Verlag: Forever Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung At your Side - Nina Bilinszki

Die Narben der Vergangenheit kann nur die Liebe heilenJaxon ist überzeugt, niemals wieder jemandem vertrauen zu können. Nach dem, was er erlebt hat, hält er alle um sich herum auf Abstand und lässt sich nur auf lockere One-Night-Stands ein. Bis er am College Emma trifft, die ihn berührt und nach und nach die Mauern um ihn herum einreißt. Aber reicht ihre Liebe, um seinen Schmerz zu überwinden? Jaxon muss mit der Vergangenheit abschließen, um gemeinsam mit Emma eine Zukunft zu haben … LeserInnenstimmen:"Eine tolle Story über die nicht so schöne Seite des Lebens, über Familie, Freundschaft und die wahre Liebe, die einen retten und die Sonnenseite des Lebens wieder hervor holen kann." (Bloggerin auf HexenundPrinzessinnen)"Empfehlung? Definitiv! Sollte man unbedingt gelesen haben." (Fullmoonchanie auf NetGalley.de)

Meinungen über das E-Book At your Side - Nina Bilinszki

E-Book-Leseprobe At your Side - Nina Bilinszki

At your Side

Die Autorin

Nina Bilinszki, ein Kind der 80-iger, schreibt schon so lange an irgendwelchen Geschichten herum, seit sie einen Stift in der Hand halten kann. Sobald ihr eine neue Idee kommt, zieht sie sich die Laufschuhe an und plottet den Verlauf bei ausgedehnten Jogging-Runden durch den Wald. Sobald sie dann wieder am Schreibtisch sitzt, taucht sie am Laptop entweder in romantische oder fantastische Welten ein, in denen sie ihre Charaktere vor viele Hürden und Probleme stellt. Nachdem sie im Ruhrpott aufgewachsen ist, hat es sie 2009 in ihre Wahlheimat im Rhein-Main-Gebiet gezogen.

Das Buch

Die Narben der Vergangenheit kann nur die Liebe heilen

Jaxon ist überzeugt, niemals wieder jemandem vertrauen zu können. Nach dem, was er erlebt hat, hält er alle um sich herum auf Abstand und lässt sich nur auf lockere One-Night-Stands ein. Bis er am College Emma trifft, die ihn berührt und nach und nach die Mauern um ihn herum einreißt. Aber reicht ihre Liebe, um seinen Schmerz zu überwinden? Jaxon muss mit der Vergangenheit abschließen, um gemeinsam mit Emma eine Zukunft zu haben …

Nina Bilinszki

At your Side

Emma & Jaxon

Roman

Forever by Ullsteinforever.ullstein.de

Originalausgabe bei ForeverForever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, BerlinSeptember 2018 (1)

© Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2018Umschlaggestaltung:zero-media.net, MünchenTitelabbildung: © FinePic®Autorenfoto: © Rahel SchulE-Book powered by pepyrus.com

ISBN 978-3-95818-322-3

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Inhalt

Die Autorin / Das Buch

Titelseite

Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Epilog

Danksagung

Leseprobe: Meant to be

Empfehlungen

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Kapitel 1

Für Caro, Becka und Anja.Danke, dass ihr diesen Weg mit mir gegangen seid.

In Gedenken an Chester Bennington.I care if one more light goes out, too.

Kapitel 1

Emma

»Hey, Emma, warte.« Kurz nachdem ich das Kunstgebäude der Temple University betreten hatte, hörte ich Davids Stimme hinter mir. Es war Mittwoch und ich war auf dem Weg zu meiner ersten Vorlesung für diesen Tag. Die Eingangshalle des Gebäudes wirkte mit ihren hohen Decken imposant. Gotische Säulen standen etwa einen Meter von den Türen entfernt, die mit allerlei Stuck verziert waren und auch die Geländer der zwei breiten Treppen in die oberen Stockwerke waren voller Schnörkel. Die Halle war dank des bereits fortgeschrittenen Morgens mit vielen Studenten gefüllt und von lautem Stimmengewirr erfüllt.

Ich rückte die Tasche, die mir auf der Schulter verrutscht war, zurecht und drehte mich zu David um. Er kam aus einem der Gänge auf mich zu.

»Was machst du denn schon hier?«, fragte ich nach einem Blick auf die Uhr. Meines Wissens war seine erste Stunde jetzt mit mir zusammen Theorie der modernen Kunst.

»Das wüsstest du wohl gerne.« Er wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. Er trug eine dunkelblaue Jeans, die ihm tief auf den Hüften hing und einen Superdry-Pullover. Seine Jacke hatte er sich unter den Arm geklemmt.

Amüsiert schüttelte ich den Kopf, ließ mich jedoch nicht so leicht abschütteln. »Sind in dem Flügel nicht die Büros der Professoren? Hast du mir etwas zu beichten?«

Ich stieß ihm mit dem Ellbogen in die Seite. Es wäre ihm durchaus zuzutrauen, nach gerade einmal zwei Monaten am College bereits einen Dozenten abgeschleppt zu haben. Ich hatte die Blicke gesehen, die ihm einige Professoren zuwarfen. Abgeneigt sah eindeutig anders aus. Ich konnte es ihnen nicht einmal verdenken.

»Leider ist es nicht halb so aufregend, wie du jetzt vielleicht denken magst«, seufzte er theatralisch. »Du erinnerst dich, wie ich die zwei Tests in Amerikanischer Literatur völlig in den Sand gesetzt habe? Um dort meine Note aufzubessern, soll ich eine Hausarbeit schreiben und war gerade bei Professor Munch, um die Details abzusprechen.«

Kopfschüttelnd sah ich ihn an. »Ich verstehe immer noch nicht, warum du das Fach gewählt hast, wenn du darin so schlecht bist.«

»Geistige Umnachtung?«, fragte er achselzuckend und fuhr sich mit einer Hand über das Gesicht. »Komm, lass uns zu einer Stunde Schlafen bei Manderley gehen.«

Stöhnend folgte ich ihm zu den Treppen. Professor Manderley hatte eindeutig seinen Beruf verfehlt und hätte besser Einschlaf-Kassetten für Kinder besprochen, weil er die unvergleichliche Gabe besaß, einen mit seiner monotonen Stimme innerhalb kürzester Zeit ins Land der Träume zu befördern. Egal, wie ausgeschlafen ich war und wie viel Kaffee ich getrunken hatte, es hatte noch nicht eine Stunde gegeben, in der mir nicht die Augen zugefallen waren.

