Beschreibung

Eine Fregatte des Imperiums treibt führerlos durch das Scutra System. Nea wird beauftragt, die Situation aufzuklären. Doch was als Rettungsmission beginnt, entpuppt sich schnell als Abenteuer, das sie tief in die obersten Kreise des Verbrechersyndikates führt. (11.363 pgz) Novelle zu der ASGAROON-Serie von Allan J. Stark.

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Allan J. Stark

ASGAROON

Ghost

www.papierverzierer.de

Vollständige E-Book-Ausgabe des mehrteiligen ASGAROON-Zyklus‘

Ghost

Copyright©2015 Allan J. Stark

Deutsche Erstausgabe 2015 by Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung:©Allan J. Stark

Lektorat: Michaela Harich

Herstellung: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-72-4

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Inhaltsverzeichnis
ASGAROON - Ghost
Informationen
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Allan J. Stark
Weitere Titel

[...] Ich sitze nicht bei den eitlen Leuten und habe nicht Gemeinschaft mit den Falschen. Ich hasse die Versammlung der Boshaften und sitze nicht bei den Gottlosen. Ich wasche meine Hände in Unschuld [...] Raffe meine Seele nicht hin mit den Sündern noch mein Leben mit den Blutdürstigen, welche mit böser Tücke umgehen und nehmen gern Geschenke. Ich aber wandle unschuldig. Erlöse mich und sei mir gnädig! Mein Fuß geht richtig. [...]

(Psalm 26, Luther-Bibel von 1912)

Kapitel 1

Der Tag auf Sculpa Trax begann trüb. Wolken hüllten den Himmel in dunkles Grau und immer wieder prasselten heftige Schauer nieder. Doch der Regen brachte kaum Abkühlung. Es wurde schwül, die Luft nebelig. Gegen Mittag klarte es auf und die Sonne kam hervor. Bald war die Atmosphäre bis zur Unerträglichkeit aufgeheizt. Schließlich verschwand das letzte Wölkchen und erneut breitete sich die trockene Sommerhitze aus, die schon seit Tagen schwer auf dem Planeten lastete.

Allerdings herrschten auch im sogenannten Winter kaum mildere Temperaturen, denn auf Sculpa Trax gab es so etwas wie einen Jahreszeitenwechsel schon seit gut dreißigtausend Jahren nicht mehr, zu jener Zeit, als man begonnen hatte, diese Welt in einen gigantischen Raumhafen umzugestalten. Eigentlich bestimmte ein warmer Sommer das ganze Jahr über das Wettergeschehen. Der Temperaturrückgang im Winter betrug nur einige wenige Grad, so dass es eigentlich völlig unbedeutend war. In allen sechzehn Monaten heizten die Motoren und Antriebssysteme der gewaltigen an- und abfliegenden Raumschiffe die Atmosphäre noch weiter auf. Das Klima war schon lange unter dieser anhaltenden Folter zusammengebrochen. Seitdem röstete die unbarmherzige Sonne den von Kunststoffen und Beton überzogenen Planeten und ließ ihn ölige Dämpfe schwitzen. Seit Generationen schmorte Sculpa Trax unter einer einzigen endlosen und mörderischen Hitzewelle.

Nea hatte sich in ihrem Schiff, derNova, eine geräumige, wohnliche Kabine eingerichtet. Dort lag sie ausgestreckt auf dem Bett und beobachtete entspannt, wie die Regentropfen an den Fensterscheiben trockneten. Ab und an zogen die dunklen Silhouetten von Frachtern über das Azurblau des Firmaments hinweg. In großer Entfernung stiegen zahllose Schiffe auf und nieder. Ein gewaltiger Transporter stemmte seinen wuchtigen Leib in die Höhe, stand für einige Sekunden reglos in der Luft und strebte dann in steilem Winkel dem All entgegen. Nea blickte ihm nach, bis er zu einem kleinen Punkt zusammengeschrumpft war und verschwand.

