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798 nach Christus: Karl der Große steht im Zenit seiner Macht. Doch an der unteren Elbe, der wilden Nordgrenze des Reiches, braut sich ein Sturm zusammen. Hierher ist Arnulf mit seinen Männern nach seinem Zerwürfnis mit dem König geflohen. Zwischen den miteinander verfeindeten Sachsen, Slawen und Dänen errichtet Arnulf seine eigene Herrschaft: Der charismatische Kriegsmann und seine Söhne bauen Delbende, das heutige Lauenburg, und die Hamarburg (Hamburg) zu Festungen aus. Bis dort, so hoffen Arnulf und seine Familie, wird der lange Arm Karls nicht reichen. Aber sie wissen auch, dass Karl wenig vergisst - und noch weniger vergibt. Als es zu einem sächsischen Aufstand gegen die Franken kommt, macht sich der Königssohn Karl der Jüngere mit einer großen Kriegsmacht auf den Weg nach Norden ...
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Seitenzahl: 685
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Robert Focken
Arnulf
Der Herr der Elbe
Historischer Roman
Focken, Robert : Arnulf. Der Herr der Elbe. Historischer Roman. Hamburg, acabus Verlag 2022
Originalausgabe
Epub-ISBN: 978-3-86282-820-3
PDF-ISBN: 978-3-86282-819-7
Dieses Buch ist auch als Print erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.
Print-ISBN: 978-3-86282-818-0
Lektorat: Michael Haitel
Cover: © Guter Punkt, München (www.guter-punkt.de)
Covermotiv: © Uwe Jahrling
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Der acabus Verlag ist ein Imprint der Bedey & Thoms Media GmbH, Hermannstal 119k, 22119 Hamburg.
_______________________________
© acabus Verlag, Hamburg 2022
Alle Rechte vorbehalten.
http://www.acabus-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
„Personenliste“
„Althochdeutsche und sonstige Begriffe“
„Prolog“
„Kapitel I“
„Kapitel II“
„Kapitel III“
„Kapitel IV“
„Kapitel V“
„Kapitel VI“
„Kapitel VII“
„Kapitel VIII“
„Kapitel IX“
„Kapitel X“
„Kapitel XI“
„Kapitel XII“
„Kapitel XIII“
„Kapitel XIV“
„Kapitel XV“
„Kapitel XVI“
„Kapitel XVII“
„Kapitel XVIII“
„Kapitel XIX“
„Kapitel XX“
„Kapitel XXI“
„Kapitel XXII“
„Kapitel XXIII“
„Kapitel XXIV“
„Kapitel XXV“
„Kapitel XXVI“
„Kapitel XXVII“
„Kapitel XXVIII“
„Kapitel XXIX“
„Kapitel XXX“
„Kapitel XXXI“
„Kapitel XXXII“
„Kapitel XXXIII“
„Kapitel XXXIV“
„Kapitel XXXV“
„Kapitel XXXVI“
„Kapitel XXXVII“
„Nachwort“
„Der Autor“
„Inhaltsverzeichnis“
Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,
Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,
Der heut‘ge Tag wird adeln seinen Stand!
Heinrich V. (W. Shakespeare)
Personenliste
Königliches Lager:
König Karl (Carolus Rex), Karl der Große
Prinz Karl der Jüngere, gen. Karolo
Prinz Ludwig (später: Ludwig der Fromme)
Erzkapellan Hildebald, Karls erster Berater
Einhard, königlicher Consiliarius (Ratgeber)
Ebo, Kanzlist und Königsbote
Billung, Ebos Leibwachenführer
Lager Prinz Karls d. Jüngeren (»Karolo«):
Hofkapellan Odilo
Truchsess Helisachar (»Mond«)
Iburis, Heerführer (gundfanari)
Gito, Vorleser und Lustknabe
Samson, Hofnarr
Lager Arnulfs:
Arnulf, Kriegsherr, gen. sax hamar, ehemaliger Offizier der königlichen Panzerreiter
Erika, Arnulfs Frau
Arthur, Arnulfs ältester Sohn
Grimbald, Arnulfs zweiter Sohn, gen. fersari oder humbalung,
Roswith, Arnulfs Tochter
Liudger, Missionspriester
Gallo, Marktvorsteher von Delbende
Heden, Schiffsführer, gen. wintblat
Swabo, Führer der Bogenschützen
Gea, Roswiths Freundin und Grimbalds Geliebte
Gerswind, Küchenmagd
Nordelbische Sachsen und Sonstige:
Wolfger, Bode der Holsten
Thanco, Bode der Stormarn
Ruotger, Neffe Thancos (Schänder!)
Wit Wituwa, Freundin Erikas
Ingobert, Herr der Ulzburg
Ragnar, dänischer Kriegsherr
Widukind, Herzog der Westfalen im Exil
Abodriten:
Drasco, oberster Fürst der Abodriten
Scedrag, Drascos Sohn
Agila, Priesterin
Althochdeutsche und sonstige Begriffe
Ahta: Ansehen, Ruhm, Achtung
Faz: Das männliche Geschlechtsteil
Fersari: Dichter, Liedermacher
Firinlust: Lust im fleischlichen Sinne
Foraleiso: Anführer (hier: Leibwachenführer von Ebo)
Giniscaft: Kriegertreue
Gundfanari: Heerführer (hier: Iburis)
Humbalung: Herzensbrecher, Schürzenjäger
Mahtigan: Allmächtiger
Missus domenicus: Königsbote, Sonderbeauftragter für bestimme Gebiete
Samantwist: das (ggf. intime) Zusammensein
Skaron: Schlachtordnung (sinngemäß: der kämpfende Teil des Heeres)
Snuoba: Halsband, Anhänger
Waba uwa: Fluss-Gottheit der Elbe
Skizan: Scheiße
Swonovi: Glöckchen
Tiufal Oug: Teufelsauge
Zarto: Liebling
Prolog
Mein Name ist Brun.
Ich stamme ab von Sachsen, die Land nahmen im Gau der Holsten, weit im Norden, wo schon der große Wall der Dänen am Horizont drohte. Meine Mutter kam von der Westküste, aus dem Stamm der Diutmarser. Sie waren sächsische Brüder der Holsten, zähe Leute, die von Heringen, Salzwasser und Krabben lebten. Verbrüdert waren die Holsten auch mit dem dritten Stamm der Nordelbier, den Sturimarn. Alle drei Stämme hatten einst den großen Schwur getan: Unsere Heere würden zusammenstehen, wenn die slawischen Reiter aus dem Eisenwald im Osten vorstießen oder die Dänen aus dem Norden! Die Sachsenstämme nördlich der Elbe nannte man auch nordliuti, aber es waren Fremde, Franken nämlich, die diesen Begriff erfanden.
Ich war bereits ein gestandener Mann mit Ansehen, als ich jenes Wort – nordliuti – zum ersten Mal hörte. Ein hochgewachsener Fremder in einem Gewand aus dunkler Wolle sprach es aus, denn für ihn schienen wir alle eins. Er war ein Franke aus dem Süden, aus dem Reich des Kriegsfürsten Karl. Dieser Mann trug ein Kreuz aus Bronze um den Hals und sprach mit rauer, lauter Stimme zu uns, lauter, als ein Gast es sich sonst erlauben durfte, der ohne ein Dutzend Bewaffneter erschien! Vom Gott Jesus Christus erzählte er und dass wir alle von einem Fürsten Adam und seinem Weib Eva abstammten. Von einem Feuer unter der Erde sprach er, das uns einst verschlingen würde, wenn wir nicht zu seinem Gott beteten. Da ballten die Ersten die Fäuste und schmähten ihn. So hieß ich ihn weiterzuziehen: Ich war der Vorsteher über mehrere Hofschaften und hatte für Recht und Ordnung zu sorgen. Ich konnte nicht zulassen, dass ein Fremdling vor unserer Tür erschlagen wird.
Später hörte ich, dass ein gieriger Kerl diesem einfältigen Christus-Mann auf der Landstraße das Bronzekreuz abriss. Anstatt froh zu sein, dass ihm nicht auch Wollgewand und Schuhe genommen wurden, schimpfte der Kreuzträger wie ein Irrsinniger und drohte und so ereilte ihn doch noch das Schicksal. Ich hatte keinen Anlass, an seinem Tod zu zweifeln: Der Kreuzträger war so leichtsinnig wie unbescheiden. Und ließ sein Jesusgott nicht all das ruhig geschehen?
Wir Sachsen, die wir dem alten Glauben anhängen, kämen nicht auf die Idee, dass Wodan oder Thor, Saxnoth oder Balda uns liebten. Die Götter blickten herab auf uns Menschen. Sie fochten ihre eigenen Kämpfe, hatten ihre eigenen Zwiste. Wenn wir einst als Einherjer auffahren in die Walhall, würden wir den Göttern nicht nahekommen, bestenfalls würden wir ihnen dienen! Und wir wussten, jeden von uns konnte es an jedem Tag treffen – wer wusste schon, wie lang der Lebensfaden war, an dem die Nornen am Fuß der Weltenesche webten?
Mich holte das Unheil einige Winter nach dem Tod jenes Frankenpriesters ein. War es Loki, der Schadengott, der die Sinne meines Nachbarn mit Neid vernebelte? Hunger konnte man stillen, Neid nicht! Mein Besitz, mein Vieh, mein Land – nach all dem gierte ein Edler aus alter Familie. Dieser Mann, der den Namen Wolfger trug, brach eine Fehde vom Zaun. Bald wurde sie zur Blutfehde. Im nebligen Morgengrauen eines Herbsttages überfiel er mit einer Schar Bewaffneter meinen Hof. Sie erschlugen meine Knechte, brachen in unser Haus ein und stachen auf mich ein, als gelte es, Tiere zu töten. Das Letzte, was ich sah, war Wolfger, wie er mit einer Schlinge mein Weib erdrosselte. Denn dieser Wolfger, der haben wollte, was mein war, würde später sagen: An meinen Händen klebt kein Blut! Und sie durchbohrten meine Kinder: den Ältesten, fast achtzehn Jahre, der sich noch mit einem Dolch wehrte; seinen Bruder, fünfzehn Jahre alt; meine Tochter, die noch ein Mädchen war und bis zum letzten Augenblick nach mir schrie.