Seit zwei Monaten besuchte ich die Temple University in Philadelphia, wo ich David direkt am ersten Tag der Einführungswoche kennengelernt hatte. Er war an dem Tag zu spät gekommen und mitten in die Vorstellungsrunde geplatzt. Professor Manderley, der sehr viel Wert auf Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit legte, war alles andere als erfreut gewesen und hatte ihm gleich mal eine Strafarbeit aufgebrummt – eine Woche, bevor es überhaupt losgegangen war.

Seine Unpünktlichkeit hatte sich bis jetzt wie ein roter Faden durch unsere ersten zwei Monate gezogen. Obwohl David ein guter Student war – von Literatur einmal abgesehen – war er vorlaut, aufmüpfig und fand, dass Regeln eindeutig für die anderen da waren. Zwar blieb er bei aller Regelbrecherei immer sehr charmant, was ihn im Ansehen seiner Kommilitonen steigen ließ, aber den Professoren gefiel das nicht besonders. Es verging kein Tag, an dem er nicht von einem Professor ermahnt wurde, und einmal war er sogar der Klasse verwiesen worden.

Trotz allem – oder vielleicht gerade deswegen – hatte ich David gleich in mein Herz geschlossen. Er interessierte sich nicht für Normen oder was andere für hip und cool hielten. Generell gab er nicht viel auf die Meinung anderer. Er machte sich seine eigenen Gesetze und ermutigte auch alle anderen, sie selbst zu sein und ihren eigenen Weg zu gehen, egal ob das von der Gesellschaft akzeptiert wurde oder nicht.

Nachdem ich die letzten zwei Jahre mehr oder weniger dafür gelebt und gearbeitet hatte, meine kleine Schwester durch die Highschool zu bringen, war das für mein neues Leben genau der richtige Leitfaden. Ich wollte endlich herausfinden, wer ich war, wenn ich nicht die Erwartungen anderer erfüllen musste. Was meine eigenen Vorlieben und Abneigungen waren. Wer ich sein konnte, wenn ich mich nicht einschränken musste.

Deswegen hatte ich mir geschworen, an der TU meine Freiheit zu genießen. Ich hatte nur Fächer gewählt, die mich wirklich interessierten, ohne darauf zu achten, wie viel ich damit später im Berufsleben vielleicht erreichen konnte. Am Wochenende ging ich entweder mit Brittany und David aus, malte oder frönte meinem neuen Hobby: Netflix. Und obwohl ich das eigentlich schon als Einschnitt in meine Freiheit betrachtete, hatte ich einen Nebenjob, um mir ein wenig Geld dazuzuverdienen. Weggehen, Netflix und neue Farben oder Pinsel bezahlten sich schließlich nicht von selbst.

Wir waren gerade im zweiten Stock angekommen, meine Chucks quietschten bei jedem Schritt auf dem Linoleumboden, als mein Handy zu klingeln begann. Ich zog es aus meiner Jackentasche, um die Nachricht zu lesen, die ich von Jane bekommen hatte. Konzentriert auf mein Handy achtete ich dabei natürlich nicht darauf, wohin ich ging.

Dann passierte alles ganz schnell. Ich hörte noch, wie jemand »Pass auf«, sagte, aber da war ich schon frontal mit voller Wucht in jemanden hineingelaufen. »Uff«, entfuhr es mir und ich wollte gerade nachsehen, wen ich über den Haufen gerannt hatte, da blieb ich mit meinem Fuß an der nächsten Treppenstufe hängen und kippte langsam zur Seite. Ich sah mich wie in einem schlechten Film in Zeitlupe bereits umfallen und auf den Treppenstufen aufschlagen und diese hinabrollen.

Geistesgegenwärtig hielt ich mein Handy mit einer Hand an meine Brust gedrückt, während ich mit der anderen Hand wild fuchtelnd um mich griff, um meinen Sturz vielleicht noch aufhalten zu können. Wie durch ein Wunder bekam ich die offene Lasche eines Rucksacks zu fassen.

Mit aller Macht, die ich aufbringen konnte, packte ich zu. Mein Sturz schien tatsächlich gestoppt. Zwar hing ich noch immer in der Schräge, nur mein Griff an der Lasche hielt mich davon ab, auf den Boden zu schlagen. Aber ich war nicht gefallen. Yay. Der Rucksackträger hielt mir schon seine Hand hin, um mir auf die Beine zu helfen, als plötzlich ein lautes Ratschen zu hören war.

Mit der lockeren Lasche in der Hand fiel ich rückwärts hin. Mein Rücken knallte gegen eine Treppenstufe und ich stieß einen überraschten Schrei aus. Mein Handy klatschte zu Boden und blieb einige Stufen unter mir liegen. Zu allem Überfluss entledigte sich der komplette Inhalt des Rucksacks über mir. Hefte fielen zu Boden, lose Zettel flatterten in mein Gesicht und ein dickes Buch knallte schmerzhaft in meinen Bauch.

»Emma, alles okay?«, hörte ich David fragen.

»Scheiße«, entwich es mir. Normalerweise fluchte ich nicht, aber das war eine Situation, die eindeutig nach Kraftausdrücken verlangte. Stöhnend blickte ich von dem zerstörten Stück Stoff in meiner Hand zu dem Besitzer des Rucksacks.