Diese Unruhe gehörte zum Leben auf Scutra, wie man den Planeten ebenfalls nannte. Das Donnern der Motoren war sein Herzschlag, das Fauchen der Triebwerke sein heißer Atem. Die Bewegungen der Schiffe am Himmel zeichneten feine Linien über das blasse Blau, wie ein Gespinst aus Adern in denen eisernes Blut pulsierte. Nea war sich sicher, all den Lärm, all den Tumult zu vermissen, sollte sich eines Tages Stille über den Flugfeldern ausbreiten. Dieses scheinbare Chaos war ein Teil von Neas Leben und ihr so vertraut wie der Wechsel von Tag und Nacht.

Im Alter von acht Jahren war Nea auf Sculpa Trax angekommen und seit einhundertsechzig Normjahren war diese seltsame Welt nun ihr Zuhause. Den Rest ihrer Kindheit und ihre gesamte Jugend hatte sie zwischen Raumschiffen und Fahrzeugen aller möglichen und unmöglichen Bauarten verbracht. Eine Kindheit inmitten eines riesigen Abenteuerspielplatzes. Samuel Blumfeldt, der Leiter des Falthurea Sektors dieses Planeten, hatte sich damals um Nea gekümmert und sie inoffiziell als seine Tochter adoptiert. Nea war die einzige Überlebende an Bord eines Passagierschiffes gewesen, nachdem Piraten es geentert hatten. Damals hatte Sam Blumfeldt noch als Chef einer Bergungstruppe gearbeitet und sie zum Teil seiner Mannschaft gemacht und für Nea gab es nichts Aufregenderes, als in den labyrinthischen Eingeweiden von Raumschiffen wie eine Stogimaus herumzuklettern. Das verrückte Mädchen, wie sie bald von den Männern und Frauen der Truppe genannt wurde, entwickelte schnell eine Leidenschaft für Technik und konnte schließlich fast jedes Schiff steuern, das auf Scutra zu finden war. Auch ihr erstaunliches Gespür für die unterschiedlichen Gefahren, denen die Crew auf ihren Missionen begegnete, rang ihren Kameraden Bewunderung ab. Mehr als einmal bewahrte ihr Instinkt die gesamte Mannschaft vor Unglück. Nachdem sie mit sechzehn Jahren volljährig geworden war, stellte sie Sam Blumfeldt offiziell in der Bergungscrew an. Doch schon zuvor war man auf das wilde, eigenwillige Mädchen aufmerksam geworden und hatte ihr angeboten, als Scout für die Zefren Company zu arbeiten, der die Verwaltung Scutras unterstand. Zwischen der Oberverwaltung und den Sektoren des Planeten, die in vielen Belangen autark waren, gab es immer wieder Reibereien und Unstimmigkeiten. Da Nea Sam nicht enttäuschen wollte, nahm sie sein Angebot an und wurde Teil seiner Bergungstruppe. Allerdings stellte sie sich der Zefren Company für freiwillige Einsätze zur Verfügung, was zu Problemen zwischen ihr und Sam Blumfeldt führte, der inzwischen zum Sektorenleiter aufgestiegen war. Aber immerhin war sie auf diese Art zu einem eigenen Schiff gekommen und ihre Einsätze führten sie an die ungewöhnlichsten Orte Asgaroons. So wurde sie immer wieder angefordert, um in unbekannte, herrenlose Schiffe einzusteigen und in ihren dunklen Innereien herumzuklettern, auf der Jagd nach bekannten und unbekannten Lebensformen. In ihrer Laufbahn hatte sie gut vierhundert Objekte untersucht, gegebenenfalls dekontaminiert und sie dann in die ständig wachsende Flotte der Zefren Company integriert. Auch wenn Sonden der Company Relikte aus dem alten Reich aufgespürt hatten, schickten sie Nea los, um weitere Daten zu erfassen und diese gegebenenfalls zu bergen. Allerdings waren das die Einsätze, auf die Nea gerne verzichtete. Die Artefakte aus der sagenumwobenen Vergangenheit Asgaroons hatten etwas an sich, das Nea Unbehagen bereitete. Hatte Nea mit ihnen zu tun, bereitete ihr das anschließend immer Alpträume. Allerdings behielt sie diese Tatsache für sich. Sie wollte nichts tun, was ihren Ruf irgendwie beeinträchtigte. Denn derartige Scouts gab es zwar viele, aber die Zefren Company beschäftigte keinen, der sich auch nur entfernt mit Nea hätte messen können. Ihre Erfolgsquote lag bei weitem höher als die von allen anderen. Viele Fremdorganismen, die Nea gefangen hatte, bevölkerten inzwischen die Zoos der Galaxis und viele der geborgenen Azzamari, wie man die Relikte des alten Reiches nannte, konnte man in Museen bewundern. Man hatte Nea oft erklärt, wie stolz man auf sie sei und wie wenig man den Wert ihrer Arbeit in Geld messen könne. Diese Offenheit war zwar schmeichelhaft, aber nicht unangebracht, denn oft beanspruchten feindselige Organismen das eine oder andere Schiff als ihr Territorium und wollten es nicht kampflos aufgeben. Darum wurde sie gut bezahlt und hatte dieNovageschenkt bekommen. Einen der AVA-111-Standardtransporter, welche die Piloten ob ihrer Robustheit »Boxer« nannten. Zudem genoss Nea noch andere Privilegien, aber machte kaum Gebrauch davon. Ihren Urlaub ließ sie ständig verfallen und die hohen Prämien wusste sie nicht auszugeben. Von Luxus hielt sie nicht viel und die angebotenen Gratisvergnügungsreisen empfand sie als stumpfsinnig. Allenfalls steckte sie etwas Geld in den Ausbau derNova, die ihr als Zuhause diente und in die sie eine ganze Menge Extras eingebaut hatte, von denen niemand etwas wissen durfte.

