Apfelkuchen am Meer (Neuauflage) - Anne Barns - E-Book

Apfelkuchen am Meer (Neuauflage) E-Book

Anne Barns

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8,99 €

Beschreibung

Kuchenduft und die Sehnsucht nach Meer Der süße Duft des warmen Kuchens, der sich mit dem salzigen des Meeres vermischt, das ist für Merle das Aroma der Ferien ihrer Kindheit – das Aroma der Apfelrosentorte. Seit Generationen wird das geheime Rezept in Merles Familie weitergereicht. Als eine Freundin ihr erzählt, dass sie genau diese Torte in einem Café auf Juist gegessen hat, macht Merle sich spontan auf die Suche nach der Bäckerin. Unweigerlich führt ihr Weg sie zurück auf die Insel, wo noch mehr Geheimnisse verborgen liegen als nur ein Familienrezept.

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Seitenzahl: 426

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Zum Buch:

Das Töwerland – Merle fühlte sich wirklich jedes Mal wie im Zauberland, wenn sie auf der Nordseeinsel Juist war. Als Kind hatte sie oft die Ferien hier bei ihrer Oma Enna verbracht. Sand zwischen den Zehen, der Duft des Meeres, der glänzende Bernstein und vor allem der Geschmack der Apfelrosentorte, nach einem streng gehüteten uralten Familienrezept gebacken. Doch jetzt erfährt Merle, dass noch jemand das Rezept zu kennen scheint, der nicht zur Familie gehört. Sie muss auf die Insel zurück, um herauszufinden, ob die Töwerlandtorte wirklich so geheim ist, wie sie immer geglaubt hatte, oder ob nicht noch viel größere Geheimnisse auf der Insel verborgen liegen.

Zur Autorin:

Anne Barns ist ein Pseudonym der Autorin Andrea Russo. Sie hat vor einigen Jahren ihren Beruf als Lehrerin aufgegeben, um sich ganz auf ihre Bücher konzentrieren zu können. Sie liebt Lesen, Kuchen und das Meer. Zum Schreiben zieht sie sich am liebsten auf eine Insel zurück, wenn möglich in die Nähe einer guten Bäckerei.

Lieferbare Titel:

Drei Schwestern am Meer Honigduft und Meeresbrise Spätsommerfreundinnen

HarperCollins®

Copyright © 2017 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH, Hamburg Originalausgabe Copyright © 2017 by Anne Barns Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie, Zürich Coverabbildung: Boonchuay1970, Kollibri / Shutterstock E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN E-Book 9783749950966

www.harpercollins.de

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Widmung

Für meine wundervolle Tochter, mit der ich zauberhafte Tage auf Juist verbracht habe.

Einleitung

New Haven, 1982

Liebste Freundin,

du weißt, wie sehr ich die Insel geliebt habe. Besonders in der letzten Zeit denke ich oft an die schönen Tage zurück, die wir damals dort gemeinsam verbracht haben. Dann fühle ich die warmen Backsteine, über die wir barfuß gerannt sind, wenn wir Kinder mal wieder die Zeit vergessen hatten und uns sputen mussten, um rechtzeitig zum Mittagessen zu Hause zu sein. Die Ritzen zwischen den Steinen steckten voller Sand. Er war überall. Manchmal kam mir die Insel vor wie ein einziger großer Sandhaufen. Ein Sandhaufen, über dem ein Zauber lag. Mein Glück war perfekt, wenn ich schon aus der Ferne erahnen konnte, dass meine Mutter einen Apfelkuchen in den Ofen geschoben hatte. Der süße Duft strömte durch die weit geöffneten Fenster und vermischte sich mit dem salzigen des Meeres, das hinter uns lag. Ich weiß nicht, wie oft ich den Kuchen schon nachgebacken habe, aber er hat nie wieder so geschmeckt wie damals. Fast kommt es mir so vor, als würde eine wichtige Zutat fehlen. Ob es die Äpfel sind, die meine Mutter direkt vom Baum hinter dem Haus pflückte? War die Butter eine andere? Das frisch gemahlene Mehl? Oder ist es der abhandengekommene Geschmack der Kindheit, an die ich nach all den Jahren wieder schöne Erinnerungen habe? Das verdanke ich allein dir. Die Insel und du, ihr wart eins. Es ist ein wunderschönes Gefühl, dich noch immer dort zu wissen. Weißt du noch, wie herrlich die frisch zubereitete Apfelbutter geschmeckt hat, wenn wir sie noch warm auf einer Scheibe Stuten gegessen haben? Du mochtest sie am liebsten, wenn die Masse schon fast einen Ticken zu lang vor sich hin geschmort hatte und anfing zu karamellisieren.

Ich werde jetzt zum Supermarkt fahren und Äpfel kaufen. Wenn ich Glück habe, finde ich eine Sorte, die nicht allzu wässrig schmeckt. Und dann werde ich den Kochlöffel schwingen, um den Duft meiner Kindheit in mein Haus zu zaubern …

Deine liebste Freundin Marie

1. Kapitel

„Bin da!“ Ich halte die Nase in die Luft und schnuppere. Der unverkennbare Duft von Plätzchen zieht durch das Haus. Mein Vater hat sich seine eigene kleine Backstube im Dachgeschoss eingerichtet, wo er jeden Tag ungestört werkeln kann. Wahrscheinlich Spritzgebäck, denke ich, ziehe meine Schuhe aus und gehe den Flur entlang in die Küche.

Meine Mutter steht vor dem Herd. Sie öffnet den Deckel eines Topfes und schüttet eine Packung Fadennudeln hinein.

„Mama …“, sage ich leise, damit sie nicht erschrickt.

Sie dreht sich um. „Merle, da bist du ja.“ Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. „Es gibt Gemüsesuppe, mit frischen Zutaten aus dem Garten. In zehn Minuten können wir essen.“

„Lecker, ich habe einen Bärenhunger!“ Ich gehe zu ihr, um sie zu drücken. Dabei fällt mir wieder einmal auf, wie dünn sie geworden ist. Seit Papas Bäckerei bankrottgegangen ist, hat sie etliche Kilo abgenommen. Der Stress der letzten Jahre ist ihr an die Substanz gegangen. Ich zeige nach oben. „Plätzchen?“

„Ja! Ich weiß schon gar nicht mehr, wohin mit dem ganzen Zeug – mitten im Sommer! In die Schule nehme ich nichts mehr mit. Meine Kollegen sehen es mittlerweile als Selbstverständlichkeit an. Letzens hat einer der Lehrer mich quer über den Konferenztisch gefragt: Wie? Heute keine Sommerplätzchen? Wie wäre es mal mit Florentinern? Er kam sich unheimlich komisch vor.“

Meine Mutter arbeitet als Erzieherin in der Ganztagsbetreuung einer Schule. Sie liebt ihren Beruf. Wenn sie mal schimpft, dann über die Lehrer, nie über die Kinder.

„Ich nehme welche mit zur Uni. Am Montag ist nach der Klausur gemütliches Beisammensitzen und Kaffeetrinken angesagt.“

„Mach das.“ Sie seufzt. „Er steht schon den ganzen Tag am Backofen.“

„So schlimm?“

„Na ja, wie man’s nimmt. Immer noch besser, als hier unten mit Grabesmiene rumzusitzen und sich selbst zu bemitleiden. Er hat heute erfahren, dass eine große Bäckereikette seinen Laden übernehmen wird.“

„Ist vielleicht das Beste. Die können sich die hohen Mieten wenigstens leisten.“

„Stimmt. Und den meisten Kunden ist es sowieso egal, ob die Brötchen mit der Hand geformt werden oder vom Band kommen.“

„Ja, leider.“

Der Standort unserer Bäckerei am Rande der stadtnahen Au hier in München war gut, wir hatten viele Stammkunden. Mein Vater kam auf die Idee zu expandieren. Er eröffnete ein weiteres Geschäft. Und dann kam eins zum anderen. Er verhob sich und erlitt einen Bandscheibenvorfall. Die viel zu hohe Miete für den neuen Laden fraß alle Einnahmen auf. Dazu kam der Kredit für die neue Einrichtung. Das alles hat letztendlich dazu geführt, dass er beide Läden verloren hat.