Das erste, was mir auffiel, waren unfassbar grüne Augen, die mich erschrocken anblickten. Eigentlich hatte ich gerade zu einer Entschuldigung ansetzen wollen, immerhin musste er ziemlich sauer sein, dass ich ihn nicht nur über den Haufen gerannt, sondern zudem auch noch sein Hab und Gut zerstört hatte. Aber nach einem Blick in diese Augen war mein Gehirn wie leergefegt und der Atem blieb mir in der Kehle stecken. Er betrachtete mich von oben bis unten, schluckte hörbar und sah mich mit einer Intensität an, die mich erzittern ließ.

Dann begann es in seinen Mundwinkeln leicht zu zucken. Es dauerte keine drei Sekunden, bis er in lautes Gelächter ausbrach, wobei sich ein kleines Grübchen an seinem Kinn bildete. Mein Gesicht brannte vor Scham, als das Treppenhaus in sein Lachen einstimmte.

Oh Gott. Die ganzen Leute. Ich hatte bei meinem Sturz total vergessen, dass der Flur voller Studenten gewesen war, die meinen peinlichen Sturz mitbekommen und vermutlich bereits ein Video davon bei YouTube hochgeladen hatten. Jetzt würde ich am liebsten im Erdboden versinken.

Der Typ wurde wieder ernst und hielt mir besorgt die Hand hin. »Sorry, hast du dir wehgetan?«

Ich ließ mich von ihm auf die Beine ziehen und er hielt meine Hand ein wenig länger fest, als notwendig gewesen wäre. »Ich glaube nicht.« Unbeholfen hielt ich ihm das Stück Stoff hin. »Ich sollte mich eher bei dir entschuldigen.«

Er zuckte mit den Schultern. »Es ist bloß ein Rucksack.« Dann breitete sich ein diebisches Grinsen auf seinem hübschen Gesicht aus. »Aber ich werde diesen Anblick, wie du gefallen bist, nie vergessen. Unbezahlbar.« Er schmunzelte, während er damit begann, seine Sachen vom Boden zusammen zu suchen.

Entgeistert starrte ich ihn an und wollte ihm im ersten Moment für seine Schadenfreude böse sein. Immerhin hätte ich mir bei dem Sturz wirklich wehtun können. Auch wenn ich mir nur zu gut vorstellen konnte, dass ich ein amüsantes Bild abgegeben hatte.

David tauchte in meinem Blickfeld auf und versperrte mir die Sicht auf den Typen. »Ist dir etwas passiert?«, fragte er und drückte mir mein Handy in die Hand.

»Nein, alles okay«, versicherte ich ihm und musste leicht kichern. »Damit werde ich doch jetzt eine Legende an der TU, oder?« Ich sah auf mein Handy und stellte erleichtert fest, dass das Display noch heile war.

»Eine Legende der Tollpatschigkeit höchstens«, entgegnete David augenrollend. »Bist du sicher, dass du nicht auf den Hinterkopf gefallen bist?«

»Ganz sicher.«

»Wie viele Finger halte ich hoch?«, fragte er und hielt mir Zeige- und Mittelfinger im Victory-Zeichen unter die Nase.

Ich tat so, als könnte ich nicht richtig sehen und kniff angestrengt die Augen zusammen. »Hmm … Ich weiß nicht genau.« Wie blind versuchte ich nach seiner Hand zu grabschen, die er mir jedoch entzog.

»Ich sehe schon, das Einzige, was dir fehlt, ist ein Fünkchen Verstand.« Freundschaftlich legte er den Arm um mich. »Komm, lass uns gehen, bevor wir zu spät kommen.«

»Warte.« Ich drehte mich um, weil ich dem Typen noch anbieten wollte, seinen Rucksack zu ersetzten. Immerhin hatte ich nicht darauf geachtet, wohin ich lief, und der Zusammenprall sowie dessen Folgen waren meine Schuld. Aber er war schon weg, genauso wie all seine Bücher, Hefte und Zettel. Nichts in diesem Flur deutete noch auf mein Missgeschick hin. Wenn ich nicht den blauen Fleck spüren würde, der sich durch meinen Sturz an meinem Steißbein gebildet hatte, könnte ich fast glauben, mir die ganze Szene nur eingebildet zu haben.

»Was denn?« David hatte sich ebenfalls umgedreht und sah mich abwartend an.

»Nichts, lass uns gehen.« Ich schüttelte den Gedanken an den Typen ab und folgte David in die Vorlesung.

Jaxon

Am Freitag hastete ich zu meiner einzigen Vorlesung, die ich an diesem Tag hatte. Da musste man schon nur eine einzige Stunde an die TU, noch dazu erst um elf Uhr, und trotzdem lief ich gerade Gefahr zu spät zu kommen.

Fuck!

Das hatte ich davon, dass ich mich donnerstags dazu hatte überreden lassen, mit den Jungs feiern zu gehen und dann noch mit zu einem Mädchen nach Hause gegangen war. Nach dem Sex hatte ich mich noch todmüde zu mir nach Hause geschleppt und dementsprechend meinen Wecker heute nicht gehört. Jetzt war ich zu spät für die Vorlesung in dem einen Fach, in dem mich der Dozent nicht ausstehen konnte und meine Note verbesserungswürdig war. Verdammt.

Aber zurück zu dem Mädel von letzter Nacht. Jenny? Oder Janice? Ich hatte den Namen nicht richtig verstanden. Dass sie jedoch zuerst meinen Anforderungen zugestimmt, sie dann aber völlig hatte übergehen wollen, war mir übel aufgestoßen.

Ich hatte nur drei Bedingungen, wenn ich mit einem Mädel nach Hause ging – nein, ich nahm sie niemals mit zu mir –, und die waren:

1. Ich hatte keine Beziehungen, nur One-Night-Stands oder lockere Freundschaften mit Extras.

2. Es wurde nicht geküsst.

3. Mein T-Shirt blieb immer und zu jeder Zeit an und es verirrte sich auch nicht zufällig eine weibliche Hand darunter.

All diese Punkte stimmte ich immer vorher mit den Mädels ab. So hatte ich es auch letzte Nacht mit Jenny-Janice gemacht. Im Club hatte sie zugestimmt, ohne mit der Wimper zu zucken. Sobald wir jedoch bei ihr waren, hatte sie mehrfach versucht mich zu küssen. Dann hatte sie beim Sex versucht, mir unter mein Shirt zu fassen. Und zu guter Letzt hatte sie mich dann auch noch gefragt, ob ich mit ihr ausgehen wollte. Ein Date. Nur wir beide.

