Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

ASGAROON (4) - Im Labyrinth der Unterwelt E-Book

Allan J. Stark  

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E-Book-Beschreibung ASGAROON (4) - Im Labyrinth der Unterwelt - Allan J. Stark

Die Piraten und das GHOST-Konglomerat haben große Teile der Raumhafenwelt Sculpa Trax unter Kontrolle gebracht - einer Welt voll von bislang unentdeckten Geheimnissen und Gefahren. Inmitten der Spannungen, die sich allmählich zwischen den einstigen Kampfgefährten entwickeln, versucht Zeelona Bonathoo einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden. Doch sie ahnt noch nicht, dass der entstandene Konflikt für Asgaroon eine Zeitenwende bedeuten könnte.

Meinungen über das E-Book ASGAROON (4) - Im Labyrinth der Unterwelt - Allan J. Stark

E-Book-Leseprobe ASGAROON (4) - Im Labyrinth der Unterwelt - Allan J. Stark

Allan J. Stark

ASGAROON

Im Labyrinth der Unterwelt

www.papierverzierer.de

Vollständige E-Book-Ausgabe des mehrteiligen ASGAROON-Zyklus‘

Im Labyrinth der Unterwelt

Copyright©2015 Allan J. Stark

Deutsche Erstausgabe 2015 by Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung:©Allan J. Stark

Lektorat: Michaela Harich

Herstellung: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-78-6

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis

Im Labyrinth der Unterwelt

Titelseite
Informationen
Zitat
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
ASGAROON
Allan J. Stark
Weitere Titel

Die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!

(Dante Alighieri)

Kapitel 1

»Dieses Monument jagt mir Angst ein«, sagte Yadina und wandte den Blick ab. Mit schnellen Schritten ging sie davon und stellte sich zu den Offizieren derTamar, die einen Steinwurf weit von der metallenen Säule entfernt standen.

Zeelona, der es ebenfalls unangenehm war, den schillernden Pfeiler mit der furchtbaren Fratze anzusehen, tat so, als hätte sie ihre Schwester nicht gehört. Voller Trotz trat sie näher an das Bauwerk heran, das einer mächtigen, glänzenden Nadel gleich aus dem braunen Boden ragte und in den blauen Himmel stach. Das ganze Ding war mit Hieroglyphen und kleinen, einfachen Piktogrammen übersät, die auf Zeelona wie Zauberformeln wirken. Sie waren in das Metall eingraviert worden, offenbar um dem ganzen Gebilde magische Kräfte zu verleihen. Unnötig, wie sie fand. Die weit aufgerissenen Augen des seltsamen Gesichtes starrten auf Zeelona herab und sie begann zu frösteln. Auch die Umgebung löste nicht gerade ein Wohlbefinden aus. Die Oberfläche des trostlosen Planeten schien völlig flach zu sein. Kein Gebirge erhob sich am Horizont, kein Tal durchzog das Land, kein Hügel wölbte sich in der Ebene. Der Wind strich klagend über die schier endlose Ödnis und trieb Staubwolken vor sich her. Ein Staubwirbel tanzte in einiger Entfernung vorüber und löste sich so schnell wieder auf, wie er entstanden war.

Nachdem sie sich das hässliche Monument mit der Fratze und die Wildnis lange genug angesehen hatte, ging Zeelona auf ihre Schwester zu, die bei einer Gruppe von Männern und Frauen stand.

Für jemanden, der Yadina und Zeelona nicht kannte, mochten die beiden wie Zwillinge wirken. Obwohl Zeelona einige Jahre älter war als Yadina, glichen sie einander bis aufs Haar. Die zwei Schwestern besaßen die gleichen, dunklen Locken, die üppig über ihre Schultern fielen. Und beide hatten sie dieselben braunen Augen sowie volle, sinnliche Lippen. Allerdings konnte man bei Zeelona, im Gegensatz zu ihrer Schwester, eine gewisse charakterliche Härte bemerken, die sich auch in ihren Gesichtszügen abzeichnete.

Einer der Männer, die die zwei Schwestern bei ihrem Ausflug in die Wüste begleiteten, war Red Rob. Ein Großkapitän in der Bruderschaft der Freibeuter und Piraten. Ein Hüne, der die Männer in seinem Gefolge um einen Kopf überragte. Er war in einen langen, dunkelroten Mantel mit goldenen Knöpfen gehüllt, dem er seinen Spitznamen verdankte. Vor seiner Brust hingen zwei Holster, die ein umgedrehtes V bildeten. Die schweren Pistolen, die darin steckten, waren verchromt und glitzerten an den mit Perlen und Edelsteinen besetzten Stellen. Red Robes kahler Schädel glänzte schweißnass in der Sonne. Er strich sich nachdenklich über seinen schwarzen Gabelbart, in dem goldene Bänder und Ringe eingeflochten waren.

»Würde ich mir jetzt nicht ins Zimmer stellen«, scherzte er über das Standbild, dessen Fratze er betrachtete. »Aber meinem Feind würde ich es schenken.« Daraufhin wandte er sich ab, spuckte auf den Boden und sah auf die zwei Schiffe, die hinter ihnen auf der Ebene standen. Es handelte sich um dieSacuraund dieGoliath. DieSacurawar um einiges größer und besaß eine elegantere Form als die martialischeGoliathin ihrer rot-gelben Bemalung. Zeelona entging der kritisch, spöttische Blick nicht, den Red Robe auf dieSacurawarf. Für den alten Piratenkapitän war das Schiff ein ständiges Ärgernis, wie Zeelona wusste. Es verging kein Treffen zwischen den beiden, bei dem er das nicht zum Thema machte und irgendeinen dämlichen Spruch darüber riss. Er hatte ihr abgeraten, sich ein derart gewaltiges Schiff anzuschaffen. Es war eine fliegende Stadt, schwerfällig und ein gutes Ziel, behauptete er unbeirrbar. Und niemand zöge mit Türmen, Palästen und Häusern in den Krieg. Aber Zeelona hatte darauf bestanden, das Monstrum aus den Werften des Hauses Bandor zu behalten, nachdem sie es geentert und den Staatsschatz des Fürsten an sich gebracht hatte. DieSacuradiente ihr als Stützpunkt und war bisher kaum in Auseinandersetzungen verwickelt gewesen. Das Kämpfen und Entern übernahmen die vier kleinen Angriffsboote in ihrem Inneren. Zeelona verfügte über fähige Kapitäne, die ihr Handwerk bestens verstanden und den Reichtum der Piratenkönigin in den letzten Jahren stark vermehrt hatten.

