Arztgeheimnisse (Oldtimer-Trilogie II) - Joe Heilsberg - E-Book

Arztgeheimnisse (Oldtimer-Trilogie II) E-Book

Joe Heilsberg

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Beschreibung

AUSGELIEFERT. ABGESCHOBEN. AUSGELÖSCHT. Dr. Joe Heilsberg handelt. Im letzten Teil der Oldtimer-Trilogie steht der Show-down bevor: Ein skrupelloser 'Doktor'. Ein Altenheim auf einem verlassenen Militärgelände. Mysteriöse Todesfälle. Hinter den Kasernenmauern verbirgt sich ein dunkles Geheimnis. Joe und J.B. stoßen an ihre Grenzen - und müssen entscheiden, wie weit sie und ihr geheimes J-Team für ihre Patienten gehen. ARZTGEHEIMNISSE Ärztemangel. Pflegenotstand. Sparmaßnahmen. Dr. Joe Heilsberg kämpft unermüdlich für Menschlichkeit. Alte Menschen, die Angst vor Pflegebedürftigkeit haben. Ein skrupelloser 'Doktor'. Ein Altenheim auf einem verlassenen Militärgelände. Und mysteriöse Todesfälle. Was passiert, wenn das Gesundheitssystem, das schützen soll, zur größten Bedrohung wird? Begleiten Sie Dr. Joe Heilsberg und sein geheimes J-Team auf ihrem mutigen Kampf gegen die Schattenseiten des Gesundheitswesens - eine Geschichte, die bewegt, aufrüttelt und zugleich Hoffnung schenkt. ARZTGEHEIMNISSE ist ein fesselndes Medizindrama voller Spannung, tiefgründiger Menschlichkeit und feinem Humor. 'Ein Buch zum Hinschauen, Nachdenken und Verändern.'

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Seitenzahl: 174

Veröffentlichungsjahr: 2025

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„,In einer Zeit, in der das Gesundheitssystem zunehmend versagt, in der alte und hilflose Menschen vernachlässigt, betrogen – und sogar getötet werden, formierte sich ein geheimes Team um einen engagierten Hausarzt.

Offiziell existieren sie nicht, doch sie stehen denen bei, die niemand sonst schützt.

Wenn du medizinische Hilfe brauchst, wenn du niemandem sonst vertrauen kannst – und wenn du sie im Münsterland findest - dann ruf das J-TEAM!"

(frei nach dem Prolog von ‚The A-Team‘)

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort Herausgeber

Vorwort AUTOR

Die Figuren

1. AKT: AUSGELIEFERT

Hilferuf aus Lette

Zurückgeschickt

Ein Unglück ---

Ungutes Gefühl

Kasernenheim

Marienfeld

Der Plan

Anruf im Heim

Leere Flure

Entlarvende Berührung

Armbruch

Einweisung

Arztbericht

Lohnt nicht!

Eine Chance

Fehlende Unterschrift

Die Entscheidung

Rückkehr

Kein Zutritt!

