Beschreibung

Der Skydome ruft Nea zu sich, belobigt sie zu ihren guten Taten und schickt sie gleich wieder auf eine Mission. Die letzte Mission vor ihrem großen Urlaub. Doch was anfänglich wie Entspannung wirkt - obwohl Nea unentwegt Informationen bei örtlichen Daten-Buchhändlern sichtet - entwickelt sich zur Katastrophe, die sich bereits seit einer Weile anbahnt. Es liegt in ihren Händen, das Leben von Unschuldigen zu retten.

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Seitenzahl: 203

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Allan J. Stark

ASGAROON

Weltenbrand

www.papierverzierer.de

Vollständige E-Book-Ausgabe des mehrteiligen ASGAROON-Zyklus‘

Weltenbrand

Copyright©2014 Allan J. Stark

Deutsche Erstausgabe 2014 by Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung:©Allan J. Stark

Lektorat: Michaela Harich

Herstellung: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-75-5

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Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Informationen
Zitat
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
ASGAROON
Allan J. Stark
Weitere Titel

»Verborgen in der Dunkelheit ziehen sie dahin.

Schweigend, still, doch immer wachsam.

Auf ihren schwarzen Zinnen spiegelt sich kein Sonnenglanz.

Aus dem Schatten der Nacht sind errichtet ihre Mauern.

Darin die Feinde, millionenfach.

Kommen sie hervor, verdunkelt sich der Sterne Licht.«

(Oponi Kinderlied)

Kapitel 1

Nea wandte den Blick von ihrem Teller ab und starrte aus dem Fenster der Kantine über die endlosen Rollfelder hinweg. Erneut dämmerte der Morgen und sie hatte wieder einmal nicht besonders gut geschlafen. Ihr fiel auf, dass die Landeflächen ungewöhnlich leer vor ihr lagen. Sie sah zum Himmel hinauf. Auch dort schienen die endlosen Kolonnen von Frachtern und Fähren große Lücken aufzuweisen. Auf anderen Welten hätte jeder diesen Anblick immer noch als ein katastrophales Chaos empfunden, doch für die Verhältnisse auf Sculpa Trax konnte das als ruhiger Tag gelten.

»Wird wieder verdammt heiß heute.« Sam fuhr sich mit einem Taschentuch über die Stirn und schaute mürrisch zur Klimaanlage hinauf. »Das Wetteramt und die Atmosphärenüberwachung sagen, es läge nicht an den Klimageneratoren.« Er atmete laut aus.

Nea hatte sich vorgenommen, Sam nicht zu beachten, aber ihr Ärger über seine diplomatische Antwort ein paar Stunden zuvor war schon längst wieder verraucht. Sie war noch nie nachtragend gewesen.

»Die Wettermacher haben keine Schuld«, warf sie ein. »Vielleicht ist die Sonne heißer geworden.«

Sam hob die Augenbrauen. »Das ist komischerweise exakt das, was die allen weißmachen wollen.«

Nea wusste, dass niemand mehr in der Lage war, das zerrüttete Klima des Planeten zu bändigen. Die Regulierungsgeneratoren waren längst aus der Balance geraten und keuchten hilflos dem Wettergeschehen hinterher.

»Am besten wäre es, wenn wir den Vorfall mit dem–wie hieß der nochmal … Gothrek?–vergessen.« Sam kratzte sich am Kopf. »Gothrek? Was ist das eigentlich?«

»Ich weiß es nicht genau. Das war nur die Vermutung eines der Mechaniker«, erklärte Nea. »Er meinte, er hätte so etwas mal auf einem Wandbild gesehen.« Sie machte eine lange Pause. »Und für mich war es ebenfalls nichts völlig Unbekanntes.«

»Wie meinst du das?«

»Du weißt ja, dass ich vor gut sieben Jahren mit Zeb und seinen Leuten unterwegs war«, erinnerte sie ihn. »Es ist etwa vier Jahre her, da …«

»Die Geschichte hast du mir schon erzählt. Die Sache mit den Männern vom alten Stonebeard.«

