Ans Messer geliefert - Jeffery Deaver - E-Book
Beschreibung

Alonso María Carillo, genannt Cuchillo, das Messer, ist der Chef eines mexikanischen Drogenkartells. Und obwohl er sonst nicht gerade zimperlich ist, hat er doch ein durchaus schöngeistiges Hobby: Er sammelt wertvolle alte Bücher. Bisher war der Mann nicht zu fassen. Aber so eine Schwäche fürs Bibliophile bietet natürlich Angriffspunkte ... In den Storys der Reihe "Bibliomysteries" geht es immer um Kriminalfälle, die im Zusammenhang mit Büchern stehen: mit alten Büchern, seltenen Manuskripten, unschätzbaren Stücken. Und natürlich geht es auch um diejenigen, die sie unbedingt haben wollen: Buchhändler, exzentrische Sammler, Bibliothekare, Buchliebhaber - oder einfach: Leser.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:64


Jeffery Deaver

Ans Messer geliefert

Aus dem Englischen von Silvia Visintini

Knaur e-books

Über dieses Buch

Alonso María Carillo, genannt Cuchillo, das Messer, ist der Chef eines mexikanischen Drogenkartells. Und obwohl er sonst nicht gerade zimperlich ist, hat er doch ein durchaus schöngeistiges Hobby: Er sammelt wertvolle alte Bücher. Bisher war der Mann nicht zu fassen. Aber so eine Schwäche fürs Bibliophile bietet natürlich Angriffspunkte …

Inhaltsübersicht

MITTWOCHDONNERSTAGFREITAG
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MITTWOCH

Am Abend zuvor hatten sie sich kennengelernt, und jetzt, am Vormittag des nächsten Tages, wurden sie allmählich warm miteinander. Sie wurden lockerer, fassten Vertrauen zueinander. Fassten beinahe Vertrauen zueinander.

Wie’s eben so geht, wenn man mit einem Fremden zusammengespannt wird, um einen Mordauftrag auszuführen.  

»Ist es hier immer so heiß?«, fragte P. Z. Evans und blinzelte gegen das schmerzhaft grelle Sonnenlicht an, dem selbst die starke Tönung seiner Ray-Bans nichts entgegenzusetzen hatte.

»Nein.«

 »Gott sei Dank.«

 »Normalerweise ist heißer«, antwortete Alejo Díaz mit seinem runden, sinnlichen Akzent.

»Du verarschst mich.«

Es war Mai und sechsunddreißig Grad warm. Sie saßen auf der Plaza Zaragoza in Hermosillo. Der malerische parkähnliche Platz wurde von den Statuen zweier Herren mit strenger Miene dominiert. Generälen, wie Evans sich hatte sagen lassen. Und einem Dom.

Und der Sonne … heiß wie brennendes Benzin.

Evans war von Washington, D. C. herübergeflogen. Er lebte in der Nähe der Hauptstadt. Wenn er nicht gerade unterwegs war. Bei seinem Abflug hatten in D. C. angenehme vierundzwanzig Grad geherrscht.

»Im Sommer kann warm werden«, räumte Díaz ein.

»Warm?«, wiederholte Evans sarkastisch.

»Andererseits … Warst du mal in Arizona?«

»Einmal. In Scottsdale. Zum Golfen.«

»Scottsdale ist im Norden. Paar hundert Kilometer von hier. Vergiss nicht, wir sind hier mitten in Wüste. Da muss heiß sein. Was glaubst du denn?«

»Ich hab nur sechs Runden gespielt«, sagte Evans.

»Was?«

»In Arizona. Sechs Runden. Mehr habe ich nicht geschafft … Ich dachte, ich falle tot um. Und wir haben um sieben Uhr morgens losgelegt. Spielst du Golf?«

»Ich? Spinnst du? Viel zu heiß hier.« Díaz lächelte.

Evans trank Cola aus einer Flasche, deren Hals er vorher auf das Gründlichste mit einem antibakteriellen Wischtuch bearbeitet hatte. Angeblich war Hermosillo, die Hauptstadt von Sonora, die einzige Stadt in Mexiko, in der das Wasser aufbereitet wurde. Also war das Eis, in dem die Flaschen gekühlt wurden, wahrscheinlich sauber.

Wahrscheinlich.

Er wischte den Hals und die Öffnung noch einmal ab. Ärgerte sich, dass er keine Miniflasche Jack Daniel’s zum Neutralisieren eingesteckt hatte. Die Wischtücher hinterließen einen ekelhaften Geschmack.

Díaz trank Kaffee mit drei, vier Stück Zucker. Heißen Kaffee, keinen eisgekühlten. Evans wollte das nicht in den Kopf. Als Starbucks-Junkie zu Hause und ausgemachter Kaffeetrinker in sämtlichen Dritte-Welt-Ländern, die er je bereist hatte (von abgekochtem Wasser bekam man schließlich keinen Durchfall), hatte er das Gebräu seit seiner Ankunft in Hermosillo noch nicht angerührt. Und hätte auch den Rest seines Lebens gut auf heiße Getränke verzichten können. Schweiß kitzelte ihn in den Achselhöhlen, an den Schläfen und zwischen den Beinen. Er hatte sogar das Gefühl, an den Ohren zu schwitzen.

Díaz und Evans blickten sich um. Jugendliche überquerten den Platz auf dem Weg zur Schule, Büroangestellte schlenderten die Wege entlang zu ihren Büros und Besprechungen. Für Einkaufsbummler war es noch zu früh, aber vereinzelt waren schon Mütter mit ihren Kinderwagen unterwegs. Die Männer, die nicht in Anzügen steckten, kamen in Jeans und bestickten Hemden daher. In Sonora huldigte mann der Cowboy-Kultur, auch das hatte Evans sich sagen lassen. Pick-ups waren allgegenwärtig und genauso zahlreich wie alte amerikanische Personenwagen.

