Beschreibung

ASGAROON - Visions Alle aktuellen Zusatzgeschichten in einem Band: DER UNENDLICHE TRAUM ZUG UM ZUG DIE PIRATENKÖNIGIN GHOST EIN DUNKLES GEHEIMNIS Das E-Book zu den Erweiterungen des großen ASGAROON-Zyklus'. ASGAROON – die Milchstrasse, im Jahr 150.000 AD. Nach Jahrtausenden des Krieges und der Zwietracht, erlebt die Galaxis nun den Frieden des Pax Imperia. Unter der Herrschaft des Hauses Bolando und der Nominellen Republik, beginnen die Völker, die Schrecken der Vergangenheit zu vergessen und die Segnungen der Neuzeit zu genießen, als sich abermals Unruhe regt. Gerüchte machen die Runde und man spricht hinter vorgehaltener Hand von einem Unheil, aus längst vergangenen Tagen. Mächtige Wesen, die einst auf den Thronen gewaltiger Sternenreiche saßen, würden zurückkehren, um von neuem ihr Herrscherrecht einzufordern. In dieser Zeit lebt Nea, die noch nicht ahnen kann, dass sie eine entscheidende Rolle in diesem Universum spielen soll …

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Seitenzahl: 460

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Allan J. Stark

ASGAROON

Visions

www.papierverzierer.de

Vollständige E-Book-Ausgaben

der aktuellen Kurzgeschichten des mehrteiligen ASGAROON-Zyklus‘

Der unendliche Traum

Zug um Zug

Die Piratenkönigin

Ghost

Ein dunkles Geheimnis

Copyright©2015 Allan J. Stark

Deutsche Erstausgabe 2015 by Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung:©Allan J. Stark

Herstellung, Lektorat: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-944544-65-6

www.papierverzierer.de

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Inhaltsverzeichnis
ASGAROON - Visions
ASGAROON - Der unendliche Traum (vor langer Zeit)
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
ASGAROON - Zug um Zug (Jahr 2 vpgz)
Kapitel 1
Kapitel 2
ASGAROON - Die Piratenkönigin (11.350 pgz)
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
ASGAROON - Ghost (11.363 pgz)
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
ASGAROON - Ein dunkles Geheimnis (11.373 pgz)
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Allan J. Stark
Denn jetzt sehen wir mit Hilfe eines metallenen Spiegels in verschwommenen Umrissen.
Dann aber wird es von Angesicht zu Angesicht sein.
Jetzt erkenne ich teilweise. Dann aber werde ich genau erkennen, so wie ich genau erkannt worden bin.
(Paulus von Tarsus)

Die Hölle von Kassun

Erinnerungen, Träume und reale Eindrücke verschmolzen zu einer bizarren Szenerie aus Glut und Flammen. Sareena spürte die heiße Sonne aus dem Wüstenland und die donnernde Brandung des ungestümen Ozeans ihrer Heimatwelt. Fröhliches Gelächter und Todesschreie vereinten sich zu einer grauenhaften Sinfonie, durchsetzt mit den Erinnerungen an das Rauschen von Wind in den Bäumen und dem krachenden Grollen vernichtender Explosionen. Es klang wie ein Gewitter. Traumbilder aus den unbeschwerten, lichtdurchfluteten Tagen, die sie im Dienste des Hauses Komeru verbracht hatte, bis zu seinem flammenden Untergang vor wenigen Stunden. Traumbilder, die nun zu verblassen begannen.

Als Sareena die Augen öffnete, wurde sie von gleißendem Licht geblendet. Feuer und Funken. Blitze und Rauch. Schemen, die wie Geister in einem lodernden Höllenschlund zu schweben schienen. Ein ohrenbetäubender Lärm dröhnte in ihren Ohren. Beißender Qualm stieg ihr in die Nase.

Sareena kniff unwillkürlich die brennenden Augen zusammen, wandte sich ab und fiel. Von den Eindrücken überwältigt, schwanden ihr die Kräfte. Erneut formten sich Visionen in ihrem Sinn, genährt aus den schmerzhaften Erfahrungen der vergangenen Tage und Stunden. Da waren Soldaten, kämpfend und sterbend in einem aussichtslosen Gefecht. Detonationen. Flammen. Schüsse. Und der bestialische Gestank von verbranntem Fleisch.

Wieder und wieder durchlitt Sareena den furchtbaren Moment ihres Versagens. Den Augenblick, als neben ihr eine Wand explodierte und sie in eine Wolke aus Staub und Trümmern hüllte. Jene Sekunde, als sie herumwirbelte und versuchte, ihren Körper zwischen den König und die Angreifer zu werfen, die gleich aus dem Riss in der Mauer hervorbrechen würden. Aber Sareena tat nichts, sondern erstarrte, als sie ihre Prouque Pistole auf einen einzelnen jungen Mann richtete, der ihr aus Feuer und Rauch wie ein Todesengel entgegentrat. Sareena, aus dem Kriegerorden der Tengiji, war wie betäubt, als ginge ein Zauber von diesem Mann aus, der ihr die Sinne raubte. Wie schön er ist, dachte sie noch, unfähig zu reagieren. Sie war von seinem Aussehen wie geblendet. Es schien ihr unmöglich, sich zu wehren, sollte er sie angreifen. Sie regte sich nicht. Selbst dann nicht, als er mit seiner Strahlenwaffe auf sie zielte. Gerade als sie in einem halbherzigen Verteidigungsversuch ihre Vibroklingen hob, traf sie der Schuss aus seiner Waffe. Sareena ging in die Knie und stürzte die Stufen einer flachen Treppe hinunter. Ihr König wurde vor seinem Thron, oberhalb der Empore, von mehreren Salven niedergestreckt, während sie, seine Leibwächterin, auf den Boden prallte und das Bewusstsein verlor.

Sareena erwachte aus ihrem Halbschlaf. Sie lag auf dem Boden, fühlte das Brummen starker Triebwerke und das Rumpeln einer schweren Hydraulik. Sie war an Bord einer Raumfähre, die gerade zur Landung angesetzt hatte und das Fahrwerk ausfuhr. Ein Stoß ging durch das Fahrzeug, als es den Boden berührte und sich die Frachtluke öffnete. Helles Licht flutete herein. Unwillkürlich schloss Sareena die Augen. Sie hörte das Poltern schwerer Stiefel und unvermittelt versetzte jemand Sareena einen Tritt. Sie war sofort hellwach. Die Traumbilder verblassten. Reflexartig fuhr sie hoch und verteidigte sich, wie sie es als Tengiji gelernt hatte. Aber der hünenhafte Akkato in seinem schweren Schutzmantel wehrte ihren kraftlosen Angriff beiläufig ab, als würde er eine Fliege verscheuchen. Gleichzeitig bekam er Sareena am Handgelenk zu fassen und verdrehte ihr schmerzhaft den Arm. Die junge Frau kannte die Stärke der Akkatos und wusste, dass er ihr spielend die Knochen brechen konnte.

»Keine Dummheiten, du Göre«, knurrte der Riese in einem breiten, kehligen Dialekt. »Sonst reiß ich dich in Stücke.«

Er hob die Tengiji in die Höhe wie eine Puppe und schleuderte sie hinaus aus dem Laderaum der Raumfähre, die das Mädchen und eine Vielzahl anderer Gefangener transportierte.

Die junge Frau schlitterte über einen harten, zementierten Boden. Überall warme Wasserpfützen. Die Luft dampfig, rauchgeschwängert. Die Wände schienen zu glühen und flüssiges Gestein rann in Bächen über die schrundigen Felswände, um in irgendwelchen Kanälen zu verschwinden. Zu allen Seiten standen Menschen und andere Wesen, die sich in derbe Schutzanzüge hüllten, die Lasten und Geräte herumschleppten oder Wägen mit Metallbarren vor sich herschoben. Andere trugen Bohrgeräte, Hämmer, Hacken und Schaufeln.

Ein heißer Nieselregen benetzte Sareenas Gesicht. Gerade aus ihrer Ohnmacht erwacht, verlangte der bizarre Anblick dieser fremden Umgebung ihrem Geist alles ab. Dies also war Kassun, eine Tauvaruwelt im Koliussektor. Die Hölle der Gerechten. Sareena wurde übel. Ihr Magen verkrampfte sich. Gleich würde sie sich übergeben. Sie musste sich wieder unter Kontrolle bringen und sich sammeln, aber es gelang ihr nicht. Ihre Nerven drohten zu versagen und schon stapfte der schlecht gelaunte Akkato wieder auf sie zu.