So schnell ich konnte hatte ich meine Sachen angezogen und Reißaus genommen. Einfach nur weg. Zuhause war ich zitternd zusammengebrochen, sobald ich die Tür hinter mir geschlossen hatte. Das Atmen war mir schwergefallen und die Gedanken in meinem Kopf hatten einfach nicht stillgestanden.

Ich hatte versucht, mir wieder in Erinnerung zu rufen, was man im Falle einer Panikattacke machen sollte. Ich hatte mich mit dem Rücken an die Wand gesetzt, die Beine an die Brust gezogen und den Kopf an die Knie gelehnt. Mit geschlossenen Augen hatte ich versucht, mich auf meine Atmung zu konzentrieren. Drei Herzschläge lang einatmen, vier oder fünf ausatmen.

Nachdem sich meine Atmung endlich normalisiert hatte und ich aufstehen konnte, war ich in die Küche gegangen, hatte ein Bier auf Ex getrunken und sofort das zweite aufgemacht. Danach hatte ich mich noch bestimmt zwei Stunden von einer Seite auf die andere gewälzt, bis ich schlussendlich in einen traumlosen Schlaf gefallen war.

Das Klingeln meines Handys riss mich aus den Gedanken an gestern Nacht.

Umständlich zog ich es aus meiner Hosentasche und ging mit einem »Was« ran, nachdem ich die Nummer meines Adoptivbruders auf dem Display erkannt hatte.

»Hey, Brüderchen«, säuselte er. »Wie geht es dir?«

»Nenn mich nicht so«, sagte ich. Immerhin war ich ein halbes Jahr älter als er, auch wenn er einen Kopf größer war und gebaut wie ein Schrank.

Ein tiefes Lachen drang an mein Ohr. »Je mehr du dich darüber aufregst, desto öfter werde ich das sagen.«

»Ja, ja«, grummelte ich. »Was willst du?« Er rief mich nie ohne triftigen Grund an. Smalltalk war etwas, das es im Leben von Cole Anderson nicht gab.

»Was machst du heute Abend?«

»Bis jetzt noch gar nichts.«

»Sehr gut, dann kommst du mit zu Justins Geburtstagsparty.«

»Der kleine Hänfling?«

»Genau der.« Cole lachte erneut. »Er ist aber ganz okay, und seine Partys sollen nicht von schlechten Eltern sein.«

»Hm.« Eigentlich hatte ich nach der Katastrophe von letzter Nacht keine sonderliche Lust, heute wegzugehen. Andererseits würde es meine Laune nicht heben, den Abend alleine auf der Couch zu verbringen. Und mit Cole war es immer lustig. Nicht nur, dass mein Adoptivbruder der Star der Footballmannschaft war, er war dazu noch ein Spaßvogel, wie er im Buche stand, und damit der Mittelpunkt jeder Party. »Okay«, stimmte ich schließlich zu. »Wenn ich die nächste Stunde bei Mr Arschloch überlebe, zu der ich schon zehn Minuten zu spät bin, dann komme ich mit.«

»Viel Glück«, sagte Cole mit nur wenig Mitleid in der Stimme. Er wusste genau, über welchen Professor ich sprach.

»Danke, du Arsch. Bis später.« Als ich auflegte, hörte ich noch sein Lachen aus dem Hörer kommen. Ich steckte das Handy zurück in die Tasche und machte mich auf den Weg in mein Verderben.

Kapitel 2

Emma

»So willst du ja wohl nicht auf die Party gehen, oder?« Brittany beäugte mich kritisch.

»Warum nicht?«, fragte ich und sah an mir herab. Ich trug eine dunkelblaue Skinny Jeans und ein enges Trägertop. Klar, mit diesem Outfit würde ich keinen Fashion Award gewinnen, aber wir gingen auch nur auf die Geburtstagsparty ihres Kommilitonen. Außerdem würde ich mein Outfit damit aufwerten können, dass ich hohe Schuhe trug. »Es ist nur eine College Party, dafür reicht es doch, oder?«

»Hmm.« Brittany legte nachdenklich einen Finger an ihr Kinn und nickte schließlich. »Aber dann darf ich dich wenigstens schminken.« Ehe ich reagieren konnte, zog sie mich in das kleine Badezimmer, das zu unserer Studentenwohnung gehörte und drückte mich auf den geschlossen Klodeckel nieder.

»Aber …«, wollte ich protestieren, doch da hatte Brittany sich bereits mit ihrer überdimensionalen Kosmetiktasche in der Hand zu mir umgedreht.

»Keine Widerworte«, sagte sie mahnend und wedelte bereits mit einem ziemlich langen Pinsel vor meinem Gesicht herum. Unwillkürlich musste ich grinsen. Jetzt hatte sie es doch geschafft. Dieses hinterlistige Biest. Seit zwei Monaten versuchte sie mich davon zu überzeugen, mich endlich einmal schminken oder stylen zu dürfen, aber bisher hatte ich mich immer geschickt aus der Affäre gezogen.

»Nachdem du ja jetzt deinen Willen bekommen hast, gibst du dann aber Ruhe, okay?«

»Von wegen«, lachte Brittany. »Wenn du gleich erst mal siehst, wie toll du aussiehst, willst du sicher öfter von mir geschminkt werden.« Das bezweifelte ich, aber fürs Erste wollte ich ihre Illusion nicht zerstören.

Seit ich in Philadelphia wohnte, war Brittany meine engste Freundin. Wir waren noch vor Beginn des Semesters an der Temple University in das Wohnheim gezogen, wo uns der Zufall in dasselbe Zimmer verfrachtet hatte, und verbrachten seitdem unglaublich viel Zeit miteinander.

