordneter Mord, sondern in der Tat ein Verkehrsunfall, verursacht von einem betrunkenen Autofahrer. Und auch die übrigen Informationen, die letzten Endes zu dem Liquidierungsbefehl geführt hatten, waren nicht über jeden Zweifel erhaben.

Billings hatte gehofft, dass Adam vor Ort in Sonora  etwas beobachtet hätte, das ihre Annahme bestätigte, Cuchillo sei der Boss des Kartells.

Anscheinend aber nicht.

Harris leckte wieder an der Sahne, erwischte dabei auch ein paar Streusel.

Billings musterte ihn noch einmal. Ja, ein Wiesel, doch das war nicht unbedingt eine Beleidigung. So groß war der Unterschied zwischen einem hinterlistigen Wiesel und einem edlen Wolf dann auch wieder nicht, zumindest nicht, wenn sie auf Beutejagd waren.

»Also, was sage ich Adam jetzt? Soll er zuschlagen?«, fragte Harris rundheraus.

Billings biss von seinem Scone ab. Er musste das Leben der Passagiere in dem Bus retten … und an seine Karriere musste er natürlich auch denken. Er schnippte die Brösel weg und überlegte. Er hatte an der Universität von Chicago studiert, wo die Theorie der Kosten-Nutzen-Analyse im Wesentlichen entwickelt worden war.  Und diese Theorie besagte: Man wäge die Kosten für die Verhinderung eines Missgeschicks gegen die Wahrscheinlichkeit ihres Eintritts und die Schwere der davon zu erwartenden Konsequenzen ab.

Bei dem Attentat auf Cuchillo hatte Billings zwei Optionen durchdacht. Szenario eins: Adam tötet Cuchillo. Wenn er nicht der Kopf des Kartells, sondern unschuldig ist, findet der Anschlag auf den Bus statt, weil jemand anders dahintersteckt. Wenn er schuldig ist, wird der Bus nicht in Brand gesteckt, und in Zukunft wird es keine Anschläge auf Busse mehr geben. Szenario zwei: Adam tut es nicht. Dann wird der Anschlag verübt, egal, ob Cuchillo schuldig oder unschuldig ist. Wenn er aber schuldig ist, wird es auch in Zukunft Anschläge auf Busse geben.

Mit anderen Worten: Die harten, kalten Zahlen sprachen für ein Zuschlagen Adams, selbst wenn Cuchillo unschuldig war.

Der nicht zu übersehende Nachteil war allerdings, dass Billings einpacken konnte, wenn Letzteres der Fall war … und er, Harris und Adam aufflogen.

Da fiel ihm die naheliegende Lösung ein.

Ja, das war gut. Er aß den Scone auf. »Ja, Adam hat grünes Licht. Aber eines muss klar sein.«

»Nämlich?«

»Sagen Sie ihm, egal, wie er es anstellt, es darf keine Beweise geben. Nicht den geringsten. Keine Spur darf hierher zurückführen. Gar keine.«

Harris nickte und schlürfte den Rest der Sahnehaube. Er sah jetzt aus wie eine Kreuzung aus Wiesel und Wolf. »Damit habe ich überhaupt kein Problem.«

*

Díaz und Evans waren in die Wohnung zurückgekehrt. Sie befand sich in einer hübschen Gegend von Hermosillo und wurde von einer Firma finanziert, die einer Firma gehörte, die einer Firma gehörte, deren Sitz ein Postfach in Nord-Virginia war. Evans brachte nicht nur das technische Know-how mit, sondern auch den Großteil des Geldes. Das sei das Mindeste, was er tun könne, hatte er gewitzelt, wo doch Amerika den Großteil der Waffen für die Kartelle liefere. In Mexiko ist der legale Kauf oder Besitz von Waffen praktisch unmöglich.

Inzwischen war es fast fünf Uhr nachmittags, und Evans las eine verschlüsselte E-Mail, die er gerade aus den USA erhalten hatte.

Er blickte auf. »So. Jetzt haben wir grünes Licht.«

Díaz lächelte. »Gut. Der Hurensohn soll fahren zur Hölle.«

Und sie machten sich wieder an die Arbeit. Vertieften sich in die über Cuchillos Leben gesammelten Daten. Seine Unternehmen und Partner und Mitarbeiter; sein Hauspersonal, seine Freunde und Geliebten; die Restaurants und Bars, in denen er viele Abende verbrachte; was er kaufte, was er sich aus dem Netz herunterlud, was für Computerprogramme er benutzte; was er sich gerne anhörte, was er aß und trank. Die Datenfülle war überwältigend. Sicherheitsbehörden hier und in den Vereinigten Staaten hatten das Material über Monate hinweg abgeschöpft.

Und, ja, viele dieser Informationen hatten mit Büchern zu tun.

Schwächen …

»Hör dir das an, Al. Letztes Jahr hat er Bücher im Wert von über einer Million Dollar gekauft.«

»Du meinst Pesos.«

»Ich meine Dollar. He, hast du die Klimaanlage runtergedreht?«

Evans spürte die drückende Hitze des Spätnachmittags, die sich wie eine träge Welle in die Wohnung wälzte.

»Nur bisschen«, sagte Díaz. »Klimaanlage ist nicht so gesund.«

»Von kalten Temperaturen bekommt man keine Erkältung«, erklärte Evans neunmalklug.

»Weiß ich. Ich meine Schimmel.«

»Was?«

»Schimmel in den Rohren. Gefährlich. Das habe ich gemeint. Ungesund.«

Oh. Evans musste ihm recht geben. Tatsächlich hustete er ziemlich viel, seit er hier angekommen war. Er holte sich noch eine Cola, wischte den Flaschenhals ab und nahm einen Schluck. Der widerliche Geschmack des Wischtuchs. Er spuckte. Er hustete. Er stellte die Klimaanlage noch ein wenig niedriger.

»Man gewöhnt sich an Hitze.«

»Unmöglich. Gibt’s im Mexikanischen überhaupt Wörter für Winter, Frühling und Herbst?«

»Ha, witzig.«

Sie wandten sich wieder ihren abgeschöpften Daten zu. Von vielen der Bücher lagen ihnen nicht nur die Kreditkarteninformationen, sondern auch Versicherungsdaten vor. Manche Bücher waren Unikate, mehrere zehntausend Dollar wert. Anscheinend lauter Erstausgaben.

»Und sieh mal«, sagte Díaz, während er die Belege studierte. »Er verkauft nie. Er kauft nur.«

Er hatte recht. Jetzt fiel es auch Evans auf. Es gab keine Unterlagen über Verkäufe, keine Steuererklärungen über Einnahmen durch den Verkauf von Eigentum in Form von Büchern. Cuchillo behielt alles, was er kaufte.

Er wollte sie jederzeit um sich haben. Er begehrte sie. Er brauchte sie.

Viele Leute in den Drogenkartellen waren süchtig nach ihrer eigenen Ware. Bei Cuchillo war das anscheinend nicht der Fall. Trotzdem litt auch er an einer Sucht.