Ich hörte sie sterben.
Doch ich selbst, ich starb nicht.
Abends stieg einer meiner Knechte, der überlebt hatte, in die Grube, in der man uns verscharren wollte. Er hatte meinen Atem gesehen, den Dampf in der kalten Luft. Abgedeckt mit ein paar Fellen brachte er mich auf einem Eselskarren zum Sohn eines Mannes, der einst mit meinem Vater befreundet gewesen war. Tage vergingen – Tage, in denen ich den Tod herbeiwünschte. Doch die Götter waren nicht so gnädig. Als ich soweit genesen war, dass ich einige Worte krächzen konnte, sprach mein Wirt freundlich klingende Dinge zu mir, ohne in meine Augen zu sehen. Dann ließ er mich fortbringen. Denn Wolfger war dabei, Bode der Holsten zu werden, Kriegsführer und Oberster Thing-Herr im Frieden. Und einen solchen Mann wollte man keinesfalls zum Feind haben!
Alte Freundschaften zählten nichts mehr.
Wer also hätte mich aufnehmen mögen?
Einen Mann gab es, der fürchtete nichts und niemanden. Er war nicht von sächsischem Blut, sondern ein Franke – saxhamar, so riefen sie ihn. Ein trutziger Kriegsmann, der mit dem großen Karl gebrochen hatte, um seine eigene Herrschaft zu gründen. Einer, der Männern Land zum Roden gab, wenn sie bereit waren, für ihn zu fechten. Der wusste, wann man stark sein musste und wann einfach nur klug. Ja, selbst die Dänen hatten Respekt vor diesem Mann! Ihre Schiffsführer überlegten sich dreimal, ob sie es wagten, einen seiner Handelsposten zu überfallen.
Zu diesem Mann brachte man mich. Mich, der ich nichts war als ein zerschlagener Habenichts. Ein Bittsteller von Rang, gewiss – aber ohne ein Silberstück in der Tasche! Und doch nahm der Franke mich auf. Seine Frau schenkte mir ihr Vertrauen, gab mir Pflichten und ließ mich über ihre Hörigen wachen. Sie war eine Sächsin aus großer, alter Herkunft und doch trug sie das Kreuz der Christenmenschen. In der Burg ließ sie ein Haus bauen, in der ihr Gott wohnte – oder so hoffte sie.
Fast zwölf Jahre sollte ich bei ihnen leben, auf der Burg Delbende1 auf dem Steilufer über dem mächtigen Strom. In dieser Zeit habe ich auch den großen König Karl gesehen, den Herrn der Welt, und ich sah seine Söhne mit den Kriegsscharen kommen. Ich, Brun, der Sohn des Hatto, weiß, wie sich alles zutrug. Gewiss, heute gibt es viele Geschichten darüber. Aber die meisten sind nicht mehr als das Geblöke von Lämmern. Weil sie von Franken erzählt werden oder von den Holsten oder gar den Slawen. Aber ich, ich war dabei. Ich habe alles miterlebt, bis zum Ende. Und glaubt mir: Solch eine Geschichte wie die vom Kriegsherrn Arnulf sax hamar und seinem Weib Erika wird noch in fernen Zeiten an Herdfeuern und in Thronsälen erzählt werden!
1 Lauenburg (Schleswig-Holstein)
Kapitel I
Im Jahre des Herrn 798 zeigte der Frühsommer am Unterlauf der Elbe ein mildes Gesicht. Meist war es warm, ohne heiß zu werden; alle paar Tage gingen Regenschauer über das Land, die gut waren für die Feldfrüchte, ohne die Feldarbeit zu sehr zu stören. Das Unkraut allerdings wuchs stärker als sonst, mancherorts stand es so hoch wie der Roggen und die Gerste – zumindest einige Meilen östlich von Delbende, nahe des Eisenwaldes, hinter dem die slawischen Siedlungen begannen. Die Slawen selbst – sie gehörten zum ruhmreichen Stamm der Abodriten – störte das nicht. Und die sächsischen Kaufleute, die gelegentlich im Osten unterwegs waren, kamen nicht wegen des Korns, sondern um Kupferbarren gegen Leinen und Bienenwachs zu tauschen, und Wolle gegen Bernstein. Dann waren da noch die Pferde: Die Abodriten züchteten anspruchslose, robuste Rösser mit dichtem Fell und niedriger Schulterhöhe, die wendig und genügsam waren. Und billiger als die sächsischen Pferde, die meist von der unteren Weser kamen und beste Weide gewohnt waren. Aus diesem Grunde bot der Markt von Delbende, der im Sommer unterhalb der Burg stattfand, auch abodritischen Pferdehändlern Platz.
Delbende war kein alter Markt wie etwa Bremun oder das fränkische Bardovyk2 auf der anderen Elbseite. Doch seit Arnulf sax hamar die Burg über der Uferhöhe errichtet hatte, wurden es jedes Jahr mehr Zelte, Wagen und Verschläge, die die Blockhäuser der Handelsstation umlagerten. Da waren Nordmänner mit kantigen Gesichtern und silbernen Armringen, Dänen zumeist, die Wetzsteine, Walrosszähne und Fässer mit gesalzenem Fisch feilboten; auch Holsten und Sturimarn, Sachsen also, die Eisenklingen, Hafer, Gerste und Ballen roher Schafwolle zeigten. Dann Slawen vom Mittellauf der Elbe mit gestapelten Fellen von Marder, Biber und Wolf. Nicht einmal Händler aus dem Frankenreich fehlten: Männer aus Regensburg zogen am Ende des Frühjahrs über den goldenen Steig nach Böhmen und segelten auf der Elbe hinab. Ihre Glasperlen, Silberringe und Stoffe zogen besonders die Frauen der Umgebung an.
Es schien ein Sonnabend wie viele andere zu sein, als der sax hamar genannte Burgherr von Delbende mit einigen Getreuen zwischen den Ständen hindurchschlenderte. Arnulf begrüßte Bekannte, nahm hier und da einen Becher mit dünnem Bier an und lauschte aufmerksam denen, die Neuigkeiten aus der Ferne zu berichten hatten. Auch an diesem, mit mildem Sonnenschein gesegneten Tag bemerkte Arnulf neue Gesichter zwischen den Tischen, Fässern und Ballen: Es hatte sich herumgesprochen, dass in Delbende Geld zu verdienen war. In den ersten beiden Jahren zahlten Händler keine Abgaben. Doch dann, im dritten Jahr, forderte der Burgherr von jedem, ob Franke, Slawe oder Friese, dreißig Pfund Eisenerzschlacke: Diese wurden dann alsbald von den Schmieden der Burg zu Schwertern und Äxten geschmiedet. Oder zu den gefürchteten Stoßlanzen, mit denen Arnulf einst als Führer der königlichen Panzerreiter feindliche Schildwälle zerstört hatte.
Nicht jeder, der diesen bärtigen, breitschultrigen Mann in der weinroten Tunika zwischen dem Volk sah, hätte in ihm auf den ersten Blick den Kriegsherrn sax hamar selbst vermutet. Keine der goldenen oder silbernen Ketten schmückte den Hals, die einheimische Edle so mochten. Arnulfs Gesicht mit dem kräftigen Kinn war mit zahlreichen kleinen Narben durchsetzt, die Haut war sonnenverbrannt; den Bart trug Arnulf kürzer als die meist wuchernden Sachsenbärte, das braune Haupthaar bedeckte die Ohren, ohne die Schulter zu berühren. Der Schwertgürtel wies lediglich ein paar Silberbeschläge auf, die Schwertscheide selbst war schmucklos. Aber in seinem ganzen Gebaren, den Blicken, die er mit seinen schuppengepanzerten Begleitern austauschte, war etwas, das von massivem Selbstbewusstsein zeugte und von verhaltener Kraft.
Es mag an einem der Gespräche mit den Händlern gelegen haben, dass Arnulf die Schiffe auf der Elbe zunächst nicht wahrnahm: Ein halbes Dutzend schlanker Schiffe mit geschwungenen, weit hochgezogenen Steven, die trotz einer milden Brise kraftvoll stromabwärts gerudert wurden. Tief lagen sie im Wasser, denn sie hatten Beute an Bord: Menschliche Beute, wie sich herausstellen sollte.
Die Schiffe waren vom Marktflecken aus – er lag eine halbe Meile vom Ufer entfernt, außerhalb der Hochwasserzone – kaum noch zu sehen, als Arnulf das Herz des Marktes ansteuerte: ein Blockhaus, so massiv wie der Panzer einer Schildkröte. Eine Hälfte davon diente als Warenlager, die andere war Kontor, Schenke und Vergnügungsort zugleich. In der übergroßen Türöffnung des Hauses stand ein fleischiger, wuchtig wirkender Mann Ende vierzig. Es war Gallo, der Vorsteher des Handelspostens. Gallo, ein alter Gefährte Arnulfs, war ein Neustrier, einer aus Westfranken also; es mochte an der Herkunft liegen, dass er Wert auf eindrucksvolle Kleidung legte: Ärmelborten und Kragenausschnitt seiner blauen Tunika waren mit Goldfäden durchsetzt und eine für Arnulfs Geschmack etwas alberne, dotterfarbene Mütze saß auf dem dichten schwarzen Haar. Gallo nickte Arnulf zu, hatte aber noch eine seiner Mägde zu maßregeln: »Wo hast du die Essigrüben, du Luder? Und wo sind die Honigtöpfe, he? Beweg dich, magad!«
Die Gescholtene, eine kaum achtzehn Jahre alte Frau mit filzigem, langem Haar und vielfach geflicktem Kleid, huschte in die Dunkelheit des Gebäudeinnern. Zurück blieb ein südländisch aussehender Bursche mit etwas verlegenem Lächeln – seinetwegen hatte die Kleine getrödelt und Gallos Unmut riskiert! Der Mann musterte den grimmig wirkenden Handelsvorsteher kurz und zog es vor, rasch in der Menge zu verschwinden.