Zwar konnte sie im ersten Moment etwas harsch und unfreundlich rüberkommen, trotzdem waren wir auf Anhieb gute Freunde geworden. Weil sie aus der Gegend kam, hatte sie mich unter ihre Fittiche genommen und mir alles gezeigt. Dank ihr hatte ich mich auf dem riesigen Campusgelände nicht ein einziges Mal verlaufen. Außerdem hatte sie mich jedem vorgestellt, den sie kannte. Sie hatte es mir unheimlich leicht gemacht, mich an der TU sofort wohl zu fühlen.

Aufgewachsen war ich in Thornton, einem kleinen Kaff in der Nähe von Denver. Jetzt in der Großstadt Philadelphia zu wohnen, war eine riesige Umstellung für mich, aber genau diesen Tapetenwechsel hatte ich gesucht. Ich wollte keine Natur mehr sehen oder durch gepflegte Vorgärten an die amerikanische Kleinstadt erinnert werden. Ich begrüßte die hektische Großstadt und das Getümmel auf dem Campus.

»Halt endlich still, bevor ich dir versehentlich noch das Auge aussteche«, ermahnte mich Brittany, nachdem sie zum dritten Mal den Strich am oberen Augenlid verzogen hatte, weil ich ständig zuckte. Unser Bad war so klein, dass es mit uns beiden darin eigentlich schon überfüllt war. Trotzdem war ich froh, dass die Wohnungen in unserem Wohnheim eigene Bäder und keine Gemeinschaftsduschen auf den Gängen hatten.

»Je mehr ich versuche mich nicht zu bewegen, desto mehr macht sich mein Auge selbstständig«, erklärte ich. Ich war es nicht gewohnt, geschminkt zu werden, und auch wenn ich mich selbst fertig machte, kam ich meist mit Wimperntusche aus.

»Du bist eine seltsame Frau«, kicherte Brittany. Scheinbar war sie mit dem Lidstrich fertig, da sie den Stift zurück in ihre Tasche steckte und stattdessen Lidschatten herausholte. »Jetzt mal bitte die Augen komplett schließen. Wann kommt eigentlich David?«

»Er müsste jeden Moment hier sein.« Er hatte mir versprochen, bis acht da zu sein, wobei acht Uhr bei ihm ein dehnbarer Begriff war. Das konnte alles zwischen sieben und neun bedeuten.

»Wie kommt es eigentlich, dass du mit Cole verabredet bist?« Da Brittany und ich in der letzten Woche so viel zu tun gehabt hatten, dass wir uns nur zwischen Tür und Angel gesehen hatten, hatte sie mir das noch nicht ausführlich erzählen können.

»Ich habe dir doch erzählt, dass er mit mir zusammen BWL hat, oder?«

»Ja, hast du. Aber warum eigentlich? Er ist doch zwei Jahre über dir.«

»Anscheinend ist er durch die erste Prüfung gerasselt und muss den Kurs jetzt wiederholen, weil er wegen seinem Footballtraining im letzten Jahr keine Zeit dafür hatte.«

»Was dir natürlich zugutekommt.« Ich grinste.

»Genau«, stimmte Brittany zu. »Aber er hat mich bis vor zwei Wochen gar nicht beachtet.« Was ich absolut nicht verstehen konnte. Brittany war in meinen Augen wunderschön. Sie hatte schulterlange blonde Haare, strahlend blaue Augen und könnte locker als Hollywood-Schönheit durchgehen. Dazu war sie intelligent und trotz ihrer manchmal schroffen Art überhaupt nicht arrogant. »Naja, jedenfalls hat er mich vor zwei Wochen nach der Vorlesung abgefangen und gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihm zu lernen, weil er in dem Fach Probleme hat und mir der Stoff so leicht zu fallen scheint. Ich hab das erst gar nicht gecheckt und ihm gesagt, dass ich eine Lerngruppe mit ein paar Leuten habe, er sich uns da aber gerne anschließen kann.«

»Oh Mann, ernsthaft?« Ich musste lachen. »Es beruhigt mich ja, dass ich nicht die einzige bin, die es nicht bemerkt, wenn ein Typ mit ihr flirtet.«

»Ich habe einfach nicht mehr damit gerechnet, nachdem er mich über einen Monat ignoriert hat«, versuchte sie sich zu verteidigen, musste dabei jedoch selbst grinsen. »Aber er ist brav zu unserer Lerngruppe diese Woche gekommen. Er war sogar der Erste, der da war, hat sich gleich neben mich gesetzt und mir gefühlt tausend Fragen gestellt. Und zwar sowohl über den Stoff als auch über mich. Bevor wir gegangen sind, hat er mir seine Handynummer zugeschoben.« Brittany hörte auf an meinem Gesicht herumzudoktern und trat einen Schritt von mir zurück. Skeptisch betrachtete sie ihr Werk, nahm dann ein Wattepad und wischte die überschüssige Farbe ab. »Okay, fertig.«

Ich stand auf und betrachtete mich im Spiegel. Obwohl ich vorher skeptisch gewesen war, musste ich gestehen, dass Brittany tolle Arbeit geleistet hatte. Der dunkle Lidstrich ließ meine braunen Augen größer wirken, der Lidschatten machte meine Augenfarbe satter und die Tusche meine Wimpern voller und länger. Es ließ meinen Blick verruchter wirken. Dazu hatte Brittany einen leichten Hauch Rouge auf meine Wangen aufgetragen, der mir rosige Bäckchen verlieh.

»Sieht klasse aus.« Strahlend drehte ich mich zu Brittany um. »Das darfst du jetzt wirklich öfter machen.«

»Yay.« Freudig fiel sie mir um den Hals.

In diesem Moment klopfte es an unserer Tür. Ich trug noch einen Hauch Parfüm auf, während Brittany David öffnete. »Perfektes Timing.« Sie begrüßte ihn mit einem Kuss auf die Wange. »Wir sind gerade fertig geworden.«

David betrachtete erst Brittany eingehend und dann mich. »Ladies, ihr seht umwerfend aus.« Mich begrüßte er ebenfalls mit Wangenküssen, ehe er mir eine Plastiktüte in die Hand drückte.

