Beschreibung

Nea wird von den Gläubigen Asgaroons zunehmend in die Rolle gedrängt, die lang erhoffte Inkarnation Simnas zu sein. Während sich die Gläubigen aufopferungsvoll um ihre vollständige Rückkehr kümmern, die das Gefüge Asgaroons wiederherstellen soll, verwandelt Neas Entdeckung die Situation bereits nachhaltig. Ohne es zu wissen oder akzeptieren zu wollen, verhält sie sich unberechenbar und eigensinnig wie ihre vermeintliche Bestimmung, wobei sie weitere Gefahren hervorruft, die für Asgaroon zur ernsten Bedrohung werden.

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ASGAROON 7

Vergessene Welten

Allan J. Stark

Vollständige E-Book-Ausgabedes mehrteiligen ASGAROON-Zyklus‘

Vergessene Welten

Copyright © 2017 Allan J. Stark

Deutsche Erstausgabe 2017 by Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung: © Allan J. Stark

Lektorat, Herstellung: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-81-6

www.papierverzierer.de

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Inhaltsverzeichnis
ASGAROON (7) - Vergessene Welten
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
»Die Götter sind gut, die Priester grausam.«

Voltaire

Kapitel 1

Die Feiern dauerten noch einige Tage an. Sie schienen weniger dem Sieg über das Schwarze Volk zu gelten, als der Ankunft Simnas, die nach vielen Jahrtausenden zurückgekehrt war, um Kimath zu befreien. Die weiten Landstriche um die Hauptstadt Haroona waren bedeckt von unzähligen Schiffen und Transportern aus dem ganzen Phory-System. In den vergangenen Stunden war ein weiterer Schwung von Besuchern eingetroffen. Es stellte sich als nahezu unmöglich heraus, ihnen weitere Landflächen als geeigneten Standort zuzuweisen. Keiner der Bewohner Haroonas konnte sich daran erinnern, jemals für die Unterkunft und Versorgung so vieler Gäste verantwortlich gewesen zu sein.

Die Hauptstadt verfügte über einen Tempel, in dem man die schwarze Göttin verehrte, in der viele Bewohner Kimaths eine Inkarnation Simnas sahen. Allein deshalb, gab es das ganze Jahr über eine beträchtliche Anzahl von Pilgern, die versorgt werden mussten. Doch selbst der König versicherte Nea, dass es niemals zuvor einen solch gewaltigen Ansturm von Besuchern auf dem Planeten gegeben hatte. Laut den Chroniken von Phory hatte es nur einmal ein vergleichbares Ereignis gegeben, das eine ähnlich große Menge von Pilgern angezogen hatte. Dabei handelte es sich um die Einweihung des Tempels, für die Schwarze Göttin. Aber das lag bereits zehntausend Jahre zurück und selbst damals waren es bei weitem nicht derart viele Gläubige gewesen wie jetzt. In den Straßen der Stadt herrschte so dichtes Gedränge, dass die Ordnungskräfte kaum ihrer Arbeit nachkommen konnten. Vereinzelt hatte es schon Tumulte gegeben mit vielen Verletzten und einigen Toten. Der König musste immer wieder Soldaten einsetzen, damit er das Chaos in den Griff bekam. Er hätte gerne darauf verzichtet, bewaffnete Truppen gegen die eigene Bevölkerung zu führen, wie er ohne Unterlass betone, aber es schien keinen anderen Weg zu geben.

Nea brachte man zwischenzeitlich in einem Seitenflügel des Palastes unter, weswegen Reihmann protestierte, der darauf drängte, sobald wie möglich das nächste Sternensystem anzufliegen. Wie er dem König von Phory zu verstehen gab, waren sie nicht hier, um sich huldigen zu lassen. Aber der König nahm seinen Ärger nur beiläufig wahr und ließ sich nicht davon abbringen, Nea ein guter Gastgeber zu sein.

In Neas Gesellschaft bewegten sich neben Taya auch Koron Zathuree und Meren Turas, die ihr scheinbar nie von der Seite wichen und verhinderten, dass man sie mit Bittgesuchen belästigte. Vor dem Palast hielten sich Tag und Nacht sowohl Bewohner von Haroona als auch Reisende, von den benachbarten Planeten auf. Sie harrten darauf, einen Blick auf Simna werfen zu können oder auf die unwahrscheinliche Gelegenheit, ihr so nahe zu kommen, um einen Gefallen von ihrer Göttin zu erbitten. Nachts konnte Nea vom Fenster aus die Kerzenlichter abertausender Pilger sehen, die vor der Palastmauer ausharrten. Fackeln auf den Mauern und Laternen auf den Balkonen, in deren Lichtschein sie die Silhouetten von Menschen, Oponi und Akkato sehen konnte; ihre flehentlichen Blicke zum Palast gerichtet, in der Hoffnung, dass Simna ihre Wünsche erfüllen möge.

Das Ganze war Nea unheimlich. Gerade einen Tag zuvor konnten die Sicherheitskräfte von Haroona einen Mann verhaften, der sich offen zum Sturz des Königs ausgesprochen hatte. Des Weiteren war er für die Vertreibung des Laioon und die sofortige Einsetzung Simnas auf den verwaisten Thron. Der Mann hieß Yalan Sen Darok und war der Anführer einer Gruppe von Eiferern, die große Hoffnungen in Nea setzten. Zum ersten Mal wurde ihr deutlich vor Augen geführt, warum Reihmann sämtliche offene Spekulationen über Simna und deren prophezeite Rückkehr, unter der Besatzung der Lagon verboten hatte. In einer holografischen Aufzeichnung hatte sich Nea die Gegenüberstellung Sen Daroks und König Seweris angesehen. Der Mann entsprach genau der Vorstellung, die sie von einem Propheten oder Religionsgründer hatte. Er war in ein einfaches Gewand gehüllt, wie es Eremiten und Mönche scheinbar auf allen Welten bevorzugten. Nea konnte sich auch ein Bild seiner intellektuellen Fähigkeiten machen. Er war ein guter Rhetoriker und brachte den Berater des Königs, der die Anhörung leitete, immer wieder in Verlegenheit. Yalan Sen Darok erzählte von Träumen und Visionen, die er und einige seiner Anhänger aus alten, prophetischen Schriften hatten. Aus ihrem Verständnis heraus durften auch sie sich als Propheten verstehen. Ausgerüstet mit dem reinen Glauben und der Fähigkeit, die Visionen ihrer lange verstorbenen Brüder zu begreifen. Visionen, die schon lange vor dem Eintreffen der Besucher aus Asgaroon die Völker ihrer Heimatwelten beunruhigten. Offenbar stammte Darok nicht von Phory und war mit den Pilgern von einem anderen Planeten eingereist. Der Prophet wurde schließlich abgeführt, wobei er fluchte und immer wieder verlangte er, Simna zu sehen. Aber da konnte er lange warten, dachte sich Nea. Das Letzte, mit dem sie sich zu beschäftigen wünschte, war ein Fanatiker, der die Bürger Haroonas zu Verrücktheiten anstiftete oder beabsichtigte sie in den Wahnsinn zu treiben. Reihmann und Captain Dayo Gellen blieben die ganze Zeit über auf der Lagon, die den Planeten umkreiste, während die Akkonia repariert wurde. Zu diesem Zweck hatte der große Konstrukteur Senay Berikan ein Instandsetzungsdock geschickt, dass die Akkonia wie ein monströser Krake umklammerte. Das beeindruckende Konstrukt prangte jetzt am Nachthimmel über Haroona und fing das letzte Sonnenlicht ein, das auf den riesigen Auslegern und Greifern leuchtete. Für die immensen Schäden an der Akkonia veranschlagte Berikan, der Konstrukteur einen guten Monat, um das Schiff wieder in einen einigermaßen guten Zustand bringen könnte. Selbst wenn die Robotereinheiten rund um die Uhr arbeiteten, glaubte er nicht daran, dass man die Arbeiten am Schiff früher würde beenden können. Um es den Robotern einfacher zu machen, wurde die Mannschaft von Bord gebracht und beurlaubt.

