Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

ASGAROON (5) - Die Sterneninsel E-Book

Allan J. Stark  

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E-Book-Beschreibung ASGAROON (5) - Die Sterneninsel - Allan J. Stark

Auf der Suche nach den Kindern der Familie Korren, gelangt Nea tief in den Süden ihrer Heimat, der Hafenwelt Sculpa Trax. Dort trifft sie auf Thomas van Veyden. Einen alten Einsiedler, der die riesigen Schrottplätze des Planeten verwaltet. Doch bald findet sie heraus, dass es mit dem Sonderling weit mehr auf sich hat, als er vorgeben möchte, und dass er im Besitz vieler spannender Geheimnisse zu sein scheint, die vermutlich auch ein Licht auf Neas Herkunft werfen … (11.377 pgz)

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E-Book-Leseprobe ASGAROON (5) - Die Sterneninsel - Allan J. Stark

Allan J. Stark

ASGAROON

Die Sterneninsel

www.papierverzierer.de

Vollständige E-Book-Ausgabe des mehrteiligen ASGAROON-Zyklus‘

Die Sterneninsel

Copyright©2015 Allan J. Stark

Deutsche Erstausgabe 2015 by Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung:©Allan J. Stark

Lektorat: Michaela Harich

Herstellung: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-79-3

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Inhaltsverzeichnis
ASGAROON - Die Sterneninsel
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Allan J. Stark

Verlust bedeutet Verwandlung.

Marc Aurel

Kapitel 1

Als Nea abermals zu Bewusstsein kam, fand sie sich im Pilotensitz des APV angeschnallt wieder. Die Morgendämmerung zog gerade herauf und tauchte den Himmel in ein zartes Rosa. Die schwarzen Silhouetten entfernter Gebäude hoben sich scharf gegen den Horizont ab. Einige helle Sterne und die dünne Sichel eines der Scutra-Monde leuchteten darüber. Ein frischer, böiger Wind blies Nea ins Gesicht, dennoch stieg ihr der stechende Geruch von verbranntem Plastik und ausgelaufenem Treibstoff in die Nase.

Sie bemerkte, dass das Kanzelfenster fehlte und ihr Pilotensessel irgendwie ungewöhnlich in seiner Verankerung steckte. Scheinbar war der Schleudermechanismus defekt. Er hatte zwar das Düsenpaket gezündet und dabei ein Loch in den Boden des Cockpits gesprengt, aber der Sessel hatte sich in der Haltevorrichtung festgeklemmt. Der entfaltete Fallschirm hing aus dem zerbrochenen Fenster. Er flatterte im Wind und schlug laut gegen das Metall der Außenhülle. Die gespannten Seile zerrten an Neas Sitz. Sie selbst hing in den Halteriemen. Alles war mit blauem Löschpulver übersät worden und der Luftstrom wirbelte Wolken davon in die Höhe. Ein bitterer Geschmack legte sich auf Neas Lippen, als sie sie mit der Zunge befeuchtete, es kratzte in ihrem Hals und verursachte bei ihr einem Hustenanfall. Es dauerte einige Sekunden, bis dieser sich wieder gelegt hatte und einen klaren Gedanken fassen konnte. Eric und seine Schwestern waren das Erste, was ihr in den Sinn kam. Sie sollten ganz in der Nähe mit der Rettungskapsel heruntergekommen sein. Nea konnte nicht sagen, wie lange sie schon bewusstlos war und wie viel Zeit sie dadurch verloren hatte, aber sie musste so schnell wie möglich raus aus dem Wrack und sich auf die Suche nach den Kindern machen.

Mühsam befreite sie sich aus den Sicherheitsgurten, schälte sich aus dem Sitz und kletterte vorsichtig durch das zerbrochene Fenster ins Freie hinaus. Ihre Knie gaben nach, als sie aus der Kanzel sprang, kaum dass ihre Füße den gesplitterten Asphalt vor dem Bug des Schiffes berührten. Sie fiel zu Boden und blieb für einen Moment liegen. Wenigstens schien keiner ihrer Knochen gebrochen zu sein. Sehnen, Bänder und Muskeln waren unversehrt. Aber ihre Glieder schmerzten, als wäre sie stundenlang verprügelt worden. Bestimmt war ihr Körper von Prellungen übersät. Nea fühlte sich benommen und benötigte eine Weile, bis sie erneut völlig klar im Kopf war. Mühevoll rappelte sie sich wieder auf und klopfte sich das blaue Löschpulver aus den Haaren und von den Kleidern.

Der Bug des APV hatte sich einige Meter in den Grund gegraben. Ein Wall aus geborstenem Gestein und Asphaltbrocken erhob sich vor der Pilotenkanzel und Teile des Schiffes lagen in weitem Umkreis über dem Rollfeld verteilt. Überall qualmte es und der Wind trieb den Rauch gerade in Neas Richtung. Sie umrundete das Wrack und erkannte mit Entsetzen, dass hinter dem Cockpit nichts mehr übrig war, das auch nur entfernt an ein Raumschiff erinnerte. Flammen und Funken schlugen zwischen den verkrümmten Metallplatten hervor und dicker, schwarzer Qualm wirbelte in die Höhe.

Als die Sonne aufging, war das Feuer erloschen. Dünne Rauchfäden kringelten sich noch aus dem Gerippe, das nun beinahe völlig in sich zusammengesunken war. Die Semiplastsegmente waren zum größten Teil zu grober Asche zerbröselt. Außer der unversehrten Pilotenkanzel gab es nichts mehr, das auch nur die vage Vermutung zuließ, bei diesem verkohlten Schrotthaufen hätte es sich jemals um eine sinnvolle Konstruktion von Menschenhand gehandelt haben können. Aber immerhin war sich Nea sicher, dass die Fluchtkapsel erfolgreich vom Schiff abgekoppelt hatte. Der Halterahmen der Kapsel war leer. Sie konnte nur hoffen, dass die automatischen Systeme des Rettungsvehikels ihre Arbeit aufgenommen hatten und Eric und seine Schwestern noch am Leben waren. Sie betete, dass das Flugleitsystem der Kapsel sie in Falthurea hatten landen lassen. Jetzt musste es ihr nur noch gelingen, selbst dorthin zu gelangen.

»Wie kann ich Ihnen behilflich sein?«, schnarrte eine blecherne Automatenstimme.

Nea erschrak, wirbelte herum und starrte in die optischen Sensoren einer Robotereinheit. Sie war gut drei Köpfe größer als sie selbst und sah wie ein bizarres Konstrukt aus Rohren, Greifern und Zangen aus, das auf zwei stämmigen Beinen stand.

»Wer bist du?«, fragte Nea.

»Seriennummer acht achtundneunzig B«, antwortete er gehorsam. »Gallup und Frey logistische Systeme. Stapel und Sortierautomat. Zaron Model drei, drei sieben. Man nennt mich kurz Zar. Z, Z, Zaaaaar.«

»Ich bin Nea«, antwortete sie. »Und du wirst mich begleiten.«

»Aber sicher doch.« Die Stimme des Automaten war von Störgeräuschen durchzogen.

»Wir müssen jemanden suchen.«

»Suchen, finden und sortieren sind meine Aufgabenbereiche.«

»Ich muss drei Kinder finden«, fuhr Nea fort. »Sie müssen mit einer Rettungskapsel auch hier niedergegangen sein.«

»Hier ist im Augenblick viel Bewegung am Himmel«, informierte Zar sie.

»Ja, das ist mir durchaus bewusst, aber hast du irgendetwas Ungewöhnliches gesehen?«

»Hier ist im Augenblick viel Bewegung am Himmel«, wiederholte Zar und Nea ahnte, dass er irgendeine schwerwiegendere Beschädigung haben musste.

»Egal«, erwiderte Nea. »Ich muss die Kinder finden. Ich muss Gewissheit haben. Das bin ich ihnen und ihren Eltern schuldig. Ich hatte Kurs auf Falthurea gesetzt. Die Kapseln müssen den Sektorturm angesteuert haben. Und wenn ich Glück habe, bin ich nicht allzu weit von ihnen entfernt runtergekommen.«

»Ich verstehe«, gab Zar zur Antwort, aber Nea war sich da nicht so sicher.