Seit einem halben Jahr ist er zu Hause. Mit knapp sechzig findet man nicht so leicht einen Job. Ich glaube auch nicht, dass mein Vater noch mal als Angestellter arbeiten könnte. Dafür war er zu lange selbstständig. Zum Glück haben meine Eltern recht gut vorgesorgt. Das Haus ist fast abgezahlt, und meine Mutter hat ihre Halbtagsstelle auf eine Dreiviertelstelle erweitern können. Finanziell geht es ihnen also recht gut.

„Wie kommst du mit deiner Prüfungsvorbereitung klar? Hast du ordentlich was geschafft?“, fragt meine Mutter.

„Ja, das passt schon. Am Wochenende werde ich noch mal alles wiederholen, dann dürfte eigentlich nichts schiefgehen.“ Dass ich nach meiner Ausbildung zur Konditorin studieren würde, hätte ich nie für möglich gehalten. Für mich stand immer fest, dass ich mal die Bäckerei meines Vaters übernehmen werde. Als er mit seinen Expansionsplänen um die Ecke kam, beschloss ich, mir das nötige Fachwissen durch ein BWL-Studium an der Fachhochschule anzueignen. Am Montag schreibe ich meine letzte Klausur. Dann fehlt nur noch die Abschlussarbeit, und ich habe meinen Bachelor in der Tasche. Da die Bäckerei meines Vaters nicht mehr existiert, brauche ich nun einen Plan B. Aber momentan habe ich noch keine Ahnung, wie der aussehen soll. Allerdings weiß ich seit einer guten Stunde, was ich in den nächsten sechs Wochen machen werde.

„Ich habe übrigens heute die Zusage für einen Ferienjob in einem Café bekommen“, erzähle ich.

„Das ist ja schön. Wo denn? Hier in München?“

„Nein, auf Juist“, erwidere ich gut gelaunt. „Da staunst du, was?“

Meine Mutter fährt sich durch ihr kurzes braunes Haar. Seit ein paar Monaten tönt sie es nicht mehr, sodass viele feine graue Strähnen sichtbar werden. Aber ich finde, sie sieht immer noch sehr jung aus. Ihre dreiundfünfzig Jahre merkt man ihr nicht an. Sie geht zum Tisch und lässt sich dort auf einen Stuhl sinken.

„Mama, ist alles in Ordnung?“

„Ja, ich war nur … etwas überrascht.“ Sie lächelt. Aber ich kenne sie gut genug, um ihr anzusehen, dass es nicht echt ist. Sie wirkt angespannt.

Ich setze mich zu ihr. „Was ist denn los? Du siehst ganz blass aus. Wenn du dir Sorgen deswegen machst, bleibe ich hier. Ich finde bestimmt auch etwas anderes.“

Meine Mutter schüttelt den Kopf. „Das ist es nicht. Mir ist nur gerade eingefallen, dass heute Undines Geburtstag ist. Bisher habe ich ihn noch nie vergessen. Sie wäre heute siebenundfünfzig geworden.“

„Hast du doch heute auch nicht. Eben hast du dich daran erinnert.“ Undine war die große Schwester meiner Mutter. Sie kam gemeinsam mit dem Vater bei einem Badeunglück ums Leben. Damals war meine Mutter vierzehn. Es ist jetzt also vierzig Jahre her.

„Ich habe keine Torte gebacken.“

„Das können wir doch gleich noch machen.“

Meine Mutter backt, seit ich denken kann, an jedem unserer Geburtstage eine Apfelrosentorte nach einem alten Familienrezept. Sie gibt einen Mürbeteig in die Form und bestreicht ihn dick mit hausgemachter Apfelbutter, bevor sie ihn mit einer leckeren Quarkcreme füllt. Vor dem Backen legt sie, dicht nebeneinander, eine Apfelrose nach der anderen auf die Füllung. Aber zwei Stellen irgendwo mittendrin lässt sie frei. An jeder Geburtstagsfeier wird dadurch an die geliebten Verstorbenen erinnert. Es war Undines Lieblingskuchen. Deswegen hat meine Mutter ihn immer auch an ihrem Geburtstag gebacken.

„Nein, vielleicht ist es gut so.“ Sie strafft ihre Schultern und steht auf. „Ich muss die Suppe noch nachwürzen. Dein Vater kommt gleich runter. Ich habe ihm gesagt, dass wir pünktlich um halb zwei essen.“

Damit hat sie geschickt vom Thema abgelenkt. Ich schaue zu, wie sie zum Herd geht, eine Vorratsdose aus dem Schrank holt und eine ordentliche Portion Salz daraus in den Topf schüttet. Und kurz darauf noch eine.

Wenn das mal nicht zu viel war, denke ich. Sie wirkt auf einmal wie ein Gespenst. Meine Mutter spricht sehr selten über das, was damals passiert ist. Und wenn, wirkt sie normalerweise sehr gefasst.

So mitgenommen habe ich sie noch nie erlebt. Ob da vielleicht doch mehr dahintersteckt?

„Es tut mir leid, Mama. Ich wollte dich nicht aufwühlen.“ Ich stehe auf und stelle mich direkt neben sie. „Du sagst mir doch ehrlich, wenn du nicht möchtest, dass ich den Job annehme, ja? Hast du Angst um mich, wenn ich nach Juist fahre?“

Ich bin zwar eine sehr gute Schwimmerin, da ich schon von klein auf in einem Schwimmverein angemeldet war, aber vor Wasser in Verbindung mit Wellen hat meine Mutter mich immer gewarnt. Sie hat mir nie verboten, im Meer baden zu gehen. Aber sie hat immer sehr gut auf mich aufgepasst.

Sie schüttelt den Kopf. „Ach, ich weiß auch nicht, was heute mit mir los ist. Es ist jetzt so lange her … Ich habe fast vergessen, dass es überhaupt passiert ist. Das ist wohl der Lauf der Dinge. Und das ist auch gut so. Ab und an denke ich daran. Meistens, wenn ich mit Oma Enna telefoniere, besonders, seitdem sie wieder auf Juist lebt. Aber bestimmte Ereignisse holen einen eben doch immer mal wieder ein.“

„Das wollte ich nicht.“

„Ach, Quatsch. Alles gut.“

Das ist es nicht. Ich erkenne meine Mutter kaum wieder. Sie wirkt unruhig, fast fahrig.

„Hm“, mache ich.

„Ich war nur mit meinen Gedanken gerade ganz woanders. Es hat mich einfach überrascht“, erklärt meine Mutter. „Weiß Oma Enna es schon?“

„Nein. Ich wollte erst mit dir sprechen. Meinst du, sie wäre sehr sauer, wenn ich nicht bei ihr wohne, während ich dort arbeite? Ich habe ein Zimmer in der Pension angeboten bekommen, die zum Café gehört. Dort übernachten noch andere Saisonkräfte etwa in meinem Alter. Das ist bestimmt lustiger.“

„Ich glaube nicht, dass sie deswegen sauer sein wird. Davon mal ganz abgesehen, würdest du auf der Couch im Wohnzimmer schlafen müssen. Die beiden Ferienwohnungen hat Oma vermietet. Es ist Hochsaison auf Juist. Und ich habe auch wirklich keine Probleme damit, dass du dort arbeiten wirst. Ich weiß ja, dass du immer gut auf dich aufpasst.“

„Das mach ich. Ganz sicher. Versprochen!“

„Stell dich auf einen harten Job ein. Die Insel ist um diese Jahreszeit ausgebucht.“

„Ich weiß. Hoffentlich sind die Gäste in Spendierlaune. Neun Euro die Stunde ist nicht gerade viel, aber mit Trinkgeld soll man angeblich bis auf fünfzehn kommen.“

„Und die Unterkunft ist frei?“

Ich nicke.

„Das klingt gut.“ Meine Mutter hat sich wieder gefangen. „Und jetzt lass uns zusehen, dass das Essen auf den Tisch kommt.“

„Soll ich dir was helfen?“, frage ich.