Hilflosigkeit

Anruf im Dunkeln

Mach’s gut

Der Schwur

Klinikparkplatz

Ein Plan funktioniert

Todesnachricht

Neue Erkenntnisse

Der Weg zur Bahn

Wut und Entäuschung

2. AKT: ABGESCHOBEN

Ein Hilferuf

Zur Kaserne

Kaltes Schweigen

Begegnung am Zaun

Geheimdienst Hupe

Streit am Tor

Funkloch

Funkkontakt

Hupes Entdeckung

Hupes Nachricht

Zimmer im Heim

Ein grosser Tisch

Hupe lauert

Hupe recherchiert

Hupe braucht Hilfe

Funkstille

Ungeduld

Die Zeit rennt

Polizeiruf

Warnschuss

3. AKT: AUSGELÖSCHT

Klimaaktivisten

Das J-Team in Action

Geruch des Todes

Notfalleinsatz

Sturm

Leichenkeller

Festnahmen

Dexter

Zeitungsbericht

Teatime

Ehrung

Eddy’s Lohn

Geschenk auf Rädern

Aufgeklärt

EPILOG

Zeichen setzen

Z wie Zorro

A.R.Z.T.-Jeep

Rallye Oelde 2025

Grün wie die Hoffnung

Auf den Spuren

Nachwort

Schlussbemerkung

ANHANG

DIE ‚OLDTIMER-TRILOGIE I‘

DIE ‚OLDTIMER-TRILOGIE II‘

Herausgeber & Autor

TRI-TRIMMING®

VORWORT HERAUSGEBER

Liebe Leserschaft!

Seit über 25 Jahren arbeite ich als Hausarzt, und in dieser Zeit habe ich viel erlebt, das mir den Atem stocken ließ.

Ich denke an Patienten, die still leiden, weil niemand genau hinsieht. An Pflegeheime, in denen Zeit und Fachpersonal knapp sind. An Momente, in denen ich mich fragte: Wie konnte das nur so weit kommen?

Die Geschichten in ‚BENZIN im BLUT‘ sind keine Fiktion. Sie spiegeln Erlebnisse wider, die ich selbst so oder ähnlich erfahren habe – Situationen, die mich tief bewegt und oft auch verzweifeln ließen.

Doch es gibt Hoffnung. Joe Heilsberg, seine Freundin J.B. und ihr geheimes J-Team kämpfen mit ganzem Herzen für jene, deren Stimmen sonst oft verhallen. Sie zeigen uns, wie wichtig es ist, wirklich hinzuschauen, auch wenn es wehtut.

Gerade nach den Erfahrungen der Corona-Zeit, in der Alte und Kranke abgeschottet wurden und unser Gesundheitssystem seine Verletzlichkeit offenbarte, haben wir nun die Chance, bewusst hinzusehen – statt wegzuschauen. Es braucht Mut, Engagement und Menschlichkeit. Und es ist möglich, etwas zu verändern.

Ich lade Sie ein, dieses Buch mit offenen Augen und offenem Herzen zu lesen. Und selbst hinzusehen, wo es nötig ist. Denn nur so können wir wirklich etwas bewegen.

‚BENZIN im BLUT‘ hat mich tief berührt und bestärkt, mich weiterhin für die Schwächsten einzusetzen – genau wie Dr. Joe Heilsberg und sein J-Team.

Oelde, im September 2025

Dr. med. Jörg Hennig

VORWORT AUTOR

Liebe Leserschaft!

Seit einem Vierteljahrhundert begleite ich als Hausarzt Menschen in guten wie in schlechten Zeiten.

Besonders die stillen, leidgeprüften Patienten lagen mir immer am Herzen. Auch während der Corona-Pandemie, als Alte und Kranke in Pflegeheimen und Krankenhäusern sich schutzlos dem System anvertrauen mussten.

Die Erkenntnisse aus dieser Zeit habe ich auch in ‚BENZIN im BLUT‘ verarbeitet. Das Buch erzählt von den Momenten, in denen Kranke und Alte ohne Angehörige und Fürsprecher im Gesundheitssystem verloren gehen.

Der entscheidende Auslöser, die ‚Oldtimer-Trilogie‘ in diese Richtung fortzusetzen, war die Geschichte von Frau Eichkamp. Sie hat mich dazu angetrieben, dieses Medizin-Drama zu schreiben und die verborgenen Missstände an die Öffentlichkeit zu bringen.

Gemeinsam mit meiner Freundin J.B. und dem J-Team stehe ich vor der größten Herausforderung: der Entscheidung, wie weit ich als Arzt gehen darf und muss, um meinen Patienten beizustehen.

‚BENZIN im BLUT‘ ist somit keine reine Fiktion – es ist das Unglaublichste, das wirklich geschah. Vielleicht nicht genau hier. Vielleicht nicht genau so. Aber irgendwo. Ganz sicher.