Wie jedoch konnte man sich die zunutze machen?

Evans dachte über die Liste nach. Ideen begannen sich in seinem Kopf zu formen, wie immer. »Sieh dir das an, Al. Letzte Woche hat er ein Buch mit einer Widmung von Dickens bestellt. Der Raritätenladen. Sechzigtausend kostet das Ding. Ja, Dollar.«

»Für ein Buch?« Der Mexikaner schien es nicht fassen zu können.

»Ein gebrauchtes noch dazu«, bemerkte Evans. »Es soll bald kommen, in ein oder zwei Tagen.« Er überlegte. Dann nickte er. »Ich habe eine Idee. Ich glaube, das könnte klappen … Wir werden diesen Mann kontaktieren, diesen –« Er entdeckte den Namen auf dem Ausdruck: »Señor Davila. Der ist anscheinend Cuchillos Hauptlieferant für Bücher. Wir werden ihm sagen, dass wir ihn der Geldwäsche verdächtigen.«

»Und wahrscheinlich wir haben recht.«

»Und er wird sich in die Hosen machen, weil er denkt, wenn wir das weitergeben, dann wird Cuchillo …« Evans fuhr sich mit dem Zeigefinger quer über die Kehle.

»Macht ihr das in Amerika?«

»Was?«

»Du weißt schon. Das mit Finger und Hals. Ich habe nur gesehen in dummen Filmen. Dick und Doof.«

»Wer?«, fragte Evans.

Alejo Díaz zuckte die Achseln. Er schien enttäuscht, dass Evans die beiden nicht kannte.

»Also wird Davila alles tun, was wir von ihm verlangen«, fuhr Evans fort.

»Wird Cuchillo anrufen und sagen, dass sein Dickens ist gekommen früher. Ach ja, und dass Verkäufer will nur Bargeld.«

»Gut. Das gefällt mir. Also wird ihn jemand persönlich treffen müssen – um das Geld zu kassieren.«

»Und ich werde gehen zu seine Haus, um Buch zu bringen. Sein Leibwächter wird wahrscheinlich nicht wollen, aber Cuchillo wird darauf bestehen, Buch selbst zu nehmen. Weil er –«

»Süchtig ist.«

»Ich muss gehen zu ihm, nicht du«, fuhr der Mexikaner fort. »Dein Spanisch ist schrecklich. Warum haben die gerade dich hergeschickt?«

Wenn P. Z. Evans in ein Konfliktgebiet geschickt wurde, dann nicht wegen seiner Sprachkenntnisse. »Ich mag die Limos.« Er öffnete die nächste Cola. Polierte wieder am Hals herum. Räusperte sich und bemühte sich, nicht zu husten.

»Wir brauchen aber Buch«, sagte Díaz und deutete mit dem Kopf auf die Liste. »Diesen Dickens.«

»Ich werde meine Leute in den Staaten anrufen und fragen, ob sie einen auftreiben können.«

»Gut, ich gehe also da rein«, sagte Díaz. »Und wenn drinnen, was ich mache dann? Ich erschieße ihn, sie erschießen mich.«

»Auftrag erledigt«, meinte Evans.

»Aber nicht so großer Erfolg wie das, was du sonst machst, P. Z.«

»Stimmt. Nein, was du machst, ist Folgendes: Du legst eine Bombe.«

»Eine Bombe?«, wiederholte Díaz beunruhigt. »Die mag ich aber nicht so gern.«

Evans deutete auf seinen Computer, zeigte Díaz die E-Mail, die er gerade erhalten hatte. »Der Befehl lautet, keine Spuren. Nichts, was zu unseren Auftraggebern zurückführen könnte. Bleibt nur eine Bombe. Und zwar eine, die so richtig schön kracht und brennt.«

»Kollateralschäden gibt immer«, ergänzte Díaz.

Der Amerikaner zuckte die Achseln. »Cuchillo hat keine Frau. Kinder hat er auch keine. Lebt mehr oder weniger allein. Alle um ihn herum haben wahrscheinlich genauso viel Dreck am Stecken wie er.«

Er tippte auf eine der Drohnenaufnahmen von Cuchillos Festung. »Egal, wer oder was da drinnen ist«, er zuckte wieder die Achseln, »das sind alles legitime Opfer.«

*

Alonso María Carillo mochte seinen Spitznamen.

Ja, er fühlte sich geschmeichelt. Offenbar befand man ihn eines Namens für würdig, der klang, als gehöre er zu einem Mafioso im Film. Wie Joey »The Knife« Vitelli.

»Cuchillo« – wie eine Klinge, wie ein Dolch: Musik in seinen Ohren! Und der Witz war: Er war gar kein Brutalo, hatte überhaupt nichts mit Tony Soprano gemein. Er war kräftig gebaut, und er war knallhart, ja. Aber ein Geschäftsmann in Mexiko muss knallhart sein. Seine Stimme jedoch war sanft und klang, nun ja, irgendwie wissbegierig. Beinahe naiv. Sein Auftreten war bescheiden. Sein Wesen besonnen.

Er saß im geräumigen Arbeitszimmer seines Hauses in einem vornehmen Stadtviertel unweit der Plaza Hidalgo. Das Anwesen war von hohen Mauern umgeben und von zahlreichen Bäumen bestanden, trotzdem hatte er vom Schreibtisch einen schönen Blick auf den Cerro de la Campana, den höchsten Berg der Stadt, wenn man einen dreihundert Meter in die Höhe ragenden Felsen als Berg bezeichnen kann.

Es war Zeit, Schluss zu machen – er arbeitete schon seit sechs Uhr morgens. Ohne Pause. Er legte seine Arbeit beiseite und ging online, um sich ein paar Apps für sein neues iPhone herunterzuladen, die er dann mit seinem iPad synchronisieren wollte. Er liebte technische Spielereien – sowohl privat als auch geschäftlich hielt er sich auf dem Laufenden und benutzte immer die neuesten Geräte. (Da seine Firmen in allen Landesteilen Mexikos Vertretungen hatten, mit denen er in ständiger Verbindung bleiben musste, benutzte er die Cloud, die für ihn die beste Erfindung der letzten zehn Jahre.)

Feierabend. Er erhob sich von seinem Schreibtisch. Dabei fiel sein Blick in den Spiegel daneben. Gar nicht so übel für einen alten Mann.

Cuchillo war eins fünfundsiebzig groß, untersetzt und sah Emilio Fernandez ähnlich. Für Cuchillo war Fernandez der größte mexikanische Schauspieler und Regisseur. Er hatte in unzähligen Filmen mitgewirkt, seine Glanzrolle jedoch war die Figur des Mapache in dem Western The Wild Bunch – Sie kannten kein Gesetz, einem der wenigen wahrhaft ehrlichen Filme über Mexiko.