»Steh auf, du Weichhaut!«, brüllte er voller Zorn. »Verdammtes Menschenweib!« Von seiner blonden Haarmähne troff das Wasser und im Glas seiner Schutzbrille reflektierte der Feuerschein, als er mit weit ausholenden Schritten die Rampe herunter polterte. »Ich werd dir Beine machen, Menschenweib!«

»Ist schon gut, Jig.«« Ein Mann in einem Schutzanzug aus steifem, braunem Leder trat zwischen Sareena und den Akkato. Er war groß – größer als ein Mensch. Sareena tippte auf einen Oponi, auch wenn sein Kopf von einer Kapuze und einer Maske verborgen wurde. Seiner Stimme nach zu urteilen, war er jung, wenn man das bei einem langlebigen Oponi überhaupt sagen konnte. Nach menschlichem Ermessen mochte er steinalt sein.

Jig, der Akkato, blieb stehen, fletschte lediglich die Zähne und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Lass mir doch den Spaß«, beklagte er sich.

»Wenn du sie jetzt schon umbringst«, fuhr der Oponi fort, »wird es dir Briggo ziemlich übel nehmen. Du weißt es doch. Briggo hat gerne seinen Spaß mit den Neuen. Und wer will ihm das schon übel nehmen auf dieser langweiligen Welt am Rande von Nirgendwo.« Er widmete Sareena einen kurzen Blick, bevor er sich wieder Jig zuwandte. »Kümmere dich um die anderen Neuankömmlinge und gib ihnen ihre Anzüge, bevor sie gekocht werden. Ich werde mich inzwischen der Kleinen annehmen.«

Jig schnaubte verächtlich und trieb die anderen Häftlinge, die zusammen mit Sareena eingetroffen waren, zu einem Haufen Kleidungsstücke hinüber. Dort konnten sie sich ihre Anzüge nach ihren Körpermaßen zusammenstellen.

»Zieh das an«, befahl der Oponi Sareena und warf ihr ein Bündel Kleidungsstücke samt Stiefel vor die Füße. »Könnte dir passen. Hat einem jungen Mann gehört, der gestern gesegnet wurde.«

Der Tod als Segen, überlegte Sareena. Auf diese Art des Glücks hatte sie noch keine Lust.

Sareena verlor keine Zeit, denn die Temperatur schien schnell zu steigen. Der Boden unter ihren Füßen wurde heiß, als stünde sie auf einer Ofenplatte. Eilig öffnete sie das verschnürte Bündel und zog die Kleider und Stiefel an.

»Genug getrödelt!«, brüllte Jig. »Ich zeige euch jetzt, wo wir euch unterbringen. Und dass mir keiner aus der Reihe tanzt.«

Der Tross von gut zwanzig Häftlingen wankte und humpelte durch die heißen Nebelschwaden hinter dem Akkato her. Ganz offensichtlich hatten etliche von Sareenas Mitgefangenen eine ähnlich ungemütliche Reise hinter sich gebracht wie die Tengiji und waren im Kampf verwundet worden. Bestimmt wären einige in einem Hospital besser untergebracht gewesen, als an diesem furchtbaren Ort, überlegte Sareena.

Der Oponi setzte sich ans Ende der Gruppe und beobachtete das Mädchen. Irgendetwas schien ihn zu beschäftigen.

Der Schutzanzug passte Sareena leidlich und es war nicht einfach, darin zu gehen. Der lederartige Kunststoff war starr wie Teerpappe und sie fühlte sich darin so, als trüge sie eine altertümliche Rüstung. Die Stiefel waren ihr etwas zu groß. Sie hatte sie fest verschnüren müssen, um nicht ständig zu stolpern. Auch die Maske schloss sich nicht hundertprozentig um ihre Gesichtskonturen. Immer wieder drang heißer Rauch unter die Maske und in ihre Lungen. Ihr Rachen brannte und ihre Augen tränten.

Zumindest war Sareena nicht die Einzige, die solche Probleme hatte, denn unentwegt musste der Tross anhalten, wenn jemand dem Ersticken nahe war oder von heftigem Hustenreiz geschüttelt wurde. Jig fluchte und beschimpfte die Häftlinge, wünschte ihnen Tod und Teufel an den Hals und schüttelte den einen oder anderen kräftig durch.

»Sind eben keine Maßanfertigungen«, murmelte der Oponi, der hinter Sareena herging. Die Worte waren nur für sie bestimmt. »Das Meiste stammt von denen, die sich ins Jenseits verabschiedet haben. Man muss die Kleider eben anpassen. Wohl dem, der ein Schneider ist.« Er lachte. »Von den Toten bekommen wir zwar ständig Nachschub an Kleidern, aber man muss schon Glück haben, wenn sie passen. Außerdem verlieren viele in den ersten Wochen ziemlich an Gewicht. Manche legen zwar an Muskelmasse zu und gehen etwas auseinander, aber das ist die Ausnahme. Hitze und Kälte setzen dem Material zu und man hat ne Menge herumzuflicken. Genau genommen tun wir in unseren wenigen freien Stunden nichts anderes, als die Anzüge anzupassen und auszubessern.«

»Scheint die sinnvollste Beschäftigung hier zu sein«, röchelte Sareena.

»Ich bezweifle, ob es einen Sinn macht, hier unbedingt überleben zu wollen«, meinte der Oponi müde. »Aber man bemüht sich trotzdem.«

»Das sind eben die verdammten Instinkte, nicht wahr?«

Die Gruppe betrat einen Seitengang und hinkte eine Weile durch die Dunkelheit, bis sich unversehens eine Tür öffnete.

Grelles Sonnenlicht flutete herein und ein kalter Windstoß ließ das Wasser auf Sareenas Mantel schlagartig zu Eis gefrieren. Schneeflocken wirbelten herein. Die Schutzbrille beschlug augenblicklich und für einen Moment war Sareena blind. Einige der Neuankömmlinge schrien sogar hysterisch auf.

»Ruhe, dummes Pack!«, brüllte der Akkato. »Die Brillen passen sich gleich an. Dann könnt ihr wieder so dämlich glotzen wie vorher.«

Kaum hatte er das gesagt, begann sich die Sicht tatsächlich wieder zu klären. Sareena konnte einen blaugrauen Himmel hinter schwarzen Felszähnen erkennen und darüber gewaltige, wirbelnde Wolkenberge mit feurigen, im Sonnenlicht glühenden Spitzen.

»Eissturm«, hauchte der Oponi in Sareenas Nacken. »Der Atem der Finsternis.«

Jig führte die Gruppe über eine stählerne Brücke, die eine tiefe, schmale Schlucht überspannte. Auf dem Grund der Schlucht schlängelte sich ein leuchtender Lavafluss wie ein erstarrter Blitz aus gelbem Feuer.

»Die Brücken sind alles andere als sicher«, erklärte Jig, wobei er auf und ab hüpfte, so dass der schmale Steg zu schwanken und zu knarren begann. Die Gefangenen klammerten sich ängstlich an das Geländer und der Akkato sprang daraufhin noch stärker herum. »Das Land ist ständig in Bewegung. Und dauernd stürzen die Brücken ein.« Er lachte grollend. »Ist wie eine überraschende Begnadigung, wenn man plötzlich mit so einem Ding nach unten geht. Also seid glücklich, wenn euch das Schicksal mal so freundlich auf die Schulter klopft.«

Auf der anderen Seite der Brücke betraten sie erneut eine Schleuse und gelangten dahinter in einen hell beleuchteten Stollen. Es war ein Korridor mit vielen Türen. Hier war die Temperatur angenehm, die Luft frisch und sauber. Man konnte das tiefe Summen von Ventilationsanlagen vernehmen, die hier für ein erträgliches Klima sorgten.

Der Akkato führte die neuen Gefangenen in einen großen Schlafraum und machte eine ausladende Handbewegung.

»Diese bequemen Pritschen gehören euch. Die sind alle für Oponi, Akkato und Menschen ausgelegt. Wo kein Zeug druntersteht, könnt ihr euch breitmachen. Das sind die freien Plätze.«

Sareena bemerkte erst jetzt, dass die ganze Anlage offenbar nur für die erwähnten Spezies ausgelegt war. Dikos, Neral, Seawon und andere Lebewesen mit extrem abweichender Anatomie waren ihr hier nicht aufgefallen. Einige von ihnen hatte Sareena an der Andockstation der Gefängnisfähre auf dem Planeten Okonon gesehen, kurz bevor man sie hierher geflogen hatte. Bestimmt arbeiteten die Neehus – die Nichthumanoiden – auf anderen Förderkomplexen dieser Tauvaruwelt.

»Mein Name ist Jem«, sagte der Begleiter des Akkato und nahm endlich seine Maske ab. Nun konnte Sareena sehen, dass er tatsächlich ein Oponi war. Dunkles, schulterlanges Haar quoll unter seiner Kapuze hervor. Seine Haut war dunkelbraun und die großen, blattgrünen Augen wirkten klug und sanft. »Ihr werdet euch diesen Raum mit fünfzig anderen teilen, die bald von der Arbeit zurückkommen. Geht Streit aus dem Weg, sofern das möglich ist.« Dabei lachte er, denn er wusste, dass es Streit geben würde. Es gab immer Streit, wenn die alte Mannschaft auf die Neuankömmlinge traf. Ein uraltes Ritual, das man auf allen Welten und bei allen Spezies beobachten konnte; besonders dann, wenn die Bedingungen alles andere als einfach waren.