»Genau diese Geschichte«, bestätigte Nea, wobei sie Sam streng betrachtete, um sich zu vergewissern, dass er ihren Ausführungen auch genügend Ernsthaftigkeit entgegenbrachte. »Auf Kiboga habe ich Statuen gesehen, die erschreckend viel Ähnlichkeit mit diesem seltsamen Wesen hatten. Wenn es zwischen den Azzamaro und Kiboga eine Verbindung gibt, dann würde mich das zutiefst erschrecken. Wie kommt so eine Kreatur auf ein Wandrelief, tausend Lichtjahre von Kiboga entfernt? Da gibt es einen größeren Zusammenhang. Man sollte dem Mythos etwas mehr Glauben schenken. Ich bin jedenfalls nicht die Einzige, die so denkt. Eigentlich hätte ich das schon früher akzeptieren müssen. Ich habe mich ziemlich ignorant verhalten.«

Sam sagte dazu kein Wort.

»Was das sogenannte›Große Zeitalter‹angeht«, behauptete er, »so war das meiner Ansicht nach nichts weiter als eine Ära des galaktischen Durcheinanders. Eine Zeit, in der sich Asgaroon noch in einem Zustand der Barbarei und Gewalt befand. Eine Zeit brutalen Gerangels um Welten und Sternsysteme, lange vor den großen Zivilisationen. Eine Epoche, geradezu geeignet als Quelle für Mythen und allerlei ungereimtes Zeug. Kasch Kudun und seine Welt Kiboga sind nichts weiter als eine Überlieferung, die lediglich dazu taugt, Kinder und leichtgläubige Einfaltspinsel zu erschrecken. Was ihr für eine Welt entdeckt habt, weiß ich nicht, aber mit dem mythischen Kiboga hatte die bestimmt nichts zu tun. Und jetzt will ich einfach nichts mehr über Artefakte und eigentümliche Entdeckungen hören, besonders dann nicht, wenn Sculpa Trax damit zu tun hat!« Er presste den letzten Satz ärgerlich zwischen seinen Zähnen heraus. Nea hatte den Eindruck, als ob Sam es vorzog, eine ganze Reihe von Tatsachen einfach zu verdrängen. Würde er alles hinterfragen, was ihm im Lauf der Jahre an eigenartigen Dingen untergekommen war, geriete wohl sein Weltbild ins Wanken.

Nea meinte, genau diese Gedanken auf seinem Gesicht ablesen zu können und verbiss sich jeden weiteren Kommentar. Dennoch erinnerte sie sich gut an Logans Worte.Du weißt, was ein Gothrek ist, Samuel Blumfeld, dachte Nea.Du weißt es. Und du weißt auch, dass es keine Märchenfiguren sind. Ich sollte dich fragen. Gleich jetzt.

Ein langes, unangenehmes Schweigen entstand. Sam trank seinen Kaffee aus, stellte den Becher auf das Tablett und schob es beiseite.

Gerade als er das Gespräch fortsetzen wollte, erhielt Nea eine Mitteilung auf ihrem Kommunikator. Sie las den Text und schien irritiert.

»Was ist?«

»Ich soll nach Athens kommen«, sagte sie unsicher. »Sofort.«

»Gibt es Ärger?« Sam musterte Nea streng. »Irgendetwas, das ich wissen muss?«

Nea konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Es gab eine Menge, von dem er besser nichts wusste. »Glaub mir, ich bin ebenso ahnungslos wie du.«

Sam stand auf. »Ich hoffe nur, dass du mir nichts verheimlicht hast.« Damit wandte er sich um und ging.

Nea wusste, dass Sam irgendetwas mitbekommen hatte. Und deswegen fühlte sie sich noch weniger wohl.