„Du kannst die Nudeln abschütten.“

„Okay.“

Genau in dem Moment, als ich die Schüssel mit den Nudeln auf den Tisch stelle, geht die Tür auf.

„Es riecht nach Mittagessen.“ Mein Vater kommt mit einem großen Plastikeimer in die Küche. Er trägt seine grau-weiß karierte Hose und darüber seine weiße Bäckerjacke. Sie spannt etwas über dem Bauch. Er hat bestimmt sechs bis sieben Kilo zugenommen seit der Schließung der beiden Läden. Und er war vorher schon nicht gerade schlank. Gut ist das nicht. Er hat Bluthochdruck, und sein Herz macht ihm zu schaffen. Er müsste abnehmen und jeden Tag an der frischen Luft spazieren gehen, anstatt den ganzen Tag in der Backstube zu verbringen. „Ich habe dich gar nicht kommen hören. Hallo, mein Schatz.“

„Hallo, Papa.“

Er hält mir den Eimer unter die Nase.

„Vanillekipferl, lecker!“

„Ich habe mit Spritzgebäck angefangen, aber dann ging mir der blöde Vorsatz für den Fleischwolf an der Küchenmaschine kaputt. Momentan ist wirklich der Wurm drin. Das eine zieht das andere nach. Letzte Woche hat mein Mixer den Geist aufgegeben. Na ja, wofür hat man Hände?“ Er hält mir ein Kipferl hin. „Probier mal, die sind gar nicht schlecht – dafür, dass sie in einem stinknormalen Ofen gebacken wurden.“

„Nichts da!“, ruft meine Mutter. „Erst mal wird zu Mittag gegessen.“

„Zum Espresso danach“, schlage ich vor. „Das sind ganz schön viele. Meinst du, ich könnte ein paar mit zur Uni nehmen?“

„Der Eimer ist für dich“, sagt mein Vater stolz. „Oben steht noch einer.“

„Danke, Papa. Vanillekipferl im Sommer. Damit bin ich am Montag der Renner.“ Ich drücke ihm einen Kuss auf die Wange. „Du könntest dich mal wieder rasieren. Du bist ganz schön kratzig.“

„Ja, ja. Hat deine Mutter dich auf mich angesetzt?“

Ich sehe, dass sie mit den Augen rollt, und muss schmunzeln.

„Nein, wie kommst du denn darauf?“

„Ach, ich kenne euch doch.“ Er lächelt, als er das sagt. Das habe ich viel zu selten gesehen in der letzten Zeit. Seine Wangen sind leicht gerötet, seine Stirn und die Halbglatze, über die er immer ein paar dünne Haarsträhnen legt, glänzen. Unter seinen Fingernägeln kleben Mehlreste. Er sieht aus wie ein Bäcker aus dem Bilderbuch.

„Du bist ganz verschwitzt“, stelle ich fest.

„Es ist verdammt warm da oben. Eigentlich müsste ich eine Klimaanlage installieren. Die Hitze steht ja geradezu unter dem Dach.“

„Das kann ich mir vorstellen.“

Es ist extrem heiß draußen. Wir haben Mitte Juli, und das Thermometer ist die letzten Tage ständig über dreißig Grad geklettert. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie meine Mutter zwei Tassen Wasser in den Topf schüttet. Die Suppe ist also tatsächlich versalzen. Sie schüttelt verärgert den Kopf und schmeckt noch einmal ab.

„Egal“, sagt mein Vater. „Ist ja immerhin Sommer, da darf es auch mal heiß sein. Ich bin ja froh, dass ich da oben in Ruhe backen kann.“ Er zeigt auf den Eimer. „Sie sind noch lauwarm.“

Ich schiebe mir schnell einen Kipferl in den Mund, bevor meine Mutter an den Tisch kommt, und lasse die süße Plätzchenmasse auf meiner Zunge zergehen. Mein Vater beobachtet mich. Seinem gespannten Gesichtsausdruck kann ich entnehmen, dass er irgendeine besondere Zutat in den Teig gemischt hat, die ich herausschmecken soll. Ein kleiner Wettkampf zwischen uns. Schon früh in meiner Kindheit hat mein Vater dadurch meinen Geschmackssinn geschult. Ich war noch nicht in der Schule, da konnte ich Gewürze wie Vanille, Zimt, Nelke, Kardamom und … Anis aus Gebäckstücken herausschmecken.

„Ein Hauch Anis“, flüstere ich.

Mein Vater schüttelt den Kopf und beugt sich etwas zu mir rüber. „Fenchelsamen.“

„Das ist gemein. Das Aroma ist fast gleich.“

Er schmunzelt. „Nahezu identisch.“

Meine Mutter stellt den Topf mit der Suppe auf den Untersetzer. „Was ist los?“, fragt sie und sieht uns nacheinander an.

„Nichts“, flunkere ich.

„Aha“, sagt sie. „Du hast allerdings Puderzucker im Mundwinkel kleben.“

„Echt?“ Ich lecke mit der Zunge den süßen Staub weg und wende mich an meinen Vater. „Erwischt.“

„Deine Mutter kann man so schnell nicht austricksen“, sagt er.

Es macht mir Spaß, ihn aufzumuntern. Ich weiß, wie sehr ihm seine Bäckerei fehlt. Er war immer sehr stolz darauf, sein eigener Chef zu sein, und er freute sich darüber, dass ich in seine Fußstapfen getreten war, um später den Laden übernehmen zu können. Letztendlich sind es die Selbstvorwürfe, die ihn zermürben. Er kann sich nicht verzeihen, dass er sich so verkalkuliert hat.

„Mama hat früher auch immer sofort bemerkt, wenn ich irgendetwas ausgefressen hatte“, sage ich. „Sie behauptete immer, sie könnte es mir an der Nasenspitze ansehen.“

„Das liegt an meinem Beruf. Außerdem ist es heute noch so. Da hast du was mit Papa gemeinsam.“ Meine Mutter gibt lächelnd eine Kelle Suppe in den Teller meines Vaters. „Nicht nur, wenn du etwas angestellt hast. Deine Gefühle stehen dir generell ins Gesicht geschrieben.“

Nicht nur mir, denke ich. Das hat meine Mutter heute eindeutig bewiesen.

„Musst du gleich wieder los, oder hast du Lust, mir noch in der Backstube zu helfen?“, fragt mein Vater mich. „Oben warten haufenweise frische Himbeeren aus dem Garten. Ich wollte irgendwas Frisches, vielleicht mit Minze, versuchen.“

„Himbeer-Minz-Torte? Klingt lecker. Ich bin dabei!“ Und ich habe auch noch eine andere Idee. Ich schiele zum Obstkorb, in dem ich einige rotwangige Äpfel entdecke. Und es stehen bestimmt noch ein paar Gläser Apfelbutter im Vorratsschrank.

Mein Vater strahlt. „Schön.“

„Merle wird übrigens in den Semesterferien für ein paar Wochen auf Juist arbeiten“, sagt meine Mutter in diesem Moment. „Als Bedienung in einem Café.“

„Ach was.“ Mein Vater zieht eine Augenbraue hoch. „Was sagt denn Oma Enna dazu? Weiß sie es schon?“

„Nein, ich möchte sie überraschen“, antworte ich spontan.