»Die Slawenmädchen sind noch fauler als die Sächsinnen!«, schnaubte Gallo, was seine gewaltigen Schurrbarthaare zittern ließ. »Irgendwann jag ich die alle zurück in die Erdlöcher, aus denen sie gekommen sind!«
»Da ist so eine Sommersprossige«, grinste Arnulf, »von der reden meine Männer. Wenn ihr die verjagt, müsste ich mir Sorgen machen! Spaß beiseite, wo ist das Erz?«
»Und ich dachte, Ihr wolltet einen Krug Wein mit mir teilen«, murmelte der andere und Arnulf konnte ohne Mühe riechen, dass es nicht der erste Wein an diesem Tag gewesen wäre. Gallo zerrte zwischen den Stoffballen, die wie eine kleine Vormauer waren, einen ersten Korb mit rotbraunen Erzschlacken hervor. Die stämmigen Männer in Schuppenpanzern, die Arnulf begleiteten, nahmen den Korb auf – nicht ohne einen forschenden Blick durch die Türöffnung ins Innere der Schildkröte zu werfen.
»Jetzt nicht, Leute«, knurrte Arnulf vernehmlich und jeder wusste, was gemeint war. Die Mädchen in Gallos Diensten verdienten sich bisweilen ein Zubrot, in dem sie nett zu den Kriegern waren; die jungen Frauen waren meist Hörige, die stumpfer Fron oder einem prügelnden Herrn entlaufen waren.
»Arnulf?«, raunte Gallo plötzlich stockernst. »Habt Ihr die Schiffe gesehen? Die Besatzung sah nach Sachsen aus … Aber woher haben die solche schlanken, schnellen Schiffe?«
Arnulfs Blick suchte zwischen den Marktgebäuden das einige Hundert Schritt weit entfernte Flussufer ab. Aber zwischen den Erlen und Weiden war nur ein rundes Fischerboot zu sehen – jemand prüfte seine Aalreusen.
»Wer weiß«, murmelte Arnulf mit einem Stirnrunzeln. »Piraten würden kaum in hellem Tageslicht vorbeisegeln, mein Freund. Weil wir ihnen auf den Schwanz hauen, sobald sie auch nur an Land spucken!«
Gallo zuckte mit den Schultern. »Vielleicht wollten sie nur angeben. Wie gesagt, die waren flussabwärts unterwegs. Übrigens, was ich Euch noch sagen wollte …«
Aber der Zufall wollte es, dass in diesem Augenblick ein jüngerer Mann im Lederpanzer mit federndem Schritt durch die Menge drängte, niemand anders als Arnulfs Sohn Arthur. Arthur trug das dunkelbraune Haar lang, die Enden berührten fast die Schulter. Er war von kräftiger Statur, unterm Ärmelstoff der Tunika sah man die Wölbung der Armmuskeln, wenn er sich bewegte. Zwei Bewaffnete im selben Alter begleiteten ihn, alle drei führten Pferde an Rohhautriemen hinter sich her. Arnulf sah sie scherzen, sie hatten den zufriedenen Gesichtsausdruck von Leuten, die ein gutes Geschäft hinter sich und ein großes Vergnügen vor sich hatten.
»Ah, hier seid Ihr, beim Erz-Herrn!«, rief Arthur. Sofort begann er zu sprudeln. Er hatte fünf Rösser auf einen Schlag erworben. Bei einem abodritischen Händler-Züchter – ohne Arnulfs Meinung überhaupt erst einzuholen. Und warum auch nicht? Arthur – zehn Pfund schwerer und einen Zoll größer als sein Vater – führte bereits seine eigene Schwur-Mannschaft! Ein Schwert mit aufwendig verziertem Griff und ein Kurzschwert hingen an seinem Gürtel, beide handhabte er mindestens so geschickt wie Arnulf. Das behauptete Arthur jedenfalls von Zeit zu Zeit. Ja, Arthur war dabei, sich einen Namen im Grenzland zu machen!
Und musste es nicht genau so sein?
Arnulfs Blick glitt über die klugen Augen der Tiere, über ihr kurzes, gut gebürstetes Fell und die kräftigen dunklen Mähnen. Arthur hatte bereits einen Namen gefunden für die schönste der Stuten: »Windbraut! Ich werd’ sie selbst reiten!« Er hatte das eckige Gesicht des Vaters mit dem kräftigen Kinn und der massiven Stirn, während die eher spitze, kleine Nase an Arthurs Mutter Erika erinnerte. Von ihr hatte Arthur auch die Begeisterungsfähigkeit: Sein Grinsen hatte etwas Ansteckendes. Beide, Vater und Sohn, verspürten das Bedürfnis, diese Pferde möglichst schnell kennenzulernen und auszuprobieren. Der Burgherr vertröstete den alten Gefährten Gallo mit ein paar Worten und begann mit den jungen Kriegern in Richtung der markanten Anhöhe zu laufen, von der die Burg das Elbtal überblickte. Sie atmeten noch einmal den scharfen Geruch von grob gegerbten Häuten, getrocknetem Fisch und dem Mist von Pferden ein, während die Lanzenträger kläffende Hunde mit ein paar Stößen auf Abstand hielten.
»Für Euer Weib, Herr Arnulf!« Ein Mann in einem gelben Kaftan mit bronzefarbener Gesichtshaut winkte ihnen hinterher, wobei er eine Rolle schimmernden Stoffs hochhielt: »Seide aus Byzanz, streichelt die Haut!«
»Meine Frau wird genug gestreichelt, Elias! Habt Ihr nichts Nützliches?«
Die anderen lachten auf, doch der Kaufmann zählte mit heftigen Gesten sogleich ein halbes Dutzend edler Schmuckgegenstände auf – vergebens.
Zerlumpte Bettler steckten ihre Hände aus und junge, abgerissene Männer riefen sie vom Wegesrand aus an, weil sie in Arnulfs Dienst treten wollten.
Aber wer nicht einmal ein Kurzschwert vorweisen konnte, durfte nicht auf die Geduld des Burgherrn rechnen. Denn um ein Schwert zu schmieden, waren zehn bis zwanzig Pfund Erz nötig!
»Ihr könnt jetzt einen vollen Trupp in den Sattel bringen, richtig?«
Arnulfs Frage klang wie ein Lob, war auch so gemeint. Ein Trupp, das waren immerhin rund dreißig Mann. Das wiederum war ein Drittel einer Hundertschaft: Diese Ordnung hatten Arnulf und seine Männer aus dem Königsdienst in den wilden Norden mitgebracht.
»Wenn Ihr mir ein paar Schollen Land freihaltet, Vater«, lachte Arthur, »auf die ich meine Leute setzen kann, dann hab ich bald eine eigene Hundertschaft!«
»Dann seht zu«, grinste Arnulf mit einem Mundwinkel, »dass Ihr Kämpfer findet, die roden und entwässern und im Dreck wühlen wollen … Vor den Lohn hat der Herr den Schweiß gesetzt!«
Während dieses gut gelaunten Austauschs kamen ihnen zwei junge Frauen auf dem Burgweg entgegen: Roswith und ihre Freundin Gea. Arnulf spürte ein warmes Gefühl in der Brust, als er die kastanienbraunen Zöpfe seiner Tochter schwingen sah und ihr keckes Lachen aufnahm, das nur auf ihn gerichtet schien. Seine Tochter war fast so groß wie Erika, ihre Bewegungen, ihre unbekümmerte Miene freilich gingen eher nach dem Vater.
»Vater«, prustete sie ihnen übermütig entgegen, »wisst Ihr, wie Ihr und Arthur ausseht? Wie Krieger, die ihre Bräute heimführen! Den Pferden fehlen nur noch Schleifen aus Seide!«
»Du alberne Kröte«, rügte Arthur sie, während Arnulf sich ein Lächeln verkneifen musste. Mit einem strengen Blick zupfte er sie am Ohrläppchen.
»Weißt du, was frechen Jungfrauen passiert, Roswith?«
»War das denn so frech?« Sie machte mokante Schmolllippen, die normalerweise wirkten. »Dann bitte ich um Verzeihung!«
»Wir werden Brun fragen«, befand Arnulf augenzwinkernd. Denn mit einem Dutzend Schritt Abstand folgte den beiden eine hagere Figur am Stock, der Hofmeister Arnulfs, der die Mädchen nicht unbegleitet auf den Markt lassen durfte.
»Brun, wann hat meine Tochter zum letzten Mal die Rute gespürt?«
»Ist lange her, Herr Arnulf!« Bruns Schritte beschleunigten sich, eine Hand hielt die verblichene Filzmütze fest, die die grauen Haare bedeckte.
Arnulf freilich sah ihm an, dass er Arnulfs Ernst nicht ernst nahm; der Herr von Delbende erinnerte sich, dass Brun selbst Vater einer Tochter gewesen war, die nicht einmal Roswiths Alter erreicht hatte.
»Leute, das mit der Rute hol’ ich gerne nach«, bot Arthur fast schon fröhlich an. »Zehn übers Hinterteil, oder du und Gea bürsten zwei Wochen lang die Tiere ab! Wie wäre das?«
»Ziegendreck«, stieß Roswith augenrollend aus und die blonde Gea schlug die Hände vors Gesicht ob dieser Aussicht auf so viel Pferdeschweiß.
Doch war es keine wirkliche Drohung: Denn Freie schlug man nicht, im Gegensatz zu Hörigen und Sklaven.
»Schluss mit den Faxen«, sagte Arnulf schließlich. »Ihr seid im besten Heiratsalter, da muss man sich benehmen!«
»Gewiss, Vater.« Demütig schlug Roswith die Augen nieder. »Wir wollten Euch eigentlich um etwas bitten. Geht Ihr mit uns nach Bardovyk am Südufer? Der königliche Statthalter Graf Ekbert hält Hochzeit! Sie machen ein großes Fest mit Musik und Gauklern und Schauspiel!«
Mit zusammengekniffenen Augen sah Arnulf nach Süden, über den träge dahinfließenden blaugrauen Strom und auf Wald und Buschwerk am anderen Ufer – ganz so, als könne man den königlichen Stapelplatz Bardovyk von hier aus sehen. Aber der lag reichlich sechs, sieben Meilen südlich des Elbufers am Flüsschen Ilmenau.
