Verlag: Panini Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Assassin's Creed Band 4: Revelations - Die Offenbarung E-Book

Oliver Bowden  

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E-Book-Beschreibung Assassin's Creed Band 4: Revelations - Die Offenbarung - Oliver Bowden

Älter, weiser und tödlicher denn je begibt sich Meister-Assassine Ezio Auditore auf die gefahrenvolle Reise zu der verlorenen Bibliothek seines Vorfahren Altairs. Dort soll angeblich die Waffe zur Zerschlagung des Tempelordens begraben sein. In Altairs Bibliothek wartet also nicht nur längst vergessenes Wissen, sondern auch eines der größten Geheimnisse der Menschheit. Ein Geheimnis, das die Templer nutzen wollen, um die Erde zu beherrschen. Fünf Schlüssel werden benötigt, um die Bibliothek zu öffnen. Um diese in seinen Besitz zu bekommen, muss Ezio nach Konstantinopel reisen - in eine Stadt im Umbruch, denn von dort aus trachten die Templer danach, das ottomanische Reich ins Chaos zu stürzen. Auf den Spuren Altairs muss Ezio nun zum finalen Schlag gegen die Templer ausholen und es steht so viel auf dem Spiel wie niemals zuvor ... Der offizielle Roman zu Ubisofts Bestseller-Game.

Meinungen über das E-Book Assassin's Creed Band 4: Revelations - Die Offenbarung - Oliver Bowden

E-Book-Leseprobe Assassin's Creed Band 4: Revelations - Die Offenbarung - Oliver Bowden

Oliver Bowden

Aus dem Englischen

von Timothy Stahl

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

Dieses Buch wurde auf chlorfreiem, umweltfreundlich hergestelltem Papier gedruckt.

In neuer Rechtschreibung.

Englische Originalausgabe:

„ASSASSIN’S CREED: Revelations“ by Oliver Bowden,

published by Penguin Books, London, England, July 2011.

Copyright © 2012 Ubisoft Entertainment. All Rights Reserved.

Assassin’s Creed, Ubisoft and the Ubisoft logo are trademarks of

Ubisoft Entertainment in the US and/or other countries.

No similarity between any of the names, characters, persons

and/or institutions in this publication and those of any pre-existing person

or institution is intended and any similarity which may exist is purely

coincidental. No portion of this publication may be reproduced, by any means,

without the express written permission of the copyright holder(s).

Übersetzung: Timothy Stahl

Lektorat: Caspar D. Friedrich

Redaktion: Mathias Ulinski, Holger Wiest

Chefredaktion: Jo Löffler

Umschlaggestaltung: tab indivisuell, Stuttgart

Satz und eBook: Greiner & Reichel, Köln

ISBN 978-3-8332-2495-9

Gedruckte Ausgabe:

ISBN 978-3-8332-2437-9

www.paninicomics.de/videogame

TEIL EINS

Auf halbem Weg des Menschenlebens fand

Ich mich in einen finstern Wald verschlagen,

Weil ich vom graden Weg mich abgewandt.

Wie schwer ist’s doch, von diesem Wald zu sagen,

Wie wild, rau, dicht er war, voll Angst und Noth;

Schon der Gedank’ erneuert noch mein Zagen.

– DANTE, INFERNO

1

Ein Adler segelte hoch am klaren Himmel.

Der Reisende, voller Straßenstaub und abgerissen, löste seinen Blick von dem Raubvogel, kletterte über eine niedrige Mauer aus grobem Stein und blieb einen Moment lang reglos stehen, um die scharfen Augen schweifen zu lassen. Die schroffen, schneebedeckten Berge rahmten die Burg ein, schützten und umschlossen sie, wie sie da auf der Kuppe ihrer eigenen Höhe aufragte, der Turm mit dem Kuppeldach ein Spiegelbild der kleineren Kuppel des nahen Kerkerturms. Wie eiserne Klauen krallten sich Felsen an den Fuß ihrer steilen grauen Wände. Der Reisende sah die Burg nicht zum ersten Mal – tags zuvor schon hatte er einen ersten Blick darauf geworfen, bei Einbruch der Dunkelheit, als er eine Meile weiter westlich einen Aussichtspunkt erklommen hatte. Wie von Zauberhand schien sie in diesem unwirtlichen Terrain erbaut worden zu sein, eins mit den Felsen und den Klüften, mit denen sie regelrecht verwachsen war.

Er hatte sein Ziel erreicht. Endlich. Nach einer zwölf Monate langen, erschöpfenden Reise, auf beschwerlichen Wegen, bei rauem Wetter.

Jetzt hielt sich der Reisende geduckt, nur für alle Fälle, und blieb ganz still, während er wie von selbst seine Waffen überprüfte und die Umgebung beobachtete. Doch nichts regte sich.

Keine Seele auf den Wehrgängen. Schneidender Wind wirbelte Schneewolken auf. Aber keine Spur eines Menschen. Der Ort schien verlassen zu sein. Wie er es aufgrund dessen, was er darüber gelesen hatte, erwartete. Aber das Leben hatte ihn gelehrt, dass es stets am besten war, sich selbst zu vergewissern. Er verhielt sich weiter still.

Kein Laut außer dem Wind. Dann … doch etwas. Ein Kratzen? Links von ihm, und ein Stück voraus kollerte eine Handvoll loses Geröll über einen kahlen Hang. Er spannte sich, richtete sich ein wenig auf, reckte den eben noch zwischen die Schultern gezogenen Kopf. Dann bohrte sich der Pfeil durch die Panzerung seiner rechten Schulter.

Er wankte ein wenig und verzog vor Schmerz das Gesicht, während er mit der Hand nach dem Pfeil fasste und zugleich den Kopf hob und scharfen Blickes zu einer Erhebung zwischen den Felsen hinsah, eine kleine Klippe, sechs oder sieben Meter hoch, die sich vor der Vorderseite der Burg erhob und als natürliche Außenmauer diente. Auf ihrem Kamm erschien jetzt ein Mann in dunkelroter Tunika, über der er ein graues Obergewand und eine Rüstung sowie die Abzeichen eines Hauptmanns trug. Sein Schädel war beinahe kahl rasiert, durch sein Gesicht zog sich eine Narbe von rechts oben nach links unten. Er öffnete den Mund zu einem Ausdruck, der halb ein Knurren war, halb ein triumphierendes Grinsen, und bleckte krumme Zahnstummel, braun wie die Grabsteine auf einem verwilderten Friedhof.

Der Reisende zog am Schaft des Pfeils. Die mit Widerhaken versehene Spitze hatte sich in der Rüstung verkantet, jedoch nur das Metall durchschlagen und die Haut darunter lediglich angekratzt. Er brach den Pfeil ab und warf ihn zur Seite. Dabei fiel sein Blick auf mehr als hundert weitere bewaffnete Männer, die in gleicher Weise gekleidet waren, Hellebarden und Schwerter in den Händen. Beiderseits des fast glatzköpfigen Hauptmanns nahmen sie auf dem Felsenkamm Aufstellung. Helme mit Nasenschützern verbargen ihre Gesichter, doch ihr Wappen mit dem schwarzen Adler verriet dem Reisenden, wer sie waren, und er wusste, was er von ihnen zu erwarten hatte, wenn sie seiner habhaft würden.

Wie hatte er nur in eine solche Falle tappen können? Wurde er etwa alt? Er hatte doch jede nur denkbare Vorsicht walten lassen.

Dennoch hatte es ihm nicht geholfen.

Er trat zurück, erwartete sie, als sie auf das unebene Stück Boden zuströmten, auf dem er stand. Sie schwärmten aus, umzingelten ihn, wahrten jedoch eine Hellebardenlänge Abstand. Er konnte spüren, dass sie ihn trotz ihrer Überzahl fürchteten. Sein Ruf war weithin bekannt, und sie taten gut daran, auf der Hut zu sein.

Er besah sich die Hellebardenköpfe. Sie waren Axt und Spieß in einem.

Er spannte die Unterarmmuskeln, und an seinen Handgelenken schnellten die beiden verborgenen tödlichen Klingen hervor. Er wehrte den ersten Hieb ab und merkte, dass er zögernd geführt worden war. Wollten sie ihn lebend in die Hände bekommen? Dann fingen sie an, von allen Seiten her mit ihren Waffen nach ihm zu stoßen, um ihn in die Knie zu zwingen.

Er wirbelte herum und durchtrennte mit geschickten Bewegungen die Schäfte zweier Hellebarden. Als der Kopf der einen durch die Luft flog, zog er eine seiner verborgenen Klingen ein und fing den abgetrennten Hellebardenkopf auf, ehe er zu Boden fiel. Den Stumpf des Schafts in der Faust, drosch er dem ehemaligen Besitzer der Waffe die Schneide der Axt in die Brust.

Nun zogen die anderen den Kreis enger und drangen auf ihn ein. Er konnte sich gerade noch ducken, spürte den Luftzug, mit dem eine geschwungene Hellebarde über ihn hinwegsichelte und seinen gebeugten Rücken nur um Zentimeter verfehlte. Er fuhr herum und hackte dem Angreifer, der vor ihm stand, die linke Klinge tief ins Bein. Aufheulend ging der Mann zu Boden.

Der Reisende packte die fallen gelassene Hellebarde, die ihm beinahe den Garaus gemacht hätte, ließ sie kreisen und trennte einem anderen Gegner die Hände ab. In hohem Bogen flogen sie durch die Luft, die Finger wie um Gnade flehend gekrümmt, und zogen einen Schweif aus Blut wie einen roten Regenbogen hinter sich her.

