App to Date - Carine Bernard - E-Book
Beschreibung

Jenny gehört zu einem Team von Psychologen, das eine neuartige Dating-App entwickelt. Eigene Verabredungen trifft sie nur, um die App zu testen. Doch dann verliebt sie sich in Jakob – mit verheerenden Folgen für die Männer in ihrer Umgebung: Eines ihrer Dates stirbt, und Jakob steht auf einmal unter Mordverdacht. Jenny will seine Unschuld beweisen und stößt auf einen skandalösen Missbrauch der App. Als sie endlich erfährt, wer hinter all dem steckt, ist es fast zu spät …

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EPUB

Seitenzahl:357


Inhalt

Titel

Über dieses Buch

Über Carine Bernard

FREITAG

SAMSTAG

SONNTAG

MONTAG

DIENSTAG

MITTWOCH

DONNERSTAG

FREITAG

SAMSTAG

SONNTAG

MONTAG

DIENSTAG

MITTWOCH

ACHT WOCHEN SPÄTER

Danksagung

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Carine Bernard

Jenny gehört zu einem Team von Psychologen, das eine neuartige Dating-App entwickelt. Eigene Verabredungen trifft sie nur, um die App zu testen. Doch dann verliebt sie sich in Jakob – mit verheerenden Folgen für die Männer in ihrer Umgebung: Eines ihrer Dates stirbt, und Jakob steht auf einmal unter Mordverdacht.

Jenny will seine Unschuld beweisen und stößt auf einen skandalösen Missbrauch der App. Als sie endlich erfährt, wer hinter all dem steckt, ist es fast zu spät …

Über Carine Bernard

Carine Bernard wurde 1964 in Niederösterreich geboren. Seit 2002 lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Deutschland in der Nähe von Düsseldorf.

Sie fotografiert gern und geht in ihrer Freizeit Geocachen. Beim Erfinden von Geocache-Rätseln entdeckte sie ihre alte Liebe zum Schreiben wieder und nach einigen Rätselgeschichten rund um Molly Preston folgte 2015 ihr erster Roman

FREITAG

Jenny stand ein wenig abseits und beobachtete unauffällig die Umstehenden. Die meisten hatten ein Smartphone in der Hand und starrten gebannt auf den Bildschirm. Einige von ihnen waren bestimmt Dater. Den ein oder anderen hätte sie durchaus schon treffen können. Aber keines der Gesichter kam ihr bekannt vor, zum Glück.

Es knisterte im Lautsprecher, und eine schnarrende Stimme kündigte den einfahrenden ICE an. Der Triebwagen kam in Sicht und drückte mit seiner imaginären Bugwelle die Leute an der Bahnsteigkante zur Seite. Zischend öffneten sich die Türen und spuckten Menschen aus. Jenny stellte sich auf die Zehenspitzen und reckte den Hals.

»Jenny!« Ein Arm erhob sich über die Menge und bewegte sich hin und her. Zwischen den Köpfen der Menschen flackerte der rote Haarschopf ihres Bruders.

Das Feierabendgedränge auf dem Bahnsteig schwappte über Jenny hinweg und drohte, sie zum Ausgang mitzureißen. Kurz entschlossen kletterte sie auf die Sitzfläche einer Wartebank. Ungefähr zwei Waggons entfernt sah sie ihn. Er war stehen geblieben und bildete ein Hindernis in dem stetigen Strom von Aussteigenden. Jenny winkte heftig. »Marc, hier bin ich!«

Sein Gesicht leuchtete auf. Mit den Armen schob er die Menschen beiseite und pflügte durch Hüte, Mützen und hochgeschlagene Mantelkragen. Als er vor ihr stand, umfasste er ihre Mitte, hob sie von der Bank und drückte sie so fest an sich, dass sie durch Parka und Pullover und Strickjacke hindurch seinen Herzschlag zu spüren glaubte.

»Schön, dich zu sehen, Schwesterherz!«

Jenny musste den Kopf in den Nacken legen, um zu ihm hochzuschauen. Ihr kleiner Bruder war ihr schon vor Jahren über den Kopf gewachsen. Die Haarfarbe, die leuchtend blauen Augen und die vielen Sommersprossen, die die Kontur der Lippen verwischten, wiesen sie dennoch als Bruder und Schwester aus. Merkmale, die alle fünf Schürmann-Kinder teilten, und die ihnen in der Schule den Spitznamen »Weasley-Bande« eingetragen hatten.

Marc drückte sie noch einmal und schmatzte ihr zwei Küsse rechts und links auf die Wangen. Dann schob er sie von sich und musterte ihr Gesicht. »Du siehst gut aus«, stellte er fest. »Das Arbeiten scheint dir zu bekommen.«

Jenny lachte. »Was soll das denn heißen?«

Er zwinkerte. »Gar nichts. Nur dass wir uns viel zu lange nicht gesehen haben.«

»Da hast du recht.«

Seit Marc in München arbeitete, kam er nur noch selten nach Hause. Nicht einmal Weihnachten hatte er mit der Familie verbracht – seine Firma hatte ihn nach China zu einem Kongress geschickt. Aber nun hatte er beruflich in Düsseldorf zu tun, und Jenny freute sich, ihn endlich wiederzusehen.

Die Menschen auf dem Bahnsteig hatten sich inzwischen verlaufen. Jenny sah sich um und deutete auf die nächstgelegene Treppe. »Da hinüber.«

Marc rückte seinen Rucksack zurecht und folgte ihr. »Bist du mit dem Auto da?«, wollte er wissen.

»Ich habe kein Auto«, gab sie zurück. »Das macht in Düsseldorf keinen Sinn.«

»Vernünftig und sparsam wie immer«, neckte Marc sie. »Ich hätte gedacht, dass du dir mit deinem Job an der Uni zumindest einen Kleinwagen leisten könntest.«

»Du vergisst, dass ich nur eine halbe Stelle habe. Ich mache meinen Master, ich bin immer noch Studentin.«

»Ja, schon, aber …«

»Außerdem wohne ich praktisch an der Uni, ich brauche kein Auto.«

Marc seufzte theatralisch. »Wenn wir jetzt noch eine Weltreise mit den Düsseldorfer Verkehrsbetrieben vor uns haben, muss ich erst etwas essen.«

Jenny hob die Brauen. »Ich dachte, wir fahren zu mir, und ich koche uns etwas.«

»Oh nein, das kommt gar nicht in Frage. Ich lade dich ein.«

»Aber ich …«

»Nichts gegen deine Kochkünste, Schwesterherz, aber du kochst mir zu gesund. Ich brauche jetzt Sauerbraten und Altbier und …«

»Ja, schon gut, ich habe verstanden.« Jenny lachte. Sie kannte die Portionen, die ihre Brüder verdrücken konnten, und war im Grunde dankbar für den Vorschlag. »Dann auf in die Altstadt!«

Drei U-Bahn-Stationen und ein paar Minuten Fußmarsch später saßen sie im »Benders Marie« an einem massiven Holztisch, speckig und dunkel von der jahrzehntelangen Benutzung. Ein Kellner, die traditionelle dunkelblaue Schürze um den Bauch gebunden, stellte ungefragt zwei Gläser mit Altbier vor ihnen ab und malte auf jeden Bierdeckel einen Strich.