»Du bist doch nur neidisch«, sagte Zeelona, ohne den alten Haudegen in seinem protzigen Mantel anzusehen. »Du hast in letzter Zeit ziemlich Prügel bezogen, wie ich gehört habe. An ein Schiff wie dieSacurawagt sich niemand ran. Ich bin mir sicher, du hast oft daran gedacht, als man derGoliathin die Flanken geballert hat. Und dir gewünscht …«

»Ich hab mir gar nichts gewünscht«, knurrte der große Mann und wirbelte zu ihr herum. »Außer dass du etwas vorsichtiger wärst.« Er sah sich besorgt um, blinzelte kurz in die Sonne, als könnte von dort ein feindliches Kriegsschiff auf sie herabstürzen. »Meine Captains waren alle gegen mich, als ich darauf bestanden habe, dich zu begleiten. Hat mir ‚ne Menge Ärger eingebracht.«

»Aber sie sind dennoch hier«, gab Zeelona zurück und sah ebenfalls zum Himmel hinauf, wo sich die Silhouetten von drei Kampfschiffen wie kleine Monde abzeichneten. »Letztlich sind sie dir gefolgt, egal für wie dumm sie diesen Ausflug halten.«

»Ich fordere nur ungern Gehorsam ein. Ich war gezwungen dazu, aber das schwächt die eigene Position.«

Zeelona wollte etwas erwidern, überlegte es sich jedoch anders. Trotz allem musste sie sich eingestehen, dass auch sie die Vorbehalte der Captains nachvollziehen konnte. Auch ihre Offiziere hatten Bedenken geäußert. Kaum jemand wagte es, die rauen Welten im Koliussektor zu besuchen. Erst recht keine, die derart tief in dieser verfluchten Region lag. Aber die Vereinbarungen, die sie mit der imperialen Delegation getroffen hatte, sahen ein Treffen mit jenen Menschen vor, die in den Sargonkult verwickelt waren. Der Kaiser schien in diesem Kult eine tatsächliche Bedrohung zu sehen und hatte darauf bestanden, ihn ins Fadenkreuz zu nehmen. Für Zeelona hingegen waren all diese Menschen nur Spinner, die man auch getrost ignorieren konnte. Anhänger des alten Reiches, abergläubische Fanatiker, die bedauerlicherweise über Waffen und mächtige Freunde verfügten, die bis in die kaiserlichen Kreise hinaufreichten. Dieser Umstand war es, warum Fedor der Zweite aus dem Hause Bolando einen Handel mit Zeelona ausgemacht hatte. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie er sich ein Lachen hatte verkneifen müssen, als man sie ihm als Piratenkönigin vorgestellt hatte.

»Wird Zeit, dass wir wieder von hier wegkommen«, fuhr Red Robe fort, ohne Zeelonas Worten Beachtung zu schenken. »Sollte der Bote nicht auftauchen«, er kratzte sich nervös den Schädel und blinzelte abermals die Sonne, »ich habe noch andere Geschäfte zu tätigen.«

»Wir warten«, gab Zeelona zurück, und kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, begann der Boden zu zittern. Ein dumpfes Grollen erfüllte die Luft, als wäre gerade ein Gewitter aufgezogen.

Red Robe kämpfte für einen Augenblick mit dem Gleichgewicht und Jul stieß einen leisen Fluch aus, während sich hinter der Säule, in gut drei Kilometer Entfernung, der Boden aufzublähen schien. Innerhalb von Sekunden wuchs dort ein mächtiger Hügel heran. Sand und Staub fielen an den Seiten herab. Felsen kamen zum Vorschein, die an ihm herabglitten und polternd in die Ebene rollten. Ein goldglänzender Buckel wurde sichtbar, der sich mit unbändiger Macht aus dem Boden stemmte. Es war, als würde ein Wal wie aus einem Ozean aus dem Sand hervorbrechen. Das riesige Ding schob sich weiter und weiter aus dem Wüstenboden, bis es schließlich in all seiner wuchtigen Fremdartigkeit vor Zeelona und ihren Getreuen stand. Einem gewaltigen, schimmernden Insekt gleich, wurde es von groben, schillernden Hornplatten bedeckt.

Es dauerte eine Weile, bis sich die Staubwolke verzogen hatte, die das fremde Objekt zuerst verdeckte, und bis das Donnern verebbte, nachdem die letzten rollenden Felsen liegengeblieben waren. Stille senkte sich über die Ebene. Das trostlose Klagen des Windes wurde erneut zum einzigen Geräusch, das man hören konnte.

»Ist das ein Schiff?«, fragte Jul Ashrey, ein breitschultriger Mann, der neben Yadina stand und ihr noch vor ein paar Augenblicken die Hand gehalten hatte.