Sie entschied sich, das Beste zu hoffen und nicht daran zu zweifeln, ihre Mission erfolgreich zu beenden. Immerhin war sie jetzt nicht ganz alleine bei dieser Aufgabe. Sie fasste neuen Mut und kletterte zurück in die Kanzel, um sich mit allem zu versorgen, was sie benötigte, damit ihre Suche beginnen konnte.

Sie fand einen Notfallrucksack mit Nährstofftabletten, eine Flasche Wasser – eine sehr kleine Flasche, wie ihr schien – Medizin und einige andere nützliche Utensilien, wie ein Fernglas und eine eingerollte Liegematte. Ein Kompass war auch darunter, aber der würde auf Sculpa Trax nicht funktionieren. Es gab hier zu viele Störfaktoren, die bisher jeden herkömmlichen Kompass untauglich machten. Aber das konnte derjenige, der für die Ausrüstung des Fluchtvehikels zuständig gewesen war, nicht geahnt haben. Hinter dem Pilotensitz, an dessen Rückenlehne festgemacht, entdeckte sie ein kleines Gewehr, das sie mitsamt einigen Magazinen an sich nahm. Sie vermisste ihre Proque Pistolen, die an Bord derNovageblieben waren. Die kleinen Railguns verschossen Metallpartikel, hatten eine große Reichweite, Präzision und erhebliche Durchschlagskraft. Das Magazin verfügte über eine beinahe endlose Kapazität. Ohne diese zuverlässigen Waffen fühlte sich einfach Nea unsicher.

Schließlich entfernte sich Nea ein Stück weit von der Absturzstelle und sah sich um. Sie hoffte, sie würde ebenfalls im Falthurea Sektor niedergegangen sein. Aber das schien eher unwahrscheinlich. Den unübersehbar hohen Sektorenturm, mit seiner auffälligen Form, hätte sie schon längst entdeckt.

»Wo sind wir hier?«, fragte sie Zar. »In welchem Sektor?«

»Ich habe nur begrenzte Daten«, lautete die Antwort.

»Na prima.« Nea schüttelte enttäuscht den Kopf. Es war egal, welchen Weg sie einschlagen wollte, denn jede Richtung war so gut wie die andere. Sie entschied sich, sich dorthin zu wenden, wo sie den Westen vermutete, denn auf diese Weise ging sie mit der Sonne und würde in flüssiges Gold blicken, wenn der Abend kam.

Überall stiegen mächtige Rauchsäulen in den Himmel. Sie wurden nach einigen hundert Metern breiter und verblassten in großer Höhe vom Wind nach Osten und Norden hin zu einem konturlosen, bleiernen Dunst. Irgendwie sahen sie wie schwarze Pinien aus, die mit ihren breiten Kronen das Land beschirmten. Darunter loderten gewaltige Feuersäulen, die in den Himmel flackerten, um das dunkle Dach aus schwarzem Gewölk zu tragen. Dazwischen gab es viele kleinere Brandherde, von denen graue Schlieren emporquollen. Sie konnte mit Glück sagen, das der Wind den Rauch nicht in ihre Richtung blies.

Die Mittagssonne stand im Zenit und der Himmel war bis jetzt noch strahlend blau. Bislang hatten ihm die mächtigen Rauchschwaden nichts von seiner Reinheit nehmen können. Von Südwesten her wehte ein stetiger, warmer Wind, der einigermaßen klare Luft herantransportierte und den Rauch nach Norden verdrängte, wo er sich wie eine Gewitterwolke zusammenballte.

Wie schon an den Tagen zuvor wurde es um diese Zeit extrem heiß. Natürlich hätte Nea auch die Nacht abwarten können, um ihre Wanderung zu beginnen, aber im Visier eines Wärmebildempfängers würde sie auf dieser endlosen Ebene wie ein Signalfeuer im Dunkeln strahlen und wäre für einen Verfolger ein klares, einladendes Ziel. Tagsüber konnte sich der Feind lediglich auf seine optischen Geräte und seine natürliche Sehstärke verlassen, was Nea eine gewisse Chancengleichheit verschaffte. Während sie sich auf den Weg machte, wunderte sie sich, wie uneben die Landschaft ihrer seltsamen und doch so vertrauten Heimat war. Zumeist hatte sie den Boden in niedriger Höhe überflogen, jedoch nie so tief, dass ihr diese Details hätten auffallen können. Eigentlich war sie zu keiner Zeit zu Fuß über die Flächen Scutras gewandert. Höchstens ein paar Meter im Umkreis um dieNovaherum und dies auch nur auf Flugfeldern, die in einwandfreiem Zustand gewesen waren. Hier wuchs sogar Gras zwischen den Betonplatten. Da und dort hatte sich ein Strauch durch den Asphalt gezwängt, dessen grüne Blätter jetzt im Wind raschelten, und sie hörte ein Insekt zirpen.

Nea erreichte einen Bereich, der von tiefen, langen Gräben durchzogen war. Kanäle, die in geraden Bahnen das Gelände zerschnitten und ihren Weg kreuzten. Sie ging an der Kante des Kanals entlang und sah in den Schatten hinunter. Der Grund war bedeckt von einem Gewirr dicker schwarzer Rohre, als sei es der Boden einer Schlangengrube – so viel konnte Nea erkennen. Ein fauliger Gestank kroch aus der Tiefe empor und brachte sie zum Würgen. Sie fragte sich, ob diese Anlagen noch in Betrieb waren und welchem Zweck sie dienten. Zum Glück überspannten viele schmale Brücken diese Gräben, die gerade Mal so viel Platz boten, dass zwei Menschen nebeneinander darüber hätten hinweglaufen können. Und Nea konnte daher ihren Weg fortsetzen. Nach einer weiteren Stunde erreichte sie eine Ebene, überzogen von rissigem Beton. Sie sah kein einziges Gebäude, das dazu taugte, den Flugbetrieb zu koordinieren. Weit und breit kein Raumschiff, das auf den leeren Ebenen stand. Später kreuzten mehrere Schienen Neas Weg, die schnurgerade von Süd nach Nord verliefen. Sie waren verbogen, verrostet und mit dicken Schrauben an Kunststoffbohlen befestigt, die auf groben Schotter gebettet waren.

»Wie altmodisch«, überlegte Nea, während sie mühsam darüber hinwegstolperte. Es kam ihr wie eine Ewigkeit vor, bis sie diese trostlose Gegend hinter sich gebracht hatte.

Sie stellte bald fest, dass sie sich in einem Niemandsland befand. Einem Bereich, in dem es zwar eine ganze Menge Landeflächen gab, die jedoch nicht mehr in Gebrauch waren. Darüber hatte man Rohre und Leitungen verlegt und kleine Magazine errichtet. Hauptsächlich dienten sie zur Lagerung alter Schiffsteile und Materialien, für die man im Moment keine Verwendung hatte. In Nea keimte etwas Hoffnung auf. Es war nicht ungewöhnlich, dort Raumschiffe oder Gleiter vorzufinden. Und auch hier war das der Fall. Zwei, drei Transporter standen zwischen großen Containern herum. Entweder hatte man sie vergessen oder sie waren Teil der Wartungseinheiten, die dort hin und wieder auf Abruf bereitstanden. Aber als sie sich den Schiffen näherte, schwanden ihre Hoffnungen. Die Dinger waren allesamt schrottreif und schienen lediglich dazu gedacht, ausgeschlachtet zu werden. Unter den eifrigen Händen geschäftstüchtiger Mechaniker schwanden sie mit der Zeit dahin, wenn sie nicht zuvor einfach verrotteten. Man brachte solche Schiffe normalerweise auf die »Friedhöfe« in der Nord- und Südpolregion, wo sie ungestört vor sich hin modern oder verkauft werden konnten. Nea hatte diese »Friedhöfe« einmal gesehen, während sie ein solches Areal überflog. Aber das war lange her. Ihre Aufträge führten sie eigentlich nie in diese Gebiete. Dort gab es nichts, was man noch vor Schaden bewahren und worum sich ein Scout kümmern musste. Aber warum eigentlich nicht?, überlegte Nea. In diesen Gebieten konnten sich fremde Organismen bestimmt großartig vermehren. Vielleicht gab es dort sogar weitaus gefährlichere Kreaturen, als das einsame Insekt das ihr zuvor begegnet war.