»Du weißt, Roswith, dass Graf Ekbert uns die Pest an den Hals wünscht? Der Handel auf unserem Markt, das ist Handel, der auf seinem Stapelplatz nicht stattfindet … meinst du, seine Leute flechten uns Kränze, wenn wir da auftauchen?«
»Eben dies sagte ich ihr, Herr!«, sagte Brun ruhig und gesetzt, ohne unterwürfig zu klingen. Seine linke Augenhöhle sah an Arnulf vorbei, eine Folge des Mordanschlags ehedem, auch klebte der linke Arm aus demselben Grund ungelenk am Körper. Dass Arnulfs Gattin Erika »dasselbe« sage, schob er noch hinterher, und für einen Augenblick glaubte Arnulf, ein Lächeln in Bruns Mundwinkeln zu entdecken; das konnte freilich eine Täuschung sein, denn Brun zeigte selten eine tiefere Bewegung der Seele. Eben dies, diese stille Würde, beeindruckte Arnulf insgeheim – er selbst war von Zeit zu Zeit für einen rauchenden Ausbruch gut, obwohl er dem fünfzigsten Lebensjahr näher war als dem vierzigsten.
»Vater, bitte!« Roswith gab nicht auf. »Habt Ihr nicht neulich gesagt, dass Ihr Euch einmal mit Graf Ekbert zusammensetzen müsstet?«
»Hab ich das?«
»Ja, und das Fest wäre doch eine sehr gute Gelegenheit dafür!«
Arnulfs Tochter hatte die Fähigkeit, sich scheinbar belanglose Dinge zu merken, und sie dann zur rechten Zeit auszupacken: Ganz wie ihre Mutter! Arnulf zuckte mit den Schultern und murmelte, dass man darüber noch reden könne – später, freilich. Dann drückte er den Mädchen zwei Silberstücke in die Hand. »Damit könnt ihr euch bei Elias ein paar Verschönerungen kaufen. Und verspottet keinen mehr, klar? Sonst vermähl’ ich euch mit schrumpligen Awaren hinten im tiefsten Bayernland!«
Die Mädchen nahmen das Silber wie einen Trostpreis entgegen. Dann fiel Arnulf noch etwas ein. »Brun! Da waren Dänenschiffe auf dem Fluss! Habt Ihr irgendwas gesehen?«
»Dänen? Holsten, sage ich!«, sagte Brun mit einem Unterton. »Der Mann am Steuer, im ersten Schiff – bei Wodan, der sah aus wie Wolfger!«
Er spuckte aus und schritt den Mädchen hinterher.
Einer von Arthurs Leuten, ein schlanker Bursche um die zwanzig mit schulterlangen Zöpfen und kleinen Goldkugeln an den Bartenden, riskierte die Frage: Ob Brun mit Wolfger den gleichnamigen Führer der Holsten meinte?
»Genau«, nickte Arnulf. »Der Bode der Holsten! Der Mann, der Bruns Familie ermordet hat.«
Der Frager schwieg verlegen, während Arnulf wiederum auf den Fluss hinaussah, der so scheinbar friedlich und träge der fernen See entgegenzog. Zwei hellgraue Reiher mit weißen Hälsen kamen aus dem Schilfdickicht weiter flussabwärts und stießen auf Beutefische im seichten Wasser nieder. Dunkelgrau gefiederte Gänse wiederum trieben in der Flussmitte, wo sie immer wieder kurz unter der Wasseroberfläche verschwanden. Später am Tag, spätestens am nächsten Morgen würde der Adler wiederkommen, wusste Arnulf. Dann würden die Vögel den Schutz des Schilfs suchen, um nicht in die Fänge des Ar3 zu geraten. Arnulf mochte diesen Adler, beschloss er mit einem letzten Blick auf die Windungen des Stroms im Westen, dann schloss er sich wieder mit kräftigen Schritten den anderen Männern auf ihrem Weg zur Burg an.
* * *
Erika stand mit einem schlaksigen Jüngling und zwei aufgeregt flüsternden Mägden vor der Kapelle, die man in den östlichen Wall der Burg hineingebaut hatte. Mit dünnen Armen gestikulierend rief der junge Mann zwei Arbeitern mit nacktem Oberkörper etwas zu, die auf dem Dach der Kapelle zugange waren. Die beiden schauten ab und zu fragend herunter, wischten sich Schweiß von der Stirn und ruckelten mehr oder weniger stark am schweren Metallkörper, um ihn in die Aufhängung einzufügen.
»Die muss frei schwingen, Leute, ohne Berührung!«, rief Grimbald und fügte für seine Mutter etwas weniger laut hinzu: »Den vollen Klang haben wir nur, wenn nichts den Glockenkörper berührt!« Seine großen, dunklen Augen sprühten Zuversicht und sie wollte es glauben. Ihr jüngerer Sohn spielte schließlich die Leier und Flöte und wusste, wie Klang entstand. Die alte Aufhängung im Dachgebälk, an einem Querbalken, war kein Erfolg gewesen. Ein Missionspriester hatte sie einige Wochen zuvor ermutigt, einen besseren Platz zu finden: Gott kann lauter rufen! Dabei sendete das kostbare Stück wohl den einzigen bronzenen Gottesruf nördlich der Elbe aus. Dank Erikas Hartnäckigkeit war Arnulfs Schiffsführer Heden vor dem Osterfest mit drei Seglern und einer Handvoll Krieger solange an der Küste nach Westen gefahren, bis sie in der Bischofssiedlung Bremun4 fündig geworden waren. Die Glocke hatte ein halbes Vermögen gekostet – das Arnulf andernfalls für Waffen oder Pferde ausgegeben hätte.
Schon ertönten die ersten, vollen Schläge: um wie viel lauter als zuvor! Überall auf dem Burghof wendeten die Leute die Köpfe, Christen wie Heiden. Hühner krähten aufgeregt, Kinder staunten und die massigen Jagdhunde Arnulfs bellten laut in Richtung des Klangs, als melde sich da ein neuer Rivale. Auf den Wehrgängen jubelten ein paar der schuppengepanzerten Wächter Erika und Grimbald zu. Manche bekreuzigten sich und andere riefen etwas, das allerdings mehr nach Schlachtfeld als nach Kirche klang.
Grimbald zwirbelte das Ziegenbärtchen, das sein Kinn schmückte. »Seid Ihr jetzt glücklich, Mutter?«
»Glücklich genug«, lächelte sie. »Eine kräftige Glocke ist die beste Werbung für die Botschaft des Herrn!«
Grimbald musterte wiederum den klingenden Bronzekörper. »Der Priester Liudger wird Euch preisen, Euch und die Glocke natürlich, wenn er uns wieder besucht!« Da war ein Unterton, der sie stutzig machte. Wollte er ihr etwas sagen? Doch dann sah sie die Männer im offenen Burgtor erscheinen: Arnulf, Arthur und eine Handvoll Krieger mit einigen Pferden.
»Grimbald, hast du eigentlich die Dreijährigen beschlagen lassen, wie Vater es verlangte?«
»Ich hab‘s dem Hufschmied gesagt, gestern schon.«
»Das heißt also, du hast dich nicht darum gekümmert?!«
Grimbalds Rechte begann, die Silberringe am Handgelenk zu drehen. »Soll ich dem Schmied jetzt ständig über die Schulter gucken oder was? Ich schreibe gerade die Burgunder-Geschichte weiter, mit dem Drachen und den Awaren!«
Aus Erikas Kehle kam ein Stoßseufzer. »Die Pflicht geht vor, Junge! Also los, geh hinüber zur Schmiede, bevor dein Vater fragt!«
Grimbald sah seinen Herrn und Vater auf sie zukommen und beschloss, dass der Vorschlag seiner Mutter sinnvoll war. Tatsächlich stieß er häufiger mit seinem Vater zusammen, der ihm liebend gerne öde oder gar widerwärtige Dinge aufgab, die jeder Knecht erledigen konnte. Der Geruch des verbrannten Hufhorns beim Beschlagen war grauenhaft, einmal abgesehen davon, dass der Hufschmied selbst ein Grobian mit dem Verstand einer Haselnuss war. Mit seinen lässigen, wiegenden Schritten setzte Grimbald sich in Bewegung; wenn er lief, hatte eine Freundin ihm neulich gesagt, sah er immer so aus, als spiele irgendwo Musik.
Erika staunte zum tausendsten Mal, wie verschieden ihre beiden Söhne waren. Der Krieger und der fersari … Prüfend berührte sie das Zopfgeflecht, das ihr Haupt wie eine Krone schmückte, und ging ihrem Mann entgegen. Er sah halbwegs heiter aus, aber da war auch etwas Wachsames in seinen graublauen Augen. Im Bart schimmerten die ersten grauen Haare, während das braune Haupthaar noch voll und kräftig wuchs wie bei einem jungen Mann. In diesem Augenblick fühlte sie etwas Warmes im Nacken, ein Gefühl wie Glück: Denn Glück hatten sie gehabt! Glück miteinander, Glück als Familie und Glück als Erbauer einer neuen Herrschaft.
»Was ist los, Weib?«, fragte er. »Ich hör’ einen vollen Klang von der Kapelle, aber Ihr seht nachdenklich aus!« Mit diesen Worten küsste er sie auf die Lippen. Als stünden sie alleine da, als wären nicht Dutzende Augenpaare auf sie gerichtet.
Sie wich einen Fußbreit zurück, halb in der Erwartung, dass seine Hände noch etwas Unschicklicheres tun würden. »Vor genau zehn Jahren, lieber Mann, sind wir hier angekommen. Und wie gut sich alles gefügt hat, durch die Gnade des Herrn!«
»… und durch die Schärfe unserer Schwerter«, lächelte er, befingerte dann aber den silbernen Kreuzanhänger auf der Brust, der genauso aussah wie das Kreuz an Erikas Hals. Ein Feinschmied hatte ihnen diese Kreuze einst gemacht, als sie die Burg errichtet hatten. »Gestern kam wieder eine Handvoll Kerle von der Weser, gute Leute! Sie sind bereit, zu roden und für uns zu kämpfen!«
Erika nickte, neue Kämpfer waren gut. Noch besser wäre es, keine Kämpfer brauchen zu müssen, aber die Dinge hatten sich nun einmal so entwickelt. »War unsere Tochter bei Euch?«
»Wegen dem Fest, ja. Besprechen wir es beim Nachtmahl! Und jetzt – ist unser Schmied nüchtern? Wir haben Erz für ihn!« Er sah sich um und sie verstand, dass er gleich zur Schmiede gehen würde. Wo nun Grimbald herumstand mit den unbeschlagenen Pferden …
»Wollt Ihr mir nicht erst die neuen Rösser vorführen?«, fragte sie schnell.