Das gebot den Angreifern für einen Moment Einhalt. Doch die Männer hatten schon Schlimmeres gesehen, und dem Reisenden blieb nur eine Sekunde, um sich zu sammeln, bevor sie wieder auf ihn losgingen. Er schwang die Hellebarde, und die Klinge grub sich tief in den Hals eines Mannes, der eben noch auf ihn zugesprungen war, um ihn zu Fall zu bringen. Der Reisende ließ den Schaft der Hellebarde los und brachte seine andere verborgene Klinge wieder zum Vorschein, damit er die Hände frei hatte, um einen Gegner zu packen, der mit einem Breitschwert bewaffnet war. Er schleuderte den Mann in eine Gruppe seiner Kameraden und entwand ihm dabei das Schwert. Er hielt es mit beiden Händen, und seine Muskeln spannten sich unter dem Gewicht, als er es gerade noch rechtzeitig hochriss, um einem weiteren Hellebardier den Helm zu spalten, der hinterrücks auf ihn zugekommen war, in der Hoffnung, ihn zu überraschen.

Das Schwert war gut und für diesen Kampf besser geeignet als der leichte Säbel, den er auf seiner Reise erworben hatte und jetzt an der Hüfte trug. Im Nahkampf waren allerdings die verborgenen Klingen unschlagbar. Sie hatten ihn noch nie im Stich gelassen.

Weitere Männer strömten von der Burg herab. Wie viele waren nötig, um diesen einzelnen Mann zu überwältigen? Sie drängten auf ihn zu, engten ihn ein, aber er wirbelte herum und sprang bald hierhin, bald dorthin, um sie zu verwirren. Einmal setzte er über den Rücken eines Mannes hinweg, landete sicher auf den Beinen, wehrte einen Schwerthieb mit der metallenen Armschiene über seinem linken Handgelenk ab und drehte sich, um dem Angreifer sein Schwert in den Leib zu rammen.

Doch dann … ein kurzes Stocken. Warum? Der Reisende hielt inne, holte Luft. Früher hatte er keine Atempause gebraucht. Er schaute auf. Immer noch war er umringt von Soldaten in grauen Kettenhemden.

Zwischen ihnen entdeckte der Reisende jedoch auf einmal einen anderen Mann.

Er hatte sich unter sie gemischt. Unbeobachtet, ruhig. Ein junger Mann in Weiß. Ansonsten gekleidet wie der Reisende selbst, die gleiche Kapuze auf dem Kopf, die nach vorn hin spitz zulief wie der Schnabel eines Adlers. Die Lippen des Reisenden teilten sich vor Staunen. Alles schien plötzlich ganz still zu sein. Alles schien zu ruhen, bis auf den jungen Mann in Weiß, der festen Schrittes, ruhig und unerschrocken seines Weges ging.

Der junge Mann schien sich durch das Kampfgeschehen zu bewegen, als spazierte er durch ein Maisfeld, als berührte es ihn nicht, als ginge es ihn nichts an. War das die gleiche Schnalle, die seinen Gürtel hielt, die gleiche, die auch der Reisende trug? Mit dem gleichen Insigne? Dem Insigne, das dem Reisenden seit über dreißig Jahren ins Bewusstsein und ins Leben gebrannt war – so wie sein Ringfinger vor langer Zeit gebrandmarktworden war?

Der Reisende blinzelte, und als er die Augen wieder öffnete, war die Vision – wenn es denn eine gewesen war – verschwunden, und der Lärm, die Gerüche, die Gefahr waren wieder da, rings um ihn her, schlossen ihn ein. Reihenweise Feinde, denen er, da machte er sich nichts vor, weder Herr werden noch entkommen würde. Aber aus irgendeinem Grund fühlte er sich nicht mehr so allein.

Er hatte keine Zeit zum Nachdenken. Sie bedrängten ihn jetzt mit aller Macht, waren ebenso wütend wie voller Angst. Hiebe hagelten auf ihn herab, zu viele, um sie abzuwehren. Der Reisende kämpfte hart, tötete noch fünf, dann zehn. Aber er kämpfte gegen eine Hydra mit tausend Köpfen. Ein großer, kräftiger Mann trat auf ihn zu und ließ ein zwanzigpfündiges Schwert auf ihn niederfahren. Der Reisende hob den linken Arm, um die Waffe mit der Metallschiene abzublocken, drehte sich dabei und ließ sein eigenes Breitschwert fallen, um die verborgenen Klingen wieder ins Spiel zu bringen. Aber sein Angreifer hatte Glück. Die Wucht seines Hiebs wurde von der Schiene abgefangen, aber es steckte zu viel Kraft dahinter, um gänzlich zu verpuffen. Die Schneide glitt auf das linke Handgelenk des Reisenden zu, traf dort auf die verborgene Klinge und brach sie ab. Im selben Augenblick stolperte der Reisende, aus dem Gleichgewicht geraten, über einen losen Stein zu seinen Füßen und verdrehte sich den Knöchel. Mit dem Gesicht voran stürzte er auf den felsigen Boden. Und dort blieb er liegen.

Über ihm zog sich der Kreis der Männer enger zusammen. Wieder wahrten sie so viel Abstand, dass sie ihn mit den Hellebarden gerade erreichen konnten, denn sie fürchteten ihn noch immer und wagten es nicht, schon zu triumphieren. Nur die Spitzen ihrer Spieße berührten seinen Rücken. Eine falsche Bewegung nur, und er wäre tot.

Und dafür war er noch nicht bereit.

Das Knirschen von Stiefeln auf Stein. Ein Mann näherte sich. Der Reisende drehte den Kopf ein wenig und sah den kahlhäuptigen Hauptmann über sich aufragen. Als dunkler Striemen zog sich die Narbe durch sein Gesicht. Er beugte sich so weit herab, dass der Reisende seinen Atem riechen konnte.

Der Hauptmann zog ihm die Kapuze vom Kopf, sodass er sein Gesicht sehen konnte. Er lächelte, als sich sein Verdacht bestätigte.

„Ah, der Mentor ist eingetroffen. Ezio Auditore da Firenze. Wir haben Euch erwartet – was Ihr zweifellos gemerkt habt. Es wird ein ziemlicher Schock für Euch sein, die alte Festung Eurer Bruderschaft in unseren Händen zu sehen. Aber es musste so kommen. All Euren Bemühungen zum Trotz war es uns bestimmt zu obsiegen.“

Er richtete sich wieder auf, wandte sich an die Männer, sicher zweihundert an der Zahl, die um Ezio herumstanden, und rief: „Schafft ihn in die Turmzelle! Aber fesselt ihn zuerst!“

Sie zerrten Ezio auf die Beine und banden ihm hastig und nervös die Hände.

„Ein kurzer Weg und viele Treppen“, sagte der Hauptmann. „Und dann fangt Ihr am besten an zu beten. Morgen früh werden wir Euch hängen.“

Hoch über ihnen setzte der Adler seine Suche nach Beute fort. Niemand hatte einen Blick für ihn. Für seine Schönheit. Seine Freiheit.

2

Der Adler kreiste noch immer am Himmel. Ein fahlblauer Himmel, gebleicht von der Sonne, die inzwischen etwas tiefer stand. Der Raubvogel, nur eine dunkle Silhouette, zog Runde um Runde. Sein Schatten fiel in der Tiefe auf die kahlen Felsen und wurde von ihnen verzerrt, wenn er darüber hinwegglitt.

Ezio beobachtete ihn durch das schmale Fenster, das nicht mehr als ein Schlitz in der dicken Mauer war, und seine Augen waren so rastlos wie die Bewegungen des Vogels. Und auch seine Gedanken ruhten nicht. War er so weit und so lange gereist, nur damit alles auf diese Weise endete?

Er ballte die Fäuste. Seine Muskeln spürten, dass die verborgenen Klingen fehlten, die ihm so lange solch gute Dienste geleistet hatten.

Aber er konnte sich denken, wo sie seine Waffen verstaut hatten, nachdem sie ihn in die Falle gelockt, überwältigt und dorthin gebracht hatten. Ein grimmiges Lächeln verzog seine Lippen. Diese Soldaten, der alte Feind … wie überrascht sie gewesen waren, dass ein alter Löwe wie er noch so zu kämpfen verstand.

Und er kannte diese Burg. Von Karten und Plänen her. Er hatte sie so eingehend studiert, dass sie sich ihm förmlich ins Gedächtnis gebrannt hatte.

Aber nun saß er dort, in einer Zelle eines der oberen Türme der majestätischen Festung von Masyaf, der Zitadelle, die einst die Festung der Assassinen gewesen, inzwischen aber längst aufgegeben und nun in die Hände der Templer gefallen war. Dort saß er nun also, allein, ohne Waffen, hungrig und durstig, seine Kleidung schmutzig und zerrissen, und wartete darauf, die Schritte seiner Henker zu hören. Aber er würde nicht einfach still abtreten. Er wusste, warum die Templer dort waren. Er musste sie aufhalten.

Und noch hatten sie ihn nicht getötet.

Er behielt den Adler im Blick. Jede Feder konnte er sehen, den aufgefächerten Schwanz, der den Flug lenkte, schwarz, braun und weiß gesprenkelt, wie Ezios eigener Bart. Die schneeweißen Flügelspitzen.

Seine Gedanken wanderten zurück, den Weg entlang, der ihn dorthin geführt hatte, in diese Lage.