»Separate Waschräume für jedes Geschlecht gibt es hier nicht.« Jem blickte sich um und erkannte neben Sareena noch zwei andere menschliche Frauen und ein Akkatoweibchen. »Jedes Quartier hat einen großen Waschraum für Männer und Frauen. Sitte, Würde und Anstand könnt ihr vergessen. Tote haben so etwas nicht nötig. Denn auf den Höllenwelten seid ihr nur die Zobaj – die Toten, die sich bewegen. Die Guthriks jedoch dulden keine Rivalitäten oder Ärger, der durch eure Moralvorstellungen verursacht wird. Sie fragen auch nicht, wer einen Streit verursacht hat. Sie schmeißen jeden in die Schlucht, der Gezeter macht. Von euch gibt es mehr als genug und an Nachschub mangelt es nicht. Aber egal … Euer Leid ist ohnehin nur von kurzer Dauer.« Dann wischte er sich mit der Hand müde über das Gesicht und fuhr in sanfterem Ton fort. »Jetzt ruht euch etwas aus. In drei Stunden geht ihr an die Arbeit.«

Damit setzte er seine Maske wieder auf und streifte sich die Kapuze über. Danach verließen er und Jig den Raum.

Sareena legte den schweren Anzug ab und beschloss, einen Blick in den Waschraum zu werfen. Er war geräumig und sauber. Sitte, Würde und Anstand sind wohl nicht nötig, rekapitulierte Sareena Jems Worte, aber Sauberkeit wohl schon, fügte sie im Gedanken hinzu. Doch immerhin ergab das einen Sinn. Eine kleine Sukeetaseuche konnte sicherlich einen ganzen Förderkomplex lahmlegen und das wollte man wohl nicht riskieren. Wie dem auch sei, ich gebe auf diese Art wenigstens eine saubere Leiche ab, dachte Sareena und stieß vor Verachtung Luft durch die Nase.

Die Tengiji kehrte zu der Pritsche zurück, die sie sich ausgewählt hatte, entkleidete sich, warf ihre zerfetze Uniform auf die raue Decke und stolzierte nackt durch den Raum, um zum Waschraum zu gehen. Als Tengiji kannte sie keine falsche Scham, und die Blicke, die sie auf sich zog, störten sie nicht.

Sareena fühlte den kühlen, geglätteten Steinboden unter den Füßen und stellte sich unter eine Brause, die man mit einem Fußschalter betätigen konnte. Als das warme Wasser herabströmte und ihren Körper benetzte, fühlte sie, wie der Druck und die Ängste von ihr abfielen. Sie nutzte diesen ungestörten Moment, um ihre Gedanken zu ordnen und ihre strapazierten Nerven zu beruhigen.

Eine gute Stunde später trafen die Mithäftlinge ein, von denen Jem gesprochen hatte. Es war ein rüder Haufen, bestehend aus Menschen, Oponi und einer ganzen Menge Akkatos. Sie schienen sich schon länger zu kennen, was unter den Umständen auf der Tauvaruwelt Kassun schon sehr beachtlich war. Jem und Jig waren unter ihnen. Sareena musste es schaffen, sich in diese Gruppe zu integrieren. Sie beschloss, sich mit Jem anzufreunden. Das sollte nicht allzu schwer sein, dachte Sareena. Immerhin glaubte sie, bereits die Sympathie des Oponi zu haben. Mit den Oponi verstand sich Sareena bislang immer sehr gut, warum sollte es diesmal anders sein?

Sareena hatte sofort die Aufmerksamkeit der männlichen Menschen, die ihr zweideutige Blicke zuwarfen und schmutzige Bemerkungen machten, als sie vorübergingen. Sie trocknete sich ihre langen schwarzen Haare mit einem Handtuch und versuchte nicht darauf zu reagieren.

»Du übst einen starken Reiz aus«, bemerkte Jem, als er sich auf die Pritsche neben ihr setzte. »So wie du dich hier präsentierst. Auffällig wie eine Flussnixe.«

»Ich weiß nicht, was soll das bedeuten?«, antwortete Sareena vielsagend und in einem leichten Singsang. Sie erntete ein Lächeln des Oponi, offenbar kannte er den alten Vers, den sie gerade zitiert hatte.

Jem zog Mantel und Stiefel aus und legte sich auf sein hartes Lager neben Sareenas Pritsche. »Wäre gut, du schneidest sie ab«, murmelte er und schloss die Augen. »Sie sind hinderlich.«

»Ich bin Tengiji«, antwortete Sareena, stolz darauf zum Orden dieser gefürchteten Kriegerinnen zu gehören. »Ich brauche sie. Ich werde sie zu Zöpfen flechten. Dann stören sie nicht.«

Jem schlug die Augen auf und musterte die junge Frau einige Sekunden, sagte aber nichts. Sareena blickte ihn mit unschuldigen Augen an, wobei sie ganz bewusst mit einer Haarsträhne spielte und sich eine Locke drehte. Dann seufzte Jem und legte sich wieder hin.

»Wie auch immer«, gähnte der Oponi. »Versuch ein paar Minuten zu schlafen. In einer Stunde geht es an die Arbeit – in den Feuern des Höllenschlunds.«

»Als Wassernixe könnte ich in diesem Feuer sehr schnell verdampfen«, scherzte Sareena. »Ich könnte jemanden brauchen, der auf mich aufpasst.«

»Ich glaube nicht, dass du dich dumm anstellen könntest, Tengiji«, meinte Jem müde. »Ich bin nur froh, dass wir so unverzüglich wieder eine Zuteilung erhalten haben. Jeder Tag mit halber Besetzung ist ein Risiko.«

»Ich dachte, von uns gäb es Tausende«, sagte Sareena überrascht. »Und die Lücken würden gleich gefüllt.«

»Gleich heißt nicht immer sofort.« Er rieb sich die Nasenwurzel und gähnte. »Und auch auf den Tauvaruwelten gibt es allerhand logistische Probleme zu lösen.«

»Ja, die Logistik ist eine Plage.«

Jem nickte stumm.

Ich muss ihm noch ein bisschen auf die Nerven gehen, überlegte die Tengiji. Ich muss irgendwie in seinen Gedanken bleiben. Er darf mich nicht vergessen. »Wem gehörte die Pritsche, auf der ich sitze?«, fragte sie.

»Jemandem der weniger gequatscht hat als du.« Jems Stimme klang gereizt und er drehte sich zur Seite.

»Ich quatsche gerne in so große, schöne Ohren«, fügte sie etwas unbeholfen hinzu, woraufhin der Oponi ein kurzes Brummen von sich gab, das jedoch nicht allzu grimmig klang.

Das Gespenst

»Vorsicht jetzt!«, brüllte Jem, als ihnen ein glühender Gusstiegel aus dem tiefen Schacht entgegenfuhr. Die Schienenkonstruktion an der Schachtwand quietschte und klapperte, während der feurige Topf daran in die Höhe schnellte. Sareena sah gebannt auf das Farbenspiel des flüssigen Metalls, das in dem großen Tiegel kochte. Es sah aus wie ein glühendes Auge, das sie aus der Tiefe anstarrte, von Flammen, Funken und wirbelnden Rauchschwaden umgeben.

»Aufgepasst!«, schrie Jem und seine Stimme überschlug sich. »Die Dämpfer bei diesem Tiegel sind ausgeleiert.«

Als der brodelnde Topf über den Rand der Grube schoss, packte der Akkato Sareena am Kragen und warf sie wie ein Spielzeug quer über den Boden.

Der Tiegel kam abrupt zum Stehen. Das flüssige Aureanum spritzte wie ein glühender Geysir in die Höhe und schwappte über den Rand des Kessels.

Sareena vernahm schrille Schreie, während sie instinktiv in die Richtung kroch, in die sie Jem geworfen hatte, bis sie eine Felswand erreichte, an der sie sich hochrappelte. Als sie sich umwandte, sah sie ein grauenhaft bizarres Bild.

Das Metall war zum Teil erstarrt und aus dem goldfarbenen See erhoben sich groteske Skulpturen verkrampfter Körper, mit verdrehten Gliedmaßen, die rauchten, dampften und zischten. Es mussten etwa zehn Lebewesen gewesen sein, die hier gerade den Tod gefunden hatten.

