Are you finished? - No, we are from Norway - Sophie Seidel - E-Book
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Beschreibung

Wer Menschenkenntnis entwickeln will, sollte Psychologie studieren – oder in der Gastronomie arbeiten. Denn: Die wahren menschlichen Abgründe tun sich dort auf, wo der Mensch isst, trinkt und am Stammtisch sitzt. Als Sophie Seidel sich als Kellnerin etwas Geld dazuverdienen will, geben ihr die Kollegen keine zwei Wochen. Sie beißt sich durch, stemmt Bierkrüge und vollgeladene Teller und hört nachts zum Abreagieren Metallica. Doch schuld am täglichen Irrsinn sind weder die Kollegen noch der diktatorische Koch: Es sind die Gäste, die Sophie Seidel an den Rand des Wahnsinns treiben … Ein humorvoller Bericht aus dem Leben einer Kellnerin.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:291


Buch

Als Sophie Seidel im Bräufassl, einer Top-Location an der Münchner Touristenmeile, als Kellnerin beginnt, ahnt sie nicht, welcher Irrsinn ihr bevorsteht: Sie landet in einer skurrilen Welt mit verrückten Kollegen und noch verrückteren Gästen. Der Ton der Kellner untereinander ist hart, aber herzlich; das Geschrei des Küchenchefs mehr als gewöhnungsbedürftig. Doch es sind vor allem die lieben Gäste, über die sich Sophie Seidel täglich wundert, ärgert und amüsiert. Und nicht zu vergessen: die Prominenz. Von Günter Grass bis Woody Allen – Sophie Seidel hat sie alle bedient und die lustigsten und schrägsten Anekdoten aufgeschrieben. Sie lässt uns teilhaben an der an puren Wahnsinn grenzenden Welt einer bayerischen Kellnerin – ein Buch, das jeder Gast lesen sollte!

Autorin

Sophie Seidel ist Autorin und Journalistin. Sie schreibt in verschiedenen Genres unter Pseudonym. Zusätzlich zu ihrer publizistischen Tätigkeit arbeitet sie seit Jahren als Kellnerin in der Münchner Gastronomie. Are you finished? No, we are from Norway ist ihr erstes Sachbuch und schildert den selbst erlebten Wahnsinn, dem eine Kellnerin täglich ausgesetzt ist.

SOPHIE SEIDEL

EINE KELLNERIN AM RANDE DES WAHNSINNS

1. Auflage

Copyright © der Originalausgabe 2015 by Blanvalet Verlag,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literaturagentur Kai Gathemann

Umschlaggestaltung: semper smile, München

Umschlagmotive: © Shutterstock/Marish (3); Shutterstock/ONiONAstudio; Shutterstock/Vector pro

Redaktion: Judith Weißschnur

Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-15866-8Besuchen Sie uns auch auf www.facebook.com/blanvaletund www.twitter.com/BlanvaletVerlag.

www.blanvalet.de

Für D. S., die im Buch Leni heißt, meine Chefin.

Du hattest recht: »Wenn du das hier schaffen willst, musst du deinen Kaffeehaus-Service ablegen.« Du hast mir eine Chance gegeben und an mich geglaubt, als ich selbst an mir gezweifelt habe. Irgendwie hast du es geschafft, aus mir eine bayerische Bedienung zu machen. Manches wird mir für immer in Erinnerung bleiben; ich sage nur: Malaysia-Tisch.

Ich verdanke dir so viel! Deshalb sei dir dieses Buch gewidmet.