Jenny sah aus dem Fenster, es hatte zu regnen begonnen, Regenschirme bevölkerten die Straße, und die Menschen beeilten sich, ins Trockene zu kommen.

»Bei uns in München liegt Schnee«, bemerkte Marc. »Es ist letzte Woche noch einmal richtig kalt geworden.«

»Schnee hatten wir dieses Jahr noch gar nicht«, erwiderte Jenny. »Nur Regen.«

»Düsseldorf, die Stadt mit vierhundert Regentagen pro Jahr«, spottete er und verzog das Gesicht. »Jetzt weiß ich wieder, warum ich weggegangen bin.«

Jenny boxte ihn spielerisch gegen den Arm. »Du bist doch gerade erst angekommen und willst schon wieder weg?«

»Aber nein, ich mache nur Spaß.« Marc nahm einen tiefen Schluck von seinem Bier. »Ich vermisse das alles hier wirklich.«

Er zog die Speisekarte heran und schlug sie auf. »Was möchtest du?«

Jenny vertiefte sich ebenfalls in die Karte. »Ich probiere die Gemüsepfanne«, entschied sie.

»Und ich nehme den Sauerbraten und hinterher Apfelkuchen.«

»Weißt du schon, was du machen wirst, wenn du mit deinem Masterstudium fertig bist?«, fragte Marc, nachdem der Kellner die Teller abgeräumt hatte.

Jenny schüttelte den Kopf. »Ich dachte immer, ich würde mich zur Therapeutin ausbilden lassen, aber inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher. Warum fragst du?«

»Du weißt ja, dass ich in der Marktforschung arbeite.«

Jenny nickte.

»Wir entwickeln Testumgebungen für neue Produkte, aber nicht nur im technischen Sinn. Wir vergleichen auch Dinge wie Usability, Kundenerwartung, Kaufwille, Needability. Da gehört das Marketing genauso dazu wie die Farbgebung eines neuen Produkts oder irgendwelche Alleinstellungsmerkmale.«

Jenny sah ihn überrascht an. »Und was hat das mit mir zu tun?«

»Wir beschäftigen auch einige Psychologen«, erwiderte Marc. »Wenn du also mal einen Job brauchst …«

Jenny lachte. »Danke, das ist lieb von dir. Aber ich arbeite lieber mit Menschen als mit Computern.«

»Da fällt mir ein, ich habe dir etwas mitgebracht.«

Er öffnete seinen Rucksack und brachte einen kleinen flachen Karton zum Vorschein. Jenny nahm ihn entgegen und musterte ihn neugierig. Er war unverpackt, hatte keinen Aufdruck und war ziemlich schwer.

»Was ist es?«

»Mach es auf.« Marc grinste spitzbübisch.

Jenny schob die Lasche zur Seite und klappte den Deckel auf. Ihre Augen wurden groß.

»Aber Marc, das geht doch nicht!« Mit spitzen Fingern nahm sie ein Handy aus der Aussparung. Es war groß, fast so groß wie eine Tafel Schokolade, und schimmerte in mattem Gold.

»Das ist das neueste Modell«, erklärte Marc stolz. »Ich habe es dir schon eingerichtet, du musst nur noch deine SIM-Karte einstecken und dich anmelden.«

»Das ist doch viel zu teuer!« Sie legte es in die Schachtel zurück und schob sie von sich weg.

»Blödsinn«, erwiderte Marc und nahm das Handy wieder heraus. »Ich habe es nicht gekauft, es stammt aus unserer letzten Testreihe. Aber es ist so gut wie neu, und zu Weihnachten hat unser Chef die Geräte an die Mitarbeiter verteilt.«

»Wieso behältst du es denn nicht selbst?«

»Was soll ich mit einem goldenen Handy?« Marc verzog abfällig das Gesicht. »Das ist was für Mädchen. Außerdem habe ich eines, ich brauche kein neues.« Er zog ein schlankes stahlgraues Telefon aus der Gesäßtasche seiner Jeans, das in seiner großen Hand fast verschwand. »Siehst du?«

Jenny schluckte. Ihr eigenes Handy war nichts Besonderes, aber sie stellte daran auch keine großen Ansprüche. Marc wartete auf ihre Reaktion, und in seinen Augenwinkeln lauerte schon ängstlich die Enttäuschung.

»Danke, Marc.« Jenny lächelte ihn an. »Wenn das so ist, dann nehme ich es gerne an.«

Marc strahlte. »Ich wusste doch, dass es dir gefällt.« Er öffnete eine Klappe an der Seite des Geräts. »Gib mir dein Handy, ich stecke die SIM-Karte gleich für dich um.«

Zögernd nahm Jenny ihr Smartphone aus der Tasche. »Was ist mit meinen Daten?«

»Die sind doch in der Cloud, Dummerchen. Sobald du dich angemeldet hast, wird alles automatisch übertragen.«

Mit einem melodiösen Dreiklang wurde der Bildschirm hell, und der Startbildschirm erschien.

»Hier, gib deine Zugangsdaten ein.«

Jenny tat wie geheißen und sah staunend zu, wie sich die Statusleiste mit Leben füllte. Nach wenigen Minuten war alles erledigt.

»Nun sollte alles so sein wie vorher«, sagte Marc.

»So wie vorher?« Jenny lachte. »Wohl kaum.«

»Besser als vorher«, stimmte Marc schmunzelnd zu. »Vor allem die Kamera ist eine Wucht. Sie hat 24 Megapixel, kannst du dir das vorstellen?«

Jenny schüttelte stumm den Kopf. Nein, sie konnte sich darunter gar nichts vorstellen, aber sie erkannte das Icon der Kamera-App in der unteren Ecke und rief sie auf. Sie richtete das Telefon auf Marcs Gesicht und drückte auf den Auslöser. Trotz des gedämpften Lichts in der Gaststube wurde es ein perfekt belichtetes, scharfes Foto.

»Das ist super«, murmelte sie und sah hoch. »Nein, es ist wundervoll!«

Marc zwinkerte ihr zu. »Was macht eigentlich die Liebe?«, fragte er unvermittelt.