In etwa einhundert bis einhundertfünfzig Kilometern Entfernung ragte der Hauptturm des Sektors über den Horizont. Er war im Dunst kaum sichtbar, aber seine Kuppel glänzte im Sonnenlicht. Jedoch hatte dieser Turm keine Ähnlichkeit mit der gedrungenen Form des alten Gebäudes, in dem das Büro von Samuel Blumfeldt lag. Das konnte Nea auf den ersten Blick erkennen. Genau genommen hatte er keinerlei Ähnlichkeit mit irgendeinem der vielen Sektorentürme, die sie kannte. Sie war mehr als nur enttäuscht und seufzte. Nea schätzte ihren Marsch dorthin auf gut vier oder fünf Tage; wenn sie jeden Tag etwa dreißig, bis vierzig Kilometer zurücklegen konnte und nichts Unvorhergesehenes passierte. Der Weg als solches sollte weiter kein Problem darstellen, denn das Gelände war flach und über Hindernisse hatten bislang Brücken hinweggeführt oder sie konnte sie durch Tunnel oder Unterführungen unterschreiten. Lediglich die Anstrengung, die es kosten würde, über viele Stunden hinweg auf dem harten, heißen Boden zu laufen, war nicht zu unterschätzen.

»Denkst du, du brauchst bald eine Gelenkschmierung?«, fragte Nea ihren robotischen Begleiter.

»Meine Gelenke besitzen Komponenten, die eine selbstschmierende Oberfläche aufweisen«, informierte Zar. »Meine letzte Wartung wurde vor acht Wochen, zehn Tagen elf Stunden, dreißig Minuten und zweiundzwanzig Sekunden abgeschlossen.«

»Mach mir bloß nicht schlapp! Eventuell wirst zu mich tragen müssen.« Sie betrachtete die kantigen Zangen und Greifer der Maschine und wünschte sich, dass sie es nicht nötig haben würde, getragen zu werden.

Zuerst gingen die beiden über eine schier endlose, asphaltierte Fläche, die sich unter der Sonne derart aufgeheizt hatte, dass Teile davon an Neas Stiefeln kleben blieben. Gegen den späten Nachmittag überquerten sie einen weiten Bereich, der mit Gittern bedeckt war, denen ein tosender, warmer Wind entströmte, der unangenehm und abgestanden roch. Sie hörte das Brummen von Turbinen und Ventilatoren, die unaufhörlich die Luft umwälzten. Nea kniete sich auf die Gitter und horchte. Sie meinte, darunter Stimmen gehört zu haben. Sie spähte in das Dunkel der Tiefe und rief: »Hallo! Ist da unten jemand?« Sie wartete, doch es kam keine Antwort. Nur das Brausen des künstlichen Windes drang an ihr Ohr.

Als es Abend geworden war, hatten Nea und Zar diese Zone hinter sich gebracht und gelangten erneut auf eine geteerte Ebene. Die Sonne ging unter und blendete sie. Neas und Zars Gestalten warfen einsame, dünne Schatten über eine kahle Ebene, die wie zwei Nadeln nach Osten deuteten, wo bereits die Dunkelheit heraufzog. Vor der Nacht türmten sich schwarze Rauchsäulen. Darunter loderten große Brände, die inzwischen noch heller brannten.

Sie war müde und hatte keinen Ort gefunden, an dem sie über Nacht hätte unterkommen und sich schützen können. Sie bezweifelte, einen Unterstand mit Bett und Küche zu finden, obwohl das nicht gänzlich ausgeschlossen war. Für Arbeiter, die längere Zeit an einem Standort bleiben mussten, wie zum Beispiel die Abrufeinheiten, gab es natürlich kleine Baracken, die ihnen vorübergehend als Behausung dienen konnten. Aber seit die meisten Arbeiter ihre eigenen Fahrzeuge besaßen, die weitgehend mit einem Wohnbereich ausgestattet waren, wurden die Baracken kaum noch genutzt und daher nach und nach abgerissen oder einfach dem Verfall preisgegeben. Nea hatte also an diesem Abend keine Aussicht darauf, auf einer einfachen Pritsche schlafen zu können; von einem Bett ganz zu schweigen. Sie nahm darum mit dem Schutz vorlieb, den ihr ein Strang dicker Rohre bot, der sich in gerader Linie von Nord nach Süd spannte und unter dem sie sich verstecken konnte. Sie nahm einen kräftigen Schluck Wasser, rollte ihre Lederjacke zusammen, bettete ihren Kopf darauf und legte sich im schmalen Zwischenraum unter den Rohrleitungen zum Schlafen nieder. Obwohl die Luft noch sehr warm war und der Boden weiterhin beträchtliche Hitze abstrahlte, fiel Nea schnell in einen tiefen Schlaf.

Einmal, es war kurz nach Mitternacht, schreckte Nea aus einem unruhigen Schlummer hoch. Zar stand reglos neben ihr im Bereitschaftsmodus. Als Nea sich bewegte, leuchtete eine kleine grüne Lampe zwischen seinen großen Linsen auf, die nach einigen Sekunden wieder erlosch. Sie hatte keine Ahnung, was sie geweckt hatte. Ob es wieder ein Traum gewesen war, der sie beunruhigte und aufschrecken ließ, oder ob sich jemand in ihrer Nähe befand, der sie unvorsichtigerweise gestört hatte. Sie lauschte angestrengt und spähte in die Dunkelheit hinein, bis sie sich vergewissert hatte, alleine zu sein. Die Nacht war so bedrückend ruhig, dass man glauben konnte, die ganze Welt sei in eine dicke Schicht weicher Watte gehüllt. Kein Windhauch regte sich, um über das künstliche Land zu streichen und in den leerstehenden Gebäuden zu wispern. Zahllose Brände erhellten noch immer den Horizont, als versuchten hunderte, winzige Sonnen gleichzeitig an den Himmel zu klettern. So muss eine Morgendämmerung in der Hölle aussehen, grübelte Nea. Der Anblick hatte etwas Faszinierendes und Erschreckendes zugleich. Schließlich legte sie sich wieder hin, lag aber lange Zeit wach und starrte in die Nacht. Sie brauchte mehrere Stunden, um wieder einzuschlafen und sie erwachte erst kurz nach Sonnenaufgang. Durch die Nacht auf dem harten Boden fühlte sich Nea wie gerädert. Sie blinzelte in die Sonne. Die Strahlen berührten ihr Gesicht. Sie waren schon jetzt ungewöhnlich warm. Es würde sicherlich ein heißer Tag werden. Daraufhin zog Nea ihre Wasserflasche hervor und wog sie nachdenklich in der Hand. Sie bezweifelte, dass der Vorrat für diesen, geschweige denn für die nächsten zwei Tage ausreichen würde. Es musste ihr gelingen, irgendwo auf ihrem Weg einen Wasserspeicher oder eine Wasserleitung zu finden.

»Sag mal, Zar«, fragte Nea den Roboter. »Weißt du, wie ich an Wasser kommen kann?«

»Diese Daten sind nicht weiter verfügbar«, schnarrte Zar mit gleichgültig blecherner Stimme.

Vielleicht wäre es besser gewesen, bei der Absturzstelle zu bleiben und auf Hilfe zu warten, überlegte Nea, von welcher Seite auch immer sie hätte kommen mögen. Ob von den Angreifern, von den Arbeitern der Hafenwelt oder von wem auch immer, dachte Nea. Aber das war Unsinn. Allen anderen, außer den Bewohnern von Scutra, war nicht zu trauen. Es mochte zwar überall gute Menschen geben, selbst unter den Piraten oder den Mitgliedern von Ghost, aber darauf konnte sie sich nicht verlassen. Würde sie bei ihrem Marsch über die Ebenen auf Fremde treffen, wäre es besser, ihnen aus dem Weg zu gehen. Sie schulterte entschlossen ihr Gewehr und den Rucksack und machte sich auf, einige weitere Kilometer zu bewältigen, bevor die Hitze unerträglich zu werden drohte.

