• Herausgeber: Goldmann
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2015
Beschreibung

Der grausame Mord an einer jungen Frau öffnet die Tür zu einer schrecklichen Vergangenheit ...

Als in Edinburgh an einem eisigen Wintertag eine im Wasser treibende Frauenleiche entdeckt wird, erlebt DI Anthony McLean ein schmerzliches Déjà-vu: Das Opfer wurde auf dieselbe grausame Weise getötet wie vor zwölf Jahren seine Verlobte Kirsty – und vor ihr neun weitere junge Frauen. Durch Zufall gelang es McLean damals, den Täter hinter Gitter zu bringen. Was also hat er bei den vergangenen Ermittlungen übersehen? Von Trauer, Wut und Selbstzweifeln geplagt, stellt sich McLean erneut dem schlimmsten Fall seiner Karriere und setzt alles daran, die Wahrheit zu finden. Doch er muss sich beeilen, denn es gibt bereits ein neues Opfer ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 532

oder

James Oswald

Asche zu Asche, Blut zu Blut

Buch

Als in Edinburgh an einem eisigen Wintertag eine im Wasser treibende Frauenleiche entdeckt wird, holen Detective Inspector Anthony McLean schmerzliche Erinnerungen ein. Das Opfer wurde auf dieselbe grausame Weise ermordet wie vor zwölf Jahren seine Verlobte Kirsty – und vor ihr neun weitere junge Frauen. Durch Zufall gelang es McLean damals, einen Mann als Täter zu verhaften. Doch der für die Morde verurteilte Donald Anderson ist vor Kurzem im Gefängnis gestorben – er wurde bei einer Auseinandersetzung von einem Mithäftling getötet. War er der Falsche? Was wurde bei den vergangenen Ermittlungen übersehen? Von Trauer, Wut und Selbstzweifeln geplagt, stellt sich McLean erneut dem schlimmsten Fall seiner Karriere und setzt alles daran, die Wahrheit zu finden. Doch er muss sich beeilen, denn es gibt bereits ein neues Opfer …

Weitere Informationen zu James Oswald

sowie zu lieferbaren Titeln des Autors

finden Sie am Ende des Buches.

James Oswald

Asche zu Asche,

Blut zu Blut

Thriller

Aus dem Englischen

von Sigrun Zühlke

Die englische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »The Book of Souls« bei Penguin Books Ltd, London.

1. Auflage

Deutsche Erstveröffentlichung April 2015

Copyright der Originalausgabe © James Oswald, 2013

All rights reserved.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe / Translation copyright 2015

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur München

Umschlagmotive: Haus © John Woodworth/Getty Images;

Bäume © Dan Jurak/Masterfile

Redaktion: Eva Wagner

KS ∙ Herstellung: Str.

Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin

ISBN: 978-3-641-14527-9

www.goldmann-verlag.de

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz

Für Barbara

1

Die Straßen sind leer. Eine unnatürliche Ruhe liegt über dem nördlichen Teil der Stadt, als wäre durch die Festivitäten in der Princes Street jegliches Geräusch hier herausgesogen worden. Nur ab und zu stört ein Taxi die Stille, während er seinen Füßen wer weiß wohin folgt. Weg von den Menschenmengen, weg von der Aufregung, weg von der Fröhlichkeit.

Er ist jetzt schon seit Stunden auf der Suche, auch wenn er im Grunde genau weiß, dass es zu spät ist. War er schon mal hier? Alles kommt ihm schrecklich bekannt vor: die Zeiger der Turmuhr, die gen Mitternacht wandern und auf den Beginn eines neuen Jahrtausends zu, die kopfsteingepflasterten Straßen, die vom Regen glitschig glänzen, der orangefarbene Schein auf dem warmen Sandstein, der alles mit dämonischem Licht übermalt. Seine Füße tragen ihn immer weiter nach unten, durch die neun Kreise, und seine Verzweiflung wächst mit jedem dumpfen Schritt.

Was ist es, das ihn auf der Brücke stehen bleiben lässt? Ein unmögliches Geräusch vielleicht. Das Echo eines Schreis, der vor Jahren ausgestoßen wurde. Vielleicht auch das plötzliche Verstummen der Stadt, die den Atem anhält und diese letzten Sekunden vor dem Neubeginn zählt. Er kann ihre Begeisterung nicht teilen, kann sich nicht dazu aufraffen, es wichtig zu finden. Könnte er die Zeit anhalten, sie zurückdrehen, würde er alles ganz anders machen. Aber dies ist nur ein Augenblick, und danach kommt ein neuer. Und dann noch einer. Weiter bis in alle Ewigkeit.

Er lehnt sich an die steinerne Brüstung, sieht hinunter in das dunkle, rauschende Wasser. Etwas hat ihn hergeführt, weg von der feiernden, festlich jubelnden Welt.

Eine laute Explosion markiert das Ende des Alten und den Beginn des Neuen. Feuerwerkskörper steigen in schneller Folge über den hohen Gebäuden auf und erleuchten den Himmel. Eine Million neue Sterne erfüllen das Firmament, sie verjagen die Schatten, spiegeln sich im schwarzen Wasser und enthüllen damit sein schreckliches Geheimnis.

Blitz, und auf dem Wasser funkeln merkwürdige Formen, die schnell wie ein Nachglanz auf dem Augenhintergrund verblassen.

Blitz, und erschreckte Fische huschen weg von den sich im Wasser wiegenden Fingern, an denen sie genagt haben.

Blitz, und langes, schwarzes Haar zieht sich glänzend durch den Strom wie Seetang in den Gezeiten.

Blitz, und die aufgestaute Kraft einer ganzen Regenwoche drückt das letzte Hindernis fort, schiebt es langsam in Richtung Meer, indem sie es wieder und wieder herumrollt.

Blitz, und ein geisterhaft bleiches Gesicht starrt mit flehenden, toten Augen zu ihm herauf.

Blitz …

2

Ih! Mein Gott! War das eine Ratte?«

»Leise, Constable.«

»Aber Sarge, da ist was über meinen Fuß gekrabbelt! War mindestens so groß wie ein Dachs, verdammt!«

»Es wär mir auch egal, wenn’s so groß wie mein knackiger Hintern gewesen wäre. Seien Sie leise, bis wir das Zeichen bekommen.«

Eine unbehagliche Stille fiel über die dunkle Straße, während die kleine Gruppe Polizisten zwischen nicht abgeholten Müllsäcken vor einem leblosen Mietshaus herumkroch. Das unaufhörliche leise Hintergrundrauschen der Stadt machte noch deutlicher, wie still es hier war, und der schwache Schein der einzigen funktionierenden Straßenlaterne hüllte alles in den vagen Schatten des Zwielichts. Es war noch früh am Morgen, und man konnte sich darauf verlassen, dass die Bewohner dieses Stadtteils entweder schliefen oder im Drogenrausch lagen.

Zwei Klicks in einem Funkgerät, dann eine metallische Stimme im Ohrhörer. »Hinten ist alles klar. Es kann losgehen.«

Die Körper verschoben sich, behindert von Müll auf beiden Seiten. »Okay, Leute. Auf mein Zeichen. Drei … zwei … eins …«

Das Krachen von splitterndem Holz zerriss die Luft, dicht gefolgt von einem Aufschrei.

»Ah! Das Scheißding war nicht mal abgeschlossen.« Dann: »Mein Gott! Hier ist alles voller Müll.«

Detective Inspector Anthony McLean seufzte und knipste die Taschenlampe an. Vor sich konnte er gerade eben die schwarz gekleidete Gestalt von PC Jones ausmachen, der versuchte, sich aus einem Haufen Müllsäcke auf dem Mietshausflur herauszuarbeiten.