INHALT

PROLOG

MEIN WEG ZU WEISSWÜRST’ UND SCHWEINSBRATEN

VORHANG AUF – UNSERE TÄGLICHE FREAKSHOW

DIE SCHWIERIGKEIT, EINE BESTELLUNG AUFZUGEBEN

DATES UND DESASTER

FRAGEN VON GÄSTEN, AUF DIE ES KEINE ANTWORT GIBT

»SHE IS IN SE SOSS« – BROKEN ENGLISH

VON KINDERWAGEN, HUNDENÄPFEN UND REGENSCHIRMEN – DINGE, DIE HERUMSTEHEN

VIPS UND SOLCHE, DIE ES GERNE WÄREN

WIRT UNSER, DER DU BIST IN MÜNCHEN

TYPISCH MÄNNLICHE UND TYPISCH WEIBLICHE MAROTTEN

»MEI BIN I FROH, DASS I KOA JAPANER BIN« – ANDERE LÄNDER, ANDERE (UN)SITTEN

KELLNERN – VON STATUS, AUSRASTERN UND VERPASSTEN CHANCEN

WARUM RESTAURANTBEWERTUNGEN HÄUFIG UNBRAUCHBAR SIND

LETZTE RUNDE – SERVUS, SCHÖN WAR’S

EPILOG

GLOSSAR

DANK

Alle Personennamen sind geändert, um die Persönlichkeitsrechte zu wahren. Ebenso habe ich bestimmte Merkmale und Lebensumstände verändert oder mehrere Personen zu einer verschmelzen lassen. Einige der Begebenheiten sind mir in einem anderen Lokal passiert.

Das hier beschriebene Lokal, das jedoch einen anderen Namen hat, liegt in der Touristenmeile Münchens. Also: Suchen Sie bitte nicht nach einem Bräufassl in der Münchner Innenstadt.

Kollegin, mit der Absicht abzuräumen: »Are you finished?«

Gast: »No, we are from Norway.«

PROLOG

Es ist sechzehn Uhr und das Bräufassl ist leer, wie meistens um diese Zeit. Lilly und ich sitzen uns an Tisch vierzehn gegenüber und falten Servietten. Das ist eine ziemlich stupide Angelegenheit und es dauert ewig, weshalb man dabei über alles Mögliche plaudern kann. Man hat die Zeit dafür und ist auch in der richtigen Stimmung, weil die ewig gleichen Handbewegungen etwas Hypnotisches haben.

»Du schreibst doch«, sagt Lilly unvermittelt.

»Was?«

»Na, du bist doch so was wie ’ne Schriftstellerin oder so.«

Ich nicke. »Eine Schriftstellerin, die kellnert, oder eine Kellnerin, die schreibt.«

Lilly wirft mir einen amüsierten Blick zu und schiebt sich ein Pfefferminzbonbon in den Mund. Lilly ist einundfünfzig und seit Jahrzehnten auf der Suche nach Mr. Right, schlittert von einer Beziehung in die nächste, aber es ist nie jemand dabei, der ihr die Sterne vom Himmel holt, wie sie es sich wünscht. Sie ist eine schöne Frau, hat aber nie einen müden Cent in der Tasche, weil sie so ziemlich alles in Klamotten, Kosmetik und den Friseur investiert, der ihr diese honigfarbenen Strähnen macht. Lilly hat beinahe azurblaue Augen und tolle Zähne, die sie nach jedem Essen mit Zahnseide reinigt. Ich frage mich, wie viel Zeit sie morgens im Bad verbringt, denn sie ist immer perfekt geschminkt: Smokey Eyes, keine Pore zu sehen, rosa Lipgloss, die Lippen mit einem Konturenstift in einer leicht dunkleren Schattierung umrandet … Nach ihrer eigenen Aussage hat sie zwei beste Freunde: Domenico Dolce und Stefano Gabbana. Natürlich gebraucht, aber in gutem Zustand. Lilly ist eine großartige Kellnerin: schnell, zuvorkommend und immer freundlich. Sie ist smart, charmant, hat eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau und ist bei ihrem Vater aufgewachsen, der seine elterliche Liebe eher seinem Sohn schenkte. Lilly hat diese Kälte nie verkraftet, und als sie sich mit zwanzig auf die Suche nach der Mutter machte, war diese kürzlich verstorben. Kinder hat sie keine, da die Jahre dafür draufgingen, den perfekten Mann zu finden.

»Wieso schreibst’n nicht ein Buch über uns?«, fragt sie plötzlich.