Der Geschäftsmann betrachtete sein Gesicht. Das dichte schwarze Haar. Die wachen braunen Augen. Nein, gar nicht so  übel … Die Frauen mochten ihn noch immer. Ja, hin und wieder bezahlte er sie – auf die eine oder andere Art –, aber er hatte auch eine Beziehung zu ihnen. Er konnte mit ihnen reden. Er hörte zu. Er war auch ein ausdauernder Liebhaber. Nicht viele Siebenundfünfzigjährige konnten das von sich behaupten.

»Alter Teufel«, flüsterte er sich zu.

Er bedachte sich mit einem spöttischen Lächeln ob seiner Eitelkeit und verließ das Arbeitszimmer. Seiner Hausangestellten sagte er, er würde zu Hause essen.

Dann ging er an den Ort, der ihm auf der ganzen Welt der liebste war. Seine Bibliothek. Es war ein weitläufiges Gebäude: Über zweihundert Quadratmeter groß und sehr kühl. Die Luftfeuchtigkeit wurde sorgfältig überwacht (eigentlich ein Unding in einer Stadt wie Hermosillo, mitten in der Sonora-Wüste, wo es gerade mal zwei, drei Tage im Jahr regnete). Stores vor den Fenstern bewahrten die Schutzumschläge und Ledereinbände der Bücher vor dem Ausbleichen durch die Sonne.

An den Wänden der untersten Ebene des offenen, beinahe zehn Meter hohen Raums reihte sich ein Bücherregal an das nächste, ebenso in den oberen Galerien, zu denen eine eiserne Wendeltreppe hinaufführte. In der Mitte der Bibliothek standen drei jeweils drei Meter hohe Regale in einer Reihe hintereinander. Den vorderen Teil nahm ein Bibliothekstisch ein, umgeben von bequemen Stühlen, einem dick gepolsterten Sessel und einer Stehlampe, deren Glühbirne ein warmes gelbes Licht verbreitete. Eine kleine Bar enthielt erlesenen Brandy und schottischen Single-Malt-Whisky. Auch kubanische Zigarren gönnte Cuchillo sich, jedoch niemals hier.  

Die Bibliothek umfasste 22 000 Titel, beinahe alles Erstausgaben. Viele davon die einzigen, die existierten.

Nach einem langen, allein im Büro verbrachten Arbeitstag wäre Cuchillo normalerweise abends, wenn es schon einigermaßen abgekühlt hatte, ausgegangen. Er hätte im Sonora Steak etwas gegessen und wäre dann mit seinen Freunden – und seiner Leibwache natürlich – in  Ruby’s Bar weitergezogen. Doch die Gerüchte über diesen bevorstehenden Anschlag waren zu konkret, um sie ignorieren zu können. Er würde also sein Anwesen so lange nicht verlassen, bis mehr über diese Bedrohung bekannt war.

Ach, in was für einem Land wir leben, sinnierte er. Ein Geschäftsmann und großer Menschenfreund, ein schwer arbeitender Farmer, ein übler Drogenbaron – alle werden in einen Topf geworfen … und schmoren darin über dem Feuer der Furcht.

Eines Tages wird sich das ändern.

Aber es machte Cuchillo eigentlich nichts aus, zu Hause zu bleiben, in seiner geliebten Bibliothek. Er rief seine Haushälterin an und sagte ihr, was er zu essen wünschte: Linguine primavera mit Gemüse und Kräutern aus organischem Anbau in seinem eigenen Garten, einen kalifornischen Cabernet und Eiswasser.

Er schaltete einen kleinen HD-Fernseher ein. Die Nachrichten. Es gab mehrere Berichte über die für Freitag geplanten Feierlichkeiten in Mexico-City. Zum Gedenken an den jüngst erklärten Krieg gegen die Kartelle würden der Präsident des Landes und ein hoher Beamter der amerikanischen Drogenbehörde Reden halten. Neue Drogenmorde in Chihuahua. Er schüttelte den Kopf.  

Eine halbe Stunde später stand das Essen auf dem Tisch. Er setzte sich, nahm die Krawatte ab – auch wenn er zu Hause arbeitete, kleidete er sich büromäßig – und steckte sich eine Serviette in den Kragen. Während des Essens schweiften seine Gedanken zu dem Dickens ab, den ihm sein Buchhändler, Señor Davila, am nächsten Tag liefern wollte. Er war entzückt, dass er ihn nicht nur früher bekommen würde als gedacht, sondern auch noch zu einem günstigeren Preis als vereinbart. Der Verkäufer, den Davila aufgestöbert hatte, brauchte anscheinend dringend Bargeld und wollte fünftausend heruntergehen, wenn die Summe in US-Dollar bezahlt würde. Cuchillo erklärte sich augenblicklich damit einverstanden. Davila hatte erklärt, dass er seine Vermittlungsgebühr entsprechend reduzieren würde, doch Cuchillo hatte darauf bestanden, ihm den vollen Betrag auszuzahlen. Davila hatte ihn stets gut bedient.

Es klopfte an der Tür, und José, sein oberster Leibwächter, trat ein.

Cuchillo sah es ihm sofort an: schlechte Nachrichten.

»Ein Kontaktmann bei den Federales hat sich gemeldet, Señor. Sie haben Informationen über den Anschlag auf diesen Bus am Freitag. Den Reisebus. Die Berichte bringen Sie damit in Verbindung.«

»Nein!«

»Leider doch.«

»Verdammt«, murmelte Cuchillo. Er hatte sich sein Lebtag nur äußerst selten zum Gebrauch von Schimpfwörtern hinreißen lassen, und dieses hier war bereits das höchste der Gefühle. »Mich? Das ist doch absurd. Vollkommen daneben! An allem soll immer ich schuld sein!«

»Tut mir leid, Señor!«

Cuchillo beruhigte sich wieder und überlegte. »Rufen Sie bei den Busgesellschaften an, rufen Sie die Sicherheitsdienste an, verständigen Sie alle, die Bescheid wissen müssen. Sorgen Sie dafür, dass Touristen gefahrlos in Sonora reisen können. Ich will sicher sein, dass niemand hier zu Schaden kommt, verstehen Sie? Sie werden es wieder mir in die Schuhe schieben, wenn was passiert.«

»Ich werde tun, was ich kann, Señor, aber –«

»Mir ist schon klar, dass Sie nicht den ganzen Staat überwachen können. Aber tun Sie, was Ihnen möglich ist, schöpfen Sie alle uns zur Verfügung stehenden Mittel aus.«

»Jawohl, Señor.«

José eilte davon.

Cuchillos Ärger verflog wieder. Er aß fertig und spazierte dann mit einem Glas Wein in der Hand zwischen seinen Büchern herum und erfreute sich am Anblick der umfangreichen Sammlung.