Oelde, im September 2025

Dr. med. Joe Heilsberg

DIE FIGUREN

Hauptfiguren

Dr. med. Joe (von) Heilsberg

Hausarzt und Oldtimerfreund

J.B. Smith

Joe’s Liebe

Dexter

J.B.‘s Australian Shepherd

Familien von Joe und J.B.

Josi (von) Heilsberg

Joes’s Mutter

+ ‚Schorsch‘ (von) Heilsberg

Joes‘ Vater

‚Money‘ Smith

J.B.‘s Vater

‚Mom‘ Smith

J.B.‘s Mutter

Doro von Heilsberg

Joe’s Patin und Cousine

Kurt von Heilsberg

Doro’s Ehemann

Martinus ‚Fusel‘ von Heilsberg

Joe’s Cousin

Nikolaus von Heilsberg

Joe’s Cousin

Praxismitarbeiter und Freunde von Joe

Anna Potter

MFA an der Anmeldung

Lena Potter

Anna’s Zwillingsschwester

‚Boney‘

Sprechstundenhilfe

Jan Heller

Joe’s techn. Hausmeister

‚Schrauber‘ und Oldtimerfreunde

Claudia und Mathias

Freunde und Ärzte aus Siegen

Daniel Brake

Joe’s Schrauber

Olaf Taube

Daniel’s Mitarbeiter

Alan Bell

Joe’s Freund und Schauber

Eddy McGinther

Schrauber in Sennelager

Dave Bert

Englischer Oldtimersammler

Patienten

‚Hupe‘

Jan Heller’s Schwiegervater

Claus von Cornelius

Heinz Völkenkemper

Karl Eichkamp

Frau Eichkamp

Franz Butenbäumer

+ Siegfried Klaskamp

siehe OT I

Sonstige

Der ‚Doktor‘

Tierarzt

‚Pferdeschwanz‘

siehe OT I

Älterer Herr mit Jaguar Mk.2

Zwielichtiger engl. Investor

‚Tete‘

Keitlinghauser Original

Bauer Gievenbeck

Joe’s Vermieter einer Scheune

Tönne

Gievenbecks Knecht

‚Fräulein Rottenmeier‘

Heimleiterin ‚Sans Souci‘

Frau Westkämper, KOK

Mordkommission Warendorf

Frau Mauke, KHK

Polizei Gütersloh

Graf Kalli

Joe’s Friseur

Oberarzt Brueckner

Chirurg

Frau Melchior

Geriaterin

Dr. Sartorius

Krankenhausarzt

Dr. Gleno

Chirurg

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind meistens rein zufällig oder im Rahmen der Auto-Biografie historisch korrekt.

1. AKT: AUSGELIEFERT

„Er hat ihren rechten Arm hochgehoben, ein bisschen gedreht … Mama hat richtig gewimmert. Er sagte nur, das wäre normal bei Demenzkranken, die würden oft jammern, wenn man sie anfasst. (…)“

HILFERUF AUS LETTE

Es war kurz vor Sprechstundenende, als das Telefon in der Praxis das letzte Mal an diesem Tag klingelte. J.B. nahm den Hörer ab und meldete sich mit ruhiger Stimme. Am anderen Ende der Leitung war eine Stimme, die sie nicht sofort einordnen konnte. Ein Mann, ein wenig fahrig, ein wenig atemlos, mit einem Tonfall, der zwischen Unsicherheit und Dringlichkeit schwankte.

„Hallo… hier ist der Karl. Der Karl Eichkamp… Sie kennen doch meine Mutter, die Änne Eichkamp …“

J.B. runzelte die Stirn. Der Name kam ihr bekannt vor. Ja, Änne Eichkamp – eine alte Frau, die zurückgezogen in einem kleinen Kötterhaus nördlich von Lette lebte. Kaum jemand kannte sie wirklich. Sie war eine von denen, die nie in die Praxis kamen, nie klagten, sich selbst versorgten, solange es eben ging. Typisch für das Münsterland.