Der Skydome war beeindruckend. Noch nie hatten Neas Aufträge sie auch nur in die Nähe dieses Megabauwerkes gebracht. Unweit des Nordpols gelegen hob es sich so weit in den Himmel hinauf, so dass Raumschiffe auf der obersten Plattform landen konnten, ohne in die dichtere Atmosphäre einzudringen. Die schrägen Strahlen der Nachtsonne brachten die mächtige Fassade des Domes zum Glühen, während sich sein immenser Schatten weit über die Ebene ausdehnte. Das Landeareal um das Bauwerk herum war übersät mit Schiffen aller Größen und Formen aus allen Winkeln Asgaroons. Um den Skydome kreiste ein unermesslicher Schwarm kleinerer Schiffe, so dicht wie ein Asteoridenring um einen Planeten.

»Das dürfte jetzt an die Nerven gehen«, murmelte Nea säuerlich. »Bis wir da durch sind, bist du zusammengerostet.«

Kaum hatte sie das gesagt, meldete sich Trigga Lens von der Flugleitung. »Du hast ein Prioritätssignal«, informierte sie Nea. »Ich habe es auf deine Kennung eingeloggt. Du musst nur bestätigen.«

»Anfrage kommt gerade rein«, sagte Nea. »Ich bestätige.«

»Viel Spaß, Kleines. Was immer die von dir wollen.« Damit beendete Trigga die Verbindung zurNova.

Kaum hatte sie sich verabschiedet, übernahm der Skydome die Kontrolle über das Schiff.

Kapitel 2

»Willkommen im Seypansektor«, ließ sich eine angenehme, weibliche, Stimme vernehmen, die bestimmt von einem Rechner generiert wurde. »Sie haben LandeberechtigungEins-Eins-Alpha.«

»Klingt nach Ruhm und Ehre«, spottete Nea.

»Deaktivieren Sie Scanner und Tastsysteme. Sollten Sie die Berechtigung haben, Waffen zu führen, deaktivieren Sie alle Waffensysteme. Waffen jeglicher Art sind im Skydome verboten. Bestätigen Sie.«

Nea betätigte einige Schalter. »Angeforderte Systeme deaktiviert. Wir sind jetzt harmlos.«

»Willkommen, Captain Nea Diehl«, antwortete die Frauenstimme des Kommunikationssystems des Skydome.

Man steuerte sie in einen der oberen Hangars, in denen einige luxuriöse Schiffe herumstanden, neben denen dieNovavöllig deplatziert wirkte.

»Bestimmt wird gleich jemand fragen, ob wir etwas reparieren sollen«, sagte sie und spähte durch das Kanzelfenster. Jemand schien auf sie zu warten. Es handelte sich um einen Mann in der schlichten Uniform des Scutra-Sicherheitsdienstes, wie sie überall auf dem Planeten herumliefen.

»Du bleibst hier«, sagte sie zu Ogo. »Ich versuche, dem Ärger alleine die Stirn zu bieten.«

»Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen«, antwortete der Roboter.

»Hast du dir ein Ironieprogramm geladen?«

Der Mann führte sie über ein Liftsystem, das sich vertikal und horizontal durch das Gebäude bewegte, und sie in die Zentrale des Domes führte. Da Nea geglaubt hatte, sie würde es lediglich mit einem Leiter auf unterer Ebene zu tun bekommen, so wurde sie eines Besseren belehrt. Die kuriose Architektur und der Ausblick durch die hohen Fenster eines sehr langen Korridors verrieten ihr, dass sie auf der obersten Ebene des Domes angekommen war. Abgeleitet von der üblichen Denkstruktur hochgestellter Persönlichkeiten, konnte nichts Höheres mehr folgen. Niemand in dieser Hierarchie würde es dulden, buchstäblich jemanden über sich zu haben.

Nea sah auf das Rund von Sculpa Trax, als blicke sie aus der Kanzel ihres Schiffes während des Anflugs auf den Planeten. Sie sah die vielen mächtigen Säulen der Skylifts, die kilometerweit in den Himmel gewachsen waren, wo sie orbitale Stationen und Raumschiffe mit Waren und Rohstoffen versorgten. In diesem Moment zog ein Schiff an den Panzerscheiben vorbei und verdeckte für einen Moment die Sonne, deren Strahlen beinahe waagrecht durch den Korridor fielen.