22 000 Titel …

Er kehrte in sein Arbeitszimmer zurück und arbeitete noch eine Weile an dem Projekt weiter, das ihm schon seit Monaten im Kopf herumspukte. Er wollte am Stadtrand noch eine Fabrik für Autoteile eröffnen. Ein großer amerikanischer Autobauer hatte ein Werk hier in Hermosillo, und Cuchillo hatte sein Vermögen hauptsächlich damit gemacht, der Firma Bauteile zu liefern. Die neue Fabrik würde weitere vierhundert Arbeitsplätze für Menschen aus dieser Gegend schaffen. Er profitierte zwar von ihrer Dummheit, konnte aber beim besten Willen nicht verstehen, warum die Amerikaner die Produktion ihrer Güter ins Ausland verlagerten. Er würde das nie tun. Worauf es im Geschäftsleben – nein, im Leben überhaupt – ankam, war doch Loyalität.

Um zehn beschloss er, früh zu Bett zu gehen. Er wusch sich, und als er sein großes Schlafzimmer betrat, fiel ihm wieder Der Raritätenladen ein, den er am nächsten Tag erhalten würde. In gehobener Stimmung schlüpfte er in den Pyjama und warf einen Blick auf seinen Nachttisch.

Er überlegte, womit er sich jetzt in den Schlaf lesen sollte, und entschied sich, mit der Lektüre von Krieg und Frieden fortzufahren.

In seinen Augen war das Buch die perfekte Schilderung des Lebens eines Geschäftsmannes in Mexiko.

*

Im Wohnzimmer der Wohnung mit den komplizierten Eigentumsverhältnissen beugte P. Z. Evans sich über seine improvisierte Werkbank und baute mit großer Sorgfalt an seiner Bombe.

Diese Sorgfalt war nicht dem Risiko geschuldet, Evans könne sich beim ersten falschen Griff in roten Rauch auflösen, wenigstens noch nicht, sondern ganz profan der Tatsache, dass die Leiterplatten und Drähte so winzig waren und seine Hände so groß. Früher hätte er die Verbindungen gelötet, doch heutzutage galt auch bei improvisierten Sprengkörpern die Devise plug and play. Er drückte die Platinen in Schichten von hochbrisantem plastischem Sprengstoff, mit dem er den Ledereinband gefüllt hatte, nachdem er ihn mit einem Skalpell geöffnet hatte.

Es war elf Uhr abends, und den Agenten war den ganzen Tag keine Verschnaufpause vergönnt gewesen. Die letzten zwölf Stunden hatten sie damit verbracht, alles zu besorgen, was sie für ihr Vorhaben brauchten: das Chirurgenbesteck, elektronische Bauteile, eine ledergebundene Ausgabe von Schillers Drama Die Räuber. Den Kauf dieses Titels hatte ihnen ihr neuer Partner – der Buchhändler Señor Davila – empfohlen, weil Cuchillo den deutschen Dichter liebte.

Mit einer Juwelierlupe auf dem rechten Auge inspizierte Evans seine Bastelei und nahm noch ein paar kleine Korrekturen vor.

Von einem nahe gelegenen Platz wehten mitreißende Norteño-Klänge herüber, das Akkordeon war besonders deutlich vernehmbar. Die Fenster der Wohnung standen offen, denn die Abendluft lockte mit dem Versprechen, die Temperaturen würden allmählich auf ein erträgliches Maß sinken. Außerdem war die Klimaanlage ausgeschaltet. Evans war nämlich mittlerweile davon überzeugt, an durch Schimmel ausgelösten Husten zu leiden.

Alejo Díaz saß neben ihm. Er war schweigsam und schien sich nicht sehr wohl in seiner Haut zu fühlen. Aber nicht wegen der Bombe. Er fand die Vorstellung seiner Verwandlung in einen Experten für antiquarische Bücher im Allgemeinen und Charles Dickens im Besonderen inzwischen, gelinde gesagt, beängstigend.

Dennoch blickte er immer wieder auf von seiner Lektüre, einem Ratgeber für moderne Erstausgaben, um die  Bombe zu betrachten. Evans geriet in Versuchung, sich auf den Boden zu werfen und zu brüllen: »Scheiße! Fünf … vier … drei …« Doch nur kurz. Sein mexikanischer Partner mochte ja Humor besitzen, aber das wäre wohl auch für ihn zu viel des Guten gewesen.

Eine halbe Stunde später klebte er das Leder wieder auf die Buchdeckel. »Das war’s. Erledigt.«

Díaz beäugte Evans’ Bastelei. »Ist klein.«

»Ja, Bomben sind klein. Deshalb sind sie auch so niedlich.«

»Wird auch tun, was tun soll?«

Evans lachte auf. »O ja!«

»Niedlich«, wiederholte Díaz ohne rechte Überzeugung.

Evans’ Handy summte. Eine weitere verschlüsselte Nachricht. Er las sie.

»Der Köder ist da.«

Einen Augenblick später klopfte es an der Tür. Die Nachricht, die Evans gerade bekommen hatte, enthielt zwar alle regulären Codes, trotzdem zückten beide Männer ihre Waffe.

Doch der Lieferant war nur das, was er vorgab zu sein – ein Mitarbeiter des Wirtschaftsentwicklungsrats des amerikanischen Konsulats in Nord-Mexiko. Evans hatte schon früher mit ihm gearbeitet. Mit einem Kopfnicken überreichte er Evans das Päckchen, drehte sich um und ging.

Evans öffnete es und zog ein Exemplar von Charles Dickens’ Raritätenladen heraus. Noch vor sechs Stunden hatte es im Laden eines bekannten Buchhändlers in der Warren Street in New York gestanden. Dort hatte es der Mann, der es gerade geliefert hatte, gekauft, bar bezahlt und mit einem gemieteten Jet nach Sonora gebracht.

Bösewichte zu töten ist nicht nur gefährlich, sondern auch kostspielig.

Der Amerikaner verpackte das Buch wieder.

»Und was wir machen jetzt?«, fragte Díaz.

»Na, du … … du liest einfach weiter.« Eine Kopfbewegung in Richtung des Buchs in seiner Hand. »Und wenn du damit durch bist, willst du ja vielleicht deine Kenntnisse in allgemeiner englischer Literaturgeschichte ein bisschen auf Vordermann bringen. Man kann nie wissen, was auf einmal gefragt ist.«

Díaz verdrehte die Augen. Er streckte sich und setzte sich bequemer hin. »Na toll. Ich muss lernen, und du? Was machst du?«

»Ich geh aus und zwitscher mir einen an.«

»Das ist unfair«, protestierte Díaz.

»Und noch unfairer ist, dass ich mir womöglich auch noch was Knackiges ins Bett hole.«

DONNERSTAG

Dieser Teil von Evans' Plan ließ sich nicht umsetzen, obwohl nicht viel dazu gefehlt hätte.

Doch Carmella, die hinreißende junge Frau, die er in einer Bar in der Nähe kennenlernte, war ein wenig zu willig. Da schrillte bei ihm die Alarmglocke. Womöglich war sie darauf aus, sich einen gutaussehenden amerikanischen Ehemann zu angeln, der offensichtlich auch einen Job hatte.

Auf jeden Fall hatte der Tequila ordentlich dazwischengefunkt, und der Gehen-wir-zu-dir-oder-zu-mir-Reigen wurde erst gar nicht eröffnet.