Einige Zeit später gelangte sie an einen Wall, der etwa zehn Meter in die Höhe ragte. Es waren die Flanken eines Magnetschienenstrangs, der von Norden kam, einen Bogen machte und weiter nach Westen führte. Sie folgte dem Wall eine Zeit lang in seinem westwärts gerichteten Verlauf und fand bald eine Treppe, die auf die Mauerkrone führte. Sie stieg die Stufen hinauf und ging eine Weile oben auf dem Damm entlang. Allenthalben spähte sie in die Fracht- und Reparaturgruben, in denen für gewöhnlich kleinere Fahrzeuge geparkt wurden. Streckenläufer vielleicht oder eventuell eine Draisine, mit der sie leichter und schneller weiterkommen konnte. Aber sie fand nichts. Im Gegenteil. Es sah aus, als hätte jemand die kleinen Nischen leergeräumt, um Werkzeug und Material in Sicherheit zu bringen.

Sie kletterte in eine der Kammern hinunter. Es war gut möglich, dass sie sich hier zumindest mit einem ansehnlichen Wasservorrat versorgen konnte. Sie öffnete ein Ventil an einer Wand und lauwarmes, aber sauberes Wasser sprudelte heraus. Nea füllte ihre Flasche auf. Doch ein plötzliches, lautes Gurgeln erklang aus dem Ventil und der Wasserstrahl versiegte. Sie suchte das Hauptventil, und als sie es in einer Bodenluke gefunden hatte, drehte sie daran. Es tat sich nichts und sie konnte es ohne Mühe in beide Richtungen bewegen, da ohnehin kein Druck mehr darauf lag. Scheinbar war die Hauptleitung defekt oder sie war leergepumpt worden. Nea betätigte auch ein paar Stromschalter, nur um festzustellen, dass die Energie gleichermaßen abgestellt worden war. Enttäuscht kletterte sie wieder aus der Grube heraus.

Der Weg, auf dem Nea weiterging, war eigentlich nichts anderes als ein schmaler Steg mit hüfthohem Geländer, der neben den Schienen, auf der Dammkrone entlangführte. Schier endlos und schnurgerade zog er sich dahin. Neben ihr verliefen die Schienenstränge. Eigentlich handelte es sich um dicke Kunststoffrohre, in die man starke Elektromagnete installiert hatte. Auch sie waren abgeschaltet. Zumindest vernahm Nea kein Summen, das unangenehm in den Ohren kitzelte, begleitet von einem Vibrieren, das man für gewöhnlich als ein Kribbeln in den Zähnen spüren konnte. Auch die Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich nicht auf, wie das zu erwarten gewesen wäre. Nea sah über das weite, tote Land. Eine abweisende Gegend, endlos. Eine Wüste aus Stahl und Beton.

Nach einigen Stunden hatte Nea das monotone Pling, Pläng, Pling, Pläng satt, das ihre Stiefel und Zars gummiartigen Laufsohlen auf dem Gitterrost unter ihren Füßen verursachten. Es war nervtötend. Bei der nächsten Gelegenheit wollte sie wieder hinuntersteigen, um auf dem Asphalt zu laufen. Das war zumindest leise. Zunächst aber gab es keine Gelegenheit dazu, wieder von dem Steg herunterzukommen, ohne zu riskieren, sich dabei sämtliche Knochen zu brechen. Zu hoch ragte er über dem Boden empor. Und die Stellen, an denen sie es hätte wagen können, an einer Strebe hinunterzuklettern, waren gegen dieses Vorhaben mit scharfen Stahlzähnen gesichert. Nea musste wohl oder übel so lange weitergehen, bis sich ihr eine günstigere Gelegenheit bot. Sie gelangte hin und wieder auf Frachtplattformen und Packstationen, in die der Steg in regelmäßigen Abständen einmündete, und von denen viele Fließbänder und Transportröhren abgingen, aber eine Leiter, die nach unten führte, fand sie auch hier nicht. Wieso auch? Hier wurden keine Passagiere befördert und die Plattformen waren für Schwebegleiter ausgelegt. Sie setzte ihren Weg fort, begleitet vom Klappern ihrer Stiefel, bis sie wieder auf einen Zugang für die Wartungsmannschaften traf. Bald begann sie, nach dem Rhythmus ihrer Füße, vor sich hin zu pfeifen. Einen Marsch, den sie einmal gehört hatte, mit einer recht eingängigen Melodie. Das half ein wenig, um ihre Stimmung aufzuheitern und wieder mehr Tempo in ihren Schritt zu bringen. »Sternenkämpfer fürchten nichts«, hieß er und sie kannte ein paar Zeilen des Textes.

Es glänzt unser Schlachtschiff im Weltraum so weiß.

Das All ist so schwarz und die Sonnen so heiß.

Die Dunkelheit ist eisig, doch unser Blut, das kocht!

Das Blut, es kocht!

Es jagt unser Schlachtschiff im Weltraum dahin!

Und sehn wir den Feind, unser Kampfgeist erwacht.

Mag er uns wütend droh‘n, wird gefechtsklar gemacht.

Wir stürmen ihm entgegen und kennen keine Angst,

ja, keine Angst!

Es jagt unser Schlachtschiff im Weltraum dahin!

Der Mittag war heiß und in der Hitze begann der Horizont, zu einer flimmernden Linie zu verschwimmen. Nea glaubte, einen kleinen, glänzenden Punkt zu erkennen, genau an der Stelle, an der der Schienenstrang mit dem Himmel verschmolz. Der glitzernde Punkt war weit entfernt und tanzte in der heißen Luft auf und ab. Aber er gewann rasch an Größe und Kontur je näher er kam. Zu hören war nichts, doch Nea spürte ein schwaches Vibrieren, dass die Bodenplatten zum Schwingen brachten. Es kitzelte unangenehm in ihren Kniekehlen. Die Elektromagnete begannen endlich zu summen. Neas Haare stellten sich auf und das sich herannahende Objekt gab langsam weitere Details seiner Form preis. Es war eine große Lokomotive, eine Zugmaschine für Schwertransporte, die sich beinahe mit Schallgeschwindigkeit auf Nea zubewegte. Nea war zwar nicht unmittelbar in Gefahr, da sie sich nicht auf der Lauffläche des Fahrzeuges befand, aber die Druckwelle und die Luftwirbel, die der Zug bei diesem Tempo verursachte, waren nicht zu unterschätzen und konnten einem Menschen sämtliche Knochen zerschmettern. Eilig öffnete sie den Schulterriemen ihres Gewehres und improvisierte einen Haltegurt, mit dem sie ihren Körper am Geländer fixierte. Sie ging in die Hocke, umklammerte das metallene Gestänge mit beiden Armen und erwartete den Aufschlag der Druckwelle. Es war unheimlich, zu beobachten, wie der wuchtige Berg aus verchromtem Metall lautlos näherkam. Doch im selben Moment, als die Lok Nea erreichte, vernahm sie ein ohrenbetäubendes Krachen. Gleichzeitig traf sie die Druckwelle mit einer Wucht, die ihr die Sinne raubte. Die Wirbel erfassten und schleuderten sie wild herum. Als der Zug vorbeiraste, zerrte es Nea fast die Kleider vom Leib. Der Wind brauste in ihren Ohren und eine mächtige Staubwolke wurde aufgewirbelt, die Nea den Atem raubte. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, dass Personen auf den Ladeflächen der Güterwagons saßen und dass auf dem letzten Anhänger ein großes Geschütz installiert worden war. Vielleicht hatten einige der Männer sie bemerkt. Aber der Zug war zu schnell vorbeigeschossen. Es war also nicht ausgeschlossen, dass sie niemand gesehen hatte. Ohne seine Geschwindigkeit zu drosseln, jagte er davon. Bald war er wieder zu einem winzigen Punkt in der Ebene zusammengeschrumpft und außer Sicht.

Benommen rappelte sich Nea auf und klopfte den Schmutz von ihren Kleidern. Sie sah sich nach Zar um, aber er war fort. Die Druckwelle musste Zar erwischt und unter den Zug geschleudert haben. Nea setzte ihren Weg fort, taumelnd zwar, war aber unversehrt. Weder hatte sie sich etwas gebrochen noch etwas verstaucht. Nur eine kleine Prellung an der Schulter bereitete ihr Schmerzen, beeinträchtigte sie aber nicht weiter.