»Verpflegung«, sagte er, ehe ich hineinschauen konnte. David sah wie immer unfassbar gut aus. Er war groß und durch sein jahrelanges Schwimmtraining gut gebaut. Er hatte hellbraune, halblange Haare, die ihm auf einer Seite stylisch in die Stirn hingen. Seine eisblauen Augen waren so hell, dass sie im Licht manchmal beinahe farblos wirkten. Obwohl man anhand dieser Beschreibung vielleicht denken könnte, dass er einen kühlen Blick hatte, war das genaue Gegenteil der Fall. Darin lag immer so viel Wärme und Zuneigung, dass es die Kühle seiner Augenfarbe wettmachte.

Zudem war er perfekt angezogen. Er trug eine stylische Jeans, die an den Knien Löcher hatte, dazu ein hautenges, knallrotes T-Shirt, das seine Muskeln perfekt zur Schau stellte. Ich musste gestehen, dass ich mich zuerst ein wenig in David verguckt hatte, obwohl er mir von Anfang an gesagt hatte, dass er schwul war und ich daher wusste, dass er nie Interesse an mir haben würde. Mittlerweile war ich einfach nur froh, einen derart guten Freund gefunden zu haben, mit dem ich so viele Gemeinsamkeiten hatte.

Ich öffnete die erste Flasche Sekt und schenkte jedem von uns ein Glas ein. »Auf einen schönen Abend«, prostete ich den anderen beiden zu.

Knapp drei Stunden später standen wir vor dem Anwesen von Justins Eltern, das mir schier den Atem verschlug. Ich hatte das Gefühl, als würde ich vor einem Schloss aus einem Disney Film stehen. Die Hauswände waren mit bunten Lichtern angestrahlt und die Fenster wie alte Burgtore geformt. Sogar einen Burgturm gab es.

»Heilige Scheiße«, entfuhr es David.

»Allerdings«, lachte Brittany. »Ich würde hier nicht wohnen wollen.«

»Ich auch nicht«, stimmte ich ihr zu. »Aber feiern lässt es sich hier bestimmt super! Kommt, gehen wir rein.« Ich hakte mich rechts bei Brittany und links bei David unter und zog beide mit mir mit.

Die Türen wurden geöffnet, noch bevor wir sie erreichten. Zwei Türsteher, die gekleidet waren, als wären sie ebenfalls einem Disney Film entsprungen, hatten sie für uns aufgezogen und verbeugten sich vor uns.

»Die Party ist im ersten Stock«, erklärte uns einer von ihnen.

Wir bedankten uns, hängten unsere Jacken an der Garderobe auf und stiegen die breite Treppe hinauf in den ersten Stock. Wir hörten die Musik schon, bevor wir in der großen Halle standen. Girlanden hingen an den Wänden und über den Fenstern, in der Mitte des Raumes drehte eine Discokugel langsam ihre Runden, die von bunten Strahlern angeleuchtet wurde und Punkte in allen Farben durch den Raum schickte.

Es waren schon viele Gäste da und wir bahnten uns langsam einen Weg durch die Menge.

»Da ist Justin«, sagte Brittany schließlich und zog uns zu einem schmächtigen Jungen mit dicker Hornbrille, der etwas abseits mit einem Mädel stand.

»Justin, herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag.« Brittany zog ihn in eine Umarmung, ehe sie uns vorstellte. Wir gratulierten ihm ebenfalls.

»Cooles Haus«, sagte David verschmitzt grinsend.

Justin verdrehte die Augen.

»Hör bloß auf. Meine Mom ist großer Fan von allem, was mit Prinzen und Prinzessinnen zu tun hat, deswegen hat Dad ihr dieses Haus gebaut und uns alle gezwungen, hier einzuziehen. Zum Glück ist die Gegend derart versnobt und dieses Haus so ausgefallen, dass es schon wieder fast cool ist, hier zu wohnen.« Er schüttelte lachend den Kopf. »Getränke gibt es in der Küche.« Er zeigte in die eine Richtung. »Und das Buffet ist dort hinten an der Wand.« Er zeigte in die andere Richtung. »Bedient euch und habt vor allem Spaß.«

Wir bedankten uns und machten uns auf den Weg in die Küche.

»Brittany, da bist du ja«, erklang eine tiefe Stimme hinter uns, als wir gerade die Auswahl an Sekt und Prosecco im Kühlschrank begutachteten.

»Hi Cole, schön dich zu sehen.« Brittanys Stimme klang in meinen Ohren etwas atemlos.

Ich zog eine Flasche Rosé aus dem Kühlschrank und drückte sie David in die Hand, damit er sie öffnete. Dann drehte ich mich zu Cole und Brittany um, die sich bereits angeregt unterhielten. Cole war ein großer Kerl, noch größer als David, mit kurzen blonden Haaren und hellbraunen Augen. Neben ihm wirkte selbst Brittany klein und zierlich.

Lächelnd stellte ich mich neben Brittany und hielt Cole meine Hand hin. »Hey Cole, ich bin Emma.«

Breit grinsend griff er nach meiner Hand. Seine war so groß, dass sie meine regelrecht verschluckte. »Ich weiß, Brittany hat schon viel von dir erzählt.«

»Nur Gutes, hoffe ich.«

Wenn möglich, wurde sein Grinsen noch breiter. »Das kommt ganz drauf an, von welchem Standpunkt aus man das betrachtet.«

»Spinner.« Brittany boxte ihn in die Seite. »Natürlich habe ich ihm nur Gutes über dich erzählt.«

»Ja, ja.« Ich streckte beiden die Zunge raus.

»Wenn ihr dann mit euren Spielchen fertig seid …« David trat zwischen uns und hielt Brittany und mir je ein Glas Sekt unter die Nase, »… könnten wir anstoßen. Hey Cole.«

»Hey, Mann«, nickte Cole und prostete ihm mit seiner Bierflasche zu. »Wie geht es deinem Bruder?«

»Gut soweit, er wickelt in LA sämtliche Mädchen um den kleinen Finger.«

»Das kann ich mir vorstellen, der alte Casanova. Grüß ihn mal, wenn du ihn das nächste Mal sprichst.«

»Mache ich.«

»Ihr kennt euch?«, fragte ich neugierig. Ich wusste zwar, dass David ebenfalls in Philadelphia aufgewachsen war, aber bisher hatte er mit keinem Wort verlauten lassen, dass er einen Bruder hatte.