Andere Türme, andere Zinnen. Die in Viana zum Beispiel, von denen er Cesare Borgia in den Tod gestürzt hatte. Das war im Jahre des Herrn 1507 gewesen. Wie lange war das nun her? Vier Jahre. Ebenso gut hätten es jedoch vierhundert Jahre sein können, so fern kamen ihm diese Geschehnisse mittlerweile vor. Und unterdessen waren andere Schurken, andere Möchtegernherren der Welt gekommen und gegangen, alle auf der Suche nach dem Mysterium, auf der Suche nach der Macht und nach ihm, der er nun doch noch in Gefangenschaft geraten war.

Der Kampf war immer weitergegangen.

Der Kampf. Und sein Leben.

Die Kreise des Adlers wurden enger. Ezio wusste, dass der Vogel eine Beute erspäht hatte, die er nicht mehr aus den Augen ließ. Was mochte er dort unten erblickt haben? Im Dorf, das die Burg versorgte und sich in den Schatten der Festung duckte, gab es gewiss Vieh und in der Nähe sicher auch ein Stück bestelltes Land. Eine Ziege vielleicht, irgendwo da unten inmitten des Gewirrs aus grauen Felsen, mit denen die niedrigen Hügel ringsum übersät waren; entweder ein junges Tier, das noch unerfahren war, oder ein altes, das zu müde war, um sich in Sicherheit zu bringen, womöglich auch ein verletztes. Der Adler passierte die Sonne, seine Silhouette verdunkelte das strahlende Licht. Dann hing er auf einmal da, wie in der riesigen blauen Arena erstarrt, bevor er nach unten schoss, wie ein Blitz durch die Luft fegte und aus Ezios Blickfeld verschwand.

Ezio wandte sich vom Fenster ab und blickte sich in der Zelle um. Eine Pritsche aus hartem dunklem Holz, nur Bretter, kein Bettzeug, ein Stuhl und ein Tisch. Kein Kruzifix an der Wand, und auch sonst gab es nichts in der Zelle außer der Zinnschüssel mit der noch immer nicht angerührten Haferschleimsuppe, die sie ihm gebracht hatten. Obwohl er Hunger und Durst hatte, fürchtete Ezio, sie könnten irgendetwas hineingemischt haben, das ihn müde machen und ihm die Kräfte rauben würde, wenn es so weit war.

Er drehte sich in der engen Zelle im Kreis, doch die groben Steinwände spendeten ihm weder Trost noch Hoffnung. Es gab nichts, was er benutzen konnte, um zu fliehen. Er seufzte. Es gab andere Assassinen und Vertraute der Bruderschaft, die über seine Mission Bescheid wussten, die ihn begleiten wollten, obwohl er darauf bestanden hatte, allein zu reisen. Vielleicht würden sie etwas unternehmen, wenn keine Nachricht von ihm eintraf. Aber dann würde es vielleicht zu spät sein.

Die Frage war: Was wussten die Templer bereits? Wie viel von dem Geheimnis befand sich schon in ihrem Besitz?

Seine Suche, die nun, just in dem Moment, da sie Früchte zu tragen begann, so abrupt unterbrochen worden war, hatte kurz nach seiner Rückkehr nach Rom angefangen. Vor vier Jahren, am Johannistag, seinem 48. Geburtstag, hatte er sich dort von seinen Gefährten Leonardo da Vinci und Niccolò Machiavelli verabschiedet. Niccolò war nach Florenz zurückgekehrt, Leonardo nach Mailand. Leonardo hatte davon gesprochen, ein Angebot des französischen Thronerben Franz anzunehmen, der ihm eine Gönnerschaft in Aussicht stellte, die Leonardo dringend brauchte. Dazu sollte er nach Amboise an der Loire ziehen. Das jedenfalls hatte Ezio den Briefen Leonardos entnommen.

Ezio lächelte bei der Erinnerung an seinen Freund. Leonardo, dem ständig neue Ideen im Kopf herumgingen, auch wenn er immer eine Weile brauchte, um sie zu verwirklichen. Wehmütig dachte er an die verborgene Klinge, die im Kampf zu Bruch gegangen war, nachdem man ihn in die Falle gelockt hatte. Leonardo – oh, wie er ihn vermisste! – wäre der Einzige gewesen, dem er zugetraut hätte, sie zu reparieren. Aber zumindest hatte Leonardo ihm die Pläne für eine neue Erfindung geschickt, die er Fallschirm nannte. Ezio hatte einen solchen Fallschirm in Rom anfertigen lassen, und er befand sich in seinem Gepäck. Er bezweifelte, dass die Templer damit viel anzufangen wussten. Er hingegen würde ihn einsetzen, sobald er Gelegenheit dazu bekam.

Falls er Gelegenheit bekam.

Er verscheuchte die finsteren Gedanken.

Aber es gab einfach nichts zu tun, keine Möglichkeit zur Flucht, bis sie kamen, um ihn zu holen und aufzuhängen. Er musste sich etwas einfallen lassen, was er dann tun würde. Wahrscheinlich würde er, wie so oft, improvisieren müssen. In der Zwischenzeit wollte er versuchen, sich auszuruhen. Zwar hatte er vor dieser Reise mit regelmäßigem Training dafür gesorgt, dass er in Form blieb, und die Reise selbst hatte ihn abgehärtet. Trotzdem war er froh – selbst unter den gegebenen Umständen –, nach diesem Kampf ein wenig ruhen zu können.

Angefangen hatte alles mit einem Brief.

Unter den wohlwollenden Augen von Papst Julius II., der ihn bei der Bezwingung der Familie Borgia unterstützt hatte, baute Ezio die Bruderschaft der Assassinen in Rom neu auf und richtete dort auch das Zentrum seiner Macht ein.

Zumindest für eine Weile waren die Templer nun gelähmt, und Ezio legte die Führung der Organisation in die fähigen Hände seiner Schwester Claudia. Doch blieben die Assassinen auf der Hut. Sie wussten, dass die Templer sich neu ordnen würden, im Geheimen und anderswo, denn sie waren unersättlich auf ihrer Jagd nach jenen Mitteln, mit denen sie die Welt gemäß ihren düsteren Lehren endlich beherrschen wollten.

Für den Augenblick mochten sie besiegt sein – erschlagen war das Ungeheuer indes nicht.

Ezio schöpfte Trost und Befriedigung aus der Tatsache – und er teilte dieses finstere Wissen allein mit Machiavelli und Leonardo –, dass der Apfel von Eden, der in seine Obhut gefallen war und der so viel Leid und Tod gebracht hatte in den Kämpfen, die um seinen Besitz entbrannten, in den Tiefen der Gewölbe unter der Kirche San Nicola in Carcere versteckt lag. In einem versiegelten Geheimraum, dessen Örtlichkeit sie nur mit den heiligen Symbolen der Bruderschaft markiert hatten und die einzig ein zukünftiger Assassine erkennen würde, um sie dann, vielleicht, zu entschlüsseln. Der mächtigste Edensplitter war vor dem gierigen Griff der Templer sicher verborgen – Ezios hoffte, für alle Zeit.

Nach dem Schaden, den die Bruderschaft durch das Geschlecht der Borgia erlitten hatte, gab es vieles wettzumachen, vieles in Ordnung zu bringen, und diesen Aufgaben hatte sich Ezio verschrieben, klaglos, obwohl es ihn viel mehr an die frische Luft zog und nach Taten dürstete, anstatt in staubigen Archiven über Dokumenten zu brüten. Diese Tätigkeit hätte viel besser zu Giulio gepasst, dem Sekretär seines verstorbenen Vaters. Oder zu Machiavelli, dem alten Bücherwurm. Doch Machiavelli hatte dieser Tage alle Hände voll zu tun, die florentinische Miliz zu kommandieren, und Giulio war schon lange tot.

Hätte er sich jedoch, sinnierte Ezio, nicht jene Verantwortung aufgeladen, die für ihn eine ausgesprochen fade Pflicht war, dann hätte er den Brief womöglich nie gefunden. Und wäre ein anderer darauf gestoßen, hätte der die Bedeutung des Briefes vielleicht nicht erkannt.

Das vom Alter schon brüchige Schreiben, das er in einem ledernen Beutel entdeckte, stammte von Ezios Vater Giovanni, der es an seinen Bruder Mario geschrieben hatte, den Mann, der Ezio vor dreißig langen Jahren die Kunst des Krieges gelehrt und ihn in die Bruderschaft eingeführt hatte. Mario. Bei der Erinnerung zuckte Ezio zusammen. Mario, der nach der Schlacht von Monteriggione durch die so grausame wie feige Hand von Cesare Borgia gestorben war.

Marios Tod war längst gerächt, doch der Brief, den Ezio fand, schlug ein neues Kapitel auf, und sein Inhalt bot ihm die Gelegenheit zu einer neuen Mission. Er hatte den Brief im Jahr 1509 gefunden, als er gerade fünfzig geworden war. Er wusste, dass Männer seines Alters nur selten die Chance bekamen, eine neue Mission anzugehen. Außerdem eröffnete ihm der Brief die Hoffnung und Herausforderung, den Templern ein für alle Mal die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Palazzo Auditore

Firenze

iv febbraio MCDLVIII

Mein lieber Bruder,

die Mächte, die uns entgegenstehen, gewinnen an Kraft, und in Rom gibt es einen Mann, der den Befehl über unsere Feinde übernommen hat und womöglich der ärgste Widersacher ist, mit dem Du und ich es je zu tun hatten. Aus diesem Grund teile ich Dir unter dem Siegel strengster Verschwiegenheit die folgenden Sachverhalte mit. Sollte mich das Schicksal ereilen, sorge – nötigenfalls auch mit Deinem Leben – dafür, dass diese Dinge nie unseren Feinden zu Ohren kommen.