Endlich erreichte sie einen weiteren Zugang. Sie stieg schnell die Stufen hinunter und lief bald wieder über die weiten, geteerten Rollfelder von Sculpa Trax. Als es Abend wurde und die Sonne goldglänzend auf Nea herabschien, gelangte sie in einen Bezirk, in dem sich erneut viele Rohre und Leitungen kreuzten. Eine Unmenge an Silos, Tanks, Magazinen und Speichergebäuden erhob sich zwischen magnetischen Transportstegen und Fließbändern. Es musste sich um einen Knotenpunkt handeln, von dem aus man Waren und Material zu verschiedenen Sektoren des Planeten versenden konnte. Das Areal war nicht besonders groß. In einer Stunde hätte man es gemächlichen Schrittes durchwandern können. Nea beschloss, in dieser Anlage nach etwas Wasser, Essbarem und anderem zu suchen, was ihr nützlich sein konnte und brachte lange Zeit damit zu, zwischen den Silos und Lagerhallen herumzustöbern. Aber selbst, als sie ein Gebäude mit einer kleinen Unterkunftssektion entdeckt hatte, musste sie feststellen, dass es auch hier weder Energie noch Wasser gab, bis auf die warme, abgestandene Brühe, die in den Leitungen zurückgeblieben war. Ansonsten wirkte auch hier alles alt, verbraucht und verlassen. Die Anlagen im Kontrollraum waren zum Teil zerstört oder abgeschaltet und die Unterkunftsräume ausgebrannt. Der Brandgeruch war noch allgegenwärtig. Wände und Böden waren schwarz von Rauch und Ruß. Offensichtlich hatte die Mannschaft hier eine gezielte Sabotage betrieben, um Eindringlingen keine Möglichkeit zu bieten, die wenigen intakten Gebäude benutzen zu können. Bedauerlicherweise traf dies nun auch auf Nea zu, die sich ihren Lagerplatz unter freiem Himmel suchen musste. Neben einem großen Tank, der sich auf korrodierten Stützen über den Boden erhob, richtet sie sich für die Nacht ein.

Bevor sie sich schlafen legte, beschloss sie, ihre Ausrüstung auszupacken, zu sortieren und zu überprüfen. Möglicherweise hatte die schmerzhafte Begegnung mit dem Zug etwas beschädigt. Aber sie fand die Schachtel mit Medizin und Verbandszeug unversehrt. Lediglich der Beutel mit der Pulvernahrung war eingerissen und ein Teil des Inhalts hatte sich im Rucksack verteilt. Sie begann, ihn auszuleeren und zu säubern. Das einfache, optische Fernglas hatte keinen Schaden genommen. Sie hob es vor die Augen und ließ ihren Blick über die endlosen Ebenen schweifen. Sie betrachtete den Sektorenturm, den sie zu erreichen versuchte und der einsam in die Höhe ragte. Aber er war noch zu weit weg, und das Fernglas zu schwach, als dass Nea Einzelheiten hätte erkennen können. Womöglich war er noch in Betrieb. Immerhin hoffte sie das.

Die Rauchschwaden der vielen Brände trübten den Himmel inzwischen beachtlich und der Abend erwachte schnell und grau. Als es dunkel geworden war, begann es zu regnen. Dicke, ölige Tropfen klatschten auf den Asphalt. Zuerst hoffte Nea, ihren schwindenden Wasservorrat damit aufzufüllen, doch nachdem sie in der hohlen Hand ein wenig Wasser aufgefangen und gekostet hatte, überlegte sie es sich anders. Es schmeckte widerlich und in ihrem Mund verblieb der üble Geschmack von Öl und verschmortem Kunststoff. Doch es hatte keinen Sinn, sich darüber zu ärgern. Sie sollte sich nicht in diesem Moment schon zu viele Sorgen machen. Das würde ihr nur den Schlaf und damit die Kraft rauben.

In der Sicherheit des großen Tanks streckte sie sich aus, nahm einen tiefen Atemzug und rollte sich anschließend auf ihrer schmalen Matte zusammen. Das gleichmütige Trommeln des Regens und die Erschöpfung durch ihren langen Marsch ließen Nea schnell einschlafen. Sie träumte einen ruhigen und angenehmen Traum, in dem sie über Wiesen lief, die mit vielfarbigen Blumen gesprenkelt waren. Über ihr ein blauer Sommerhimmel, weiße Wolken zogen darüber. Sie sah hohe, glänzende Häuser in der Ferne – um eine goldene Kuppel angeordnet, die im hellen Sonnenlicht strahlte. Die Gebäude bildeten eine Stadt mit leuchtenden Fassaden und kunstvoll angelegten Gärten, die wie die Kaskaden eines grünen Wasserfalls an den Türmen herabflossen. Es war ein herrlicher, wunderschöner Anblick. Nea war sich bewusst, dass sie schlief, aber was sie sah, war mehr als nur ein Traum. Es war wie eine Vision. Alles war greifbar, hatte klare Konturen und Gerüche.

Ein schlankes, großes Fahrzeug schwebte zwischen den Wolken heran, schimmernd wie poliertes Silber. Mit weißen, geblähten Segeln flog es lautlos dahin. Lange, bunte Wimpel, Fahnen und Girlanden daran wehten im Wind. Ein Schauer von schillernden Blüten ergoss sich in den Himmel und wirbelte wie eine bunte Gischt dem Schiff hinterher. Sie hörte das Lachen von Kindern und fühlte, dass sie im hohen Gras lag.

Nea schlug die Augen auf.

Im Norden leuchtete der Himmel. Blitze zuckten über die Ebene und erhellten die Wolken über dem Horizont. Ein war großes Gefecht und die Explosionen tauchten die Umgebung in ein so grelles Licht, als wäre es lichter Tag. Der Donner der Detonationen rollte dumpf heran. Das Ganze dauerte einige Minuten an, dann hörte es plötzlich auf. Es gab noch ein schwaches Nachflackern, dann wurde es dunkel und ruhig.

Gerade als Nea sich wieder schlafen legen wollte, wurde sie ein weiteres Mal durch Geräusche aufgeschreckt, die jedoch bedeutend näher und sehr viel klarer zu hören waren. Schnell versteckte sie sich hinter einer der Stützen unter dem Tank und beobachtete, wie ein kleiner Wagen in ihrer Nähe anhielt. Es war ein Fahrzeug auf vier Rädern, wie man sie auf Sculpa Trax normalerweise nicht oder nur sehr selten verwendete. Soweit Nea es in der Dunkelheit erkennen konnte, befanden sich drei Männer darin, wovon einer auf der Ladefläche stand und sich auf ein schweres Bordgewehr stützte, das man dort angebracht hatte. Das Wesen, das es bedient, war groß. Allem Anschein nach ein Akkato. Ein Scheinwerfer flammte auf und sein greller Lichtfinger tastete die Umgebung ab.

»Da ist doch nichts«, hörte Nea eine raue Stimme sagen.

»Wir sollen überall nachsehen«, antwortete jemand energisch. »Selbst wenn es eine unbedeutende Spur ist. Hat Solmoth doch angeordnet. Persönlich sogar. Irgendetwas tut sich hier, das liegt auf der Hand.«

»Genau deswegen will ich keine Zeit verschwenden«, kam die heisere Antwort. »Hier gibt es nicht das Geringste. Wir kehren um und nehmen die Spur dort auf, wo wir sie verloren haben.«

Nea klemmte sich dichter hinter den Pfeiler, als der Scheinwerfer unvermittelt in ihre Richtung schwenkte und einen furchtbar langen Moment genau auf ihrer Position verharrte. Dann ratterte das Gewehr los und der Scheinwerfer wurde in eine andere Richtung gedreht. Nea saß wieder im Dunkeln. Sie spähte aus ihrem Versteck und sah, dass der Kanonier einen kleinen Schuppen in Brand geschossen hatte. Ein lodernder Flammenpilz wuchs in die Höhe und Funken flogen auf.

»Was soll das, du Idiot?«, fragte der Mann mit der Reibeisenstimme auf dem Beifahrersitz.