Jetzt war es zehn Uhr vormittags und – wer hätte das gedacht? – glühend heiß. Keine Klimaanlage, aber Evans' Husten war weg.

Díaz musterte seinen Partner. »Du siehst aus fürchterlich. He, hast du gewusst, dass viele von Dickens' bekanntesten Romanen zuerst als Fortsetzungen veröffentlicht wurden? Und dass er Stilmittel des viktorianischen Schauerromans aufgriff, aber skurrile Elemente hinzufügte?«

»Wenn du hingehst und so ein Zeug daherfaselst, kannst du dich gleich begraben lassen.«

»Ich werde lesen ein Buch von ihm. Ist Dickens in Spanisch übersetzt?«

»Keine Ahnung. Glaub schon.«

Evans öffnete einen Diplomatenkoffer, den er am Vortag gekauft und mit einem Geheimfach versehen hatte. In dieses schmale Fach steckte er den Schiller, den er in der Nacht präpariert hatte, und verschloss es. Dann legte er alles in den Koffer, was ein Buchhändler bei einem Treffen mit einem Sammler so mit sich führen würde – Zahlungsbelege, Preislisten, Zettel. Und den in Blisterfolie verpackten Dickens. Er prüfte noch die Kommunikations-App auf dem iPad, das Díaz dabei haben würde – das Gerät würde so aussehen, als sei es im Stand-by-Betrieb, doch ein hochempfindliches Mikrofon würde alles übertragen, was Cuchillo und Díaz sagten. Die App funktionierte.

»Sehr gut.« Schließlich kontrollierte Evans seine Beretta 9 mm. Er steckte sie sich in den Hosenbund. »Ablenkung ist bereit, Gerät ist bereit. Legen wir los.«

Sie gingen zum Parkplatz. Evans steuerte auf einen riesigen alten Mercury zu – jawohl, einen richtigen Mercury in sonnengebleichtem Mercury-Braun mit einem Kennzeichen, das nirgendwohin zurückzuverfolgen war. Díaz ging zu einem nachtblauen Lincoln, der auf das Antiquariat Davila zugelassen war. Señor Davila hatte ihnen den Wagen dienstbeflissen, beinahe unter Tränen geliehen.

Sie folgten den ungeschriebenen Gesetzen, die für Momente wie diese galten. Für Einsätze, bei denen vor Ablauf einer Stunde einer von ihnen – wenn nicht gar beide – ihr Leben ausgehaucht haben könnten. Sie sprachen sie nicht von Glück, Hoffnung oder dem Vergnügen an der Zusammenarbeit. Und die Hand gaben sie sich schon gar nicht.

»Bis dann.«

»Sí.«

Sie stiegen ein, ließen die Motoren an und verließen eilig den Parkplatz.

*

Auf der Fahrt zu Cuchillo musste Alejo Díaz ununterbrochen an den Bus denken.

An die Menschen, die Touristen, die am nächsten Tag in der Falle sitzen und verbrennen würden. Wegen diesem Schlächter. Ihm fiel wieder ein, was P. Z. Evans über Opfer gesagt hatte, die gebracht werden mussten. Auch diese Menschen waren – für Cuchillo – legitime Opfer.

Eine jähe Wut packte ihn. Wut auf das, was Leute wie Cuchillo seinem Land antaten. Ja, es war heiß hier, und staubig, und die Wirtschaft taumelte von einer Krise in die nächste, und das Land stand ewig im Schatten des Kolosses im Norden – des Landes, das die Mexikaner liebten und gleichzeitig hassten.

Aber es ist unsere Heimat, dachte er. Und die Heimat verdient Respekt, egal, wie viele Fehler sie hat.

Leute wie Alonso María Cuchillo brachten Mexiko nichts als Verachtung entgegen.

Natürlich durfte Díaz sich auch nicht das Geringste von seiner Abneigung anmerken lassen, wenn er mit Cuchillo zusammentraf. Er war schließlich nur ein Angestellter in einem Buchladen, und der Drogenbaron nichts weiter als ein reicher Geschäftsmann mit einem Faible für Bücher.

Wenn er das hier verbockte, würde es viele Menschen das Leben kosten – auch ihn selbst.

Dann hatte er Cuchillos Anwesen erreicht. Ein Tor schwang langsam auf, und er fuhr bis vor die schlichte Haustür. Ein dunkelhäutiger, untersetzter Mann, der sich nicht viel Mühe gemacht hatte, seine Pistole zu verbergen, begrüßte ihn freundlich und bat ihn, sich neben einen Tisch im Foyer zu stellen. Ein zweiter Wächter tastete ihn ab. Behutsam, aber gründlich.

Dann wurde der Aktenkoffer durchsucht.

Angesichts der Tatsache, dass er jede Minute erschossen werden konnte, beobachtete Díaz das Ganze mit, wie er fand, erstaunlicher Gelassenheit.

Die Gelassenheit verflog, und sein Herz begann, wild zu pochen, als der Mann in den Koffer griff und ein ernstes Gesicht machte.

Lieber Gott …

Der Mann sah Díaz mit weit aufgerissenen Augen an. Dann grinste er. »Ist das das neue iPad?« Er zog es heraus und zeigte es dem anderen Leibwächter.

Díaz verschlug es beinahe den Atem. Er nickte und überlegte kurz, ob es Evans bei der Frage wohl das Trommelfell zerrissen hatte.

»4G?«

»Mit dem passenden Server.«

»Wie viele Gig?«

»Zweiunddreißig«, brachte Alejo Díaz hervor.

»Mein Sohn hat das auch. Seines ist schon fast voll. Lauter Musikvideos.« Der Mann legte das iPad wieder in den Koffer. Der Schiller blieb unentdeckt.

Díaz bemühte sich, seine Atmung wieder unter Kontrolle zu bringen. »Ich habe nicht viele Videos. Ich benutze meines hauptsächlich zum Arbeiten«, sagte er.

Ein paar Minuten später wurde er ins Wohnzimmer geführt. Man bot ihm etwas zu trinken an. Díaz lehnte ab. Als er allein war, setzte er sich hin und legte sich den Aktenkoffer auf die Knie. Er klappte ihn auf. Der offene Kofferdeckel war der ideale Schutz vor neugierigen Blicken oder Kameras, sollte es welche geben. Er befreite geschickt den Schiller aus seinem Versteck und schob sich das Buch in den Hosenbund. Ein flüchtiger Gedanke an den Sprengsatz nur fünf Zentimeter von seinem Penis entfernt. Er holte den Dickens heraus und klappte den Koffer wieder zu.

Einen Augenblick später fiel ein Schatten auf den Fußboden, und Díaz blickte auf. Auf leisen Sohlen kam Cuchillo auf ihn zu.

Das Messer. Der Schlächter Hunderter, wenn nicht Tausender von Menschen.

Der stämmige Mann trat lächelnd auf ihn zu. Er machte einen recht freundlichen, wenn auch etwas abwesenden Eindruck.