»Über uns?«

»Du weißt schon. Diese verrückten Sachen, die wir hier erleben.«

Ich winke ab. »Weißt du, was ich glaube? Manche Geschichten sind so verrückt, dass sie uns niemand glaubt.«

Lilly lacht kurz auf. »Ja, wie die Geschichte mit der Japanerin, die vor der Klotür gestanden ist und verwundert die Klinke angestarrt und abgetastet hat.« Lilly nimmt einen Stapel Servietten und legt ihn in die Kiste neben sich. »Oder der Chinese, der an seiner Haxe knabbernd durch das Lokal spaziert ist.«

»Schreib das Buch!«, befiehlt Lilly. »Der Chef hat gestern auch gesagt: ›Die Leute sind so deppert, da muss mal jemand ein Buch schreiben.‹«

»Na, wenn das der Chef gesagt hat«, meine ich ironisch, »sein Wunsch ist mir Befehl.«

»Ach, du wieder.«

Im Grunde habe ich gar nichts gegen unseren Wirt. Er taucht nur ein- bis zweimal täglich kurz auf und lässt uns sonst in Ruhe. Manchmal ist er sogar ganz nett. Übel nehmen wir ihm, dass er unsere Namen nicht kennt. Er beschreibt uns immer nur mit die Schwarzhaarige, der Große oder die Sommersprossige.

»Also gut, ich werde ein Buch darüber schreiben. Ehrlich gesagt, der Gedanke ist mir schon mal durch den Kopf geschossen.«

Lilly scheint zufrieden und lächelt. »Weißt du, ich würd’s ja selbst machen, aber ich kann das verdammte das nicht vom dass unterscheiden, und den Unterschied zwischen den und dem kapier ich immer noch nicht. Und irgendjemand muss es ja machen! Die Leute müssen erfahren, was wir mit denen so durchmachen. Verstehst?«

Vier Stunden später ist das Lokal brechend voll. Es ist ein typischer Freitagabend. Die Anzugträger haben wieder einmal eine Woche hinter sich gebracht und beschließen, das ausgiebig zu feiern, bevor sie ins Wochenende starten.

Ich stelle gerade zwei Weißbier vor Stan und Olli. Sie heißen natürlich nicht wirklich so, aber der eine ist klein und dick und der andere groß und hager. Also haben wir sie irgendwann Stan und Olli genannt. Manchmal beschreibt man die Gäste dadurch, dass sie jemandem ähnlich sehen oder bestimmte Assoziationen wecken. »Lenny Kravitz will zahlen« oder »Bonnie und Clyde« brauchen noch Ketchup« oder »der Axtmörder will noch einen Jack Daniels« oder auch »ZZ Top wollen noch Brezen«.

Stan und Olli kommen immer freitags gegen sieben und essen einen Zwiebelrostbraten und trinken ein paar Weißbier. Der Freitagabend gehört eindeutig den Anzugträgern, oder wie mein Kollege Basti sie nennt: BWLer. Vielleicht liegt es daran, dass er selbst mal BWL studiert hat. Um sich das Studium zu finanzieren, hatte er angefangen zu kellnern, und irgendwann wurde das Studium zur Nebensache statt umgekehrt. Außerdem wollte er nach seinem Outing und der intoleranten Reaktion seiner Eltern seinem akademischen Vater eins auswischen. Ich weiß nicht, ob ich es mir einbilde, aber es scheint mir, als würde er die Anzugträger manchmal wehmütig aus den Augenwinkeln betrachten. Wahrscheinlich bereut er seinen eingeschlagenen Weg. Das tun übrigens die meisten Kellner: Sie bereuen es, Kellner geworden zu sein. Es gibt eine Handvoll, die diesen Job aus Überzeugung machen – oder es behaupten. Viele andere haben irgendwann eine falsche Abzweigung gewählt und sind beim Kellnern geblieben. Allerdings bleibt es nicht dabei, Getränke und Essen an die jeweiligen Tische zu bringen. So ganz nebenbei wird man auch Ernährungsberater, Dolmetscher, Sozialpädagoge, Putzfrau und eine Art Profiler. Und das ist keine Übertreibung! Wer Menschenkenntnis entwickeln möchte, sollte entweder Psychologie studieren oder in die Gastronomie gehen. Es sind Begegnungen zwischen Himmel und Hölle. Menschen mit Güte und Herz werden Ihren Weg kreuzen, ebenso wie verrückte Exzentriker mit kaum vorstellbaren Abgründen.