Es gibt, wie Du weißt, in Syrien eine Burg namens Masyaf, die einst der Sitz unserer Bruderschaft war. Tief unter dieser Festung hat vor über zweihundert Jahren unser damaliger Mentor Altaïr ibn-La’Ahad eine Bibliothek eingerichtet.

Mehr will ich im Moment nicht sagen. Die Diskretion gebietet, dass ich Dir alles Weitere nur im unmittelbaren Gespräch mitteilen und es niemals niederschreiben darf.

Diese Aufgabe hätte ich gern selbst übernommen, doch dafür ist jetzt keine Zeit. Unsere Feinde bedrängen uns, und es bleibt nur Zeit zur Gegenwehr.

Dein Bruder

Giovanni Auditore

Diesem Brief lag ein weiteres Blatt Papier bei, eindeutig in der Handschrift seines Vaters beschrieben, doch ebenso eindeutig nicht von ihm selbst stammend. Es handelte sich um die Übersetzung eines viel älteren Dokuments, das ebenfalls mit im Beutel steckte. Es war auf Pergament geschrieben, das dem Material der Seiten des originalen Kodex sehr ähnelte, den Ezio und seine Gefährten fast dreißig Jahre zuvor entdeckt hatten. Der Text lautete:

Inzwischen habe ich Tage mit dem Artefakt zugebracht. Oder waren es Wochen? Monate? Von Zeit zu Zeit kommen die anderen, um mir Essen oder Zerstreuung anzubieten. Doch obwohl ich im Herzen weiß, dass ich mich von diesen finsteren Studien lösen sollte, fällt es mir immer schwerer, meinen normalen Pflichten nachzugehen. Malik hat mich sehr unterstützt, aber nun kehrt jene alte Schärfe in seine Stimme zurück. Nichtsdestotrotz muss ich meine Arbeit fortsetzen. Die Geheimnisse dieses Apfels von Eden müssen gelüftet werden. Seine Funktionsweise ist simpel, elementar einfach sogar: Herrschaft. Kontrolle. Aber der Prozess als solcher … die Methoden und Mittel, die er nutzt …SIE sind das wahre Faszinosum. Der Apfel ist die Gestalt gewordene Versuchung. Wen sein Leuchten erfasst, dem wird die Erfüllung eines jeden Wunsches versprochen. Im Gegenzug verlangt er nur eines: absoluten Gehorsam. Und wer kann sich dem schon widersetzen? Ich erinnere mich an meinen eigenen Moment der Schwäche, als ich Al Mualim, meinem Mentor, gegenüberstand und seine Worte mein Selbstvertrauen erschütterten. Er, der wie ein Vater zu mir gewesen war, offenbarte sich nun als mein größter Feind. Der geringste Funken Zweifel genügte ihm, um sich in meinen Geist zu stehlen. Doch ich bezwang seine Phantome, gewann mein Selbstvertrauen wieder und schickte ihn von dieser Welt. Ich befreite mich von seiner Kontrolle. Aber jetzt frage ich mich: Ist das wahr? Denn hier sitze ich nun und bemühe mich verzweifelt, jenes Ding zu begreifen, das ich doch eigentlich vernichten wollte. Ich spüre, dass es mehr ist als nur eine Waffe, ein Werkzeug, mit dem sich der Geist der Menschen manipulieren lässt. Oder nicht? Vielleicht erfüllt es ja einfach nur seinen Zweck und zeigt mir, was ich mir am meisten wünsche: Wissen … Immer am Rande verharrend. Gerade außerhalb der Reichweite. Lockend. Ein Versprechen. Die Versuchung …

An dieser Stelle endete das alte Manuskript, der Rest war verloren. Das Pergament war so brüchig, dass es unter seiner Berührung an den Rändern zerbröselte.

Ezio verstand nur wenige der Worte, doch die waren ihm so vertraut, dass ihm die Haut kribbelte. Auch jetzt verspürte er dieses Kribbeln wieder, als er daran zurückdachte, während er in seiner Zelle im Kerkerturm von Masyaf saß und zusah, wie die Sonne versank und der Tag zu Ende ging, der möglicherweise sein letzter auf Erden war.

Er stellte sich das alte Manuskript im Geiste vor. Vor allem dieses Dokument war es gewesen, das ihn zu dem Entschluss gebracht hatte, nach Osten zu reisen, nach Masyaf.

Die Dunkelheit kam rasch. Der Himmel war kobaltblau und voller Sterne.

Scheinbar wanderten Ezios Gedanken zu dem jungen Mann in Weiß. Dem Mann, den er während des Kampfes zu sehen geglaubt hatte. Der auf so geheimnisvolle Weise aufgetaucht und wieder verschwunden war, wie eine Vision, und der aber doch auf irgendeine Weise real gewesen war … und sich irgendwie mit ihm verständigt hatte.

3

Mit den Reisevorbereitungen war Ezio für den Rest des Jahres und bis ins nächste hinein beschäftigt gewesen. Er ritt nach Norden, nach Florenz, und besprach sich mit Machiavelli, erzählte ihm aber nicht alles, was er wusste. In Ostia suchte er Bartolomeo d’Alviano auf, der dem guten Essen und Wein zu sehr zugesprochen hatte, abgesehen davon aber wild wie eh und je war, obgleich er inzwischen Familie hatte. Er und Pantasilea hatten drei Söhne, und vor einem Monat war eine Tochter hinzugekommen. Was hatte er gesagt?

„Wurde auch Zeit, dass du die Sache anpackst, Ezio! Wir werden alle nicht jünger.“

Ezio hatte gelächelt. Barto hatte mehr Glück, als er ahnte.

Ezio hatte es bedauert, dass ihm keine Zeit geblieben war, seine Reise weiter nach Norden fortzusetzen, nach Mailand, aber er hatte seine Waffen gut gepflegt – die Klingen, die Pistole und den Armschutz –, und er hatte auch keine Zeit gehabt, Leonardo in Versuchung zu führen, mit weiteren Verbesserungsideen aufzuwarten. Aber Leonardo hatte auch schon im Jahr zuvor gesagt, als er sie zuletzt überarbeitet hatte, dass sie nun nicht mehr zu verbessern seien.

Das würde sich erweisen, wenn sie das nächste Mal auf die Probe gestellt wurden.

Machiavelli hatte mit anderen Neuigkeiten aufgewartet, als er ihn in Florenz besuchte, einer Stadt, die Ezio noch immer nur voller Trauer betrat, so heftig stürzten dort die Erinnerungen auf ihn ein. An seine verlorene Familie und sein vernichtetes Erbe wie auch an seine verlorene Liebe, die erste und vielleicht einzig wahre seines Lebens, Cristina Calfucci. War es wirklich schon zwölf Jahre her, seit sie durch die Hand der fanatischen Anhänger Savonarolas ums Leben gekommen war? Und nun hatte es wieder einen Todesfall gegeben. Machiavelli hatte ihn zögernd davon unterrichtet. Die treulose Caterina Sforza – die in Ezios Leben ein ebenso großer Fluch gewesen war wie Cristina ein Segen – war unlängst gestorben, als verhärmte alte Frau von sechsundvierzig Jahren, vergessen und verarmt, ihre Vitalität und ihr Selbstvertrauen längst erloschen.

Als er so durchs Leben ging, gewöhnte Ezio sich an den Gedanken, dass die beste Gesellschaft, die er je haben würde, wohl seine eigene war.

Aber er hatte keine Zeit zum Trauern und Grübeln. Die Monate flogen nur so dahin, und schon bald war es Weihnachten, und es gab noch so vieles zu erledigen.

Zu Beginn des neuen Jahres, am Tag des Heiligen Hilarius, war er dann endlich bereit gewesen, und es wurde ein Tag für seine Abreise aus Rom festgelegt. Sein Weg sollte ihn über Neapel in die südliche Hafenstadt Bari führen, begleitet von einer Eskorte, die Bartolomeo organisierte, der auch selbst mit ihm reiten wollte.

In Bari wollte er die Reise dann per Schiff fortsetzen.

4

„Gott sei mit dir, Bruder“, hatte Claudia an seinem letzten Morgen in Rom zu ihm gesagt. Sie waren vor Anbruch der Morgendämmerung aufgestanden. Sobald die Sonne aufging, wollte Ezio sich auf den Weg machen.