»Was immer es ist«, sagte Red Robe, »es lag wohl eine Ewigkeit hier unter der Erde verborgen.«

»Da geht eine Luke auf«, bemerkte Yadina, die durch ein kleines Fernglas spähte. An der Frontseite des Schiffes öffneten sich ein paar Paneele und gaben den Blick auf eine breite Treppe frei, die ins Innere des Schiffes führte. Sie sah Kreaturen, die auf allen Vieren davonhuschten und in dunklen Öffnungen in den Wänden neben der Treppe verschwanden. Zeelona konnte einen Schatten erkennen, der die Stufen hinunter glitt. »Da kommt jemand raus.«

Die Gestalt, die ins Tageslicht trat und sich den Piraten näherte, war hager und hochgewachsen; das war alles, was man auf die Entfernung feststellen konnte. In der Hitze, die über dem Sand flimmerte, wirkte das Wesen wie eine dunkle Flamme. Immer wieder wurde sie von Staubwolken verdeckt, die über das karge Land fegten. Aber schließlich kam die Person so nahe, dass man sie als Menschen erkennen konnte. Als einen Mann, der in eine weite, dunkle Kutte gehüllt war, die sich im Wind bauschte. Er hielt die Hände in den Ärmeln verborgen. Das Gesicht war schmal, knochig blass und auf dem Kopf saß ein hoher, schwarzer Hut mit flacher Spitze, der seiner Erscheinung eine groteske Wirkung verlieh. Er betrachtete die Gruppe von Piraten, aber zuletzt ruhte der Blick seiner wasserblauen Augen auf Zeelona. Die Pupillen waren so hell, dass sie beinahe weiß wirkten–klein und stechend. Der Mann breitete die Arme aus, vollzog eine knappe Verneigung.

»Baron Gunur bal Collu.« Seine Stimme klang hell, fast kindlich.

Red Robe verzog irritiert das Gesicht und Zeelona, die sich nicht verneigte, stellte ihre Begleiter vor.

»Ich bin der Admiral der Streitkräfte Sargons des Großen«, fuhr der Baron fort. »Dem Herrscher des Großen Reiches und dem Gebieter der Völker. Ich leite sämtliche Operationen in der bevorstehenden Kampagne.«

»Sie haben das Ghost-Konglomerat bereits in die Planungen eingebunden, wie ich weiß.« Zeelona hatte diese Information erst vor einigen Tagen erhalten und war darüber nicht sehr glücklich. »Wir wollten doch zuerst darüber beratschlagen.«

»Das ist richtig.« Baron Gunur cam Callu schob seine Hände in die Ärmel seiner Kutte. »Wir haben Zig Maldoon eingeladen, uns auf Baskar zu besuchen, um ihn kennenzulernen und um einige Unklarheiten zu beseitigen. Aber ich denke, Ghost wird sich problemlos in die Planungen einfügen.«

Zeelona gefiel diese Neuigkeit nicht. »Daraus werden sich Probleme ergeben.«

»Ich wüsste nicht, wodurch.«

Red Robe trat vor. »Wir haben Gesetze«, sagte er. »Wir sind an das Wort unserer Königin gebunden. Wer eigene Wege geht, verliert seinen Rang als Kapitän, sein Schiff und alle Unterstützung.«

»Ich bin mir sicher, dass Ghost ähnlichen Regeln wie Ihre Bruderschaft folgt«, konterte der Baron ruhig.

»Die Schirku sind Freischärler«, setzte Zeelona hinzu. »Sie sind in viele kleine, selbstständige Unternehmen zersplittert. Mit unterschiedlichen Regeln. Die zahlreichen Clans sind untereinander verfeindet. Selbst Zig Maldoon hat seine Schwierigkeiten damit.«

»Wäre das nicht ein Vorteil für Sie?«, wunderte sich der Baron.

Zeelona musste zugeben, dass dieser Umstand ihre Position stärkte. Die vermeintliche Uneinigkeit des Konglomerats war ein Vorteil, den man nutzen konnte, sofern es Probleme geben sollte.

Red Robe allerdings schien Zweifel zu hegen. Doch bevor er etwas erwidern konnte, hob Zeelona abwehrend die Hand. »Wir sind gewohnt zu behalten, was wir in die Hände bekommen«, sagte sie. »Ich werde nicht mit den Ghost-Leuten teilen. Niemals.«

»Der Plan ist verhandelbar und sichert Ihnen dieses Recht natürlich zu«, erklärte der Baron. »Was in Euren Besitz gelangt, soll Euer bleiben.«

»Sehen das die anderen ebenso?«, wollte Zeelona wissen.

»Es steht Ihnen zu, dies klar zu machen. Mit den Mitteln Ihrer Wahl, gegebenenfalls.« Der Baron lächelte kalt und zeigte dabei weiße, spitze Eckzähne. »Wir werden uns nicht darum kümmern. Der Herr wird sich nicht mit diesen Details befassen.«

Zumindest dieser Punkt schien Red Robe zu gefallen, und er lachte.

»Wichtig ist nur, dass Sie schnell und überraschend handeln«, fuhr der Baron fort. »Darauf ist doch der ganze Plan aufgebaut, den Sie meinem Herrn durch Graf Ganima vorgelegt haben, wenn ich recht verstanden habe.«

»Genau das ist unsere Stärke.«

»Sie sollen durch die Truppen meines Herrn weitere Unterstützung erhalten. Sie werden sich nicht in Ihre Angelegenheiten einmischen, solange die Interessen meines Herrn nicht berührt werden.«

»Bisher haben wir noch keinen seiner Soldaten zu Gesicht bekommen«, wandte Zeelona ein. »Wir würden gerne wissen, mit wem wir kämpfen werden.«

»Das werden Sie noch.« Wieder grinste der Baron breit. Dabei wirkte er wie ein zähnefletschender Wolf. »Wir werden sofort in den Kampf eingreifen, sobald der Angriff läuft. Bis dahin ziehen wir es vor, nicht viel mehr in Erscheinung zu treten, als es unbedingt nötig ist.«

»Welche Stützpunkte nutzen Sie?«, bohrte Zeelona weiter nach. »Von wo aus greifen Sie an?«

»Warum ist das für Euch wichtig, Königin Zeelona? Ihr habt doch sicher eigene …«

»Wir verlassen unsere Heimathäfen«, unterbrach ihn Zeelona unwirsch. »Wir müssen Stützpunkte in den eroberten Gebieten etablieren. Die Ghost-Stützpunkte wollen wir nicht nutzen. Wir werden auch keine gemeinsamen Kampfverbände mit den Ghost-Leuten bilden. Aber es ist nur recht und billig, dass wir die Basen Ihrer Kämpfer anfliegen könne, sollte das notwendig werden.«