„Sie freut sich bestimmt, wenn du kommst“, sagt meine Mutter. „Warte mal ab.“

„Na, da bin ich ja mal gespannt.“

„Apropos kommen …“, wirft mein Vater ein. „Was ist mit Sonntag? Wir haben überlegt zu grillen. Willst du nicht deinen Freund fragen, ob er ein großes T-Bone-Steak mit mir essen möchte?“

„War das eine offizielle Einladung?“, frage ich. „Frederik sagt bestimmt nicht Nein. Er liebt Fleisch, das weißt du doch.“

„Ein echter Kerl eben.“ Mein Vater grinst. „Dann fahre ich morgen in die Metro.“

Meine Mutter sieht ihn streng an. „Aber nicht wieder an der Backzutatenabteilung stehen bleiben. Bring stattdessen eine gute Flasche Sekt mit, damit wir auf Merles Ferienjob anstoßen können.“ Sie wirkt wieder ganz ruhig, als sie zu mir sagt: „Ich freue mich für dich. Du wirst dort bestimmt eine gute Zeit haben. Wann geht es denn los?“

„Nächsten Freitag“, antworte ich. „Sonntag habe ich schon meinen ersten Arbeitstag. Den Samstag für mich – und Oma.“

Ich habe Oma Enna vor einem halben Jahr das letzte Mal gesehen. Es war ein trauriger Anlass. Opa Friedrich, Omas Mann, wurde beigesetzt. Ich bin dafür mit meiner Mutter nach New York geflogen, wo Oma Enna und Opa Friedrich gemeinsam gelebt hatten. Vor einem Monat ist Oma nach Juist zurückgezogen. Bisher habe ich es nicht geschafft, sie dort zu besuchen, da ich mit meinen Prüfungen beschäftigt war. Die Strecke von München bis nach Norddeich fährt man nicht mal eben so. Mit dem Auto ist man gut neun Stunden unterwegs. Dazu kommt noch das Übersetzen mit der Fähre.

Aber jetzt ist es endlich so weit, nächsten Freitag geht es schon los … Sechs Wochen Juist, ich finde, das hört sich verlockend an, auch wenn ich dort zum Arbeiten hinfahre und nicht, um Urlaub zu machen. Meine Mutter hat recht. Ganz sicher werde ich dort eine gute Zeit haben. Jetzt muss ich die Sache nur noch Frederik beibringen. Er wird nicht gerade begeistert sein, wenn er erfährt, dass ich bald etwa tausend Kilometer von ihm weg bin.

2. Kapitel

„Frederik?“

Mein Freund ist so konzentriert auf sein Spiel, dass er mich nicht hat kommen hören. Er sitzt in meinem Arbeitszimmer vor dem PC-Bildschirm, auf dem kleine dicke Krieger auf rosa Schweinen reitend eine Festung angreifen.

„Hallo …“, sage ich leise.

„Clan War!“

„Okay.“

Es hat wenig Sinn, Frederik jetzt zu stören. Er kann komplett in die virtuelle Welt abtauchen und bekommt um sich herum dann nichts mit. Ich gehe also in die Küche. Dort mache ich die Kaffeemaschine an und packe einige Kipferl aus dem Eimer in eine Schale. Weihnachten im Sommer, denke ich und muss lächeln. Auch, weil mir einfällt, wie sehr meine Mutter sich über die Apfelrosentorte gefreut hat, mit der wir sie überrascht haben. So wurde es doch noch ein schöner Nachmittag für sie.

Als ich mich umdrehe, steht Frederik im Türrahmen.

„Deinem verklärten Gesichtsausdruck nach zu urteilen, scheinst du ja einen schönen Tag gehabt zu haben.“ Seine Stimme klingt freundlich, fast sanft, aber ich kann einen leicht ironischen Unterton heraushören. Irgendwas stimmt hier nicht. Wenn zwischen uns beiden alles in Ordnung ist, bekomme ich zur Begrüßung einen Kuss, manchmal auch einen Klaps auf den Po und einen frechen Spruch dazu. Habe ich irgendetwas falsch gemacht? Einen wichtigen Termin vergessen vielleicht?

„Was meinst du?“, frage ich. „Nach der Uni war ich bei meinen Eltern. Ich musste nur gerade lächeln, weil mein Vater wieder Unmengen Weihnachtsplätzchen gebacken hat.“

„Aha.“ Frederik steht noch immer in der Tür. Seine Arme hält er vor der Brust verschränkt. Man muss keine Fortbildung in Sachen Körpersprache absolviert haben, um zu sehen, dass bei ihm irgendetwas quer sitzt – und dass ich wahrscheinlich der Grund dafür bin.

„Was ist los?“, frage ich.

„Nichts. Wieso?“

„Du hast doch irgendwas …“

Frederik geht an mir vorbei, holt sich ein Glas und gießt Saft hinein. „Ich habe auf dich gewartet. Ich dachte, du kommst nach der Uni sofort nach Hause.“

„Wie gesagt, ich war bei meinen Eltern. Hatten wir denn etwas vor?“

Frederik liegt mir schon seit Tagen damit in den Ohren, dass ich Termine in meinen Onlinekalender eintragen soll, damit mein Handy mich mit einem möglichst schrillen Piepton rechtzeitig daran erinnert, wenn wir etwas vorhaben. Das Problem ist nur, dass ich regelmäßig vergesse, den blöden Kalender auch zu benutzen.

„Nicht direkt, aber du weißt doch, dass ich freitags immer schon um vier Feierabend habe.“

Ich werfe einen Blick auf die große runde Uhr über der Küchentür. Wir haben gleich halb sechs. Das heißt, Frederik ist seit maximal eineinhalb Stunden hier. Während dieser Zeit hat er wahrscheinlich mit den anderen Clanmitgliedern über die besten Strategien für seinen nächsten Angriff gechattet. Gelangweilt hat er sich ohne mich also nicht. Im Gegenteil, er wird es genossen haben, ganz in Ruhe Krieg spielen zu dürfen, ohne sich von mir eine blöde Bemerkung anhören zu müssen. Hinter seinem Vorwurf steckt etwas anderes. Frederik fixiert mich mit seinen Augen, als wäre er ein Ermittlungsbeamter, der mich eines schweren Verbrechens überführen möchte.

„Dann warst du aber lange bei deinen Eltern. Dein Seminar war doch um Viertel vor zwölf zu Ende. Bist du danach sofort zu ihnen gefahren?“, fragt er.

„Ich war vorher noch in der Cafeteria. Und nach dem Mittagessen habe ich mit meinem Vater eine Torte gebacken. Wieso fragst du?“

„Dann hattest du ja einen schönen Tag.“ Frederik dreht sich um. Auf dem Weg ins Arbeitszimmer sagt er: „Ich geh wieder spielen.“

„Warte mal“, rufe ich ihm nach. „Möchtest du keinen Kaffee? Und dazu ein Stück Apfelrosentorte? Sie ist sehr lecker, nach einem alten Familienrezept gebacken. Oder vielleicht ein paar Vanillekipferl?“

Aber er antwortet nicht.

Ich atme tief durch, bevor ich Frederik nachlaufe.

Er sitzt wieder vor meinem PC und dreht sich nicht zu mir, als ich das Zimmer betrete. Er ignoriert mich einfach.

„Was ist los?“, frage ich.

„Was meinst du?“

„Deine blöde Bemerkung eben.“

„Welche blöde Bemerkung?“

„Darüber, dass du mir anscheinend nicht glaubst, dass ich mit mehreren Leuten in der Cafeteria war.“

Pling! Frederik hat eine Chatnachricht erhalten. Anstatt mit mir zu reden, fängt er an, eine Antwort zu tippen. Dabei lächelt er. Das macht er, um mir zu zeigen, dass die Nachricht von einem seiner weiblichen Clanmitstreiter ist. Eine kleine Rache dafür, dass ich nicht sofort nach Hause gekommen bin? Mein Magen verkrampft sich. Ich bin mir sicher, dass Frederik jetzt gerade mit Skorpionin78 Nettigkeiten austauscht. Seit ich ihm erzählt habe, dass ich mit einem meiner Dozenten einen Kaffee getrunken habe, überlegt er, ob er sich auch mal mit Skorpionin78 treffen sollte, die im wirklichen Leben Nicole heißt, achtundzwanzig ist und in Rosenheim als Programmiererin arbeitet. Ich mag Philipp, meinen Dozenten. Er ist nur ein paar Jahre älter als ich – und er isst leidenschaftlich gerne Kuchen und Torten. Wir haben uns ein paar Mal zufällig in derselben Bäckerei in Uni-Nähe getroffen und spontan einen Kaffee miteinander getrunken. Irgendwann hat er mir das Du angeboten. Außerhalb der Uni haben wir allerdings nichts miteinander zu tun. Frederiks Eifersucht ist völlig unbegründet.