»Habt ihr im Tulliallan nicht gelernt, so was vorher abzuchecken?«

Er schob sich an dem sich abmühenden Constable vorbei in das nasskalte Gebäude hinein und versuchte, beim Einatmen nicht zu würgen. Verrottender Müll zusammen mit alter Pisse und Schimmel, das Lieblingsaroma der Edinburgher Slums. Gewöhnlich war es allerdings nicht ganz so reif, und das verhieß nichts Gutes.

»Bob, du nimmst das Erdgeschoss. Jones, helfen Sie ihm.« McLean wandte sich an das letzte Mitglied ihrer Gruppe, einen jungen Detective Constable mit Babygesicht, der das Pech gehabt hatte, vor einer Stunde in der Kantine gewesen zu sein und so auszusehen, als hätte er gerade nichts Besseres zu tun. Das hatte man vom Diensteifer. »Also los, MacBride. Sehen wir nach, ob es was gibt, das es wert war, eine unverschlossene Tür einzurennen.«

Das Mietshaus hatte drei Stockwerke, auf jedem davon befanden sich zwei winzige Wohnungen. Keine der Türen war verschlossen, und die Graffiti, die großzügig auf jede erreichbare Fläche geschmiert waren, waren schon seit mindestens zwei Generationen von Hausbesetzern überholt. McLean schritt vorsichtig von Zimmer zu Zimmer, wobei der Strahl seiner Taschenlampe über zerbrochene Möbel glitt, über herausgerissene Steckdosen und hin und wieder eine tote Ratte. DC MacBride hielt sich dicht an seiner Seite wie ein gehorsamer Labrador, beinahe zu dicht für seinen Geschmack. Vielleicht wollte er aber auch einfach nur mit nichts aus der Umgebung in Kontakt kommen. Was man ihm wirklich nicht verdenken konnte. Es würde Wochen dauern, den Geruch wieder herauszuwaschen.

»Sieht wieder mal nach kompletter Zeitverschwendung aus«, sagte McLean, als sie aus der letzten Wohnung kamen und oben auf dem Treppenabsatz standen. Aus dem Fenster, das auf die rückwärtigen Gärten hinausging, war jegliches Glas längst verschwunden. Weshalb ein kalter Wind wenigstens den schlimmsten Gestank wegblasen konnte.

»Ähm. Warum sind wir eigentlich hier, Sir?« Die Frage blieb MacBride fast im Halse stecken, als hätte er im allerletzten Moment noch versucht, sie sich zu verkneifen.

»Das ist eine sehr gute Frage, Constable.« McLean leuchtete mit seiner Taschenlampe das leere Treppenhaus hinunter, dann hinauf an die Decke unter dem steilen Dach und zu dem Lichtschacht aus Sicherheitsglas. Der lag außer Reichweite der Vandalen und war stark genug, um Wurfgeschossen zu widerstehen. Trotzdem waren ein paar Scheiben gesprungen und hingen durch. »Ein Informant. Ein Spitzel. Wie nennt man die heutzutage? Ein verdeckter Ermittler?« Er krümmte die Finger wie kleine Hasenöhrchen und zeichnete umgedrehte Kommata in die Luft, wobei das Licht der Taschenlampe auf und nieder hüpfte. »Scheiß drauf. Meiner ist ein Kiffer mit Namen Izzy, und er ist ein nutzloser Wichser. Hat mir einen Haufen Scheiße erzählt, um mich loszuwerden, da bin ich mir sicher. Von wegen, hier gäbe es ein Verteilzentrum. Bin wohl selbst schuld, dass ich ihm geglaubt habe.«

In der Dunkelheit blitzten weitere Lichter auf, wo Detective Sergeant Bob Laird und Police Constable Taffy Jones durch die Mülltüten in der Eingangshalle stolperten. Wenn sie irgendetwas gefunden hätten, hätten sie gerufen, also deutete alles darauf hin, dass die ganze Aktion reine Zeitverschwendung gewesen war. Wie fast jede andere Razzia auch. Wunderbar. Dagwood würde sich freuen.

»Also, kommen Sie. Wahrscheinlich ist es besser, wenn wir Grumpy Bob nicht bis ganz hier hochsteigen lassen. Zurück in die schöne, warme Kantine.« McLean ging die Treppen hinunter und bemerkte erst, als er schon fast ein Stockwerk tiefer war, dass ihm niemand folgte. Er blickte sich um und sah, dass MacBrides Taschenlampe auf eine Stelle über dem Oberlicht an einer der Wohnungstüren zeigte. Eine kleine Luke führte auf den Dachboden des Gebäudes hinauf. Sie sah ganz unauffällig aus, bis auf die glänzende, neue Haspe für ein Vorhängeschloss, die dort eingeschraubt war.

»Meinen Sie, da oben könnte was sein, Sir?«, fragte MacBride, als McLean wieder bei ihm auf dem Treppenabsatz ankam.

»Da gibt’s nur eine Möglichkeit, es rauszufinden. Machen Sie mir eine Räuberleiter.«

McLean nahm die Taschenlampe zwischen die Zähne, dann stieg er vorsichtig in die Schale aus den verschränkten Fingern des Constable. Es gab nichts zum Festhalten, abgesehen von dem schmalen Rand unterhalb der Luke, und er musste sein anderes Bein nach dem wackeligen Treppengeländer ausstrecken, bevor er mit einer Hand hinaufreichen und die Haspe öffnen konnte. Sie schimmerte, wo bis vor Kurzem noch ein Vorhängeschloss gehangen hatte.

»Halten Sie mich fest.« McLean drückte gegen die Luke. Sie leistete kurz Widerstand, dann schwang sie auf gut geschmierten Angeln nach innen. Dahinter herrschte ein anderes Dunkel und ein süßer Moschusgeruch, der so gar nicht zu dem widerlichen Gestank passte, der von unten heraufwehte. Er drehte den Kopf, bis seine Taschenlampe durch die Luke leuchtete, sah Aluminiumfolie über den Dachsparren, niedrige Holzbänke, fluoreszierende Beleuchtung.

»Ich kann Sie nicht mehr lange halten, Sir.« MacBrides Stimme zitterte vor Anstrengung, gut fünfundsiebzig Kilo Detective Inspector zu halten. Na ja, vielleicht auch achtzig.

McLean verlagerte so viel Gewicht, wie er sich traute, auf das Treppengeländer, dann schwang er herum und sprang zurück auf den Treppenabsatz. Der Constable sah ihn sorgenvoll an, als rechnete er damit, wegen seiner Schwäche angeraunzt zu werden. McLean lächelte nur.

»Werfen Sie Ihr Funkgerät an«, sagte er. »Ich glaube, wir brauchen so schnell wie möglich ein Spurensicherungsteam.«

Seit die Müllsäcke weggeräumt waren, war die Luft etwas besser geworden, aber der Fliesenboden, den sie bedeckt hatten, war klebrig und glitschig von Flüssigkeiten, über die man besser nicht genauer nachdachte. McLean beobachtete, wie die weiß gekleideten Kriminaltechniker einer nach dem anderen aus ihrem Bus kletterten, den Flur entlanggingen und die Treppe hinaufstiegen und verbeulte Aluminiumkisten voll mit teurem Werkzeug schleppten.

»Mir tut der arme Kerl leid, der das hier durchsuchen muss.« Grumpy Bob nickte in Richtung der Müllsäcke, die jetzt alle ein Etikett mit »Beweismaterial« trugen und auf einem Haufen in der Mitte der Straße auf einen Lastwagen warteten, der sie mitnahm.

»Das werde wohl ich sein. Wer ist der zuständige Beamte hier?« Eine weiß gekleidete Gestalt blieb mitten auf dem Flur stehen, nahm ihre Haube ab und enthüllte einen widerspenstigen Schopf schwarzer Stachelhaare. Emma Baird war oder war auch nicht mit McLean zusammen, je nachdem, welchem Gerücht auf dem Revier man glauben wollte. Er hatte sie ein paar Wochen lang nicht gesehen, sie war auf irgendeiner Fortbildung oben im Norden gewesen. Als sie jetzt mürrisch ins Dämmerlicht blickte, wünschte er sich, ihr Wiedersehen hätte unter günstigeren Umständen stattgefunden. Er sah Grumpy Bob an, der mit einem Schulterzucken jegliche Verantwortung klar von sich wies.