Sareena suchte Jem in diesem Chaos. Zu ihrer großen Erleichterung konnte sie ihn sehen, wie er sich etwas abseits der grausigen Szene vom Boden erhob. Er war offenbar unverletzt und auch Jig schien nichts abbekommen zu haben. Der Akkato stand aufrecht im Qualm und betrachtete die Katastrophe, als ein großer Schatten hinter ihm auftauchte. Ein riesiger Guthrik, der den Akkato um eine Armlänge überragte, bahnte sich seinen Weg durch die gaffenden Häftlinge und schlug mit einer Kettenpeitsche mit solcher Wucht auf den Boden, so dass bei jedem Hieb die Funken flogen. Er stieß Jig beiseite und richtete seinen Kopf auf den abkühlenden Auresee, aus dem sich die grotesken Gestalten erhoben, die in ihrem Todeskampf erstarrt waren. Wie bei allen Guthriks waren auch bei diesem keine Augen zu sehen, aber irgendwie spürte man einen durchdringenden Blick und konnte den Zorn darin spüren.

»An die Arbeit!«, brüllte er mit zischender, kehliger Stimme und trieb die Arbeiter zurück auf ihre Posten. Dann wandte er sich an Jig. »Reinigt das Aure. Verliert keine Zeit.« Er deutete auf Sareena, die wie versteinert wirkte. »Du da!«, knurrte er die Tengiji an und seine Kettenpeitsche schlug krachend vor ihr auf den Boden, so dass glühende Steinsplitter gegen ihren Schutzmantel spritzten. »Mach schon! An die Arbeit, faules Stück!«

Jem warf Sareena so etwas wie einen verrußten Spaten zu und stellte sich schützend vor sie. »Keine Sorge, Herr«, sagte Jem unterwürfig. »Wir bringen das in Ordnung.«

Es kostete Sareena viel Mühe und Überwindung, das Metall mitsamt den verbrannten Körpern vom Boden zu kratzen und alles in den tiefen Schacht zu werfen. Ekel und Entsetzen würgten ihre Kehle.

Ab und an prasselten dicke Wassertropfen herab, um den Boden zu kühlen. Draußen musste ein Unwetter an die Flanken des Berges peitschen. Durch unzählige Risse und Spalten bahnten sich die Wassermassen ihren Weg ins Innere des Massivs. Bald wurde alles in einen dichten, warmen Nebel gehüllt und die Umgebung verschwamm bereits zu diffusen Formen, zu einem wabernden Farbenspiel von Feuerschein und lodernder Glut.

Sareena rührte sich zuerst nicht vom Fleck. Erst als sich der Dampf etwas lichtete, tastete sie sich vorsichtig, Schritt für Schritt, durch die wallende Nebelwolke. Auf einmal fegte ein heißer Wind in die Höhe und lichtete den Dunst, als ob Sareena ein Schleier vom Gesicht gezogen wurde. Der Schreck fuhr ihr in die Glieder, denn die Spitzen ihrer Stiefel berührten gerade noch den Rand der Grube, auf deren Grund geschmolzenes Aure leuchtete. Nur einen Schritt weiter und sie wäre in den lodernden Abgrund gestürzt. Ihr stockte der Atem, vor Furcht und Faszination. Sareena konnte in der Tiefe die grotesken Fördermaschinen erkennen, die wie Spinnen an der Schachtwand hingen und ihre Arme in das kochende Metall tauchten. Die Erde bebte und beinahe hätte Sareena das Gleichgewicht verloren. Sie wankte leicht, doch dann packte sie jemand am Arm und zog sie vom Abgrund weg.

»Hypnotisch, nicht wahr?«, hörte sie eine sanfte männliche Stimme sagen.

Sareena fuhr herum. Offenbar war es ein Mensch, der sie gerade festhielt. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen, das hinter einer Atemmaske verborgen war. Da waren nur helle blonde Haare, die unter der Kapuze hervorlugten.

»Ja, hypnotisch«, stimmte Sareena mit matter Stimme zu.

»Passen Sie auf!«, der Mann hob einen Zeigefinger. »Ein Moment der Unachtsamkeit und es ist vorbei. Diese Orte verlangen ständige Wachsamkeit.«

»Darauf wäre ich selbst nicht gekommen«, gab Sareena zurück und verbarg mit ihrer Frechheit lediglich ihre Unsicherheit. Irgendetwas an diesem Häftling beunruhigte sie. Seine Kleidung wirkte nicht wie die der Anderen. Sie schien nicht aus verschiedenen Stücken zusammengestellt worden zu sein. Es war ein akkurater Schutzanzug mit fein gearbeiteten Nähten. Es gab sogar Verzierungen an Ärmel und Hosenbein.

Der Typ ließ sie los und wandte sich ab. Seine festen und sicheren Schritte machten den Eindruck, als ob er ein Ziel vor Augen hätte, auf das er sich zubewegte. Ein Krieger, folgerte Sareena.

»Kennst du ihn?« Jem tauchte auf einmal hinter ihr auf.

Sareena beobachtete gebannt, wie die breitschultrige Silhouette des Mannes in seinem schweren Mantel, in den heißen Nebel eintauchte und verschwand, bevor sie auf den Oponi reagierte. Sie runzelte die Stirn, während sie über seine Frage nachdachte. Eine einfache Frage und ein simples »Ja« oder »Nein« hätte genügen können. Aber Sareena zögerte.

»Komm«, forderte Jem sie auf. »Bleib für den Rest des Tages in meiner Nähe. Deine Sinne sind überreizt. Das passiert allen Neuen.«

Als sie am Ende ihrer Schicht die Förderanlage verließen, versengte ein Glutwind die Felswände außerhalb der Anlage. Sareena roch ozonhaltige Gase, die aus dem Gestein dampften. Die schmale Metallbrücke, die die tiefe Schlucht überspannte, knackte und knirschte unter der Hitze. Das ausgeglühte Metall wirkte spröde und brüchig. Jem und seine Gruppe eilten hastig hinüber und flüchteten in die schützenden Unterkünfte, die kühl wie ein Tiefenbunker waren.

Niemand verschwendete auch nur einen Moment damit, die Kleider länger als nötig anzubehalten. Hastig streiften die Gefangenen die unbequemen Anzüge ab, um endlich in die Waschräume zu gelangen. Schneller als erwartet hatten Männer und Frauen jedes Schamgefühl abgelegt, um sich nur endlich den Schweiß vom Körper waschen zu können.

Eine Menge nackter Körper drängte sich durch die schmale Tür in den Duschraum. Die plötzliche, körperliche Nähe allerdings schien lediglich den beiden Frauen, die mit Sareena gekommen waren, unangenehm zu sein. Die Verlegenheit stand ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. Sareena hatte jedoch kein Problem damit, war sie doch als Tengiji sowohl in Kampf als auch in Liebeskunst unterwiesen worden und somit vertraut mit den diversen – bisweilen skurrilen – Anatomien unterschiedlichster Spezies. Sie selbst genoss die begehrlichen Blicke Anderer sogar, seien es die Blicke von Männern oder Frauen. Insgeheim hätte sie es sogar geärgert, wäre sie ignoriert worden.

Sie versuchte in dem Gewimmel nackter Körper den Mann wiederzufinden, der sie vor dem Sturz in den Förderschacht bewahrt hatte. Allerdings gab es Hunderte von Unterkünften und Tausende von Arbeitern, die – wie sie herausgefunden hatte – von anderen Anlagen stammten und am Ende des Arbeitstages wieder dorthin zurückkehrten. Dennoch bestand eine geringe Hoffnung, dass er sich in ihrer Gruppe befand. Sie hätte gerne gewusst, wer er war und wie er wirklich aussah.

Sie war so vertieft in ihre Suche, dass sie dabei gegen Jem stieß, der sich gerade die Seife aus dem Gesicht wusch.

»Verdammt!«, knurrte er und hob drohend die Faust, aber als er Sareena erkannte, ließ er sie wieder sinken. »Bist die ungeschickteste Tengiji, die mir je begegnet ist. Suchst du jemanden?«

Sareena antwortete nicht. Stattdessen wanderte ihr Blick über seinen muskulösen Körper. Sie grinste, während sie weiter an ihm herabblickte.

»Halt dich immer an deine Gruppe«, mahnte Jem, griff sich sein Handtuch, das in einer Wandnische lag, und legte es sich um die Hüften. »Stell dich auf die Leute ein, die du bereits kennst, und studiere ihre Eigenheiten. Das ist nützlich. Aber binde dich nicht mit Gefühlen. Das ist sinnlos.«

»Ist mir klar«, antwortete Sareena, die Jems Erklärung als Verlegenheitsgeplapper interpretierte.

»Hier ist kein Platz für zu enge Freundschaften«, fuhr der Oponi fort. »Die enden zu schnell.«

»Freundschaften?«, flüsterte Sareena und ließ ihren Blick lasziv über den Körper des Oponi gleiten. »Ich wäre sowieso nur an einer ganz oberflächlichen Beziehung interessiert. Alles tiefer Gehende ist wohl nicht ratsam.«

»Ja, das wäre sehr unbequem«, meinte Jem grinsend. »Und es könnte dir weh tun.« Über Jems Gesicht huschte ein vielsagendes Lächeln, wobei er einen genüsslichen Blick über ihren nackten Körper gleiten ließ. Dann verließ er den Waschraum.