„Ja, Herr Eichkamp, ich erinnere mich an Ihre Mutter. Was kann ich für Sie tun?“

„Die… die ist hingefallen.“

J.B. richtete sich in ihrem Stuhl auf. „Wann ist das passiert?“

„Weiß nicht genau… vorgestern vielleicht.“

Ein unangenehmes Gefühl zog sich durch ihren Magen. Ein Sturz. Vor zwei Tagen. Und jetzt erst der Anruf?

„Wie geht es ihr denn? Hat sie Schmerzen?“

„Ich weiß nicht… sie redet nicht mehr so richtig. Irgendwie komisch…“

J.B. spürte, wie sich ihr Instinkt meldete. Da stimmte etwas nicht. „Können Sie mir Ihre Mutter mal geben? Ich würde gerne mit ihr sprechen.“

Es raschelte in der Leitung, dann ein Geräusch, als würde der Hörer weitergereicht. Ein leises, schwer atmendes Geräusch. Dann eine Stimme – schwach, als wäre sie weit weg.

„Hallo?“

„Frau Eichkamp? Hier ist J.B. Smith aus der Praxis Dr. Heilsberg. Hören Sie mich?“

„Ja… ja…“

Die Stimme klang verwirrt, fahrig. J.B. sprach ruhig weiter. „Ihr Sohn hat mir erzählt, dass Sie gestürzt sind. Erinnern Sie sich daran?“

„Gestürzt? Nein… nein… das weiß ich nicht… Ich war doch nur… war doch nur im Garten…“

J.B. schloss für einen Moment die Augen. Die Frau hatte also keine Erinnerung an den Sturz. Das war kein gutes Zeichen.

„Haben Sie Schmerzen, Frau Eichkamp?“

Ein zögerndes Schweigen, dann ein undeutliches Murmeln. J.B. konnte es kaum verstehen.

Sie wusste jetzt, dass sie nicht länger warten durfte. Ein Sturz, keine Erinnerung, Verwirrtheit – das klang nach einer schweren Kopfverletzung, möglicherweise Hirnblutungen. Oder aber als Ursache des Sturzes ein Schlaganfall?

Sie nahm den Hörer wieder fest in die Hand. „Herr Eichkamp? Hören Sie mich?“

„Ja… ja, bin dran.“

„Ich rufe jetzt einen Rettungswagen für Ihre Mutter. Sie muss dringend ins Krankenhaus.“

Panik in der Stimme des Mannes. „Aber… aber das will sie nicht! Die hat gesagt, sie will nicht ins Krankenhaus!“

J.B. atmete tief durch. Sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, lange zu diskutieren. „Ich verstehe, dass das für Sie beide nicht einfach ist. Aber wenn wir nichts tun, dann könnte es sein, dass es Ihrer Mutter immer schlechter geht. Ich rufe den Notarzt. Sie bleiben einfach bei ihr, ja?“

„Ja… ja…“

J.B. legte auf, griff direkt zum Handy und wählte den Notruf. Sie schilderte die Situation, gab die Adresse durch, drängte zur Eile. Dann wandte sie sich zu Joe, der sie beobachtet hatte.

„Das klingt nicht gut“, sagte er leise.

J.B. schüttelte den Kopf. „Überhaupt nicht. Ich glaube, sie hat eine Hirnblutung. Und der Sohn… der ist völlig überfordert. Er lebt mit ihr alleine da draußen, wahrscheinlich hat er tagelang nicht gewusst, was er tun soll.“

Joe nickte langsam. „Wir sollten morgen noch zum Sohn fahren. Ich will sehen, ob der Junge Hilfe braucht.“

J.B. sah ihn an und spürte, dass er genau verstand, was sie dachte. Die Mutter war vielleicht die Einzige gewesen, die sich um ihren einzigen Sohn mit der leichten geistigen Behinderung gekümmert hatte – und jetzt drohte auch sein Leben aus den Fugen zu geraten.