Jenny sah zur Seite. »Liebe?« Im Augenblick traf sie Verabredungen nur aus wissenschaftlichem Interesse, aber das konnte sie ihm nicht gut sagen. »Dafür habe ich doch gar keine Zeit!«

»Keine Zeit für die Liebe? Schwesterherz, das ist nicht dein Ernst!«

»Ich stecke mitten in meiner Masterarbeit«, verteidigte sie sich halbherzig. »Ich habe wirklich keinen Nerv, auch noch auf die Piste zu gehen.«

»Ich frage mich gerade …«

»Was denn?«

»Es gibt da eine neue App, mit der man Leute daten kann, die ist richtig gut. Ich glaube, die solltest du mal ausprobieren.«

»Eine App?« Jenny wurde heiß und kalt. Er meinte doch nicht etwa …

»Sie heißt App2Date.«

Jenny schloss für einen kurzen Moment die Augen. Doch, er meinte genau das.

»Sie wurde von Psychologen entwickelt«, fuhr Marc fort, »und wirklich alle reden momentan darüber. Ich kann nicht glauben, dass du noch nicht davon gehört hast.«

Wieso fing ihr Bruder ausgerechnet jetzt mit der App an? »Ich, äh, weißt du …«

Marc grinste sie an. »Gib mir noch mal dein Handy, ich installiere sie dir.«

»Marc, nein, ich will das nicht. Ich …« Verflixt, wie kam sie aus der Nummer wieder heraus, ohne ihm alles zu verraten?

»Keine Widerrede. Gib her!« Er sah sie streng an. »Du kannst nicht immer nur über deinen Büchern sitzen, du musst endlich in der Neuzeit ankommen.«

Jenny seufzte resigniert und schob ihm das goldene Handy hin. »Bitte schön.« Zum Glück hatte er keine Ahnung.

Es dauerte nicht lange, und auf dem Display leuchtete das bunte Logo von App2Date auf. Es drehte sich wie ein Globus, während die App ihre Daten scannte.

Du lieber Himmel! Ihr Dozent hatte sie eindringlich davor gewarnt, nein, ihnen geradezu verboten, die Client-Version der App selbst zu benutzen. Aber nun war es zu spät. Wenn sie das Erstellen des Profils jetzt abbräche, müsste sie es Marc erklären, und das ging erst recht nicht. Niemand durfte davon wissen, Geheimhaltung hatte oberste Priorität.

Dem schlechten Gewissen zum Trotz war sie nun doch neugierig, wie ihr Profil aussehen würde. Gespannt beobachtete sie, wie das kreiselnde Logo zum Stillstand kam. Die Profilseite sah genauso aus wie die vielen Profilseiten, mit denen sie im Lauf der letzten Monate gearbeitet hatte, und trotzdem klopfte verrückterweise ihr Herz. Zum ersten Mal betrachtete sie ihr eigenes Profil.

Ein rotes Tier mit buschigem Schweif saß in der Mitte des Bildschirms, Feuerrotes Eichhörnchen stand darunter. Sie tippte es an, es verblasste, und drei Wörter erschienen.

»Freundschaft, Liebe oder Sex?« Marc war aufgestanden und um den Tisch herumgekommen. »Liebe, keine Frage, oder?« Er griff über ihre Hand hinweg, und bevor Jenny protestieren konnte, tippte er auf das Herz in der Mitte. »Und hetero.«

Er bestätigte die letzte Eingabe, der Bildschirm wurde kurz dunkel, und die Kartenansicht erschien. Die Punkte tauchten auf, viel schneller als sie es von ihrem alten Handy kannte. Viele rote, einige gelbe und nur zwei grüne.

»Die Punkte hier sind andere Dater. Die grünen Punkte sind die, die am besten zu dir passen«, erklärte Marc unnötigerweise. Aber woher sollte er auch ahnen, dass sie genau wusste, was da zu sehen war. Besser als er, besser als jeder andere.

»Das sind aber nicht viele«, antwortete sie, um irgendetwas zu sagen.

»Du bist eben speziell, kleine Schwester«, erwiderte er und zwinkerte ihr zu. »Bei allen anderen Dating-Apps kannst du deine Daten und deine Vorlieben selbst eingeben. Damit beeinflusst du aber das Ergebnis. App2Date dagegen liest die Daten direkt aus deinem Handy aus, natürlich anonym, und erstellt daraus selbstständig ein Profil. Wer zu dir passt, wird dir mit einem Ampelsystem angezeigt: Rot passt gar nicht, Gelb ist okay, und Grün ist perfekt.«

»Und das funktioniert wirklich?« Sie rang sich ein Lächeln ab. Ihrem Bruder gegenüber so zu tun, als wüsste sie das alles nicht, fiel ihr schwer.

»Und wie!« Er grinste. »Ich habe in den vergangenen Monaten mehr Dates gehabt als in den letzten drei Jahren.« Er nahm ihr das Handy aus der Hand. »Schau her, die Punkte, die in der Nähe sind, kannst du antippen, dann bekommst du den Namen angezeigt. Der gelbe da zum Beispiel ist Stahlgrauer Habicht. Der rote dort auf dem Burgplatz ist Schneeweißer Leopard.«

Jenny nickte.

»Der grüne Punkt hier über dem »Benders Marie«, das bin wohl ich.« Marc tippte auf den Punkt, und der Name Schokobrauner Dalmatiner erschien. »Wenn du die Sprechblase neben dem Namen antippst, kannst du mit dem anderen chatten und ein Date vereinbaren. Die App schlägt dir dann einen Treffpunkt in der Nähe vor.«

Er zog sein eigenes Handy aus der Tasche und rief App2Date auf. »Wenn du jemanden datest, dann …«

Er berührte den grünen Punkt, der über dem Lokal aufgetaucht war, in dem sie saßen. Das rote Eichhörnchen erschien auf seinem Bildschirm, und er tippte es an. Ein unregelmäßiges Muster aus schwarzen und weißen Blöcken baute sich auf. Jenny tippte auf den Dalmatiner auf ihrem Handy, und auch bei ihr erschien das Muster, ähnlich, aber nicht völlig gleich.

»Jetzt halten wir unsere Handys aneinander«, sagte Marc.

Jenny hob ihr Telefon seinem Display entgegen, die Frontkamera las den grafischen Code und bestätigte den Handshake mit einem kurzen Vibrieren. Der Punkt, der den Dalmatiner repräsentierte, hatte jetzt einen grünen Rahmen, und Jenny wusste, dass er in der Kontaktliste der App gespeichert war.

»Keine Namen, keine Telefonnummern. Die Avatare vergibt die App. Jeder gibt dem anderen nur das preis, was er möchte, und trotzdem klappt es. Ein perfektes System.« Marc strahlte sie an, stolz, als ob er die App selbst programmiert hätte.

Jenny konnte ihm nicht in die Augen schauen. »Ein nettes Spielzeug«, murmelte sie.