An den Ketten des Krans hing etwas, das an einen stählernen Raumanzug erinnerte oder an eine monströse, metallene Skulptur. Groß, wuchtig und plump baumelte sie hin und her, während zischende Dampfwolken von seiner heißen Oberfläche aufstiegen. Die glühende Hitze, die von der Rüstung abstrahlte, brachte Sareenas Haut zum Glühen. Sareena hatte als Jugendliche gerade begonnen, dem Haus Komeru zu dienen und konnte einmal beobachten, wie man eine übergroße Bronzestatue des Fürsten aus ihrer noch heißen Gussform hievte. Und dieser Anblick erinnerte sie daran.

Jem richtete den Wasserschlauch auf den Kopf des Anzuges, als sich die Verschlüsse daran zu öffnen begannen. Eine Platte fiel krachend zu Boden und durch die so entstandene Öffnung zwängte sich ein keuchender, schreiender Mann. Ein sehniger Kerl mit stechend blauen Augen, in denen Schmerz und Zorn loderten.

Jem ließ einen armdicken Schwall kalten Wassers auf ihn einprasseln und spülte ihn förmlich aus der Kanzel der archaischen Apparatur heraus.

Der Arbeiter klatschte auf den Boden, wälzte sich und fluchte.

»Verdammt«, schrie er wie von Sinnen. »Wenn ihr euch noch länger Zeit gelassen hättet, wäre ich gekocht worden.«

»Ach was.« Jig packte den Mann am Kragen und zog ihn in die Höhe. »So altes vertrocknetes Fleisch kann man nicht kochen. Höchstens rösten.«

Der Akkato stieß ihn zu seinem ledernen Schutzanzug, den er vor dem Einsteigen in die Apparatur hatte ablegen müssen. Er lag zusammengefaltet in einer Wandnische und der Arbeiter beeilte sich, ihn wieder anzuziehen.

»Wenn der Metallpanzer abgekühlt ist«, sagte Jem und sah Sareena an, »dann wirst du einsteigen.«

»Wozu braucht man das Ding?«, fragte sie und spürte, wie ihr Puls beschleunigte.

»Unten, am Grund des Förderschachts, gibt es Maschinen, die gewartet oder repariert werden müssen«, erklärte Jem. »Ist aber meist nicht sonderlich kompliziert. Manchmal genügt lediglich ein harter Tritt und das Problem ist behoben. Ich zeig dir, was du tun musst.«

Sareena betrachtete den Anzug mit großem Unbehagen. Indes wurden weitere dieser Apparate aus dem Feuerschlund herausgezogen. Fauchende Dampffontänen schossen in die Höhe, wann immer Kühlwasser auf ihre erhitzte Oberfläche traf. Das Metall knackte und knisterte.

Gerade in diesem Augenblick stapfte ein großer, grimmiger Akkato heran, flankiert von zwei Guthriks, die in seiner Nähe eher harmlos wirkten. Er hielt eine kurze Eisenstange in den Händen, die zweifellos dazu gedacht war, müde Arbeiter anzutreiben.

»Was zum Teufel ist hier los!«, polterte der Akkato wütend.

Jem trat ihm entgegen und postierte sich zwischen ihn und Sareena. Die Tengiji wunderte sich darüber.

»Die Reparaturarbeiten sind aufwendiger als wir angenommen haben«, sagte Jem in ruhigem Ton. »Wir müssen die Mannschaft auswechseln.«

»Sind Neue hier?« Der Akkato blickte sich um und ging auf einige der Gefangenen zu, die gerade einen verstopften Fließkanal von abgelagerter Schlacke befreiten, erhielt aber keine Antwort außer Kopfschütteln. Die meisten taten so, als bemerkten sie ihn gar nicht, weil sie zu sehr in ihre Arbeit vertieft waren.

»Ist das Briggo?«, fragte Sareena und Jem nickte, wobei er einen Finger dort an seine Atemmaske legte, wohinter seine Lippen verborgen waren.

Briggo wandte sich wieder an Jem. »Wen versteckst du da?« Er schob Jem mit der Eisenstange beiseite.

Sareena trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Neu hier?«

Sareena nickte schwach.

»Warum hast du dich nicht gemeldet, als ich gefragt hab?«

»Ich … ich …«, stammelte sie hilflos.

»Ja, du, du!« Briggo knurrte gereizt. »Dich werd ich lehren zu parieren. Nimm die Maske ab.«

Sareena kam der Aufforderung nur mit Zögern nach, was Briggo noch mehr verärgerte. Er stieß die Spitze seines Eisenstabes so hart gegen ihre Schulter, dass die Tengiji vor Schmerz aufstöhnte. Sie taumelte, tastete eilig nach den Riemen ihrer Maske und löste sie vom Gesicht, um Atem zu holen. Die Luft brannte auf ihrer Haut. Augenblicklich bildeten sich Schweißperlen auf ihrer Stirn und rannen ihr in die Augen.

»’n verdammtes Menschengör«, brummte Briggo und spuckte aus. Er blickte Jem an. »Wenn du sie so sehr magst, kannst du gleich mit ihr runtergehen.«

Jem schluckte.

»Ja, du hast schon verstanden«, fuhr Briggo fort. »Hast dich lange Zeit um diese Arbeit gedrückt. Wird Zeit, dass du mal wieder selbst mit Hand anlegst. Also runter mit euch beiden.«

Sareena tastete nach ihrer Maske und versuchte sie wieder anzulegen.

»Kannst du sein lassen«, sagte Jem. »Leg den Rest auch ab. Verstaue die Sachen in einem der Löcher dort in der Wand und komm mit mir.«

Der Oponi gab einen Befehl und zwei neue Metallanzüge wurden von der Decke herabgelassen. Erst jetzt bemerkte Sareena, wie viele Maschinen und Geräte, deren Zweck sie nicht ergründen konnte, dort oben über ihren Köpfen hingen. Jem öffnete einen der Anzüge und forderte Sareena auf, hineinzuklettern.

»Schon mal einen Dockstet manövriert?«, fragte Jem die zögernde Tengiji. Sareena nickte. Ihr rann der Schweiß in Strömen über den Körper und ihre nassen Kleider begannen zu dampfen.

»Ist genau genommen das gleiche System«, meinte Jem und verstaute seine Jacke ebenfalls in einer Wandnische. »Unsere sind nur etwas bockiger und ziemlich unsensibel.«

Die Tengiji schwang sich gekonnt in das enge Cockpit und verschloss es eilig. Sareena fand sich schnell in das Funktionsprinzip der Maschine ein, bewegte Arme und Beine, machte mehrere Schritte vorwärts und rückwärts und … verlor dann das Gleichgewicht. Wären die Halteketten nicht gewesen, hätte nichts einen Sturz in die Tiefe verhindern können. Für ein paar Sekunden pendelte sie hilflos hin und her. Die Greifzangen des Anzuges kratzten mit einem Klirren über den Boden.

»Prinzip ist das eine«, knurrte Jem verärgert. »Physik das andere. Die Balance ist nicht ganz hundertprozentig. Liegt an den vielen Reparaturen. An jeden Anzug muss man sich erst neu gewöhnen. Sind sozusagen Unikate. Also etwas mehr Respekt vor der Kunst.«

Nach dieser kurzen Belehrung stieg Jem in einen größeren, für einen Oponi gemachten Anzug, während Sareena sich unbeholfen aufrappelte. Dann wurden die beiden hochgehoben und in den Schacht hinabgelassen.

Sareena bemerkte, wie die Schachtwand an ihrem schmalen Sehschlitz vorüberglitt, rotglühend im Widerschein des Feuers aus der Tiefe. Ab und an flogen blendende Funken vorbei, wie strahlende Kometen. Der Abstieg kam ihr wie eine Ewigkeit vor.

»Wenn wir unten sind, hältst du dich dicht hinter mir«, hörte sie den Oponi durch den Helmlautsprecher sagen. »Das Aure schwimmt immer oben auf der Lava. Und der Lavafluß fließt in hoher Geschwindigkeit unter dem Rand des Schachtes vorbei. Ein Fehltritt und du wirst ins Innere des Gebirges gezogen.«

Sie antwortete nicht und Jem fuhr weiter fort, zu erklären. Wahrscheinlich versuchte er auf diese Weise,nur seine eigene Angst zu überspielen.

»Eigentlich ist der Schacht so etwas wie ein künstlicher Vulkanschlot«, belehrte er Sareena weiter. »Und er ist auch genauso unberechenbar. Manchmal schießt die Lava nach oben und für uns alle war es das dann. Das passiert, wenn sich irgendwo eine Gasblase löst. Kann vorkommen, ist aber schon eine Weile her. Davon abgesehen sind die Beben immer eine Gefahr. Besonders wenn es passiert, solange man sich auf dem Grund der Grube befindet.«

Nach einigen Minuten hatten sie den Boden erreicht. Jem löste die Ketten von Sareenas Schutzanzug, damit sie sich unter den vielen Auslegern und Greifarmen ungehindert bewegen konnte. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus.