»Allerdings. Ich habe mit seinem Bruder zusammen auf der Highschool Football gespielt«, erwiderte Cole.

»Dass du einen Bruder hast, wusste ich genauso wenig«, sagte ich und richtete meinen anklagenden Blick auf David.

Er besaß zumindest den Anstand für einen Augenblick schuldbewusst dreinzublicken, zuckte dann aber mit den Schultern, als wäre es keine große Sache.

»Es hat sich irgendwie bisher nicht ergeben.« Ich witterte eine Story hinter seiner aufgesetzten Sorglosigkeit.

»Das ist auch kein Thema für eine Party«, ging Brittany zwischen uns.

»Genau. Kommt lieber mit, ich stelle euch den Jungs vor.« Wir folgten ihm zurück in die Halle zu einer Gruppe Kerle, die eindeutig alle Footballspieler waren. Cole stellt sie uns nacheinander vor, aber die meisten Namen hatte ich zwei Sekunden später wieder vergessen, weil mich keiner von ihnen sonderlich interessierte.

Ich wandte mich ab und ließ meinen Blick durch die große Halle schweifen, die bei genauerer Betrachtung wie ein Ballsaal aussah, nur dass statt sanften Walzern laute Technomusik aus den Lautsprechern dröhnte. Ob ich den DJ wohl mal fragen sollte, ob er auch andere Musik im Repertoire hatte?

»Hey, du bist Emma, richtig?«

Ich drehte mich um. Neben mir stand ein Kerl, der mir vage bekannt vorkam. Er hatte blonde Haare, hohe Wangenknochen, ein spitzbübisches Grinsen und war durchaus attraktiv. »Ja. Und du bist?«

»Ashton. Wir haben Amerikanische Literatur zusammen.«

Ah. Deswegen kam er mir so bekannt vor. »Was treibt dich auf diese Party?« Blöde Frage eigentlich, immerhin war es eine Geburtstagsparty, aber ich war noch nie sonderlich gut darin gewesen, mit fremden Menschen zu sprechen.

»Ich kenne Justin schon seit dem Kindergarten«, erklärte Ashton. »Ich würde nicht unbedingt sagen, dass wir die besten Freunde sind, aber unsere Eltern verkehren in denselben Kreisen, da kennt man sich einfach und es gehört zum guten Ton, einander einzuladen.«

Er stand für meinen Geschmack viel zu nah neben mir, drückte mir seine Brust dabei regelrecht gegen den Arm. Sein alkoholverhangener Atem streifte mein Gesicht und ließ mich erschauern. Nicht auf die gute Art.

»Aha, interessant.« Nicht wirklich. Eigentlich fand ich ihn eher langweilig und überlegte schon, wie ich mich geschickt aus der Affäre ziehen konnte.

»Dieses Haus ist doch total übertrieben, findest du nicht?« Aus ihm sprach eindeutig der Neid.

»Ich finde es ganz cool.« Das war zwar gelogen, aber ich wollte auf keinen Fall einer Meinung mit ihm sein.

»Du siehst heute wirklich sexy aus.« Ashton strich mit seinem Zeigefinger über meine nackte Schulter.

Jetzt machte ich wirklich einen Schritt zurück. »Äh, danke?«

Er schien meine Abneigung ihm gegenüber nicht zu spüren, denn er trat wieder neben mich und legte einen Arm um meine Schultern. »Ich würde dich gerne mal zum Essen einladen. Was sagst du dazu?«

»Nur über meine Leiche.« Yup, ich hatte das tatsächlich laut ausgesprochen. »Wir kennen uns überhaupt nicht und ich bin auch gar nicht an einer Beziehung interessiert. Ich habe mit dem Studium schon genug um die Ohren.« Ich wand mich aus seiner Umarmung und machte diesmal zwei Schritte von ihm weg.

Ashton merkte aber auch das nicht, sondern zog anzüglich die Augenbrauen hoch. »Wer hat denn was von Beziehung gesagt?« Er überbrückte den Abstand zwischen uns erneut und ließ seine Hand diesmal über meinen Rücken gleiten.

Der Typ war wirklich dreist. Oder schon so betrunken, dass er gar nichts mehr merkte.

»Ich bin auch in einer anderen Weise nicht an dir interessiert«, wurde ich deutlicher und stieß ihn von mir weg. Ich schlüpfte in die Menschenmenge hinein, schlug ein paar Haken und lief bis zum anderen Ende des Raumes, um ihm zu entkommen. Wehe, er würde mir bis hierher folgen.

Ich drehte mich um, konnte ihn aber nirgendwo mehr ausmachen. Zum Glück. Was für ein Idiot!

Meine Flucht durch die Halle hatte mich in die Nähe des Buffets gebracht. Mein Magen meldete sich, als ich das ganze kunstvoll hergerichtete Essen sah und mir fiel ein, dass ich seit dem Mittag nichts mehr gegessen hatte. Ich stellte mein leeres Sektglas auf einen Tisch, nahm dafür einen Pappteller in die Hand und begann ihn mit Mozzarella Sticks, Chicken Wings, Kartoffelecken, kleinen Sandwiches und Corn Dogs zu füllen. Ganz am Ende des Buffets entdeckte ich etwas, zu dem ich eine Hassliebe entwickelt hatte: Riesengarnelen.

Seufzend stellte ich mich davor. Ich liebte es, Garnelen zu essen, aber ich ekelte mich davor sie zu pulen, wenn sie mich mit diesen großen, schwarzen Knopfaugen so leidig ansahen.

»Was hast du gegen diese armen Garnelen, die haben dir doch gar nichts getan?« Ein Junge trat neben mich und schaufelte Garnelen auf seinen Teller.