Währenddessen teilte Reihmann Nea per Holoübertragung mit, sie solle wieder zurück an Bord der Lagon kommen. Er fügte hinzu, dass noch genügend Herausforderungen auf Simna warteten. Er benutzte tatsächlich diesen Namen und wünsche keine weiteren Verzögerungen. Nea bestand jedoch darauf, in den nächsten Wochen auf Phory zu bleiben und den Soldaten Zeit zu geben sich zu erholen. Der Großadmiral ließ sich nicht auf einen Streit mit Nea ein, die inzwischen sehr viel Ansehen genoss und gab zähneknirschend nach. Vermutlich hatte er nur vorgehabt ihre Entschlossenheit und derzeitige Verfassung auszutesten. Ein kurzes Kräftemessen, das ihm sagte, wie weit er gehen konnte. Die vergangenen Schlachten waren auch an ihm nicht spurlos vorübergegangen, daher wollte er es sich nicht schwerer machen, als es ohnehin schon für ihn war. Und die wachsende Beliebtheit Neas verlangte ihm ebenfalls Tribut ab, da sie ihn dazu zwang, mehr und mehr aus dem Hintergrund zu agieren. Um seine Ziele zu erreichen, wie immer sie auch aussehen mochten, musste er jetzt Umwege in Kauf nehmen.

Nea zweifelte nicht daran, dass er auch darin Effektivität entwickeln würde, wenn er erst einmal wusste, wie weit sein Aktionsradius noch immer reichte. Er sollte Nea nur nicht unterschätzen. Inzwischen hatte auch sie dazugelernt und war sowohl umsichtiger als auch misstrauischer geworden. Sie hatte eine feine Nase dafür entwickelt zu erkennen, wenn jemand versuchte, sie zu hintergehen.

Die Feiern auf Phory würden noch einige Tage andauern, dessen konnte man sicher sein. Sollte sie sich entscheiden, Phory zu verlassen, würde es gewiss zu Ausschreitungen gekommen doch eine Abreise hatte sie ohnehin nicht im Sinn. Nea wollte sich amüsieren und nicht schon wieder die Konfrontation mit den Gothreks suchen. Sie waren fort und Nea hatte nicht vor, ihnen hinterherzujagen. Nea gewann indes den Eindruck, dass die Feiern weniger dem Sieg über das schwarze Volk galten als Simnas vermeintlicher Rückkehr. Simna, nach vielen Jahrtausenden zurückgekehrt, um Kimath zu befreien, und auf Phory sollte es beginnen. Auch das war ein Punkt, bei dem Reihmann nicht umhinkam, Nea zu ermahnen.

»Hoffnung sei die Mutter der Enttäuschung«, hatte er ganz beiläufig erwähnt, als sie die erste Delegation von Bittstellern in ihrem Privatgemach des Palastes empfing. »Und das Leben einer Gottheit sei nichts Weiter als ein Seiltanz zwischen Elysium und Verdammnis«, so seine Worte. Auch wenn es gut gemeint war, Nea hatte im Augenblick keinerlei Interesse an schwermütigen Gedanken und Reihmans ewiger Besserwisserei. Ein wenig Zerstreuung würde ihr guttun, und Reihmann ebenfalls, wenn er bereit war das einzusehen.

Immerhin nutzte Captain Gellen die Gelegenheit, sich auf Phory umzusehen. Nea hatte ohnehin den Eindruck, dass Gellen sich bereitwilliger und offener zeigte, Veränderungen anzunehmen, als sein Vorgesetzter. Am nächsten Tag begegnete Nea dem Captain, während er sich im Tempel der Schwarzen Göttin aufhielt und die vielen Kunstwerke darin bestaunte. Eingehüllt in Schleier und Umhang und im Schutz ihrer großen Beschützer sowie in Begleitung ihrer Zofe Taya, hatte sie sich unbemerkt durch das Gedränge an den Eingängen. Jetzt stand sie im weitläufigen Innenhof des Bauwerkes, direkt hinter dem Captain, der die Statue der Schwarzen Göttin betrachtete. Es war angenehm kühl im Schatten der hohen, bemalten Mauern und die Besucher unterhielten sich nur flüsternd, um die Stille dieses heiligen Ortes nicht zu stören. Auch Gellen schien die feierliche Ruhe abseits der schrillen Basare und Festlichkeiten zu genießen. Ehrfürchtig bestaunte er die Basaltstatue, die gut dreißig Meter hoch vor ihm aufragte. Wie ein dunkler Schatten stach sie aus dem offenen Gemäuer in den blauen Himmel hinein. In ihren goldenen Augen glänzte das Sonnenlicht. Nach allem was Nea erfahren hatte, war dieses Heiligtum nach dem Verschwinden Simnas errichtet worden und gut zwanzigtausend Jahre alt.

»Sind Sie hier um Simna Anbetung darzubringen?«, wollte sie von Gellen wissen.

