Beschreibung

Sareena landet auf Kassun, einer Gefängniswelt im Koliussektor, wo sie als Gefangene lebensgefährliche Arbeiten zwischen Bergbau und bizarren Wetterschwankungen verrichten muss. Während sie jeden Tag aufs Neue ums Überleben kämpft, erlebt sie unheimliche Erscheinungen und gewinnt die Erkenntnis, dass ihre Lage nicht ganz ausweglos ist. Zwischen Hoffnung und Berufung kämpft Sereena um ihr faszinierendes Leben.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 132


Allan J. Stark

ASGAROON

Der unendliche Traum

www.papierverzierer.de

Vollständige E-Book-Ausgabe des ersten Teils des ASGAROON-Zyklus

Copyright©2014 Allan J. Stark

Deutsche Erstausgabe 2014 by Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung:©Allan J. Stark

Lektorat: Michaela Harich

Herstellung: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-73-1

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Inhaltsverzeichnis
Der unendliche Traum
Impressum
Die Hölle von Kassun
Das Gespenst
Ein gutes Team
Die Eiswüste
Weltenspringer
Gesprengte Ketten
Keine Hoffnungen
Der unendliche Traum
Allan J. Stark

Denn jetzt sehen wir mit Hilfe eines metallenen Spiegels in verschwommenen Umrissen.

Dann aber wird es von Angesicht zu Angesicht sein.

Jetzt erkenne ich teilweise. Dann aber werde ich genau erkennen, so wie ich genau erkannt worden bin.

(Paulus von Tarsus)

Die Hölle von Kassun

Erinnerungen, Träume und reale Eindrücke verschmolzen zu einer bizarren Szenerie aus Glut und Flammen. Sareena spürte die heiße Sonne aus dem Wüstenland und die donnernde Brandung des ungestümen Ozeans ihrer Heimatwelt. Fröhliches Gelächter und Todesschreie vereinten sich zu einer grauenhaften Sinfonie, durchsetzt mit den Erinnerungen an das Rauschen von Wind in den Bäumen und dem krachenden Grollen vernichtender Explosionen. Es klang wie ein Gewitter. Traumbilder aus den unbeschwerten, lichtdurchfluteten Tagen, die sie im Dienste des Hauses Komeru verbracht hatte, bis zu seinem flammenden Untergang vor wenigen Stunden. Traumbilder, die nun zu verblassen begannen.

Als Sareena die Augen öffnete, wurde sie von gleißendem Licht geblendet. Feuer und Funken. Blitze und Rauch. Schemen, die wie Geister in einem lodernden Höllenschlund zu schweben schienen. Ein ohrenbetäubender Lärm dröhnte in ihren Ohren. Beißender Qualm stieg ihr in die Nase.

Sareena kniff unwillkürlich die brennenden Augen zusammen, wandte sich ab und fiel. Von den Eindrücken überwältigt, schwanden ihr die Kräfte. Erneut formten sich Visionen in ihrem Sinn, genährt aus den schmerzhaften Erfahrungen der vergangenen Tage und Stunden. Da waren Soldaten, kämpfend und sterbend in einem aussichtslosen Gefecht. Detonationen. Flammen. Schüsse. Und der bestialische Gestank von verbranntem Fleisch.

Wieder und wieder durchlitt Sareena den furchtbaren Moment ihres Versagens. Den Augenblick, als neben ihr eine Wand explodierte und sie in eine Wolke aus Staub und Trümmern hüllte. Jene Sekunde, als sie herumwirbelte und versuchte, ihren Körper zwischen den König und die Angreifer zu werfen, die gleich aus dem Riss in der Mauer hervorbrechen würden. Aber Sareena tat nichts, sondern erstarrte, als sie ihre Prouque Pistole auf einen einzelnen jungen Mann richtete, der ihr aus Feuer und Rauch wie ein Todesengel entgegentrat. Sareena, aus dem Kriegerorden der Tengiji, war wie betäubt, als ginge ein Zauber von diesem Mann aus, der ihr die Sinne raubte. Wie schön er ist, dachte sie noch, unfähig zu reagieren. Sie war von seinem Aussehen wie geblendet. Es schien ihr unmöglich, sich zu wehren, sollte er sie angreifen. Sie regte sich nicht. Selbst dann nicht, als er mit seiner Strahlenwaffe auf sie zielte. Gerade als sie in einem halbherzigen Verteidigungsversuch ihre Vibroklingen hob, traf sie der Schuss aus seiner Waffe. Sareena ging in die Knie und stürzte die Stufen einer flachen Treppe hinunter. Ihr König wurde vor seinem Thron, oberhalb der Empore, von mehreren Salven niedergestreckt, während sie, seine Leibwächterin, auf den Boden prallte und das Bewusstsein verlor.