»Hi, Em.« McLean trat aus dem Schatten, damit er zu sehen war. »Ich dachte, du wärst noch oben in Aberdeen.«

»Ich fange gerade an, mir zu wünschen, da geblieben zu sein.« Sie blickte auf den wachsenden Müllberg. »Du weißt, dass seit Monaten niemand mehr diesen Dachboden betreten hat, oder?«

»Scheiße.« Noch eine Sackgasse. Und es hatte alles so vielversprechend ausgesehen.

»Genau, Scheiße. Dreiundzwanzig stinkende schwarze Müllbeutel voll, um genau zu sein. Und ich werde jeden einzelnen davon durchsuchen müssen, auch wenn ich weiß, dass da überhaupt nichts drin sein wird, was uns in unserem Fall weiterhilft. Es sei denn, du entscheidest, dass es nicht nötig ist …« Sie verstummte und sah die beiden an. Ihr Blick schnellte von einem zum anderen, als wüsste sie nicht, an wen sie sich wenden sollte.

»Wenn ich könnte, würde ich das tun, Em.« McLean versuchte es mit einem Lächeln, wusste aber, dass es nur zu einer Grimasse reichte. »Aber du kennst ja Dagwood.«

»Oh, Mist. Der ist doch nicht der Verantwortliche, oder?« Emma zerknüllte ihre Haube mit ihren behandschuhten Händen, stopfte sie dann in eine Tasche des Overalls, drehte sich um und rief dem versammelten Spurensicherungsteam zu: »Kommt schon, Leute. Je schneller wir anfangen, desto schneller kommen wir unter die Dusche.« Dann stapfte sie ohne ein weiteres Wort davon.

3

Eisiger Regen peitscht um den Friedhof und verwandelt den Winter in salzgrauen Matsch. Der Himmel ist bleiern, Wolken hängen tief über der kleinen Gruppe. Er steht am Rand des Grabes und starrt in die Schwärze hinunter, während ein Priester bedeutungslose Floskeln murmelt.

Jetzt kommt Bewegung in die Szene, starke Männer ergreifen die Schlaufen, die unter den Sarg geschoben worden sind. Sie ist da drin, liegt dort still und kalt im Lieblingskleid ihrer Mutter. In ihrem Lieblingskleid. Das nützt jetzt niemandem mehr etwas. Er will den Deckel aufbrechen und ihr Gesicht noch ein letztes Mal sehen. Er will sie in die Arme nehmen und die Vergangenheit mit purer Willenskraft wegschmelzen, das Schlimme ungeschehen machen. Was gäbe er dafür, wenn er nur ein paar Monate zurückgehen könnte? Seine Seele? Natürlich. Bringt den Vertrag und die in Blut getauchte Feder. Er braucht keine Seele mehr, jetzt, da sie fort ist.

Aber er rührt sich nicht. Kann es nicht. Er sollte den starken Männern dabei helfen, sie in die Erde hinunterzulassen, aber er kann nicht. Er kann sich gerade so auf den Beinen halten.

Eine Hand auf seinem Arm. Er dreht sich um und sieht eine schwarz gekleidete Frau. Tränen rinnen über ihr weiß geschminktes Gesicht, aber ihre Augen sind voll von wütendem Hass. Sie starren ihn anklagend an. Es ist seine Schuld, dass all dies geschehen ist. Seine Schuld, dass ihr kleines Mädchen, ihre einzige Freude, allmählich mit Erde zugeschaufelt wird. Futter für die Würmer. Tot.

Er hat diesen Augen nichts entgegenzusetzen. Sie haben recht. Er ist schuld. Sie sollte ihn jetzt ins Grab stoßen. Er würde sie nicht daran hindern. Mit Freuden würde er auf dem Sarg liegen, während sie die Erde auf ihn werfen. Alles wäre besser, als zu versuchen, ohne sie weiterzuleben.

Aber er weiß, dass er genau das tun wird.

4

Die Mittagszeit war kaum vorüber, und die spätherbstliche Sonne war bereits auf dem Weg ins Bett. McLean starrte zu den Wolken hinauf, die wie Makrelenstreifen hoch über den Salisbury Crags hingen, und schauderte bei dem Gedanken an den herannahenden Winter. Der Betonklotz des Polizeigebäudes würde ihn schon bald in seine Welt aus künstlichem Licht und getönten Fenstern einsaugen. Jetzt wollte er nur den Wind auf dem Gesicht spüren. Überall sein, nur nicht drinnen.

»Willst du den ganzen Tag hier draußen stehen? Da drin wartet nämlich eine Tasse Tee mit deinem Namen drauf.« Grumpy Bob knallte die Tür des Dienstwagens zu und ging über den Parkplatz zur Hintertür des Reviers. Er war noch kein halbes Dutzend Schritte weit gekommen, als lautes Hupen ihn erschreckt zurückspringen ließ. Bremsen quietschten, und ein glänzender neuer Jaguar Estate kam an der Rampe zum Stehen, die vom Asservatenlager im Untergeschoss des Gebäudes nach draußen führte. Eine hochgewachsene Erscheinung drückte die Fahrertür auf, bevor sie sich herauskämpfte und um den vorderen Teil des Wagens herumhinkte.

»Entschuldigen Sie, Bob. Hab Sie gegen die Sonne nicht gesehen.«

»Herrgott, Needy. Sie hätten mich beinahe erwischt.« Grumpy Bob legte die Hand theatralisch auf die Brust, wobei die andere die Motorhaube des Wagens tätschelte. »Nettes Teil übrigens. Ich muss die Nachricht von der Gehaltserhöhung für Sergeants irgendwie nicht mitgekriegt haben.«

»Nun mach mal ’nen Punkt, Bob. Nur, weil du dein ganzes Geld für Bier und leichte Mädchen ausgibst.« McLean sah zu Needy hinüber, Sergeant John Needham für die, die ihn nicht so gut kannten. König der unterirdischen Tiefen des Polizeigebäudes, der Asservatenkammer und des labyrinthischen Gewirrs aus Archiven und Lagern. Man konnte sich normalerweise darauf verlassen, dass er einen Hauch von Humor in jede Situation brachte. Jetzt allerdings sah er angestrengt aus, graugesichtig und müde.

»Guten Tag, Sir.« Needy wandte sich steif an McLean, sein kaputtes Bein machte ihm offensichtlich mehr zu schaffen als sonst. McLean erinnerte sich an den athletischen Detective Sergeant, der ihn vor vielen Jahren unter seine Fittiche genommen hatte. Und hätte es da nicht ein unglückliches Zusammentreffen mit einem flaschenschwingenden Schläger gegeben, würde jetzt wahrscheinlich Needy die Ermittlungen leiten, und McLean wäre derjenige, der ihn mit Sir ansprach.

»Guten Tag, Needy.« McLean nickte in Grumpy Bobs Richtung. »Aber er hat recht. Tolles Auto. Wollten Sie sich zur Pensionierung was schenken? Ist ja nicht mehr lang, oder?«

»Im Februar.« Needy sah nicht ganz glücklich dabei aus. »Muss nur noch Weihnachten und Silvester hinter mich bringen, dann heißt es Lebewohl alldem hier.« Er hielt die Hände hoch, als betete er zum Hof und den düster aufragenden Mauern. Oder erhielte Beifall aus den leblosen Fenstern. »Es haben schon im alten Gebäude Needhams gearbeitet, bevor das hier auch nur gebaut wurde. Ich würde sagen, ungefähr hundert Jahre Dienst, wenn man’s genau nimmt. Und ich bin der Letzte.«

»Wie geht’s übrigens dem alten Herrn?«, fragte McLean. Tom Needham, vierzig Jahre Streifenpolizist, war Mann und Junge zugleich gewesen. Es war schon eine Weile her, dass er das Revier besucht hatte, überall herumgewandert war, als ob es ihm gehörte, und seinen knotigen Spazierstock in aller Leute Angelegenheiten gesteckt hatte. Es spielte keine Rolle, dass er schon lange pensioniert war und längst keine Zugangsberechtigung mehr hatte. Es gab im ganzen Haus keinen leitenden Beamten, der es gewagt hätte, ihn nach Hause zu schicken.