ZURÜCKGESCHICKT

Am nächsten Morgen fuhr J.B. die schmale Straße entlang, die zum Kötterhaus der Eichkamps führte. Der Regen der Nacht hatte die Wege aufgeweicht, und die Pfützen spiegelten den grauen Himmel. Sie parkte ihren weißen Jeep Renegade auf dem matschigen Vorplatz und stieg aus.

Karl Eichkamp öffnete die Tür, als hätte er sie erwartet. Er sah müde aus, mit dunklen Ringen unter den Augen und wirrem Haar.

„Guten Morgen, Herr Eichkamp“, sagte J.B. vorsichtig. „Ich wollte nach Ihnen sehen. Und wie geht es Ihrer Mutter?“

Karl kratzte sich am Kopf. „Ach… die ist wieder da. Haben sie gestern aus dem Krankenhaus nach Hause gebracht.“

J.B. erstarrte. „Wie bitte?“

„Ja… die haben gesagt, die hat nix. Nur ’ne D-D-Demenz und ein paar Prellungen. Soll beim Hausarzt weiterbehandelt werden.“

J.B. atmete langsam ein. „Darf ich mit ihr sprechen?“

Er zuckte mit den Schultern und trat zur Seite. J.B. trat ein und spürte sofort den modrigen, leicht süßlichen Geruch, der in der kleinen Stube hing. Die Luft war schwer, fast erstickend.

Änne Eichkamp saß in einem alten, durchgesessenen Sessel am Fenster. Sie trug noch immer das Nachthemd vom Vortag, über das ihr Sohn ihr einen Wollcardigan gelegt hatte. Ihr Blick war leer, ihre Hände zitterten leicht in ihrem Schoß.

„Frau Eichkamp?“ J.B. kniete sich neben sie. „Können Sie mich hören?“

Die alte Frau drehte langsam den Kopf, doch ihr Blick blieb unstet. „Ich… ich muss die Wäsche holen… der Karl… wo ist der Karl?“

J.B. schluckte hart. „Er ist hier, Frau Eichkamp. Erinnern Sie sich, dass Sie im Krankenhaus waren?“

„Krankenhaus?“ Sie runzelte die Stirn, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein… nein, ich war nicht im Krankenhaus. Ich muss die Wäsche reinholen…“

J.B. stand auf, drehte sich zu Karl. „Hatten die im Krankenhaus ein CT gemacht? Karl, war Ihre Mutter in der ‚Röhre‘“

„Weiß nicht… hab keinen gesehen.“

J.B. spürte, wie Wut in ihr hochstieg. Das konnte nicht sein. Eine Frau mit einer schweren Kopfverletzung, die nicht mal mehr wusste, wo sie war – und die hatten sie einfach nach Hause geschickt?

„Ich rufe jetzt den Rettungswagen“, sagte sie entschlossen.

Karl sah sie unsicher an. „Aber… die haben doch gesagt, die hat nix.“

„Die haben sich geirrt.“

Sie trat aus dem Haus, zog ihr Handy aus der Tasche und wählte den Notruf. Während sie den Einsatz durchgab, kochte sie innerlich vor Wut.

Als der Krankenwagen kam, ging J.B. nicht weg. Sie blieb, sprach mit den Rettungssanitätern, ließ sich die Vitalwerte durchgeben und bestand darauf, dass sie nicht in das gleiche Krankenhaus gebracht wurde wie zuvor. Stattdessen rief sie Joe an.