»Wenn man mir gesagt hätte, wo es hingeht«, lamentierte Nea mit gespielter Entrüstung, »dann hätte ich mir etwas Passenderes angezogen.«

Wortlos öffnete ihr Begleiter die große Tür am Ende des Korridors. Nea trat in einen weiten Raum, der mit Parkett aus glänzendem Elfenbein ausgelegt war. Lautlos glitt die Tür hinter ihr wieder ins Schloss. Sie betrachtete das Panoramafenster, das den Raum umlief und einen grandiosen Ausblick auf die weiten Ebenen von Scutra gewährte. Beherrscht wurde der Raum von zwei großen Schreibtischen nahe der imposanten Frontscheibe, die in einen dicken Goldrahmen eingefasst war und einem leuchtenden Hologlobus, der Asgaroon darstellte. Er schimmerte in allen Farben und mochte einen Durchmesser von drei Metern haben.

Irgendwo spielte leise klassische Musik.

»Kommen Sie näher«, forderte eine freundliche Stimme Nea auf. »Nehmen Sie Platz.«

Nea setzte sich auf einen einfachen Stuhl vor den Schreibtischen. Ihr gegenüber saß ein älterer Mann, der in dem schweren rotbraunen Sessel mit der hohen Rückenlehne winzig wirkte.

Das Licht der tiefstehenden Sonne warf harte Schatten auf das Gesicht eines älteren Mannes, das eine eigentümliche Stärke und Kraft ausstrahlte. Seine Augen besaßen einen klaren, festen Blick. Nea hätte schwören können, dass der Mann erheblich jünger war, als es den Anschein hatte. Aus dem Sessel am anderen Schreibtisch erhob sich jemand. Ebenfalls ein älterer Mann–er humpelte und ihm fehlten sowohl ein Arm als auch ein Auge. Er kam näher und setzte sich auf die Tischkante.

»Sie sind also Nea Valeria Diehl«, sagte der Mann im Sessel.

Nea brachte ein dünnes »Ja« hervor.

»Mein Name ist Benjamin Altmann«, stellte sich der Mann vor. »Und der Herr, der sich so frech auf meinem Schreibtisch niedergelassen hat, heißt Jonathan Grey. Wir versuchen zwar uns aus den meisten Angelegenheiten herauszuhalten, aber möglicherweise haben Sie schon von uns gehört.«

Nea musste zugeben, dass sie noch nie etwas von den beiden gehört hatte. »Es tut mir leid, ich …«

»Sehr gut«, fuhr Benjamin Altmann fort. »Wäre es anders, hätten wir etwas falsch gemacht. Wir schieben gerne die Sektorenverwalter und die planetaren Administratoren ins Licht und begnügen uns mit dem Rang der grauen Eminenzen auf Scutra – Sie verstehen?«

Nea lächelte. »Ja, ich verstehe.«

Die beiden Männer tauschten Blicke aus.

»Nur um ihnen die Anspannung zu nehmen«, schaltete sich Jonathan Grey ein: »Sie sind nicht hier, weil Sie sich etwas haben zuschulden kommen lassen. Im Gegenteil. Wir wollen, dass Sie verhindern, dass größeres Unglück entsteht.«

»So verstehe ich meine Arbeit hier auf Sculpa Trax«, antwortete Nea.

»Gewiss doch«, meinte Benjamin Altmann. »Wir haben immer mal wieder von Ihnen gehört.«

In diesem Augenblick löste sich Jonathan Grey vom Schreibtisch und kam auf Nea zu. Er umrundete den Stuhl, auf dem sie saß, und betrachtet sie eingehend.

Wieder warfen sich die beiden Herren Blicke zu.

»Sie kennen Zebulon Greenwood?«, wollte Benjamin Altmann wissen.