Ein Schatten fiel auf Needys Gesicht, und er begann mit dem aufwändigen Vorgang, sich wieder in seinen Wagen zu setzen.

»Er ist wieder im Krankenhaus. Ich bin auf dem Weg, um ihn zu besuchen.«

»Na, dann grüßen Sie ihn mal von mir«, sagte McLean. »Und lassen Sie sich von uns nicht aufhalten.«

»Aye, das werde ich sicher nicht«, sagte Needy. »Ich will so weit weg sein wie möglich, wenn Dagwood von eurer Razzia heute Morgen erfährt.«

»Woher wissen Sie denn das?«, fragte McLean, aber Needy lächelte nur, schloss die Tür und fuhr davon.

Die Spannung stieg, wenn man die Treppe vom Hintereingang hinein ins dunkle Herz des Polizeireviers hinaufstieg. McLean spürte sie als eine Reglosigkeit in der Luft, als schweres Gewicht, das auf seinen Schultern lastete, als Druck auf seinen Nebenhöhlen. Und dann war da noch der Geruch von Angst, der die Flure durchdrang. Entweder das, oder ein paar junge Constables mussten sich mal dringend waschen.

Der größte Einsatzraum des ganzen Gebäudes nahm einen Großteil des vorderen ersten Stockwerks ein, seine langen Fenster wiesen auf die befahrene Einfallstraße hinaus, die den Verkehr von den Borders ins Stadtzentrum strömen ließ. McLean blieb in der Doppeltür stehen und wurde Zeuge beispielhafter Geschäftigkeit. Uniformierte Constables und Sergeants hetzten hin und her zwischen einer Reihe von Computerarbeitsplätzen, einer Weißwandtafel, die über die gesamte Länge des Raumes reichte, und einem Stadtplan, der die Stirnseite einnahm. Zwei Dutzend unterschiedliche Stimmen plapperten in Mikrofone an Headsets, während noch mehr Arbeitskraft vom stetig wachsenden Überstundenbudget verschlungen wurde. Und wofür das alles? Ein lausiger Tipp, der sie zu einem längst verlassenen Ort geführt hatte, der wahrscheinlich nicht das Geringste mit der laufenden Ermittlung zu tun hatte.

»Sieh mal einer an, wen wir hier haben! Ich hab mich schon gefragt, was Ihnen wohl zugestoßen ist.«

McLean sah seinen Ankläger an, dankbar zumindest, dass er seine Nachrichten jemandem überbringen konnte, der ihn vielleicht nicht durchkauen und dann wieder ausspucken würde. Detective Inspector Langley war eigentlich ganz in Ordnung, soweit das bei Detectives der Drogenfahndung überhaupt möglich war. Rein formal gesehen, stand diese ganze Ermittlung unter seinem Kommando, wobei McLean logistische Unterstützung leistete, was auch immer das bedeuten sollte. Aber sie waren beide durch die ständige Einmischung eines gewissen Chief Inspectors, der zu McLeans Glück offensichtlich gerade nicht da war, in andere Rollen gezwungen worden.

»Na, wie ist es gelaufen?«, fragte Langley mit einer Miene, die McLean davon überzeugte, dass er es wirklich noch nicht wusste.

Er zuckte mit den Schultern. »Ist noch zu früh, um etwas sagen zu können. Vielleicht findet die Kriminaltechnik ja was. Auf jeden Fall haben wir denen genug zum Durcharbeiten dagelassen.«

»Aye, das hab ich schon gehört.« Langley kratzte sich in der Nase und sah dann auf seine Fingerspitze, als dächte er darüber nach, ob er sie in den Mund stecken sollte oder nicht. Entschloss sich schließlich, sie stattdessen an seiner Jacke abzuwischen. »Der Chef hat’s auch gehört.« Sein Blick schnellte hinter McLeans Schulter auf die offene Tür dahinter. Gleichzeitig spürte McLean, wie die Temperatur sank und der Lärm verstummte.

»Wo zum Teufel waren Sie denn, McLean? Ich hab Sie den ganzen Tag gesucht.«

McLean drehte sich um und sah, wie die hohe Gestalt seines ungeliebtesten Kollegen durch die Tür schritt: Detective Chief Inspector Charles Duguid, Dagwood für alle außer Hörweite. Es musste wohl Brauner-Anzug-Woche sein. Der Polyestermix dieses ganz besonderen Stücks war an den Ärmeln ausgefranst und glänzte an den Ellbogen. Er sah eher aus wie ein Lehrer denn wie ein Detective, und zwar die Sorte Lehrer, denen es großen Spaß macht, sich über die langsamen Kinder lustig zu machen, und deren gesamtes Verhalten die Schüler zur Aufmüpfigkeit geradezu herausfordert. Von seinem dünnen, rotgrauen Haarschopf über das fleckige, weiße Gesicht, das beim geringsten Anzeichen einer Ausrede vor Wut rot anlaufen konnte, bis hin zum schlaksigen Körper und den übergroßen Händen mit den langen Fingern und den knollenartigen, knochigen Gelenken erinnerte er McLean stark an einen Orang-Utan im Anzug, nur weniger freundlich.

Versuch, vernünftig zu sein. Wenigstens am Anfang.

»Falls Sie sich noch erinnern, Sir, habe ich Ihnen gesagt, dass ich einem Hinweis eines meiner Informanten nachgehen würde. Sie wissen, wie schwer es bisher gewesen ist, diese Typen festzunageln. Ich dachte, ich schlage sofort zu und bin dort, bevor sie gewarnt werden.«

»Dann kommt die Ermittlung also jetzt zum Abschluss? Die Verbrecher schmoren schon in ihren Zellen, während wir hier miteinander reden, und die Stadt ist endlich wieder frei von der Bedrohung durch den Cannabis-Anbau?«, höhnte Duguid. »Waren Sie nicht letzten Monat noch Sergeant?«

»Es ist beinahe ein Jahr her, und ich verstehe nicht, was das damit zu tun hat …«

»Ein paar von uns haben ein bisschen mehr Erfahrung darin, eine Ermittlung zu leiten, McLean. Sogar Langley hier hat seinerzeit ein paar Dealer hinter Schloss und Riegel gebracht. Und Sie wissen doch noch, was die eine wichtige Eigenschaft eines Ermittlungsteams ist, eh? Sie erinnern sich doch noch aus der Ausbildung daran, eh?«

Mit jedem »eh?« kam Duguid näher, dann beugte er sich über McLean und spielte seine ungewöhnliche Körpergröße gegen ihn aus.

»Es ist ein kleines Wort, McLean.« Und jetzt stieß ihn Duguid mit einem knochigen Finger an, dessen abgebrochener Nagel gelb war von lebenslanger Zigarettenexposition. »Team. T-E-A-M. Man gondelt nicht einfach in der Morgendämmerung zu einer Razzia, ohne das mit allen anderen abzusprechen. Und was haben Sie gemacht? Sie haben sich die erstbesten Uniformierten geschnappt und sich volle Kraft voraus hineingestürzt.«

McLean wollte gerade protestieren, kam sogar so weit, den Mund ein wenig zu öffnen, schloss ihn dann jedoch wieder, als er das irritierende Körnchen Wahrheit in den Worten des Chief Inspector erkannte. Allerdings hatte er die Teamstruktur nicht völlig außer Acht gelassen. DI Langley war schließlich bei der kurzen Besprechung dabei gewesen, die er um sechs Uhr morgens einberufen hatte. Es wäre nett gewesen, wenn der Mann ihm jetzt beigesprungen wäre, statt sich in Richtung der Computer zu verkrümeln, die in der Mitte des Raumes aufgereiht standen, und so zu tun, als wäre er sehr an den neuesten nutzlosen Protokollen interessiert, die sie ausspuckten.