»Hier war‘s nur so verdammt still«, antwortete der Kanonier. »Stört‘s dich?«

Im Licht der Flammen konnte Nea ihn genauer in Augenschein nehmen. Es war tatsächlich ein muskulöser Akkato, dessen rote Mähne zu Zöpfen geflochten war. Die beiden anderen waren Menschen. Der Beifahrer, offenbar der Chef der kleinen Truppe, brummte etwas und schüttelte den Kopf. Dann vernahm Nea, wie die Männer über einer Karte zu diskutieren anfingen, die sie hervorgeholt hatten. Eine schimmernde Folie, auf der winzige Markierungen und Hologramme leuchteten. Was die Männer sagten, konnte sie allerdings nicht hören. Nur, wenn die Debatte etwas hitziger wurde, verstand sie den einen oder anderen Satz – hauptsächlich Flüche und Beleidigungen. Der Akkato sah immer wieder hoch, hielt Ausschau und schnüffelte.

»Wer immer da aus dem Wrack gekrochen ist«, sagte der Beifahrer mit der rauen Stimme, »der ist auf und davon. Wäre schon ein verdammtes Glück, den zu finden.«

»Denk doch an die Belohnung«, meinte der Fahrer. »Wenn wir ihn nur ein bisschen in Panik gebracht haben, kann es sein, dass er uns direkt in die Arme läuft. Möglicherweise haben wir ihm ja den Weg abgeschnitten und er kommt genau auf uns zu. Denk doch zurück an Zirrus. Da hatten wir dieselbe Situation und plötzlich stand der Kerl direkt vor uns. Wie blöd der geguckt hat. Wusste, dass es aus ist und wir noch ein bisschen Spaß mit ihm haben würden.« Er prustete vor Lachen. »Könnte doch wieder passieren, oder?«

»Kann schon sein. Wir sind vielleicht zu weit vorausgefahren. Ich denke, wir haben uns zuerst zu weit nach Süden bewegt, bevor wir umgekehrt sind«, sagte der Anführer. »Schon möglich, dass er uns in die Arme läuft. Oder er hat sich dort versteckt, wo wir die Fährte verloren haben und ist noch immer da. In der Bahntrasse gibt es einen Korridor und darin unzählige Möglichkeiten, sich zu verstecken.« Er sah auf einen Bildschirm in der Konsole des Wagens. »Hier jedenfalls ist nichts. Auf dem Sucher keine Anzeige, nur dunkle Flächen.«

»Wir bräuchten ein Satellitenbild«, warf der Akkato ein.

»Funktioniert doch nicht«, brummte der Anführer. »Wie oft soll ich das denn noch sagen?«

»Probier‘s noch mal«, beharrte der Akkato. »Vielleicht haben es unsere Jungs jetzt hinbekommen.«

Eine Weile war es ruhig. Offenbar verschaffte sich der Mann gerade Zugang zu den Satellitendaten. Dann hörte Nea, wie der Anführer der kleinen Gruppe seinem Ärger mit einigen gezischten Bemerkungen Luft machte. Augenscheinlich konnte er, wie er es erwartet hatte, keine Informationen über das Satellitennetz abrufen.

»Sagte doch, dass wir mit denen noch Schwierigkeiten bekommen würden«, schimpfte der Mann am Steuer. »Dieser Zeelona ist nicht zu trauen. Die hat alle Satelliten vom Himmel runter geholt.«

»Du sagst es«, knurrte der Akkato. »Ich würde ihr gerne eine auf den Pelz brennen.«

»Ihr seid Idioten«, sagte der Mann mit der rauen Stimme. »Warum sollte sie das Satellitennetz zerstören? Sie braucht es, genauso wie wir. Nein, nein. Das waren die verdammten Nietköpfe. Wir haben die unterschätzt. Und wen immer wir auch verfolgen, der hat nicht nur Ahnung davon, wie man verschwindet, sondern auch noch ‚ne gute Portion Glück. Wird noch ein bisschen dauern, ehe wir den zu fassen bekommen.« Er machte eine Pause, in der er die Karte zusammenfaltete. »Die Jungs feiern oder holen sich ihren Anteil und wir sind in dieser öden Gegend unterwegs. Verdammter Mist.«

»Mir macht es Spaß.« Der Kanonier grinste breit.

»Mir nicht!«

Mit einer weiteren Salve gab der Akkato seinen Kommentar ab und lachte polternd.

»Dir geht‘s gar nicht um die Belohnung«, folgerte der Mann mit der rauen Stimme lapidar. »Dir geht’s nur darum, jemanden zu grillen, oder?«

Zur Bestätigung brüllte der Akkato auf und schoss das Magazin leer. Dann fuhr der Wagen an und jagte in die Nacht hinein.

Na großartig!, dachte Nea. Ein paar verrückte Verfolger bis an die Zähne bewaffnet und offenbar keine Anfänger. Mit Hilfe einiger herumstehender Kisten errichtete Nea eilig einen niedrigen Sichtschutz, der sie vor Blicken aus den Wärmebildsuchern bewahren sollte, und begann ihr Gewehr zu überprüfen. Sie legte es griffbereit an ihre Seite und rollte sich wieder auf ihrer Matte zusammen. Erstaunlicherweise fühlte sie sich hinter der niedrigen Wand aus Kisten recht sicher und war bald eingeschlafen.

Kapitel 2

Der Morgen graute. Und noch bevor die Sonne über den Horizont gestiegen war, erwachte Nea und untersuchte mit dem Fernglas ihre Umgebung. Das Okular war verhältnismäßig schlecht ausgestattet. Ein einfacher Modus zur Wärmedarstellung – mehr hatte es nicht zu bieten. Die Welt darin war von kaltem Blau erfüllt und zeigte keine einzige Wärmequelle. Keine Maschine, die im Betrieb war, kein Tier und auch kein Mensch waren durch leuchtende Umrisse erkennbar. Alles war dunkel und wirkte unbewegt.

In diesem Moment war es genau das, was Nea sich wünschen konnte. Violette Schatten dehnten sich über die Ebenen, als die Sonne aufgegangen war und Nea wechselte auf die normale Optik. Geraume Zeit brachte Nea damit zu, die freien Flächen zwischen Containern, Maschinen oder Gebäuden auszuspähen. Erst als sie glaubte, alleine zu sein, setzte sie ihren Marsch, über die freie Ebene fort. Natürlich blieb eine Spur der Unsicherheit und die ganze Zeit über kam sie sich wie auf dem Präsentierteller vor und das umso mehr, als das Tageslicht zunahm. Mehrmals hielt sie inne, versteckte sich hinter Stapeln von Kisten oder rostigem Schrott und beobachtete misstrauisch die Umgebung. Sie kam nur langsam voran und schien sich dem Turm nur unwesentlich genähert zu haben, obwohl sie das Gefühl hatte, schon unzählige Kilometer zurückgelegt zu haben. Weiterhin war nur wenig mehr von ihm zu erkennen. In der dunstigen Luft waren gerade mal seine Umriss zu erkennen. Sie ging nicht davon aus, dass der Turm mit voller Personalstärke betrieben wurde. Aber selbst hier musste es bestimmt Arbeit zu tun geben. Das Schienennetz und die Transportbänder waren immerhin in Betrieb gewesen, bis man sich entschieden hatte, sie abzuschalten. Und auch über dem Niemandsland gab es Flugverkehr, der koordiniert werden musste und sei es auch nur, wenn es sich um Ausweich- und Überlastrouten handelte. Flugbetrieb gab es hier, wie Nea schnell bemerkt hatte, aber überhaupt keinen. Kein Schiff oder Gleiter flog über das Gebiet – weder nachts noch tagsüber. Das konnte natürlich auf die Umstände zurückzuführen sein. Womöglich waren jegliche Flugbewegungen untersagt oder einfach unmöglich. In der Nacht allerdings waren ihr ein paar Lichter aufgefallen, die am Turm geblinkt hatten. Gleichwohl konnte das auch ein automatischer Vorgang gewesen sein. Es war aus Sicherheitsgründen durchaus üblich, die Signallichter in hohen Bauwerken in Betrieb zu halten, auch wenn sie nicht genutzt wurden. Insofern mochten die Lichter, die Nea beobachtet hatte, nichts weiter zu bedeuten haben. Ein schlichter Automatismus, der das Wirken eines menschlichen Willens imitierte.