Pling! Die nächste Nachricht ist eingetroffen. Frederik beachtet mich weiterhin nicht.

„Hallo! Redest du bitte mit mir? Wir waren zu viert, und wir haben uns über die bevorstehenden Prüfungen unterhalten“, erkläre ich. „Danach bin ich zu meinen Eltern gefahren.“ Ich schüttele unwillkürlich den Kopf. Warum rechtfertige ich mich eigentlich?

„Schön. Dann ist ja alles gut.“

Ist es nicht. Frederik starrt weiter auf den Bildschirm. Aber ich habe absolut keine Lust, jetzt mit ihm zu streiten. Am Montag schreibe ich die letzte Klausur. Da kann ich meine Zeit sinnvoller nutzen, als darauf zu warten, dass mein Freund sich dazu bequemt, mir zu erzählen, was plötzlich in ihn gefahren ist.

„Ich geh lernen“, sage ich.

Der Appetit auf Kipferl und Kaffee ist mir vergangen. Stattdessen brauche ich etwas zum Abkühlen. Ich hole mir ein großes Glas Eistee und gehe damit ins Wohnzimmer. Auf der Couch konnte ich schon immer am besten lernen. Männer! Mein letzter hat mich betrogen, und mein jetziger ist grundlos eifersüchtig. Erst kürzlich hatten wir eine Diskussion, weil ich eine Dreiviertelstunde später von der Uni zurückkam und nicht ans Handy gegangen bin, als Frederik während dieser Zeit versucht hat, mich zu erreichen. Ich stand schlicht im Stau und hatte das Handy noch lautlos gestellt. Davon mal ganz abgesehen, telefoniere ich nicht, wenn ich Auto fahre.

Mein Blick fällt auf das Buch über strategische Unternehmensplanung, das ich mitgenommen habe. Es bringt überhaupt nichts, jetzt darin zu lesen, denke ich verärgert. Ich kann mich sowieso nicht konzentrieren. Da piept prompt mein Handy und kündigt eine eingegangene Nachricht an, und kurz darauf noch eine. Sie sind von Dana. Vor einigen Monaten habe ich sie bei einem meiner Tortendekorationskurse kennengelernt. Wir haben viel miteinander gelacht. Besonders, als sie aus ihrem manchmal recht turbulenten Schulalltag als Lehrerin erzählt hat. Umso mehr habe ich mich gefreut, als ich sie letzte Woche wieder auf der Teilnehmerliste entdeckt habe.

Ich öffne die erste Nachricht und schaue auf ein Foto. Dana hat eine rosafarbene Torte mit vielen kleinen bunten Zuckerperlen und einem weißen Krönchen gebacken. In der nächsten Nachricht erklärt sie:

Das ist die Torte für meine Nichte. Ich habe mich für eine einfache Variante entschieden. Biskuitböden, dazwischen eine leichte Himbeercreme und zur Dekoration gefärbtes Marzipan, so wie du es mir geraten hast. Meine Nichte war total begeistert. Und die anderen kleinen Mädchen auch.

Ich klicke noch einmal zurück zum Foto und lasse das kleine süße Kunstwerk auf mich wirken. Schließlich tippe ich eine Antwort:

Deine Torte sieht zauberhaft aus! Perfekt für kleine Mädchen, die davon träumen, Prinzessinnen zu sein. Das Krönchen aus essbarer Spitze ist toll geworden. Wie hast du es hergestellt? Trockeneiweiß oder frisches?

Nur kurz darauf klingelt mein Handy.

„Frisches Eiweiß. Ich dachte, ich ruf mal besser mal an. Das ist einfacher, als in das blöde Ding zu tippen. Oder stör ich gerade?“

„Überhaupt nicht. Ich liege auf der Couch und kann mich nicht aufraffen zu lernen.“

„Wir haben Freitagabend. Da hat man in der Regel ja auch was Besseres vor.“

Ich seufze wehleidig. „Morgen muss ich früh raus. Ich arbeite Mittwochnachmittag und alle zwei Wochen samstags auf Minijob-Basis in einer Bäckerei. Nur mit dem BAföG und den gelegentlichen Einnahmen für die Tortenkurse komme ich nicht aus. Aber bald ist es ja vorbei. Nur noch die eine Klausur am Montag, dann die Bachelorarbeit …“

„Du Arme! Um wie viel Uhr fängst du an?“

„Um fünf klingelt der Wecker, um sechs räume ich die Theke ein. Ich backe nicht, verkaufe nur. Früher, als ich noch selbst Teig geknetet habe, musste ich teilweise um zwei Uhr nachts raus. Das hat mir komischerweise weniger ausgemacht als jetzt die Arbeitszeit um sechs. Mein Körper hat sich mittlerweile auf Ausschlafen eingestellt.“

„Das macht meiner auch gerade. Nach zwei Wochen Sommerferien stellt er sich so langsam auf Tiefenentspannung ein. Drei Wochen brauche ich mindestens, bis ich komplett abschalten kann. Schule ist echt anstrengend.“ Sie lacht. „Aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich mag meinen Job. Was ist denn eigentlich aus deinem Thema für die Bachelorarbeit geworden? War dein Professor einverstanden?“

„Ja. Wie kann eine neue Bäckerei in München effektiv vermarktet werden? Alles in trockenen Tüchern. Jetzt muss ich das Ding nur noch schreiben.“

„Ach, du machst das schon! Mein Angebot steht. Ich lese gerne Korrektur.“

„Das wäre super! Ich revanchiere mich dafür mit einer Torte deiner Wahl.“ Dana unterrichtet Deutsch an einer Gesamtschule. Ihr Angebot werde ich auf jeden Fall annehmen.

„Oh ja, am liebsten irgendwas mit ganz viel Schokolade.“

„Abgemacht. Ich fange Mitte September an. Stell dir vor, ich habe heute die Zusage für einen Job auf Juist bekommen, und zwar in dem Café, das zu der Pension gehört, in der du in den Osterferien gewohnt hast.“

„Oh, du Glückliche. Die Insel ist traumhaft schön. Aber das weißt du ja selbst.“

Ich bin früher, bevor Oma in die USA ausgewandert ist, jedes Jahr mindestens einmal mit meiner Mutter nach Juist gefahren, meistens im Sommer. Das letzte Mal war ich mit zehn dort, es ist jetzt also fast zwanzig Jahre her.

„Es war ein Zufall“, erkläre ich. „Nachdem du mir erzählt hattest, dass du in dieser Pension eine Apfelrosentorte gegessen hast, bin ich neugierig geworden. Das Rezept wird von Generation zu Generation in unserer Familie weitergegeben. Ich kenne sie unter dem Namen Töwerlandtorte. Dass auch andere sie backen, wusste ich nicht. Entweder ist das Rezept doch nicht so geheim, wie alle immer behaupten, oder meine Oma hat es weitergegeben. Sie hat Freundinnen auf Juist. Auf jeden Fall habe ich ein wenig im Internet recherchiert. Und dabei ist mir die Stellenanzeige aufgefallen. Geplant war das alles nicht. Ich habe mich spontan beworben, aus dem Bauch raus. Nur eine halbe Stunde später hatte ich die Zusage, als Bedienung, sechs Wochen lang.“

„Da wird deine Oma sich aber freuen. Seit wann ist sie wieder auf der Insel? Vielleicht habe ich sie mal gesehen. Es ist ja alles recht überschaubar dort.“

„Nein, das kann nicht sein, sie ist erst seit Anfang Juni wieder da.“ Meine Oma sagt, es zieht jeden irgendwann wieder zurück auf die Insel, der dort aufgewachsen ist. Nur meine Mutter kann es sich nicht vorstellen. Sie verbindet viel zu viele schlechte Erinnerungen mit diesem Ort, hat sie mir mal erzählt. Aber die hat Oma auch, und sie lebt jetzt trotzdem wieder da.