»Ich denke, Sie sind informiert.«

»Wir möchten, dass Sie ihn begleiten.«

»Was hat er angestellt?«

»Nichts. Jedenfalls nichts, das unserer Meinung nach ein Problem darstellt. Nun gut«, er lachte und vollführte eine übertrieben beschwichtigende Handbewegung. »Die Bürokraten in Asgaroon würden das bestimmt anders sehen, aber John und ich erlauben uns eine gewisse Großzügigkeit in diesen Angelegenheiten.«

»Es geht um wichtigere Sachen«, brachte sich der Andere ein. »Wir halten unser Augenmerk auf Dinge gerichtet, die besser verborgen bleiben sollen, und sorgen dafür, dass niemand schlaflose Nächte hat.«

»Oh, das hätte ich wissen müssen«, grinste Nea. »Wenn Sie wüssten, wie schlecht ich in letzter Zeit geschlafen habe.«

Benjamin Altmann erwiderte ein Lachen. »Sie haben Bemerkenswertes geleistet. Nach allem, was man hört, soll es Ihnen sogar vor ein paar Tagen gelungen sein, einen mythischen Drachen zu erledigen.«

Nea war es leid, sich mit dieser Episode beschäftigen zu müssen. »Ich weiß nicht, wovon Sie sprechen.«

»Wir umso besser«, sagte der Einarmige. »Das war die Krönung Ihrer bisherigen Laufbahn. Und wir sind uns sicher, dass Sie weitere Heldentaten vollbringen werden.«

Nea hätte zu gerne gewusst, was die Zwei im Schilde führten. Je mehr sie redeten, umso mehr Fragen wurden aufgeworfen.

Der Einarmige setzte sich wieder auf die Tischkante. »Ihr Freund hat sich etwas andrehen lassen, das man nicht so behandeln kann wie eines dieser Raumschiffwracks, die er sonst so verhökert.«

»Hat er sich in Schwierigkeiten gebracht?«, fragte sie.

»Noch nicht. Wir wollen das lediglich verhindern. Und wir haben kein Interesse daran, dass er seinen Fund der Öffentlichkeit präsentiert.«

»Also geht es primär nicht um sein Wohl?«

»Natürlich nicht!«, schaltete sich Benjamin Altmann wieder ein. »Es gibt viele Parteien, die an diesem Fund ein geradezu religiöses Interesse haben. Und religiöse Fanatiker sind zu allem bereit, um ihre abstrusen Ziele zu verwirklichen. Wir wollen nicht, dass der Fund instrumentalisiert wird. Immerhin haben wir einen Vorteil, der es uns ermöglicht, ihn an uns zu bringen, bevor weitere Interessenten auftauchen. Außer unserer kleinen Runde – die Personen um Kapitän Greenwood mit eingeschlossen – weiß niemand den genauen Standort des Fundes.«

»Es geht um ein antikes Artefakt?«

»Mehr als das«, Jonathan Greys Stimme wurde zu einem Flüstern. »Es stellt ein Bindeglied dar …«

»Jonathan, ich bitte dich«, ging Altmann dazwischen. In Altmanns Tonfall schwang leichter Tadel mit. Er rollte die Augen und wandte sich wieder Nea zu. »Oder wollen Sie sich wirklich damit belasten? Sie müssen nur wissen, dass …«

»Ja, ich würde mich gerne damit belasten«, unterbrach Nea. »Ich möchte alles darüber wissen«,

Die Männer sahen einander an.

»Verstehen Sie uns bitte nicht falsch. Eigentlich wissen wir nicht, ob es überhaupt um etwas Wichtiges geht«, erklärte Benjamin Altmann. »Die Frage ist immer, was in eine Sache hineininterpretiert wird. Und was dieses Artefakt angeht, gibt es in gewissen Kreisen eine Art von Erwartungshaltung, die uns Angst macht. Ob es echt ist oder nicht, so kann es dennoch die Massen motivieren. Reliquien sind eine gefährliche Sache.«

An Greys Gesichtsausdruck konnte Nea ablesen, dass er in diesem Punkt mit Altmann nicht einer Meinung war.

»Ich soll also aufpassen, dass das Relikt nicht in die falschen Hände gerät?«, folgerte Nea.

»Ja. Aber es geht um weitaus mehr.«

Nea war ganz Ohr.