Der Lautsprecher der Funkanlage knackte und die Stimme von Sam Blumfeldt war zu hören. Nea schaltete den Kanal frei.

»Es gibt Arbeit«, sagte Sam knapp. Er klang ein wenig gehetzt.

Nea setzte sich auf. »Na endlich. Es wurde mir schon fast langweilig. So auf Halde herumzuliegen ist nicht mein Ding. Gib mir die Daten, dann mach ich mich gleich auf den Weg.«

»Nein, das wirst du nicht«, wandte Sam ein. »Da geht’s diesmal um ein kaiserliches Schiff, Fregatte. Katan-Klasse. Es antwortet nicht und rast führerlos durch das System. Der Verwaltung gefällt es nicht, dass ein derart schwer bewaffnetes Ding hier so unkontrolliert herumtrudelt. Deswegen gibt’s diesmal etwas mehr Umstände.«

»Da hab‘ ich aber schon Schlimmeres erlebt, ohne dass man dafür großartig Zusatzaufwand betrieben hätte«, warf Nea ein. »Worauf soll ich denn warten?«

»Die Chefetage will wegen der vielen Waffen, die bei der Aktion im Spiel sind, auf Nummer sicher gehen. Möglicherweise sind da Sachen an Bord, die du besser nicht zu Gesicht bekommst oder die abgeschaltet werden müssen. Man fürchtet, du könntest daran herumspielen. Soweit meine Überlegungen. Darum sollst du einen Techniker mitnehmen.«

»Ich bin Technikerin«, wandte Nea ein. »Ich bin durchaus in der Lage, mir selbst einen Eindruck zu verschaffen.«

»Tut mir leid, Kleines«, entschuldigte sich Sam. »Anweisung.«

»Wo ist das Schiff denn hergekommen?«

»Das große Nordtor hat es ausgespuckt, vor einer Stunde etwa. Weit weg vom imperialen Sprungpunkt. Da wird also niemand kommen, um es zu eskortieren. Ist vielleicht besser so. Ein Risikofaktor weniger. Der Techniker ist hier bei mir und wir sind schon auf dem Weg zu dir. Mach dieNovastartklar und lass die Rampe runter.«

Nea bestätigte, sprang aus dem Bett, schlüpfte aus ihren legeren Klamotten, sprang in ihre Arbeitsmontur und eilte zur Brücke.