„Du musst dich während meiner Abwesenheit hier um alles kümmern.“

„Zweifelst du an mir?“

„Nicht mehr. Hast du mir denn noch immer nicht verziehen?“

Claudia lächelte. „In Afrika gibt es ein großes Tier namens Elefant. Man sagt, es vergäße nie etwas. Genauso ist es mit den Frauen. Aber sorge dich nicht, Ezio! Ich werde mich bis zu deiner Rückkehr um alles kümmern.“

„Oder bis wir einen neuen Mentor brauchen.“

Darauf erwiderte Claudia nichts. Ihre Miene wurde ernst. Sie sagte: „Warum gehst du allein auf diese Mission? Warum hast du so wenig davon erzählt, wie wichtig sie ist?“

„,Wer allein reist, reist schneller‘“, antwortete Ezio mit einem Zitat. „Und was die Einzelheiten angeht, so hinterlasse ich die Papiere unseres Vaters in deiner Obhut. Öffne sie, falls ich nicht zurückkomme! Und über Masyaf habe ich dir alles gesagt, was du wissen musst.“

„Giovanni war auch mein Vater.“

„Aber mit dieser Verantwortung hat er mich betraut.“

„Du hast sie dir genommen, Bruder.“

„Ich bin der Mentor“, erwiderte er schlicht. „Es ist meine Verantwortung.“

Sie sah ihn an. „Gute Reise also! Und schreib mir!“

„Das werde ich. Bis ich in Bari eingetroffen bin, brauchst du dich auch nicht um mich zu sorgen. Barto wird mich bis dorthin begleiten.“

Sie wirkte trotzdem bekümmert. Es rührte Ezio, dass die starke Frau, zu der seine Schwester herangewachsen war, in ihrem Herzen immer noch eine empfindsame Stelle hatte, die nur ihm galt. Seine Reise auf dem Landweg würde ihn durch die südlichen Gebiete Italiens führen, die unter der Herrschaft der Krone von Aragón standen. Doch König Ferdinand hatte nicht vergessen, was er Ezio schuldig war.

„Wenn ich auf Abenteuer aus bin“, sagte er zu seiner Schwester, deren Gedanken er erriet, „werde ich keine erleben, bis ich Segel setze. Aber mein Kurs verläuft zu weit nördlich, als dass ich mir wegen Seeräubern Sorgen machen müsste. Nach Korfu bleiben wir dicht an der griechischen Küste.“

„Ich mache mir vor allem Sorgen darüber, dass dir gelingen könnte, was du dir vorgenommen hast. Nicht weil ich mich um dich selbst sorge …“

„Ach, nein? Na, vielen Dank!“

Sie grinste. „Du weißt doch, wie ich es meine. Nach allem, was du mir erzählt hast, und das war so gut wie nichts, die Heilige Veronika ist meine Zeugin, ist ein guter Ausgang wichtig für uns.“

„Und darum breche ich jetzt auf. Bevor die Templer wieder zu Kräften kommen.“

„Du tust also den ersten Schritt.“

„So könnte man sagen.“

Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände. Er sah sie ein letztes Mal an. Sie war auch mit neunundvierzig Jahren noch eine umwerfend schöne Frau, ihr dunkles Haar war unverändert dunkel, ihr feuriges Wesen ungelöscht. Manchmal bedauerte er es, dass sie nach dem Tod ihres Gatten keinen neuen Mann gefunden hatte, aber sie widmete sich ganz ihren Kindern und ihrer Arbeit und machte kein Geheimnis daraus, dass sie gern in Rom lebte. Unter Papst Julius war Rom wieder zu einer fortschrittlichen Weltstadt und zu einem Mekka für Kunst und Religion geworden.

Sie umarmten sich, dann stieg Ezio auf sein Pferd, das an der Spitze der kurzen Kavalkade für ihn bereitstand. Fünfzehn bewaffnete Reiter würden ihn begleiten, angeführt von Bartolomeo, der schon im Sattel saß und dessen Ross ungeduldig mit den Hufen stampfte und zum Aufbruch drängte. Auf einem Wagen transportierten sie Ausrüstung und Vorräte. Alles, was Ezio selbst brauchte, befand sich in zwei schwarzen Satteltaschen aus Leder. „Ich werde mich unterwegs mit Lebensmitteln versorgen“, sagte er zu Claudia.

„Darauf verstehst du dich ja gut“, erwiderte sie mit einem Lächeln.

Ezio ließ sich im Sattel nieder, hob eine Hand, wendete sein Pferd, und als Barto sein Tier neben ihn gelenkt hatte, setzten sie sich in Bewegung, am Ostufer des Flusses entlang, fort vom Hauptquartier der Assassinen auf der Tiberinsel, in Richtung des Stadttors und der langen Straße nach Süden.

Sie brauchten fünfzehn Tage bis Bari, und kaum waren sie dort eingetroffen, verabschiedete sich Ezio eilig von seinem alten Freund, um gleich mit der ersten Flut auslaufen zu können. Er nahm ein Schiff, das zu der türkischen Handelsflotte unter der Führung von Piri Reis und seiner Familie gehörte. Als einziger Passagier an Bord bezog er die Heckkabine der Lateinersegel-Dau und nutzte die Gelegenheit, einmal mehr die Grundausrüstung zu überprüfen, die er mitgenommen hatte. Zwei verborgene Klingen, für jedes Handgelenk eine, seinen Metallschutz für den linken Unterarm, um Schwerthiebe abzuwehren, und die Federdruck-Pistole, die Leonardo für ihn angefertigt hatte, zusammen mit all seinen anderen Spezialwaffen, basierend auf alten Plänen, die er im Kodex der Assassinen entdeckt hatte.

Ezio reiste mit leichtem Gepäck. In Wahrheit rechnete er damit, Masyaf – wenn er die Burg denn erreichte – verlassen vorzufinden. Zugleich gestand er sich jedoch ein, dass ihn die Dürftigkeit der Informationen über Aktivitäten der Templer in diesen scheinbar oder zumindest relativ friedlichen Zeiten beunruhigte.

Was diesen zweiten Teil seiner Reise, der ihn nach Korfu führte, anging, wusste er, dass er kaum etwas zu befürchten hatte. Piri Reis galt unter den Osmanen als hervorragender Kapitän und war früher selbst einmal Pirat gewesen. Seine Männer wussten also, wie mit Seeräubern umzugehen war, wenn die Furcht vor Piris Namen allein sie nicht fernhalten sollte. Ezio fragte sich, ob er den großen Mann auch persönlich kennenlernen würde. Sollte dieser Fall eintreten, hoffte er, dass Piri, der nicht für seine Umgänglichkeit bekannt war, vergessen haben würde, dass die Bruderschaft einst gezwungen gewesen war, ihn von einigen seiner kostbaren Karten zu „befreien“.

Die Osmanen selbst herrschten heute über Griechenland und einen großen Teil von Osteuropa, im Westen stießen ihre Territorien beinahe an die Venedigs. Nicht jedermann war glücklich mit dieser Situation oder über die Präsenz so vieler Türken in Europa. Doch Venedig hatte nach einem Patt weiterhin Handel mit seinen muslimischen Nachbarn getrieben, und La Serenissima hatte die Herrschaft über Korfu, Kreta und Zypern behalten. Ezio glaubte nicht, dass diese Konstellation von Dauer sein würde. Die Osmanen hatten bereits eroberungslüsterne Vorstöße nach Zypern unternommen. Für den Moment hielt der Frieden jedoch, und Sultan Bayezid war zu sehr mit internen Familienquerelen beschäftigt, um im Westen für Ärger zu sorgen.

Das klobige Schiff mit dem gewaltigen Segel aus weißer Leinwand schnitt eher wie ein Breitschwert als wie ein Messer durchs Wasser, aber sie lagen trotz Gegenwind gut in der Zeit, und so dauerte die kurze Reise durch die Mündung der Adria kaum mehr als fünf Tage.

Nach der Begrüßung durch den Gouverneur von Korfu, einem fetten Italiener namens Franco, der jedoch lieber Spiridon, nach dem dortigen Schutzheiligen, genannt wurde und die Politik offensichtlich schon seit Langem zugunsten üppigen Essens aufgegeben hatte, führte Ezio ein Gespräch mit dem Kapitän des Schiffes. Sie standen auf einem Balkon der Gouverneursvilla und blickten auf die Palmen des Hafens hinunter, der unter einem Himmel wie aus blauem Samt vor ihnen lag. Ein weiterer Beutel mit venezianischen soldi sicherte Ezio die Weiterreise an Bord der Anaan nach Athen.

„Das ist unser Zielhafen“, erklärte ihm der Kapitän. „Wir werden dicht an der Küste entlangsegeln. Ich habe die Fahrt schon zwanzigmal gemacht, da drohen weder Probleme noch Gefahr. Und dort werdet Ihr leicht ein Schiff finden, das Euch nach Kreta oder auch weiter nach Zypern bringt. Ich werde Euch mit meinem Schwager Ma’Mun bekannt machen, wenn wir Athen erreicht haben. Er ist ein Schifffahrtskaufmann. Er wird sich Eurer annehmen.“

„Ich bin Euch sehr verbunden“, erwiderte Ezio. Er hoffte, dass die Zuversicht des Mannes berechtigt war. Die Anaan übernahm eine große Gewürzladung, die sie nach Athen bringen sollte, und Ezio wusste noch aus seiner Jugend, als sein Vater einer der großen Bankiers in Florenz gewesen war, dass diese Fracht die Anaan zu einer verlockenden Beute für jeden Piraten machen würde, ganz gleich, wie sehr sie den Namen Piri Reis auch fürchten mochten.

Und wenn man auf einem Schiff kämpfte, musste man sich flink und leichtfüßig bewegen können.

Am nächsten Morgen ging Ezio in der Stadt zu einem Waffenschmied und kaufte sich dort einen Säbel, nachdem er den Mann auf hundert soldi heruntergehandelt hatte.

„Zur Sicherheit“, sagte sich Ezio.

Anderntags war die Flut bei Sonnenaufgang so hoch, dass sie sich auf die Reise begeben konnten. Sie nutzten die Gunst der Stunde und den steifen Nordwind, der ihnen sogleich das Segel füllte. Entlang der Küste fuhren sie gen Süden, das Ufer etwa eine Meile von ihrer Backbordseite entfernt. Das Sonnenlicht funkelte auf den stahlblauen Wellen, der warme Wind strich ihnen durchs Haar. Dennoch wollte sich bei Ezio kein Gefühl der Gelassenheit einstellen.