Nea fühlte sich erleichtert, als sie wieder eine größere Anlage erreichte und in das scheinbar wirre Geflecht aus Röhren und Leitungen eindrang. So fühlte sie sich vor fremden Blicken verborgen und erheblich sicherer. Sie entspannte sich und merkte, wie unruhig sie in den vorangegangenen Stunden gewesen war. Container und Behälter ohne Zahl und von unterschiedlichsten Größen und Formen türmten sich um sie herum wie ein Gebirge auf. In dessen Schluchten konnte sie sich ungestört bewegen. Neben allerlei Frachtbehältern waren hier auch schwere Kettenfahrzeuge und andere Vehikel deponiert, die jedoch allesamt unbrauchbar und schrottreif waren. Staub und allerhand Unrat hatte der Wind herangetragen und an den Maschinen zu kleinen Hügeln aufgeschichtet. Dazwischen wuchsen kleine Büsche, Disteln und anderes Unkraut, was verriet, dass sie seit langer Zeit nicht mehr bewegt worden waren. Auch von dem Gewirr der Leitungen und Kabel, das sich wie ein Netz über ihrem Kopf ausdehnte, hingen lose Teile herab. Drähte und Kabelstränge, von denen sich Fetzen des Isoliermaterials abgelöst hatten und herabgefallen waren, als sei es trockenes, welkes Laub. Abgerissene Leitungen hingen wie Lianen in einem Urwald bis zum Boden herunter. Das Gelände war sehr weitläufig und Nea war bis zum Abend im Schutz dieses künstlichen Dschungels unterwegs. Ihr Wasservorrat ging zur Neige und wollte sie vor dem Schlafen ihren Durst löschen, so würde ihr am nächsten Tag nicht mehr viel übrig bleiben.

Nea konnte zwischen den Rohrleitungen den Turm erkennen, der sich dunkel gegen den roten Abendhimmel abhob. Sie schätzte, dass sie ihn am nächsten Tag, am frühen Nachmittag erreichen würde. Sie war gut vorangekommen, wie sie zufrieden bemerkte. Erneut holte sie ihr Okular hervor und sah sich das Bauwerk näher an. Die Luft war zum Abend hin klarer geworden und nun gab der Turm endlich Einzelheiten von sich preis. Brandspuren waren nun unschwer zu erkennen. Die Fassade hatte sich an vielen Stellen geschwärzt. Die Fenster waren größtenteils zerschmettert und herausgebrochen. Glitzernde Glassplitter hingen in den Rahmen, die wie gähnende Mäuler mit scharfen, gefletschten Zähnen wirkten. Insgesamt ein wenig erfreulicher Anblick, der Nea weder Mut noch Hoffnung machte. Dabei hätte sie es bitter nötig gehabt, mal eine gute Nachricht zu erhalten. Ihre Zuversicht schwand. Sie fühlte sich schlecht.

Gerade, als sie das Fernglas wieder einsteckte, hörte sie erneut Motorengeräusche. Sofort suchte sie in der Richtung, aus der sie kamen, und kauerte sich hinter einem Stapel verrosteter Rohre, während das Knattern des Fahrzeuges lauter und lauter wurde.

Unvermittelt schoss der Wagen mit ihren Verfolgern aus einer Gasse zwischen den Frachtcontainern hervor und schoss an Nea vorüber. Mit quietschenden Reifen kam er zum Stehen.

»Zurück, zurück!«, schrie der Akkato auf der Ladefläche verärgert. »Wir sind vorbeigefahren!«

Nea nahm ihr Gewehr und entsicherte es. Sie beobachtete voller Anspannung, wie der Wagen rückwärtsfuhr und sich mit jaulendem Motor auf sie zubewegte. Doch wie schon zuvor sauste er an ihr vorbei, blieb dann aber ein weiteres Mal stehen.

»Ich hab unseren Läufer gesehen«, hörte Nea den Akkato sagen. »Ich könnte schwören, es war eine Menschenfrau.«

»Ein Weib?«, fragte der Fahrer.

»Ja.«

»Dann wird die ganze Angelegenheit ja noch richtig interessant.«

Der Wagen fuhr langsam an und bewegte sich wieder in ihre Richtung. Der Akkato spähte über den Lauf seiner Waffe hinweg, bereit zu feuern, wenn sich ihm ein Ziel bieten würde. Nea machte sich so klein, wie es nur ging. Sie drückte sich so eng wie möglich an die Stahlrohre und versuchte ganz ruhig zu atmen – so, wie sie es in dieser Situation nur vermochte. Lektionen aus ihrer Ausbildung kamen Nea wieder in den Sinn. Nicht lediglich mit der Umwelt verschmelzen, und dann noch vorhanden zu sein, lautete eine davon. Sondern sich stattdessen gänzlich aufzulösen und aus der Welt zu verschwinden. An nichts zu denken, war die Voraussetzung. Nicht einmal an ihre Angst, aber das wollte ihr nicht gelingen. Ihr Puls raste und Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. Immerhin brachte sie es fertig, ihren Atem zu beruhigen. Nea hörte, wie das Fahrzeug mit grausamer Langsamkeit an ihrem Versteck vorbeirollte. Dann blieb es stehen, ganz in ihrer Nähe und die Männer begannen, sich zu beratschlagen. Nach einigen endlosen Minuten fuhren sie weiter, bogen irgendwann ab und gelangten hinter einem Containerstapel außer Sicht.

In diesem Moment sprang Nea auf und kam aus der Deckung heraus. Sie schlich über die Gasse und bog in einen schmalen Weg zwischen den gestapelten Containern ein. Dann begann sie zu laufen, schlug einige Haken und stand am Ende vor der Schaufel eines Baggers, der zwischen einer großen Anzahl anderer Maschinen abgestellt war. In der großen Schaufel meinte sie ein gutes Versteck gefunden zu haben. Um hinein zu kommen, musste sie eine dicke Schutzplane anheben, welche man über die gesamte Maschine gelegt hatte. Ein dicker Schwall warmen, stinkenden Regenwassers, das sich darauf gesammelt hatte, ergoss sich dabei auf den Boden. Als sie mit Mühe, unter der Abdeckung hindurch, in die Schaufel gekrochen war, richtete sie sich so ein, dass sie zwischen den vielen metallenen Zähnen hinaussehen konnte. Sie legte das Gewehr an, legte den Lauf zwischen zwei der Zinken und beobachtete ihre Umgebung durch das Zielfernrohr. Das Tageslicht verblasste und das wachsende Zwielicht hüllte die seltsamen Gerätschaften in ihrer Nähe in einen tiefen, blauen Schatten. Nea fühlte sich, als befände sie sich inmitten einer Herde urtümlicher Ungeheuer, die sich zusammengedrängt hatten, um im Schutz der Gemeinschaft die Nacht zu verbringen. Für eine Weile fühlte sie sich sicher.

Die Zeit verging und es wurde dunkel, als der hünenhafte Akkato auftauchte. Nea schreckte zusammen und ihren Lippen entfuhr ein heftiger Atemstoß. Das Wesen hatte das Gewehr vom Wagen abmontiert und hielt es schussbereit in den großen Händen. Vorsichtig kam er näher, richtete die Waffe mal hierhin, mal dorthin. Seine schwarzen Augen glänzten. Sie verrieten Anspannung und Mordlust.

Nea zielte auf seinen massigen Kopf und bemerkte mit Schaudern, dass sich der Akkato langsam aber beharrlich ihrer Position näherte. Sie wünschte sich, er würde stehenbleiben, einen anderen Plan fassen und verschwinden. Doch er kam Schritt für Schritt näher. Sie konnte seinen Atem hören und sehen, wie sich seine großen Nasenlöcher weiteten und wieder verengten. Er war nur noch knapp zwei Armlängen entfernt, als er stehenblieb, an sich herunterblickte und die Stirn runzelte. Die Pfütze, in die er gerade gestiegen war, irritierte ihn offensichtlich, und als er den Verlauf des Wassers zu dessen Ursprung zurückverfolgte, feuerte Nea einen Schuss ab. Dem Akkato entglitt das Gewehr und es fiel polternd zu Boden. Er schwankte und starrte Nea ungläubig an. Ein dünnes Rauchfähnchen stieg aus einem großen Loch zwischen seinen Augen auf. Dann kippte er nach vorne und blieb seltsam verkrümmt an dem Vorderreifen des Fahrzeugs liegen.