Ogo, Neas hünenhafter Robogefährte, der das Gespräch mitgehört hatte, betrat das Cockpit und begann mit den üblichen Startprozeduren.

Seine metallenen Hände huschten geschickt über die Konsolen, die Servomotoren seiner Gelenke surrten leise. Er übermittelte Nea telepathisch einen kurzen angenehmen Gedanken, um sie zu begrüßen. »Wir sollten vorsichtig sein?«, fügte er hinzu. »Ist nie gut, wenn man es mit imperialen Schiffen zu tun hat. Zu viele Menschen, zu viele Waffen.«

»Absolut deiner Meinung«, antwortete Nea. »Also achten wir darauf, niemandem Anlass zu geben, etwas kaputt zu machen.«

Als die Triebwerke anliefen, erzitterte das Schiff. Während Nea sich auf ihrem Pilotensessel niederließ und über die Armaturen beugte, warf sie einen Blick hinaus auf die weitläufigen Landefelder. Sie waren ringförmig um den riesigen Turm der Sektorenverwaltung angelegt, in dem Sam Blumfeldt arbeitete. Vereinzelt standen dort einige »Boxer« herum, die sich im feuchten Asphalt spiegelten. Dazwischen Container, Tankfahrzeuge, Bodenpersonal und große Laderoboter, die wie müde Elefanten gemächlich dahintrotteten. Dann sah sie einen offenen Zweisitzer heranschweben. Schon aus der Entfernung erkannte sie Sam Blumfeldt, der ihn steuerte, an seiner kräftigen Gestalt und an der von einem grauen Haarkranz eingefassten Glatze, die wie der feuchte Landeplatz, über den sie fuhren, im Sonnenlicht glänzte. Neben ihm ein dünnes Männlein mit schmalem Gesicht und winzigen, kaum sichtbaren Augen, gekleidet in einen schlichten grauen Overall.

Kaum hatte Sam gegenüber derNovagestoppt, sprang der Mann auch schon heraus und entschwand aus Neas Blickfeld. Sam saß noch im Wagen, blickte ratlos zu ihr hinauf und schüttelte den Kopf.

Nea hörte, wie jemand eiligen Schrittes die Rampe heraufkam, dann metallenes Klimpern, das aus dem Schacht mit der Sprossenleiter drang und verriet, dass jemand hastig heraufkletterte, um zu ihr in die Kanzel zu gelangen. Der Mann hätte für diesen Weg auch den Lift nehmen können, aber dafür reichte ihm wohl die Zeit nicht aus. Immerhin schien er mit der Konstruktion des AVA 111 vertraut.

Sie drehte den Pilotensitz herum und erwartete ihren gehetzten Passagier, der jeden Moment in der Schleusenkammer vor dem Cockpit auftauchen musste. Ogo übermittelte Nea das Gedankenbild einer hektischen Ameise, die an einer Wand herumlief.

»Sappo!«, bemerkte sie. »Du hast es erfasst. Mit eiligen Leuten gibt es nur Ärger.«

Der dünne Mann stieg wenig später aus dem seitlichen Kletterschacht in den Vorraum der Kanzel; ohne zu zögern und die Bitte abzuwarten, an Bord kommen zu dürfen, betrat er das Cockpit.

Ogo musterte den Besucher argwöhnisch, der offenbar nicht mit einem derart ungewöhnlichen Copiloten gerechnet zu haben schien. »Willkommen an Bord derNova«, schnarrte Ogo mit metallener Roboterstimme. »Kapitän Nea Diehl und ich freuen uns, mit Ihnen zusammenzuarbeiten.«

Der Mann stutzte, schien für einen Moment sogar verunsichert. Dann entspannte er sich und alle Hast schien von ihm abzufallen. Er reichte ihr die Hand und stellte sich vor.