Der Baron stimmte zu. »Das ist jedoch eine recht delikate Angelegenheit«, sagte er. »Denn die Kiray können launisch sein und haben eine Schwäche für schlechte Scherze. Besonders wenn jemand jenen Sektor passieren möchte, die Ihr Kolius nennt. Die Stützpunkte, die ihr ohne weiteres nutzen könntet, befinden sich allesamt dort. Aber die ansässigen Kiray haben wache Augen und sind angewiesen, Neuankömmlinge zu beobachten. Was mitunter zu seltsamen Situationen führt. Wir mussten etliche Lenker zur Ordnung rufen, wenn ich das so salopp ausdrücken darf. Sie wurden durch die Ereignisse etwas unsanft aus dem Schlaf gerissen.«

Zeelona runzelte die Stirn. »Was sind das für Rätsel?«, fragte sie barsch. »Reden Sie Klartext!«

Der Baron ließ sich mit der Antwort Zeit. »Die Fays sind unsere Stützpunkte«, sagte er. »Die Krieger meines Herrn ruhten darin. Gothreks. Die Vielwesen. Seit Jahrtausenden warten sie, um nun endlich den langersehnten Krieg zu führen. Die Kiray sind die Lenker der Tore. Sie haben ihren eigenen Willen und seltsame Gewohnheiten. Das war schon immer so, hat sich in den letzten Jahrtausenden noch verstärkt. Ich an Eurer Stelle würde um meine persönliche Sicherheit fürchten, Königin Zeelona.«

Yadina schaltete sich nun in das Gespräch ein. Ihr schien diese Antwort nicht zu genügen. »Sie verlangen von uns, dass wir Märchen glauben?«, sagte sie. »Was soll dieses Geschwätz von Torlenkern und Gothreks?«

»Ich sehe, Sie sind mit den Mythen vertraut«, bemerkte der Baron.

Zeelona stimmte ihrer Schwester insgeheim zu, deutete die Worte des Barons allerdings anders. »Ich denke, er will die Positionen der Basen noch geheim halten«, sagte sie. »Sie sollen im Verborgenen bleiben, so wie unser geheimnisvoller Auftraggeber.«

Der Baron grinste abermals. »Sie erinnern sich an die viertausend Schiffe im Paturinsystem? Das war nur ein kleiner Teil der Streitmacht, über die ich gebiete. Sie waren kein Traum und kein Märchen. Sie haben vieles gesehen, nicht wahr? Im Gedanken wandelten Sie durch die Korridore und Räume der Schiffe. Und Sie sind ihnen begegnet. Den Kriegern Sargons.«

Zeelona erinnerte sich. Aber sie hatte diesen unangenehmen Vorfall verdrängt, als sie durch die Augen eines der Vielwesen geblickt und durch die dunklen Schiffe geschlichen war. Das Gefühl in diesem massigen, schnaubenden Körper gefangen zu sein, der sich durch die engen Gänge zwängte, vorbei an unzähligen Geschöpfen, die einem Albtraum entsprungen schienen, war beängstigend gewesen. Es hatte eine gefühlte Ewigkeit gedauert, bis der fremde Wille sie wieder freigelassen hatte und sie in ihren eigenen Körper zurückgekehrt war.

»Dann seid Ihr Sargon?«, wollte Yadina wissen.

Der Baron wurde ernst. »Ich sagte schon. Ich bin der Admiral seiner Majestät. Mein Herr wird sich zeigen, wenn er das für richtig hält.« Er musterte die kleine Schar der Piraten. »Bis dahin werde ich alle Befehle geben. Ihnen wird genügend Ermessensspielraum bleiben, Ihre Truppen zu bewegen. Mein Herr hält nichts von starren Regeln. Das war mitunter ein Grund, warum er sich für Eure Bruderschaft entschieden hat, um Sie sich zu Kampfgenossen zu machen. Der Feldzug wird für alle Beteiligten zum Vorteil ausschlagen. Und eines steht fest: Durch diesen Krieg werden die Dinge in Asgaroon neu geordnet. Und jeder, der auf der Seite Sargons steht, wird einen ruhmreichen Platz in der Geschichte einnehmen.« Er sah Zeelona nochmals eindringlich an. »Wollen Sie ein Teil davon sein?«

Zeelona hielt diese Bemerkung für eine Anmaßung. Sein gönnerhaftes Getue missfiel ihr sehr. Aber sie beschloss, daraus in dieser Situation kein Problem zu machen. »Wir sind dabei«, sagte Zeelona mit fester Stimme.

»Mein Herr hat einen detaillierten Plan ausgearbeitet«, verkündete der Baron und reichte Zeelona ein Röhrchen aus einem polierten, rötlichen Holz. Es war mit einer Kappe aus Gold verschlossen, auf der ein knabenhaftes Gesicht mit einer hohen, stumpfzackigen Krone zu sehen war. »Darin finden Sie Angaben zu Ihren Zielen und Einzelheiten über den Zeitpunkt der Angriffe.«

Unmittelbar nach diesen Worten wurde die Gestalt des Boten transparent, durchscheinend wie trübes Glas. Dann war er verschwunden. Die Piraten begannen zu fluchen. Einige zogen Pistolen oder Dolche.

»Was ist das für ein fauler Trick?« Red Robe drängte sich an Zeelona vorbei und trat an die Stelle, an der zuvor noch der Bote gestanden hatte. »War das ein Hologramm?«, brüllte er. »Haben wir mit einem Hologramm verhandelt?«

»Das war weit mehr als ein Hologramm«, wisperte Yadina. »Er war zwar hier …«

»Und war doch nicht hier«, vollendete Zeelona und betrachtete das Holzröhrchen in ihrer Hand.

Red Robe blickte Zeelona an. Er machte ein zorniges Gesicht, aber seine Haut war so bleich, als sei ihm der Schreck tief in die Knochen gefahren. Zeelona trat an ihn heran, fasste ihn am Oberarm und zog ihn von der aufgebrachten Gruppe fort. »Es läuft alles besser, als ich dachte.« Sie war sehr zufrieden und weidete sich an der Ratlosigkeit auf dem Gesicht des alten Piraten.

»Die haben Ghost mit hineingezogen«, knirschte Red Robe.