»Wir sind uns sicher, dass es einen Grund dafür gibt, warum Sie mit dem›Drachen‹fertig geworden sind.«

»Und Sie beide sind der Ansicht, ich hätte die Fähigkeit mit allem fertig zu werden, was noch kommen mag?«

Es entstand eine lange Pause.

»Ja«, sagte der Einarmige. »Das trifft es voll auf den Punkt.«

Nea seufzte. »Was soll ich machen?«

»Begleiten Sie Ihren Freund als offizielle Beobachterin«, erklärte Benjamin Altmann. »Passen Sie auf ihn auf, dokumentieren Sie den Fund. Tun Sie einfach, was nötig sein mag, und kommen Sie wieder hierher zurück. Mit oder ohne Relikt.«

»Klingt einfach.«

»Das hoffen wir für Sie. Und für uns alle.«

»Und Sie sind sicher, dass niemand sonst davon Wind bekommen hat?«, wollte Nea wissen.

»Wie ich schon sagte: niemand außer uns und ihrem Freund. Alle Daten sind im Besitz von Zeb Greenwood.«

Benjamin Altmann rieb sich das Kinn. »Die Daten wurden von Zeb Greenwood in einer Rettungsboje gefunden. Nach unserer Kenntnis ist das ursprüngliche Bergungsteam verschollen«, sagte er. »Ebenfalls ein Indiz dafür, die Sache ernst zu nehmen. Aber Sie sind vorbereitet und haben Ihr Können und Ihren Mut bereits bewiesen.«

Nea fragte sich, wie viel die beiden wirklich wussten oder ob sie ihr verheimlichten, dass Pierre Lavalle einer der letzten Besitzer der Daten war. Und nach Slynns Worten waren die Daten durch viele Hände gegangen.

Jonathan Grey sah Nea erwartungsvoll an. »Nea Valeria Diehl«, sagte er mit fester Stimme. »Drachentöterin!«

Nachdem Nea gegangen war, wandte sich Altmann mit einem vielsagenden Grinsen an Grey. »Was meinst du zu Punkt eins?«

Grey schüttelte den Kopf. »Ich denke, sie weiß nicht, was dieser Planet für Geheimnisse hat«, antwortete Jonathan Grey. »Samuel Blumfeld hat ihr nichts gesagt.«

»Du siehst, er ist ein zuverlässiger Mann.« Altmann erhob sich aus seinem Sessel und stellte sich ans Fenster. »Wir hätten einen fähigen Mitarbeiter verloren, wenn ich auf dich gehört hätte.« Er runzelte die Stirn. »Warum du aber ein gutes Wort für van Veyden eingelegt hast, ist mir immer noch nicht ganz klar. Immerhin hat er Sam Blumfeld all die Flausen in den Kopf gesetzt.«

»Ich verdanke van Veyden mein Leben«, antwortete Grey mit scharfem Unterton. »Er ist auf den leeren Rollfeldern im Süden ganz gut aufgehoben.«

»Und was sagst du zu Punkt zwei?« Jetzt lächelte Altmann über das ganze Gesicht.

»Erstaunlich. In der Tat.« Grey nickte nachdenklich. »Diese Ähnlichkeit ist verblüffend.«

»Ähnlichkeit?« Benjamin Altmann sah sein Gegenüber mitleidig an. »Sie ist …«

»Sprich‘s nicht aus«, unterbrach Grey.

Es entstand eine unangenehme Pause.