»Ozek Aldeen«, sagte er. Von einem Handschlag mit Ogo sah er allerdings ab. »Ballistik- und Strahlungsinspektor.« Seine Stimme klang unerwartet tief und angenehm, was seiner Gestalt so gar nicht entsprechen wollte.

»Schön, Sie an Bord zu haben«, antwortete Nea. »Ich bin Scout, Technikerin und–wie Ogo schon sagte–Captain derNova. Ogo ist mein erster Maat.«

Aldeen nickte, verstand offenbar, klappte den Notsitz hinter Ogo aus, ließ sich darauf nieder und legte den Gurt an. Dann musterte er die Pilotin wortlos und erwartete anscheinend, dass sie sogleich abfliegen würden.

»Sie haben alles, was Sie brauchen?«, fragte er.

Nea nickte. Daraufhin machte er eine auffordernde Handbewegung, wobei er die Brauen weit in die Stirn zog. So wurden erstmals seine braunen Augen sichtbar.

»Man kann in Eile sein«, meinte sie pikiert, »ohne die Höflichkeit …«

»Dann bitte!«, unterbrach er. »Bitte, seien Sie so freundlich und fliegen Sie los.«

Der Mann wurde ihr immer unsympathischer. Einige Sekunden blieb sie untätig und starrte in sein Gesicht. Dann schwenkte Nea ihren Sessel zurück in Standardposition und ließ die Triebwerke aufbrüllen–stärker als üblich. DieNovabockte und rüttelte. Aldeen umklammerte sofort die Armlehnen seines Sitzes und sein Gesicht wurde fahl. Sie verkniff sich ein schadenfrohes Lächeln.

Unten auf dem Rollfeld saß Sam noch immer in seinem Wagen, winkte zu Nea hinauf und brauste davon.

DieNovastieg schnell in den Himmel hinauf. Die Gebäude, sowie die Ansammlung geparkter Wägen und gelandeter Raumschiffe, fielen unter ihnen zurück, bis sie zu Miniaturen geschrumpft waren und mit dem marmorierten Grau der Planetenoberfläche verschmolzen. Sogleich drang das Schiff in die Tiefe des Raumes vor und Sculpa Trax entschwand in der Ferne. In dünnen, kaum sichtbaren Linien strebten endlose Raumschiffkonvois aus dem System hinaus. Einige führten direkt auf die neun Tore in diesem Sonnensystem hin, andere liefen in verschiedenen Richtungen die vorgeschriebenen Sprungpunkte an. Manche dieser Stationen wurden von der Zefco unterhalten, die größte Sprungstation jedoch gehörte dem Imperium und war immer eine indirekte Bedrohung für die Unabhängigkeit von Scutra. Von diesen Punkten aus konnten Schiffe mit eigenem Hyperantrieb gefahrlos weiterreisen, indem sie einem starken Signal wie einem Ariadnefaden folgten, der sie sicher an allen Gefahren vorbeiführte und zur nächsten Sprungstation leitete.

Nea lenkte dieNovaaus den vorgeschriebenen Trassen heraus, wo sich Schiff an Schiff reihte und jagte auf ihr Ziel zu. Während dieser etwa einstündigen Etappe vertiefte sich Ozek Aldeen in die Unterlagen, die er aus einer Innentasche seiner Jacke hervorgezogen hatte. Nea erkannte, dass es sich um Konstruktionspläne einer Katan-Fregatte handelte, was recht ungewöhnlich war. Konstruktionsdetails von Schiffen aus den Werften des Kaisers unterlagen strengster Geheimhaltung. Dass eine zivile Gesellschaft wie die Zefren Company Pläne militärischer Fahrzeuge aus den imperialen Werkstätten erhielt, war außergewöhnlich. Aber Nea wusste aufgrund von ähnlichen Erfahrungen, dass die Company immer für neue Überraschungen gut war. Man akzeptierte irgendwann einmal derartig befremdliche Erlebnisse, ohne Fragen zu stellen. Dennoch war das sehr auffallend.