Arnulfs Braue ging überrascht hoch, dann lachte er und rief mit kräftiger Stimme Arthur etwas zu. Im Nu fand sie sich in einer aufgekratzten Gruppe von Männern und Rössern wieder, zu der nun neben weiteren Kriegern auch noch Handwerker und deren Kinder stießen, die in der Burg lebten. Arthur streichelte stolz die Doppelblesse auf der Stirn der Windbraut, deren Fell von einem glänzenden, ungewöhnlich hellen Braun war. Erika klopfte dem Tier auf den Hals und lobte Arthurs Urteil. Er nahm es gerne auf; schließlich war seine Mutter Erika eine Sächsin von Geburt, eine Westfälin, die etwas verstand von Pferden.
Dann, wie ein Zündfunke im Stroh, kam der Vorschlag für ein Rennen. Jetzt gleich, um die Rösser tüchtig zu prüfen! Arthur lachte und forderte seinen langhaarigen Kameraden mit den Goldkapseln auf, aber dann überlegte er es sich anders. »Vater, was ist mit Euch? Reitet Ihr gegen mich?«
Erika sah ihren Sohn an. Arthur hatte diesen bestimmten Gesichtsausdruck, mit leicht vorgebeugtem Kopf, die Lippen einen Spalt weit geöffnet, den sie so gut von Arnulf selbst kannte.
Der Jüngere wollte es wissen!
»Warum nicht?«, meinte Arnulf scheinbar ungerührt. Mit knappen Worten schickte er jemanden los, Sättel zu holen.
»Wozu Sättel?«, dröhnte Arthur. »Eine Burgrunde kriegen wir ohne Sättel hin, was, Hauptmann?!« Mit einer herausfordernden, vielleicht selbstgefälligen Geste streifte er sich die Haare aus der Stirn und eine markante, fast drei Zoll lange Narbe wurde sichtbar.
In der Anrede – Hauptmann – lag etwas Herausforderndes: Sie stammte aus der Zeit des Königsdienstes, als Arnulf als Hauptmann der königlichen Panzerreiter eine Hundertschaft führte. Die Narbe wiederum hatte sich Arthur in ebenjener Zeit als Jungkrieger eingehandelt, mit heldenhaftem Leichtsinn nämlich, im Wald von Worms. Die Narbe erinnerte den Vater von Zeit zu Zeit daran, wie leicht sein Sohn sich in Gefahr brachte. Aber Arnulf wusste auch, dass er genauso gewesen war, früher …
Durfte er als gereifter Mann bei solchem sattellosen Unfug mitmachen?
»Bitte sehr, wenn Ihr wollt!«, knurrte Arnulf laut vernehmlich.
Neues Gelärme wogte über den Burghof. Die Krieger riefen Anfeuerungen wie auch Warnungen, Wetten wurden abgeschlossen, schon wurden die Pferde unruhig und rissen an den Halsseilen. Erika holte Luft, wollte protestieren – doch sie biss sich auf die Zunge. Zwei Kraftkerle mussten sich miteinander messen. Ihre Worte würden keinen Unterschied machen!
»Den nehme ich!« Arnulf schwang sich behände auf den Rücken eines schwarzbraunen Tiers, das prompt ein paar Schritt vorpreschte. Grobe Lederriemen tauchten auf, die man den Pferden als einfaches Zaumzeug überstreifte. Arnulf nickte seiner Frau zu, mit einem Lächeln, das aufmunternd wirken sollte.
Dann ritten der Burgherr und sein Sohn unter dem Johlen der Delbender durchs Tor.
* * *
Die Burg saß auf einer etwa hundert Fuß hohen, steil abfallenden Anhöhe über dem Ufer. Das Tor öffnete folglich landeinwärts, nach Norden: Der rechte Weg führte in einer Schleife zum Ufer mit den Fischerkaten und der Marktsiedlung, während der linke zur sogenannten Burgrunde führte, einem Kreis von etwa zwei Meilen Länge. Sie waren fast gleichzeitig aus dem Tor gekommen und Arnulf war direkt hinter Arthur, als sie auf die lang gestreckten Gebäude des Stutenhofs zugaloppierten. Hühner und ein paar Schweine nahmen Reißaus, als die Reiter heranpreschten und Arbeiter in schmutziger Feldkluft ihre Geräte sinken ließen, um das Schauspiel zu verfolgen. Die Reiter überquerten eine Weide und durchritten ein Stück Wald, um die Jungfrauenquelle zu erreichen. Zwei Mägde vom Stutenhof waren dabei, mächtige Wasserkrüge auf einen Esel zu laden, als Arnulf und Arthur vorbeidonnerten. Bei der anschließenden Wegkehre nach Osten rutschte Arnulf fast vom Pferd. Wann war er zum letzten Mal ohne Sattel geritten?
Er folgte seinem Sohn mit nur zwei oder drei Längen Abstand und merkte doch, dass die Windbraut schlicht und einfach zu schnell war. Dann war da noch Arthurs Ungestüm: Der Bursche ritt drauflos, als gebe es keine Baumwurzeln, keine Löcher, keine Rinnen auf dem Weg, als gebe es nur eins: siegen!
Aber siegen wollte der Vater auch.
Arnulf presste dem Schwarzen die Fersen in die Flanken und beugte sich nach vorn. Lauf, Junge! Lauf! Schon waren sie in den Wiesen, die man Reitfeld nannte, wo man sonst Gruppenangriffe mit der Stoßlanze übte. Arnulf näherte sich Arthur von links hinten, während der nach rechts über die Schulter schaute: Er schien Arnulf gar nicht kommen zu sehen, wurde sogar etwas langsamer – da rief Arnulf dem Schwarzen eine Anfeuerung ins Ohr und schlug ihm mit der Rechten auf die Kruppe. Schon zog er mit Arthur gleich und an ihm vorbei.
»Aus den Tannen kommt der Wolf, Junge!«
Ein Vers aus einem Kinderlied – Arnulf hätte nicht sagen können, warum er Arthur das zurief. Vielleicht, um den vorlauten Sohn zu reizen, ihm die dreiste Herausforderung vor den Kriegern heimzuzahlen!
Dumpf donnerten die Hufe über das Gras, Kaninchen tauchten vor ihnen auf und zickzackten blitzartig davon. Aus den Augenwinkeln sah der Vater, wie Arthur die Flanken von Windbraut bearbeitete. Dann kam auch schon die kleine Anhöhe mit dem zusammengebrochenen Steingrab, ein grauer Quader, der von längst vergessenen Heidenfürsten kündete. Der Weg bog vor der Kuppe nach rechts ab; als sie sich dem Grab bis auf fünfzig Schritt genähert hatten, zog Arthur plötzlich wieder am Vater vorbei und schwenkte als Erster nach Osten ein. Arthur ritt so geschickt, dass er die Kehre fast im Galopp nahm, ohne merklich abzubremsen. Arnulf aber verlor um ein Haar den Halt und musste sich an Hals und Mähne förmlich festklammern.
Arthur führte ihn vor!
Immerhin, sein Ross war trittfest und geradezu stoisch, es rannte weiter, als sei nichts gewesen. Doch Arthur war nun schon mehr als zehn Längen vor ihm!
Arnulf sah die ersten der Kastanienbäume vorbeiziehen, die frühere Elbufer-Herren hier gepflanzt hatten. An diesen Baumreihen entlang ging es auf das Fuchsholz zu, einem südlichen Ausläufer des großen Eisenwaldes, der die Siedlungsgebiete der Germanen und Slawen, der Sachsen und Abodriten also trennte. Schnell wurde der Untergrund dann wieder feuchter: Es ging auf das Flüsschen Delvenau zu, das man auch einfach Graben nannte, denn wie ein großer Wassergraben zog die Au sich von Nord nach Süd durch die Landschaft, flach im Sommer, meterhoch dagegen im Frühjahr und Herbst. Einige Sumpflöcher auf dem Weg waren mit Planken abgedeckt: Krachend polterte Arthur über den ersten Bohlenpfad, nun öffnete sich der Blick durchs Unterholz auf den blaugrauen Elbstrom. Eine weitere Weggabelung tauchte auf, Arnulf erkannte einen Kerl mit der Axt über der Schulter, einen sehnigen Burschen mit Biberfellmütze, der ihm seit Karls Zeiten mit seinem Schwert diente. Wie zum Gruß hob er den Wetzstein in seiner Hand:
»Holt ihn Euch, hamar!«
* * *
Die Windbraut war schnell, selbst mit einem Reiter auf dem Rücken mit der kräftigen Statur Arthurs! Er würde seinen Vater nicht nur schlagen, er würde ihn deutlich schlagen! Die Leute würden reden, natürlich … Dann aber merkte Arthur, dass sein Vater nicht mehr hinter ihm war. Schlagartig machte der Jüngere sich Sorgen: Vom Pferd zu stürzen und sich den Hals zu brechen, beendete dreimal mehr Kriegerlaufbahnen als irgendeine Schlacht!
Wo blieb der Alte?
Aber dann überholte ihn der Vater auf der linken Seite, mit wölfischem Grinsen.