Sareena erwachte aus ihrem Halbschlaf. Sie lag auf dem Boden, fühlte das Brummen starker Triebwerke und das Rumpeln einer schweren Hydraulik. Sie war an Bord einer Raumfähre, die gerade zur Landung angesetzt hatte und das Fahrwerk ausfuhr. Ein Stoß ging durch das Fahrzeug, als es den Boden berührte und sich die Frachtluke öffnete. Helles Licht flutete herein. Unwillkürlich schloss Sareena die Augen. Sie hörte das Poltern schwerer Stiefel und unvermittelt versetzte jemand Sareena einen Tritt. Sie war sofort hellwach. Die Traumbilder verblassten. Reflexartig fuhr sie hoch und verteidigte sich, wie sie es als Tengiji gelernt hatte. Aber der hünenhafte Akkato in seinem schweren Schutzmantel wehrte ihren kraftlosen Angriff beiläufig ab, als würde er eine Fliege verscheuchen. Gleichzeitig bekam er Sareena am Handgelenk zu fassen und verdrehte ihr schmerzhaft den Arm. Die junge Frau kannte die Stärke der Akkatos und wusste, dass er ihr spielend die Knochen brechen konnte.

»Keine Dummheiten, du Göre«, knurrte der Riese in einem breiten, kehligen Dialekt. »Sonst reiß ich dich in Stücke.«

Er hob die Tengiji in die Höhe wie eine Puppe und schleuderte sie hinaus aus dem Laderaum der Raumfähre, die das Mädchen und eine Vielzahl anderer Gefangener transportierte.

Die junge Frau schlitterte über einen harten, zementierten Boden. Überall warme Wasserpfützen. Die Luft dampfig, rauchgeschwängert. Die Wände schienen zu glühen und flüssiges Gestein rann in Bächen über die schrundigen Felswände, um in irgendwelchen Kanälen zu verschwinden. Zu allen Seiten standen Menschen und andere Wesen, die sich in derbe Schutzanzüge hüllten, die Lasten und Geräte herumschleppten oder Wägen mit Metallbarren vor sich herschoben. Andere trugen Bohrgeräte, Hämmer, Hacken und Schaufeln.

Ein heißer Nieselregen benetzte Sareenas Gesicht. Gerade aus ihrer Ohnmacht erwacht, verlangte der bizarre Anblick dieser fremden Umgebung ihrem Geist alles ab. Dies also war Kassun, eine Tauvaruwelt im Koliussektor. Die Hölle der Gerechten. Sareena wurde übel. Ihr Magen verkrampfte sich. Gleich würde sie sich übergeben. Sie musste sich wieder unter Kontrolle bringen und sich sammeln, aber es gelang ihr nicht. Ihre Nerven drohten zu versagen und schon stapfte der schlecht gelaunte Akkato wieder auf sie zu.

»Steh auf, du Weichhaut!«, brüllte er voller Zorn. »Verdammtes Menschenweib!« Von seiner blonden Haarmähne troff das Wasser und im Glas seiner Schutzbrille reflektierte der Feuerschein, als er mit weit ausholenden Schritten die Rampe herunter polterte. »Ich werd dir Beine machen, Menschenweib!«

»Ist schon gut, Jig.«« Ein Mann in einem Schutzanzug aus steifem, braunem Leder trat zwischen Sareena und den Akkato. Er war groß – größer als ein Mensch. Sareena tippte auf einen Oponi, auch wenn sein Kopf von einer Kapuze und einer Maske verborgen wurde. Seiner Stimme nach zu urteilen, war er jung, wenn man das bei einem langlebigen Oponi überhaupt sagen konnte. Nach menschlichem Ermessen mochte er steinalt sein.