Sie hatten gerade eine Stelle südlich der Insel Zakynthos erreicht, als es geschah. Sie hatten sich weiter von der Küste entfernt, um den Wind voll auszunutzen, und das Wasser war dort dunkler und aufgewühlter. Die Sonne sank im Westen dem Horizont entgegen, und man konnte in dieser Richtung allenfalls blinzelnd etwas erkennen. Die Matrosen warfen einen Holzklotz über die Steuerbordseite, um die Geschwindigkeit zu drosseln, und Ezio sah ihnen dabei zu.

Im Nachhinein hätte er nicht mehr sagen können, was es war, das seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Vielleicht ein Vogel, der seitlich am Schiff vorbeiflog und seinen Blick anzog. Aber es war kein Vogel. Es waren Segel, zwei an der Zahl. Zwei hochseetüchtige Galeeren, die geradewegs aus dem Sonnenglast zu kommen schienen und die Anaan überraschten. Die Seeräuber waren schon längsseits gegangen, noch bevor der Kapitän seine Mannschaft zu den Waffen rufen konnte. Die Piraten schwangen Enterhaken mit Seilen zur Anaan herüber und kletterten an Bord, während Ezio zum Heck eilte, um sich zu bewaffnen. Zum Glück trug er den Säbel bereits an der Hüfte und konnte ihn erstmals erproben, als er sich seinen Weg durch einen Pulk aus fünf gegnerischen Berbern frei hieb, die sich ihm entgegenstellten.

Schwer atmend legte er schließlich seine Armschiene an und nahm seine Pistole an sich. Inzwischen hatte er genug Vertrauen in den Säbel, um auf die verborgenen Klingen zu verzichten, die er rasch in einem Versteck in der Kabine verstaute. Der Armschutz und die Pistole würden ihm in diesem Kampf die besseren Dienste leisten.

Er stürzte sich ins Getümmel. Um ihn her erklang das vertraute Klirren von Waffen, und es lag schon der Geruch von Blut in der Luft. Vorn auf dem Schiff war ein Feuer ausgebrochen, und der Wind, der just in diesem Moment drehte, drohte die Flammen der Länge nach übers Schiff in Richtung Heck zu treiben. Er wies zwei osmanische Seeleute an, sich Eimer zu schnappen, und befahl sie zum Wasserreservoir des Schiffes. Im selben Moment warf sich ein Pirat aus der Takelage Ezio entgegen. Einer der Matrosen rief eine Warnung. Ezio wirbelte herum, spannte die Muskeln des rechten Handgelenks, und der Mechanismus, den er sich um den Unterarm geschnallt hatte, katapultierte die Pistole in seine Hand. Rasch, ohne Zeit zum Zielen, drückte er ab und trat sofort zurück, sodass der immer noch im Sturz begriffene Mann an ihm vorbei fiel und aufs Deck schlug.

„Schnell, füllt eure Eimer und löscht die Flammen, bevor sie sich ausbreiten“, rief er. „Wenn das Feuer um sich greift, ist das Schiff verloren.“

Er schlug auf drei oder vier Berber ein, die auf ihn zugestürmt waren und bereits begriffen hatten, dass er der Mann an Bord war, den sie ausschalten mussten, wenn ihr Überfall Erfolg haben sollte. Dann sah er sich mit dem Piratenkapitän konfrontiert, einem stämmigen Rohling, in jeder Hand Entersäbel, die er zweifellos von einem früheren Opfer erbeutet hatte.

„Halt, du venezianischer Hund!“, knurrte der Mann.

„Das war schon dein erster Fehler“, gab Ezio zurück. „Beleidige nie einen Florentiner, indem du ihn mit einem Venezianer verwechselst.“

Zur Antwort führte der Kapitän einen wilden Hieb mit dem linken Arm nach Ezios Kopf, aber Ezio war darauf gefasst gewesen und hob selbst den linken Arm. Die Klinge des Entersäbels fuhr schadlos über den Armschutz und ging dann ins Leere. Damit hatte der Kapitän nicht gerechnet. Er geriet aus dem Gleichgewicht. Ezio ließ ihn stolpern und stieß ihn kopfüber durch die offene Frachtluke ins darunter liegende Wasserreservoir.

„Hilfe, Effendi! Ich kann nicht schwimmen!“, gurgelte der Kapitän, als er wieder auftauchte.

„Dann hättest du es lernen sollen“, erwiderte Ezio und wandte sich ab, um sich gegen zwei weitere Piraten zu wehren, die ihn fast erreicht hatten. Aus dem Augenwinkel sah er, dass seine beiden Seeleute ihre Eimer unterdessen ins Reservoir hinabgelassen hatten, und unterstützt von einer Handvoll ihrer Kameraden bekamen sie das Feuer allmählich unter Kontrolle.

Der heftigste Teil des Kampfes hatte sich derweil zum Heck des Schiffes verlagert, und dort zogen die Osmanen den Kürzeren. Ezio erkannte, dass die Berber die Anaan keineswegs in Flammen aufgehen lassen wollten, denn dadurch verlören sie ihre Beute. Deshalb ließen sie Ezios Matrosen weiter ihrer Löscharbeit nachgehen, während sie sich darauf konzentrierten, das Schiff in die Hand zu bekommen.

Ezios Gedanken rasten. Der Feind war deutlich in der Überzahl, und Ezio wusste, dass die Männer der Anaan, so hart sie auch sein mochten, keine ausgebildeten Kämpfer waren. Er wandte sich einem Stapel bereitliegender Fackeln zu, die in einer Luke im Bug lagerten. Er schnappte sich eine, stieß sie in die verlöschenden Flammen des Brandes, und kaum hatte die Fackel Feuer gefangen, schleuderte er sie mit aller Kraft auf eines der beiden Berberschiffe, die längsseits lagen. Dann ergriff er eine weitere Fackel und wiederholte das Ganze. Als die Berber an Bord der Anaan merkten, was los war, standen ihre beiden Schiffe schon in hellen Flammen.

Es war ein kalkuliertes Risiko, aber es zahlte sich aus. Anstatt um ihre Beute zu kämpfen – und da ihr Kapitän nirgends zu sehen war –, gerieten die Piraten in Panik und schlugen sich zum Schandeck durch, während die Osmanen sich ein Herz fassten und zu einem weiteren Gegenangriff übergingen. Mit Stöcken, Schwertern, Hacken, Klampen und was ihnen sonst noch in die Hände fiel, gingen sie auf die Berber los.

Eine Viertelstunde später hatten sie die Seeräuber auf ihre eigenen Schiffe zurückgetrieben, die Enterseile mit Äxten durchtrennt und die brennenden Galeeren mit Stangen davongeschoben. Der osmanische Kapitän bellte einige Befehle, und bald darauf war die Anaan außer Gefahr. Als wieder Ordnung herrschte, säuberten die Männer das Deck vom Blut und legten die Toten auf einen Haufen. Ezio wusste, dass es ihrer Religion widersprach, einen Leichnam über Bord zu werfen. Er hoffte nur, dass die Reise nicht mehr lange dauern würde.

Der Kapitän der Berber wurde aus dem Wasserreservoir gehievt. Tropfnass und unterwürfig stand er auf Deck.

„Ihr solltet das Wasser desinfizieren“, sagte Ezio zum Kapitän der Anaan, während der Pirat in Ketten abgeführt wurde.

„Wir haben genug Trinkwasser in Fässern. Das reicht bis Athen“, erwiderte der Kapitän. Dann zog er eine kleine Lederbörse aus dem Beutel, den er an der Hüfte trug. „Das ist für Euch“, sagte er.

„Was ist das?“

„Ich gebe Euch Euer Fahrgeld zurück“, sagte der Kapitän. „Es ist das Mindeste, was ich tun kann. Und wenn wir in Athen sind, werde ich dafür sorgen, dass Eure Heldentat die Runde macht. Und was Eure Weiterreise angeht, seid versichert, dass alles für Euch arrangiert wird.“

„Wir hätten nicht so gelassen sein dürfen“, meinte Ezio.

Der Kapitän sah ihn an. „Ihr habt recht. Vielleicht sollte man nie gelassen sein.“

„Damit habt nun leider Ihr recht“, erwiderte Ezio traurig.

5

Athen florierte unter den Türken. Als Ezio jedoch durch die Straßen ging und die Monumente und Tempel des Goldenen Zeitalters Griechenlands aufsuchte, die nun in seinem eigenen Land wiederentdeckt und neu verehrt wurden, und mit eigenen Augen all jene Statuen und Bauwerke sah, die seine Freunde Michelangelo und Bramante in Rom inspirierten, verstand er wenigstens zu einem Teil jenen stolzen Unmut, der unübersehbar in den Augen vieler der Bewohner funkelte. Er selbst jedoch wurde gefeiert von Ma’Mun, dem Schwager des osmanischen Kapitäns, und seiner Familie, die ihn mit Geschenken überhäuften und zum Bleiben drängten.