»Señor Abrossa«, sagte er. Den Decknamen hatte Davila genannt, als er gestern angerufen hatte. Díaz reichte Cuchillo die Visitenkarte, die sie gestern hatten drucken lassen. »Guten Tag. Erfreut, Sie kennenzulernen.«

»Und ich freue mich, einen so illustren Kunden von Señor Davila kennenzulernen.«

»Wie geht’s ihm denn? Ich hatte eigentlich mit ihm persönlich gerechnet.«

»Er lässt Sie grüßen. Er bereitet sich auf die Versteigerung der Bibeln aus dem 18. Jahrhundert vor.«

»Ach ja, stimmt. Eines der wenigen Bücher, die ich nicht sammle. Eigentlich eine Schande. Die Handlung soll ja ungemein fesselnd sein.«

Díaz lachte. »Die Charaktere auch.«

»Ah, der Dickens.«

Cuchillo nahm das Buch ehrfürchtig in die Hand, schälte es aus der Blisterfolie, begutachtete es und blätterte ein wenig darin herum. »Wie aufregend, wenn man weiß, dass Dickens dieses Buch selbst in der Hand gehalten hat.«

Cuchillo war völlig in den Anblick des Buches versunken, sein Blick verriet Bewunderung und Respekt. Von Begierde oder Habsucht keine Spur.

In der eingetretenen Stille sah Díaz sich um und stellte fest, dass dieses Haus ein Hort der Kunst war. Alles wirkte geschmackvoll und dezent. Das war nicht das Haus eines protzigen Drogenbarons. Er hatte solche Häuser schon gesehen. Maßlosigkeit, wohin man blickte – und überall schöne, spärlich bekleidete Frauen.

Auf einmal befiel Díaz ein unbehaglicher Gedanke. Hatten sie sich vielleicht doch geirrt? War dieser distinguierte, feinsinnige Mann doch nicht der Rohling, der er angeblich sein sollte? Hieb- und stichfeste Beweise, dass Cuchillo tatsächlich der Drogenbaron war, für den viele ihn hielten, hatte es nie gegeben. Nur weil jemand reich und willensstark war, musste er noch lange kein Verbrecher sein.

Aus welcher Quelle stammten die Berichte über seine Schurkereien? Und wie verlässlich war die eigentlich?

Er bemerkte, dass Cuchillo ihn neugierig ansah.

»Hören Sie, Señor Abrossa, sind Sie sicher, dass Sie der Buchhändler sind, der Sie angeblich sein sollen?«

Unter Aufbietung all seiner Willenskraft gelang es Díaz, weiterzulächeln und nur fragend eine Augenbraue hochzuziehen.

Cuchillo lachte auf. »Sie haben noch gar kein Geld verlangt.«

»Ach, manchmal vergesse ich über meiner Begeisterung für Bücher alles andere, auch dass ich eigentlich mit ihnen handle. Menschen, die sie zu schätzen wissen, würde ich sie am liebsten einfach schenken.«

»Das werde ich Ihrem Arbeitgeber lieber nicht sagen.« Cuchillo griff in seine Tasche und zog einen dicken Umschlag heraus. »Hier sind die 55 000 US-Dollar.« Díaz reichte ihm die Quittung auf Davilas Briefpapier und unterschrieb: V. Abrossa.

»Danke, …?«, sagte Cuchillo mit fragend hochgezogener Braue.

»Victor.« Díaz legte den Umschlag in den Aktenkoffer und klappte ihn zu. Er sah sich um. »Sie haben ein wunderschönes Zuhause. Die Häuser in dieser Gegend haben mir schon immer gefallen.«

»Danke. Möchten Sie es gerne sehen?«

»Ja, bitte. Und Ihre Sammlung auch, wenn das möglich wäre.«

»Aber natürlich.«

Und Cuchillo führte ihn durch das Haus, das wie das Wohnzimmer mit dezenter Eleganz eingerichtet war. Bilder von Kindern und Jugendlichen – seinen Nichten und Neffen, die in Mexico-City und Chihuahua lebten, wie er erklärte. Er schien stolz auf sie zu sein.

Wieder drängte sich Díaz die Frage auf, ob sie einem Irrtum aufgesessen waren.

»Und jetzt führe ich Sie in meine Bibliothek. Als Bücherfreund werden Sie hoffentlich beeindruckt sein.«

Sie gingen durch die Küche, wo Cuchillo stehen blieb und die Haushälterin fragte, wie es ihrer kranken Mutter gehe. Nickend und mit einer Miene aufrichtiger Anteilnahme hörte er sich ihre Antwort an und sagte schließlich, sie solle sich freinehmen, wann immer es nötig sei.  

Ein Irrtum …?

Sie verließen das Haus durch die Hintertür und gingen im Schatten der doppelten Ziegelmauer, Cuchillos Bollwerk gegen Kugeln von Heckenschützen, zur Bibliothek.

Díaz, obwohl kein erklärter Bücherfreund, war wirklich beeindruckt. Mehr als beeindruckt. Überwältigt.

Dass das Gebäude riesig war, wusste er ja bereits von den Fotos, die die Aufklärungsdrohnen gemacht hatten. Doch dass es von oben bis unten mit Büchern vollgestopft sein würde, hatte er nicht erwartet. Bücher, wohin man sah. Man hatte den Eindruck, als seien die Wände aus ihnen gemacht, wie aus reich verzierten Kacheln in den verschiedensten Größen und Farben und Strukturen.

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll, Señor.«

Sie spazierten durch den kühlen Saal, und Cuchillo plauderte über einige der Glanzlichter seiner Sammlung. »Meine Superstars«, sagte er und zeigte im Vorbeigehen auf mehrere Exemplare.

Der Hund von Baskerville von Conan Doyle, Die sieben Säulen der Weisheit von T. E. Lawrence, Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald, Die Geschichte von Peter Hase von Beatrix Potter, Am Abgrund des Lebens von Graham Greene, Der Malteser Falke von Dashiell Hammett, Nacht und Tag von Virginia Woolf, Der Hobbit von J. R. R. Tolkien, Schall und Wahn von William Faulkner, Ein Porträt des Künstlers als junger Mann von James Joyce, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit von Marcel Proust, Der Zauberer von Oz von Frank Baum, Harry Potter und der Stein der Weisen von J. K. Rowling, Die Brücke von Crane Hart, Der Fänger im Roggen von J. D. Salinger, Die neununddreißig Stufen von John Buchan, Mord auf dem Golfplatz von Agatha Christie, Casino Royale von Ian Fleming.

»Und natürlich auch Schriftsteller unseres Landes – die ganze Wand da drüben. Ich liebe alle Bücher, aber für uns in Mexiko ist es wichtig, die Stimme unseres eigenen Volkes zu hören.« Cuchillo ging zum Regal und zog verschiedene Bände heraus. »Salvador Novo, José Gorostiza, Xavier Villaurrutia und der unvergleichliche Octavio Paz. Den Sie natürlich gelesen haben.«

»Natürlich«, sagte Díaz und betete, dass Cuchillo ihn nicht nach dem Titel eines der Bücher von Paz fragte oder gar nach der Handlung oder dem Namen eines Protagonisten.