»Nun, was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung vorzubringen?«, fragte Duguid, steckte seine nervös zappelnden Hände in die Jackentaschen, wühlte ein bisschen darin herum und holte dann ein leicht vergilbtes Mint Imperial heraus. Er rieb ein paar Krümel davon ab – McLean hoffte, dass es Kautabak war – bevor er es in den Mund steckte.

»Wir haben Hochleistungsleuchten und Hydrokultur-Zubehör auf dem Dachboden des Mietshauses gefunden, das mein Informant genannt hatte«, begann er, den Chief Inspector in die Aktivitäten des Morgens einzuweihen. Erstaunlicherweise unterbrach Duguid ihn nicht – vielleicht, weil er zu sehr damit beschäftigt war, sein nikotingetränktes Pfefferminzdragee zu genießen.

Schließlich pulte er zwischen seinen gelben Zähnen herum, sah kurz auf das, was er dort gefunden hatte und was jetzt unter seinem abgebrochenen, gelben Nagel steckte. »So, dann durchsucht die Spurensicherung also zwei Dutzend verrottete Müllbeutel voller Dreck für uns, und Sie sagen mir jetzt, dass es aussah, als sei der Dachboden schon eine ganze Weile nicht benutzt worden?«

McLean verzog das Gesicht. »Zumindest wissen wir, dass sie dort waren.«

»Wir wissen, wo sie waren, McLean. Wir haben ein halbes Dutzend Orte in der Stadt, an denen sie waren.« Duguid wedelte mit einer übergroßen Hand in Richtung der Computer und der hart arbeitenden Beamten, die auf die Tastaturen tippten und kurzsichtig auf die Bildschirme starrten. »Wir haben endlos Arbeit damit, alles darüber herauszufinden, wo sie waren. Ich muss aber wissen, wo sie jetzt sind.«

»Ich weiß, Sir. Aber …«

»Ich will’s nicht hören. Ehrlich. Es ist schon schlimm genug, dass ich mir den ganzen Tag das Geblöke von diesem verdammten Langley anhören muss, echt, wie ein Schaf mit Verstopfung. Ich habe Sie in diesen Fall einbezogen, weil Chief Superintendent McIntyre das für eine gute Idee hielt.« Duguid verzog das Gesicht, als er seine Vorgesetzte erwähnte, als reichte allein der Gedanke an sie, um ihm die Laune zu verderben. »Offensichtlich hat sie sich von Ihrem gewinnenden Lächeln betören lassen, aber bei mir funktioniert das nicht.«

»Wenn Sie meine Unterstützung nicht wollen, Sir, hab ich noch eine Menge anderes zu tun. Zum Beispiel wissen wir immer noch nicht, wer die Feuer an diesen alten Gebäuden gelegt hat.« McLean konnte den bockigen Schuljungen aus seiner eigenen Stimme heraushören, aber es war zu spät, um irgendetwas zurückzunehmen. Duguid nahm eine drohende Haltung ein, und sein Gesicht färbte sich rot wie ein erschreckter Oktopus.

»Raus mit Ihnen, McLean!« Seine Stimme wurde höher und lauter. »Gehen Sie Ihren kleinen Brandstifter fangen. Überlassen Sie die echte Polizeiarbeit denen, die wissen, was sie tun.«

5

Allmächtiger. Die Bude ist ja der Hammer!«

Er steht in der riesigen Eingangshalle eines prunkvollen Herrenhauses und blickt den breiten Treppenaufgang hoch, der sich drei Stockwerke hinauf zu einem riesigen Oberlicht windet. Als er die Einfahrt entlangfuhr, hat er noch angenommen, das Haus sei in mehrere Wohnungen aufgeteilt, aber jetzt sieht es danach aus, als gehöre das ganze Ding einem einzigen Menschen.

»Da muss man sich erst dran gewöhnen, stimmt’s, mein Junge?«, sagt Detective Inspector Malcolm »Mac« Duff und nimmt gelassen seinen Mantel ab. Detective Sergeant Needham hat seinen bereits auf einen alten Stuhl geworfen, der neben der Tür steht.

»Willkommen in meinem nicht ganz so bescheidenen Heim«, sagt Needham. »Oder sollte ich sagen: dem Heim meines Vaters?«

»Ich hätte nicht gedacht, dass Sergeants vom Dienst so gut bezahlt werden.«

Needham lacht. »Machen Sie sich bloß keine Illusionen, Constable. Das werden sie nicht. Dieses Haus ist schon seit Generationen in der Familie. Hier, ich gebe Ihnen die kurze Führung.«

Es erinnert ihn an das Haus seiner Großmutter, oben in Braid Hills, auch wenn das, ehrlich gesagt, im Vergleich hierzu klein erscheint. Trotzdem vermittelt es den Eindruck eines Hauses, das erst noch ein Zuhause werden will. Die meisten Räume sind kalt, feucht und ungenutzt. Nur die Küche mit ihrem ausladenden Eisenherd und dem langen Holztisch birgt echte Wärme. Hier endet die Führung mit der obligatorischen Tasse Tee.

»Sie fragen sich wahrscheinlich, warum wir alle hier herausgekommen sind, mein Junge.« Duff hat sich an die Kopfseite des Tischs gesetzt, obwohl es nicht sein Haus ist. »Needy hat Platz und keine Frau oder Kinder, die uns stören könnten. Sie wissen ja, wie es im Büro sein kann. So laut, dass man sich manchmal nicht mal selbst denken hören kann. Deshalb nutzen wir dieses Haus sozusagen als inoffiziellen Einsatzraum.«

»Wofür?« Er stellt die Frage, obwohl er den Verdacht hat, die Antwort bereits zu kennen.

»Für den Christmas Killer, mein Junge.« Needham starrt ihn mit ungewohnter Intensität an. »Seit acht Jahren versuchen wir, den Schweinehund zu kriegen. Sie haben alle damit beeindruckt, wie Sie den Fall Probert gelöst haben. Jetzt können Sie sich mal an was wirklich Schwierigem versuchen.«

6

Gelächter hallte durch die offene Bürotür. McLean blieb draußen stehen, ihm klingelten noch die Ohren von dem Anschiss, den er von Duguid bekommen hatte. Es war immer schlimmer, wenn man wusste, dass man tatsächlich etwas versemmelt hatte und den Anschiss verdiente. Und es war immer schwer zu akzeptieren, wenn der DCI recht hatte. Gut gelaunte Gesellschaft konnte er jetzt nicht brauchen, aber die Aussicht darauf, sich in sein winziges Büro zu quetschen und mit der Arbeit an den Überstundenplänen anzufangen – oder was sonst auch immer der Sergeant vom Dienst beschlossen hatte, dem jüngsten DI auf dem Revier aufzuhalsen –, war ebenso wenig verlockend. Er sah auf die Uhr. Zu früh, um Schluss zu machen? Wahrscheinlich, auch wenn er lange vor Tagesanbruch angefangen hatte. Nun, es gab reichlich andere Fälle, die seiner Aufmerksamkeit bedurften, so viel stimmte zumindest. Und es gab keinen besseren Ort, um damit anzufangen, als unten in den Archiven, weit weg von allen, die ihn an seine Versäumnisse erinnern konnten.