Dana seufzt. „Eine Oma auf Juist. Du bist echt zu beneiden. Es fließt Inselblut durch deine Adern.“

Ich muss lachen. „Manchmal ruft allerdings auch der Berg nach mir. Mein Vater kommt ursprünglich aus Aschau. Frag mich nicht, wie oft wir in den Sommerferien die Kampenwand hochgekraxelt sind. Oma Fine, meine Großmutter väterlicherseits, lebt noch immer dort.“

„Eine Oma auf einer Insel und eine in den Bergen – hast du es gut!“

„Am Fuße des Berges wäre treffender, aber du hast natürlich recht. Sie ist fast achtzig, aber immer noch topfit. Sie sagt, das würde an der Kraft der Berge liegen. Ich sehe sie regelmäßig, mindestens alle zwei Wochen fahre ich zu ihr. Aber das sind auch nur achtzig Kilometer, keine neunhundert. Und ich muss auch nicht erst mit dem Schiff über das Meer.“

„Als ich auf Juist war, bin ich mit dem Auto bis nach Norddeich gefahren und von dort aus geflogen.“

„Etwa mit einem von diesen Miniflugzeugen? Ist ja gruselig. Mit großen Höhen habe ich es nicht so. Ich fliege zwar, sterbe aber tausend Tode dabei.“

Dana fängt laut an zu lachen. „Sagtest du nicht eben, du seist als Kind die Kampenwand rauf?“

„Nicht nur als Kind. Das mache ich auch heute noch manchmal, wenn ich den Kopf frei bekommen möchte. Aber das ist etwas ganz anderes. Dabei habe ich die ganze Zeit festen Boden unter den Füßen. Wahrscheinlich trifft Flugangst es besser. Ich mag es nicht, wenn unter mir einfach nur ein großes Nichts ist.“

„Kenn ich! Aber glaub mir, mit dem kleinen Flieger ist es anders. Da ist kein Nichts unter dir, sondern die Nordsee. Der Blick ist einmalig. Und viel teurer ist es auch nicht. Außerdem bist du viel schneller da. Der Flieger geht stündlich, und der Flug dauert nur ein paar Minuten. Die Fähre verkehrt tideabhängig. Wenn du sie verpasst, musst du bis abends oder sogar bis zum nächsten Morgen warten.“

„Damit hast du allerdings recht. Ich hab schon überlegt, ob ich mit dem Zug fahre, aber da bin ich Ewigkeiten unterwegs.“

„Auto und Flieger! Glaub mir, das ist die beste Möglichkeit. Soviel ich weiß, gibt es Dauerparkplätze. Die sind nicht so teuer.“

„Du hast mich überzeugt. Ich schau mir das nachher auf jeden Fall mal an.“

„Gut! Was machst du morgen Abend? Ich wollte nach Fürstenfeldbruck, in die AmperOase, zur langen Saunanacht. Ich fahre mit Sarah hin. Du kennst sie, sie war auch bei dir im Kurs. Komm doch mit. Es wird dir bestimmt guttun, mal einen Abend auszuspannen. Am Sonntag bist du dann schön erholt und kannst deine Nase noch mal in die Bücher stecken.“

„Eigentlich wollte ich Samstagabend auch lernen. Auf der anderen Seite bin ich sowieso total kaputt, wenn ich ab morgens in der Bäckerei stehe. Ich kläre das gleich mal hier. Ich weiß nicht, ob Frederik irgendwas geplant hat für uns.“

„Mach das. Wir fahren auf jeden Fall. Du kannst also auch ganz spontan entscheiden. So gegen vier, halb fünf wollen wir los.“

„Okay. Dann widme ich mich jetzt am besten meinem schlauen Buch. Vielleicht bleibt ja doch was hängen.“

„Leg es unter das Kopfkissen, wenn du schlafen gehst. Das hilft.“

„Ernsthaft?“

„Ja, versuch es einfach mal.“

„Das könnte aber unbequem werden. Es ist ein ganz schön dicker Wälzer.“

Wir verabschieden uns. Meine gerade noch schlechte Laune wegen Frederiks eigenartigem Verhalten ist verschwunden. Ich sollte morgen auf jeden Fall mit den beiden mitfahren, denke ich, und schlage die erste Seite des Lehrbuchs auf …

Es ist neun Uhr, als Frederik ins Wohnzimmer kommt. Er setzt sich in den Sessel.

„Mit wem hast du vorhin telefoniert?“, fragt er.

Ich verkneife mir die Frage, warum er das wissen möchte, weil ich absolut keine Lust auf Streit habe.

„Mit Dana. Sie hat gefragt, ob ich morgen mit in die Sauna komme. Wir haben abends doch nichts vor, oder?“

„Dana?“ Frederik zieht eine Augenbraue hoch. „Den Namen habe ich noch nie gehört.“

„Sie war schon zweimal bei mir im Tortenkurs. Sie ist Lehrerin und total nett. Sarah kommt auch mit. Das ist eine Kollegin von Dana. Sie war auch in einem meiner Kurse. Wenn wir nichts vorhaben, gehe ich morgen mit.“

„Wenn du meinst …“

Ich klappe das Buch zu. „Du hörst dich ja nicht gerade begeistert an.“

„Wieso sollte ich?“

„Vielleicht, weil du dich für mich freust? So wie ich, wenn du mit deinen Jungs zum Fußball und danach noch etwas trinken gehst.“

„Das ist ja auch was ganz anderes. Du kennst meine Freunde.“

Mir fehlen die Worte. Aber für Frederik scheint das Gespräch anscheinend sowieso beendet zu sein. Er greift nach der Fernbedienung, schaltet den Fernsehapparat ein und zappt in schneller Reihenfolge durch die Sender.

Ich stehe auf, gehe zum Fernsehgerät und schalte es aus.

„Spinnst du?“, fragt Frederik. „Mach die Glotze wieder an.“ Sein Tonfall ist aggressiv.

„Nein, ich spinne nicht. Aber es wäre schön, wenn du nicht so abfällig mit mir reden würdest. Ich möchte mich gerne ganz normal mit dir unterhalten, ohne dass du gleich ausfallend wirst.“

„Das kann ich nicht. Ich hab ja schließlich nicht studiert.“

„Oh, Mann …“

Frederik verschränkt die Arme hinter seinem Kopf. „Geh doch mal wieder mit Conny weg, wenn du unbedingt etwas ohne mich machen möchtest.“

„Und das wäre okay für dich … weil du sie kennst?“

„Ja, ich finde sie nett. Und sie passt zu dir.“

Ich schnappe nach Luft. „Du denkst, ich sollte mich lieber mit einer Friseurin anstatt mit einer Lehrerin treffen?“

„So habe ich das nicht gesagt.“

„Puh!“ Ich gehe zurück zum Sofa und setze mich. „Wie meinst du es denn sonst?“, frage ich.

„Na ja, du umgibst dich eben lieber mit deinen studierten Leuten. Kaffee trinken in der Cafeteria nach dem Seminar, Kuchen essen in der Bäckerei mit dem gut aussehenden Dozenten …“

„Woher weißt du, wie er aussieht?“ Ich habe mit keinem Wort Philipps Äußeres erwähnt. Er ist zweifelsohne attraktiv, aber vom Typ her viel zu elegant für mich. Ich steh nicht unbedingt auf Männer, die ständig in glatt gebügelten Hemden rumlaufen.

Frederik zuckt mit den Schultern. „Ist doch sowieso egal. Vielleicht fahre ich morgen nach Rosenheim und treffe mich mit Nicole. Das hatte ich ja sowieso schon länger mal vor.“

Ich verkneife mir den bissigen Kommentar, der mir auf der Zunge liegt, und frage stattdessen: „Woher weißt du, wie mein Dozent aussieht? Warst du an der Uni?“

„Quatsch! Wozu gibt es Internet?“, sagt Frederik, als wäre gar nichts dabei, dass er mir hinterherspioniert. Ich schaue meinen Freund an, der mir auf einmal seltsam fremd vorkommt.

Er steht auf und schaltet den Fernsehapparat wieder ein. Als er beim Umschalten auf eine Comedysendung mit Mario Barth stößt, grinst er und sagt: „Super, das passt ja wie die Faust aufs Auge. Genau das richtige Programm für diesen Abend.“

Ich fand Mario Barth noch nie besonders lustig. Außerdem empfinde ich den Klang seiner Stimme als äußerst unangenehm. Sie löst regelrecht Fluchtgedanken bei mir aus.