Sein Aufenthalt dauerte ohnedies schon länger als beabsichtigt, da sich in der Ägäis nördlich von Serifos Stürme zusammengebraut hatten, die über der Inselgruppe im Süden Athens tobten und den Hafen von Piräus für mindestens einen Monat praktisch stilllegten. Noch nie hatte man zu dieser Jahreszeit solche Unwetter gesehen. Straßenpropheten murmelten unweigerlich etwas vom Ende der Welt, ein Thema, das um die Mitte des 16. Jahrhunderts viel diskutiert wurde. Ezio indes hatte kein Interesse an derlei Dingen. Er ärgerte sich nur über die Verzögerungen und brütete inzwischen über den Karten und Notizen, die er mitgebracht hatte, und versuchte, vergebens allerdings, Informationen über das Vorgehen der Templer in dieser Gegend sowie in der Region südlich und östlich von Griechenland zu gewinnen.

Auf einer Feier zu seinen Ehren machte er die Bekanntschaft einer dalmatinischen Prinzessin, mit der er tändelte, doch mehr war es auch nicht, nur ein Flirt. Sein Herz blieb so verschlossen, wie es seit Langem schon war. Er hatte es aufgegeben, so redete er sich zumindest ein, nach der Liebe Ausschau zu halten. Ein eigenes Zuhause, ein richtiges Zuhause, und eine Familie, dafür war kein Platz im Leben eines Mentors der Assassinen. Ezio hatte etwas über das Leben seines Vorfahren Altaïr ibn-La’Ahad gelesen und begriffen – er hatte teuer dafür bezahlt, sich eine Familie geleistet zu haben. Und obgleich auch Ezios eigener Vater es geschafft hatte, eine Familie zu gründen, so hatte doch auch er letztlich einen bitteren Preis dafür bezahlt.

Schließlich jedoch – wenn auch nicht früh genug für den ungeduldigen Ezio – hatten sich die Winde und Wasser beruhigt, und schönes Frühlingswetter hielt Einkehr. Ma’Mun hatte alle Vorbereitungen für Ezios Weiterreise nach Kreta getroffen, und auf demselben Schiff sollte er auch bis nach Zypern fahren können. Es handelte sich um ein Kriegsschiff, eine Viermast-Kogge, die Qutaybah. Eines der unteren Decks war beiderseits mit je zehn Kanonen bestückt, weitere Waffen waren in Geschützstellungen am Heck und im Bug des Schiffes untergebracht. Es war nicht nur mit Lateiner-, sondern am Haupt- und Kreuzmast zusätzlich mit Rahsegeln im europäischen Stil ausgestattet, und unter dem Kanonen- gab es ein Ruderdeck mit je dreißig Ruderbänken auf jeder Seite.

An einem der Ruder war der Berberkapitän festgekettet, mit dem Ezio auf der Anaan gekämpft hatte.

„Auf diesem Schiff werdet Ihr Euch nicht verteidigen müssen, effendi“, sagte Ma’Mun.

„Es gefällt mir sehr, dieses Schiff. Es hat etwas Europäisches.“

„Unser Sultan Bayezid bewundert vieles aus Eurer Kultur, was schön und nützlich ist“, erklärte Ma’Mun. „Wir könnten viel voneinander lernen, wenn wir es nur versuchten.“

Ezio nickte.

„Die Qutaybah bringt einen Gesandten Athens zu einer Konferenz in Nikosia und wird in zwanzig Tagen in Larnaka anlegen. Unterwegs macht der Kapitän nur in Heraklion halt, um die Vorräte aufzustocken.“ Er hielt kurz inne. „Und ich habe noch etwas für Euch …“

Sie saßen in Ma’Muns Büro im Hafen und tranken sharbat. Der Türke wandte sich einer gewaltigen, mit Eisen beschlagenen Truhe zu, die an der Wand stand, und entnahm ihr eine Karte. „Diese Karte ist wertvoll wie alle Karten, aber sie ist ein besonderes Geschenk von mir an Euch. Es handelt sich um eine Karte von Zypern, die Piri Reis persönlich gezeichnet hat. Auf Zypern werdet Ihr etwas Zeit haben.“ Er hob die Hände, als Ezio Einspruch erheben wollte, wenn auch so höflich wie möglich. Je weiter man nach Osten reiste, desto weniger schien die Zeit eine Rolle zu spielen. „Ich weiß! Es ist mir bewusst, wie eilig Ihr es habt, nach Syrien zu kommen, aber die Kogge wird Euch nur bis nach Larnaka bringen, und Eure Weiterreise von dort aus muss erst noch arrangiert werden. Aber sorgt Euch nicht. Ihr habt die Anaan gerettet. Dafür werden wir Euch unsere Dankbarkeit auf angemessene Art erweisen. Niemand könnte Euch schneller an Euer Ziel bringen als wir.“

Ezio rollte die Karte aus und ließ seinen Blick darüber wandern. Es handelte sich um eine ausgezeichnete, detailreiche Arbeit. Er überlegte. Wenn er tatsächlich gezwungen war, einige Zeit auf der Insel zu verbringen, konnte er sich dort ein wenig umsehen. Er wusste aus den Archiven seines Vaters, dass Zypern für die Assassinen im Rahmen ihres ewigen Kampfes mit den Templern nicht uninteressant war. Gut möglich also, dass er dort Hinweise fand, die ihm helfen konnten.

Er würde seine Zeit auf Zypern zwar gut nutzen, hoffte aber trotzdem, dass er dort nicht zu lange verweilen musste, da die Insel eigentlich unter der Herrschaft der Templer stand, auch wenn es nach außen hin nicht den Anschein haben mochte.

Aber die Reise dauerte länger als erwartet. Kaum hatten sie nach ihrem kurzen Zwischenstopp in Heraklion – einer Sache von nicht einmal drei Tagen – die Segel wieder gesetzt, begannen die Winde erneut zu wüten, diesmal von Süden, heftig und noch warm vom langen Weg aus Nordafrika herauf. Die Qutaybah trotzte ihnen wacker, dennoch wurde sie Stück um Stück zurück nach Norden getrieben, wo sie sich im Gewirr der Dodekanes-Inseln abkämpfte. Erst nach einer Woche verebbten die Stürme, nachdem sie fünf Matrosen das Leben gekostet hatten und etliche Galeerensträflinge an ihren Rudern ertrunken waren. Das Schiff legte schließlich im Hafen von Chios an, wo dringend nötige Reparaturen vorgenommen wurden. Ezio trocknete seine Ausrüstung und säuberte die Waffen vom ersten Rost. In all den Jahren hatte das Metall seiner Spezialwaffen nie Anzeichen von Oxidation gezeigt. Eine ihrer vielen geheimnisvollen Eigenschaften, die Leonardo ihm vergeblich zu erklären versucht hatte.

Drei kostbare Monate verstrichen, ehe die Qutaybah endlich im Hafen von Larnaka einlief. Der Gesandte, der auf der Überfahrt infolge von Seekrankheit und Erbrechen zwanzig Pfund an Gewicht verloren und seine Konferenz freilich längst versäumt hatte, traf umgehend Vorbereitungen, direkt nach Athen zurückzukehren, allerdings, soweit es ging, auf dem Landweg.

Ezio vergeudete keine Zeit und suchte sogleich den Agenten in Larnaka auf, dessen Namen, Bekir, ihm Ma’Mun genannt hatte. Bekir hieß ihn nicht nur herzlich willkommen, er war regelrecht ehrerbietig. Ezio Auditore da Firenze! Der berühmte Schiffsretter! Sein Name war in Larnaka längst in aller Munde! Ah, die Frage nach einer Weiterreise nach Tortosa! Der Hafen, der Masyaf in Syrien am nächsten lag. Ja, ja, natürlich. Es werden umgehend Vorbereitungen getroffen, heute noch! Der effendi möge sich nur in Geduld üben, derweil die nötigen Räder in Bewegung gesetzt würden … Die beste Unterkunft stehe ihm zur Verfügung.

Die Unterkunft, die man für Ezio bereithielt, war in der Tat herrlich. Eine große, helle Wohnung in einer Villa, die auf einem niedrigen Hügel erbaut war und eine wundervolle Aussicht auf die Stadt und das kristallblaue Meer bot. Als jedoch zu viel Zeit verging, wurde sein Geduldsfaden immer dünner.

„Es liegt an den Venezianern“, erklärte der Agent. „Sie tolerieren die Anwesenheit der Osmanen zwar, allerdings nur in ziviler Hinsicht. Die militärische Obrigkeit behält uns leider genau im Auge. Ich fürchte …“ Der Mann senkte seine Stimme. „… ohne den Ruf unseres Sultans Bayezid, dessen Macht groß ist und weit reicht, würden wir hier gar nicht geduldet.“ Ein strahlendes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Vielleicht könntet Ihr uns ja helfen, effendi.“

„Auf welche Weise?“

„Nun, ich dachte, da Ihr selbst ein Venezianer seid …“

Ezio biss sich auf die Unterlippe.

Aber er war kein Mann, der unnütz Zeit verstreichen ließ. Während er wartete, studierte Ezio die Karte von Piri Reis, und in ihm dämmerte etwas herauf, das er einmal gelesen hatte und woran er sich vage erinnerte. Er besorgte sich ein Pferd und ritt an der Küste entlang nach Limassol.

Dort angelangt, streifte er durch die verlassene Turmhügelburg Guido von Lusignans, die während der Kreuzzüge erbaut und inzwischen aufgegeben worden war wie ein einst nützliches Werkzeug, das sein Eigentümer wegzuwerfen vergessen hatte. Als Ezio durch die leeren, zugigen Gänge lief, die Wildblumen und Sommerfliedersträucher, die in den Höfen wucherten, vor Augen, trieben ihn Erinnerungen – oder jedenfalls schien es sich um Erinnerungen zu handeln – dazu, seine Suche zu vertiefen und hinabzusteigen in die Tiefen des Bergfrieds und der Gewölbe darunter.