Das Polizeigebäude war eine bauliche Monstrosität, entworfen von einem Komitee und gebaut in den Siebzigern, als schmuckloser Beton der letzte modische Schrei der Architektur war. Wie vieles in Edinburgh war sie auf etwas anderem errichtet worden, in diesem Fall auf einem früheren viktorianischen Polizeirevier, und die Kellergeschosse boten eine vollkommen andere Atmosphäre. Die alten, in der Mitte von zahllosen Verbrecherfüßen ausgetretenen Stufen hinunterzugehen, fühlte sich an, als beträte man eine andere Welt. Die Wände waren aus Ziegelsteinen gemauert, unzählige Male weiß überstrichen, und die Decken von Meisterhandwerkern, die offensichtlich stolz auf ihre Arbeit waren, zu perfekt geschwungenen Gewölben geformt. Die Räume hier unten waren klein und fensterlos, Zellen aus einer früheren Zeit. Da sie nicht mehr sicher genug erschienen, um Gefangene darin unterzubringen, waren sie zu Lagerräumen für Beweismittel und alte Akten umfunktioniert worden. Einer war zu einem Büro umgebaut worden, von dem aus Sergeant John Needham über sein unterirdisches Reich herrschte.

McLean näherte sich leise dem Eingang – nicht, um heimlichzutun, sondern weil der Ort Stille gebot, ein bisschen wie eine Kathedrale oder eine Krypta. Als er näher kam, sah er, dass die Tür offenstand, das Licht eingeschaltet war und von drinnen das unverkennbare Geräusch eines Mannes kam, der verzweifelt versuchte, nicht zu weinen. McLean lugte um den Türrahmen herum und sah den Sergeant mit dem Rücken zur Tür über seinen Schreibtisch gebeugt dasitzen. Er zitterte leise.

»Needy?«

Das Schluchzen hörte auf, als hätte man einen Schalter umgelegt. Sergeant Needham sah auf und rieb sich die Wangen, während er versuchte, durch gerötete Augen zu fokussieren.

»Wer …? Oh, Inspector McLean, Sir.«

McLean erinnerte sich an das Gespräch am Morgen, als er nach dem alten Needham gefragt hatte. Sie standen sich nah, Vater und Sohn, auf diese merkwürdige, reservierte Art einer Familie, die des weiblichen Elements beraubt war. Es gab nur eines, was das hier erklären konnte.

»Ihr Vater?«

Needy nickte. »Ja. Vor ungefähr zwei Stunden.« Er schniefte, zog ein zerknülltes weißes Taschentuch aus der Hosentasche und schnäuzte sich, dann benutzte er eine Ecke, um sich die Augen trocken zu tupfen. »Armer Teufel. Sie wollten heute seinen Krebs operieren, aber als der Arzt ihn aufgemacht hatte … Na ja, es hatte keinen Sinn mehr.«

»Es tut mir leid, Needy. Wirklich. Er war ein guter Bulle.«

»Aye, das war er. Manchmal aber auch ein ganz schön schlecht gelaunter Mistkerl.«

Needy lächelte schief und sah an McLean vorbei, der seinem Blick zu einer Uhr an der gegenüberliegenden Wand folgte. Halb sechs Edinburgher Zeit. »Also, was führt Sie heute Abend her?«, fragte er.

McLean sah Needham an und erinnerte sich an den Detective Sergeant, der ihn abwechselnd herumkommandiert und mit allem vertraut gemacht hatte, vor all den Jahren, als er gerade bei der Kriminalpolizei angefangen hatte. Needy war ein guter Detective gewesen, zuverlässig und sorgfältig. Manche hatten ihn wahrscheinlich besessen genannt, aber nicht McLean. Irgendwie waren sie Freunde geworden, wenn auch keine engen. Also, was sollten Freunde in einem Augenblick wie diesem tun?

»War nicht wichtig. Nur etwas Hintergrundzeug, aber das kann warten. Warum verschwinden wir nicht von hier? Gehen einen trinken? Ich würde sagen, wir haben uns beide einen verdient, oder?«

»Lustig. Ich hätte gedacht, Sie seien eher der Typ für ein Real Ale.«

Needy saß auf der billigen Vinylbank in einer Nische, die aussah wie aus einem schlechten Gangsterfilm, und hatte die Hände gefaltet auf der billigen Resopaltischplatte mit nachgemachter Holzmaserung abgelegt. McLean stellte die beiden Gläser mit einem eiskalten, perlenden Bier vom Fass ab, was in diesem Pub etwas Trinkbarem noch am nächsten kam, und quetschte sich auf die Bank gegenüber.

»Keine große Auswahl.« Er schob eines der Gläser über den Tisch und bemerkte dabei, dass keins von beiden als sauber durchgehen konnte. Der Pub lag nah am Revier, und das war auch das einzig Gute, was man darüber sagen konnte.

Needy nahm sein Glas, übersah gewissenhaft den schmierigen Ring um die Mitte und hob es hoch.

»Auf Esther McLean.«

»Aye, und auf Tom Needham«, setzte McLean hinzu und hob sein eigenes Glas. Sie tranken, dann schwiegen sie eine Weile unbehaglich. Es war Needy, der das Schweigen brach.

»Wie lange ist es her, sagen Sie? Dass Ihre Großmutter … Sie wissen schon? Bevor sie …«

»Achtzehn Monate und ein paar Tage.«

»Mein Gott. So lang? Wie kommen Sie damit zurecht?«

»Ich weiß nicht. Muss ich ja, denke ich. Bleibt einem ja nichts anderes übrig.«

»Ja, ich glaube, ich verstehe, was Sie meinen.« Needy trank noch einen großen Schluck. »Das heißt aber nicht, dass es einfach wäre. Zu sehen, wie jemand vor einem stirbt, Stück für Stück.«

Diesmal dauerte das Schweigen noch länger. McLean versuchte es abzukürzen, aber sein Bier hatte zu viel Kohlensäure, um es schnell hinunterzustürzen.

»Haben Sie schon darüber nachgedacht, was Sie jetzt machen?« Dumme Frage. Natürlich nicht. Der alte Needham war noch nicht mal kalt. Seine Großmutter war jetzt seit einem halben Jahr tot, und er hatte immer noch nicht angefangen, ihre Angelegenheiten zu regeln.

»Herrgott, nein. Eins nach dem anderen, denk ich mal.«

McLean hob wieder sein Glas. »Darauf trinke ich.«

Needy nahm einen Schluck, dann ließ er sich gegen die Wand zurückfallen. »Wissen Sie, das ist beinahe wie in alten Zeiten. Wir zwei in irgendeinem abgerissenen Pub, und beschweren uns darüber, wie bitter das Leben ist. Wir brauchen nur noch Bob Laird und MacDuff, und dann haben wir das ganze Team wieder zusammen.«

»Ich kann Grumpy Bob anrufen, wenn Sie wollen.« McLean fischte sein Handy aus der Tasche. »Duff allerdings …«

»Ich habe gehört, er ist in einem Heim irgendwo in den Borders. Alzheimer.«

Das brachte das Gespräch für eine weitere lange Pause zum Erliegen. Needy untersuchte sein Pint, strich mit nervösen Fingern am Glas entlang. Er sah nicht auf, als er endlich wieder das Wort ergriff.

»Ich habe mich immer gefragt, Tony, wie Sie das hingekriegt haben. Wie haben Sie ihn gefunden?«

Und das war der Grund, weshalb das ganze alte Team nie wieder zusammenkam. McLean musste Needy nicht fragen, von wem er sprach. Donald Anderson, der Christmas Killer, war immer in seinen Gedanken. Besonders, wenn die Nächte lang und dunkel und kalt waren.

»Ich hatte Glück.« McLean lachte auf, als habe ihm jemand ein Messer in die Eingeweide gerammt. »Ha, Glück. Keine Ahnung, warum ich in seinen Laden gegangen bin. Ich kann mich an vieles von damals nicht erinnern. Aber er hat Andenken gesammelt. Das wissen Sie so gut wie ich. Und er hatte dieses eine Stück von ihrem Kleid.«

Da sah Needy auf, und McLean sah die Trauer in seinen Augen und bemerkte die tiefe Verbundenheit, die zwischen dem Sergeant und seinem Vater bestanden hatte. Wie viele Jahre war es jetzt her, dass seine eigenen Eltern gestorben waren? Zu viele, um sie zu zählen, und er war zu jung gewesen, um es wirklich zu begreifen.