Schließlich kam die Katan-Fregatte in Sichtweite. Wie ein kleiner Stern funkelte das Schiff in der Ferne. Das riesige Nordtor stand als goldglänzender Ring dahinter. Nahebei ein Stau aus tausendfach unterschiedlichen Vehikeln, die auf ihre Passage warteten.

»Haben Sie den Namen des Schiffes?«, fragte Nea den Techniker.

Aldeen hob den Kopf und stotterte. »Ich … ich … den hab ich wohl vergessen.«

In diesem Moment, da sie dem Ziel so nahe waren, wurde der Mann unruhig. Schweiß glänzte an seinen Schläfen, immer wieder befeuchtete er seine Lippen mit der Zunge und sein Gesicht war wieder blass geworden.

Nea kontaktierte das Schiff auf allen gängigen Frequenzen, aber niemand antwortete. »Hier Scutra GuideNova. Captain Nea Diehl. Fregatte Katan-Klasse bitte bestätigen.« Nea versuchte es mehrfach, dann gab sie auf. Keine Möglichkeit also, herauszufinden, was die Ursache für den Irrflug war und die Sache damit schnell abzuschließen.

DieNovaraste an der Fregatte vorbei. Dann flog Nea eine Schleife, um Ausrichtung und Geschwindigkeit derNovadem Kriegsschiff anzugleichen.

»Beachte die Anzeigen!«, ermahnte Ogo, dem Neas intuitiver Flugstil nicht gefiel.

Nea starrte auf das Heck der Fregatte, das vor ihr erschien, und bremste ab. Sie musste das Steuer fest an sich ziehen, um das Tempo so weit zu verringern, dass sie nicht mit der Fregatte kollidierten. Ogo zog seinen Schubhebel zurück. Die Andruckabsorber wimmerten und dennoch wurde sie aus dem Sitz gehoben.

»Aktuelle Geschwindigkeit: zehntausend Kilometer pro Stunde«, schnarrte Ogo. »Fallend. Fünftausend Kilometer pro Stunde. Zweitausend. Tausend.«

Aldeen stöhnte auf, während Nea ihr Steuer umklammert hielt und es bis zur Brust heranzog. »Verdammt!«, stieß sie ärgerlich hervor.

»Fünfhundert. Zweihundert.« Ogos blecherne Stimme besaß eine eigentümliche Gelassenheit.

Die Bremstriebwerke feuerten.

Ozek Aldeens Finger krallten sich in die Lehne seines Sessels. Er hielt den Atem an und ein stiller Fluch lag auf seinen Lippen.

»Geschwindigkeit angepasst«, informierte Ogo. »Vierzig Kilometer pro Stunde.«

DieNovawar nun gut hundert Meter vom Heck der Fregatte entfernt. Deren Triebwerke glommen in schwachem, kaum sichtbarem Rot. Jedes so gewaltig wie ein Drachenmaul, das dieNovawürde verschlingen können.

»So eine blöde, imperiale Schnecke!«, schimpfte Nea und ließ Ogo einen Routinescan durchführen. »Schau mal, was bei denen nicht stimmt.«

»Dämmfeld ist noch aktiv«, informierte Ogo tonlos. »Schiffsstatus nicht erfassbar.«

»Hätte mich auch gewundert«, bemerkte Ozek Aldeen. »Das Letzte, was die preisgeben würden, ist ihr Status. Besonders dann nicht, wenn sie sich in Gefahr befinden oder sich angegriffen fühlen.«

»Niemand greift sie hier an«, erwiderte Nea. »In Scutra hat es seit Jahrzenten keine Kämpfe gegeben.«

Unterdessen führte Ogo einen Oberflächenscann durch, um Beschädigungen an der Fregatte zu suchen, aber das Schiff schien völlig intakt. Es gab keine äußerlichen Schäden. Nichts deutete darauf hin, dass die Fregatte in einen Kampf oder einen Unfall verwickelt worden war. Alle Rettungskapseln waren vorhanden. Das Schiff trieb ohne nennenswerten Schub dahin. Ogo widmete sich den eingehenden Daten und neben einer Nummer fand er dabei auch einen Namen–Solvik.