Ihm fiel ein Buch in die Augen, das in einer Vitrine neben dem dick gepolsterten Sessel ausgestellt war. James Joyce' Ulysses. Der Titel war ihm gestern Abend zufällig auf einer Webseite über Buchraritäten untergekommen. »Ist das die Originalausgabe aus dem Jahr 1922?«

»Ja, genau die.«

»Die ist um die 150 000 Dollar wert.«

Cuchillo lächelte. »Nein. Sie ist gar nichts wert.«

»Gar nichts?«

Mit weit ausholender Geste, die den ganzen Saal einbezog, sagte er: »Diese ganze Sammlung ist nichts wert.«

»Wie meinen Sie das, Señor?«

»Etwas hat nur dann einen Wert, wenn sein Besitzer bereit ist, es zu verkaufen. Ich würde niemals eines meiner Bücher verkaufen. Nicht ein einziges. So geht es den meisten Buchsammlern, mehr noch als Sammlern von Gemälden oder Autos oder Skulpturen.«

Cuchillo nahm Der Malteser Falke aus dem Regal. »Es überrascht Sie vielleicht, dass ich Krimis und Spionageromane in meiner Sammlung habe?«

»Unterhaltungsliteratur ist natürlich üblicherweise wertvoller als gehobene Literatur.« Díaz zitierte angelesenes Wissen und hoffte, dass er sich das richtig gemerkt hatte.

Offenbar, denn Cuchillo nickte. »Aber ich schätze sie nicht nur wegen ihres Sammlerwerts, sondern auch wegen des Inhalts.«

Das war interessant. »Auch das Verbrechen ist wahrscheinlich eine Art von Kunst«, meinte Díaz.

Der Sammler neigte den Kopf zur Seite und schien verwirrt. Díaz' Herz schlug schneller.

»Das meine ich nicht«, sagte Cuchillo dann. »Ich meine, dass die Autoren von Krimis und Unterhaltungsliteratur überhaupt oft die besseren Handwerker sind als die sogenannten Literaten. Und die Leser wissen das. Ihnen ist eine gut erzählte Story allemal lieber als hochgestochenes, manieriertes Schrifttum. Nehmen Sie zum Beispiel das Buch, das ich gerade gekauft habe, Der Raritätenladen. Der kam damals in wöchentlichen Fortsetzungen heraus, und in New York und Boston warteten die Leute am Hafen auf die Ankunft der nächsten Folge aus England. Schon von den Anlegestellen riefen sie den Seeleuten zu: ›»Sagt mal, was ist mit Little Nell? Ist sie gestorben?‹« Er warf einen Blick auf die Vitrine. »Ich glaube nicht, dass es viele Menschen gab, die das beim Ulysses getan haben. Was meinen Sie?«

»Ich glaub’s auch nicht, Señor«, sagte Díaz und runzelte gleich darauf die Stirn. »Aber wurde der Raritätenladen nicht in monatlichen Fortsetzungen veröffentlicht?«

Es dauerte einen Moment, dann lächelte Cuchillo. »Ja, Sie haben recht. Ich sammle keine Zeitschriften, deswegen bringe ich das immer durcheinander.«

War das ein Test oder ein verständlicher Lapsus?

Díaz war sich nicht sicher.

Er sah an Cuchillo vorbei und deutete auf ein anderes Regal. »Ist das ein Mark Twain?«

Als sein Kunde sich umdrehte, zog Díaz flink den präparierten Schiller aus dem Hosenbund und schob ihn in ein Regal direkt über der Vitrine mit dem Ulysses, die gleich neben Cuchillos bequemem Polstersessel stand.

Er senkte gerade wieder den Arm, als Cuchillo sich zu ihm umwandte. »Nein, das da nicht. Aber ich besitze mehrere. Haben Sie Huckleberry Finn gelesen?«

»Nein. Ich weiß nur, dass er ein Sammlerstück ist.«

»Manche halten ihn für den bedeutendsten amerikanischen Roman. Für mich ist er der vielleicht bedeutendste Roman der Neuen Welt. Auch wir können so manche Lektion daraus lernen.« Cuchillo schüttelte den Kopf. »Und wir müssen, weiß Gott, noch einiges lernen in unserem armen Land.«

Sie kehrten ins Wohnzimmer zurück, und Díaz kramte das iPad aus seinem Aktenkoffer. »Darf ich Ihnen noch ein paar Titel zeigen, die Señor Davila gerade hereingekriegt hat?«

Er stellte sich P. Z. Evans' Erleichterung vor, die Stimme seines mexikanischen Partners wieder zu hören. Al war also nicht aufgeflogen und bereits auf dem Weg in die unwirtliche Sonora-Wüste, um dort auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden.

Díaz öffnete Safari und ging auf die Homepage des Buchhändlers. »Also, da hätten wir –«

Doch in diesem Augenblick unterbrach ein jäher Knall sein einstudiertes Verkäufergesäusel. Cuchillo erschrak genauso wie er. Eine Kugel hatte eines der Fenster getroffen und war von der Panzerglasscheibe abgeprallt.

»Mein Gott! Was ist das?«, schrie Díaz.

»Raus aus dem Zimmer, weg vom Fenster! Sofort!« José, der Leibwächter, dirigierte sie mit einer Handbewegung zur Wohnzimmertür.

»Die sind doch kugelsicher«, protestierte Cuchillo.

»Aber sie könnten es mit Panzergranaten versuchen, wenn sie’s spitzkriegen! Laufen Sie, Señor!«

Alle stoben davon.

*

P. Z. Evans bekam nicht oft Gelegenheit, seine Pistole abzufeuern.

Er und Díaz hatten zwar im Vorfeld euphemistisch von einem »Unfall« gesprochen, dem Cuchillo zum Opfer fallen sollte, doch eigentlich beseitigte man Gegner lieber, in dem man einen natürlichen Tod inszenierte. Auch wenn die Polizei oft den Verdacht hatte, dass der Tod einen Terroristen oder einen Kriminellen nicht zufällig ereilt hatte, so konnte jemand, der sein Handwerk verstand, doch ein Szenario konstruieren, das so glaubwürdig wirkte, dass die Polizei weitere Ermittlungen nicht für notwendig erachtete. Treppensturz, Autounfall, Ertrinken im Pool.

Aber nichts machte ihm solchen Spaß, wie seine italienische Pistole mit dem langen Lauf hervorzuziehen und draufloszuballern.