Die beiden Männer ähnelten sich vage. Zwischen dreißig und vierzig, stämmig, athletisch, mit rundem Gesicht – das von Díaz pockennarbig. Was aber der Attraktivität seiner zerfurchten Züge, die ihn als Nachfahren von Pima-Indianern auswiesen, keinen Abbruch tat. Beide hatten dunkles Haar. Evans' Gesicht war glatter, heller natürlich, und ein wenig asymmetrisch, die Augen leicht schief. Trotzdem wirkte es anziehend, in seinem Fall vielleicht eher auf risikofreudige Frauen.

Sie hatten Jeans und Laufschuhe an. Ihre kurzärmeligen Hemden trugen sie über den Jeans. Auf diese Art wären ihre Waffen verborgen geblieben, die sie heute jedoch ohnehin nicht dabeihatten.  

Bis jetzt hätte niemand Grund gehabt, ihnen übelzuwollen.

Das würde sich ändern.

Ein paar Touristen schlenderten vorüber. Hermosillo war eine Durchgangsstation für Reisende, die aus den USA an die Westküste von Sonora wollten. Viele waren mit dem Auto unterwegs, viele mit dem Bus.

Busse … …

Evans senkte die Stimme, obwohl niemand in der Nähe war. »Hast du heute Morgen mit deinem Kontaktmann gesprochen, Al?«

Bei ihrer ersten Begegnung hatte Evans einen Versuchsballon steigen lassen und den Namen des mexikanischen Agenten abgekürzt – um zu sehen, wie er reagieren würde: beleidigt, abweisend, feindselig? Doch der hatte gelacht und den Song von Paul Simon zitiert: »You can call me Al.« Díaz hatte gezeigt, dass er Spaß verstand, und damit spontan Evans' Sympathie gewonnen. Der Humor hatte auch eine Vertrauensbasis geschaffen. Viele Leute, die verdeckt arbeiten, glauben, ständig »Scheiße« zu sagen und Witze über Frauen zu machen, schafft Vertrauen. Falsch. Humor schafft Vertrauen.

»Sí. Und was er sagt … Ich glaube, unsere Arbeit … sie wird nicht leicht.« Er nahm den Deckel von seinem Becher und blies hinein, um den Kaffee abzukühlen. Evans fand das zum Totlachen. »Ist gut geschützt. Sehr gut. Sein Leibwächter, José, ist guter Mann. Immer bei ihm. Und man sagt, sie wissen, dass was passiert.«

»Was?« Evans verzog das Gesicht. »Eine undichte Stelle?«

Das wiederum fand Díaz komisch. »Ach, gibt immer undichte Stelle. In Mexiko, jedes Ei hat Knacks. Bestimmt sie wissen nicht Bescheid über uns, aber er hat gehört, jemand ist gekommen, um ihn zu töten. Oh, sí, er hat gehört.«

Der »Er«, von dem die Rede war, hieß Alonso María Carillo, war jedoch besser bekannt als Cuchillo. Das Messer. Woher der Spitzname kam, darüber gingen die Meinungen auseinander. Aber höchstwahrscheinlich nicht davon, dass er sich mit dieser Waffe seiner Rivalen entledigte – er war nie eines Gewaltdelikts beschuldigt worden … überhaupt war er nie irgendeines Delikts beschuldigt worden. Viel wahrscheinlicher war, dass er diesen Namen seinen Geistesgaben zu verdanken hatte. Er besaß einen messerscharfen Verstand. Er war vermutlich der Kopf eines der Kartelle in Sonora, dem mexikanischen Bundesstaat, der, gemeinsam mit dem Nachbarstaat Sinaloa, als die Heimat der gefährlichsten Drogenbanden galt. Das Hermosillo-Kartell war zwar klein, doch eines der tödlichsten. Mindestens tausend Tote gingen auf sein Konto … und die Produktion vieler Tonnen Drogen – nicht nur Kokain, sondern auch das tückische Meth, mit dem aktuell im Drogenhandel die größten Profite erzielt wurden.

Aber Cuchillo war so ausgefuchst, dass er nie strafrechtlich belangt wurde. Das Kartell wurde von anderen geführt, die jedoch – da war die Bundespolizei sich sicher – nur Strohmänner waren. In den Augen der Öffentlichkeit war Cuchillo ein innovativer Unternehmer und Philanthrop. Absolvent der Universität von Kalifornien in Los Angeles, mit einem Abschluss in Wirtschaft und einem in englischer Literatur. Sein Vermögen hatte er allem Anschein nach mit legalen Firmen gemacht, die bekannt waren für die gute Behandlung der Mitarbeiter und den verantwortungsbewussten Umgang mit Umwelt und Finanzen.

Mit rechtsstaatlichen Mitteln war Carillo also nicht beizukommen. Deshalb die gemeinsame Operation von Alejo Díaz und P. Z. Evans – eine Operation, die übrigens nicht existierte, sollte das Thema je in Washington, D.  C. oder Mexico-City zur Sprache kommen.

»Er vermutet also, dass es jemand auf ihn abgesehen hat«, sagte Evans. »Das heißt, wir müssen uns was einfallen lassen. Ein Ablenkungsmanöver. Seine Aufmerksamkeit in diese Richtung lenken, damit er nicht dahinterkommt, was wir wirklich vorhaben.«