»Es ist viel mehr als das!« Marc schaltete das Display aus und steckte sein Handy zurück in die Tasche. »Frag mich nicht, wie die Programmierer das machen, aber es funktioniert. Die Frauen, die ich dank dieser App getroffen habe, waren alle wundervoll, und ich hätte sie sonst nie kennengelernt.«

»Aber die große Liebe hast du damit nicht gefunden«, wandte Jenny ein.

»Nein, bis jetzt nicht«, gab Marc zu. »Es gibt eben noch mehr zwischen zwei Menschen, als eine App wissen kann. Aber sie ist ein guter Anfang und verbessert die Chancen, dem richtigen Partner zu begegnen, enorm.« Er sah sie an. »Probier es doch einfach mal aus.«

»Das werde ich.« Jenny schob das Telefon in ihre Umhängetasche. »Wissen eigentlich Mutter und Vater, dass du im Lande bist?«

»Nein, ich habe ihnen nichts gesagt. Mum würde nur wieder unnötig Wind um mich machen.«

Jenny schmunzelte. »Freu dich lieber. Wir sehen dich selten genug.«

»Ich freue mich ja. Ich muss nur …« Er zögerte. »Kann ich heute Nacht bei dir schlafen?«

Sie sah ihn überrascht an. »Hast du kein Hotel?«

»Doch, aber erst ab Montag«, erklärte er. »Ich wollte eigentlich das Wochenende bei den Eltern verbringen, deshalb bin ich heute schon gefahren. Aber ich habe vorhin erfahren, dass ich morgen früh zum Messebüro muss, um noch etwas zu klären. Wenn ich heute schon nach Hause fahre, lässt mich Mum bestimmt nicht mehr weg.«

Jenny lachte. »Verstehe. Ja, von mir aus. Du kannst auf meiner Couch schlafen.«

SAMSTAG

Jenny hatte bereits Brötchen beim Bäcker geholt, den Frühstückstisch gedeckt und Kaffee gekocht, als Marcs roter Haarschopf endlich aus dem Schlafsack auftauchte.

»Riecht gut«, nuschelte er, ohne die Augen zu öffnen.

»Guten Morgen, kleiner Bruder«, erwiderte Jenny. »Das Frühstück ist fertig!«

»Mhm.« Marc streckte sich, bis sich der Schlafsack spannte, dann setzte er sich auf. »Guten Morgen!«

Er schälte sich aus der Ballonseide und verschwand im Bad. Jenny sah ihm hinterher. Die App hatte ihn gestern als grün, als perfekt passenden Partner angezeigt. Das war eine Überraschung. Sie hatte immer gedacht, dass sie und Marc sich nicht nur äußerlich ähnelten. Aber offenbar gab es auch genug Gegensätze, weswegen die App ihre Profile als harmonisierend einstufte.

Natürlich kannte sie die Algorithmen, nach denen die Profile abgeglichen wurden, sie war schließlich dabei gewesen, als sie entwickelt wurden. Sie wusste, dass es entgegen der landläufigen Meinung nicht nur auf Übereinstimmungen ankam. Genau genommen war es die Kombination aus Ähnlichkeiten und Gegensätzen in bestimmten Bereichen, die darüber entschied, wie gut zwei Menschen zusammenpassten. Herauszufinden, welche das genau waren, war Teil der Arbeit ihres Teams, und sie wurden dabei immer besser. Dass Marc ihr Bruder war, konnte der Algorithmus nicht wissen.

Als er zurückkam, versuchte sie, ihn nicht mit den Augen der Schwester zu sehen. Groß und schlank, aber immer noch sehr jungenhaft mit schmalen Schultern und dem sommersprossigen Gesicht. Die etwas zu langen Haare trugen ihr Übriges dazu bei, ihn jünger aussehen zu lassen als die sechsundzwanzig Jahre, die er zählte. Wie er jetzt in der Badezimmertür stand, die Locken verstrubbelt vom Schlaf, in Boxershorts und einem blauen T-Shirt mit verwaschenem Malibu-Aufdruck, sah er eher wie ein Student im ersten Semester aus und nicht wie der erfolgreiche Juniorbereichsleiter einer aufstrebenden Firma.

»Was ist los, warum siehst du mich so an?«, fragte er.

»Nichts«, gab Jenny zurück. »Ich habe mir nur gerade gedacht, dass du dich überhaupt nicht verändert hast.«

»Das will ich hoffen.« Er drückte ihr einen dicken Schmatz auf die Wange und setzte sich an den Frühstückstisch. »Oh, es gibt frische Brötchen!«

»Ich kann dich ja nicht ohne Frühstück gehen lassen, oder?« Jenny schenkte ihm Kaffee ein, während Marc dick Nutella auf sein Brötchen klatschte.

»Jetzt klingst du genau wie Mum«, sagte er mit vollem Mund.

»Ich hoffe nicht.« Jenny nahm sich ebenfalls ein Brötchen. Sie halbierte es und tunkte es in ihren Kaffee. »Was hast du heute vor?«

»Ich fahre gleich zum Messegelände, ich muss mit jemandem von der Messeverwaltung sprechen. Einer unserer Mitarbeiter ist seit gestern da, um den Aufbau unseres Standes zu beaufsichtigen, und es gibt wohl Probleme.«

Jenny hob die Brauen. »Aber wieso musst du …«

»Sie haben unseren Stand an eine neue Stelle verlegt. Das ist nicht weiter schlimm, aber wir brauchen jetzt eine andere Beleuchtung. Ich bekomme das schon geregelt.«

Jenny lächelte ihn an. Von dem kleinen Jungen war jetzt nichts mehr zu bemerken. »Das glaube ich auch.«

Den restlichen Tag verbrachte Jenny mit Hausarbeit. Sie traf sich mit einer Freundin, die ein Auto hatte, zum wöchentlichen Einkauf beim Großmarkt, sie putzte das kleine Ein-Zimmer-Appartement, das sie in einem Wohnkomplex bewohnte, der zur Uni gehörte, sie goss ihre Blumen, wusch Wäsche und erledigte all die vielen Dinge, für die sie während der Woche keine Zeit hatte.

Ihr Masterstudium näherte sich der heißen Phase, und sie war kaum noch zu Hause. Sie hatte alle Kurse bereits absolviert und verbrachte die meiste Zeit am Institut für vergleichende Psychologie mit dem großen Forschungsprojekt von Doktor Carsten Hennrich, dem Dozenten für Psychometrie, der auch der Betreuer ihrer Masterarbeit war. Obwohl sie nur eine halbe Stelle hatte, schien sie manchmal rund um die Uhr damit beschäftigt zu sein, endlose Datenblätter auszufüllen, Profile auszuwerten, Berechnungen anzustellen und mit dem Programmierer der App zu diskutieren.