Evans stand in knapp fünfzig Metern Entfernung von Cuchillos Festung auf einem Müllcontainer hinter einer Luxusapartmentanlage. Es gab nichts, worauf er die Waffe hätte stützen können, aber er war stark – Scharfschützen brauchen kräftige Muskeln – und traf mühelos das Fenster, auf das er es abgesehen hatte. Er konnte recht gut durch die Scheibe sehen und richtete den ersten Schuss auf eine Stelle, an der niemand stand – nur für den Fall, dass das Fenster doch nicht aus Panzerglas war. Doch die Kugeln krachten gegen die Scheibe, ohne den geringsten Schaden anzurichten. Er leerte ein Magazin, lud nach, sprang vom Müllcontainer und sprintete zum Wagen. In diesem Augenblick öffnete sich das Seitentor, und Cuchillos Wächter spähten heraus. Evans schoss auf die Mauer, um sie in Schach zu halten, und fuhr dann um den Block zur Rückseite der Festung.

Hier gab es keine Müllcontainer, also kletterte er auf das Wagendach und feuerte drei Schüsse auf Cuchillos Schlafzimmerfenster ab.

Dann sprang er vom Dach und setzte sich ans Steuer. Eine Sekunde später schoss er mit quietschenden Reifen davon.

Fenster zu, Klimaanlage voll aufdrehen. Wenn Autoklimaanlagen mit Schimmelsporen verseucht waren, musste er eben damit leben. Er schwitzte, als hätte er die letzte Stunde in der Sauna verbracht.

*

Als der Schütze das Weite gesucht hatte und wieder Ruhe – relative Ruhe – im Haus eingekehrt war, tat Cuchillo etwas, das Alejo Díaz unfassbar schien.

Er befahl seinem Sicherheitschef, die Polizei anzurufen.

Das war nicht unbedingt, was man von einem Drogenbaron erwartete. Man sollte annehmen, er würde jedes Aufsehen – und jede Tuchfühlung mit den Behörden – tunlichst vermeiden wollen.

Doch dem Polizeihauptmann und den vier Uniformierten der Polizei von Hermosillo trat ein missmutiger, wütender Bürger entgegen. »Wieder einmal bin ich das Ziel eines Anschlags geworden! Die Leute wollen einfach nicht einsehen, dass ich nur Geschäftsmann bin. Sie glauben, nur weil ich erfolgreich bin, muss ich auch kriminell sein. Und ein Krimineller hat nichts anderes verdient, als erschossen zu werden. Das ist ungerecht! Man ist fleißig, man übernimmt Verantwortung, man gibt seinem Land und seiner Stadt etwas zurück … und trotzdem glauben die Leute nur das Schlechteste von einem!«

Die Polizei sah sich kurz um, doch der Scharfschütze war natürlich längst über alle Berge. Und gesehen hatte auch niemand etwas – alle hatten getan, was der Sicherheitschef gesagt hatte, sie hatten sich ins Büro, ins Bad oder ins Schlafzimmer geflüchtet. Díaz sagte: »Ich habe leider nicht viel gesehen, eigentlich gar nichts. Ich habe mich einfach auf den Boden geworfen.« Er zuckte die Achseln. Als wäre ihm seine Feigheit ein ganz klein wenig peinlich.

Der Polizist nickte und schrieb alles auf. Er glaubte ihm nicht, aber er fühlte ihm auch nicht weiter auf den Zahn. In Mexiko war man es gewohnt, dass Zeugen »nicht viel gesehen haben, eigentlich gar nichts«.

Die Polizei verließ das Haus, und Cuchillo, nun nicht mehr wütend, sondern wieder fahrig, verabschiedete sich von Díaz.

»Mir steht jetzt nicht gerade der Kopf danach, mich mit Señor Davilas Büchern zu beschäftigen«, sagte er mit einer Kopfbewegung in Richtung iPad. Er würde sich die Seite später ansehen.

»Natürlich. Und danke, Señor.«

»Keine Ursache.«

Díaz ging. Er war jetzt in einem noch größeren Gewissenskonflikt als vorher.

Man ist fleißig, man übernimmt Verantwortung, man gibt seinem Land und seiner Stadt etwas zurück … und trotzdem glauben die Leute nur das Schlechteste von einem …

Mein Gott, war der Typ jetzt ein blutrünstiger Drogenbaron oder ein großzügiger Geschäftsmann?

Und egal, ob Cuchillo schuldig war oder nicht, Díaz erkannte, dass ihn sein Gewissen plagte, wenn er daran dachte, dass er gerade eine Bombe gelegt hatte, die einem Menschen in dem Moment das Leben nehmen würde, in dem er am schwächsten war - während er etwas tat, das ihm Freude bereitete und ihn auf andere Gedanken brachte. Während er las.

*

Eine Stunde später saß Cuchillo in seinem Arbeitszimmer. Die Jalousien vor den gepanzerten Scheiben waren geschlossen. Und trotz des Anschlags war er erleichtert.

Genauer gesagt, war er wegen des Anschlags erleichtert.

Er hatte gedacht, dass es bei den Gerüchten, den Fitzelchen an Information, die ihnen in den letzten Tagen zu Ohren gekommen waren, um irgendein geniales, heimtückisches Mordkomplott ging, um einen Plan, den er unmöglich durchkreuzen konnte. Und was war es in Wirklichkeit gewesen? Ein paar Schüsse, die an dem kugelsicheren Fensterglas abgeprallt waren. Der Attentäter war bestimmt schon über alle Berge.

Es klopfte, und José kam ins Zimmer. »Señor, ich glaube, wir haben einen wichtigen Hinweis zu dem Anschlag. Von Carmella aus Ruby’s Bar. Sie hat den größten Teil des gestrigen Abends mit einem Amerikaner verbracht, angeblich einem Geschäftsmann. Er hatte zu viel getrunken und ein paar Dinge gesagt, die ihr merkwürdig vorkamen. Sie hat dann von den Schüssen gehört und mich angerufen.«

»Carmella«, sagte Cuchillo und grinste. Sie war eine schöne, wenn auch ein wenig labile junge Frau, die noch eine Weile aus ihrem Aussehen Kapital schlagen konnte. Doch unerschöpflich war dieses Kapital nicht. Irgendwann würde es aufgebraucht sein. Bis dahin musste sie sich einen Ehemann geangelt haben.

Seinetwegen konnte sie sich damit ruhig noch Zeit lassen. Er hatte ein paar Mal mit ihr geschlafen. Sie war eine sehr, sehr talentierte junge Dame.

»Und was ist mit diesem Amerikaner?«

»Er hat sie über unser Viertel ausgefragt. Über die Häuser hier. Ob es irgendwelche Hotels in der Nähe gibt, obwohl er ihr vorher erzählt hat, dass er nicht weit von der Bar untergebracht ist.«

Hermosillo war nicht gerade ein Dorf. Die Stadt hatte durchaus einige Sehenswürdigkeiten zu bieten, doch Cuchillos Festung lag in einem unauffälligen Wohngebiet. Hier gab es nichts, was Geschäftsleute oder Touristen anlocken würde.

»Ein Hotel«, überlegte Cuchillo. »Als strategische Position für einen Scharfschützen?«

»Das habe ich mich auch gefragt. Ich habe mir die Kreditkartendaten aus der Bar besorgt und Nachforschungen angestellt. Ich warte noch auf weitere Informationen, aber eines steht schon mal fest: Es ist eine falsche Identität.«