Arthur traktierte die Seiten der Windbraut mit seinen Fersen. Sie verstand ihn und sie hatte noch etwas zuzusetzen! Und hier, auf dem Übungsfeld der Reiterei zog Arthur jetzt einfach vorbei am Vater und donnerte mit enormer Geschwindigkeit auf das große Steingrab zu. Und wie klug und geschickt nahm die Windbraut die nächste Kehre! Im Nu hatte er den Herrn von Delbende hinter sich gelassen. Der Grund wurde feuchter, schon trommelte er über das erste Stück Bohlenweg, sah den Vater weit hinter sich! Im sanften Bogen ging es nun um eine moorige Senke, Dänengrab nannte man dieses Feld mit Birken und Sumpfgras, vielleicht weil hier irgendwann gefangene Freibeuter in den Tod gegangen waren. Ein schmaler Pfad führte hindurch, den man nur zu Fuß und nur bei Tag nahm.
Arthur schwenkte mit steigender Laune nach rechts ein, stieß endlich wieder auf den Weg zur Burg, den sie vor Kurzem zu Fuß gelaufen waren. Da hörte er ein Poltern und Krachen im Unterholz. Scharfe, kehlige Anfeuerungsrufe, die Stimme seines Vaters: Wie ein fliegender Hirsch donnerte nun ein paar Längen vor ihm Arnulf sax hamar von rechts aus den Büschen, mit rotem Gesicht – für einen Wimpernschlag nur trafen sich ihre Blicke.
Der Vater brüllte sein Ross vorwärts, während der Weg nun wieder anstieg, hinauf zum Burgtor …
Lauf, Windbraut, bei Gott, lauf!
Mit einer Länge Vorsprung ritt jedoch der Burgherr durch das Tor, nicht sein Sohn.
* * *
Am lautesten johlten die alten Gefährten: Männer mit schwarzen Halstüchern und narbigen, wettergegerbten Gesichtern, die schon zu Königszeiten in seiner Hundertschaft gekämpft hatten. Der hamar konnte es noch, Respekt! Durchs Dänengrab, ohne Sattel, das war ein Streich! Da hätten sich andere den Hals gebrochen …
Dass die Windbraut ein verdammt gutes Pferd sei, ließ Arnulf schwer atmend verlauten, als er inmitten der lärmenden Männer vom Rücken seines Pferdes rutschte. Dabei sah er Arthur an, wie zur Entschuldigung. »Ihr habt die richtigen Rösser gekauft, Arthur!« Der zischte den Kameraden etwas zu, die ihn mit fragenden Gesichtern umstanden. Dann sah er seinen Vater an. Arnulf erschrak innerlich, als er in die Augen seines Sohnes sah.
»Durchs Dänengrab!«, spuckte Arthur mit bebender Brust aus. »Was würdet Ihr mit einem Weichspeer machen, der da durchreitet?«
Arnulf grinste etwas bemüht. »Den müsste man fragen, wer ihm das Reiten beigebracht hat!«
»Ich war schneller, Ihr wart einfach nur leichtsinnig!«
Das Gelächter und Geraune um sie herum wurde leiser.
»Haltet die Luft an«, knurrte Arnulf mit müde werdendem Grinsen. Er ging auf seinen Sohn zu und klatschte ihm eine schwielige Hand auf die Schulter. »Vergessen wir’s! Ihr versteht was von Gäulen, Arthur, das ist das Wichtigste!« Dann erwähnte er noch laut und deutlich, dass Gallos Leute einige Krüge mit Wein hochgeschickt hatten, Geschenk eines Kaufmanns aus Stathu5. »Warum nicht damit den Abend einläuten, Männer?«
* * *
Freilich war der Abend noch ein Stück entfernt. Und Arthur, das konnte jeder sehen, brauchte Abstand zum Gewinner des Rennens. So kam es, dass Roswith, die sich nach ihrer Rückkehr auf die Burg alles haarklein berichten ließ, alsbald ihren Bruder aufsuchte. Er hatte drei der Pferde bereits an seine Schwurmänner verteilt. Mit anfangs noch gleichmütigem Gesicht ließ er sich Roswiths Zusprache gefallen: Sie schimpfte mit gedämpfter Stimme über die Tollkühnheit ihres Vaters.
»Ihr seid der beste Reiter weit und breit, Bruder! Übrigens, hättet Ihr nicht auch Lust, heute Abend etwas zu unternehmen?«
Eine halbe Stunde später saß sie tatsächlich mit Gea zwischen kräftig rudernden Kriegern in einem knapp dreißig Fuß langen Boot. Es folgte mit geringem Abstand einem größeren, schnittigeren Ruderboot, Kiel genannt, in dem Arthur selbst stand. Roswith sah ihn am Mast lehnen, gelegentlich zurückschauen und ansonsten mit seinen Leuten und einer Magd scherzen, die er mitgenommen hatte. Sie arbeitete in der Küche der Burg, war ein lebenslustiges Ding und würde wahrscheinlich bis Weihnachten davon erzählen, dass sie mit dem jungen Herrn zu einem Fest nach Bardovyk gefahren war …
Grimbald setzte die Flöte ab, der er ein paar spielerische Töne entlockt hatte, und richtete sich aus seinem Nest aus Seilen und leeren Säcken im Heck auf. Im letzten Augenblick hatte er sich angeschlossen: Eine größere Vergnügung zu verpassen wäre eine Sünde gewesen! Seit dem Ablegen beobachtete er insgeheim Roswiths Freundin, die ebenfalls fünfzehn oder sechzehn sein mochte. Sie war die Tochter eines Hörigen, der einer holstischen Familie flussabwärts als Knecht und Feldarbeiter diente. Geas Mutter war vor Jahren verstorben und ihre Stiefmutter kam nicht gut mit dem etwas selbstverliebten Mädchen aus – so hatte Arnulf sie für zehn Schillinge ausgelöst, denn sie und Roswith waren längst wie Schwestern füreinander.
»Gea«, sagte Grimbald schließlich in harmlosestem Ton, »zu deinem Goldhaar passt kein safranfarbenes Tuch.« Er zog ein hellblaues, seidiges Stück Stoff aus seiner köcherartigen Flötentasche. »Hier, probier das!«
Gea warf einen Blick zu Roswith, halb ungläubig, halb geschmeichelt und begann an ihrem Kopftuch zu zerren, unter dem dicke blonde Zöpfe hervorquollen. »Wenn Ihr meint, Grimmo.«
Roswith stieß ihrem Bruder mit der Fußspitze in die Rippen. »Wir haben kaum abgelegt, und schon fängst du mit minne an … aufpassen, Gea!«
Ein krächzendes Lachen erklang hinter ihnen am Steuerruder. Es kam von Arthurs Gefährten Gero. Er ließ eine ledrige Hand durch seine Bartsträhnen mit den Goldkapseln laufen und rief Gea ein paar ursächsische Silben zu, verballhornt, sodass die im Fränkischen aufgewachsenen Kinder Arnulfs nur ahnen konnten, was gemeint war. Doch dann entdeckte Gero etwas und die nächsten Worte waren reinstes Fränkisch:
»Skizan! Da steht Euer Vater!«
Erschrocken sah Roswith zurück. Tatsächlich, am Holzsteg der Anlegestelle war der Burgherr erschienen. Fast hatten die Boote die Mitte des Flusses erreicht, und doch dröhnte Arnulfs Stimme deutlich über das Wasser – niemand konnte so brüllen! »Umkehren«, knurrte Gero tonlos. Dann wiederholte er das Wort als Ruf nach vorn, für Arthur. Der hatte sich ebenfalls umgedreht, angespannt starrte er zurück zur Anlegestelle, dahin war die Lässigkeit. Grimbald hörte den älteren Bruder nun leise fluchen. Ein flaues Gefühl durchlief ihn. Den Dreijährigen hatte er immer noch nicht die Eisen angepasst!
»Fahrt weiter, Arthur«, rief Grimbald nach vorn. Roswith hingegen biss sich auf die Lippen, stand auf und winkte ihrem Vater ratlos zu – zurück, umkehren, so viel war zu verstehen.
Ein kräftiger Fluch kam vom ersten Boot. »Roswith«, schrie Arthur, »hattest du nicht gesagt, du hast Erlaubnis?«
Die Schwester rang die Hände. »Ja, bei allen Heiligen, wir können auf uns selbst aufpassen!«
Gea murmelte etwas und drückte Roswiths Arm.
Ob sie das Tuch behalten dürfe, fragte sie dann noch.
* * *
Als sie endlich wieder von der Bootskante auf den Steg sprangen, stellte Arthur fest, dass sein Vater nicht mehr da war. Stattdessen stand da Brun. »Zürnt nicht, junger Herr!«, sagte der Ältere mit diesem Gesichtsausdruck, mit dem er seine inneren Regungen tarnte. »Euer Vater braucht Euer Schwert und die Schwerter Eurer Männer!«
»Was ist passiert?«
»Drasco ist hier, der Abodritenfürst. Sklavenjäger aus dem Holstengau haben seine Siedlungen überfallen und Menschen geraubt. Er bittet Euren Vater um seine Hilfe!«
Arthur spürte sein Blut schneller strömen. Mit allem hatte er gerechnet, bis hin zu einer körperlichen Auseinandersetzung mit seinem Vater. Aber das, was Brun sagte, klang plötzlich nach dem Besten, was einem jungen Krieger passieren konnte: nach einer Gelegenheit, sich auszuzeichnen!
»Holsten, sagt Ihr?«, stieß Arthur aus. Er sah die Trupps der Sklavenjäger schon vor sich, die Gefangenen mit Peitschen vorantreibend, irgendwo zwischen Wald und Sumpf am Horizont. »Wie viel Vorsprung haben sie?«
»Nicht viel, junger Herr! Es müssen die Boote gewesen sein, die heute Nachmittag vorbeizogen, hier an unserem Ufer!«
»Satan!«, knurrte Arthur und fuhr mit einer Hand über den Bart. »Heden wintblat ist noch mit seinen Schiffen im Norden unterwegs! Mit unseren Flussbooten werden wir die Kiele kaum einholen!« Ihre Blicke gingen zu den beiden Schiffen, die weiter hinten an einem schlichten Steg vertäut waren, ohne Mast und mit eingezogenen Rudern.