Der Captain wandte sich um und zeigte sich angenehm überrascht über Neas Erscheinen. »Oh nein«, beeilte er sich zu sagen. »Ich bin nicht gläubig. Weder glaube ich an den einen, noch den anderen Gott. Und die Schwarze Göttin«, er deutete mit einem Kopfnicken auf das Götzenbild, »ist lediglich ein Aspekt von der vergöttlichten Simna. Sie steht nicht für Simna selbst, auch wenn das die Leute hier behaupten. Diese Figur hier, ist die Inkarnation ihres Zornes. Sehr menschlich, sehr winzig. Im übertragenen Sinne kann ich ihr hier auf Augenhöhe begegnen. Wenn Sie so wollen, verehre ich das Menschsein. Das Menschsein, mit all seinen Unzulänglichkeiten und kleinlichen Gefühlen. Es freut mich, dass es ein Künstler gewagt hat, diesem niedrigen Wesenszug einer Gottheit Gestalt zu verleihen. Ein strafender Gott«, er presste Daumen und Zeigefinger gegeneinander, »kommt mir doch sehr winzig vor. Da würde ich weder Angst, noch Ehrfurcht haben.«

Nea hatte darüber zwar andere Ansichten, aber sie war dennoch von seinen Gedankengängen beeindruckt. Sie empfand es als angenehm, es mit jemanden zu tun zu haben, der eigenständig und unabhängig dachte. Unter Soldaten allemal eine Ausnahmeerscheinung. Oder bediente sie damit lediglich ein Vorurteil? »Sie sind an Kultur interessiert?«

»Unbedingt.«

Nea kannte diese Seite an Dayo Gellen bisher nicht. »Ich hielt Sie eher für einen Pragmatiker.«

»Das bin ich«, meinte er in vorgetäuschter Entrüstung. »Das muss ja nicht bedeuten, ich dürfe mich nicht für Kultur interessieren. Im Gegenteil. Ein Mangel an kultureller Bildung, stellt für jeden Strategen einen Nachteil dar. Und es gibt nichts, das weniger praktikabel ist, als einen Nachteil.«

Nea lächelte. »Wie gestelzt Sie sich ausdrücken können.«

Gellen überging ihre Bemerkung. »Kultur und Glauben beeinflussen unser Handeln. Glaube verstärkt unsere Stärken ebenso wie unsere Schwächen. Gibt Auskunft über die Motive, die einen Menschen bewegen. Großtaten und Abscheulichkeiten können in gleicher Weise Auskunft geben über die tiefe des Jeweiligen Glaubenden.«

»Sie klingen wie Reihmann.«

Er schien amüsiert. »Ja, wir sind uns ein wenig ähnlich.«

»Aber Sie wollen mich jetzt nicht belehren.«

»Das habe ich doch bereits.«

Nea lachte und betrachtete die Statue. »Was denken Sie über Simna? Oder werden Sie sich hüten, mir eine der verbotenen Geschichten zu erzählen.«

»Ich habe nur den Großadmiral über mir und kann mir Freiheiten erlauben«, gestand Gellen. »Und gegen mündliche Erzählungen richtet sich das Verbot nicht, selbst wenn man das Gesetz strikt anwendet. Wenn Sie sich Notizen machen wollen, müsste ich Sie allerdings davon abhalten.«

»Warum gibt es das Verbot überhaupt?«

»Weil Religionen die Völker spalten. Und das entspricht auch meiner Meinung.« Gellen wurde unvermittelt ernst und verschränkte die Arme vor der Brust. »Vadoorian weiß das natürlich auch und wollte nach Simnas Verschwinden verhindern, dass sich irgendwelche religiöse Bewegungen bilden, die auf ihre Rückkehr hoffen, nur um damit die Sehnsucht der Menschen zu nähren.«

»Scheint ihm nicht gelungen zu sein.«

»Oberflächlich betrachtet.« Gellen betrachtete die Bilder an den hohen Wänden des Tempels. »Es hat sich nie eine große Kirche herausgebildet. Nichts was dem Laioon gefährlich werden konnte oder vor der er seine Legitimation als Herrscher verteidigen musste. Es gibt Kulte um Simna; natürlich. Das kann man unmöglich verhindern. Aber sie sind in sich zerrüttet. Sie kommen und gehen schnell und ohne Spuren zu hinterlassen. Harmlos. Unbedeutend. Ich begrüße das sehr.«

»Hier scheint sich aber ein Kult gebildet zu haben.«

»Die schwarze Göttin wird verehrt, aber wie ich schon sagte, gibt es nichts Schriftliches über sie. Keine Worte, keine Lehren, keine Bücher. Nichts Bleibendes. Alles vage Interpretationen. Man nennt sie deshalb auch die Leere Göttin«. Jeder Bewohner ist frei, in sie hineinzuinterpretieren, was immer er will. Sie ist gefüllt mit Illusionen, Träumen. Mit … Nichts.«

»Die Kimathi sind also religiös zersplittert. Und es existiert kein religiöses Banner, unter dem sie sich vereinen könnten.«

»Und deshalb sind sie friedlich untereinander. Nichts hat mehr zerstörerische Kraft als organisierte Religion. Die schwarze Göttin hat nicht einmal eine Priesterschaft, die sich aus irgendwelchen heiligen Schriften irgendeinen legitimen, gefährlichen Unsinn ausdenken kann. Der König hat hier das Sagen und lässt es jedem frei, was er glauben will. Und das funktioniert auf allen Welten Kimaths. Jeder Bürger ist Priester, Lehrer und Schüler in einem. Und solange jeder in seinem eigenen Hause den Narren spielt, nachdem er die Tür geschlossen hat, ist das völlig in Ordnung.« Gellen schienen seine eigenen Ausführungen zu belustigen. Jedenfalls lachte er und störte damit die Ruhe des Tempels für einen Augenblick.

Nea verstand. Der Laioon besaß die uneingeschränkte Macht, weil es keinen Klerus gab, der ein religiöses Gegengewicht bildete. Gellen und Reihmann schienen auf ihre Weise dafür zu sorgen, dass das auch so blieb. Je mehr Zersplitterung umso besser. Man musste nur darauf achten, dass sich die Bürger Kimaths nicht wieder organisierten. Deswegen war der Großadmiral wohl auch so angespannt, seit Nea in die Rolle von Simna geschlüpft war und an Macht gewann. Sie fragte sich, inwieweit er dem Laioon gegenüber seine Bedenken darüber bereits mitgeteilt hatte und ob er ihr früher oder später in den Rücken fallen musste. Er hätte es schon tun können, aber offenbar hielt ihn der Erfolgsdruck auf der Jagd nach den Goukoon davon zurück, bei der Nea wohl noch eine Rolle spielen sollte. Oder er empfand Sympathie für Nea und wollte nicht, dass sie dabei unter die Räder geriet.

»Können Sie mir einen Gefallen tun?«, fragte Gellen und riss Nea aus ihren Grübeleien.