»Ich weiß aber immer noch nicht, wie Sie das geschafft haben. Nach allem, was er Ihnen angetan hat. Gott weiß, ich hätte ihn zu Brei geschlagen, wenn ich ihn gefunden hätte.« Needy streckte die Hände aus, klauenartig und von Leberflecken übersät. »Ich hätte ihn da an Ort und Stelle erwürgt.«

McLean griff nach seinem Bier und schluckte so viel davon, wie er sich traute, ohne an die krustigen Stückchen zu geraten, die sich auf dem Grund des Glases drehten. Er sah auf die Uhr.

»Ich hab daran gedacht. Tu es immer noch. Aber jetzt muss ich los. Eigentlich sollte ich Dagwoods Besprechung um sechs vorbereiten, und es wäre schön, vorher noch nach Hause zu gehen und zu duschen.«

»Aye, Sie haben recht.« Needy nahm sein Glas und verwirbelte das Bier, das noch darin war. »Aber ich glaube, ich trinke noch eins. Vielleicht hilft das dem Geschmack auf die Sprünge.«

»Kommen Sie nach Hause?«

»Machen Sie sich keine Sorgen um mich, Inspector. Wir Needhams überleben. Das haben wir immer, und das werden wir auch weiterhin.«

Ölige Pfützen zitterten auf dem Asphalt, als McLean aus der Zeitschleife des Pubs in die richtige Welt hinaustrat. Der Regen hatte aufgehört, aber ein schneidender Wind wehte vom Meer herein. Zu bequem, um Umwege zu machen, ging er durch alles hindurch, was ihm in den Weg kam, und raubte alle Wärme, die er finden konnte. McLean zog abwehrend die Schultern hoch, schlug den Mantelkragen hoch und machte sich auf den langen Weg nach Hause. Bei diesem Wetter erkannte er den Sinn darin, ein Auto zu besitzen. Oder vielleicht, ein richtiges Auto. Nicht den unpraktischen, altmodischen Alfa Romeo, den ihm seine Großmutter hinterlassen hatte. Es wäre schön, es warm und trocken zu haben. Andererseits kroch der Verkehr langsamer dahin, als er zu Fuß ging, und wenn er ein Auto hätte, wäre zu Hause kein Parkplatz frei, und obendrauf hätte er noch eine gewaltige jährliche Steuer von der Gemeinde für dieses Privileg zu entrichten. Ein Taxi wäre die Lösung, natürlich, aber es war gerade keins zu sehen. Nicht hier, nicht jetzt.

Das Telefon vibrierte tief in der Manteltasche gegen seine Hand. McLean zog beides hervor und schaute auf das Display, um herauszufinden, wer anrief. Es war das Revier. Zweifellos wollte Dagwood ihm wieder das Leben zur Hölle machen.

»Tony? Sind Sie zu Hause?«

Nicht Dagwood. »Oh, Chief Superintendent, Ma’am. Äh … nein, ich bin unterwegs, zu Fuß. Es …« Er wusste nicht, was er sagen sollte. Needy hatte ihm den Eindruck vermittelt, dass nur wenige Bescheid wussten und dass der Sergeant es vorzog, es so lange wie möglich dabei bleiben zu lassen. Andererseits entging Jayne McIntyre kaum etwas. »Ich war mit Needy im Pub.«

Das Schweigen am anderen Ende zeigte, dass die Chefin darüber nachdachte, was das zu bedeuten hatte. Es gereichte ihr zur Ehre, dass sie nicht lange dafür brauchte.

»Verdammt. Das wird ihm zu schaffen machen.«

»Er schafft das schon, Ma’am. Die Needhams sind harte Hunde.«

»Aye, damit haben Sie recht. Aber trotzdem.« Sie verstummte erneut.

»Aber deswegen rufen Sie wahrscheinlich nicht an, oder?« McLean nahm an, dass die Nachricht von seinem morgendlichen Pfusch bis nach ganz oben durchgedrungen war, zweifellos noch ausgeschmückt von Duguid, der ihn noch dümmer aussehen lassen wollte, als er sich bereits fühlte. Er würde morgen früh zu einem ausgewachsenen Anschiss antreten müssen.

»Nein, es ist etwas anderes.« McIntyre hielt wieder inne, als suchte sie nach den richtigen Worten. Herrgott, er hatte es doch nicht so schlimm vergeigt, oder?

»Ich dachte, Sie sollten es zuerst von mir hören. Bevor es herumgetratscht wird. Es geht um Anderson.«

McLean spürte eine Kälte bis tief in seine Eingeweide, die mit dem Wind nichts zu tun hatte. »Ach ja? Wird er wegen guter Führung entlassen oder was?«

»Nicht ganz, Tony. Ich habe gerade eine Nachricht aus Peterhead bekommen. Es scheint, als hätte ihn jemand in der Küche mit einem Messer angegriffen. Er ist tot.«

7

Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen. Wer ist es, der uns Hilfe bringt, dass wir Gnade erlangen? Das bist du, Herr, alleine. Uns reuet unsere Missetat, die dich, Herr, erzürnet hat.«

McLean starrte über die Reihen der Grabsteine hinweg auf den kleinen Haufen Menschen, die sich im prasselnden Regen um ein Grab scharten. Ein scharfer Novemberwind wehte von der Nordsee her und riss am schütteren, grauen Haar des Priesters, der seinen Kopf über das Gebetbuch gebeugt hielt. Zwei uniformierte Beamte traten rastlos von einem Bein aufs andere, als wären sie lieber woanders. Eine schmale, rothaarige Frau kämpfte mit ihrem nutzlosen Regenschirm, und der Regen dunkelte das Grau ihres gut geschnittenen Hosenanzugs nach. Auf einer Seite warteten ungeduldig zwei mürrische Männer in den schmutzig grünen Overalls des Grünflächenamtes von Aberdeen. Keine Familie, natürlich nicht. Für diesen Toten waren wirklich nicht viele Leute erschienen.

»Heiliger Herre Gott, heiliger starker Gott, heiliger barmherziger Heiland, du ewiger Gott: Lass uns nicht versinken in des bittern Todes Not.«

McLean vergrub die Hände tief in den Taschen seines schweren Mantels und krümmte sich gegen die Kälte, die ihm bis in die Knochen drang. Tief hängende Wolken jagten über den Himmel und machten zunichte, was auch immer das bisschen schwache Nachmittagssonne so weit im Norden hätte erreichen können. Düsternis war das richtige Wort. Es passte zu seiner Stimmung.

»Der du den Grund unsrer Herzen kennest: Verschließ Dein gnädig Ohr nicht unserem Gebet!«

Er blendete die Worte aus und sah sich auf dem Friedhof um. Bunte Flecken aus Blumen hier und dort, sogar ein paar Fotos. Die Grabsteine glänzten nass, granitgrau wie die Stadt, die sie hervorgebracht hatte. Nur der eine oder andere Engel brach die Monotonie. Was zum Teufel machte er hier?

»Lass uns nicht von dir entfallen in unsrer letzten Stund’ und Todesnot.«

Die Gemeindearbeiter hievten den schweren Sarg auf breiten Canvasgurten hoch und traten die Gerüste beiseite, auf denen er gelegen hatte, bevor sie ihn ungeschickt in das Loch hinunterließen. Kein Schmuck, keine feierlichen Schärpen, nur sechs junge Männer, um den Schweinehund zur letzten Ruhe zu betten. Er hatte es nicht besser verdient.

»Nachdem es dem Allmächtigen Gott in seiner weisen Vorsehung gefallen hat, die Seele unseres entschlafenen Bruders …« Der Pfarrer hielt inne, blätterte kurz in seinem Gebetbuch herum und fand einen kleinen Zettel. Er linste kurzsichtig darauf, bevor der Wind ihn ihm aus den arthritischen Fingern riss und über den Friedhof hinweg fortwehte. »Unseres Bruders Donald Anderson – aus dieser Welt zu sich zu nehmen, legen wir seinen Leib in Gottes Acker – Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub.«

McLean konnte angesichts des Patzers, der dem Pfarrer unterlaufen war, ein Lächeln nicht unterdrücken, aber es hielt nicht lange. Er spürte keine Genugtuung, hatte nicht das Gefühl, mit etwas abgeschlossen zu haben. Er wandte sich von der Szene ab und ging zurück zu seinem Wagen. Es war eine lange Fahrt zurück nach Edinburgh, da konnte er auch gleich losfahren. Schließlich würde es ja keinen Leichenschmaus oder so etwas geben.

»Darf ich fragen, was Sie an Anderson interessiert?«

McLean drehte sich zu der Stimme um und sah ein paar Schritte weiter die Frau mit dem nutzlosen Regenschirm stehen. Sie war etwas kleiner als er, hatte ein blasses, sommersprossiges Gesicht, dessen elfenhafte Form durch die Art, wie der Regen das kurze rote Haar an ihren Kopf geklebt hatte, noch unterstrichen wurde.

»Darf ich nach Ihrem Interesse fragen?«

»Detective Sergeant Ritchie, Grampian Police.« Sie tastete in der großen Leinentasche herum, die sie über der Schulter trug, und zog ihren Dienstausweis hervor. McLean verzichtete darauf, ihn anzusehen. Er hätte wohl dem Hauptquartier in Aberdeen Bescheid geben sollen, dass er herkam, aber dann hätten sie ihn überallhin begleitet und noch in den Pub geschleppt, um Andersons Tod zu feiern.

»McLean«, sagte er. »Lothian and Borders.«

»Ganz schön weit weg von Ihrem Jagdrevier, Inspector.« Sie wusste also, wer er war, auch wenn sie sein Gesicht nicht erkannt hatte.

»Ich habe Anderson ins Kittchen gesteckt. Ich wollte mich nur davon überzeugen, dass er auch wirklich ein für alle Mal weg ist.«

»Aye, das kann ich verstehen.«

Die beiden Uniformierten trotteten vorüber, die Krägen ihrer schwarzen Fleece-Pullover hochgeklappt, ihre fluoreszierenden gelben Jacken gegen den Wind eng um sich gezogen. Der Pfarrer hinter ihnen sah aus, als wollte er noch bleiben und etwas sagen, überlegte es sich dann aber anscheinend anders. McLean starrte auf das Grab zurück, wo ein Minibagger schwere Erde auf den Sarg kippte. »Wie schafft es ein Stück Scheiße wie Anderson, an einem solchen Ort beerdigt zu werden?«

»Die Grabstelle war gekauft und bezahlt, heißt es. Irgendein Anwalt aus Edinburgh hat sich um alles gekümmert. Anscheinend hatte Anderson Geld. Die Gräber hier sind nicht billig.«

»Was ist mit dem Mann, der ihn umgebracht hat?«

Ritchie antwortete nicht sofort. McLean kannte sie nicht, konnte nicht in ihrer Miene lesen. Sie sah jung aus für eine Detective Sergeant, jungenhaft sogar, mit ihrem kurzen Haar und dem Hosenanzug, aber sie hielt seinem Blick stand, als wollte sie ihm zeigen, dass er sie nicht einschüchtern konnte, nur weil er einen höheren Rang hatte.

»Harry Rugg. Andersons Zellengenosse in Peterhead. Sie hatten beide Küchendienst. Rugg hat ein Küchenmesser genommen und es Anderson ins Herz gestoßen.«

»Das habe ich gehört. Könnte man vielleicht mit ihm sprechen?«

Ritchie strich sich eine nasse Haarsträhne aus den Augen. »Ich könnte mit DCI Reid sprechen. Er ist zuständig. Aber ich bezweifle, dass er jemanden von einer anderen Dienststelle auch nur in Ruggs Nähe lassen würde. Was wollen Sie ihn überhaupt fragen?«

»Fragen? Nichts. Ich wollte mich nur bei ihm bedanken.«

Das Telefon klingelte, als er über die Forth Road Bridge fuhr, und er fummelte an den Tasten herum, während er langsam im Verkehr zum Stillstand kam. Plötzliche Regenböen verwandelten die Bremslichter vor ihm in wütende rote Sterne, die ihn willkommen hießen. Er hob das Telefon ans Ohr, in der Hoffnung, dass keine Verkehrspolizei in der Nähe war. Es wäre peinlich, an seinem freien Tag rausgewunken zu werden.

»McLean.«

»Sind Sie schon aus Aberdeen zurück?« Duguid hielt sich nicht mit Höflichkeitsfloskeln auf.

»Auf der Brücke, Sir. Aber …«

»Na, dann machen Sie, dass Sie nach Sciennes kommen. Da hat’s wieder gebrannt.«

McLean wollte gerade einwenden, dass er dienstfrei hätte, aber Duguid nannte ihm einfach den Straßennamen und legte auf. Es hatte sowieso keinen Sinn, zu widersprechen. Das brachte eh nie was Gutes.

Der Verkehr wurde immer schlimmer, je näher er dem Tatort kam. Übermüdete Büromenschen kämpften sich auf unbekannten Straßen nach Hause durch. Wenigstens hatten die Uniformierten die gesamte Straße gesperrt, was bedeutete, dass er den Wagen stehen lassen und die letzten paar hundert Meter zu Fuß gehen konnte. Rauch wehte in erstickenden Schwaden zwischen den Gebäuden hinunter, Asche fiel wie schwarzer Schnee. Alles roch nach Kindheitslagerfeuern, und hoch oben reflektierte der Himmel ein sich kräuselndes Orange.

Das Feuer war in einer mehr als hundert Jahre alten Fabrik ausgebrochen, deren Fassade dunkel und schmutzig war. Vor ein paar Monaten waren Baustellenschilder für die Sanierung aufgestellt worden, direkt bevor die Finanzkrise ausgebrochen war. Seitdem schien sich nicht mehr viel getan zu haben. Bis jetzt. Sechs Feuerwehrwagen scharten sich um das Grundstück, zwei davon spritzten die angrenzenden Mietshäuser ab, um zu vermeiden, dass sie ebenfalls Feuer fingen. Die Fabrik selbst war nicht mehr zu retten. Flammen tosten aus zerbrochenen Fenstern, und während McLean zusah, wölbte sich das Dach und brach schließlich ein. Die Feuerwehrleute stoben auseinander, Uniformierte schoben die Sicherheitsabsperrungen weiter weg, Zuschauer schnappten vor Schreck nach Luft.

»War’s schön auf der Beerdigung, Sir?« Grumpy Bob schlenderte heran, einen Becher Tee in den großen Händen, und schien vollkommen ungerührt vom Chaos um ihn herum.

»Wo zum Teufel hast du denn …« McLean zeigte auf den dampfenden Becher. »Ach, vergiss es. Bring mich einfach nur aufs Laufende, Bob.«

»Sieht aus, als wäre es ein weiterer Fall in unserer Serie. Aber das wissen wir erst mit Sicherheit, wenn gelöscht ist und die Brandermittler sich damit beschäftigt haben.«

»Mein Gott, genau, was wir brauchen.«

»Aye. Der Kasten war verrammelt wie Fort Knox. Metallplatten vor den unteren Fenstern und allen Türen. Die Feuerwehr hat zwanzig Minuten gebraucht, um sich den Weg hinein freizuschneiden. Und da war’s zu spät.«

McLean starrte in das dröhnende Feuer hinauf und spürte, wie die Hitze von den alten Steinen abstrahlte. Sie drang ihm in die Knochen und machte ihn trotz des Lärms und des Durcheinanders um ihn herum schläfrig.

ENDE DER LESEPROBE