Nur ein kleiner Teil ihres Jobs hatte unmittelbar mit ihrer Masterarbeit zu tun, die wiederum nur ein kleines Rädchen in diesem riesigen neuen Gebiet der Psychometrie war, in dem es darum ging, Menschen in Zahlen und Formeln zu zerlegen, die man mit wissenschaftlichen Mitteln vergleichen konnte.

Manchmal wunderte sie sich selbst, wie sehr sie sich inzwischen für diese Arbeit begeisterte. Als Studienanfängerin hatte sie sich als Therapeutin gesehen, als künftige Retterin psychisch kranker Menschen. Doch inzwischen hatte sie die Wissenschaft für sich entdeckt und fand ihre Tätigkeit ungemein spannend.

Carsten war daran nicht unschuldig. Ihr Dozent verstand es, selbst für die trockensten Datensätze noch Begeisterung zu entfachen. Und ihr Aufgabengebiet war beileibe nicht so trocken, wie es auf den ersten Blick aussah. Ihr Team hatte den Bereich der drögen Erstellung und Auswertung von Profilen längst verlassen und stieß mit zunehmendem Erfolg in das Neuland der Prognosen vor. Die App war Datenquelle und Testumgebung in einem, und weil sie funktionierte, waren immer mehr Menschen bereit, ihre privatesten Daten zur Verfügung zu stellen, in der Hoffnung, damit die Liebe ihres Lebens zu finden.

Als Jenny mit der letzten Wäsche aus der Gemeinschaftswaschküche wieder in ihre Wohnung kam, blinkte die Statusleuchte an ihrem neuen Handy, das auf dem Tisch lag. Eine Nachricht von Dana, ihrer Freundin und Kollegin: Ob sie Lust hätte, zum Essen zu kommen, ihre Mitbewohner hatten gekocht, und es wäre genug für sie da.

Jenny sah aus dem Fenster, es war bereits dunkel, und Regentropfen schlugen gegen die Scheibe. Einen Moment lang war sie versucht abzusagen, ihr kuscheliges Sofa und ein spannendes Buch erschienen ihr ungleich verlockender, aber dann gab sie sich einen Ruck. Das Wetter war keine Ausrede, Samstagabend alleine zu Hause zu hocken, und sie schickte der Freundin einen erhobenen Daumen zum Zeichen ihrer Zusage.

Auf dem Weg zu Dana bereute sie ihren Entschluss bereits. Der böige Wind trieb ihr den Regen ins Gesicht und schüttelte die nassen Bäume immer genau dann, wenn sie gerade darunter herging. Zum Glück wohnte Dana nicht weit entfernt, trotzdem war Jenny ziemlich durchnässt, als sie bei ihr ankam. Während sie auf den Türsummer wartete, wrang sie ihre grüne Strickmütze aus.

Danas Mitbewohner waren drei Männer, zwei Lehramtsstudenten, die schon seit ihrer Schulzeit ein Paar waren, und ein selten anwesender Soziologe. Auch heute fehlte er, weshalb Jenny seinen Platz am Küchentisch bekam.

Jenny wusste um die Kochkünste der beiden Männer und wurde nicht enttäuscht. Die Lasagne schmeckte himmlisch, der Rotwein war schnell geleert, eine zweite Flasche folgte, und als sie sich schließlich auf den Heimweg machte, hatte es zu regnen aufgehört. Der Mond leuchtete kalt vom Himmel und überstrahlte fast die wenigen Sterne, die in der Stadt zu sehen waren.

SONNTAG

Der Regen hatte den Himmel reingewaschen, und Jenny sog tief die Luft ein, als sie am Morgen auf den kleinen Balkon trat. Es roch eindeutig nach Frühling. Aus den Bäumen unter ihr ertönte Vogelgezwitscher, und die Strahlen der Sonne machten einen zaghaften Versuch, Wärme zu verbreiten. Aber die Luft war noch eisig, deshalb kehrte Jenny schnell in ihr Zimmer zurück und schloss die Balkontür wieder, bevor sie ins Bad ging.

Mit feuchten Haaren setzte sie sich an den Frühstückstisch und löffelte ihren Obstsalat, während ihr Laptop hochfuhr. Statt einer Sonntagszeitung hatte sie ein Abonnement der Online-Ausgabe des Rheinischen Boten, und rasch überflog sie die Überschriften der Artikel. An der einen oder anderen Schlagzeile blieb ihr Blick hängen: Der Umbau des Hofgartens war fast abgeschlossen, aber die geplante Eröffnung des neuen Tunnels musste erneut verschoben werden. Ein Interview mit dem Bürgermeister klammerte dieses heiße Thema völlig aus, logisch, denn in einigen Monaten wollte er sich erneut zur Wahl stellen. Für den Nachmittag war eine Großdemonstration von Gegnern der aktuellen Flüchtlingspolitik der Kanzlerin angekündigt; damit war klar, dass sie heute um die Innenstadt einen großen Bogen machen würde. Dafür öffnete das Kaffeehaus im Volksgarten seine Tore, und rasch rief sie die Wetterseite auf. Das Niederschlagsradar zeigte für die nächsten Stunden keine einzige Wolke, und damit stand ihr Plan. Sie würde einen langen Spaziergang im Volksgarten machen und die Kamera ihres neuen Handys ausprobieren.

Dick vermummt verließ Jenny wenig später das Haus. Der Parka reichte ihr fast bis zu den Knien, und Wanderstiefel schützten ihre Füße vor den spiegelnden Pfützen auf den Wegen. Der Wind wehte ihr die Haare ins Gesicht und biss scharf und kalt in ihre Wangen. Sie zog sich die Mütze über die Ohren und vergrub die Hände in den Manteltaschen.

Zwischen den Bäumen des Parks war der Wind nur noch ein Flüstern in den Baumkronen, das von den Vögeln übertönt wurde. Am Fuß der alten Kastanien wuchsen dicke Nester von Schneeglöckchen, und Jenny zog das neue Handy heraus.

Nach ein paar Fotos, die sie aus unterschiedlichen Perspektiven machte, wurden ihre Finger kalt. Sie schob das Telefon in die Innentasche ihres Parkas und ging mit schnellen Schritten weiter, bis ihr wieder warm genug war. Dann hielt sie erneut an und suchte nach Motiven.

Erst fotografierte sie nur im Automatik-Modus und war überrascht, wie gut die Smartphone-Kamera das Zusammenspiel von Belichtung und Beleuchtung beherrschte. Sie probierte die Filtergalerie aus und vergnügte sich mit verschiedenen Schwarz-weiß-Effekten, bis ein Rotkehlchen auf sie aufmerksam wurde und neugierig näher hüpfte. Sie schaltete in den Sport-Modus und zoomte das kleine Tier heran. Die Kamera hatte nur ein Digitalzoom, trotzdem war das Foto gestochen scharf. Sie war begeistert.