»Euer Vater wird sie zu Pferde verfolgen«, fügte Brun ungerührt hinzu. »Sammelt Eure Männer und macht sie marschfertig!«
2 Heute ein Stadtteil von Lüneburg.
3 Althergebrachte Bezeichnung für Adler und Bestandteil des Namen Arnulf (=Adler-Wolf).
4 Bremen
5 Stade
Kapitel II
Einige Wochen vor diesen Ereignissen an der Nordgrenze des Reiches hatte der König des Frankenreiches Vertraute und Vasallen zu einem Bad in seiner Pfalz Paderburni6 geladen. Huhn, Brotviertel, Käsestücke, Honig und Quark mit Kürbiskernen warteten auf einer Anrichte nahe des Badehauses. Denkbar einfach war das, denn so mochte es Carolus Rex abseits der großen Empfänge; längst nannte man diesen Karl »magnus«, den Großen also, und das lag nicht an seiner Körpergröße von mehr als sechs Fuß. Ein solcher König hatte es nicht nötig, vor seinen Leuten zu prunken.
Das Herumpaddeln im eher flachen Quellbecken der Pader hatte Karls Gästen Vergnügen bereitet; zumindest mussten sie so tun, denn der König war mitten unter ihnen. Auf Griesgrämige und allzu Schweigsame legte er keinen Wert, das war bekannt! Gottes Werk mit Demut im Herzen und froher Seele zu unternehmen, war Devise bei Hofe seit vielen Jahren schon. Der König – nur mit einem Lendenschurz angetan – hatte im Wasser mit einigen Großen aus Rheinfranken, mit einem Markgrafen und einem Prälaten aus Italien sowie vertrauten Höflingen gescherzt und gelacht und dabei doch auch ernste Dinge angesprochen: Die Viehseuche, die westlich der Maas wütete; der Aufstand der Awaren im Südosten, hinter dem bayerischen Herzogtum; neue Lieder der Kirchenliturgie, denn der König sang laut und gerne in jedem der Gottesdienste, die er besuchte.
Freilich, Karl wusste, dass unter der Oberfläche, quasi unter Wasser, ein anderes Thema längst die Gedanken seiner Badegäste in Beschlag genommen hatte: die Frage der Thronfolge. Dreißig Jahre auf dem Thron hatte der Allmächtige dem Frankenkönig bereits gegönnt! Großartige, glanzvolle Jahre zumeist, in denen Karl, der Sohn König Pippins, von Erfolg zu Erfolg geritten war, immer neue Völkerschaften unterworfen, heidnische Seelen für Christus gewonnen und die Territorien des Reiches gewaltig vergrößert hatte. War es also nicht an der Zeit, an die Zukunft, an einen Nachfolger auf dem Thron zu denken? Ja, König Karl wusste, dass zumindest zwei seiner drei Söhne bei den mächtigsten Vasallen des Reiches heimlich ausloteten, inwiefern ein neuer Herrscher sich auf sie verlassen könnte – im Fall eines Thronwechsels …
An jenem milden Badetag also unter blauem Himmel, mit piependen Amseln und räubernden Staren in der Luft, ließ der Herrscher noch im Wasser das Wort »Reichsteilung« fallen, um seine Gäste aus der Reserve zu locken. Scharf musterte er dabei die Gesichter der anderen, doch außer unverbindlichem Gemurmel und gerunzelten Brauen erntete er kaum Reaktionen – was eben auch daran lag, dass niemand vor den Ohren anderer hier irgendwie Stellung beziehen wollte, denn: Wer wusste schon, welcher Sohn am Ende das Rennen machen würde?
Da meldete sich der Markgraf aus dem südlichen Italien zu Wort. Er war ein knochiger Mann mit einer von einem Schwertstreich verkrüppelten Hand, der geradezu klein neben dem hochgewachsenen König wirkte. Während Karl sich bereits den in den Fels gehauenen Stufen näherte, die einen bequemen Ausstieg boten, sprach der Italier laut und deutlich für die Reichseinheit: »Byzantiner und Sarazenen warten nur darauf, dass sich der fränkische Thron von Italien abwendet! Ich danke dem Herrn, dass wir mit Eurem Sohn Pippin einen tüchtigen Unterkönig haben, der den Feind von Benevent und Spoleto fernhält!«
»Gut, dass Ihr ihm dabei so tatkräftig helft«, sagte der König und bedachte den Markgrafen mit einem freundlich-gelangweilten Blick. Dann stieg Karl endlich aus dem Wasser. Am Beckenrand streckte ihm sein Leibdiener Leinentücher entgegen, andere hatten bereits eine Holzbank aus einem hell verputzten Gebäude herbeigetragen, auf der die Schüsseln mit Essen auf die Erfrischten warteten, und begannen ebenfalls, Handtücher zu verteilen.
Je nach Schamgefühl griffen die triefenden Männer schneller oder langsamer nach dem trockenen Leinen. Der König, das Tuch über einer Schulter, löste nun mit einer Hand den nassen Lendenschurz und rief im selben Augenblick seinem altgedienten Consiliarius Einhard etwas zu. Der watete mit langsamen Schritten auf die Stufen zu – schmalbrüstig, grauhaarig, aber mit sehr wacher Miene. »Bringt den Diakon gleich zu mir, Einhard!«
In ebendiesem Augenblick streifte der König den Schurz ab und schlang mit der Rechten das Tuch um die Hüfte. Annähernd gleichzeitig geschahen diese Bewegungen, aber eben nur annähernd: Da war der wie zufällige Augenblick, kaum länger als ein halber Herzschlag, in dem die Badenden das Geschlecht Karls sehen konnten.
Einhard murmelte eine halblaute Bestätigung des königlichen Wunschs. Und vielleicht wusste er, der langjährige Vertraute, als Einziger der Anwesenden, dass diese Offenbarung der königlichen Lenden kein Zufall gewesen war: Denn das Geschlecht des Herrschers war riesig.
* * *
Etwa eine Stunde später standen vier Männer vor einer Karte des Frankenreiches, die auf eine Standtafel genagelt war. Der geflieste Raum, den man von der großen Prachthalle der Pfalz aus betrat, war mit Sitzbänken, Kissen und Wandteppichen ausgestattet, die Bonifatius’ Fällung der Donareiche zeigte und auch das spätere Martyrium, nämlich die Tötung des Missionars durch friesische Banditen. Stehend hatten die Männer eine Zeit lang die Karte betrachtet, waren mit ihren Augen von Friesland bis Akquitanien, von Septimanien7 bis nach Alemannien und vom Rhein bis an den Tiber gereist, währenddessen ein schwarzhaariger Mann mittleren Alters in konzentrierten, nüchternen Sätzen eine mögliche Aufteilung des Riesenreiches erläuterte.
Nur die abrupten Kopfbewegungen des Vortragenden und die gelegentlichen Berührungen seiner Stirn mit zwei Fingern deuteten darauf hin, dass der Vortragende unter erheblicher Anspannung stand.
»Und die Alpenpässe, Diakon?«, unterbrach der König mit den Händen in den Hüften. »Wem wollt Ihr die geben?« Mit einem Klaps auf den Kopf verscheuchte der König den braunschwarzen Jagdhund, der ihn jaulend bedrängte. Worauf das Tier wiederum mit kräftig wedelndem Schwanz nach Mäusen unter der Kartentafel zu jagen begann, wo tiefe Lücken zwischen Bodenfliesen Verstecke für kleine Nager boten.
Der Diakon Ebo hielt inne. Dann räusperte er sich und warf einen schnellen Seitenblick auf Einhard und die ein wenig abseitsstehende Gestalt des Erzkapellans, dessen Brust ein matt glänzendes Silberkreuz mit goldener Einfassung schmückte. Erzkapellan Hildebald war fast so groß wie Karl, aber deutlich schmaler und trug eine gewaltige Adlernase im Gesicht. Sein Kopf hing immer ein wenig nach vorn, als sinniere er über irgendetwas. Da er einen kurzen Hals hatte, erinnerte dieser Anblick mitunter an einen riesigen Vogel.
Es gab nur wenige Kanzlisten, die jemals vor beiden sprachen, vor dem Herrn der Welt und seinem höchsten Berater. Und offensichtlich war die Idee einer Reichsteilung, die Ebo auftragsgemäß ausgearbeitet hatte, ein guter Grund für eine vertrauliche Besprechung. Aber trotzdem wurde der Kanzlist das Gefühl nicht los, dass es hier noch um etwas anderes ging. Einhard hatte ihm eben doch nicht alles erzählt! Der kluge, ledrig-asketisch wirkende Vertraute Karls hatte ihm ursprünglich den Auftrag für die Kartenerstellung gegeben. Dieser Einhard hatte eine verbindliche, wohlwollende Art, der man leicht vertrauen konnte. Obwohl Ebo doch als Verstandesmensch wusste, dass es schlicht und einfach keinen Sinn hatte, jemandem zu vertrauen. Es sei denn, man war der Herrscher selbst – dann blieb einem nichts anderes übrig.
»Die Alpenpässe, Herr? Ihre Aufteilung folgt demselben Muster …«
Der aufdringliche Hund störte Ebos Vortrag wie ein rotziges Kind. Zumal ein ekelhafter Geruch von ihm ausging. Doch dann sagte der Erzkapellan zwei Sätze hintereinander, die die Wichtigkeit der Pässe noch einmal unterstrichen und Ebo wurde klar: Erzkapellan Hildebald hatte Magenprobleme, von ihm ging dieser Verwesungsgeruch aus!
»Herr«, begann Ebo aufs Neue, »den Reschenpass bekommt der jüngere Karl, der dann vom Rhein aus nach Italien ziehen kann. Der Lukmanier bleibt beim Herrn von Italien. Und Ludwig, der den Südwesten unter sich hat, kann von der Rhone aus den Mons Jovis8 nehmen …«
Der König nickte und klang plötzlich nicht mehr so herablassend wie zuvor. »Wie viele Leute haben diesen Entwurf gesehen, Ebo?«
Ebo spürte Schweiß unter den Achseln. »Neben meinem Schreiber, Herr, nur der ehrenwerte Consiliarius Einhard. Und der Leiter der Hofkanzlei natürlich …«
»Schon gut«, winkte der König ab. »Unser Kanzler ist mittlerweile halb blind, der weiß nicht, ob ich vor ihm stehe oder mein Pferd.« Der König ließ sich in einen massiven Holzstuhl fallen, der mit geschnitzten Verzierungen und Eberzahn-Einsätzen wie das Geschenk eines ostelbischen Heidenfürsten aussah. Prompt tauchte der Hund wieder auf, um seinem Herrn die Hand zu lecken.