„Sie haben sie einfach ohne weitere Abklärung nach Hause geschickt, Joe!“ Ihre Stimme bebte. „Als wäre sie nur verwirrt! Ich will, dass sie in die Klinik nach Warendorf geht. Da gibt es eine Stroke Unit.“

„Ich kümmere mich darum“, sagte Joe ruhig. Aber sie hörte an seiner Stimme, dass er genauso aufgebracht war wie sie.

EIN UNGLÜCK ---

Das Telefon klingelte, während Joe gerade dabei war, die letzten Patientenberichte des Tages durchzugehen. Die Nummer auf dem Display ließ ihn aufmerken – das Krankenhaus. Mit einer geübten Bewegung nahm er das Gespräch an.

„Dr. Heilsberg hier.“

Am anderen Ende meldete sich eine ruhige, aber angespannte Stimme. „Hallo Herr Kollege, hier ist Dr. Sartorius aus der Klinik. Ich rufe wegen Frau Eichkamp an.“

Joe lehnte sich in seinem Stuhl zurück und spürte eine unbestimmte Beklommenheit in der Magengegend. Frau Eichkamp. Ihr Sturz war einige Wochen her, doch er hatte seitdem nichts mehr gehört.

„Ja, erzählen Sie“, sagte er.

Dr. Sartorius atmete tief durch. „Es ist, wie Sie und wir dann auch befürchtet haben. Beim ersten Sturz hatte sie eine Hirnblutung erlitten. Keine klassische Demenz – die Symptome kamen durch das Hämatom. Leider war es nicht operabel. Wir mussten abwarten, bis sich die Schwellung zurückbildet.“

Joe schloss kurz die Augen. „Und jetzt?“

„Das Hämatom ist weitgehend resorbiert. Rein körperlich könnte sie also entlassen werden. Aber die kognitiven Einschränkungen sind geblieben. Sie ist nicht mehr dieselbe. Verwirrt, vergesslich, orientierungslos. Die Frau, die Sie kannten – sie ist kaum noch da.“

Joe schwieg. Die Vorstellung, dass eine einzige Verletzung ausreiche, um einen Menschen für immer zu verändern, war schwer zu ertragen.

„Und der Sohn?“, fragte er schließlich.

„Kann sich nicht kümmern. Sie wissen es vermutlich – er ist geistig retardiert. Er bräuchte eher selbst Unterstützung. Wir haben keine andere Wahl: Sie muss in eine stationäre Pflege. Nur…“ Sartorius zögerte.

„Nur was?“

„Es gibt kaum Plätze. Die Heime in der Umgebung sind voll. Wir haben lange gesucht – es gibt eine neue Einrichtung in Marienfeld. Das ist unsere einzige Option.“

Joe runzelte die Stirn. „Marienfeld? Das ist verdammt weit weg.“

„Ja. Das bedeutet wohl auch, dass Sie sie nicht weiter betreuen können. Die Einrichtung wird einen neuen Hausarzt stellen. Wir regeln die Entlassungspapiere, verordnen die Medikamente für die erste Zeit, und dann…“ Er brach kurz ab. „Dann liegt es nicht mehr in unserer Hand.“

Joe schwieg. Sartorius sprach es nicht aus, aber er hörte es trotzdem. Sie hatten keine Wahl. Niemand hatte eine Wahl.

„Wann wird sie verlegt?“

„In den nächsten Tagen.“

Ein kurzer Moment der Stille.

Dann sagte Joe leise: „Dann hoffe ich, dass sie dort gut aufgehoben ist.“

Sartorius antwortete nicht sofort. Dann, gedämpft: „Ja, das hoffe ich auch.“

Der Arzt seufzte hörbar am anderen Ende der Leitung. „Es gibt noch ein weiteres Problem. Frau Eichkamp kann auch deshalb nicht nach Hause zurückkehren, weil sie im Krankenhaus gestürzt ist.“