Zeelona jedoch war weit weniger aufgeregt. »Ja, das hatte ich auch so vorgesehen. Es läuft sehr gut.«

Der Piratenkapitän schien verwirrt und entrüstet zugleich. Er starrte die junge Frau an und seine Mine zeigte deutlich, dass er eine Antwort verlangte. Aber Zeelona zog ihn noch ein Stück weiter von den anderen fort.

»Dem Kaiser kann nichts Besseres passieren«, sagte sie. »Früher oder später hätte ich diesen Aspekt auch auf den Tisch gelegt. Ich habe Maldoon gehörig angespitzt. Und ihm meine Ideen vorgelegt. Er ist sofort losgegangen und hat Kontakt zum Kult aufgenommen. Aber es besteht jetzt die Notwendigkeit, einen neuen Vertrag aufzusetzen. Wir müssen sicher sein, dass niemand ausschert, wenn ich die Katze aus dem Sack lasse.«

»Ich verstehe nicht?«

»Der Kaiser hat so oft versucht, Ghost zu zerschlagen«, erklärte Zeelona. »Aber das ging immer daneben. Mit meinem Plan können wir ein Szenario schaffen, auf dem er rücksichtslose Schläge führen kann. Verhaftungen vornehmen. Urteile vollstrecken, ohne den juristischen Weg zu gehen. Wenn der ganze Tumult erst einmal losgegangen ist, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Kampfschauplätze. Wen kümmert es dann schon, wenn hier und da ein Schirku über die Klinge springen muss.«

Red Robe schien zu verstehen. »Der Dolch im Getümmel. Klingt als hättest du schon Unterhändler zum Kaiser geschickt.«

Zeelona nickte. Genau genommen war es der Kaiser gewesen, der mit ihr Kontakt aufgenommen hatte. Aber er hatte noch keinen konkreten Plan gehabt. Jedenfalls keinen, den Zeelona nicht noch entscheidend verbessern konnte. »Wir werden aus alldem als Sieger hervorgehen. Mit großem Gewinn–du wirst sehen.« Sie sah zu Jul und ihrer Schwester hinüber. Sie wusste, wie riskant die ganze Angelegenheit werden würde. Seit ihrer Kindheit hatte Zeelona stets die Kastanien aus dem Feuer geholt und ihre kleine Schwester aus der Gefahrenzone gehalten. Das würde bei den kommenden Ereignissen nicht anders sein. Jul würde dabei eine gewisse Rolle spielen, aber in erster Linie ging es ihr um Yadina. Red Robe würde immer bei ihr, bei Zeelona sein, wohin immer sie auch gehen wollte. Er würde sie niemals im Stich lassen – selbst auf ihren Befehl hin nicht. Und die anderen Kapitäne brauchten lediglich ein gewinnbringendes Ziel, um ihr in die Hölle zu folgen. Dennoch konnte auch alles schiefgehen. Und für diesen Fall musste sie einen Ausweg für Jul schaffen und somit auch für Yadina.

»Woran denkst du?«, erkundigte sich Red Robe. »Du machst dir Sorgen, das kann ich sehen.«

»Nicht um mich«, antwortete sie. »Nicht um dich oder all die anderen. Es geht um meine Schwester. Ich will sie in Sicherheit wissen.«

Kapitel 2

Über dem heißen Asphalt tanzte der Horizont und flimmerte die Luft. DerLuisastellten sich kaum noch nennenswerte Hindernisse in den Weg und so kamen sie gut voran. Sie fuhren an seltsam geformten Gebäuden vorbei, an Türmen, an verlassenen Lagerhäusern und zahllosen, zerschmetterten Schiffen, die in dieser geteerten Einöde niedergegangen waren. Der riesige Bodenanker eines Skylifts hob sich wie ein Berg in die Höhe. Das Transportband, das normalerweise viele Kilometer in den Himmel reichte, war gekappt worden. Fetzen davon hingen über das Gebäude, aus dem dicker Rauch aufstieg. Es roch nach Treibstoff und den öligen Ausdünstungen, die aus dem Boden des bizarren Terrains emporstiegen. Dieser Planet schwitzt Öle und Schmierstoffe, dachte sich Yadina, rümpfte die Nase und wandte sich an Jul.

»Wann, glaubst du, werden wir wieder von hier verschwinden?«, wollte sie von ihm wissen und lehnte sich an den Rahmen des Fensters der Fahrerkabine.

Er wirkte müde, als er sich mit der Hand über seine Augen fuhr. »Ich hoffe, Zeelona wird bald spitzkriegen, dass sich das ganze Unternehmen nicht lohnen kann. So wie ich ihr das von Anfang an gesagt habe.« Er schüttelte den Kopf. »Wenn sie das begriffen hat, dann sind wir hier schneller wieder weg, als du es für möglich hältst. Ich jedenfalls bin sprungbereit.«

»Glaubst du, Zeelona ist vernünftig genug, das einzusehen?«, gab Yadina zu bedenken.

»Du solltest deine Schwester besser kennen«, entgegnete Jul. »Aber sie muss meinen, es selbst herausgefunden zu haben. Doch ich glaube, auch wenn sie sich ihren Irrtum eingesteht, wird es ihr nicht leicht fallen, Taten folgen zu lassen. Das käme einem öffentlichen Eingeständnis gleich. Ihr Stolz wird sie veranlassen, länger zu bleiben, als es nötig oder vernünftig wäre.«

Yadina nickte, denn sie kannte ihre ältere Schwester gut genug, um zu wissen, wie hartnäckig und verbissen sie auch an den hoffnungslosesten Unternehmungen festhalten konnte. Wie weit sie aber in dieser Angelegenheit auf der Hafenwelt gehen mochte, konnte und wollte sich Yadina nicht ausmalen. Es war von Beginn an eine Kampagne gewesen, die alle gekannten Maße überstieg. Und somit auch alle Erfahrungen, die sie bislang mit Zeelona gemacht hatte. Es war Neuland, das sie gemeinsam betreten hatten.

»Hast du eine Ahnung, was Ussuk an Eric, Salaya und Eynie so wichtig war?«, fragte sie.