»Was kann ich für Sie tun?«

»Dieser Tempel soll über geheime Archive verfügen.«

Nea war ganz Ohr. »Haben Sie Angst, ich könnte Lieder und Gedichte finden, die Simna preisen? Wollen Sie die Daten vernichten, wenn es welche gibt?«

Gellen überging Neas flapsige Entgegnung. »Wenn der König sie Ihnen zeigt, hätte ich gerne ein paar Informationen.«

Nea war unschlüssig, ob sie sich darauf einlassen sollte. »Das käme mir wie ein Vertrauensbruch vor.« »Ich sagte schon. Reden darf man über alles. Schildern Sie mir einfach ihre Gedanken. Ich denke nicht, dass der König etwas dagegen hätte.«

»Ich würde gerne wissen, was Sie von mir halten.« Nea betrachtete jede seiner Regungen aus dem Schatten ihrer Kapuze. »Denken Sie, ich sei Simna?«

»Schwer zu sagen.« Er schürzte die Lippen und wich ihrem Blick aus. »Simna liebte es, Spiele zu spielen. Ich halte das alles für möglich, wenn sie die Jahrtausende in einer Schlafkammer zugebracht hätte und dann aufgewacht wäre, um hier Ärger zu machen.« Er sah Nea an. »Ist es so? Sind Sie erst vor Kurzem wieder aufgewacht, um ein weiteres Spiel zu spielen und alle in Verwirrung zu stürzen?«

Nea überlegte eine Weile, den Captain im Unklaren darüber zu lassen, entschied sich dann aber dagegen. »Nein. Das wüsste ich. Und Sie wüssten es auch.«

Gellen schwieg.

»Ich denke, ich bin nicht Simna.«

»Auch darauf gibt es keine eindeutige Antwort.« Er betrachtete die schwarze Statue. »Wer kann schon sagen, welche Möglichkeiten der Tochter Sargons zur Verfügung standen? Und auf welchen Wegen sie uns zu überraschen vermag? Sie soll ein aufgewecktes Kind gewesen sein, das niemals vorhersehbare oder ausgetretene Pfade gegangen ist.«

Inkarnation, dieses Wort lag Nea auf den Lippen. Bin ich eine Inkarnation Simnas? Der Gedanke schien Nea nicht allzu abwegig. Es gab viele Hinweise, dass es so sein konnte.

»Wie auch immer.« Nea widmete dem Götzenbild ebenfalls ihre Aufmerksamkeit. »Kimath ist noch immer Simnas Reich. Letztendlich hat sie das Spielfeld abgesteckt. Und wie Sie sagten, Wer weiß schon, was sich diese alte Göttin ausgedacht hat?« Nea wendete sich ab und ging. »Ich bin jedenfalls auf jede Überraschung gefasst.«

Kapitel 2

Es dauerte tatsächlich nicht lange und Nea erhielt die Einladung des Königs, sich im Tempel mit ihm zu treffen. Ein junger Diener, beinahe noch ein Kind, überbrachte ihr die Nachricht. Die Begegnung mit dem König sollte nachts stattfinden, wenn sich keine Pilger mehr in den heiligen Hallen des Tempels befanden. Nea beschloss, Turas und Zathuree nichts davon zu sagen. Sie würden lediglich Bedenken haben und in ihrem Übereifer alles nur noch komplizierter machen. Lediglich Taya begleitete sie.

Es gab einen Geheimgang, der vom Palast aus in den Tempel führte. Eine kleine Eskorte brachte Nea durch den schier endlosen Tunnel zum König, der sich auf seinen Gehstock stützte und vor der schwarzen Statue auf sie wartete. Er begrüßte Nea mit einem freundlichen Lächeln und zeigte dann mit den knochigen Fingern auf das Relief von Schriftzeichen, das den Sockel umlief, auf dem das Götzenbild stand. Er breitete die Arme aus und drückte auf zwei Sternsymbole, die sich daraufhin in den Stein zurückzogen, begleitet von metallischem Klicken und Klirren. Nea fühlte ein Zittern unter ihren Stiefeln und hörte das Knirschen von schweren Steinen, die aneinander rieben. Unmittelbar vor den Füßen der schwarzen Figur gerieten einige Steinplatten in Bewegung und der Boden öffnete sich. Stufen führten hinunter in die Dunkelheit. Einer der Soldaten reichte Seweri eine brennende Fackel. Daraufhin lud der greise König Nea ein, ihm nach unten zu folgen, und machte sich daran, die Treppe hinabzusteigen. Taya hieß man, vor der schwarzen Statue zu warten, bis Nea zurückgekehrt sei. Sie gehorchte missmutig.

Der Gang war schmal, die Beleuchtung spärlich und die Treppe abschüssig. Nea machte sich Sorgen, dass der alte König stolpern und sich das Genick brechen könnte. Aber Sawo Seweri bewegte sich ohne Furcht, und jeder seiner Schritte war so sicher und routiniert, als wäre er es gewohnt, die unregelmäßigen Stufen hinabzuschreiten. Er führte Nea in eine riesige Höhle, die von jenem ungewöhnlichen quellenlosen Licht erfüllt war, das auch die Gothrek Höhlen auf Scutra und auf Kemeru erhellte. Als Nea und der König von Phory das Ende des Tunnels erreichten, standen sie schließlich am oberen Ende einer breiten Treppe. Sie führte auf den Boden einer Halle hinab, gefüllt mit Schiffen und anderen Fahrzeugen in allen möglichen Formen und Größen. Die Bauart glich jener der Gothrek-Schiffe. Allerdings war die Farbe der Schiffe von altem, angelaufenen Silber und sie wirkten weniger gedrungen und unheimlich wie die des Feindes. In akkuraten Reihen staffelten sie sich, so weit das Auge reichte.

Nea war von diesem Anblick überwältigt. »Wer hat die Sachen hier versteckt?«, wollte sie wissen.

Der König gab keine direkte Antwort, sondern wies mit seinem Stock auf das andere Ende der Halle. »Der Gor Ko Oun wird dir alles sagen. Gehe zu ihm.«

Der Name erinnerte Nea an den des Goukoon, den sie zur Strecke bringen sollte. Ob es da einen Zusammenhang gab? Oder war das nur ein seltsamer Zufall? Sie wusste nicht, was sie von der ganzen Sache halten sollte. Die Schiffe waren interessant, zweifellos. Interessant wie alle Gebilde aus Sargons oder Simnas Reich. Aber in ihren Augen waren sie nichts weiter als Museumsstücke und für Menschen ohnehin nicht zu gebrauchen. Sie schienen mindestens so alt wie der Tempel und würden mit Sicherheit nicht mehr funktionstüchtig sein. Und da Gothrekschiffe in Kimath keine Seltenheit darstellten, war diese Sammlung, für Neas Begriffe, mehr als überflüssig. Warum würde jemand sie aufbewahren wollen?

»Wer ist dieser Gor Ko Oun?«, fragte Nea schließlich.

»Er wartet«, drängte Seweri. »Er will Gewissheit.«

»Gewissheit? Worüber?« Bestimmt möchte er erfahren, ob ich Simna bin, überlegte Nea. Damit ist er nicht alleine. Das wollen so ziemlich alle Bewohner Kimaths. Die meisten glauben es ja schon. Sie glauben. Es gab nirgendwo Gewissheit. Nea wünschte sich Gewissheit.