Und dort fand er, in Zwielicht getaucht, die verlassenen Überreste eines ehedem zweifellos riesigen Archivs. Seine einsamen Schritte hallten in dem düsteren Labyrinth aus vermodernden, leeren Regalen wider. Heute hausten dort nur noch umherhuschende Ratten. Aus dunklen Ecken musterten sie ihn argwöhnisch mit glitzernden Augen und verschlagenen, boshaften Blicken. Verraten konnten sie ihm jedoch nichts. Er suchte so gründlich, wie es ging, ohne auf einen Hinweis zu stoßen, was sich dort einmal befunden hatte.

Entmutigt kehrte er ans Tageslicht zurück. Die Existenz dieser Gewölbe erinnerte ihn an die Bibliothek, nach der er suchte. Da war etwas, nur kam er einfach nicht darauf. Halsstarrig blieb er zwei Tage in der Burg. Die Einwohner der Stadt bedachten den düsteren, grauhaarigen Fremden, der durch ihre Ruine streifte, mit seltsamen Blicken.

Und dann erinnerte sich Ezio endlich. Vor dreihundert Jahren war Zypern im Besitz der Templer gewesen.

6

Offenbar waren es die venezianischen Behörden – oder jemand, der bei ihnen die Fäden zog –, die sich seiner Weiterreise in den Weg stellten. Das wurde ihm klar, kaum dass er ihnen gegenüberstand. Florentiner und Venezianer mochten Rivalen gewesen sein und aufeinander hinabgesehen haben, aber sie teilten doch dasselbe Land und dieselbe Sprache.

Auf den hiesigen Gouverneur machte das allerdings keinen Eindruck. Domenico Garofoli sah aus wie ein Bleistift – lang, dünn und grau. Seine schwarze Kleidung, exquisit geschneidert aus kostbarstem Damast, hing dennoch an ihm wie Lumpen an einer Vogelscheuche. Die schweren Ringe, mit Rubinen und Perlen besetzt, klapperten lose an seinen knochigen Fingern. Seine Lippen waren so schmal, dass sie kaum vorhanden zu sein schienen, und wenn er den Mund schloss, konnte man kaum erkennen, wo in seinem Gesicht er sich überhaupt befand.

Natürlich war er äußerst höflich – Ezios Tat hatte viel zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Osmanen und Venezianern in der Region beigetragen –, aber er war offenkundig nicht willens, irgendetwas zu unternehmen. Die Situation auf dem östlichen Festland – jenseits der Küstenstädte, die sich ans Ufer des Mittelmeers klammerten wie die Fingerspitzen eines Mannes, der über einem Abgrund hing – war voller Gefahren. Die osmanische Präsenz in Syrien war stark, und man fürchtete weitere osmanische Ambitionen gen Westen. Jede Mission, die nicht von der offiziellen Diplomatie abgesegnet war, konnte einen internationalen Zwischenfall schrecklichsten Ausmaßes auslösen. So lautete jedenfalls Garofolis Ausrede.

Ezio würde unter seinen Landsleuten am Ort gewiss keine Verbündeten finden.

Ezio hörte höflich zu und saß da, die Hände auf den Knien, während der Gouverneur weiter in trockenem Ton vor sich hin salbaderte. Und er beschloss, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

Noch am selben Abend unternahm er eine erste Erkundung der Docks. Es lagen zahlreiche Schiffe im Hafen, Dauen aus Arabien und Nordafrika dümpelten neben venezianischen Galeeren und Karavellen. Eine holländische Fleute sah vielversprechend aus, an Bord verluden Männer unter der Aufsicht eines bewaffneten Wächters dicke Seidenballen. Als Ezio die Ladung identifiziert hatte, wusste er, dass die Fleute heimwärts segeln würde, doch er brauchte ein Schiff, das nach Osten fuhr.

Er ging weiter, hielt sich im Schatten der Gebäude, eine dunkle Gestalt, die sich noch immer so leichtfüßig und fließend wie eine Katze bewegte. Aber seine Suche erbrachte nichts.

Mehrere Tage und Nächte lang kundschaftete er den Hafen und die Schiffe dort aus. Stets nahm er seine wichtigste Ausrüstung mit, für den Fall, dass ihm das Glück hold war und er sofort aufbrechen konnte. Aber jeder Streifzug führte zum selben Ergebnis. Seine Bekanntheit erwies sich als zusätzliches Hindernis, und er musste allerlei Anstrengungen unternehmen, um seine Identität geheim zu halten. Und selbst wenn er Glück hatte, musste er feststellen, dass kein Schiffsherr in genau jene Richtung fuhr, in die er wollte, oder sie waren aus irgendeinem Grund nicht bereit, ihn mitzunehmen, ganz gleich, wie viel Geld er ihnen bot. Er dachte daran, zu Bekir zurückzugehen, tat es dann aber doch nicht. Bekir wusste ohnehin schon zu viel über seine Absichten.

Auch in der fünften Nacht trieb er sich wieder an den Docks herum. Es waren weniger Schiffe da, und außer den Nachtwächtern und ihren Mannschaften, die ihn mit ihren Laternen, die an langen Stöcken schaukelten, und ihren griffbereiten Schwertern und Knüppeln, nur selten passierten, war niemand zugegen. Ezio schlich sich zu den äußersten Kais, wo kleinere Schiffe lagen. Die Entfernung zum Festland war nicht allzu groß. Wenn er sich vielleicht ein eigenes Schiff …besorgen könnte, mochte es ihm gelingen, die rund fünfundsiebzig Seemeilen allein zurückzulegen.

Vorsichtig setzte er den Fuß auf einen hölzernen Landungssteg. Die schwarzen Bretter glänzten vor Nässe. Fünf Daus mit jeweils nur einem Segel reihten sich vor ihm aneinander, dem Geruch nach waren es Fischerboote, aber alle machten sie einen robusten Eindruck, und zwei davon waren, soweit Ezio es sehen konnte, voll ausrüstet.

Dann richteten sich plötzlich seine Nackenhaare auf.

Zu spät. Bevor Ezio sich umdrehen konnte, fiel er aufs Gesicht, zu Boden gerissen vom Gewicht des Mannes, der sich auf ihn gestürzt hatte. Ein großer Mann, das immerhin konnte Ezio spüren. Sehr groß. Er nagelte Ezio allein mit seinem Gewicht am Boden fest, es war ein Gefühl, wie unter einer dicken, bleischweren Daunendecke zu liegen. Ezio schaffte es, seine rechte Hand zu befreien und die verborgene Klinge hervorschnellen zu lassen, aber sofort schlossen sich wie eine eiserne Klammer Finger um sein Handgelenk. Aus dem Augenwinkel sah er, dass die Hand, die ihn festhielt, in einer Schelle steckte, von der zwei Kettenglieder baumelten.

Ezio sammelte seine Kräfte, drehte sich ruckartig und überraschend nach links und rammte seinen Ellbogen in eine Stelle der „Daunendecke“, von der er hoffte, dass sie weich war. Er hatte Glück. Der Mann, der ihn festnagelte, grunzte vor Schmerz und lockerte seinen Griff – ein wenig nur, aber es reichte. Ezio führte die Bewegung weiter, stemmte die Schulter nach oben und schaffte es, den Leib des anderen von seinem eigenen herunterzuwälzen. Blitzschnell kam er auf die Knie und drückte dem Mann die linke Hand gegen die Kehle, während er die rechte zum Schlag erhob.

Ezios Triumph währte nur einen Augenblick. Der Mann schlug ihm die rechte Hand beiseite, die Eisenmanschette an seiner linken Hand, an der ebenfalls zwei Kettenglieder hingen, traf Ezios Handgelenk schmerzhaft, trotz des Schutzes durch das Geschirr der verborgenen Klinge. Und schon steckte sein linkes Handgelenk wieder in einem Klammergriff, der seine Klinge langsam, aber unerbittlich vom Hals des Mannes wegdrückte.

Sie rollten herum, beide versuchten sie, die Oberhand zu gewinnen, schlugen zu, wann und wo immer sie konnten, aber sein Widersacher war so flink, wie er klobig war, und Ezios Klinge fand einfach kein Ziel. Endlich lösten sie sich voneinander und erhoben sich. Ächzend, außer Atem und vornübergebeugt standen sie sich gegenüber. Der Mann war unbewaffnet, aber die eisernen Manschetten konnten einigen Schaden anrichten, wenn er sie als Waffen einsetzte.

Dann blitzte in unmittelbarer Nähe ein Licht auf, und es erklang ein Schrei.

„Die Wache!“, stieß der Mann hervor. „Runter!“

Ezio folgte seinem Beispiel instinktiv. Sie warfen sich in die nächste Dau und legten sich flach auf den Boden. Im aufblitzenden Licht hatte er das Gesicht des Mannes gesehen und ihn erkannt. Wie war das möglich?

Aber im Moment war keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Sie hörten die Schritte der Wachen, die auf den Landungssteg zuhasteten.

„Sie haben uns gesehen, möge Allah ihnen das Augenlicht rauben“, flüsterte der Mann. „Wir knöpfen sie uns besser vor. Seid Ihr bereit?“

Ezio nickte stumm.

„Und wenn wir mit denen fertig sind, gebe ich Euch den Rest“, fügte der Mann hinzu.

„Darauf würde ich nicht wetten.“