»Nein«, antwortete Jul. »Keinen blassen Schimmer.«

»Ich geh runter und rede mal mit den Kleinen. Vielleicht finde ich doch noch etwas heraus. Wir haben zu viele Vermutungen und keinerlei Gewissheit.«

»Ja, mach das mal«, sagte Jul und lehnte sich in seinem Sessel zurück, während Socks, der neben ihr saß, dieLuisaüber das Terrain steuerte.

Eynie saß auf dem Boden und spielte wieder Chikat mit dem Quenku. Eric lag langgestreckt auf der Pritsche und schlief. Salaya spähte aus der Sichtluke auf die bizarre Landschaft hinaus, da ihr der Anblick des dürren Quenku offenbar noch immer nicht behagte.

»Seltsame Welt, nicht wahr?«, stellte Yadina fest, als sie sich zu Salaya setzte. »Kein Strauch, kein Baum, keine Wiesen. Ich habe mich auch schon gewundert, wie jemand hier zu Hause sein kann.«

Salaya nickte stumm.

»Stammt nicht eure Freundin von hier? Wie hieß sie doch gleich?«

»Nea«, sagte Salaya.

»Ja, genau, Nea. Wie habt ihr sie denn kennengelernt?«

»Vater wollte, dass sie sich um uns kümmert.«

»Sie war euer Hausmädchen?«

»Nein«, erwiderte Salaya gereizt. »Wir waren in den Ferien und unterwegs nach Palari, wo wir immer hinfliegen. Wir haben Nea hier getroffen. Auf diesem Mond, wo wir untergebracht waren, bis das Schiff weiterfliegen sollte. Da sind wir auch jedes Jahr. Es ist so langweilig da. Aber mit Nea und Ogo hat es Spaß gemacht.«

»Ogo?«

»Ihr Kampfroboter.«

»Kampfroboter«, flüsterte Yadina erstaunt und nickte stumm. »Wo kommt ihr her?«

»Aus Minatharoo am langen See.«

»Und wo ist das?«

Salaya schien nicht ganz zu verstehen.

»Auf welcher Welt liegt Minatharoo?«

Salaya musste einen Moment überlegen. »Gatho«, sagte sie dann.

»Was machen eure Eltern?«

»Ich glaube, dass sie uns suchen.«

Yadina lächelte amüsiert.

»Da gibt es nichts zu lachen«, meinte Salaya trotzig. »Wenn sie euch finden, wird es euch schlecht ergehen.«

Yadina seufzte, denn die Worte des Mädchens trafen sie tatsächlich härter, als sie zugeben wollte. Sie hatte einmal eine Beziehung gehabt, die länger andauerte, als sie für möglich gehalten hatte. Es war eine Ewigkeit her. Zu jener Zeit hatte sie an einen Ausstieg aus ihren bisherigen Lebensgewohnheiten nachgedacht. Sie wollte eine Familie gründen. Eine Tochter haben – das war ihr größter Wunsch gewesen. Es fiel ihr schwer, Worte zu finden, während sie Salaya ansah. Für einen Augenblick vergaß sie, was sie das Mädchen eigentlich hatte fragen wollen. »Ich meinte«, fuhr sie fort, als sie sich wieder fing und sich erinnerte, »was eure Eltern beruflich machen.«

Salaya wusste augenscheinlich nicht, was genau sie darüber sagen konnte. »Vater baut Häuser«, erklärte sie schließlich. »Hohe Häuser und Städte. Dazu trocknet er ganze Meere aus und macht Berge weg.«

Yadina nickte anerkennend. »Und eure Mutter?«

»Die ist immer zu Hause und zeigt uns, wie wir uns benehmen müssen. Eynie hält beim Essen die Gabel falsch. So, als wolle sie eine Maus erstechen, die um den Teller schleicht. Ich muss Ballettunterricht nehmen und klassische Musik studieren, das ist so langweilig. Sie nimmt uns auch immer zu wichtigen Feiern mit. Wir sind sogar schon mal dem Kaiser begegnet. Mutter möchte, dass wir uns wie Damen benehmen. Und von Eric will sie, dass er die Manieren eines hohen Herrn erlernt. Die einzigen Dinge, die ihm davon Spaß machen, sind Reiten und Fechten.«

»Hört sich an, als wäre eure Mutter eine Prinzessin.«

»Ja, das ist sie.« Salaya streckte den Rücken durch, um etwas aufrechter zu sitzen. »Aber unsere Verwandten mögen uns nicht sonderlich.«

»Warum? Ihr seid doch ganz lieb.«

»Weiß nicht. Das hat irgendwas mit Vater zu tun.«

»Wie heißt ihr?«, erkundigte sich Yadina neugierig.

»Korren«, schaltete sich Eric ein, der ganz offensichtlich schon eine Weile wach gewesen war und das Gespräch mit angehört hatte. Er drehte sich auf Pritsche um und sah Yadina an. Sein Blick war schwer zu deuten. Eine Mischung aus Stolz und Unsicherheit. Es schien, als wolle er nichts über seine Familie zu verraten, während er gleichzeitig gegen das Bedürfnis ankämpfte, sich mitzuteilen. »Das ist der Name meines Vaters.«

»Unseres Vaters«, berichtigte Salaya mit zorniger Stimme.

»Ja … unseres Vaters«, gab der Junge unwillig zurück. »Mutter stammt aus einer Familie mit einem so langen Ahnenregister.« Er machte eine weit ausholende Geste. »Die Eltern meiner – unserer – Mutter legen großen Wert auf Herkunft.«

»Euer Vater ist kein Adeliger?«

»Nein. Großmutter gibt zwar immerhin zu, dass sein Name der ältere ist, aber Mutters Name habe mehr Gewicht und sei von edlerer Abstammung.«

»Wie heißt eure Mutter?« Yadina gefiel es, wie sich der Junge ausdrückte. Man merkte ihm die strenge und gewissenhafte Erziehung deutlich an. Er musste eine gute Schule oder die besten, adelsüblichen Mentoren gehabt haben.

»Diora Eireen Hellena Roxane Galomondy«, sagte Salaya.