Jig, der Akkato, blieb stehen, fletschte lediglich die Zähne und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Lass mir doch den Spaß«, beklagte er sich.

»Wenn du sie jetzt schon umbringst«, fuhr der Oponi fort, »wird es dir Briggo ziemlich übel nehmen. Du weißt es doch. Briggo hat gerne seinen Spaß mit den Neuen. Und wer will ihm das schon übel nehmen auf dieser langweiligen Welt am Rande von Nirgendwo.« Er widmete Sareena einen kurzen Blick, bevor er sich wieder Jig zuwandte. »Kümmere dich um die anderen Neuankömmlinge und gib ihnen ihre Anzüge, bevor sie gekocht werden. Ich werde mich inzwischen der Kleinen annehmen.«

Jig schnaubte verächtlich und trieb die anderen Häftlinge, die zusammen mit Sareena eingetroffen waren, zu einem Haufen Kleidungsstücke hinüber. Dort konnten sie sich ihre Anzüge nach ihren Körpermaßen zusammenstellen.

»Zieh das an«, befahl der Oponi Sareena und warf ihr ein Bündel Kleidungsstücke samt Stiefel vor die Füße. »Könnte dir passen. Hat einem jungen Mann gehört, der gestern gesegnet wurde.«

Der Tod als Segen, überlegte Sareena. Auf diese Art des Glücks hatte sie noch keine Lust.

Sareena verlor keine Zeit, denn die Temperatur schien schnell zu steigen. Der Boden unter ihren Füßen wurde heiß, als stünde sie auf einer Ofenplatte. Eilig öffnete sie das verschnürte Bündel und zog die Kleider und Stiefel an.

»Genug getrödelt!«, brüllte Jig. »Ich zeige euch jetzt, wo wir euch unterbringen. Und dass mir keiner aus der Reihe tanzt.«

Der Tross von gut zwanzig Häftlingen wankte und humpelte durch die heißen Nebelschwaden hinter dem Akkato her. Ganz offensichtlich hatten etliche von Sareenas Mitgefangenen eine ähnlich ungemütliche Reise hinter sich gebracht wie die Tengiji und waren im Kampf verwundet worden. Bestimmt wären einige in einem Hospital besser untergebracht gewesen, als an diesem furchtbaren Ort, überlegte Sareena.

Der Oponi setzte sich ans Ende der Gruppe und beobachtete das Mädchen. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen.

Der Schutzanzug passte Sareena leidlich und es war nicht einfach, darin zu gehen. Der lederartige Kunststoff war starr wie Teerpappe und sie fühlte sich darin so, als trüge sie eine altertümliche Rüstung. Die Stiefel waren ihr etwas zu groß. Sie hatte sie fest verschnüren müssen, um nicht ständig zu stolpern. Auch die Maske schloss sich nicht hundertprozentig um ihre Gesichtskonturen. Immer wieder drang heißer Rauch unter die Maske und in ihre Lungen. Ihr Rachen brannte und ihre Augen tränten.

Zumindest war Sareena nicht die Einzige, die solche Probleme hatte, denn unentwegt musste der Tross anhalten, wenn jemand dem Ersticken nahe war oder von heftigem Hustenreiz geschüttelt wurde. Jig fluchte und beschimpfte die Häftlinge, wünschte ihnen Tod und Teufel an den Hals und schüttelte den einen oder anderen kräftig durch.

»Sind eben keine Maßanfertigungen«, murmelte der Oponi, der hinter Sareena herging. Die Worte waren nur für sie bestimmt. »Das Meiste stammt von denen, die sich ins Jenseits verabschiedet haben. Man muss die Kleider eben anpassen. Wohl dem, der ein Schneider ist.« Er lachte. »Von den Toten bekommen wir zwar ständig Nachschub an Kleidern, aber man muss schon Glück haben, wenn sie passen. Außerdem verlieren viele in den ersten Wochen ziemlich an Gewicht. Manche legen zwar an Muskelmasse zu und gehen etwas auseinander, aber das ist die Ausnahme. Hitze und Kälte setzen dem Material zu und man hat ne Menge herumzuflicken. Genau genommen tun wir in unseren wenigen freien Stunden nichts anderes, als die Anzüge anzupassen und auszubessern.«

»Scheint die sinnvollste Beschäftigung hier zu sein«, röchelte Sareena.

»Ich bezweifle, ob es einen Sinn macht, hier unbedingt überleben zu wollen«, meinte der Oponi müde. »Aber man bemüht sich trotzdem.«

»Das sind eben die verdammten Instinkte, nicht wahr?«

Die Gruppe betrat einen Seitengang und hinkte eine Weile durch die Dunkelheit, bis sich unversehens eine Tür öffnete.

Grelles Sonnenlicht flutete herein und ein kalter Windstoß ließ das Wasser auf Sareenas Mantel schlagartig zu Eis gefrieren. Schneeflocken wirbelten herein. Die Schutzbrille beschlug augenblicklich und für einen Moment war Sareena blind. Einige der Neuankömmlinge schrien sogar hysterisch auf.

»Ruhe, dummes Pack!«, brüllte der Akkato. »Die Brillen passen sich gleich an. Dann könnt ihr wieder so dämlich glotzen wie vorher.«

Kaum hatte er das gesagt, begann sich die Sicht tatsächlich wieder zu klären. Sareena konnte einen blaugrauen Himmel hinter schwarzen Felszähnen erkennen und darüber gewaltige, wirbelnde Wolkenberge mit feurigen, im Sonnenlicht glühenden Spitzen.

»Eissturm«, hauchte der Oponi in Sareenas Nacken. »Der Atem der Finsternis.«

Jig führte die Gruppe über eine stählerne Brücke, die eine tiefe, schmale Schlucht überspannte. Auf dem Grund der Schlucht schlängelte sich ein leuchtender Lavafluss wie ein erstarrter Blitz aus gelbem Feuer.

»Die Brücken sind alles andere als sicher«, erklärte Jig, wobei er auf und ab hüpfte, so dass der schmale Steg zu schwanken und zu knarren begann. Die Gefangenen klammerten sich ängstlich an das Geländer und der Akkato sprang daraufhin noch stärker herum. »Das Land ist ständig in Bewegung. Und dauernd stürzen die Brücken ein.« Er lachte grollend. »Ist wie eine überraschende Begnadigung, wenn man plötzlich mit so einem Ding nach unten geht. Also seid glücklich, wenn euch das Schicksal mal so freundlich auf die Schulter klopft.«

Auf der anderen Seite der Brücke betraten sie erneut eine Schleuse und gelangten dahinter in einen hell beleuchteten Stollen. Es war ein Korridor mit vielen Türen. Hier war die Temperatur angenehm, die Luft frisch und sauber. Man konnte das tiefe Summen von Ventilationsanlagen vernehmen, die hier für ein erträgliches Klima sorgten.

Der Akkato führte die neuen Gefangenen in einen großen Schlafraum und machte eine ausladende Handbewegung.

»Diese bequemen Pritschen gehören euch. Die sind alle für Oponi, Akkato und Menschen ausgelegt. Wo kein Zeug druntersteht, könnt ihr euch breitmachen. Das sind die freien Plätze.«

Sareena bemerkte erst jetzt, dass die ganze Anlage offenbar nur für die erwähnten Spezies ausgelegt war. Dikos, Neral, Seawon und andere Lebewesen mit extrem abweichender Anatomie waren ihr hier nicht aufgefallen. Einige von ihnen hatte Sareena an der Andockstation der Gefängnisfähre auf dem Planeten Okonon gesehen, kurz bevor man sie hierher geflogen hatte. Bestimmt arbeiteten die Neehus – die Nichthumanoiden – auf anderen Förderkomplexen dieser Tauvaruwelt.

»Mein Name ist Jem«, sagte der Begleiter des Akkato und nahm endlich seine Maske ab. Nun konnte Sareena sehen, dass er tatsächlich ein Oponi war. Dunkles, schulterlanges Haar quoll unter seiner Kapuze hervor. Seine Haut war dunkelbraun und die großen, blattgrünen Augen wirkten klug und sanft. »Ihr werdet euch diesen Raum mit fünfzig anderen teilen, die bald von der Arbeit zurückkommen. Geht Streit aus dem Weg, sofern das möglich ist.« Dabei lachte er, denn er wusste, dass es Streit geben würde. Es gab immer Streit, wenn die alte Mannschaft auf die Neuankömmlinge traf. Ein uraltes Ritual, das man auf allen Welten und bei allen Spezies beobachten konnte; besonders dann, wenn die Bedingungen alles andere als einfach waren.