Nea kletterte in aller Eile aus der Schaufel und betrachte den Akkato noch einen Augenblick lang. Er sah aus, als hätte er sich an das Rad gesetzt und sei einfach eingeschlafen. Sie hatte schon viele schlimme Situationen erlebt, aber es bisher vermeiden können, jemanden zu töten. Jedenfalls nicht aus nächster Nähe; Auge in Auge. Sie war mit derNovaoft in kleine Scharmützel mit Plünderern geraten und hatte sich mit den Bordwaffen verteidigen müssen. Aber das hier war etwas völlig anderes. Sie war wie betäubt, zu keiner Reaktion fähig. In dem Moment hatte sie weder Angst, noch dachte sie an Flucht. Sie war sich ihrer Gefühle nicht sicher. Sie empfand Bedauern, Genugtuung, Schuld und seltsamerweise auch eine Anwandlung von Stolz. Es war ihr unangenehm und sie versuchte, den Gedanken zu verdrängen.

Erst als sie das Brummen eines Fahrzeuges hörte, kehrten ihre Sinne zu ihr zurück. Sofort zerrte sie eine der wuchtigen Pistolen aus dem Gürtel des Akkato, schulterte ihr Gewehr und lief davon. Sie rannte so lange, bis ihr die Beine den Dienst versagten. Schließlich machte sie eine Pause und lehnte sich keuchend gegen einen Pfeiler, der einen gewaltigen Strang an Kabeln und Leitungen stützte. Mittlerweile waren die Sterne heraufgezogen. Die Monde waren aufgegangen und standen hell am Himmel. Das rote Auge, das Zosto nach dem Meteoritentreffer erhalten hatte, leuchtete schaurig und schien Nea aufmerksam zu beobachten.

Sie kramte die Flasche hervor, trank sie beinahe restlos leer und steckte sie wieder ein. Als sich ihr Herzschlag wieder beruhigte, unterzog sie die erbeutete Pistole einer eingehenden Betrachtung. Wie jede Waffe war sie einfach zu bedienen, aber ihre Beschaffenheit zeigte Nea, dass sie für die maximale Zerstörung geschaffen worden war. Bestimmt war ihre Reichweite gering, aber aus nächster Nähe abgefeuert, mochte sie jeden und alles vernichten, auf das sie zielte. Sie hatte noch nie zuvor eine Pistole dieser Bauart gesehen und war sicher, dass sie die Konstruktion ihres einstigen Besitzers war. Nea behielt die Waffe schussbereit in der Hand, während sie weiterging. Sie wollte nun keine Zeit mehr verlieren und so schnell wie möglich den Turm erreichen. An Schlaf war nicht mehr zu denken, auch wenn sich die Müdigkeit noch schwerer auf sie legen würde, wenn sich das Adrenalin in ihrem Blut abgebaut hatte. Sie fasste den Entschluss, die Nacht hindurch weiterzumarschieren. Immer im Schutz der unzähligen, aufgestapelten Gerätschaften und Behältnisse, die sie wie ein labyrinthischer Schutzwall umgaben. Auf ihrem Weg blieb sie nicht mehr stehen, sondern hielt stur auf ihr Ziel zu, ohne weitere Zeit damit zu verschwenden, sich ein Versteck zu suchen. Es war ohnehin viel zu dunkel, um einen tauglichen Unterschlupf ausfindig zu machen. Im Norden der Hafenwelt waren die Nächte heller, wegen all der künstlichen Lichter an Gebäuden, den Schiffen oder auf den Rollfeldern. Es war so dunkel, dass man kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Es dauerte eine Zeit, bis sich Nea an die Finsternis gewöhnt hatte und bis sie sicher war, nicht ständig gegen irgendein Hindernis zu laufen. Trotzdem stolperte sie häufiger, als ihr lieb war. Auf ihre Augen konnte sie sich nicht verlassen, aber seltsamerweise wurde ihr Gehör empfindlicher. Das Geräusch ihrer Stiefel auf dem harten Beton klang anders, wenn sich die Gassen verengten oder wenn sich die Räume öffneten. Allmählich wurde ihr Gang sicherer und das Marschtempo zügiger. Es war spannend zu erleben, wie sich ihre Sinne schärften. Ihre Ohren lauschten auf jedes noch so leise Geräusch, als sei sie ein blindes Nachttier, das durch die Dunkelheit eilte. Sie würde den Wagen ihrer Jäger schon früh genug hören, sollte er sich nähern.

Tatsächlich geschah nichts. Weder sah noch hörte sie etwas von ihren Verfolgern, und als es Tag wurde, hatte sie den Sektorenturm beinahe erreicht. Während sie auf das Gebäude zuging, bestätigte sich der Eindruck, den es schon vorher auf sie gemacht hatte, auf noch drastischere Weise. Es schien verlassen und die vielen Beschädigungen erwiesen sich als die Einschläge schwerer Geschosse. Risse durchzogen die Mauern. Knapp unter der Kuppel, an der Südseite des Turmes, klaffte ein großes Loch, dessen gezackte Ränder rußgeschwärzt waren. Von Neas Blickwinkel aus wirkte es, als hätte ein hungriger Riese ein Stück aus der Wand herausgebissen.

Es war inzwischen heller Morgen. Nea befand sich noch etwa zwei Kilometer vom Turm entfernt. Hier endete das einigermaßen sichere Gelände, wo sie, inmitten der verwaist herumstehenden Maschinen und Gerätschaften, vor fremden Blicken sicher gewesen war. Ihr Weg mündete jetzt in eine asphaltierte Ebene hinein. Nea schlich sich im Schutze einer Reihe halbleerer Tanks und Fässer, bis an den Rand der freien Fläche heran. Das Areal unmittelbar um den Sockel des Gebäudes war ein Ring aus Landeplätzen, auf dem normalerweise die Schiffe der Arbeitsgruppen standen, die zum Personal dieses Sektors gehörten. Die Ebene war leer, bis auf wenige Behälter und Kisten, die dort vergessen worden waren. Direkt voraus, im Sockel des Turms, erkannte sie mehrere geöffnete Tore, dicht an dicht, so dass der Fuß des Turms wie eine antike Säulenhalle wirkte. Sternförmig führten Straßen und Schienen von allen Seiten hinein wie in einen Bahnhof.

Nea sah sich sorgsam um. Niemand war zu sehen. Keine verdächtige Bewegung, kein verdächtiges Geräusch. Nur Stille. Selbst der Wind hatte sich gelegt. Es regte sich kein Hauch. Sie hob das Fernglas vor die Augen und untersuchte das Gelände, das vor ihr lag und den Sockel des Turms. Es gab nichts, das ihren Argwohn erweckte. Alles sah so aus, als ob sie hier in weitem Umkreis alleine war. Allem Anschein nach hatte sie ihre Verfolger abgeschüttelt. Jedenfalls sah es nicht so aus, als dass sie ihr zuvorgekommen waren, um ihr aufzulauern. Mittlerweile mussten sie sich ja denken können, wohin sie unterwegs war. Nea grübelte. Der Jäger wartet am besten dort, wohin sich das Opfer flüchten wird, erinnerte sie sich an die Worte des Agenten Paggan, mit dem sie einmal zusammengearbeitet hatte. Der Jäger schlägt zu, wenn es sich in seine Höhle zurückzieht oder an Orten, die der Beute vertraut sind und die es gerne aufsucht. Oder er schlägt zu, ergänzte sie, wenn es sich sicher fühlt und leichtsinnig wird.

Neas Misstrauen war von neuem geweckt. Nochmals sah sie durch das Fernglas und musterte das Areal genauer, argwöhnischer, misstrauischer. Wieder fand sie nichts Ungewöhnliches. Dennoch wuchs in ihr die Gewissheit, dass die Freunde des Akkato irgendwo dort draußen lauerten und darauf warteten, dass sie in die ungeschützte Ebene trat. Sie vermuteten bestimmt schon, aus welcher Richtung Nea kommen würde und welchen Weg sie dann gehen musste. Zuerst dachte sie daran, den Turm innerhalb des ihn umgebenden Ring aus Chaos zu umrunden und ihn dann von Westen her zu betreten. Aber das würde gewiss einen weiteren Tag in Anspruch nehmen. Dazu hatte sie keine Kraft mehr. Mit zunehmender Erschöpfung würde sie Fehler begehen.