Yadina hob anerkennend die Augenbrauen. »Na, das ist ja mal sehr eindrucksvoll.«

»Aber was tun die schon, außer sich zu langweilen!«, warf Eric ein.

»Wen meinst du? Die Galomondys?«

»Ja, die vor allem! Und die anderen Hochwohlgeborenen auch«, fuhr Eric fort und Yadina registrierte die angestaute Wut in seiner Stimme. »Die hatten vielleicht mal große Sachen zu tun. Gegen Drachen kämpfen und so, aber das ist lange her. Jetzt sitzen sie nur noch herum und reden über andere. Besonders darüber, wie unwichtig diese Anderen sind. Vater formt ganze Planeten um, damit man darauf wohnen kann. Das ist wichtig heute. Und man kann dort mit ganz großen Maschinen herumfahren.«

»Ein Metaformer?«, sagte Yadina mehr zu sich selbst und stutzte. Also weit mehr als ein simpler Architekt, wie Salaya erklärt hatte, die ganz unübersehbar für die Arbeit ihres Vaters kaum Interesse aufbrachte. Yadina meinte sogar, Geringschätzung in ihren Worten zu erkannt zu haben.

»Ein Murmelmacher«, sagte Salaya, die Yadinas Flüstern gehört hatte. »Vater bedauert oft, wie viele Täler, Meere und Berge er mittlerweile kaputt gemacht habe.«

Yadina beschloss, aus dem Mädchen noch mehr herauszukitzeln. »Willst du dir mal dieLuisaansehen?«

Vor Freude sprang Salaya von der Sitzbank und griff nach Yadinas Hand. Ihre Bedenken, Yadina sei eine böse Frau, schienen plötzlich verflogen zu sein.

Yadina zeigte ihr das Fahrzeug. Angefangen vom Maschinenraum, bis hinauf zum Aussichtsturm, in dem Sou Ossa saß und in verschiedenartigste Optiken spähte.

Salaya erzählte Yadina unterdessen eine ganze Menge über ihre Familie, über ihren Vater, ihre Mutter sowie die Umstände, unter denen sie Nea begegnet waren. Der Strandausflug mit Ogo hatte ihr besonders gut gefallen und daher hielt sie sich bei der Schilderung über ihn ziemlich lange auf. Doch bald hatte Yadina so viel von ihr erfahren, dass sie sich ein vages Bild über ihre jungen Gefangenen machen konnte. Dennoch blieben viele Unklarheiten. Salaya war einfach noch zu jung, um alle Fakten und weitreichende Zusammenhänge zu erkennen, die für Erwachsene von Bedeutung sein mochten.

Nachdem Yadina Salaya zu ihren Geschwistern zurückgebracht hatte, traf sie sich im Aussichtsturm mit Sou Ossa, die dort noch immer mit dem Ausspähen der Gegend beschäftigt war und Daten für die Karten sammelte. Sie saß inmitten ihrer Monitore und Okulare wie ein Insekt unter den Linsen eines Mikroskops.

»Weißt du noch, wie die Zusatzanweisungen bezüglich Geiseln und Gefangener lauten?«, fragte Yadina und ließ sich in einem der weichen Konturensessel nieder.

»In etwa oder ganz genau?«, fragte Sou verblüfft.

»Kannst du sie abfragen?«

Sou gab einen Befehl in den Hauptrechner ein und las dann vor. »Hier ist es. Zusatzanweisung: Bla, bla, bla … Meldung zu machen bei Gefangenen folgender Berufsgruppen: Planetentechniker, stellaren und interstellaren Logistikern, kaiserliche Berater, Metaformer … «

»Wie viele Metaformer gibt es wohl in Asgaroon?«

»In etwa oder ganz genau?« Sou schüttelte den Kopf. »Du kannst Fragen stellen. Woher soll ich das wissen?«

»Schätz mal.«

Sou gab vor, kurz nachzudenken, und verdrehte dann ihre Augen. »Na, viele gibt’s davon nicht«, sagte sie lakonisch. »Jedenfalls ist die Chance, mal einem zu begegnen, ziemlich gering. Aber wenn du einen findest, der jung, gutaussehend und noch zu haben ist, dann sag mir Bescheid. Es gibt kaum jemanden, der so viel wie ein Metaformer verdient, da hätte ich dann ausgesorgt und würde nur noch mit feinen Pinkeln verkehren.« Sie grinste vielsagend. »Ach was. Sag mir auch Bescheid, wenn er verheiratet, alt und hässlich ist. Ich glaube, ich könnte mich da kompromissbereit zeigen.«

»Deine Chancen liegen besser, als du für möglich hältst.«

Sou richtete sich in ihrem Sitz auf. Ihre dunklen Mandelaugen glitzerten wie schwarze Perlen.

»Natürlich nicht hier und jetzt.« Yadina runzelte die Stirn. »Aber der Vater der Kinder ist so einer.«

»Nicht möglich.«

»Dann glaub‘s halt nicht.«

Sou lehnte sich wieder zurück. »Hat dir das deine kleine Freundin erzählt?«

»Ja. Und ihr Bruder hat es bestätigt.«

»Kinder können so einiges zusammenphantasieren«, sagte Sou und in ihre feinen, asiatischen Gesichtszüge schlich sich ein schelmischer Ausdruck. »Ich konnte als Kind das Blaue vom Himmel runterlügen«, gestand sie mit reueloser Mine. »Ich war ein ziemlich verlogenes Miststück. Aber das hat mir eine ganze Menge Vorteile eingebracht und mir viele Male den Hals gerettet.«

»Sou. Ich rede nicht von den kleinen Ludern, wie wir es waren«, sagte Yadina, ohne zu scherzen. »Salaya lügt nicht. Nicht mal, um sich wichtig zu machen. Außerdem hat sie mir einige Dinge erzählt, die man nur wissen kann, wenn man eine vage Ahnung davon hat.«

»Du meinst also, wir könnten ein gewaltiges Lösegeld herausschinden?«

Yadina scheute sich zunächst, darauf eine Antwort zu geben. Immerhin musste sie sich eingestehen, dass sie zu Beginn denselben Gedanken gehabt hatte. Inzwischen hatte sie diese Überlegung verworfen. Sie konnte sich einiger Untaten bezichtigen, aber sie hatte nicht vor, die Kinder zu einem Handelsobjekt zu machen. Sou musste das jedoch noch nicht erfahren. Sie hatte weniger Skrupel und drehte sich bereits nachdenklich eine Locke aus einer Strähne ihrer langen, schwarzen Haare. »Wenn an der Geschichte der Kleinen was Wahres dran ist, gehen wir als reiche Leute von hier weg«, murmelte sie erfreut.