»So, jetzt zusammenbleiben«, sagte Jem und drehte ihr den Rücken zu. »Mach mir die Ketten ab.«

Sareena benötigte eine ganze Weile, bis sie es geschafft hatte, die Halterungen zu entfernen. Danach sah sie sich um und verschaffte sich einen genaueren Überblick.

Sie standen auf einer Brücke. Vielmehr auf dem Kreuzungspunkt mehrerer Brücken, der sich sternförmig über den glühenden See spannte. Jede Brücke mündete in einen breiten Steg, der einige Meter über dem Lavasee die lotrechte Schachtwand umlief. Die Konstruktionen bestanden aus Ketta, einer Stahllegierung, die für hohe Temperaturen geschaffen war.

Der Feuerschein war blendend und immer wieder trübten Rauchschwaden die Sicht. An den Schachtwänden, knapp über der kochenden Oberfläche, waren gewaltige Arme montiert, die unentwegt das flüssige Aure abschöpften und es in die Tiegel gossen. Einmal gefüllt, ratterten die Behälter an den Schienensträngen in die Höhe.

Jem und Sareena waren nicht alleine. Etwa zehn weitere Arbeiter, in ihren bizarren Anzügen, stapften durch das Inferno, inspizierten die Maschinen oder setzten sie gerade instand. Eine Gruppe von drei Männern hantierte an einem der Behälter, der sich in seiner Schiene verkantet hatte. Sie setzten große Brechstangen und Schraubenschlüssel an und das flüssige Aure schwappte dann und wann über den Rand des Behälters. Inzwischen stieg die Temperatur im Inneren des Anzuges deutlich an und Sareena regelte die Kühlung eine Stufe rauf.

»Wir lösen die Leute dort ab«, hörte sie Jem sagen. »Folg mir, und lass dich nicht irritieren. Die Stege schwanken ein bisschen, sind aber stabil.«

Sareena fiel jeder Handgriff schwer. Die Hitze war kaum auszuhalten und jede Bewegung verlangte ihr mehr Kraft ab, als die vorherige. Irgendetwas schien mit der Kühlung des Anzuges nicht zu stimmen. Oder war es ihre Angst? Verlor sie die Kontrolle über ihre Sinne?

Sie hantierte mit einem Stemmeisen, um ein Stück schwarzer Schlacke herauszubrechen, das sich zwischen einer Schiene und einem Lorenrad verklemmt hatte.

»Es ist zwecklos«, keuchte sie genervt, da sie von einem Arbeiter beiseite drängte wurde.

»Lass mich mal diesen hier versuchen«, es war eine raue, tiefe Stimme, die durch den Lautsprecher tönte.

Der Mann hob einen schweren Vorschlaghammer, drosch auf die Schiene ein und die Hammerschläge dröhnten durch den Schacht.

Sareena nutzte den Moment, um sich zu erholen, aber es schien unmöglich. Die Hitze und die körperliche Anstrengung brachten sie an den Rand der totalen Erschöpfung. Sie probierte die konfirmative Meditation, rezitierte Verse und Wörter, doch nur mit mäßigem Erfolg. Ihr Herz pochte so wild gegen ihre Rippen, als wolle es den Brustkorb sprengen.

»Ich muss wieder nach oben«, flüsterte sie müde.

»Zusammenreißen, Amazonenmaid«, in Jems Stimme schwang leiser Spott mit.

Sareena biss die Zähne aufeinander und schwieg. In diesem Augenblick zerplatzte der Schlackebrocken, den der Häftling mit der rauen Stimme gerade bearbeitete.

Für einen Moment meinte sie, die Lore würde sich ein kleines Stück bewegen, aber dann blieb sie in ihrer Position. Das Stahlseil, das sie nach oben ziehen sollte, war bis zum Zerreißen gespannt. Aber der Behälter verharrte an Ort und Stelle.

»Verdammt noch mal«, hörte sie den Mann fluchen und er schleuderte seinen Hammer wütend gegen die Schachtwand.

»Jetzt kann es noch dauern«, meinte Jem resigniert.

Seine Worte machten Sareena Angst, die genau wusste, dass sie bereits an die Grenzen ihrer Kraft gelangt war.

»Ich werde das Zugseil kurz entlasten«, informierte Jem und griff nach einem Hebel nahe dem Poller am Ende des Schienenstranges.

Sareena beobachte, wie er den Hebel auf und ab bewegte. Das Zugseil spannte und entspannte sich wieder, wodurch der Transportbehälter ruckte und flüssiges Aure über den Rand schwappte.

»Augenblick!«, schrie Sareena. »Ich habe eine Idee.«

Die Tengiji trat unter die Achse der Lore und betrachtete das blockierte Rad.

»Was siehst du?«, wollte Jem wissen.

Sareena gab keine Antwort. Sie brachte den Sehschlitz ihres Anzuges so nah an das Rad wie möglich und schließlich konnte sie eine goldglänzende Schicht erkennen, die einen Teil des Rades überzog.

»Es ist Aure!«, rief sie aus. »Es hat das Rad mit der Schiene verschweißt.«

»Geh beiseite«, befahl Jem und Sareena gehorchte.

Der Oponi legte den Hebel wieder um und das Zugseil spannte sich wimmernd. Im selben Moment zündete er den Schweißbrenner, der am Unterarm seines Anzuges montiert war, und richtete die blaue Flamme auf die Stelle, an der das Aure Schiene und Rad miteinander verband.

Die Minuten vergingen, aber es kam Sareena wie eine Ewigkeit vor. Helle Flecken tanzten vor ihren Augen, ihre Finger begannen zu zittern und ihr wurde flau im Magen.

»Der Schnee fällt auf die Klippen des Sawo«, begann Sareena zu rezitieren, um ihre Gedanken zu fokussieren. »Er färbt die schwarzen Felsen weiß. Er färbt sie weiß … er … verdammt!« Sareena war der Rest des Gedichtes entfallen. Sie fühlte, wie ihr Herz schneller und schneller pochte.

Plötzlich löste sich der Förderwagen mit einem Ruck und sauste nach oben. Er zog einen Schwall flüssigen Aures hinter sich her, wie einen hellen Kometenschweif. Doch das flüssige Metall regnete in dicken Tropfen herab und Sareena schaffte es gerade noch, beiseite zu springen, um der kochenden Fontäne auszuweichen. Ein mächtiger Schwall jedoch traf den Arbeiter mit der rauen Stimme und fegte ihn über den Rand des Steges.

Der Mann in seinem Anzug schwamm für einen Moment auf dem glühenden Fluss und wurde schließlich hinabgezogen. Seine Todesschreie krächzten durch Sareenas Helmlautsprecher, dann rissen sie abrupt ab.

»Ich muss nach oben.« Sareenas Stimme klang panisch.

Jem spürte sofort, dass er keine Zeit verlieren durfte. Seine junge Kameradin würde bald die Beherrschung verlieren. Er packte Sareena, als sie zu taumeln begann, und schob sie zurück auf die Plattform über dem Zentrum des Lavasees.

»Was hast du da eben gesagt?«, fragte er die Tengiji.

»Ich muss nach oben.«

»Nein. Davor.« Er war offenbar selbst ein Krieger und wusste, dass sie mit einer Meditation begonnen hatte, um klaren Sinnes zu bleiben. Und jetzt half er ihr dabei – er musste sie ablenken. Sie durfte sich nicht in ihrer Panik verlieren. »Sag es noch einmal. Das klang sehr hübsch.«

»Er färbt die schwarzen Felsen weiß …«, begann sie erneut, den Blick starr auf den Steg vor ihr gerichtet. Ihre Sicht verschwamm. »Er liegt kühl auf unserer Haut. Seine Sanftheit lindert unsrer Augen Pein. Des Himmels Glanz, bedeckt von weichen grauen Schleiern, verheißt uns …« Sareena wurde übel und ihre Knie wurden weich.

Eilig befestigte Jem die Ketten an den Halterungen der Schultern ihres Anzugs. Keinen Moment zu spät.

Sareenas Blick trübte sich. Ihre Beine wurden schwach und gerade, als sie die Besinnung verlor, wurde sie in die Höhe gehoben. Sie fühlte sich, als würde sie schweben, empfand weder Schmerzen, noch Hitze, noch Angst. Ihre Gedanken verblassten und wichen der Leere und der Dunkelheit. »… verheißt uns finst're Träume in der Nacht.«

»Normalerweise hätte dich Briggo in Stücke gerissen«, sagte Jem als Sareena erwachte. Er schien darüber sehr verwundert zu sein.

Der Oponi saß zu ihren Füßen auf ihrer Pritsche und machte ein verdutztes Gesicht.

Jig stand neben ihm und starrte die junge Frau an. »Hat nen Schutzengel, die Kleine«, meinte der Akkato amüsiert.

Jem sah die Tengiji nachdenklich an, sagte aber nichts.