Irgendwann verlor der Vogel die Geduld mit ihr und flatterte davon. Jenny war inzwischen am nördlichen Ende der Parkanlage angelangt. Der Wind hatte sich gelegt, und eine Bank stand einladend im Sonnenschein. Die Sitzfläche war trotzdem eiskalt. Sie zog den Parka nach unten und setzte sich so, dass der wattierte Stoff ihren Po vor dem kalten Holz schützte.

Das Display des neuen Telefons war so hell, dass sie ihre Fotos sogar im Sonnenschein betrachten konnte. Sie rief das zuletzt aufgenommene Bild des Rotkehlchens auf und vergrößerte es. Sie war beeindruckt; selbst die feinen Details des Gefieders waren deutlich zu erkennen.

Als Jenny mit klammen Fingern durch die App-Galerie wischte, fiel ihr Blick auf das Icon von App2Date. Sie hatte schon wieder verdrängt, dass Marc ihr die App installiert hatte. Kurz rang sie mit ihrem Gewissen, doch die Neugier siegte, und sie rief das Programm auf.

Es dauerte einen Augenblick, in dem sich das Logo drehte – ihre neuesten Aktivitäten wurden gescannt. Jenny wusste, dass auch die Fotos, die sie gerade aufgenommen hatte, Teil der Auswertung waren: Die Bilder von den Blumen und dem Rotkehlchen zog der Algorithmus genauso ins Kalkül wie die Tatsache, dass sie mit ihrem Telefon sonst nicht viel gemacht hatte.

Das rote Eichhörnchen erschien auf dem Display, und Jenny tippte es an. Die Kartenansicht erschien. Der Park, in dem sie sich befand, war als gelbgrüne Fläche dargestellt, die von gepunkteten Linien, den Wegen, durchzogen war. Sie zoomte in die Karte hinein und fand sogar die Bank, auf der sie saß; ein blauer Pin markierte ihre Position.

In dem Kartenausschnitt waren kaum Punkte zu sehen. Die App förderte direkte Kontakte, weswegen andere Dater nur in einem Umkreis von eineinhalb Kilometern angezeigt wurden. Um Details wie den Avatar zu sehen und ein Treffen zu vereinbaren, musste man sich sogar auf 300 Meter annähern. Das sollte verhindern, dass sich ein enttäuschter Dater auf die Suche nach seinem Date machte.

Jenny musterte das Display und verzog das Gesicht. Außerhalb des Parks waren vereinzelte rote und gelbe Punkte zu erkennen. Vielleicht sähe das Bild anders aus, wenn sie nicht Liebe, sondern Freundschaft gewählt hätte, denn die Parameter für Freundschaft waren andere. Oder gar Sex, denn um guten Sex zu haben, brauchte es nur wenige Gemeinsamkeiten.

Sie schüttelte den Kopf und hatte den Finger schon erhoben, um die App zu schließen, als am äußersten Rand des Kartenausschnitts ein grüner Punkt aufblitzte und sofort wieder verschwand.

Sie hob die Brauen. Da war er wieder, und genauso schnell war er wieder weg.

Sie schaute sich um und orientierte sich. Er musste irgendwo in den Straßen jenseits des Parks unterwegs sein und schien sich genau am Rand des Anzeigebereichs aufzuhalten. Sie erhob sich und ging langsam in Richtung Westen, die Augen auf das Display gerichtet. Da war er wieder!

Der Punkt bewegte sich langsam nach Norden, weg vom Park. Sie beschleunigte ihre Schritte. Der Punkt hatte angehalten. Wartete er auf sie? Nein, jetzt setzte er sich wieder in Bewegung. An der nächsten Straßenkreuzung bog er ab und kam ihr entgegen. Sie waren noch ungefähr 800 Meter voneinander entfernt, und unwillkürlich wurde sie schneller.

Himmel, was tat sie da eigentlich?

Sie blieb stehen und versuchte, ihr Verhalten zu analysieren. Gegen das Jagdfieber war offenbar auch sie nicht immun. Dieser Aspekt ihrer Arbeit war ihr völlig neu, denn emotionales Engagement war in ihrem Job verpönt. Und trotzdem lief sie jetzt durch den Park und verfolgte diesen grünen Punkt. War es das, was die Menschen antrieb? War das der Grund, warum die App binnen weniger Monate solch einen Hype ausgelöst hatte?

Der grüne Punkt war inzwischen so nahe, dass sie ihn anwählen konnte. Grasgrüner Dobermann. Ein Hund? Sie schüttelte den Kopf. In diesem Augenblick vibrierte das Handy in ihrer Hand. Ein Popup öffnete sich, und die Dating-Anfrage erschien. Sie schloss die Augen, ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sollte sie es tun oder nicht?

Ihr Zeigefinger schwebte über dem OK-Button, der Daumen lag auf dem Ausschaltknopf. Es war eine Mischung aus Trotz und Neugierde, wie sie sich eingestand, als sie das Display berührte.

Jakob betrat das Lokal und sah sich suchend um. Feuerrotes Eichhörnchen. Er hatte bis eben krampfhaft vermieden, sich zu genaue Vorstellungen von der Person hinter diesem Avatar zu machen. Zu oft war er inzwischen enttäuscht worden. Aber nun war er in ihrer Hand.

Normalerweise versuchte er, bei solchen Treffen der Erste zu sein. Derjenige, der zuerst da war und die Tür des Lokals im Auge behielt, war eindeutig im Vorteil, denn er konnte meist erkennen, wenn sich das Date näherte. Aber wer als Zweiter kam, hatte diese Möglichkeit nicht und musste raten, wer von den Gästen sein Date war.

Er blieb stehen und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Worauf bezog sich das rote Eichhörnchen? Auf die Haarfarbe? Die Kleidung? Die – Gott bewahre – Schneidezähne? Oder war sie schon abgehauen, als er zur Tür hereingekommen war?

Er hatte das selbst schon gemacht. Tintenblaue Brillenschlange war keine in Blau gekleidete Brillenträgerin gewesen, sondern eine fette Punkerin mit blauen Haaren und einem Tribal-Tattoo um das linke Auge. Er hatte sich nicht zu erkennen gegeben, sondern auf der Toilette abgewartet, bis sie aufgab. Das hatte ziemlich lange gedauert, und er fand es gar nicht witzig.