»Euer Entwurf ist gut durchdacht«, sagte der Erzkapellan mit seinem federnden Nicken. »Der junge Karl bekommt mit den altfränkischen Gebieten östlich des Rheins, mit Sachsen und Neustrien mehr Land als die anderen, aber die südlichen Gebiete sind wirtschaftlich höher entwickelt. Nur – der Allmächtige dürfte Euch noch viele Jahre schenken, mein König, bevor wir dergleichen ernsthaft zu berücksichtigen haben.«
»Amen«, sagte der König trocken.
Aber warum hatten sie ihn, den Diakon aus der zweiten Reihe der Hofkanzlei, mit dem ganzen Verschwiegenheitsbrimborium befrachtet, wenn die Reichsteilung gleich wieder begraben wurde?
Ebo spürte wiederum den prüfenden Blick des Königs. Seit seiner ersten Begegnung mit dem großen Karl – damals hatte Ebo noch als Schreiber im Dienst des Erzbischofs von Moguntia9 gestanden – waren die Tränensäcke unter den dunklen Augen des Herrschers deutlich größer geworden; die schwarzen Brauen wucherten wie Gestrüpp über den Augen und gaben dem Antlitz etwas Einschüchterndes, zumal, wenn der Herrscher die Stirn in Falten legte. Der Ansatz des Haupthaars war um zwei oder drei Zoll zurückgewichen, reichlich silberne Strähnen durchsetzten das Schwarz. Der Kopf saß auf einem dicken, rötlichen Hals, der Karls Figur wiederum noch massiger erscheinen ließ.
»Einhard hat gut von Euch gesprochen, Diakon«, sagte der König langsam. »Mit Recht! Hinter einer hohen Stirn steckt doch immer wieder ein starker Verstand!« Diese auf Ebos Äußeres gemünzten Worte verstärkten dummerweise den Juckreiz über seiner rechten Braue, der alten Problemstelle. Dann stellte der König eine Frage, die wie ein Scherz klang: »Was meint Ihr, Ebo: Welcher meiner Söhne hat das Zeug, mir nachzufolgen? Wer wäre es wert, die Oberherrschaft auszuüben, am Ende meiner Reise?«
»Herr, Euch stehen größere Geister zur Verfügung, um diese Frage …«
»Nicht so schüchtern! Wenn man weiterkommen will, dann muss man auch mal etwas wagen!«
»Herr …«
»Ihr habt Karl und Ludwig und Pippin gleichermaßen erlebt«, fuhr der König nüchtern fort. »Ihr seid herumgekommen, reichlich! Und wenn ich mir Euren Überwurf mit diesem hellen Blau ansehe, dann scheint mir der eher in Pavia als in Utrecht gewebt! Ihr könnt nicht klagen … Eigentlich entstammt Ihr einer hörigen Familie, meine ich?«
»Nein, Herr!«, sagte Ebo etwas zu energisch. »Mein Großvater war ein Freier! Er begleitete den heiligen Bonifatius auf der letzten Friesland-Fahrt, wo er das Martyrium erlitt!«
»Aber Euer Vater nicht«, fiel Einhard ein, der dem Stuhl des Königs näher gerückt war und die Hände auf dem Rücken hatte, wie ein Schulmeister. Ebo spürte einen neuen Juckreiz, diesmal war es der linke Handrücken.
»Widersprecht ihm lieber nicht, Ebo«, lächelte Karl. »Der Consiliarius kennt sich aus! Gleichwohl, wir brauchen solche Leute wie Euch, versteht Ihr nicht? Eure Loyalität, Diakon Ebo, soll uns gelten, uns allein! Und nicht einer alten Sippe, die zehntausend Hufen Land hat mit fünftausend Hörigen und die beides gerne verdoppeln würde! Solche Vasallen habe ich reichlich! Und ich kann Euch sagen, dass das Verhandeln mit denen sehr anstrengend ist. Schaut unseren Consiliarius hier an: Einhards Großvater war ein Schmied!«
»… und mein Vater ein königlicher Amtmann«, fügte Einhard sicherheitshalber hinzu, damit keine Missverständnisse aufkamen. »Ich besuchte die Klosterschule in Fulda. Ihr wart in Moguntia. Guten Schülern steht die Welt offen, hieß es bei den Römern!«
Ebo lächelte etwas angestrengt, dann tauchte der Hund vor ihm auf und stieß seine Schnauze zwischen Ebos Beine, als wolle er dessen Geschlecht kennenlernen. Peinlich berührt versuchte der Diakon, das Tier mit einem Kniestoß abzudrängen.
Der König lachte, als schaue er einer Theatertruppe zu. »Er mag Euch, Ebo«, rief Karl. »Und glaubt mir, es gibt viele, die er nicht mag!«
Ebo schluckte etwas hinunter, das bitter schmeckte. Er zog den Saum des Überwurfs straff, der vom Gürtel zusammenhalten wurde, mit einem Auge auf den Hund. »Warum habt Ihr mich holen lassen, Herr?«
»Um Euch kennenzulernen, Diakon«, kam es vom König zurück, ernst und hart, vielleicht sogar respektvoll. »Einhard wird Euch einweihen.«
Der Consiliarius sah Ebo an wie einen Prüfling, der erste Aufgaben bestanden hatte und nun für Höheres infrage kam.
»Wir wollen«, begann er, »dass Ihr Euch an den Hof des Königssohns Karl begebt. Ihr werdet ihn beobachten! Unser Eindruck ist, dass er tatkräftig und willig ist, aber noch einer gewissen Reife bedarf. Ihr werdet uns also berichten, wie er sich hält, was er denkt und mit wem er näher verkehrt. Bei Bedarf werdet Ihr auch seine Hand führen!«
»Die Hand des Königssohns, des Prinzen Karl?« Ebo glaubte, sich verhört zu haben. »Aber mit welcher Autorität trete ich ihm gegenüber?«
»Abwarten!«, sagte Einhard in seiner Dozentenstimme. »Wichtig ist: Ihr gehört keiner Fraktion und keiner Sippe an und steht in keiner Abhängigkeit außer unserer! Ihr werdet uns die Dinge so schildern können, wie sie wirklich sind. Euch winkt ein Bischofshut und mehr, wenn Ihr Euch geschickt anstellt!«
Ebo kratzte sich abermals an der Stirn und fühlte eine Mischung aus Schrecken und Hoffnung. Ein Bischofshut, im Ernst?
Oder wollten ihn diese Höflinge hier in Karls Lager untergehen lassen, um damit wiederum etwas ganz anderes zu erreichen?
Ebo nahm seinen Mut zusammen, denn Mut hatte der König ihm selbst empfohlen. »Warum zum jungen Karl, Herr Einhard? Warum schickt ihr mich nicht in Prinz Ludwigs Lager? Er hat große Frömmigkeit und er zeugt Kinder und …«
»Das wird mein Sohn Karl auch tun, Diakon!«, stieß der König aus. Seine Hand landete in einer Schale mit Nüssen neben dem Stuhl, etwas zu heftig, sodass einige Nüsse auf den Boden klickerten. »Man muss ihm notfalls die richtige Schönheit vorsetzen, damit er Appetit bekommt!«
Für einen Augenblick herrschte verlegene Stille. Ebo fühlte neuen Schweiß unter den Armen: Er war zu direkt gewesen! An den kühlen Verstand von anderen zu glauben, war sein alter Fehler. Nur – dass der jüngere Karl nicht mit Frauen schlief, hatte sich am Königshof längst herumgesprochen. Und der ach so weise König tat, als sei das nur Zufall?!
»Immerhin, lieber Diakon«, kaute Karl mit angestrengter Gutmütigkeit hervor, »eben noch hattet Ihr gar keinen Favoriten, jetzt seid Ihr schon bei Ludwig!«
Einhard raunte Karl etwas zu, während Hildebald sich ruckartig zur Seite drehte, als müsste er sich übergeben.
»Herr«, sprach Ebo in die Stille hinein, »ich bin geehrt von Eurem Vertrauen! Wie lange soll meine Mission beim Prinzen Karl dauern?«
Karl schwieg kauend. An seiner Stelle antwortete Einhard: »Ein Jahr oder auch mehr, je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln.«
»Und Pippin in Italien?«, überlegte Ebo laut. »Kommt der gar nicht in Betracht?«
Karl hob stirnrunzelnd die Hand und betrachtete zunächst Hildebald, der sich wieder aufrichtete und etwas von »Kolik« murmelte, wobei er über sein Brustkreuz strich, wie um sich selbst zu beruhigen.
»Pippin liebt die südliche Sonne«, sagte Karl mit einer Spur von Resignation. »Er hasst unsere Wälder, Moore und unseren Regen. Das bestätigt er mir bei jeder Gelegenheit. Lassen wir ihn erst einmal da, wo er ist! Was Euren Titel angeht, mit dem Ihr Euch bei meinem Sohn einführt … Hildebald, geht es?«
»Gewiss, Herr!« Karls erster Berater straffte sich, bemüht, Einhard keine weitere Gelegenheit zu geben, für ihn oder den König zu antworten. »Ihr selbst, Ebo, habt dem jungen Karl das gesamte Sachsenland gegeben«, sagte Hildebald in offiziellem Tonfall. »Wir könnten Euch als Boten mit besonderen Vollmachten dorthin schicken, als Begleiter eines missus domenicus oder sogar als missus selbst.« Er wechselte einen Blick mit Karl, beide sahen Einhard an, doch der reagierte nicht.
Ebo nickte und sah die Situation vor dem geistigen Auge: wie er, der Diakon aus der Hofkanzlei, den Beratern des Königssohns erklären musste, warum er fortan dem Königssohn beigeordnet war … »Ich brauche bewaffneten Geleitschutz, Erzkapellan«, sagte der Diakon mit einer gewissen Forschheit. »Ein Königsbote ohne Krieger wird nicht ernst genommen!«