Olli steht auf und tippt an seinem Handy herum, während er sich in die Abgeschiedenheit der Garderobe stellt. Ich stehe mit Basti in der Nähe, und wir hören jedes Wort von Olli. »Ja, Schatz. Mir tut es doch auch furchtbar leid«, meint er bedauernd, »du weißt doch, dass Freitagabend immer diese lästigen Besprechungen stattfinden. Glaubst du etwa, mir macht es Spaß hier zu sitzen?«

Basti und ich sehen uns an und schmunzeln. Im nächsten Augenblick kommt Olli um die Ecke und bestellt freudestrahlend noch zwei Schnäpse bei mir. Dann setzt er sich wieder zu Stan und wir hören, wie er sagt: »Erledigt.«

Stan lacht.

Ich sage es doch: menschliche Abgründe.

Während ich die zwei Schnäpse in die Kasse tippe, kommentiert Basti: »Es könnte schlimmer sein. Olli könnte auch Affären haben und da ist es doch besser, wenn er sich mit seinem Kumpel den Bauch vollschlägt und sich zuschüttet.«

»Ehre, wem Ehre gebührt«, murmle ich.

Auf meinem Weg zur Schänke kommt mir Lilly entgegengelaufen. »Sophie!« Sie packt mich am Arm und ich denke, dass gerade irgendetwas Aufregendes passiert sein muss.

»Was ist los?«, will ich wissen.

»Gerade hat bei mir einer Preiselbeeren im Eierbecher bestellt. Das musst du in deinem Buch schreiben.«

»Welches Buch?«, fragt Basti, der gerade vorbeiläuft.

»Die Sophie schreibt ein Buch über uns«, erklärt Lilly.

»Echt?« Basti sieht mich belustigt an.

»Ja«, sagt Lilly, »über die Gäste und was uns mit denen so passiert.«

Basti denkt eine Weile nach, dann sagt er: »Ein Buch, soso.« Er breitet die Arme aus und legt seine Hände auf meine Schultern. »Ach, Schätzchen. Ich bin mir nicht sicher, ob die Gäste die Wahnsinnigen sind oder wir.«

Gast zeigt mir in der Speisekarte den Satz ›Ente nur auf Bestellung‹ und sagt: »Ich bestelle hiermit die Ente.«

MEIN WEG ZU WEISSWÜRST’ UND SCHWEINSBRATEN

Ich stehe in der Umkleide und will eigentlich noch entspannt eine Zigarette rauchen, bevor ich meinen ersten Arbeitstag beginne. Nichts mit Entspannung. Kaum dass ich mich umgezogen habe, kommt die Putzfrau herein und wischt um mich herum, was dazu führt, dass ich ständig ausweichen muss. »Da drieben hinstellen!«, befiehlt sie, dann: »Zurick!« Ich setze mich auf den Stuhl in die Ecke und hoffe, dass ich wenigstens noch die halbe Zigarette in Ruhe rauchen kann. »Du neu?«, fragt sie.

Ich nicke.

»Deine Name?«

»Sophie.«

»Aha.« Sie wringt den Putzlappen aus und sieht mich an.

Keine Ahnung, was ich sagen soll, aber irgendwie ist so eine komische Spannung in der Luft, die ich beenden will. Deshalb sage ich das Erste, das mir einfällt. »Sie sind die Putzfrau hier?« Als es raus ist, denke ich: Das kommt von der Nervosität an meinem ersten Arbeitstag.

»Nein, bin ich hier Hausbesitzer und mach ich bisschen sauber, weißt du.«

Okay, das ist die passende Antwort auf meine blöde Frage.

Ich schätze sie auf sechzig. Sie ist mollig und ihre Hände schrumpelig, wahrscheinlich vom vielen Arbeiten mit Wasser.

»Und wie heißt du?«, frage ich.