Aber ich bleibe auf der Couch sitzen. Frederiks Eifersucht auf Philipp ist zwar unbegründet, aber ich kann sie noch einigermaßen nachvollziehen. Ich muss zugeben, dass ich selbst schon darüber nachgedacht habe, die Chatpartnerin meines Freundes im Internet mal genauer unter die Lupe zu nehmen. Aber letztendlich konnte ich dem Drang widerstehen. Allerdings würde ich niemals Stress machen, wenn Frederik mit einem Freund weggehen würde, den ich nicht kenne, im Gegenteil …

Als Frederik lauthals anfängt zu lachen, stehe ich auf, um auf dem Balkon etwas frische Luft zu schnappen und meine Gedanken zu sortieren. Momentan bin ich zu aufgewühlt, um vernünftig mit ihm zu reden.

Ich will gerade das Wohnzimmer verlassen, da fällt mir ein, dass ich Frederik noch gar nichts von meinen Plänen für die nächste Zeit erzählt habe.

„Übrigens bin ich ab Freitag für sechs Wochen auf Juist.“

Frederik schaut ziemlich dämlich aus der Wäsche, so wie Mario Barth gerade. Aber bei dem ist es Schauspiel.

„Nicht ernsthaft“, sagt er, als er seine Sprache wiedergefunden hat.

„Doch, ich habe dort einen Ferienjob angenommen.“

„Ohne vorher mit mir darüber zu sprechen?“

„Das hätte ich gerne vorhin, aber du hast mir keine Gelegenheit dazu gegeben.“

„Da hattest du dich doch schon längst entschieden.“

Da ist was dran. Aber ich hatte auch vor, ihn zu fragen, ob er für ein oder zwei Wochen zu mir auf die Insel kommt, am besten gegen Ende, damit wir den Aufenthalt eventuell verlängern und etwas Zeit für uns haben können. „Das stimmt.“

„Und jetzt erwartest du, dass ich mich freue, so wie eben, als du mir gesagt hast, dass du morgen mit dieser Dana in die Sauna gehst.“ Frederik legt eine bedeutungsvolle Pause ein. „Obwohl du weißt, dass du ab Freitag weg bist. Und du bist nicht auf den Gedanken gekommen, die Zeit dann lieber mit mir verbringen zu wollen.“

„Doch, eigentlich schon. Aber nachdem du dich heute, seit ich nach Hause gekommen bin, wie ein Stinkstiefel verhalten hast, war ich ehrlich gesagt froh, als Dana mich gefragt hat, ob ich mitkomme.“

„Dann ist ja alles klar“, sagt Frederik. „Ich weiß allerdings nicht, ob ich dann noch da bin. Vielleicht solltest du das bei deiner Planung noch mal bedenken.“

Ich bin mir sicher, dass ich jetzt diejenige mit dem dämlichen Gesichtsausdruck bin. Habe ich Frederik gerade richtig verstanden?

3. Kapitel

Frederik hat mich tatsächlich vor die Wahl gestellt. Entweder Juist oder er. Auf dem Balkon atme ich erst einmal tief durch. Ich wollte einen Freund, auf den ich mich verlassen kann. Einen, der bodenständig und treu ist. Aber nicht einen, der grundlos eifersüchtig ist und dabei auch noch ausfallend wird. Ich habe ein flaues Gefühl im Magen. Ich mag Frederik. Aber sein Kontrollzwang, der immer mehr zum Vorschein kommt, ist ein Grund, möglichst rasch das Weite zu suchen. Die Frage ist nur, ob ich ihm jetzt sofort sage, dass ich auf jeden Fall nach Juist fahre, oder taktisch klug bis Montag nach der Klausur warte.

Als ich zwischen dem restlichen Straßenlärm in der Ferne den tiefen Bass eines Autoradios höre, das immer näher kommt, rappele ich mich aus dem Stuhl auf und gehe zum Balkongeländer. Wie nicht anders erwartet, braust meine Freundin Conny in ihrem silberfarbenen Smart um die Ecke. Die Musik hat sie immer voll aufgedreht, sodass man schon von Weitem hört, wenn sie nach Hause kommt. Sie wohnt eine Etage schräg über mir. Als ich damals mit ein paar Freunden meine Möbel hoch in meine Wohnung in den ersten Stock geschleppt habe, hat sie spontan mit angepackt. Wir haben uns auf Anhieb verstanden und hatten auch gleich ein Thema, über das wir stundenlang reden konnten. Ich trauerte meinem Exfreund nach, der mich betrogen hatte, sie ihrem Verlobten, der kurz vor der geplanten Hochzeit kalte Füße bekam und sie sitzen ließ.

Conny parkt gekonnt in einer schmalen Parklücke auf der anderen Straßenseite ein, sucht im Auto ein paar Sachen zusammen, drückt kurz darauf die Tür auf und steigt, beladen mit zwei großen lilafarbenen Umhängetaschen, aus. Als sie die Straße überquert, entdeckt sie mich und winkt mir zu. Dabei rutscht eine der Taschen von ihrer Schulter und knallt klirrend auf den Boden. So wie es aussieht, hat Conny irgendetwas aus Glas darin transportiert. Eine dunkle Flüssigkeit tropft unten aus der Tasche, als sie sie hochhebt.

„Mist!“, ruft Conny. „Das war der Ramazzotti.“

„Ich komm runter und bring dir eine Plastiktüte, sonst kleckerst du alles voll.“

„Danke.“

Conny sitzt auf dem Bürgersteig, als ich nach draußen komme.

„Deine Haare sind dunkler. Und du hast einen Pony“, stelle ich fest und halte die Plastiktüte vor ihr auf. „Hast du dir die Haare selbst geschnitten und gefärbt?“

Conny lässt ihre Stofftasche hineinsinken. „Ach, hör bloß auf. Ich fühle mich wie ein kleines Mädchen. Das war meine Chefin.“ Sie seufzt. „Ich hätte wissen müssen, dass das schiefgeht. Aber sie ist beleidigt, wenn ich mir von jemand anderem die Haare schneiden lasse. Diesmal hat sie es echt übertrieben. Die Farbe ist ja ganz schön, aber der Schnitt geht gar nicht. Das war das letzte Mal, dass ich sie an meine Haare gelassen habe.“

„Es ist wirklich sehr kurz, aber ich finde, es steht dir. Du kannst alles tragen. Du erinnerst mich ein bisschen an Audrey Tautou aus Die fabelhafte Welt der Amélie.“

„Das hat meine Chefin auch gesagt. Ich kenn den Film noch nicht mal. Aber was soll’s. Es wächst ja wieder.“

Ich stelle die Tüte auf den Boden und mache es mir neben Conny bequem. Wir sitzen auf dem Gehweg, die Beine lang nebeneinander ausgestreckt.

„Ich muss dir was erzählen“, sage ich, da geht die Tür unseres Wohnhauses auf und Frederik kommt heraus.

Conny winkt ihm fröhlich zu. „Freddy hat anscheinend Sehnsucht nach dir.“

„Glaub ich kaum“, antworte ich.

„Wieso, was ist los?“

„Wollte ich dir gerade erzählen.“

„Ich treff mich mit Jan“, sagt Frederik, als er kurz bei uns stehen bleibt. „Kann spät werden.“

Ich schaue ihm nach, wie er zu seinem alten Peugeot geht.

„Ups“, sagt Conny, als er den Zündschüssel dreht. „Welche Laus ist dem denn über die Leber gelaufen? Warst du böse?“

„Noch nicht“, sage ich – springe auf und sprinte los. Frederik hat den Wagen gerade ausgeparkt, als ich bei ihm ankomme. Ich schlage mit der flachen Hand gegen die Motorhaube, damit er nicht auf die Idee kommt, einfach so davonzubrausen. Er sieht mich einen Moment lang empört an, bevor er das Beifahrerfenster herunterlässt.