Die Bretterkonstruktion unter ihr war hart und sie setzte sich auf. »Was ist passiert?«

»Du bist wie ein nasser Sack aus deinem Anzug gepurzelt«, erklärte der Akkato. »Und als Briggo dich packen wollte, kam dieser Typ. Er hat Briggo einfach einen Tritt verpasst und dich dann hierher gebracht, während ihm die Guthriks und wir dämlich nachgeglotzt haben.«

»Das geht?«, wunderte sich Sareena.

»Bis jetzt nicht.« Jem betrachtete die Tengiji nachdenklich. »Und du weißt nicht, wer das ist. Immerhin scheint er einen Grund zu haben, dir zu helfen? Ist er dir früher schon mal begegnet?«

»Hab keinen Schimmer.«

»Wir schon«, fuhr Jem fort.

Sareena verstand das nicht. »Warum fragst du mich dann?«

»Ich wollte nur Klarheit über dich haben«, erklärte Jig. »Nicht, dass du eine kleine Hexe bist, die uns am Ende ins Unglück stürzt. Aber es gibt Geschichten über einen Geist, der hin und wieder auftaucht und jemandem hilft. Man nennt ihn den Sudey.«

»Und ihr glaubt, er ist es, der mir geholfen hat?« Sie lachte.

Die beiden verzogen keine Miene. Ihnen schien dieses Thema ernst zu sein.

»Wir wissen es nicht«, sagte Jem. »Aber wir werden das Ganze mit Interesse beobachten, sollte er wieder auftauchen. Allerdings …«

Sareena legte den Kopf schief. »Allerdings …?« wiederholte sie neugierig.

»Als du hier angekommen bist«, führte Jem aus, »da habe ich dir doch ein Bündel zugeworfen, in das deine Arbeitskleidung verschnürt war.«

»Und?«

»Das Bündel lag vor dem Haufen von Kleidungsstücken. Es lag da, wie extra für jemanden bereitgemacht. Als du mir dann vor die Füße gefallen bist, erschien es mir nur logisch, dass es für dich bestimmt war.«

»Es war der Sudey«, bekräftigte Jig. »Er wusste, dass du kommst.«

Sareena war nicht überzeugt. In ihrem Orden gab es etliche Geistergeschichten, so wie wohl in jeder Volksgruppe oder Gemeinschaft. Und ihr war jedenfalls noch nichts passiert, das sie davon überzeugt hätte, es würde Geister geben.

»Glaubst du an Gott?«, fragte Jig unvermittelt.

»Ja«, antwortete Sareena ebenso unvermittelt.

»Ich tue das auch und Jem ebenso«, erklärte der große Akkato weiter und wirkte dabei sanft und verletzlich.

Vielen Akkato wohnte eine tiefe Spiritualität inne und Sareena konnte gut erkennen, dass Jig tief bewegt war.

»Ich kann mir vorstellen«, fuhr Jig fort, »dass Gott in seiner Einsamkeit – bevor die Welt war – Wesen seiner Art geschaffen hat. Und als die Welt ins Dasein kam …«

»… fanden sie Verwendung dafür als Spielplatz«, ging Jem dazwischen und stand auf. »Das Universum. Ein Spielplatz für Gottes unartige Kinder.«

»Bestimmt sind nicht alle so.« Der Akkato schien nicht beleidigt … oder verletzt. »Die Meisten halten sich bestimmt an die Regeln und tun uns nichts oder mischen sich ungefragt ein.«

Sareena gefielen die Ansichten des Akkato. »Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dem so ist«, pflichtete sie ihm bei. »Aber was mir passiert ist, würde ich eher unter all die anderen seltsamen Dinge einordnen, die mir schon widerfahren sind. Und die haben nichts mit Geistern, Göttern, oder Dämonen zu tun. Nur mit Zufällen.«

»Lassen wir das Thema Sudey«, meinte Jem. »Tut mir leid, dass ich es überhaupt angesprochen habe. Du brauchst jetzt Schlaf und solltest nicht so viel grübeln.« Mitten im Wort setzte er ein betretenes Gesicht auf. »Du hattest vergessen, zu trinken. Du warst total dehydriert. Und ich habe versäumt dir zu sagen, dass es in den Anzügen einen Trinkschlauch gibt. Bitte verzeih mir.«

Sareena schüttelte nur den Kopf. »Danke für den Hinweis«, meinte sie verärgert. »Und das Eisfach mit den Erfrischungen? Wo kann ich das finden?«

Ein gutes Team

Die nächsten Tage vergingen, ohne dass der seltsame Gast wieder auftauchte. Immerhin hielt sich Briggo mit Schikanen zurück. Nicht, dass er aufgegeben hatte, Sareena Schwierigkeiten zu machen, aber er tat das immer mit einem geflissentlichen Blick nach allen Seiten und auf subtilere Art. Er suchte einfach gefährliche Tätigkeiten für sie aus und eine besonders gefährliche Beschäftigung war es außen, auf der Schlotkrone der Anlage, zu arbeiten und Risse auszufüllen oder mit Klammern zu fixieren. Dazu musste man sich, wie bei vielen Arbeiten auf der Tauvaruwelt, in eine schwere Metallmontur hineinzwängen, die mit allerlei Werkzeugen ausgestattet war. Wer sich damit ungeschickt anstellte, hatte schlechte Karten. Dazu kamen die unheilvollen Wetterbedingungen auf den Tauvaru. In den Gebirgen, die den Planeten entlang der unveränderlichen Tag-und Nachtgrenze umliefen, herrschte ewige Dämmerung. Die eine Hälfte des Himmels strahlte in unheimlichem Rot, die andere war eingehüllt in tiefes Blau und ewiges Dunkel. Zwischen diesen beiden Extremen kam es ständig zu einem regen Austausch von heißen und kalten Luftmassen. In einem Augenblick war es heiß, im nächsten Moment sackte die Temperatur ab, bis weit unter den Gefrierpunkt. Die warmen und kalten Luftmassen lagen in ständigem Kampf und zermalmten in ihrem Ringen Felsen und Berge.

Gehüllt in die schweren Arbeitsanzüge traten Sareena und andere Häftlinge von der Plattform des Aufzugs auf den soliden Boden der Schlotkrone.

»Lohnt sich das überhaupt noch?«, fragte Sareena, als ihr Blick über die Oberfläche der Schlotkrone schweifte, die übersät mit zahllosen oxidierten Metallklammern war. Durch mehrere Risse zog sich zusätzlich eine Art graue Kittmasse, die dem ganzen Gebäude das Muster von Marmor verlieh.

»Eigentlich nicht«, antwortete eine Frau, die Tonja hieß und die sie vor ein paar Tagen kennengelernt hatte. »Ich gebe der Anlage noch höchstens zwei Jahre.« Sie drückte das Schussgerät, das an ihrem Arm montiert war, auf den Boden und stanzte eine Klammer in den Beton. Dann richtete sie sich auf und deutete mit der Apparatur über Sareenas Kopf hinweg. »Siehst du das Gebilde dahinten?«

In der Ferne, am steilen Hang eines Vulkans, konnte Sareena eine große Konstruktion erkennen, die sich an den Berg schmiegte wie ein an Land gespülter Krake. Dahinter wölbten sich gigantische Sturmwolken, in denen blaues und gelbes Feuer aufflackerte. Blitze schlugen in die Metallkonstruktion ein, Donner rollte heran.

»Das ist eine Bohrvorrichtung«, erklärte Tonja weiter. »Sie wird bald den Glutfluss erreichen. Ich schätze, in einem Jahr wird die Anlage in Betrieb genommen. Dann ziehen wir um. Wenn uns nicht ein Erdbeben vorher den Garaus macht und uns alle ins Tal schüttelt.«

Sareena nickte, während der Feuerwind, der heulend durch die Talsenke fegte, ihren Anzug aufheizte. Im Inneren ihres Cockpits neigte sie den Kopf zur Seite und saugte vorsorglich an einem Trinkhalm.

»Wir sollten uns bei der Bohrung beeilen«, bemerkte Sareena. »Dieses Unwetter kommt rasch näher. Die Temperatur steigt bereits rapide an. Es hat jetzt einhundertsiebzig Grad.«

»Du denkst, wir schaffen das nicht rechtzeitig?«, prustete Tonja. »Da könntest du recht haben. Wir haben gut dreihundert Klammern zu setzen.« Sie rüttelte bekräftigend an dem Wagen, den sie mit sich führte und in dem die Klammern klirrten. »Briggo lässt uns erst wieder rein, wenn wir sie alle eingestanzt haben.« Tonja schoss eine weitere Klammer in den Beton. »Also beeil dich, Kleine.«

Sareena tat ihr Bestes, blickte aber immer wieder zu den dunklen Gewitterwolken hinüber, die sich schnell näherten. Noch immer fühlte sie den heißen Wind, der von der Tagesseite der Tauvaruwelt herüber blies und sie mit Gewalt mal hier und mal dorthin drückte. Er wehte nicht mehr stetig, sondern wechselte ständig die Richtung, wild und launenhaft. Manches Mal musste Sareena um ihr Gleichgewicht kämpfen und ruderte dann hilflos mit den Armen.