»Separate Waschräume für jedes Geschlecht gibt es hier nicht.« Jem blickte sich um und erkannte neben Sareena noch zwei andere menschliche Frauen und ein Akkatoweibchen. »Jedes Quartier hat einen großen Waschraum für Männer und Frauen. Sitte, Würde und Anstand könnt ihr vergessen. Tote haben so etwas nicht nötig. Denn auf den Höllenwelten seid ihr nur die Zobaj – die Toten, die sich bewegen. Die Guthriks jedoch dulden keine Rivalitäten oder Ärger, der durch eure Moralvorstellungen verursacht wird. Sie fragen auch nicht, wer einen Streit verursacht hat. Sie schmeißen jeden in die Schlucht, der Gezeter macht. Von euch gibt es mehr als genug und an Nachschub mangelt es nicht. Aber egal … Euer Leid ist ohnehin nur von kurzer Dauer.« Dann wischte er sich mit der Hand müde über das Gesicht und fuhr in sanfterem Ton fort. »Jetzt ruht euch etwas aus. In drei Stunden geht ihr an die Arbeit.«

Damit setzte er seine Maske wieder auf und streifte sich die Kapuze über. Danach verließen er und Jig den Raum.

Sareena legte den schweren Anzug ab und beschloss, einen Blick in den Waschraum zu werfen. Er war geräumig und sauber. Sitte, Würde und Anstand sind wohl nicht nötig, rekapitulierte Sareena Jems Worte, aber Sauberkeit wohl schon, fügte sie im Gedanken hinzu. Doch immerhin ergab das einen Sinn. Eine kleine Sukeetaseuche konnte sicherlich einen ganzen Förderkomplex lahmlegen und das wollte man wohl nicht riskieren. Wie dem auch sei, ich gebe auf diese Art wenigstens eine saubere Leiche ab, dachte Sareena und stieß vor Verachtung Luft durch die Nase.

Die Tengiji kehrte zu der Pritsche zurück, die sie sich ausgewählt hatte, entkleidete sich, warf ihre zerfetze Uniform auf die raue Decke und stolzierte nackt durch den Raum, um zum Waschraum zu gehen. Als Tengiji kannte sie keine falsche Scham, und die Blicke, die sie auf sich zog, störten sie nicht.

Sareena fühlte den kühlen, geglätteten Steinboden unter den Füßen und stellte sich unter eine Brause, die man mit einem Fußschalter betätigen konnte. Als das warme Wasser herabströmte und ihren Körper benetzte, fühlte sie, wie der Druck und die Ängste von ihr abfielen. Sie nutzte diesen ungestörten Moment, um ihre Gedanken zu ordnen und ihre strapazierten Nerven zu beruhigen.

Eine gute Stunde später trafen die Mithäftlinge ein, von denen Jem gesprochen hatte. Es war ein rüder Haufen, bestehend aus Menschen, Oponi und einer ganzen Menge Akkatos. Sie schienen sich schon länger zu kennen, was unter den Umständen auf der Tauvaruwelt Kassun schon sehr beachtlich war. Jem und Jig waren unter ihnen. Sareena musste es schaffen, sich in diese Gruppe zu integrieren. Sie beschloss, sich mit Jem anzufreunden. Das sollte nicht allzu schwer sein, dachte Sareena. Immerhin glaubte sie, bereits die Sympathie des Oponi zu haben. Mit den Oponi verstand sich Sareena bislang immer sehr gut, warum sollte es diesmal anders sein?

Sareena hatte sofort die Aufmerksamkeit der männlichen Menschen, die ihr zweideutige Blicke zuwarfen und schmutzige Bemerkungen machten, als sie vorübergingen. Sie trocknete sich ihre langen schwarzen Haare mit einem Handtuch und versuchte nicht darauf zu reagieren.

»Du übst einen starken Reiz aus«, bemerkte Jem, als er sich auf die Pritsche neben ihr setzte. »So wie du dich hier präsentierst. Auffällig wie eine Flussnixe.«