Altmann wandte sich der atemberaubenden Aussicht zu, die sie von oben auf Sculpa Trax hatten. »Ich bin gespannt, was Big Z dazu sagen wird.« Er rieb sich das Kinn. »Ich denke, es wird ihn glatt umhauen.«

»Mal sehen, wie Nea Diehl reagiert, wenn sie Konos erreicht«, wendete Grey ein. »Ähnlichkeit ist nicht alles. Ich bin gespannt, was ihr dort widerfahren wird.«

Kapitel 3

Nea schaltete die Systeme ihres Schiffes ab, nachdem sie sie einer intensiven Inspektion unterzogen hatte, schlüpfte in legere Kleidung und machte es sich im Cockpit bequem. Ogo sorgte für ein kleines Abendessen, und während sie aß, stellte sie eine Verbindung zurRimonher. Es dauerte nicht lange, da kam eine Antwort und Zeb Greenwoods müdes Gesicht erschien auf dem Bildschirm der Kommunikationskonsole. Seine Haut wirkte bleich, die Augen lagen tief in den Höhlen und wirkten verschlafen. Er blinzelte müde und Nea war klar, dass er gerade geschlafen hatte.

»Ich platze immer ungelegen herein«, eröffnete sie das Gespräch.

Zeb bemühte sich leidlich, etwas munterer zu wirken. »Hallo Nea.«

»Man hat mir mitgeteilt, dass du mich treffen wolltest?«

»Richtig«, er wischte sich geflissentlich über die Augen.

»Worum geht es denn?«, bohrte Nea nach.

Er hielt inne und versuchte ihrem Blick auszuweichen. Nach einigen Sekunden hatte er sich wieder gefangen. »Das ist nicht so einfach zu erklären. Möglicherweise betrifft es dich auch.«

»Was betrifft mich möglicherweise auch?«, wollte sie wissen.

Wieder schweifte Zebs Blick ab. »Ich will nicht, dass du glauben musst, wir wären irgendwie …«, er wirkte hilflos und unsicher, »… irgendwie …« Dann sah er Nea an und begann von vorne. »Es ist besser, wir sehen uns persönlich. Deswegen wollten wir dich auf Haloth treffen, die anderen und ich.«

»Ist wirklich alles in Ordnung?«, fragte sie weiter nach. Die Antwort ließ auf sich warten.

»Wir sind wohl alle ein bisschen mit den Nerven runter«, stöhnte Zeb.

»Albträume?«

»Zumindest äußert sich das so bei mir und Zuyreek. Die anderen haben Beklemmungen oder fühlen sich ohne ersichtlichen Grund einfach nur erschlagen und schlecht. Der Einzige, der noch einigermaßen normal ist, ist Jakodoo. Der hat zwar hin und wieder Halluzinationen, lacht aber nur darüber und macht sich einen Spaß daraus.«

»Ich wünschte, ich könnte mit meinen Albträumen ebenso umgehen.« Nea seufzte tief.

»Warum denkst du, ist das so? Was ist die Ursache?«

»Kommt drauf an, welche Traumgesichter du hast«, entgegnete Nea.

»Du meinst also auch, dass all das etwas mit unseren Erlebnissen auf Kiboga zu tun hat?«, fragte Zeb nach, der diesen Verdacht schon lange zu hegen schien.

»Ich weiß nicht, was sonst der Grund sein könnte«, sagte Nea. »Spielt Kiboga eine Rolle in deinen Träumen?«

»Ja und nein«, gab Zeb zu. »Es sind seltsame Bilder. Es sind Bilder aus alter Zeit. Als ob ein defekter Projektor immer wieder dieselben Daten abspielen würde. Eine Endlosschleife, die seit Jahrtausenden abläuft. Fehlerhaft und verstörend. Zuyreek dagegen träumt immer von fremdartigen Völkern und Kriegen.« Zeb wartete einen Moment, bevor er weitersprach. »Vor gut fünf Wochen landeten wir auf einer rückständigen Welt, um dort einige Schiffe auszuschlachten. Zuyreek war gerade mit der Raupenzange draußen, als ich ihn schreien hörte. Ich lief aus dem Hangar und fand ihn, wie er unter einem Fahrzeug lag. Er hat sich gar nicht mehr beruhigen können und sagte immer wieder, dass er schon einmal dort gewesen wäre. Hätte schreckliche Dinge erlebt.« Zeb machte eine lange Pause. Gerade als Nea das unangenehme Schweigen brechen wollte, fing Zeb an ihr ein weiteres Erlebnis zu schildern. Er sprach, als rede er zu sich selbst. »Ich war immer der Meinung«, sagte er monoton, »dass dieser Zustand allgemeiner Ermattung auf eine Art Seuche zurückzuführen sei. Oder auf eine natürliche Veränderung im natürlichen Gefüge Asgaroons. Ich glaubte an eine Art Energieexplosion, die Schockwellen durch unsere Galaxis schickt. Niemals hätte ich dahinter einen Willen vermutet. Aber was dann geschah, hat mir die Augen geöffnet.«

Nea hörte genau zu.