Joe hielt kurz inne. „Im Krankenhaus?“

„Ja… Leider sind auch wir vom Personalmangel betroffen. Eine demente Patientin kann man nicht rund um die Uhr bewachen. Sie muss wohl in der Nacht aufgestanden sein und ist gefallen. Dabei hat sie sich eine subkapitale Humerusfraktur rechts zugezogen.“

Joe schloss kurz die Augen. „Ein Oberarmbruch? Wurde sie operiert?“

„Nein, das Risiko wäre zu hoch. Die Hirnblutung ist noch zu frisch, wir wollten eine erneute Operation vermeiden. Deshalb haben wir uns entschieden, konservativ zu behandeln. Sie trägt jetzt eine Gilchrist-Schiene, voraussichtlich für vier bis sechs Wochen.“

„Verstehe…“ Joe rieb sich die Stirn. „Und was bedeutet das für ihre weitere Versorgung?“

„Da der Sturz im Krankenhaus passiert ist, muss die Behandlung durch einen Chirurgen erfolgen, der mit der Berufsgenossenschaft abrechnen kann. Das heißt, Sie als Hausarzt können die Fraktur in der ersten Zeit leider nicht mitbetreuen.“

Joe atmete tief durch. „Also bleibt nur ein niedergelassener Chirurg vor Ort?“

„Genau. Das Pflegeheim muss eine heimatnahe chirurgische Versorgung sicherstellen. Wir hoffen, dass das alles gut organisiert wird.“

Joe schwieg einen Moment. Er kannte solche Fälle. Und allzu oft verlief eben nicht alles gut organisiert…

UNGUTES GEFÜHL

J.B. lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, während das Freizeichen in der Leitung summte. Sie hatte sich vorgenommen, Karl Eichkamp anzurufen, um nach seiner Mutter zu fragen. Es war mittlerweile gut einen Monat her, dass Frau Eichkamp ins Pflegeheim verlegt worden war, und irgendetwas ließ ihr keine Ruhe.

Nach ein paar Sekunden klickte es, und eine vertraute, etwas langsame Stimme meldete sich.

„Ja, Eichkamp.“

„Hallo Herr Eichkamp, hier ist J.B. Smith. Ich wollte mal hören, wie es Ihnen und Ihrer Mutter geht. Habens Sie sie schon besucht?“

Am anderen Ende der Leitung entstand eine kurze Pause, dann kam Karls stockende Antwort:

„Nein… war noch nicht da.“

J.B. runzelte die Stirn. „Ach so? Haben Sie denn mit ihr telefoniert?“

„Ich… ruf da immer an. Die sagen, sie schläft viel.“

Ein ungutes Gefühl regte sich in ihr. „Und… ist alles in Ordnung? Brauchen Sie irgendwas?“

„N-nein… glaub nicht.“

J.B. überlegte kurz, wie sie das Gespräch weiterführen konnte. „Wissen Sie, ob der neue Hausarzt von Ihrer Mutter vielleicht noch Unterlagen von Dr. Heilsberg benötigt? Der Entlassungsbericht aus dem Krankenhaus ist nämlich gekommen, aber der ist noch an uns adressiert.“

Karl schwieg einen Moment. Dann murmelte er: „Weiß nicht… kenn‘ den nicht.“

Damit hatte J.B. fast gerechnet. „Haben Sie vielleicht die Adresse vom Pflegeheim? Dann könnte ich die Unterlagen dorthin schicken.“

„Adresse?“ Karl klang unsicher. „Hab nur ’ne Karte… von denen.“

„Super! Können Sie mir die vorlesen? Da müsste doch eine Adresse draufstehen.“

Wieder eine Pause. Dann hörte sie das Rascheln von Papier. Karl atmete schwerfällig ein und begann, die Adresse langsam und stockend vorzulesen.

J.B. notierte sich die Worte, während ihr Bauchgefühl ihr sagte, dass hier etwas nicht stimmte.

„Danke, Karl. Ich kümmere mich darum“, sagte sie schließlich mit einer Ruhe, die sie selbst nicht fühlte.