»Eleni.«

Ich lächle sie freundlich an. »Nett, dich kennenzulernen, Eleni.«

»Nett, ja, ja. Putzen, putzen, immer putzen. Scheiße nett …«

»Verstehe.«

»Verstehst du, ja?«

Ich nicke.

»Fuße hoch.«

»Wie bitte?«

Sie zeigt in die Ecke, wo ich sitze. »Da noch nix wische. Fuße hoch!«

Die Tür geht auf und eine Frau kommt herein. Wahrscheinlich meine Kollegin, überlege ich. Sie hat mittellanges dunkelblondes Haar und ist elegant gekleidet. Allerdings ist ihr Schmollmund das Erste, was mir an ihr auffällt.

»Hallo«, begrüßt sie Eleni und mich.

»Gottes Wille.« Eleni hält mit dem Putzen inne und legt sich schockiert die Hand auf die Brust. »Was passiere mit dir?«

Ich sehe diese Frau zum ersten Mal, habe demnach keine Vergleichsmöglichkeit, aber wie es scheint, sieht sie normalerweise anders aus.

»Ich hab mir die Lippen aufspritzen lassen«, erklärt sie und stellt ihre Tasche auf den Tisch.

»Hä?« In Elenis Welt gibt es Lippen aufspritzen wohl nicht.

»Das vergeht«, winkt die Frau ab, »in ein paar Tagen sieht es nicht mehr so aus.«

»Aber was mache?« Eleni wirft den Putzlappen in den Eimer, ohne den Blick von ihr losreißen zu können. »Meine Gott, bist du gefalle auf die Maul?«

»Lippen aufspritzen lassen«, sagt diese nun etwas lauter.

»Hä?«

»Spritze. Große Lippen. Hat Arzt gemacht. Später wird besser. Später schöne Mund.«

»Meeeeiiiine Gott …« Sie bekreuzigt sich.

Die Frau verdreht die Augen, dann streckt sie mir die Hand entgegen. »Übrigens, ich bin Bärbel.«

Eleni geht mit ihrem Eimer kopfschüttelnd aus der Umkleide, und ich höre, wie sie etwas murmelt, das sich anhört wie »alle ballaballa hier«.

»Manchmal spinnt sie schon ein bisschen«, kommentiert Bärbel, »aber was will man machen; die ist schon ewig hier.« Als sie ihre Pumps von den Füßen streift, erwarte ich, dass sie sich nun Sneakers, Ballerinas oder Bedienungsschuhe anzieht. Aber nein, sie zieht andere Pumps an. Geschätzt von zehn Zentimeter auf fünf; sind wohl ihre Arbeitsschuhe.

»Hältst du es mit diesen Schuhen aus?«, frage ich verblüfft.

»Ja, klar.«

Ich stehe vom Stuhl auf. »Ich geh schon mal runter …«

»Warte, ich komme mit.« Sie bürstet sich die Haare, korrigiert den Nagellack an einem ihrer Finger, trägt Lipgloss auf, zieht sich die Augenbrauen nach …

Als wir nach unten kommen, wird Bärbel von einer Bedienung namens Monika mit den Worten begrüßt: »Wie schaust’n du aus? Bist du in eine Schlägerei geraten?«

»Wie heißt’n du?« Nicole, meine neue Kollegin, steht vor mir und sieht mich direkt an. Sie ist mittelgroß und korpulent, hat eine dominante Art und schwarzes, lockiges Haar. An ihrer Wange ist eine Narbe. Ich schätze sie auf Mitte vierzig. Ihr Ausschnitt ist ziemlich tief, und ich komme mir wie Fräulein Rottenmeier aus Heidi vor, weil meine Spitzenbluse bis oben zugeknöpft ist.

»Sophie.«

»Sophie, aha«, meint Nicole und nickt, während sie mich weiter mit ihren haselnussbraunen Augen fixiert. »Wo hast’n vorher gearbeitet?«

Ich zähle meine Café-Restaurants auf. Ich bin fast ein wenig stolz, dass ich diese renommierten Namen aufzählen darf.