Der kleine Tisch in der hintersten Ecke weckte seine Aufmerksamkeit. Eine junge Frau nahm ihre Mütze ab, und ihre lockigen roten Haare leuchteten wie ein Signalfeuer quer durch den Gastraum. Er atmete tief durch und setzte sich in Bewegung. Der Weg schien ihm mit jedem Schritt länger zu werden. Sie hatte ihn bemerkt, und sie lief bei seinem Anblick nicht weg, sondern schaute ihm entgegen.

Mit seinem Aussehen war er im Allgemeinen auch zufrieden. Als Jugendlicher war er klein und dünn gewesen, das hatte er gehasst, doch seit er begonnen hatte, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen, hatte er an Schultern und Brustkorb zugelegt. Er war noch immer nicht sehr groß, aber damit hatte er sich abgefunden. Und wenn er seine Haare etwas länger trug, so wie jetzt, kringelten sie sich im Nacken zu braunen Locken, was die Mädchen zu mögen schienen.

Ihr breiter Mund verzog sich zu einem Lächeln, Sommersprossen tanzten, und er musste unwillkürlich an Pippi Langstrumpf denken. Er trat an ihren Tisch, sie stand auf und reichte ihm die Hand.

«Hallo, ich heiße Jenny«, sagte sie.

«Jakob«, antwortete er und erwiderte ihren Händedruck.

Sie war klein, fast einen Kopf kleiner als er, und ihre Hand verschwand in seiner. Ihre Finger waren kühl, aber sie fühlten sich perfekt an. Am liebsten hätte er sie gar nicht mehr losgelassen, doch sie entzog sie ihm, als sie sich wieder setzte.

Er tastete nach einem Stuhl und ließ sich ihr gegenüber nieder. Er war sprachlos.

Jenny musterte ihr Gegenüber unauffällig. Er sah nett aus. Braunes Haar, lockig und etwas zu lang, ein zauseliges Bärtchen auf Oberlippe und Kinn, wie es jetzt viele trugen, braune Augen, nette Augen, ein nettes Lächeln. Sympathisch. Aber er schien stumm zu sein, sah sie einfach nur an.

»Bist du öfter hier?«, fragte sie, um das Schweigen zu brechen.

Er schüttelte den Kopf. »Nein. Du?«

Sie nickte. »Ich gehe oft hier spazieren.«

Genau genommen war sie noch nie im Bootshaus gewesen, hatte bisher immer nur draußen auf der hölzernen Terrasse gesessen, die sich zum Volksgartensee hin öffnete, aber da hatten auch andere Temperaturen geherrscht.

»Was meinst du, hat uns zusammengebracht?« Sie biss sich auf die Unterlippe und ärgerte sich über sich selbst. Das war eine der Standardfragen, wenn sie die App testete. Doch Jakob schien sich nicht daran zu stören.

»Ich habe keine Ahnung«, sagte er und hob die Schultern. »Was glaubst du denn?«

Jenny überlegte fieberhaft. Für ihre Testprofile hatte sie eine Legende parat, hatte einen Katalog von Fragen und ein klar umrissenes Gesprächsziel. Jetzt ging es auf einmal um ihre eigene Person, und darauf war sie nicht vorbereitet.

»Ich fotografiere gern«, sagte sie schließlich. »Die App sieht wahrscheinlich, wie viele Fotos ich gespeichert habe.«

Jakob nickte. »Ganz bestimmt sogar. Ich fotografiere nämlich auch, aber nicht mit dem Handy.«

Jenny strahlte ihn an. »Das ist ja cool!«, sagte sie und meinte es auch so.

»Manchmal verkaufe ich sogar ein Bild an eine Zeitung, und das weiß die App sicher auch.«

»Da kann ich nicht mithalten. Ich knipse nur mit dem Handy.«

»Das macht doch nichts. Es kommt aufs Ergebnis an und nicht auf das Werkzeug.«

Jenny nickte. Dass er nicht mit seiner Ausrüstung protzte, gefiel ihr. »Gibt es etwas, das du besonders gern fotografierst?« Mist, es klang schon wieder wie ein Interview, aber Jakob gab bereitwillig Auskunft.

»Ich mache am liebsten Streetfotografie. Ich fotografiere Menschen auf der Straße, Fahrräder, Tauben, Mülleimer. Ich versuche, das Besondere im Alltäglichen zu zeigen.«

»Das klingt schön.«

Jakob sagte nichts, sondern schaute sie schon wieder nur an.

»Was ist los? Warum siehst du mich so an?«

Er riss die Augen auf und sah weg. »Entschuldige bitte. Es ist …« Er wurde rot und blinzelte. »Du bist umwerfend.«

Jenny schluckte, eine Hitzewelle fuhr durch ihre Brust. »Du kennst mich doch gar nicht.«

»Nein. Ich weiß. Entschuldige. Es war dumm von mir.« Er schlug die Augen nieder und hielt sie auf die Tischplatte gerichtet, bis der Kellner zwei Kaffee auf den Tisch stellte.

»Danke«, sagte er, und Jenny murmelte etwas Zustimmendes.

Jakob griff gleichzeitig mit ihr nach einer der beiden Tassen, und ihre Finger berührten sich.

»Entschuldige«, sagten sie beide wie aus einem Mund und griffen nach der anderen Tasse. Jenny kicherte, und Jakob fasste nach ihrer Hand. Sie hielt den Atem an.

»Feuerrotes Eichhörnchen.« Er fuhr mit der Fingerspitze über ihren Handrücken. »Hat das etwas mit der Haarfarbe zu tun?«

Nein, hatte es ziemlich sicher nicht. »Ich habe keine Ahnung«, erwiderte Jenny. Sie sollte ihm ihre Hand entziehen, aber es fühlte sich einfach gut an.

Er tupfte auf die Sommersprossen, die auch hier ihre Haut sprenkelten. »Eigentlich bist du gepunktet«, stellte er fest.

Jenny runzelte die Stirn und zog die Hand zurück. »Machst du dich über mich lustig?«, fragte sie.

»Aber nein, ich finde sie wunderhübsch. Jede Einzelne von ihnen.«

Jetzt musste sie lachen. »Du hast keine Ahnung, was du da sagst.«

»Wahrscheinlich nicht. Aber ich könnte es herausfinden.«

Seine braunen Augen sahen sie bittend an, und Jenny versank darin wie in einem Meer von Schokolade. Jetzt war sie sprachlos.

Jakob hob langsam die Hand. Seine Finger berührten ihr Haar, spielten mit den Locken, kitzelten sie am Ohr. Sie fuhr zusammen, und er nahm die Hand wieder weg.

Sie griff nach seinen Fingern und hielt sie fest. Ihr Herz klopfte, und sie spürte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoss.

»Langsam, Jakob«, flüsterte sie. »Ich habe das noch nie gemacht.«

»Du hast noch nie einen Mann gedatet?« In seinen Augen funkelten goldene Sterne.

»Doch, natürlich. Aber mir hat noch nie eine App gesagt, dass er …«

»… dass er perfekt zu dir passt?«, vervollständigte Jakob ihren Satz. »Zu mir auch nicht.«

Seine Augen ruckten zur Seite. Er log.

Jenny ließ seine Hand los und lehnte sich zurück.

»Nein, das stimmt nicht«, sprach er weiter. »Ich habe schon ein paar Grüne gedatet, aber es war noch nie so wie mit dir.« Er sah sie geradewegs an. Jetzt log er nicht.

Jenny rührte in ihrem Kaffee, riss ein Zuckertütchen auf und kippte es hinein, obwohl sie süßen Kaffee gar nicht mochte. Rührte weiter, alles nur, um ihre Hände beschäftigt zu halten.

»Und jetzt?«, fragte sie schließlich. »Wie geht es jetzt weiter?«

»Wir lernen uns besser kennen«, schlug Jakob vor. »Natürlich nur, wenn du willst.«

Er drängte sie nicht, das gefiel ihr. Langsam nickte sie.

Jakob nahm einen Schluck von seinem Kaffee, der inzwischen kalt geworden war, und verzog das Gesicht. Er drehte sich um, sah zum Eingang. Wo blieb sie?

Die Toiletten waren auf der Rückseite des Hauses und nur von außen zu erreichen, was wohl dem sommerlichen Terrassenbetrieb geschuldet war. Vor ein paar Minuten hatte Jenny mit den Worten »Ich bin gleich wieder da« ihren Parka angezogen und das Lokal verlassen.

Er schaute auf die Uhr. Zehn Minuten. Ihre grüne Wollmütze lag noch auf dem Tisch, er nahm sie in die Hand und roch daran. Glaubte zu riechen, wie sich ihre Haare angefühlt hatten, sah ihre Sommersprossen vor sich, als er die Augen schloss.

Nach einer halben Stunde gab er auf. Er bezahlte die beiden Kaffee und trat aus der Tür, umrundete das Gebäude und steckte den Kopf in die Damentoilette. Alles war still, der kleine Vorraum war leer, die Tür zur Kabine halb geöffnet. Ihr Name lag ihm auf der Zunge, aber er verkniff sich den Ruf und wandte sich ab. Er tastete nach der Mütze in seiner Jackentasche. Beim Gehen zerknüllte er die weiche Wolle.

Es hatte wieder zu regnen begonnen. Nässe durchdrang seine Schuhe, als er eine Wiese überquerte, er achtete nicht darauf und ignorierte auch das Wasser, das ihm von oben in den Kragen rann. Ohne genaues Ziel lief er einfach weiter. Der Park war menschenleer, nur ein einsamer Jogger zog in einiger Entfernung seine Runde, die Kapuze seines Shirts tief ins Gesicht gezogen. Ob er Jenny gesehen hatte?

Er blieb stehen und hielt sein Gesicht nach oben, die Tropfen fielen auf seine geschlossenen Lider und rannen über sein Gesicht. Er wusste nicht, wie lange er so stand. Als er die Augen öffnete, war der Jogger herangekommen. Seine rote Jacke leuchtete wie ein Fanal. Feuerrotes Eichhörnchen.

Jakob riss das Handy aus der Tasche und rief die App auf, die die ganze Zeit im Hintergrund aktiv gewesen war. Mit quälender Langsamkeit baute sich die Kartenansicht auf, das Display war nass, bevor die ersten Punkte erschienen. Er wischte es ungeduldig an der Hose ab. Nur Gelbe und Rote. Nein, da unten im Südpark war ein Grüner, fast hätte er ihn vor dem grünen Hintergrund der Karte übersehen. Er tippte ihn an, doch nichts passierte.

»Verdammte Scheiße«, entfuhr es Jakob. »Wie dämlich kann man eigentlich sein?«

Sie hatten den Handshake vergessen. Ohne Handshake hatte er keine Chance, sie wiederzufinden. Außer … Er machte auf dem Absatz kehrt und rannte den gekiesten Weg entlang, machte sich nicht die Mühe, den Pfützen auszuweichen. Seine Schuhe waren ohnehin schon durchweicht und verursachten bei jedem Schritt quatschende Geräusche. Er folgte dem Weg in einem großen Bogen um den Friedhof herum und an einer Kleingartenanlage vorbei. Das Tempo hielt er nicht lange durch, und bald verfiel er in einen gleichmäßigen Trab, so wie sonst auf dem Laufband. Er blieb erst stehen, als er zwischen den Bäumen den Deichsee schimmern sah.

Ein Blick auf das Handy zeigte – nichts. Die einzigen Punkte befanden sich weit im Norden. Offenbar fand im Alten Stahlwerk eine Veranstaltung statt, denn hier war eine ganze Wolke von Datern zu erkennen. Im Westen lag das Gelände des Uni-Klinikums, hier tummelten sich ebenfalls einige, Rote und Gelbe, aber nicht ein einziger Grüner. In und um den Park herum war alles leer, kein Wunder bei dem Wetter. Er stützte die Hände auf die Rückenlehne einer Parkbank und wartete, bis er wieder zu Atem kam.

Seine bisherigen Dates kamen ihm in den Sinn. Das Hellgraue Mauswiesel, die Lachsrosa Amsel und die Libelle, die Farbe hatte er vergessen. Mit dem Wiesel hatte er sich sogar ein paar Mal getroffen, Jasmin war eine hübsche Fitnesstrainerin, aber zu mehr als ein paar gemeinsam verbrachten Nächten hatte es nicht gereicht.

Im Grunde suchte er ja gar keine feste Partnerin. Anfangs hatte er deshalb in der App auch »Sex« gewählt. Da war die Auswahl zwar groß, aber entsprach nicht wirklich dem, was er sich vorstellte. Durch die Wahl von »Liebe« lernte er tatsächlich nette Frauen kennen, und wenn sich daraus mehr ergab, sollte es ihm recht sein. Mehr traute er der App nicht zu. Bis heute. Bis er Jenny getroffen hatte.

Die anfahrende Straßenbahn warf Jenny regelrecht in ihren Sitz. Sie schnappte nach Luft, und das Herz klopfte ihr bis in die Ohren. Nur vom Laufen, redete sie sich ein. Sie war nichts mehr gewohnt, was sollte es sonst sein, wenn der kurze Sprint zur Haltestelle sie so außer Atem brachte.

Sie zog das goldene Handy aus der Tasche und starrte auf den Bildschirm. Da war er, der grüne Punkt, genau über dem Bootshaus. Sie tippte ihn an. Grasgrüner Dobermann. Nur einen Moment lang zögerte sie, dann beendete sie die App und schaltete das Handy aus. Es fühlte sich an, als schaltete sie ihr Herz aus.