„Okay…“

„Und wenn Du irgendwas brauchst, ruf mich an, ja?“, duzte sie ihn einfach, wohl intuitiv Dieser erwachsene Mann benahm sich wie ein Kind.

„Ja… mach ich.“

J.B. legte auf und starrte einen Moment auf ihre Notizen.

Irgendwas fühlte sich seltsam an. Warum hatte Karl seine Mutter noch nicht besucht? Warum bekam er nur am Telefon Auskunft? Und warum war dieses Pflegeheim bislang völlig unter dem Radar geblieben?

Sie würde Joe Bescheid sagen. Es war an der Zeit, sich das Heim einmal genauer anzusehen.

KASERNENHEIM

J.B. saß mit nachdenklicher Miene in Joes Praxis, die Hände um ihre Teetasse gelegt. „Das ist doch seltsam“, sagte sie und blickte Joe an. „Karl wusste nicht mal, wer der neue Hausarzt seiner Mutter ist. Aber er hatte eine Visitenkarte mit einer Telefonnummer. Ich habe ihn gebeten, mir die Adresse vorzulesen.“

Joe sah von seinem Bildschirm auf. „Und?“

„Marienfeld“, antwortete J.B.. „Ich hab’s mir notiert.“ Sie zog einen Zettel aus ihrer Jackentasche und las ihm die Adresse vor.

„Princess Royal Barracks?“, Joe runzelte die Stirn, dann weiteten sich seine Augen. „Moment mal… Das ist doch die alte RAF-Kaserne!“

J.B. sah ihn fragend an.

„Die ehemalige Werkstatt von Eddy McGinther ist doch dort“, erklärte Joe. „Wir waren doch da und haben gesehen, dass große Umbauarbeiten liefen. Es sah aus, als würden sie einige der alten Kasernengebäude sanieren, aber dass daraus ein Pflegeheim wird? Davon hab ich nichts gehört.“

J.B. lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. „Ein Pflegeheim in einer alten Kaserne? Das klingt ja schon auf dem Papier wenig einladend.“

Joe nickte langsam. „Eddy hatte da früher seine Werkstatt, aber ob er noch was mit dem Gelände zu tun hat, weiß ich nicht. Es war ein guter Standort für Schrauber – abgeschottet, Platz ohne Ende, niedrige Mieten.“

J.B. nahm einen Schluck Tee. „Ich glaube, ich sollte mir das Heim mal ansehen. Einfach ein bisschen herumschauen, mir einen Eindruck verschaffen.“

Joe seufzte und rieb sich die Schläfen. „Ich würde mitkommen, aber Du siehst ja selbst, was hier los ist.“ Er deutete auf den vollen Terminkalender. „Wir haben heute noch einige Patienten zu versorgen.“

J.B. zuckte mit den Schultern. „Kein Problem. Ich fahre allein hin und schau mich um. Ich bin ja kein Neuling, wenn’s um kritische Beobachtungen geht.“

Joe musterte sie einen Moment, dann nickte er langsam. „Pass auf dich auf. Wenn da irgendwas komisch ist, ruf mich sofort an.“

J.B. grinste. „Immer doch.“ Sie stand auf, zog ihre Jacke über und war schon auf dem Weg zur Tür. „Ich sag dir Bescheid, was ich herausfinde.“

Joe sah ihr nach, während sie die Praxis verließ. Ein Pflegeheim in der alten Kaserne… Das fühlte sich nicht richtig an.

MARIENFELD

J.B. fuhr mit ihrem weißen Jeep Renegade über die Landstraße Richtung Marienfeld. Die Umgebung war ihr vertraut, aber heute fühlte sich die Fahrt anders an. Das mulmige Gefühl, das sich in ihrem Magen breitgemacht hatte, wollte nicht weichen. Ein Pflegeheim auf dem Gelände der alten RAF-Kaserne – das passte einfach nicht zusammen.