Nicole scheint darüber eine andere Meinung zu haben, denn sie runzelt die Stirn und schüttelt den Kopf. »Deine Cafés kannst du vergessen!«, meint sie ernüchternd. »Das hier, meine Liebe«, sie zeigt mit dem Finger gen Boden, »ist Hardcorekellnern.«

»Ach so?« Ich bin seit zwei Stunden hier und hatte erst zwei Gäste. Es ist siebzehn Uhr.

Nicole wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. »In ein bis zwei Stunden geht es los, dann kannst du zeigen, was du drauf hast.«

Plötzlich überkommt mich nackte Panik, die sich noch steigert, als sie hinzusetzt: »Wenn du drei Monate durchhältst, hast du’s geschafft. Ich geb dir zwei Wochen.«

Als sie sich umdreht und geht, bin ich erleichtert. Ich weiß nicht, was ich von ihr und den anderen halten soll. Permanent beobachten mich alle, zumindest kommt es mir so vor. Es ist keine besonders homogene Gruppe. Hier arbeiten Jüngere und Ältere, ein Schwuler, Missmutige und Nette …

Monika scheint mir doch ziemlich direkt zu sein. Was ihre Aussage »Heute kotzen mich alle irgendwie an« bestätigt. Sie ist schon älter und ihr Gesicht wirkt etwas abgespannt.

Um meine Nervosität nicht offen zu zeigen, laufe ich durchs Lokal. Es ist ein rustikales und schönes Restaurant. Das Besteck steckt nicht in Bierkrügen, sondern wird vor dem Essen gebracht. Besonderes Augenmerk gilt den hellen Tischdecken, und Leni, die Chefin, macht mich darauf aufmerksam, dass die Kanten in einer geraden Linie zueinander liegen müssen. »Die Station wird nach Schichtende so verlassen, wie du sie vorgefunden hast.«

Ich sehe sie an und nicke nur. Sie ist eine attraktive und aparte Frau, hat aber auch eine Art, die streng und fordernd wirkt. Ich glaube, sie kann mich nicht leiden. Ich mag sie auch nicht besonders.

Nicole hat nicht zu viel versprochen. Um neunzehn Uhr weiß ich nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Leni hat mir eine normale Station gegeben, was heißt: vier große Tische drinnen und fünf Tische draußen im Garten. Es ist Spätsommer und die Gäste sitzen sowohl draußen als auch drinnen gern. Ich habe insgesamt fünfzig Sitzplätze zu betreuen, und um halb acht sagt Nicole im Vorbeigehen zu mir: »Gib Gas und trag nicht immer nur zwei fucking Teller raus.«

In meinen Cafés musste ich maximal drei Kuchenteller tragen. Im Bräufassl tragen die Bedienungen vier Speiseteller.

Tisch eins und zwei haben ihre Getränke, möchten aber bestellen. Die vier Japaner auf Tisch drei winken, kaum dass sie sich gesetzt haben.

Cornelia, offenbar die Netteste von allen, legt mir kurz die Hand auf die Schulter und schreit gegen den Lärm an: »Das kannst du erst mal ignorieren. Japaner winken nämlich immer.«

Tisch vier muss abgeräumt werden, aber ich muss jetzt das Essen für den Garten rausbringen und dafür mehrmals laufen. Ich funktioniere nur noch. Mein Mund ist ganz trocken, dafür zittern meine Hände vor Nervosität. Als ich meine neue Bestellung vom Garten in die Kasse getippt habe und zu Tisch drei will, sehe ich, dass die Japaner schon ihre Getränke haben und auch die Speisekarten, die Cornelia ihnen gebracht hatte, nicht mehr am Tisch sind.

»Ich hab das boniert und hingebracht«, meint Leni und es hört sich vorwurfsvoll an. Ich spüre ihren Blick bei jedem Schritt, den ich mache.

Bärbel, die Kollegin mit den hohen Absätzen und dem neuen Schmollmund, rempelt mich im Vorbeigehen an und schnauzt: »Jetzt steh halt nicht dauernd im Weg rum.« So was. Dabei war sie in der Umkleide eigentlich noch ganz normal …

Basti, der schwule Kellner mit dem unnahbaren Gesicht, schubst mich beinahe jedes Mal an, wenn er an mir vorbeigeht. Mittlerweile hege ich den Verdacht, er tut es absichtlich.

Hier geht es rau zu, soviel ist klar. Meine früheren Lokale glichen allesamt indischen Ashrams, wo man sich mit Freundlichkeit an den anderen wandte und sich auch ab und an ein Lächeln zuwarf, nur um der guten Atmosphäre willen. Im Bräufassl steigt man einander auf die Füße, weil der Platz am Küchenpass so klein ist. Für Entschuldigungen ist kaum Zeit. Es wird gerempelt, geschubst, und Erwartungen an mich formuliert man so: »Bring das endlich weg!« oder »Mach halt schneller!« Auf meine Frage, wo ich die Tischdecken finde, bekomme ich zur Antwort: »Mach die Schränke auf, dann siehst du es schon!«

Auf diesen Gedanken wäre ich auch gekommen, aber ich wollte eigentlich Zeit sparen.

Das penetrante Klingeln aus der Küche dringt an mein Ohr.

Ich laufe zum Küchenpass, aber da kommt auch schon Basti angelaufen und lädt sich die Teller auf die Arme. Ein Teller bleibt übrig, aber den gibt er lieber Cornelia, die erst jetzt hinzukommt. Er ignoriert mich mit voller Absicht.

Plötzlich fällt mir ein, dass ich bei meinem bestellten Sauerbraten vergessen habe, Kartoffelknödel statt Semmelknödel draufzuschreiben. Verdammt, jetzt muss ich mit dem Küchenchef reden, und der hat bisher keinen freundlichen Eindruck auf mich gemacht.

»Äh, Herr Hansen?« Ich bücke mich, um Einblick in die Küche zu bekommen. Die Küchenhelfer sind in voller Aktion, und niemand nimmt mich wahr. Herr Hansen steht seitlich zu mir, und ich sehe, wie er gerade einen Semmelknödel auf einen Sauerbraten tut. Mist, das ist bestimmt meiner. Entweder hat er mich nicht gehört, oder er hat mich absichtlich überhört.

Ich räuspere mich ein wenig, und es klingt krächzend, als ich sage: »Herr Hansen?«

Er dreht sich um, stellt den Teller ab, nimmt den Bestellbon und legt ihn auf den Teller. Als er das Essen nach vorne schiebt, sehe ich bedauerlicherweise meinen Namen darauf. »Herr Hansen? Ich … hab da ein Problem.«

»Ihre Probleme interessieren mich einen Scheißdreck.« Oh, der Küchenchef scheint ein authentischer Typ zu sein. Normalerweise mag ich das, aber im Moment wäre mir aufgesetzte Freundlichkeit lieber.

»Nun ja, es geht um dieses Essen hier.« Ich zeige auf den Sauerbraten, worauf er mich hasserfüllt ansieht.

»Was ist damit?«, schreit er.

»Der Gast wollte lieber Kartoffelknödel statt Semmelknödel. Macht es Ihnen etwas aus, wenn …«

»Wollen Sie mich verarschen?« Herr Hansen klingt leise und ruhig, und das ist das Unheimliche daran.

»Nein.« Ich schüttle energisch den Kopf. »Ich hab einfach verge …«

»Ja, glauben Sie denn, ich hab nix Besseres zu tun, als hier die Beilagen auszutauschen, oder was?« Er starrt mich an und wartet tatsächlich auf eine Antwort. Und ich dachte, das sei reine Rhetorik.

»Tut mir leid«, sage ich. Hinter mir steht Merve, eine Halbtürkin Anfang zwanzig, und schreit über meine Schulter hinweg in die Küche: »Herr Hansen, können Sie die Kräutersoße zum Kotelett bitte nicht über das Fleisch gießen, sondern in einer Sauciere …«

»Ihr könnt mich mal am Arsch lecken!«, kommt es brüllend aus der Küche.

Ich lächle Merve unsicher an. Sie lächelt zurück und winkt ab in Richtung Küche. Vor zwei Stunden hat Merve mir erzählt, sie habe eine deutsche Mutter und einen türkischen Vater. Ihr Vater ist letztes Jahr gestorben, und irgendwie habe die türkische Kultur auf ihre deutsche Mutter ein bisschen abgefärbt. Die habe jetzt einen deutschen Freund, und als er kürzlich sagte, er würde heute das Essen kochen, hat die Mutter ihren Finger Richtung Tür ausgestreckt und gefordert: »Raus aus meiner Küche!«

Jedenfalls macht Merve in diesem Chaos einen recht ausgeglichenen Eindruck, wofür ich dankbar bin. Noch vor zwei Stunden, als das Lokal leer war, kamen sie mir alle recht umgänglich vor. Aber jetzt, wo das Essen sich stapelt und die Bons an der Schänke immer mehr werden, scheinen alle durchzudrehen.

Ich nehme meine bestellten Essen an mich, als gerade Berta um die Ecke biegt, um die schmutzigen Teller abzugeben. Sie ist Anfang sechzig, sieht aber älter und chronisch müde aus. Wie ich erfahren habe, macht sie diesen Job seit sie vierzehn ist. Nachdem sie das Geschirr über den Pass der anderen Seite zum Spüler geschoben hat, nimmt sie aus einer Ecke ein kleines Bierglas und nippt daran. Schlagartig wird mir klar, zu wem die kleinen Dunklen gehören, die irgendwie überall herumstehen. Einer meiner Teller wackelt, und Berta nimmt ihn und wartet, bis ich alles noch mal geordnet habe. »Die Teller sind so schwer«, jammere ich.

Sie nickt. »Ein Teller allein, ohne Essen drauf, wiegt 1,3 Kilo.«

»Oh, Gott«, sage ich nur, und sie nimmt einen großen Schluck, während ich an ihr vorbeiwackle.

Nachdem ich alles wohlbehalten zum Tisch gebracht habe, atme ich erst mal erleichtert auf. Die Erleichterung wird von Harry, dem Schankkellner, jäh unterbrochen. Er sieht mich wütend an und zeigt auf die Krüge, in denen der Schaum schon zusammengefallen ist.

Als ich angelaufen komme, sagt er: »Jetzt kann ich jedes verdammte Glas noch mal auffüllen, verdammte Scheiße.« Er nimmt den ersten Krug und zapft noch einmal nach.

»Ich nehme erst einmal vier«, sage ich freundlich, »weil ich zehn unmöglich tragen kann.«

Harry sieht mich an, als hätte ich gerade gesagt, dass ich eine Couch zum Ausruhen bräuchte.

Leni kommt näher und stellt sich neben mich. Mit ihrem Blick gibt sie mir zu verstehen, was sie von meiner Leistung hält: »Das fängst du gar nicht erst an. Was glaubst du, wie viel Zeit dadurch verloren geht und wie oft du laufen musst, wenn du dir so eine Arbeitsweise angewöhnst?«

Ich weiß, dass sie recht hat, aber ich kann doch nicht zehn Halbliterkrüge schleppen! Aus den Augenwinkeln sehe ich die Gäste, die auf ihr Bier warten und schon ungeduldig in meine Richtung blicken. Während mein Herz klopft und der Schaum schon wieder langsam zusammenzufallen beginnt, während ich darauf starre, schreit Harry mich an: »Bring’s endlich weg!«

Mit einer Hand nehme ich die einen fünf, mit der anderen Hand die anderen fünf Gläser. Sie hängen in alle Richtungen, und während ich zum Tisch renne, läuft der Schaum an den Krügen entlang und tropft auf meine neue Schürze und das teure Dirndl, das ich mir gestern gekauft habe.

Die nächste Stunde sehe ich in meiner Station nur noch winkende Arme und leere Teller, die ich abräumen muss. Ich versuche, das alles irgendwie zu schaffen und hinter mich zu bringen. Von der Geräuschkulisse bekomme ich Kopfschmerzen. Die Stimmen verschmelzen zu einem einzigen großen Murmeln.

Während ich eine Bestellung in die Kasse tippe, stehen Monika und Cornelia neben mir und tuscheln. »Polizei ist aber schon unterwegs«, sagt Cornelia gerade zu Monika.

ENDE DER LESEPROBE