»Fußanker«, hörte sie Tonja sagen.

Sareena wandte sich ihrer Kollegin zu, die mit ihren Eisenhänden an die Seiten ihrer Oberschenkel deutete, wo je ein Haken zu sehen war.

»Fußanker«, wiederholte Tonja. »Du stellst dich gerade hin. Finger in die Haken, nach oben ziehen - Peng! Zwei Bolzen heften dich an den Boden. Ziehst du nochmal – Peng! Werden sie abgeschlagen und du kannst wieder laufen. Verstanden?«

Sareena versuchte in ihrem starren und klobigen Anzug ein Nicken anzudeuten.

Tonja schien die Geste wahrgenommen zu haben und arbeitete weiter.

Keine fünf Minuten später hatte sich der Himmel verfinstert. Blitze flackerten in der Dunkelheit und krachender Donner ließ die Erde erzittern. Der Wind hob erneut an, aber er wehte jetzt kühl und es begann zu regnen. Die Tropfen prasselten herab, wie eine Sturzflut, und schließlich mischten sich Hagel und Schnee darunter. Die Eisgeschosse trafen Sareena und die metallene Rüstung dröhnte wie unter Hammerschlägen. Heißer Dampf stieg von den gegossenen Steinplatten auf und behinderte die Sicht.

»Aufpassen!«, rief Tonja. »Der Boden vereist.«

Kaum hatte Tonja Sareena gewarnt, glitt sie selbst aus, fiel hin und rutschte hilflos über das Eis. Der Sturm, der nun Schneeflocken in dichten Schleiern vor sich hertrieb, schob Tonja über den rutschigen Beton. Sie schlitterte über die Eisfläche und versuchte verzweifelt, mit ihren Eisenfingern Halt zu finden.

Sareena reagierte sofort. Sie lief, so gut es ging und so schnell sie konnte, über den glatten Untergrund, um Tonja abzufangen. Die Tengiji betätigte die Fußanker und ein Schlag durchfuhr ihren Anzug, der ihr beinahe die Knochen in den Beinen gebrochen hätte. Im nächsten Augenblick stand sie buchstäblich wie angewurzelt da. Tonja krachte gegen ihre Beine, krallte sich fest und blieb reglos liegen.

Der Sturm brach nun mit aller Gewalt los. Hagelsteine, so groß wie Äpfel, schossen aus jeder erdenklichen Richtung auf sie herab und zerplatzten mit dumpfem Knall auf dem Stein der Schlotkrone.

»Hat keinen Zweck, wegzulaufen«, hörte sie Tonja sagen. »Wir warten, bis es vorbei ist.«

»Ich hätte jetzt glatt ein Tänzchen gewagt«, antwortete Sareena ironisch, um ihre Angst zu überspielen.

Das Metall ihres Anzugs begann zu summen. Erst war es ein leises Wispern, aber es schwoll schnell zu einem ohrenbetäubenden Pfeifen an.

»Blitzschlag«, sagte Tonja und in diesem Moment schlug der Blitz auch schon in ihren Anzug ein. Die Rüstung dröhnte wie eine Glocke, die von einem Wahnsinnigen mit einem Schmiedehammer malträtiert wurde. Die Ladung wurde zwar abgeleitet, aber gegen den Lärm gab es keinen Schutz.

Der Sturm hielt eine ganze Stunde an. Viele Male wurde Sareena vom Blitz getroffen und solange sie in der Rüstung steckte, gab es keine Möglichkeit, sich die Ohren zuzuhalten. In ihrem Kopf pfiff und schrillte es, als wolle ihr Gehirn zerbersten.

Inzwischen waren die beiden Frauen mit einer dicken Schnee- und Eisschicht überzogen, die es ihnen unmöglich machte, sich zu bewegen. Als sich der Schneesturm verzog, begann der Gluthauch über den Fels zu wehen. Er kam aus der Zenitwüste und das Eis fing an zu schmelzen. Bald hatte Sareena wieder freie Sicht durch den Sehschlitz ihres Helms. Sie versuchte, die anderen beiden Arbeiter zu entdecken, die mit ihnen auf die Schlotkrone gekommen waren, aber von ihnen fehlte jede Spur. Nur der Karren mit den Klammern war noch da, umgestürzt und an die Brüstung geweht wie vergessenes Spielzeug.

Tonja rappelte sich mühsam auf. »Verdammt noch mal«, fluchte sie. »Jetzt müssen wir ihren Job auch noch erledigen.«

Der Glutwind war so heftig und so heiß, dass Sareena beinahe das Gefühl hatte, wieder auf dem Grund der Lavagrube zu sein. Ihr Anzug schien zu glühen und wieder rann ihr der Schweiß in Strömen über den Körper. Als die letzte Klammer gesetzt war, bauschten sich erneut hohe Wolkentürme über den Berggipfeln und der Wind wurde wieder unberechenbar. Blitze schlugen in die Flanke des nahen Gebirgszugs ein, Felsen lösten sich und krachten in die Tiefe.

Als Tonja und Sareena auf die Plattform des Aufzugs traten, der sie wieder nach unten beförderte, brach erneut ein Unwetter los und ein wahrer Sturzbach ergoss sich in den Aufzugschacht. Zischend verdampfte das Wasser, als es auf die glühenden Rüstungen traf.

»Na, das war doch mal ein Spaß«, meinte Tonja lakonisch. »Bist du das nächste Mal auch dabei?«

»Wie wäre es, wenn du dich dafür bedankst, dass ich dir das Leben gerettet habe?«, gab Sareena etwas säuerlich zurück.

»Danke sagen?«, fragte Tonja und irgendwie schien sie nicht zu Scherzen aufgelegt. »Danke dafür, dass ich mich hier weiter quälen darf? Du spinnst wohl!«

Briggo teilte Sareena weiterhin zu gefährlichen Einsätzen ein und sorgte dafür, dass Jig, Jem und Tonja sie dabei begleiteten. Ein Einsatz führte die Gruppe zu den Fundamenten der Anlage, wo sie eine eingestürzte Mauer instand setzen mussten. Als sie wieder in ihr Quartier zurückkehrten, war Sareena verärgert. Den ganzen Weg zurück hatten die Freunde hitzig miteinander diskutiert. Jig und Jem machten sich einen Spaß daraus, sie zu necken und ihren Verstand anzuzweifeln. Als sie alle vier unter der Dusche standen, hatte sich die Tengiji schließlich in Rage geredet.

»Ich bin doch nicht verrückt«, verteidigte sich Sareena. »Ich hab noch alle Sinne beisammen, das schwöre ich euch.«

Jig ließ sich gerade das Wasser über das Gesicht laufen. »Bei Tengiji weiß man das nicht so genau«, blubberte er unter dem dichten Wasserschwall. »Ihr nehmt doch auch so Zeugs, was ne lange Nachwirkung hat. Oder seh ich das falsch? Kann doch sein, dass du auf Entzug bis. Da können ziemlich komische Sachen mit einem passieren.«

Jem grinste und der Seifenschaum rann in seine Augen. »Fana«, stammelte der Oponi und rieb sich die Augen. »Fana und Esterin sind die Drogen die Tengiji einnehmen, kurz bevor sie in den Kampf ziehen. Erhöhen zwar die Reaktionsfähigkeit, aber danach bezahlt man gehörige Zinsen, in Form extremster Entzugserscheinungen. Oder irre ich mich?«

Sareena antwortete nicht. Die beiden hatten recht und sie wollte keinen Streit über ihren rituellen Drogenkonsum vom Zaun brechen.

»Ich hatte mal eine dunkelhaarige Tengiji«, fuhr Jem fort. »Die hatte sich wohl gerade eine Überdosis Esterin eingefahren. Normalerweise kann ich mit Menschenfrauen keine Paarung vollziehen, ohne in Kauf zu nehmen, dem Mädchen ernstlich Schaden und Schmerzen zuzufügen. Aber die ging dabei ab, ich kann euch sagen.«

Sareena trat ganz nahe an Jem heran. So nahe, dass ihre Brüste den Bereich unterhalb seines Nabels berührten. Er fuhr zusammen und sah überrascht und blinzelnd auf Sareena herab. Diese plötzliche Nähe verunsicherte ihn.

»Willst du wissen, ob ich auch noch auf Esterin bin?« Sareena drückte sich an ihn und rieb ihr Knie an seinem Unterschenkel. »Hm? Willst du mich ausprobieren, gleich hier?«

Es war totenstill, bis auf das rauschende Wasser, das von der Decke prasselte.

»Komm schon«, beschwichtigte Jig. »Er hat es nicht so gemeint. Wollte wohl nur ein bisschen angeben.«