»Wir landeten im Reega-System«, erklärte Zeb. »Eine Welt in der Nähe des Kolius-Sektors, auf dem Sargon lange Zeit gewirkt haben soll. Mittlerweile bin ich sogar geneigt, gläubiger zu werden.« Er lachte bitter, wurde aber gleich wieder ernst. »Wie ich schon sagte, erwischte es Zuyreek am härtesten. Er erzählte uns eine Menge Geschichten, die sich hier abgespielt haben sollen. Wir glaubten ihm natürlich nicht und machten Scherze über seine Erzählungen, bis er sich eines Nachts unserenGoliathschnappte, du kennst ja unseren Monsterbagger. Zuyreek hat dann unweit derRimonangefangen zu graben und bis zum nächsten Tag hatte er die Spitze eines Turms freigelegt. Er schien zunächst überglücklich, da er selbst darin den Beweis sah, nicht verrückt geworden zu sein und dass sein vermeintlicher Wahnsinn eine reale Basis besaß. Aber schon sehr bald bekam er Angst und wollte, dass wir so schnell wie möglich wieder abreisen. Natürlich stieß er dabei auf taube Ohren, denn der Turm, den er frei gelegt hatte, bestand aus einem ziemlich eigenartigen Metall. Das war abgefahren, sag ich dir, voll abgefahren!« Zeb blickte einige Momente ins Leere, als sähe er das mysteriöse Objekt ganz deutlich vor seinen Augen. »Wir waren von seinem hohen Wert überzeugt. Zudem schien sich das Gebäude unter der Erde fortzusetzen, so dass wir beschlossen, es komplett auszugraben. Aber zuerst wollten wir eine Probe des Metalls abtrennen und es untersuchen. Jakodoo hat ein Stück mit dem Plasmabrenner abgeschnitten. Kaum war ihm das gelungen, zerfiel das Stück Metall zu weißem Sand. Bizarr, nicht wahr? Zuyreek schloss sich in seinem Quartier ein und forderte unseren sofortigen Abflug. Immer wieder behauptete er, Sargon würde kommen und sein Eigentum fordern. Wir gruben unterdessen weiter. Wir waren überzeugt, dass ein Museum für ein solch ungewöhnliches Azzamaro bestimmt eine immense Summe zahlen würde. Jakodoo war unermüdlich und hat Tag und Nacht gearbeitet, selbst als uns klar wurde, dass wir das gesamte Gebilde ohne fremde Hilfe nicht würden ausgraben können. Er beendete seine Arbeit erst, als die Erde bebte und sich das Objekt aus dem Boden zu schieben begann. Der Bagger ging verloren. Versank einfach im zerfließenden Erdreich. Jakodoo kam nur knapp mit dem Leben davon. Auch dieRimonwurde von dem fremden Schiff hochgehoben und begann dann zu schwanken und einzusinken. In letzter Sekunde konnte Yanomee das Schiff starten und uns in Sicherheit bringen. Zuyreek war daraufhin wieder aufgetaucht, stand am Brückenfenster und betonte immer wieder, uns gewarnt zu haben. Du kennst ihn ja.« Zeb unterbrach sich erneut. Die Erinnerungen schienen ihn zu überwältigen. »Das Objekt war riesig. Größer als jedes Schiff, das ich kenne. Größer als die Trägerschiffe des Kaisers. Das, was Zuyreek ausgegraben hatte, war nur ein Stück der Antenne oder des Sensorenturmes an der Brücke des Schiffs.«

Nea starrte stumm auf den Bildschirm. »Dein Fazit?«