»Da bin ich mir sicher«, bekräftigte Yadina und entschloss sich noch etwas Öl ins Feuer zu gießen. »Jul ist sogar bereit, auf seinen Anteil am Lösegeld zu verzichten und ihn auf die Mannschaft zu verteilen.«

»Warum sollte er das tun?« Sou schien vor freudiger Überraschung beinahe die Fassung zu verlieren. »Ich werd feucht bei dem Gedanken.«

Yadina grinste die junge Frau an. Das sollte der Mannschaft genug Ansporn geben, sich um die Sicherheit der Kinder zu bemühen, überlegte Yadina zufrieden. Schließlich mussten alle davon überzeugt sein, dass es hierbei weiterhin um Profite ging. Niemand sollte glauben, Jul hätte seine sentimentale Seite entdeckt und würde von seinen Gefühlen geleitet. Sou würde die Neuigkeit schnell an die Anderen weitergeben, da war sich Yadina sicher. »Hast du Zugang zu den Einreisedateien von Sculpa Trax? Ich bräuchte etwas mehr Gewissheit. Etwas das auch bei unserer Besatzung zieht. Wie du schon sagtest, ist das Gerede eines Kindes üblicherweise nicht viel Wert. Ich brauche etwas, was ihnen klar macht, dass wir einen dicken Fisch am Haken haben. Etwas, wofür es sich lohnt, alles zu geben. Sie sollen nicht glauben, Jul hätte den Verstand verloren.«

Sou zögerte nicht damit, dem Datennetz, an das dieLuisaangeschlossen war, Informationen zu entlocken. Wie erwartet musste sie feststellen, dass die Berichte seit dem Zeitpunkt ihres Angriffes auf diese Welt große Lücken aufwiesen. Noch dazu waren die Speicher mit einer Unmenge von Datenmüll vollgestopft worden, die eine gezielte Suche unmöglich machten. Dieses Nachrichtenarchiv war kaum nützlich, um sich zu informieren. Aber Sou war hartnäckig, geschickt und schließlich erfolgreich.

»Korren. So heißen die doch, oder?« Konzentriert betrachtete sie die wenigen brauchbaren Daten, die auf dem Bildschirm leuchteten. »Der Name taucht mehrmals auf. Dazu … Frau Diora Galomondy … und Kinder … dann kommt eine Zahlenfolge ohne Sinn. Wieder der Name Korren … Zahlen … Zahlen … einige sinnlose Sätze …« Angestrengt suchte Sou Ossa weiter.

»Gibt es irgendeinen Hinweis auf den Beruf des Vaters?«, fragte Yadina.

Sou fand zwar keine direkten Angaben, aber etwas, das genauso wertvoll war und eindeutige Rückschlüsse zuließ.

»Hier … Buchung erster Klasse … auf der Schorian Queen.« Sou schenkte Yadina einen vielsagenden Blick. »Alle Achtung, die Schorian Queen. Das heißt: die allerfeinste Gesellschaft. Um mit der zu reisen, muss man schon zur allerbesten Oberklasse gehören. Innerer imperialer Kreis und so weiter. Red Robe hat uns verboten, auch nur den kleinsten Versuch zu machen, das Schiff zu beschnuppern oder auch nur seine Flugbahn zu kreuzen; fürchtete sich davor, es mit Leuten zu tun zu bekommen, deren Verbindungen und Möglichkeiten zu weitreichend sind, als dass man sich so ohne weiteres, mit ihnen anlegen sollte. Kann ja sein, dass man mal bei einem Überfall einen Verwandten vom Kaiser vor die Flinte bekommt, aber das ist dann eben Schicksal. Aber wer mit diesem Schiff reist, der hat in jedem Fall was zu sagen und das würde unbedingt sehr mächtige Leute auf den Plan rufen, wenn man da absichtlich drauffeuert. Na ja, mittlerweile ist es wohl egal. Jetzt haben wir uns bestimmt mit allen möglichen Personen angelegt. Und sei es drum: Ohne Regeln plündert es sich leichter.«

Yadina versank in ihrem Sessel und grübelte. Sie zählte einige Fakten zusammen und begann, sich schlecht zu fühlen. In ihr breitete sich eine betäubende Leere aus und sie hatte das Gefühl, auf freiem Feld unter dem Schatten eines heraufziehenden Hagelsturmes zu stehen. Es war von Anfang an klar gewesen, dass die ganze Unternehmung eine Spur zu groß angelegt war. Und mit diesen Daten wurde es nicht besser.

Sou entging die Stimmung ihrer Freundin nicht. »In Anbetracht so einer fetten Beute siehst du ziemlich bedrückt aus. Du verheimlichst mir etwas, nicht wahr?« Doch noch ehe Sou Ossa weitere Fragen stellen konnte, war Yadina aus dem Raum gegangen, um sie ratlos zurückzulassen.

Socks hatte dieLuisagestoppt und war losgegangen, um die heißgelaufenen Systeme mit einem Wartungsteam zu überprüfen. Es war später Nachmittag und Jul saß im hinteren Teil der leeren Fahrerkanzel. Diesen Bereich konnte man durch eine Schleuse vom Führerstand abtrennen und somit einen separaten Raum schaffen, der Jul für gewöhnlich als Privatunterkunft diente. Nun war die Schleusentür eingerastet und verriegelt. Yadina saß Jul auf einer schmalen Pritsche gegenüber und hatte ihm gerade ihre neuesten Erkenntnisse mitgeteilt.