„Hast du oben die Tür zugemacht? Ich habe keinen Wohnungsschlüssel dabei“, erkläre ich. Das ist nicht geflunkert. Ich habe ihn tatsächlich vergessen.

Er zieht seinen Schlüssel aus seiner Hosentasche und hält ihn mir hin. „Beeil dich. Hier steh ich ziemlich doof.“

Ich greife zu.

Conny steht auf dem Gehweg. „Alles in Ordnung?“, fragt sie, als ich kurz bei ihr anhalte.

„Ja, nein, ich hol nur eben meinen Schlüssel, dann erkläre ich es dir.“

Ich nehme zwei Treppenstufen auf einmal und bin ganz aus der Puste, als ich oben ankomme. Mein Schlüssel liegt natürlich nicht dort, wo er sollte. Die Schale auf der Kommode ist leer.

„Mist!“ Wo bin ich vorhin zuerst hingegangen, als ich nach Hause gekommen bin? In die Küche! Aber auch da finde ich ihn nicht. Ich sollte mir doch mal einen Anhänger kaufen, der einen schrillen Piepton von sich gibt, wenn ich ihn suche. Dass das blöde Ding ausgerechnet jetzt unauffindbar ist, ist mal wieder typisch. Ich schaue im Wohnzimmer und danach im Arbeitszimmer nach. Vielleicht habe ich den Schlüssel auf das Regal neben der Tür gelegt, als ich vorhin versucht habe, mich mit Frederik zu unterhalten. Aber auch hier habe ich kein Glück. Ich bin schon fast wieder aus dem Zimmer raus, da fällt mir der Notizzettelhalter auf dem Schreibtisch auf. Ein auffälliger gelber Zettel steckt in der Klammer. Und darauf steht eine Rosenheimer Adresse …

Wut macht sich in mir breit. Ich bin mir sicher, dass Frederik die Notiz absichtlich so platziert hat, damit sie mir sofort ins Auge sticht.

„Oh Mann!“ Ich gehe strammen Schrittes durch den Flur und schiebe einen Schuh zwischen Zarge und Tür, damit sie nicht zufallen kann.

Conny steht bei Frederik am Wagen und unterhält sich mit ihm. Als sie mich kommen sieht, macht sie mir Platz.

„Soll ich warten?“, fragt sie.

Ich nicke und löse meine beiden Schlüssel von Frederiks Schlüsselbund. Es ist meine Wohnung. Frederik hatte sich gerade erst von seiner Freundin getrennt und vorübergehend bei seinen Eltern gewohnt, als wir uns kennengelernt haben. Deswegen haben wir die meiste Zeit gemeinsam bei mir verbracht. Nach drei Monaten habe ich ihm dann die Schlüssel gegeben. Genau genommen hat er seit dem Moment bei mir gewohnt.

„Es tut mir leid“, sage ich, als ich seinen Schlüssel ohne meine durch das Beifahrerfenster reiche. Das ist nicht nur einfach so dahingesagt. Ich mag Frederik wirklich. Wir hatten eine schöne Zeit. Aber eine gemeinsame Zukunft kann ich mir nicht mehr vorstellen.

„Viel Spaß in Rosenheim!“, füge ich dennoch etwas sarkastisch hinzu, bevor er davonbraust, ohne sich noch einmal umzudrehen.

„Weißt du, was verrückt ist?“, sage ich, als Conny mich in den Arm nimmt und drückt. „Als ich heute von meinen Eltern nach Hause gefahren bin, dachte ich noch, alles sei in Ordnung, und jetzt, nur ein paar Stunden später, habe ich plötzlich die Gewissheit, dass es genau das Richtige ist, die Geschichte so schnell wie möglich zu beenden. Es war einfach plötzlich da, obwohl ich mir vorher überhaupt keine Gedanken darüber gemacht habe. Ich hätte nur gerne gewartet, bis ich die blöde Klausur hinter mir habe. Aber dann konnte ich plötzlich nicht mehr anders. Er hat mich vor die Wahl gestellt.“ Ich erzähle Conny, wie Frederik sich heute verhalten hat.

„Ich weiß, es ist ein abgedroschener Spruch, aber wie sagt man so schön? Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Gut, dass du dich für Juist entschieden hast.“ Meine Freundin sieht mich kritisch an. „Hauptsache, dir geht es gut dabei.“

„Puh.“ Ich atme tief durch. „Frag mich das am besten Montag noch mal. Momentan fühle ich mich einfach nur leer.“

„Deine Klausur wird ein Klacks, das schaffst du mit links. Am besten vergisst du Frederik ganz schnell. Er war sowieso nicht der Richtige für dich. Wer will schon einen Typen, der dir am liebsten einen Chip einpflanzen würde, damit er die ganze Zeit über deinen Aufenthaltsort informiert wird?“

Bei der Vorstellung muss ich lachen. „So schlimm war er nun auch nicht.“

„Sicher wäre ich mir da nicht. Aber darüber musst du dir zum Glück ja keine Gedanken mehr machen. Oder meinst du, du könntest eventuell rückfällig werden?“

Ich schüttele vehement den Kopf.

„Gut. Und falls doch, ruf mich vorher an. Dann rede ich es dir wieder aus.“

„Okay.“ Wir stehen immer noch unten auf der Straße. „Meine Tür ist oben noch auf. Lass uns lieber hochgehen.“

„Schlafe ich bei dir oder du bei mir?“, fragt Conny.

Es ist ein schönes Gefühl, meine Freundin gleich in der Nähe zu wissen, aber ich brauche etwas Zeit für mich. „Sei mir nicht böse, ich glaube, ich wäre jetzt lieber alleine. Außerdem muss ich morgen ganz früh raus.“

„Gut. Aber wenn was ist, ruf an. Oder komm einfach hoch. Du weißt, dass du mich zu jeder Uhrzeit wach klingeln kannst. Mein Handy lass ich an. Sehen wir uns morgen?“

„Unbedingt. Hast du Lust auf Sauna? Ein Mädelsabend zu viert?“

„Klar.“

„Super, dann fahren wir morgen mit Dana und Sarah in die AmperOase. Ich kenne die beiden aus einem meiner Tortenkurse. Du wirst sie mögen, sie sind sehr nett.“

Wir gehen nebeneinander zum Haus und die Treppen hoch. Vor meiner Eingangstür bleiben wir noch einen Moment stehen. Ich überlege kurz, ob ich Conny doch noch mit reinbitte, aber dann wird es sicher ein langer Abend. Die Vernunft siegt. Sie drückt mich noch einmal, dann bin ich alleine.

In der Wohnung ist es seltsam still. Ich habe die Momente genossen, wenn Frederik unterwegs war und ich Zeit für mich hatte. Aber jetzt fühlt es sich anders an, besser. Ich lege die Schlüssel, die ich von Frederiks Bund gelöst habe, dorthin, wo sie hingehören, und mache mich auf die Suche nach meinen.

Sie liegen auf dem Bistrotisch neben meinem Handy, das ich mit auf den Balkon genommen habe. Wie sie da gelandet sind, weiß ich nicht. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern, sie mit dorthin genommen zu haben. Aber das heißt bei mir nichts. Mit Schlüsseln stand ich schon immer auf Kriegsfuß, schon mehrmals habe ich mich ausgesperrt. Deswegen habe ich sowohl bei meinen Eltern als auch bei Conny Ersatz deponiert.

Ich schenke mir eine Weinschorle ein, nehme mein Handy, setze mich auf den Liegestuhl und lege die Beine hoch. Die Ruhe fühlt sich gut an. Ich horche tief in mich hinein. Gerade eben habe ich spontan meine Beziehung beendet, einfach aus dem Bauch heraus. Habe ich da vorschnell gehandelt? Hätte ich in Ruhe mit Frederik darüber reden sollen? Nein, immerhin habe ich ein paar Mal versucht, ein Gespräch mit ihm zu führen. Aber das war ja nicht möglich. Trotzdem möchte ich das gerne nachholen. Ein sauberer Abschluss wäre mir wichtig. Also schreibe ich ihm: