Arik der Schwertkämpfer 1: Die Schmiede der Götter - Alfred Wallon - E-Book

Arik der Schwertkämpfer 1: Die Schmiede der Götter E-Book

Alfred Wallon

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Beschreibung

Der Umfang dieses Ebooks entspricht 251 Taschenbuchseiten. Der Schwertkämpfer Arik hat sich eines Tages entschieden, die Eisländer des Nordens zu verlassen, um sich als Söldner anheuern zu lassen. Auf dem Weg dorthin stößt er auf den Nachtherzog Arian, der mit seinen Geisterkriegern in der Bergregion ein Regime des Schreckens und Terror errichtet hat und ein abgelegenes Dorf niederbrennt. Bei einem Aufeinandertreffen wird Ariks Schwert Valnir zerstört, und er muss fliehen. Von einem überlebenden Bewohner erfährt Arik von der sagenumwobenen Schmiede der Götter, die sich auf dem höchsten Gipfel des Bergmassivs befindet. Sein Weg führt ihn dorthin, denn dies ist die einzige Möglichkeit, um sein Schwert neu schmieden zu lassen. Zu diesem Zeitpunk ahnt Arik jedoch noch nicht, dass die Götter schon längst über sein weiteres Schicksal entschieden haben und er dieser Bestimmung nicht mehr entfliehen kann.

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Seitenzahl: 289

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Alfred Wallon

Arik der Schwertkämpfer 1: Die Schmiede der Götter

Cassiopeiapress Fantasy Serie/ Edition Bärenklau

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Arik der Schwertkämpfer

Götter, Helden und Dämonen

Band 1

Die Schmiede der Götter

von Alfred Wallon

 

 

© dieser Digitalausgabe by Alfred Bekker/CassiopeiaPress

www.alfredbekker.de

[email protected]

 

EDITION BÄRENKLAU, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius

Die Schmiede der Götter – Die große Fantasy-Saga von Alfred Wallon & Marten Munsonius

© 2 Erzählungen in einem Band by Alfred Wallon und Edition Bärenklau, 2015

Cover © by Steve Mayer 2015

 

Der Umfang dieses Ebooks entspricht 251 Taschenbuchseiten.

 

 

Der Schwertkämpfer Arik hat sich eines Tages entschieden, die Eisländer des Nordens zu verlassen, um sich als Söldner anheuern zu lassen. Auf dem Weg dorthin stößt er auf den Nachtherzog Arian, der mit seinen Geisterkriegern in der Bergregion ein Regime des Schreckens und Terror errichtet hat und ein abgelegenes Dorf niederbrennt. Bei einem Aufeinandertreffen wird Ariks Schwert Valnir zerstört, und er muss fliehen. Von einem überlebenden Bewohner erfährt Arik von der sagenumwobenen Schmiede der Götter, die sich auf dem höchsten Gipfel des Bergmassivs befindet. Sein Weg führt ihn dorthin, denn dies ist die einzige Möglichkeit, um sein Schwert neu schmieden zu lassen. Zu diesem Zeitpunk ahnt Arik jedoch noch nicht, dass die Götter schon längst über sein weiteres Schicksal entschieden haben und er dieser Bestimmung nicht mehr entfliehen kann.

 

 

 

Erstes Buch

„... wo die Eisgebirge in den Himmel ragen

und der Nordwind durch die Pässe pfeift –

hoch über unzugänglichen Pfaden

hebt sie sich dunkel und geheimnisvoll empor!

Die Schmiede der Götter –

der Hort, wo Thunor der Donnerer herrscht.

Wenn Blitze am Himmel zucken,

dann zürnt der mächtige Donnergott,

und sein Fluch richtet sich gegen diejenigen,

die mit den Mächten der Finsternis paktieren.

Denn der Kampf zwischen der Macht des Lichts

und den Kräften der Finsternis –

er wird solange anhalten, bis die Welt stirbt ....

(aus den Chroniken von Kh’an Sor)

Der eisige Wind sang sein durchdringendes Lied, während er einzelne zerfetzte Schneeflocken heftig vor sich hintrieb. Dunkle Wolken hingen am grauen Himmel, und die spärlich scheinende Sonne zeigte sich schon seit einigen Stunden nur als fahles Licht. Ein stetiges Heulen des Nordwindes erfüllte die eiskalte Winterluft, die sich allmählich in einen handfesten Sturm verwandelte.

Der einsame Reiter, der die schneebedeckten Hochebenen von Andustan durchquerte, hatte große Mühe, sein Pferd unter Kontrolle zu halten. Denn das Tier scheute immer mehr, je stärker der Wind wurde und ihn am Vorwärtskommen in der weißen Felsenwildnis hinderte. Aber der Reiter riss das Tier umso härter an den Hanfzügeln und zwang es, sich weiter seinen Weg zu suchen, obwohl das Pferd mit den Vorderläufen schon sehr tief im Schnee einsank.

Der Mann auf dem Rücken des kräftigen Pferdes war groß, fast schon ein Hüne von Gestalt. Der Wind wirbelte die langen blonden Haare hin und her. Der Reiter musste die Augen zu schmalen Schlitzen zusammenkneifen, weil ihm der Wind eine Schneewolke ins Gesicht blies. Deshalb hielt er sein Haupt gesenkt, um dem Sturm so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten.

Ein dickes Bärenfell umhüllte seinen Körper und schützte ihn vor der schlimmsten Kälte. Aber er fror dennoch, da er mit so einer entsetzlichen Witterung hier oben nicht gerechnet hatte. Er war von den Bewohnern drüben auf der anderen Seite der Berge ausdrücklich gewarnt worden, zu dieser Jahreszeit den Pass zu überqueren. Denn in den Bergen wusste jedes Kleinkind die Anzeichen eines bevorstehenden Sturmes zu deuten. Die dunklen Wolken und der immer stärker werdende Wind waren die Vorboten gewesen, und jetzt hatte der Himmel seine Schleusen geöffnet und das Land mit Schnee überzogen!

Trotzdem kehrte der Reiter nicht um. Er war zu allem entschlossen. Sein Ziel waren die Ebenen von Kh’an Sor, die sich jenseits des Eisgebirges erstreckten, und dieses Ziel wollte er so schnell wie möglich erreichen. Weder Schnee noch Eis konnten ihn davon abhalten. Deshalb hatten ihn die Bewohner des kleinen Dorfes kopfschüttelnd in Richtung des Eispasses davon reiten sehen.

Der Name des Reiters war Arik. Er war ein Krieger aus den Eisländern des fernen Nordens. Er stammte aus einer Welt, in der Schnee und Eis ein fester Bestandteil des tagtäglichen harten Lebens war. Nur deshalb hatte er nicht gezögert, den Weg über das Eisgebirge einzuschlagen.

Auf seiner Reise durch die westlichen Länder hatte er mehrmals von verschiedenen Leuten gehört, dass der König des Steppenreiches von Kh’an Sor einen Feldzug gegen das benachbarte Fürstentum plante. Söldner wurden gesucht, und deswegen zog es Arik auf die andere Seite der Berge, wo ihn der Kampf, das Abenteuer und reiche Beute lockten.

Arik hatte seine ferne Heimat verlassen, um die fremden Länder des Südens kennen zu lernen. Seit er im Besitz des Götterschwertes Valnir war, hatte er zahlreiche Kämpfe ausfechten müssen. Bis jetzt hatten ihn die Götter immer beschützt – und seine feine Klinge. Das stärkte und ermutigte ihn, diese abenteuerliche Reise ins Unbekannte fortzusetzen.

Und deshalb trieb er das ermüdete Pferd unbarmherzig weiter durch den dichten Schnee, obwohl der eisige Wind Pferd und Reiter Tausende von kleinen scharfen Eiskristallen ins Gesicht schleuderte. Der Ritt durch die einsame Winterwelt war eine Qual für Mensch und Tier, doch der Krieger aus den Norden gab nicht auf. Er trotzte Wind und Schnee, die ihn am Vorwärtskommen zu hindern versuchten. Aber er kannte sein Ziel, und das trieb ihn voran.

Vor seinen Augen tanzten Schneewirbel, und er fühlte sich wie in einem endlosen Nebelmeer das keine Umrisse kannte. Er konnte nur wenige Schritte weit sehen. Arik musste sich deshalb ganz auf den Instinkt seines Pferdes verlassen.

Plötzlich wieherte das Tier laut auf. Schon einen Atemzug später geriet es ins Taumeln. Arik riss an den Zügeln, versuchte das Schlimmste zu verhindern, doch das Pferd gehorchte ihm nicht mehr. Stattdessen spürte er, wie die Vorderhufe einbrachen. Das Tier strauchelte. Arik versuchte sich im Sattel festzuhalten, doch es misslang ihm. Das Pferd wieherte nochmals, bevor es dann weiter einknickte und Arik nach vorn gerissen wurde.

Der stürzende Körper des Pferdes vermischte sich mit einer gigantischen Schneewolke. Arik selbst fiel so unsanft vom Pferd, dass er von Glück reden konnte, dass er sich bei diesem harten Sturz nicht einige Knochen gebrochen hatte. Für eine winzige Ewigkeit spürte er Schneemassen auf seinem Körper, ruderte deshalb wild mit den Armen, um sich Luft zu verschaffen. Es gelang ihm auch, aber wirklich im letzten Augenblick!

Schließlich versuchte er sich wieder zu erheben und stöhnte leise, als er den Schmerz an der Hüfte verspürte. Zumindest eine Prellung schien er sich doch zugezogen zu haben. Und noch immer schneite es unaufhörlich.

Irgendwie weiter vor sich im Sturm hörte Arik das schrille Wiehern seines Pferdes. Panik erfasste den Schwertkämpfer, als er daran dachte, dass das Tier sich bei diesem plötzlichen Sturz vielleicht verletzt hatte. Dann war er wirklich in einer schlimmen Lage. In diesem heftigen Schneesturm würde er nicht lange überleben ...

Arik kämpfte sich vorwärts in die Richtung, wo er das Wiehern vernommen hatte. Wenig später erkannte er die Konturen des Pferdes im wirbelnden Schnee. Sofort griff er nach den Zügeln, während er mit der anderen Hand das Tier zu beruhigen versuchte. Er murmelte einige Worte dicht am Ohr de Pferdes, aber sie wurden vom heulenden Wind fast vollständig verschluckt. Er hatte es nur seinen Händen zu verdanken, dass sich die Panik des Pferdes nicht noch mehr steigerte Indem er dem Tier über Nüstern und Ohren strich, beruhigte er es schließlich soweit, dass es nicht die Flucht ergriff.

Es war Wahnsinn gewesen, bei diesem Wetter die sicheren Täler zu verlassen und in die Berge zu reiten. Arik begriff das jetzt, und deshalb überlegte er fieberhaft nach einer Möglichkeit, diesem höllischen Sturm so schnell wie möglich zu entfliehen. Alles was er brauchte, war ein sicherer und trockener Unterschlupf, wo Arik so lange ausharren konnte, bis wenigstens dieser Eiswind nach ließ.

Arik stieg wieder in den Sattel und überließ es diesmal dem Pferd, sich den richtiger Weg zu suchen. Er trieb das Tier auch nicht mehr an, denn das war wohl die Ursache dafür gewesen, dass es gestürzt war.

Er hob die rechte Hand, um sich vor den wirbelnden Eiskristallen wenigstens etwas zu schützen. Der Eispass lag noch in weiter Ferne, aber irgendwo in diesem bizarren Landstrich, der so einzigartig markante Felsmassive hervorbrachte, musste es Schutz vor dem Schneesturm geben.

Er lenkte das Pferd noch tiefer zwischen die Felsen, weg von der Ebene und spürte, dass nun das Heulen des Windes wenigstens etwas abflaute. Trotzdem blieb die eisige Kälte des Winters, und Arik spürte, wie sehr er sich nach einem warmen Feuer sehnte.

Wahrscheinlich hatte er es nur Odan, seinem Schutzgott, und dem natürlichen Instinkt des Pferdes zu verdanken, dass er schließlich auf den schmalen Einschnitt im Felsmassiv stieß.

Als er noch näher heran ritt, erkannte er schließlich den Eingang zu einer Höhle. Arik zögerte keine Sekunde mehr. Er stieg vom Rücken des Pferdes und zog dann Valnir aus der Scheide, denn er wusste nicht, ob in dieser Höhle ein wildes Tier lebte. Er würde es aber gleich erfahren. Mit dem mächtigen Götterschwert in der Rechten stapfte er durch den kniehohen Schnee zum Eingang der Höhle. Das Pferd zog er mit der Linken am Zügel mit sich. Das Tier spürte, dass sein Herr einen schützenden Unterschlupf gefunden hatte und folgte ihm willig.

Augenblicke später ließ das Toben des Sturmes fast ganz nach, als Arik die Höhle betrat. Er wartete ab, bis auch das Pferd in Sicherheit war und schüttelte dann erst den Schnee ab, der sich in seiner Kleidung festgesetzt hatte.

Die Höhle war zwar nicht groß, aber dafür umso höher. Sie lag in einem finsteren Zwielicht, aber es reichte aus, um Arik erkennen zu lassen, dass sich kein weiteres Lebewesen in dieser Höhle aufhielt. Reiter und Pferd waren somit vorerst sicher.

Er wollte gerade das Pferd absatteln, als ein merkwürdiger Ton an seine Ohren drang, der irgendwo von draußen zu kommen schien und ihn zusammenzucken ließ. Es klang so, als wenn jemand kräftig in ein Horn stieß, um auf diese Weise ein Signal von sich zu geben.

Der blonde Krieger hielt in seinem ursprünglichen Vorhaben inne und wandte sich stattdessen wieder zum Eingang der Höhle. Draußen fiel immer noch dichter Schnee, und er musste seine Augen gewaltig anstrengen, um in dieser weißen Hölle irgendetwas erkennen zu können.

Dann erblickte er die Gestalten in den wirbelnden Schneeflocken! Ein ganzer Reitertrupp war es. Arik sah die dunklen Helme und Brustpanzer, die alle Reiter trugen und ihnen ein geheimnisvolles Aussehen verlieh. Die Helme bedeckten vollständig die Köpfe der Reiter. Nur der klirrende Trab drang zu ihm hinüber – die Reiter dagegen schwiegen, als sie nur wenige Schritte von seinem Unterschlupf entfernt vorbeiritten. Arik erkannte nun auch, woher dieser lang gezogene Laut stammte, den er eben gehört hatte. Der erste der Reiter setzte jetzt nämlich wieder ein Horn an den Mund und blies hinein. Erneut erklang dieser merkwürdige Laut, der Arik frösteln ließ – und diesmal trug die Kälte des Winters keine Schuld daran!

Bevor Arik noch weitere Einzelheiten ausmachen konnte, waren die geheimnisvollen Reiter auch schon wieder seinen Blicken entschwunden. Der Schwertkämpfer wischte sich über die Augen. War das ein Spuk der Götter gewesen? Diese dunklen Reiter hatten auf ihn wie Wesen aus einer anderen Welt gewirkt. Vielleicht war es sein Schicksal gewesen, dass er kurz vorher die Höhle gefunden hatte, denn sonst wäre er mit den Reitern zusammengestoßen.

Arik erinnerte sich in diesem Moment daran, dass man sich über das Hochland von Andustan merkwürdige Dinge erzählte. Dieser einsame Landstrich war nur schwach besiedelt und stellte somit ein Paradies für Halunken und Plünderer dar, die auf Reisende lauerten, um ihnen dann den Garaus zu machen. Es war gut möglich, dass auch diese Reiter Finsteres im Schilde führten ...

Mit gemischten Gefühlen ging er wieder ins Innere der Höhle, zurück zu seinem Pferd. Für die nächste Zeit würde er besser hier bleiben und das Ende des Sturms abwarten. Hoffentlich hielt dieses dichte Schneetreiben aber nicht noch Tage an, denn Arik hatte nicht viele Vorräte dabei. Schließlich hatte er nicht damit gerechnet, wie unbarmherzig der Winter hierzulande war.

*

Irgendwann ließ das dichte Schneetreiben nach. Die dunklen Wolken am Himmel machten den ersten zögernden Sonnenstrahlen Platz. Auch der Wind war abgeflaut, und das Unwetter hatte sich verzogen.

Arik riskierte einen Blick hinaus ins Freie. Ein erleichtertes Lächeln huschte über seine markanten Gesichtszüge. Es sah ganz danach aus, als wenn er nun seinen Weg zum Eispass fortsetzen konnte. Deshalb sattelte er rasch sein Pferd und verließ die Höhle.

Die wärmenden Strahlen der Sonne taten ihm gut. Die furchtbare Kälte der letzten Stunden hatte seinen Körper ziemlich geschüttelt, aber jetzt fühlte er sich sichtlich wohler, als er hinauf zum blauen Himmel sah.

Während der letzten Stunden war ziemlich viel Schnee gefallen. Das erschwerte natürlich das Vorwärtskommen, aber das Pferd hatte ebenfalls neue Kräfte gesammelt. Arik gab ihm die Zügel frei, und das Tier suchte sich weiter seinen Weg durch den Schnee. In der Ferne zeichneten sich die hohen bizarren Gipfel des Eisgebirges ab, und genau die waren Ariks Ziel. Er hatte keine andere Wahl, wenn er rechtzeitig zum beginnenden Feldzug in Kh’an Sor sein wollte. Er durfte sich einfach keinen weiteren Umweg erlauben, denn das kostete ihn nur unnötige Zeit.

Die Ebenen von Andustan lagen weit hinter ihm zurück. Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, seit er zum letzten Mal eine menschliche Ansiedlung gesehen hatte. Dieses Land war öde und menschenleer. Wenn ihm hier etwas zustieß, dann war sein Schicksal besiegelt.

Der Pfad hinauf in die Berge war schmal. Zerklüftete schneebedeckte Felsen erhoben sich zu beiden Seiten des engen Weges. Der Boden war hart vom Frost und glatt noch dazu. Das Pferd hatte große Mühe, vorwärts zu kommen, so dass Arik schon sehr bald absteigen und das Tier am Zügel hinter sich herziehen musste. Noch ein weiteres Plateau musste er überwinden, dann hatte er das Eisgebirge erreicht – und wenn er Glück hatte, so konnte er in zwei Tagen auf der anderen Saite der Berge und somit am Ziel sein.

Als er den steilsten Teil des Pfades hinter sich und somit das erste Plateau erreicht hatte, saß er wieder auf. Das war der Augenblick, wo er plötzlich wieder diesen lang gezogenen Ton vernahm, der ihn bereits während seines Aufenthaltes in der Höhle aufgeschreckt hatte. Diesmal klang er wieder nicht weit entfernt. Arik beschloss, diesen Dingen nun auf den Grund zu gehen, denn sein Gefühl sagte ihm, dass es nun endgültig aus und vorbei war mit der Ruhe und Einsamkeit der abgeschiedenen Berge.

*

Die Reiter verharrten auf der Anhöhe und blickten hinunter in die Senke, in der sich das kleine Dorf befand. Schweigen herrschte unter den dunkel gekleideten Männern. Nur das Schnauben der Pferde und das Knarren des Sattelleders durchbrach die Stille.

Die unheimlichen Reiter erschienen wie eine apokalyptische Vision der Finsternis. Mitleidlose leere Augen starrten aus dem schmalen Visieren der geschlossenen Helme hinunter in die Senke. Die Hände befanden sich in der Nähe der Lanzen und Schwerter, und es bedurfte nur noch eines weiteren Signales, bis sie angriffen. Sie waren gekommen, um den Tod in das Bergdorf zu bringen, und die unschuldigen Bewohner ahnten nichts davon.

Der Mann, der den Reitertrupp anführte, trug ebenfalls eine schwarze Rüstung. Seine breitschultrige Gestalt wurde ebenfalls von einem schwarzen Umhang verhüllt. Siegessicher blickte er hinunter auf das kleine Dorf, das das Ziel seiner finsteren Pläne war.

Sein Name war Arian. In den Bergen von Andustan kannte man ihn unter dem Namen Nachtherzog. Finstere Gerüchte umgaben diesen Mann. Die Menschen in den Bergdörfern sprachen seinen Namen nur unter vorgehaltener Hand aus und beteten in stürmischen Nächten zu ihren Göttern, dass sie von den schwarzen Reitern des Nachtherzogs verschont wurden. Arian und seine unheimlichen Krieger – seelenlose Kreaturen der Finsternis, die nur durch seine Magie lebten – waren eine schlimme Plage.

Jetzt stand ein weiterer Vernichtungsschlag gegen ein Bergdorf bevor. Noch wussten die Menschen da unten nicht, dass sich ihr Schicksal schon längst entschieden hatte. Noch fühlten sie sich ganz sicher im Schutze dieses abgelegenen Tales. Aber gegen den Nachtherzog und seine Kreaturen der Hölle gab es keinen wirksamen Schutz!

Arian lächelte grausam. Er sah einige der Bewohner, die zwischen den einfachen Hütten ihrer Tätigkeit nachgingen. Keiner von ihnen rechnete jetzt mit einem Überfall. Der Nachtherzog drehte sich nun um zu seinen Reitern. Zehn an der Zahl waren es, die mit ihm die Drachenburg verlassen hatten und mit ihm auf Beutejagd gegangen waren. Zehn reichten auch aus, um dieses Dorf in Schutt und Asche zu legen. Die schwarzen Reiter blieben stumm und warteten auf seinen Befehl. Sie hatten keinen eigenen Willen, denn nur Arians Zauberkräfte hielten sie am Leben, hauchten ihnen dämonische Kräfte ein. Der Nachtherzog war ein mächtiger Magier, der seine Stärke aus dem Reich der Finsternis schöpfte.

„Blast zum Angriff!“, rief er den Reitern zu. „Brennt das Dorf nieder!“

Diese Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Mit monotonen Bewegungen riss eine von Arians Kreaturen das Horn an die eiskalten Lippen. Der durchdringende Ton wurde wenig später von den Felswänden als verzerrtes Echo zurückgeworfen.

Arian trieb als erster sein Pferd an, und die zehn Reiter folgten ihm. Schnee stob unter den wirbelnden Hufen der Pferde auf, als die schwarzen Reiter hinunter in die Senke ritten. Und der Tod war ihr Begleiter!

*

Mara setzte den Korb ab und wischte sich den Schweiß aus der Stirn. Zu dieser Stunde herrschte in dem kleinen Dorf ein emsiges Treiben, denn nach dem heftigen Sturm galt es, die schlimmsten Schäden rasch auszubessern. Da musste eben jeder mithelfen. Auch das schlanke Mädchen mit den schwarzen Haaren trug ihren Teil dazu bei.

Sie wollte den Korb gerade wieder hochheben, als ihr Blick wie von einer Laune des Schicksals gelenkt plötzlich hinauf zur Anhöhe schweifte. Mara wurde leichenblass, und der Korb entglitt ihren Händen, als sie die schwarzen Reiter sah. Ein gellender Schrei kam ihr über die Lippen, als sie das Hornsignal hörte.

„Der Nachtherzog!“, schrie sie voller Panik. „Die Reiter der Finsternis kommen!“

Nun erkannten es auch die anderen. Entsetzt und im ersten Moment wie gelähmt richteten sich die Blicke der Menschen auf die apokalyptischen Reiter, die jetzt ihre Pferde antrieben und los preschten. Mara sah sich um, aber sie erkannte nur angstverzerrte Gesichter.

Die Dorfbewohner rannten jetzt umher wie aufgescheuchte Hühner. Eine einzige Stimme forderte die anderen auf, zu den Waffen zu greifen und sich zu wehren. Doch dieser Ruf verhallte ungehört. Zu groß war die Furcht vor dem Nachtherzog, der die Mächte der Finsternis auf seiner Seite hatte.

Mara überwand ihren ersten Schock und stolperte vorwärts zu der Hütte, in der sie allein mit ihrem Großvater lebte. Der alte Eroch war der Schamane des kleinen Dorfes.

„Großvater!“, rief Mara, während sie in die schäbige Hütte stürmte. „Wir müssen fliehen, sofort! Der Nachtherzog und seine Reiter greifen das Dorf an!“

Während sie das sagte, saß der Schamane auf einer Decke und blickte in die Flammen eines rauchlosen Feuers. Sein weißbärtiges Gesicht schimmerte geheimnisvoll im Schein der Flammen. Als Mara in die Hütte kam, wurde er von einem Augenblick zum anderen aus seinen Träumen gerissen.

„Der Nachtherzog ...“, murmelte er. „Also hat er unser Dorf doch noch gefunden.“

„Ja, Großvater“, antwortete Mara ungeduldig. „Aber sie werden uns alle töten, wenn wir nicht schnellstens fliehen. Komm, Großvater – sonst ist es zu spät!“

Sie eilte auf den alten Mann zu und half ihm beim Aufstehen. Dann hasteten beide aus der Hütte hinaus ins Freie und bekamen mit, wie die dunklen Reiter in diesem Moment die ersten Behausungen des Dorfes erreicht hatten. Angstschreie erfüllten die Luft, während sich die dunklen Kreaturen auf die hilflosen Dorfbewohner stürzten. Mara sah fassungslos zu, wie ihre Freundin Layn von einem der Reiter verfolgt wurde. Das Mädchen schrie laut um Hilfe, und sie erkannte nun Mara und ihren Großvater, die in diesem Moment die Hütte verlassen hatten.

Natürlich wollte Mara instinktiv ihrer Freundin zu Hilfe eilen, doch der alte Schamane hielt sie am Arm fest.

„Nicht, Mara!“, rief er gehetzt. „Es bleibt keine Zeit mehr dafür. Der Nachtherzog kennt keine Gnade ...“

Eroch riss das schwarzhaarige Mädchen mit sich, während ihn seine schwachen Beine durch den Schnee trugen. Seine Enkelin sah zurück und erkannte mit Entsetzen, dass der dunkle Reiter Layn nun eingeholt hatte. In seinen Händen hielt er eine große Lanze und zielte mit ihr nach dem hilflosen Mädchen.

Mara schloss die Augen, während Layn von der Lanze aufgespießt wurde. Aber für Trauer blieb jetzt keine Zeit mehr. Schließlich ging es um ihr eigenes Leben, das sie retten wollten. Der alte Mann und das Mädchen liefen so schnell sie konnten. Eroch stützte sich dabei auf einen knorrigen Stock, der ihm das Vorwärtskommen im Schnee etwas erleichterte.

„In die Berge!“, rief er seiner Enkelin zu. „Mara, wir müssen in die Berge!“

Das Mädchen begriff, was ihr Großvater damit sagen wollte. Das Dorf war nicht mehr zu retten. Bereits jetzt schon schlugen die ersten Flammen aus den armseligen Hüttendächern empor, und immer wieder waren die Hilfeschreie der unglücklichen Menschen im Dorf zu hören, die sich gegen die Übermacht von Arians Kreaturen zu wehren versuchten. Aber das gelang ihnen natürlich nicht. Die Krieger des Nachtherzogs waren unheimliche Kämpfer, und dem konnten die einfachen Menschen nichts entgegensetzen.

Der dunkle Reiter, der Layn getötet hatte, stürmte jetzt zwischen zwei Hütten hindurch. Zufällig fiel sein Blick auf die beiden Flüchtenden. Sofort ließ er die Beute fallen, der er eben noch seine Aufmerksamkeit geschenkt hatte.

„Er hat uns gesehen, Großvater!“, schrie Mara und wurde bleich. „Jetzt verfolgt er uns!“

Eroch hielt inne, drehte sich hastig um. Die Anstrengung hatte sein Gesicht gezeichnet. Das Alter forderte nun seinen Tribut. Seine Hände zitterten, und doch wollte er noch nicht aufgeben. Denn es ging auch um Maras Leben. Sie durfte nicht in die Hände dieser Kreaturen fallen, sonst stand ihr ein schlimmes Ende bevor.

„Lauf weiter, Mara!“, rief er ihr zu. „Ich werde versuchen, den schwarzen Teufel irgendwie aufzuhalten. Nun lauf doch schon, Mädchen!“

Ungläubig blickte ihn Mara an.

„Großvater, du darfst dich nicht opfern. Du kannst doch nicht ...“

„Ich habe mein Leben hinter mir“, schnitt ihr der alte Schamane heftig das Wort ab. „Jetzt geht es nur noch um dich. Du kennst doch die Höhlen am Eispass. Dort versteckst du dich. Sieh doch, da drüben rennen Derwan und Marth. Du bist also nicht ganz allein – und nun lauf!“

Die letzten Worte kamen ihm hastig über die Lippen. Da begriff Mara, dass ihr keine andere Chance mehr blieb. Aufschluchzend lief sie los, bahnte sich einen Weg durch den tiefen Schnee, während der alte Eroch auf der Stelle verharrte. Seine gichtigen Hände richteten den Knotenstock zum Himmel empor. Mit lauter Stimme flehte er die Götter der Berge an, ihm zu helfen. Aber der dunkle Reiter kam immer näher ...

*

Arik sah die schwarzen Rauchwolken, noch bevor er die Spitze des Hügels erreicht hatte. Augenblicke später trug der Wind die verzweifelten Hilfeschreie von Menschen zu ihm empor, und er hörte das schrille Wiehern von Pferden.

Irgendwo dort drüben schlug der Tod erbarmungslos zu, und diejenigen, die es betraf, waren machtlos dagegen. Sofort riss Arik mit einer geschmeidigen Bewegung Valnir aus der Scheide auf seinem Rücken und drückte gleichzeitig seinem Pferd die Hacken in die Weichen. Er wusste zwar nicht, was ihn nun erwartete, aber dort waren Menschen in Not, die seine Hilfe brauchten.

Wenig später sah er die brennenden Hütten des Bergdorfes. Seine Augen nahmen einen harten Glanz an, als er sah, wie schwarzgekleidete Reiter zwischen den Hütten wüteten und dort ein Bild des Schreckens anrichteten. Menschen starben unter den Schwertern und Lanzen. Arik begriff angesichts dieser Gewalt nicht, woher diese Halunken das Recht nahmen, ein einsames Bergdorf einfach auszulöschen.

Er lenkte das Pferd hinunter in die Senke und hielt Valnir hoch empor. Im selben Moment erkannte er das schwarzhaarige Mädchen, das auf ihn zu rannte wie ein gehetztes Stück Wild. Immer wieder blickte sie hinter sich, als wenn eine Horde bösartiger Teufel ihr folgten. Jetzt erst erkannte sie den blonden Schwertkämpfer und stoppte ihren Lauf. Zuerst schrie sie laut auf, als sie den hünenhaften Krieger mit dem Schwert in der Hand näher kommen sah. Erst dann schien sie zu begreifen, dass Arik nicht zu diesen Mordbrennern gehörte.

„Helft uns, Fremder!“, rief sie verzweifelt und wies mit der Hand hinter sich. „Der dunkle Reiter ...mein Großvater ist viel zu schwach, um ihn aufzuhalten ...“ Sie hielt in ihrem Redeschwall inne, weil sie ganz außer Atem war.

„Lauf dort drüben zu den Felsen, Mädchen!“, rief ihr Arik zu. „Ich werde deinem Großvater helfen.“ Er verlor keine weiteren Worte mehr, sondern handelte unverzüglich.

Während er weiter hinunter in Richtung Dorf ritt, erblickte er die dürre Gestalt des weißbärtigen Schamanen, dessen Gewand vom Wind hin und her gewirbelt wurde. Er sah auch, wie der Alte verzweifelt versuchte, die drohende Gefahr von sich abzuwenden.

Wahrscheinlich betete er zu seinen Göttern. Aber es mussten schlechte Götter sein, denn sie verhüllten ihr Haupt und halfen ihm nicht. „Rette dein Leben, alter Mann!“, schrie ihm Arik zu, als er ihn fast schon erreicht hatte. „Ich werde für dich kämpfen. Das Mädchen wartet oben bei den Felsen auf dich!“

Falls der alte Mann wirklich überrascht über Ariks plötzliches Auftauchen war, so nahm der blonde Krieger das gar nicht mehr wahr. Denn nun fixierte er seinen Gegner, der mit gezogenem Schwert auf ihn zugeritten kam. Er trug die dunkle Rüstung seiner Gefährten, und Arik spürte die Gefahr, die von diesem Reiter ausging.

Er stieß den Kriegsruf der Schwertkämpfer seines Volkes aus und wartete ab, bis sein Gegner so nahe gekommen war, dass er einen ersten Hieb wagen konnte. Das scharfe Schwert des dunklen Reiters zielte nach Ariks Brust, als die beiden aufeinander prallten, aber dieser konnte sich im letzten Moment noch im Sattel ducken und entging so dem tödlichen Stoß des dunklen Reiters.

Nun teilte Arik einen Hieb aus, zielte nach dem Halsansatz des Gegners. Valnir traf auch das Ziel. Dieser Hieb hätte eigentlich das Ende des dunklen Reiters bedeuten müssen. Doch nichts geschah. Stattdessen glühte Valnirs Klinge rötlich auf – ein Zeichen dafür, dass hier Kräfte der Finsternis am Werk waren.

Zwar wankte der dunkle Reiter kurz im Sattel, aber dann schwang er erneut seine tödliche Waffe. Arik kam ihm jedoch zuvor und verabreichte ihm einen zweiten Hieb, der diesmal den Helm des Gegners traf.

Der dunkle Reiter zitterte plötzlich, und das Schwert entglitt seinen Händen. Arik wusste, dass er jetzt nur diese eine Chance hatte, und die musste er nutzen.

„Dein Blut für Odan!“, schrie der blonde Hüne und holte zu einem alles vernichtenden Hieb aus. Valnir bohrte sich tief in die Brust des Gegners und durchschnitt schließlich die gepanzerte Rüstung mit Leichtigkeit. Arik riss das Götterschwert nur einen Atemzug später wieder zurück und sah mit Genugtuung den Feind vom Pferd stürzen. Dumpf schlug er im Schnee auf und rührte sich nicht mehr.

Nachdenklich blickte Arik auf den Toten. Dreimal hatte er zuschlagen müssen, bis er den Reiter besiegt hatte – und das, obwohl Valnir eine mächtige Waffe war, die nicht von dieser Welt stammte. Was waren das nur für Wesen, die so lange einer solchen Waffe trotzen konnten?

Arik hatte keine Zeit mehr, noch länger darüber nachzudenken, denn mittlerweile war er von den Gefährten des Toten entdeckt worden. Während er mit dem dunklen Reiter einen Kampf auf Leben und Tod ausgetragen hatte, war man im brennenden Dorf Zeuge dieser Auseinandersetzung geworden. Einer der Reiter, der einen wallenden Umhang um seine Schultern trug, stürmte jetzt mit gezogener Klinge auf Arik zu, und der Schwertkämpfer hörte den grässlichen Fluch hinter dem Helm des Gegners.

„Komm nur näher, du elender Mörder!“, rief Arik dem Reiter entgegen, den er für den Anführer dieser Meute hielt. „Ich werde dich zur Hölle schicken – wo du hingehörst!“

Ein grollendes Lachen drang an Ariks Ohr, während der unheimliche Gegner seine Waffe schwang. Aus den Augenwinkeln erkannte Arik, dass mit weiteren Gegnern im Moment nicht zu rechnen war.

Offensichtlich wollte der Anführer mit Arik allein fertig werden und hatte deshalb seinen Leuten befohlen, die bereits begonnene Plünderung des Dorfes fortzusetzen.

Sekunden später stießen die beiden Gegner aufeinander. Stahl schlug gegen Stahl, und wieder wurde die Klinge Valnirs von einem rötlichen Glühen erfasst. Das Schwert des dunklen Reiters dagegen versprühte grelle Funken. Also war diese Klinge ebenfalls ein besonderes Schwert, dessen Kräfte sich nun gegen Arik und sein Schwert Valnir richteten.

Erneut griff der Feind an. Deshalb riss Arik seine Waffe hoch, um den Ansturm des Gegners abzuwehren. Doch der dunkle Reiter ahnte Ariks Absicht schon und versuchte, dem blonden Krieger einen tödlichen Stich zu versetzen. Arik konnte dem gerade noch in letzter Sekunde ausweichen.

Valnir und die Klinge des Feindes waren es, die den eigentlichen Kampf ausfochten. Die Waffe des schwarzen Reiters schien jetzt immer stärker zu werden. Valnir verlor dagegen an Leuchtkraft, und die Anzahl der grellen Blitze der gegnerischen Waffe nahm umso mehr zu.

Jetzt streifte ihn das Schwert des dunklen Reiters schmerzhaft an der Hüfte. Er verbiss das Feuer, das die Wunde nun in ihm auslöste und versuchte stattdessen, den Gegner zu schwächen. Aber der dunkle Reiter war ein geschickter Kämpfer. Er wehrte den Hieb des blonden Kriegers ab, und als diesmal die beiden Klingen zum wiederholten Male aufeinander trafen, erfüllte ein harter Donnerschlag die Luft. Gleichzeitig erlosch das Leuchten, das von Valnir ausging, von einem Atemzug zum anderen.

Arik blickte fassungslos auf die geborstene Klinge in seiner Hand. Valnir ist besiegt, schoss es ihm voller Panik durch den Kopf. Der dunkle Reiter lachte aus vollem Halse, als er Ariks hilflose Blicke sah. Er wusste, dass seine Klinge die stärkere war – und nun würde er den Kampf endgültig entscheiden! Auch Arik begriff die Ausweglosigkeit seiner Situation, und deshalb blieb ihm nur noch eine Möglichkeit – nämlich ganz schnell sein Heil in der Flucht zu suchen.

Er riss sein Pferd hart an den Zügeln herum und trieb es an. Wind kam auf, der ihm ins Gesicht peitschte, während das Pferd davon stürmte. Jedoch machte der dunkle Reiter gar keinen Versuch, seinem fliehenden Gegner nachzusetzen. Stattdessen lachte er schrecklich laut über die Niederlage des blonden Kriegers.

Bittere Gedanken erfüllten Arik, als er vom Ort des Grauens flüchtete und sich dabei kurz im Sattel umdrehte. Alles, was er noch sah, war die drohende Gestalt des dunklen Reiters, der sein Schwert triumphierend gen Himmel reckte, und dessen Lachen noch in Ariks Ohren dröhnte.

Wie war es möglich, dass Valnir diesen Kampf verloren hatte und dabei sogar zerstört worden war? Schließlich war die Klinge doch von den Göttern selbst geschmiedet worden. Bedeutete dies vielleicht, dass die Götter keine Macht mehr über die Finsternis hatten? Stand das Ende der Welt bevor, die von den dunklen Mächten verschlungen wurde? Das waren Fragen, auf die Arik in diesem Moment keine Antwort fand ...

*

Mara wagte sich nicht zu rühren. Sie hatte sich eng zwischen die Felsen gepresst, obwohl sie erbärmlich fror. Ihr dünnes Kleid war kein Schutz gegen die Kälte, und in ihren Händen hatte sie kaum noch Gefühl.

Vorsichtig hob sie den Kopf und spähte hinab ins Tal, wo sich ihr Leben und das der übrigen Bewohner innerhalb weniger Augenblicke von Grund auf verändert hatte.

Rauchwolken stiegen zum Himmel auf. Das Dorf brannte lichterloh, und Mara wusste, dass dies kaum jemand überlebt haben konnte. Sie dachte an ihren Großvater, der sich dem dunklen Reiter in den Weg gestellt hatte. Was war in der Zwischenzeit geschehen? Ob der alte Schamane noch am Leben war, oder hatten ihn die grausamen Mörder ebenfalls umgebracht?

Dann hörte sie auf einmal dumpfe Hufschläge. Sofort duckte sie sich wieder hinter die Felsen, riskierte aber trotzdem einen kurzen Blick in die Richtung, wo sie die Hufschläge vernommen hatte.

Es war der fremde Reiter, der so plötzlich aufgetaucht war. Und im Sattel hinter ihm saß Eroch, ihr Großvater. Grenzenlose Erleichterung ergriff Mara, als sie sah, dass Eroch noch am Leben war. Jetzt hielt sie es in ihrem Versteck nicht mehr aus, sondern erhob sich hastig und lief ihrem Großvater entgegen. Der alte Schamane seufzte auf, als er seine Enkelin erkannte und ließ sich von dem Fremden beim Absteigen helfen. Kurz darauf hielt er Mara in seinen Armen und strich ihr mit den Händen beruhigend durch die langen Haare.

„Großvater, du lebst!“, rief das Mädchen und war dem Weinen nahe. Sie klammerte sich an den alten Mann, als wolle sie ihn nie mehr loslassen. „Ich habe nicht mehr geglaubt, dich wieder zu sehen – und jetzt ...“

„Es wird alles gut, Mara“, flüsterte Eroch mit beruhigender Stimme. „Wir verdanken dem Fremden hier unser Leben. Er erschlug einen der dunklen Reiter, musste dann aber selbst fliehen.“

Mara warf dem Fremden einen dankbaren Blick zu. Sie sah sein markantes Gesicht, das von Entschlossenheit und starkem Willen gekennzeichnet war. Gleichzeitig aber bemerkte sie auch die Sorgen, die die Augen des Mannes widerspiegelten. So als wenn er gerade etwas sehr Schlimmes erlebt hatte.

„Wir müssen weg von hier“, meldete sich der Fremde nun zu Wort und wandte sich an den Schamanen. „Alter, du hast von Höhlen in den Bergen gesprochen. Kannst du uns dorthin führen?“

Eroch nickte stumm. Wenig später brachen die drei Menschen auf in die Schneewelt der zerklüfteten Berge von Andustan, während hinter ihnen unten im Tal das Bergdorf in Schutt und Asche versank.

*

Es hatte wieder angefangen zu schneien, und der Wind war stärker geworden. Eiskalt pfiff er draußen zwischen den Felsen.

Im hinteren Teil der Höhle flackerte ein kleines Feuer, mit dessen Flammen der Wind spielte. Das Feuer vertrieb die Kälte des harten Winters nur wenig, aber weder Eroch noch Mara spürten den eisigen Wind. Denn der Schock über das, was sie erlebt hatten, saß noch viel tiefer. Sie hatten alles verloren, ihren Besitz und die anderen Freunde, mit denen sie zusammengelebt hatten. Wie es nun weitergehen sollte, das wussten sie nicht.

Arik saß ein Stück abseits von dem alten Mann und seiner Enkelin und blickte gedankenverloren auf die geborstene Klinge seines Schwertes. Valnir war unbrauchbar geworden, denn die Klinge wies bis zum Knauf einen breiten Riss auf.

„Du hast uns noch nicht deinen Namen genannt, Fremder“, riss ihn die Stimme des Mädchens aus seinen Gedanken.

Sie schien zu spüren, dass den blonden Krieger etwas bedrückte. Deshalb wollte sie mit ihm sprechen, um ihn auf andere Gedanken zu bringen.

„Weshalb hast du für uns gekämpft?“, wollte Mara nun von ihm wissen. „Die Reiter des Nachtherzogs haben bis jetzt jeden getötet, der sich ihnen in den Weg gestellt hat.“

„Ich fürchte niemanden, Mädchen“, erwiderte Arik und nannte nun seinen Namen. „Dort, wo ich herkomme, muss man sein Leben zu jeder Stunde verteidigen, denn das Land ist hart. Ich habe gelernt, mich zu behaupten, auch wenn Gefahr droht ...“ Seine Augen nahmen einen traurigen Glanz an, als er nun auf sein geborstenes Schwert blickte. „Bis jetzt war ich immer siegreich, denn diese Klinge hier ist eine besondere Waffe. Sie ist von den Göttern geschmiedet worden und hat mich immer beschützt. Aber jetzt ...“

Er brach mitten im Satz ab, als er sich wieder an den schrecklichen Moment erinnerte, wo die Klinge des Gegners Valnir besiegt hatte.

„Gegen die Macht des Nachtherzogs Arian kommt kein Sterblicher an, Arik“, ergriff nun der alte Schamane das Wort. „Arian ist ein Teufel. Mit seinen willenlosen Kreaturen beherrscht er die Berge, und schon so manches Dorf wurde einfach ausgelöscht. Er haust in der Drachenburg in einem verborgenen Tal, und von dort aus beginnt er seine Raubzüge. Diesmal war es unser Dorf, das er zum Ziel auserkoren hat.“

„Herrscht er über die Mächte der Finsternis?“, fragte Arik. „Sein Schwert versprühte grelle Blitze, als ich mit ihm kämpfte. Das müssen Dämonenkräfte sein.“

„So ist es“, bestätigte Eroch Ariks Vermutung. „Man erzählt sich, dass er diese Klinge direkt von den Herrschern der Finsternis erhalten haben soll. Damit soll die Erde unterjocht werden, Arik. Du hast versucht, uns zu helfen, und dafür danken wir dir. Aber dass dein Schwert unterliegen würde, das hätte ich dir gleich sagen können. Niemand kann Arian jemals besiegen, denn er ist kein Mensch, sondern ein Teufel!“

In Ariks Augen blitzte es wütend auf, als er die Worte des alten Schamanen hörte.

„Das mag sein“, antwortete er nun. „Aber ich glaube und vertraue meinen Göttern Odan, Einar und Thunor. Sie verhalfen mir zu meinem Schwert Valnir – und ich kann nicht glauben, dass die Götter jetzt schweigen ...“ In kurzen Sätzen schilderte Arik dem alten Mann und Mara, wie er in den Besitz der Götterklinge gekommen war und welche Abenteuer er seitdem erlebt hatte.

Eroch und das Mädchen hörten dem blonden Krieger schweigend zu. Als der Name des Donnergottes Thunor fiel, warf der Schamane seiner Enkelin einen raschen Blick zu. Arik entging das natürlich nicht. Er wollte Eroch gerade darauf ansprechen, kam aber nicht mehr dazu, denn in diesem Moment waren draußen vor der Höhle Schritte zu hören. Sofort wirbelte Arik herum, das geborstene Schwert griffbereit. Wenn das aber die dunklen Reiter waren, dann war es zwecklos, sich zu wehren. Trotzdem wollte Arik um sein Leben kämpfen, wenn jetzt Gefahr drohte. Egal wie aussichtslos es auch sein mochte. Das war der Augenblick, wo er die Umrisse von zwei Männern im Eingang der Höhle sah. Sie hatten keine Ähnlichkeit mit der bedrohlichen Erscheinung der dunklen Reiter. Als die beiden Gestalten ziemlich entkräftet in die Höhle stolperten, sprang Eroch auf.

„Derwan! Marth!“, rief er mit lauter Stimme und eilte auf die beiden Männer zu. „Ihr habt es also auch geschafft, dieser Mörderbande zu entkommen!“

Die entkräfteten Männer warfen Arik misstrauische Blicke zu, bevor sie sich schließlich am Feuer niederließen. Während sie sich aufwärmten, klärte Eroch die beiden auf, welche Rolle Arik in diesen Auseinandersetzungen gespielt hatte, und dass der alte Schamane und seine Enkelin es nur dem blonden Krieger zu verdanken hatten, dass sie überhaupt bis hierher gekommen waren.

Derwan, der größere der beiden Männer, sah Arik nun mit anderen Augen an.

„Was ist mit meiner Schwester?“, wandte er sich dann unvermittelt an Mara. „Ich habe Layn aus den Augen verloren. Hast du sie fliehen sehen, Mara?“

Schweigen herrschte für Sekunden in der Höhle, bevor das schwarzhaarige Mädchen die Frage Derwans beantwortete. Sie schlug die Augen nieder.

„Layn ist tot, Derwan ...“

Der Mann am Feuer zuckte zusammen. Seine Augen weiteten sich ungläubig, als wolle er nicht wahrhaben, was er gerade gehört hatte.

„Mara, du musst dich irren!“, rief er voller Verzweiflung. „Sag doch, dass es nicht wahr ist. Layn kann doch nicht ...“

„Es ist aber wahr, Derwan“, meldete sich nun der alte Schamane zu Wort. „Ich habe gesehen, wie deine Schwester von einem der dunklen Reiter ermordet worden ist.“