Der König von Phory schien nicht gewillt, Nea weitere Fragen zu beantworten, und sah wie versteinert aus, während er auf die alte Flotte blickte. Schließlich ging sie alleine die Treppe hinunter und schritt durch das lange Spalier aus Gothrek-Schiffen. Rumpf drängte sich an Rumpf, und Nea wurde den Eindruck nicht los, dass die Schiffe sie beobachteten. Sie brauchte nicht viel Fantasie, um in jedem Bug ein Gesicht zu erkennen, das auf sie herabstarrte. In den wulstigen Reliefstrukturen, die das Design der Schiffe beherrschten, konnte man leicht die Züge von Insektenköpfen sehen, die alle Eindringlinge mit wachsamen Augen betrachteten.

Etwa in der Mitte der Halle ragte eine Säule empor, die sich nach oben hin zu einem Gewirr von Rohren und Leitungen verbreiterte. Ein Astwerk aus allerlei technischen Strukturen, das wirkte, als würde es das Dach des Gewölbes tragen. Nach unten hin verjüngte sich die Säule und war am Fundament nicht dicker als der Stamm einer jungen Eiche. Sie befand sich im Zentrum mehrerer steinerner Ringe, die eine Treppe bildeten.

Als Nea die Stufen hinauf ging, erkannte sie die Gestalt eines Akkato, der in einem dichten Geflecht aus Maschinen und Apparaten saß. Ein groteskes Bild, das Nea an den Anblick eines Piloten erinnerte, der in seinem Sessel kauerte, inmitten der Trümmer seines Schiffes, die ihn wie einen Kokon umgaben. Die Szene jagte Nea Angst ein und zuerst glaubte sie, lediglich auf eine kunstvoll gestaltete Statue zu sehen, bis der Akkato die Augen aufschlug und sich bewegte. Der Pferdekopf des Wesens schob sich nach vorne. Seine Nase schnupperte, und die dunklen Augen glitzerten, während ihr intensiver Blick Nea durchbohrte.

»Die Gerüchte scheinen wahr zu sein«, hörte Nea die tiefe, warme Stimme des Akkato, der die Lippen dabei nicht bewegte und die Worte offenbar direkt in ihren Sinn geschickt hatte. Ein Phänomen, das ihr inzwischen bekannt war und das sie akzeptierte, ohne sich darüber zu wundern.

»Mit Gerüchte meinen Sie das Gerede über Simna«, sagte Nea. »Und ihre angebliche Rückkehr. Ein Mann wurde festgenommen, der eine Menge Unruhe gestiftet und zum Sturz des Königs aufgerufen hat.«

»Ja.« Er lehnte sich wieder zurück und verschwand beinahe wieder im Gewirr der seltsamen Apparaturen. »Es bewegt die Bewohner von Phory. Ich höre ihr Wispern schon eine ganze Weile. Die Aufregung unter dem Volk färbt auch auf mich ab und stört meine Ruhe. Ich musste mir Gewissheit verschaffen.«

Ob er in den Gedanken der Phory lesen konnte, fragte sich Nea. Jedenfalls klang es so, als sei es ihm möglich. Und während sie überlegte, erinnerte Nea der Anblick an ein Erlebnis, das schon einige Zeit zurücklag, aber an das sie nur mit Schaudern zurückdachte. »Sind Sie ein Kiray?«

Der Akkato lachte. Es klang dumpf und dröhnend, wie Donnergrollen. »Nein. Aber ich kann die Lenker hören. Weit entfernt. Nicht viel mehr als ein Hauch im Wind. Doch der Name Simnas fällt immer wieder in ihren Gesprächen. Deutlich und klar wie das Klingen einer Glocke. Sie sind gespannt, unruhig, und einige von ihnen scheinen voller Furcht zu sein.«

»Vor mir braucht niemand Angst haben«, fühlte sich Nea veranlasst zu sagen.

»Tatsächlich?« Der Akkato sah sie aus der Tiefe der Höhlung an, in die er sich zurückgezogen hatte. Seine Augen glitzerten wie schwarze Perlen. »Sich nicht vor Simna zu fürchten, kann tödlich sein. Furcht hat manchem schon das Leben gerettet. Ein lebender Feigling ist glücklicher dran als ein toter Held.«

Nea breitete die Arme aus. »Und nun?«

»Und nun werden wir sehen.« Er lehnte sich erneut nach vorne und streckte seine Hand aus. »Dein Äußeres verheißt die Erfüllung vieler Erwartungen, doch es kann täuschen. Augen sehen nur die Oberfläche.«

Nea zögerte, die große Pranke des Akkato zu ergreifen. Die Kraft der großen Kreaturen war gewiss gewaltig, wie bei allen Akkatos, und Nea war nicht klar, was geschehen würde, sollte sie dieses Wesen hier irgendwie enttäuschen. Nach kurzem Zögern legte sie ihre Hand in die des Akkato, und die starken Finger schlossen sich. Ihr Druck war fest aber behutsam. Nea fühlte ein Zittern, das durch den Körper des Wesens ging. Er schnaubte und eine Wolke üblen Atems wallte um ihren Kopf. Er verdrehte die Augen, zog die Lippen zurück und zeigte seine gelben Zähne. Für den Bruchteil einer Sekunde verstärkte sich der Griff seiner Hand. Es tat weh, und als Nea sicher war, er würde ihr im nächsten Moment die Finger brechen, ließ er sie los und zog seine Hand zurück.

Nea sah voller Erwartung zu der hünenhaften Kreatur auf, die sich langsam wieder in den Schatten der Höhlung zurückzog.

»Interessant«, flüsterte er. »So wurde es also gemacht.« Ein wissendes und zufriedenes Grinsen legte sich auf das lange Pferdegesicht.

»Was soll das nun wieder heißen?«, fragte Nea verunsichert. »Ich bin nicht Simna? Oder doch? Ja? Nein?«

»Nein«, gab der Gor Ko Oun zurück. »Bist du nicht. Und ja, du bist es.«

Nea hatte mit konkreteren Antworten gerechnet. Es wäre gelogen gewesen, hätte sie behauptet, mit dieser Auskunft zufrieden zu sein.

»Sei unbesorgt«, fuhr der Akkato fort. »Du hast das Zeug dazu, dich allen Prüfungen zu stellen und sie zu meistern. Allein deine Furcht kann dich hindern, das zu werden, was du sein kannst.«

»Das klingt wie ein Spiel. Aber das ist es nicht.«

»Oh doch«, beharrte das Wesen. »Es ist ein Spiel. Und die Spielfiguren sind aus Fleisch und Blut. Sie leiden und sie sterben. Götter spielen auf diese Weise schon seit Anbeginn der Zeit. Und jene, die es den Göttern gleichtun wollen.«

Nea sah den Gor Ko Oun fassungslos an.

»Ich bin der Gor Ko Oun«, erklärte er. »Der Regelmeister. Der Protektor von Phory. Einst habe ich auch die Spiele auf Kemeru überwacht. Als Simna sich mit den Obersten ihrer Streitkräfte im Kampfe maß. Von ihr ernannt, die Regeln durchzusetzen, denen sich auch Simna selbst zu beugen hatte.«

»Ich war auf Kemeru«, teilte sie dem Akkato gleichgültig mit. »Eine Welt aus Staub und Steinen, mehr nicht.«

»Ein Kampfplatz von gewaltigen Ausmaßen«, führte er weiter aus. »Heere von Gothreks, die gegeneinander in die Schlacht geführt wurden. Der Himmel, lodernd unter dem Feuer der Kanonen und den Flammen brennender Schiffe. Wie Meteore schlugen sie auf dem Planeten ein und verwandelten seinen Sand in glühende Schlacke. Festungen, deren Labyrinthe tief in das Herz des Planeten reichen. Ein Netzwerk aus Werften und Häfen, von denen gewaltige Flotten zu den Sternen aufstiegen, so dass sie das Sonnenlicht verdunkelten.«

Nea wurde klar, dass es mit jenem kargen Planetensystem, das sie vor kurzem verlassen hatte, mehr auf sich haben musste. Und auch Reihmann musste etwas darüber wissen. Jetzt hatte sie die Bestätigung. Der Kiray, der sie nach Kemeru schickte, tat dies nicht ohne Hintergedanken, als er Nea dorthin schleuderte. Allerdings hatte sie bisher nicht viel über diese Welt herausgefunden. Das war Reihmanns Interventionen zu verdanken, mit denen er ihr das Leben schwermachte. Abgesehen von den Rätseln, und den vagen Antworten, die ihr der Gor Ko Oun bisher mitgeteilt hatte, waren seine jetzigen Ausführungen aufschlussreicher, als alle Erkenntnisse, die sie dort zusammen mit Taya erlangt hatte. Dennoch waren es Bruchstücke, die nicht zusammenpassten und viel Platz für Spekulationen und Fantastereien boten.

»Wir haben dort eigenartige Objekte gefunden«, berichtete Nea. »Ich versuche noch immer, mir einen Reim darauf zu machen, welchem Zweck sie dienen.«

»Ich habe die Bilder in deinem Kopf gesehen«, informierte der Gor Ko Oun. »Die Angst hat sie scharf in dein Bewusstsein geprägt.«

»Dann sagen Sie mir, was es damit auf sich hat.« Nea versuchte, ihren Ton nicht zu forsch klingen zu lassen.

»Ich will dir nicht zu viel erzählen«, antwortete er. »Simna mag es nicht, wenn man es ihr zu leicht macht.«

»Man macht es mir nicht leicht, glauben Sie mir.«

»Dann will ich dir einen Hinweis geben«, erklärte er. »Von vielen Werkzeugen der alten Tage, sind die Balori das gefährlichste. Schwer zu handhaben. Aber wer die Kunst versteht, sie sich zunutze zu machen, hat unbeschreibliche Macht in seinen Händen.«

Nea wartete auf seine Ausführungen.

»Die Balori dienen dazu, sich zu bewegen, ohne sich zu bewegen«, erklärte der Akkato weiter. »Wörtlich bedeutet das Wort ›langer Arm‹. Oder ›Hand‹. Sie waren wichtige Werkzeuge im Kampf und wurden oft von Attentätern verwendet. Auf Kemeru übten sich Simna und ihre besten Kämpfer in der Handhabung der Portale.«

»Portale«, wiederholte Nea nachdenklich. »Wohin?«

»An jeden nur erdenklichen Ort. Auf Kemeru war es meine Aufgabe, ihre Reichweite zu begrenzen. Niemand durfte über das System hinausgehen.«

»Und warum bist du jetzt hier?«

Die Frage schien dem uralten Akkato nicht zu gefallen. »Hier ist es meine Bestimmung, das zu verwalten, was Simna mir zur Obhut anvertraute.« Sein Kopf hob sich und mit einer vagen Geste deutete er auf die Flotte von Schiffen, die das Gewölbe füllte. »Aber die Kallay hier sind müde. Hier gibt es nichts zu tun. Nichts zu bändigen. Ihr Schlaf hat auf mich abgefärbt.«

»Kallay?« Diese vielen neuen Worte, die sie inzwischen kennengelernt hatte – es würde schwierig werden, sich alle zu merken.

»So nannte Simna ihre Schiffe«, erläuterte er. »Ihre Wölfe. Doch die Gedanken der Kallay sind träge, und alles, was zu mir dringt, ist, als höre ich es gedämpft, wie Geflüster in einer Gruft, wohin kein Sonnenstrahl dringt. Die Kiray hingegen sprechen klar untereinander und sehen alles. Ihre Blicke reichen in die Tiefe von Raum und Zeit. Gerne wäre ich einer von ihnen. Sie sind so weit fort.«

Nea versuchte, aus den Informationen schlau zu werden. Gemäß seinen Worten waren die Schiffe in diesem Gewölbe lebendig, hatten eigene Gedanken, aber schienen zu schlafen. Das klang interessant und legte nahe, dass sie noch irgendwie zu gebrauchen waren. »Du denkst, ein Kiray könnte mir mehr Geheimnisse vermitteln?«

Der Akkato zögerte. »Sie sind gerade dabei. Du musst dich nur auf ihr Spiel einlassen. Letztendlich gehört es zu Simnas Scherzen.«

Nea hätte gerne Klartext gehört und weniger Rätsel, weswegen sie missmutig die Fäuste in die Hüften stemmte.

Der Akkato lachte abermals. »Das ist alles, was du bekommen wirst.« Er hatte den Grund für Neas Unmut offenbar erkannt. »Sonst wirst du nicht in die Rüstung wachsen, die Simna für dich bereitgehalten hat. In Kimath bestimmt Simna, was geschehen darf und was nicht.«

Na also, geht doch, überlegte Nea, die auf ein paar deutliche Worte gewartet hatte. »Dann ist sie am Leben? Sie ist der Goukoon?«

Der Akkato lehnte sich wieder vor und schnüffelte an Nea herum. »Alles, was ich sagen kann, ist, dass du von Leben erfüllt bist. Neugierig, stark, aber es fehlt dir Simnas Wildheit und ihr ungestümes Temperament. Doch du bist zumindest kein Gespenst und dein Anblick weckt Erinnerungen. Was Simna betrifft? Sie ist ein Geist, der alles bestimmt. Und ob sie dazu sterben musste? Ich weiß es nicht. Sie ist jenseits aller Begrifflichkeit. Du kannst dich nur weiter auf die Reise machen und warten, wohin dich das Spiel bringt. Nichts soll dir geschenkt werden. Kämpfe! Siege! Finde! Ich kann nicht versprechen, ob du am Ende erfolgreich sein wirst oder ob wir auf jemand anderen warten müssen. Nur, dass du dein Bestes geben musst.«

»Warum bin ich auf Phory?«, wollte Nea erfahren.

»Ich habe keine Antwort auf diese Frage.«

Sie breitete die Arme aus und sah auf die vielen Fahrzeuge, die wirkten, als würden sie die Szene beobachteten. »Soll ich mir diese Schiffe ansehen? Ist es das?«

»Das wäre ein vielversprechender Ansatz.«

Nea wandte sich um und ließ ihren Blick über die silbernen Rümpfe schweifen, bevor sie erneut das Wort an den Akkato richtete. »Warum sind Sie hier? Hier auf dieser rückständigen Welt? Haben Sie sich etwas zu Schulden kommen lassen? Strafversetzt nach Phory?«

Der Gor Ko Oun ließ sich Zeit mit der Antwort. Es sah aus, als würde er in Erinnerungen schwelgen oder würde von ihnen gepeinigt. »Fury war einst ihr Name«, sagte er schließlich und es klang wie ein Seufzen. »Auch hier hat Simna gekämpft und ich durfte ihr zur Seite stehen. Doch es war kein Spiel. Viele Krieger stellten sich ihr entgegen und wir haben sie alle besiegt. Doch ihrem Vater konnten wir nichts entgegensetzten. Dieser Tag und seine Ereignisse wurden zur Legende. Ich war noch hier, als Simna verschwand und die Skarras, die Diener des Hauses der Tränen, die Paläste stürmten, um alles zu vernichten, das sie als Gefahr betrachteten. Alles, was an Simna erinnerte und von ihren großen Taten kündete.«

»Es standen Paläste hier?«, fragte Nea.

»Hier stand ihr erster Thron in Kimath«, antwortete der Akkato. »Lange bevor sie verschwand. Wenn du wirklich die bist, auf die wir warten, dann ist der verwaiste Thron dein Eigentum. Nimm ihn dir zurück und herrsche!« Seine letzten Worte klangen wie ein Befehl.

»Wie ich schon sagte: Ich bin mir nicht sicher.«

»Nur wer den schweren Weg geht, erkennt am Ende, wer er ist«, gab der Akkato zu bedenken. »Frage nicht, ob du es darfst. Tu es und sieh, ob es sich als wahr erweist.«

Nea konnte sich nicht daran erinnern, in den Aufzeichnungen des Laioon drüber gelesen zu haben, dass Phory einst die Palastwelt Simnas gewesen war. Aber warum sollte sie überrascht sein? Die Ayree hatten mit Sicherheit alles so umgeschrieben und verheimlicht, dass es in ihre abstrusen Motive passte. Aber von den Skarras und dem Haus der Tränen hatte Nea bisher noch nichts gehört. Allem Anschein nach hatten sie ähnliche Motive wie die Ayree. »Wer sind die Skarras?«

»Barbaren und Feiglinge«, polterte der Akkato. »Sie haben alle Balori aus den Palästen und den Stützpunkten geholt, sie zerbrochen oder nach Kemeru geschafft, den sie anschließend zu Asche verbrannten.«

Das klang interessant. Immerhin hatte es der Akkato geschafft, ohne Umschweife zu erzählen und nichts davon in Rätselsprüche verpackt. Zumindest was die Vergangenheit betraf, schien er keine Bedenken zu haben, seine Sicht der Dinge klarzulegen. Er war voller Zorn und Verbitterung, so viel war klar. »Ich sollte Kemeru wieder besuchen«, überlegte Nea laut.

»Das ist ein guter Vorsatz«, bestätigte der Gor Ko Oun.

»Was kann man dort finden außer Sand und Steinen?«

»Suche unter dem Sand und unter den Steinen. Wühle dich durch den Staub und die Asche der Vergangenheit.«

Wieder sah Nea die Schiffe Simnas an und deutet auf eines von ihnen. »Kannst du das da aufwecken?«

Als Antwort erhielt Nea einen Impuls, der wie der Ton eines Echolots klang und wie ein Hammerschlag gegen ihre Stirn schlug. Sie taumelte und fiel auf die Knie, während sich das Kallay vom Boden erhob und einige Meter auf und ab schwebte.

Der Akkato sah ungerührt zu, wie sich Nea mühsam aufrappelte. »Sein Name ist …«

»Zetho«, vollendete Nea. Dieser Name war ihr zugleich mit dem Impuls übermittelt worden. »Er ist sehr …«

»… ungestüm.« Der Akkato lachte. Wieder klang es polternd und dröhnend. »Ein echtes Kind von Simna. Wundere dich nicht, sie sind alle so. Schwer zu beherrschen, aber anhänglich bis in den Tod.«

Nea hatte noch nie zuvor ein solch eigenartiges Gefühl verspürt. Es ähnelte dem Gefühl, wenn ein Kiray in die Gedanken eingriff. Auch als sie den Gothrek in den Gewölben auf Sculpa Trax schuf, hatte es sich ähnlich angefühlt. Aber diesmal war da noch etwas anderes gewesen, das sie verspürte. Es war der seltsame Eindruck von Vertrautheit, als würde sie einem alten Freund begegnen oder einem Bruder.

Nea rieb sich die Stirn. »Die Techniken des alten Reiches sind erschreckend.«

»Nein«, widersprach der Akkato. »Sie sind voller Wunder.«

Kapitel 3

Samuel Blumfeldt erwachte aus einem unruhigen Schlaf voller abstruser Traumgebilde und Visionen. Ein sphärischer Singsang wallte durch seinen Geist. Stimmen, Wispern, Fauchen, Flüstern. Ein Wort schwang darin mit, das wie ein Klageschrei klang.

Nuuuriiii!

Der Ton verhallte nach und nach, bis nur noch ein fernes Raunen an sein Ohr drang.

Nuuri! Nuri!

Sam Blumfeldt fühlte sich kraftlos. Er spürte die kalte Härte des Steinbodens durch die Kunststoffmatte, auf der er lag, und starrte hinauf in die dunkle Kuppel der künstlichen Höhle. Ein Astwerk knorriger Streben spannte sich über diesen steinernen, grauen Himmel. Unverkennbar die seltsam gewachsenen Strukturen jener Architektur der Gothreks.

»Er ist wieder da«, hörte er die Stimme von Tamara Thast, die neben ihm saß und ihm gerade die Stirn mit einem feuchten Tuch abtupfte.

»Wo sind die Monster?«, fragte er mit belegter Stimme. Noch immer vernahm er den rauen Chor, den die Gedanken der Gothreks in seinem Geist verursachten. Allmählich wurde er leiser und leiser, bis er kaum mehr als den Hauch eines Gemurmels wahrnahm. »Nuri!«

Tamara Thast schien unschlüssig, was sie sagen sollte. »Die Monster? Na ja, die sind eigentlich noch da.«

»Was soll das heißen?«

»Am besten erklärt van Veyden es Ihnen.«

Der Alte trat aus einem Korridor und wirkte freudig. »Es ist schön festzustellen, dass du doch zu etwas nütze bist.«

Sam rappelte sich mühsam auf. Er wankte. Seine Knie fühlten sich weich und kraftlos an. Van Veyden eilte herbei, stützte ihn und half ihm, auf den Beinen stehen zu bleiben.

»Immer langsam«, mahnte er. »Du hast heute schon genug geleistet.«

Sam hatte keine Lust, sich mit Rätseln zu befassen. Ein letztes Mal vernahm Sam weit entfernte Stimmen – Nuri. »Würde vielleicht jemand so freundlich sein und Klartext reden.«

»Sehen ist besser als quatschen«, gab van Veyden zurück und führte Sam an den Rand einer großen Grube, die im Zentrum der Höhle im Boden klaffte. Darin ruhte eines der Gothrek-Schiffe. Es erstrahlte in einem Blaugrau, das sowohl etwas Metallisches wie auch Lebendiges an sich hatte. Das Schiff sah wie ein kunstvoller Skarabäus aus, und Sam fühlte, dass es Wärme abstrahlte, als wäre das ganze Ding geradeerst aus dem Schmelzofen gekommen.

»Dein Werk, mein Guter«, sagte Thomas van Veyden. »Es sieht großartig aus. Wir sollten es gleich ausprobieren.«

Wäre Sam in besserer Verfassung gewesen, hätte er bestimmt widersprochen. Stattdessen ließen sich er und die anderen von van Veyden eine schmale Treppe hinunterführen, die sie auf den Grund der Grube brachte. Dort unten war es feucht und kühl. Die Luft roch nach Salz, Jod und Algen. An einigen Stellen des Gemäuers sah Sam Muscheln und Seegras, das in langen Strähnen über das Mauerwerk hing. Die Grube machte den Eindruck, als ob es sich dabei um ein entwässertes Hafenbecken handelte.

»Ich habe Bedenken, in das Schiff einzusteigen«, sagte Brian Anderson, der viele Jahre mit Sam auf Scutra zusammengearbeitet hatte und eigentlich kein Feigling war. »Sieht so aus, als wären wir ein willkommenes Abendessen für das Ding.«

Sam gab zu, dass der Einstieg unter dem Rumpf des Schiffes, an den Rachen eines Raubtieres erinnerte. Sie waren im Begriff, über die lange Rampe, die wie eine ausgerollte Zunge aussah, in den Schlund hineinzusteigen.

»Ich habe auch Bedenken«, pflichtete Marten Tolek ihm bei. »In den Stollen wissen wir zumindest, auf welche Gegner wir stoßen können. Und die kann man damit fertig machen«, er tippte auf sein Gewehr. »Aber das hier ist doch nur eine neue Falle.«

Van Veyden verlor seine Zurückhaltung. »Sie wissen doch nicht was uns in diesen Höhlen noch begegnen kann.« Er trat dem großen Mann in den Weg. »Wenn Sie glauben, dass Sie schon alles erlebt haben, weil wir in den Tunneln von Sculpa Trax nen Tritt in den Arsch bekommen haben, dann wissen Sie gar nichts. Die ganze Unternehmung ist nichts für Schlappschwänze und wir können gerne auf Sie verzichten. Wenn Sie kehrt machen und Ihr Glück in den Tunneln versuchen wollen, nur zu. Wir wären dann eine Sorge los.«

Es herrschte eine Weile Totenstille. Sam rechnete damit, dass Tolek dem Alten gleich einen Kinnhaken verpassen würde. Marten versuchte zwar, sich gelassen zu geben, aber Sam sah, dass seine Augen vor Zorn funkelten. Marten war nicht als jemand bekannt, der sich ohne Weiteres dumm anreden ließ. Oft war er in diverse Prügeleien verwickelt gewesen und man kannte ihn dafür, dass er sich nur selten beherrschen konnte, wenn ihn jemand provozierte. Aber immerhin schien er van Veyden genügend Kompetenz zuzugestehen, die ihm half, sich zusammenzunehmen. Ohne den alten Kauz waren sie verloren, das wussten sie alle.

Van Veyden wandte sich ab und betrat als Erster die Rampe. Sam und seine Crew folgten mit etwas Abstand.

»Er kann einem die Nerven rauben«, beschwichtigte Sam Marten Tolek. »Du hast was gut bei mir, wenn du dich zurückhältst und seine Provokationen überhörst.«

»Ich bin am Limit«, brummte der Riese und knirschte mit den Zähnen.

»Mir zuliebe. Stärke taugt nichts ohne Beherrschung.«

»Ich werde es versuchen. Aber lass mich in Ruhe mit deinen Lebensweisheiten. Es genügt, wenn mich der Alte nervt.«

Als alle an Bord waren, zog sich die Rampe in den Schiffskörper zurück und das Schott klappte zu wie der Kiefer eines Drachen. Das ganze Segment verschmolz anschließend so vollkommen mit dem Schiffsrumpf, so dass nicht zu erkennen war, wo sich der Ausstieg befand. Nur ein knospenartiger Wulst an der Wand, der so etwas wie ein Schalter sein musste, markierte, wo sich der Ausgang befand.

Der Korridor mutete wie das Innere eines Bronchien- oder Adersystems an. Sam glaubte, sich durch die Blutgefäße eines Riesen zu bewegen. Es gab keine Ecken und Kanten. Die Formen fließend und organisch, überzogen von einem feuchten, öligen Glanz. Der Boden fühlte sich weich und nachgiebig an, als sei das stabile Skelett der gesamten Konstruktion von einer dicken Gummischicht überzogen. Der Korridor, von dem einige Seitengänge abzweigten, stieg sanft nach oben an und mündete in einem Kommandostand, dessen Fenster getrübt waren, wie erblindete Augen. In der Mitte erhob sich ein Kommandosessel, der wie die geschlossene Blüte einer carnivorischen Pflanze geformt war.

»Nimm Platz, Sam«, forderte van Veyden auf und wies mit einem Kopfnicken auf den Sessel. »Es wartet auf dich.«

Sam verstand nicht. »Ich habe geschlafen«, entgegnete er entrüstet. »Ich weiß überhaupt nicht, wovon du faselst. Ich habe keinen Schimmer davon, was passiert ist und was ich hier machen soll.«

»Geht dir denn nicht andauernd ein Name durch den Kopf?«

»Nuri?«, fragte Sam verblüfft und die Blüte öffnete sich geschmeidig.

Anderson, Marten und Thast wichen entsetzt zurück.

»Das ist er wohl.« Van Veyden grinste breit. »Der Name des Schiffes.«

Sam starrte entsetzt auf das rosige Innere des Blütenkelchs und die vielen tastenden Tentakel, die danach suchten, sich irgendwo festzusaugen. Das schmatzende Geräusch verursachte bei ihm einen Würgereiz.

»Nun mach schon«, forderte van Veyden auf. »Je eher wir von hier wegkommen, desto besser.«

»Mach das nicht, Sam.« Brian Anderson hob sein Gewehr und schwenkte es halbherzig in van Veydens Richtung. »Wer weiß, was der Kerl vorhat.«