»Gar nichts habe ich gegen die Garnelen«, entgegnete ich.

»Dein Seufzen sagt da aber was anderes.«

Die Stimme des Typen klang durchaus amüsiert, was mich die Augen verdrehen ließ. Hatte ich für einen Tag nicht genug Idioten ertragen müssen?

»Die Garnelen an sich mag ich«, erklärte ich. »Ich ekel mich nur davor sie auszunehmen, wenn sie mich dabei ansehen.« Nicht, dass es diesen Typen irgendetwas anging, was ich gerne mochte oder nicht.

Jetzt lachte der Typ neben mir. »Die sind tot, die können dich nicht mehr ansehen.«

»Es kommt mir wegen ihren Augen aber so vor.» Was diskutierte er eigentlich mit mir? Und warum ließ ich mich darauf ein? Trotzdem deutete ich auf die Garnelen. »Sieh sie dir doch an, diese kleinen Knopfaugen, die uns so anklagend betrachten, weil sie wissen, dass wir in ihnen nur eines sehen und sie deswegen bald verspeisen werden.«

Jetzt begann er richtig zu lachen. Aus dem Augenwinkel warf ich ihm einen Blick zu. Er hatte dunkle, verstrubbelte Haare, als wäre er gerade erst aus dem Bett aufgestanden. Er sah wirklich gut aus, war mindestens einen Kopf größer als ich und schlank, aber nicht schlaksig. Er trug eine dunkle Jeans, ein helles Shirt und darüber eine schwarze Lederjacke.

»Oh, guten Abend, Rucksack-Mörderin«, sagte er und vor Schreck klappte mir der Mund auf, weil ich ihn im ersten Moment nicht erkannt hatte. Augenblicklich wollte ich vor Scham im Erdboden versinken. Dabei hatte ich in den letzten Tagen öfter an ihn denken müssen. An seine leuchtenden Augen und sein verschmitztes Grinsen, die meinen Puls in die Höhe getrieben hatten.

»Oh Gott, es tut mir so leid, was passiert ist. Ich kann dir den Rucksack wirklich gerne ersetzen«, sagte ich. Er winkte nur lachend ab.

»Wie bereits gesagt, es war nur eine Tasche, nichts von ideellem Wert.« Mit dem vollen Teller in der Hand wandte er sich mir zu. »Es tut mir übrigens leid, dass ich so schnell weg war, aber ich musste dringend zu meiner Vorlesung, für die ich eh schon zu spät war. Außerdem schien dein Freund alles im Griff zu haben.«

»David ist nicht mein Freund«, sagte ich automatisch, während ich die Garnelen auf seinem Teller mit einer Mischung aus Abscheu und tiefem Verlangen betrachtete.

Er zuckte mit den Schultern, als wäre es ihm einerlei. Trotzdem folgte er mir zu einem Stehtisch, auf dem wir beide unsere Teller abstellten. Über den Tischen waren helle Lampen angebracht, in deren Licht mir erneut seine grünen Augen auffielen.

Er schob sich eine Garnele in den Mund und mein Blick wurde wie magisch von dieser Geste angezogen. Seine Lippen sahen unglaublich sanft aus. Ein Flattern breitete sich in meiner Magengegend aus und ich musste ein Seufzen unterdrücken.

»Wenn das so ist, wüsste ich eine andere Art, wie du dich revanchieren kannst«, sagte er anzüglich und zerstörte das Kribbeln damit wieder.

Echt jetzt? Ich hätte vor Empörung beinahe meinen angekauten Mozzarella Stick über den Tisch gespuckt. Das war schon die zweite dumme Anmache innerhalb einer halben Stunde.

»Kommst du damit wirklich bei den Frauen an?« Diesen Spruch konnte ich mir nicht verkneifen.

»Normalerweise sprechen Frauen mich an, da muss ich mich nicht groß anstrengen.« Er grinste breit und begann eine weitere Garnele auseinanderzunehmen.

Ich verdrehte die Augen. »Natürlich, du kannst dich vermutlich vor Angeboten kaum retten.« Ich hoffte, dass ich den Sarkasmus gut rüberbringen konnte.

Es zuckte in seinem Mundwinkel. »So etwas in der Art.«

Das Schlimme war, dass ich mir durchaus vorstellen konnte, dass die Frauen ihm in Scharen hinterherliefen. Er sah nicht nur gut aus, sondern hatte auch diese mysteriöse Ausstrahlung, mit der er einen mühelos um den kleinen Finger wickeln konnte.

»Alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist und so?«, fragte ich und hob eine Augenbraue.

Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus. »Die meisten Frauen muss ich nicht einmal jagen«, neckte er mich. Dann wechselte er so schnell das Thema, dass ich davon beinahe ein Schleudertrauma bekam. »Hast du eigentlich schon die Aufführung der Theater AG gesehen? Ich bin übrigens Jaxon.« Mit einem verschmitzten Funkeln in den Augen hielt er mir die Hand hin.

Es dauerte einen Moment, bis ich reagieren konnte und seine Hand ergriff. Sein Griff war fest und warm und schickte einen wohligen Schauer über meinen Rücken. »Emma. Und leider noch nicht, aber ich habe schon viel Gutes darüber gehört.« Aktuell führten sie Macbeth auf und die Kritiken waren wirklich gut.

»Sie ist auch wirklich hervorragend, ich war letzte Woche erst mit meinem Mitbewohner da.« Irritiert beobachtete ich, wie er dabei eine gepulte Garnele auf meinen Tellerrand legte. Blinzelnd betrachtete ich sie. Hatte er das jetzt für mich gemacht? Ein Blick auf ihn zeigte, dass er sich bereits über die nächste hermachte.

»Also können die Mitglieder der Theater AG auch wirklich schauspielern?«, fragte ich, während ich versuchte die Garnele auf meinem Teller zu ignorieren.

»Sehr gut sogar«, sagte Jaxon mit vollem Mund. »Zwei von ihnen haben schon kleinere Rollen in mehr oder weniger bekannten TV-Serien bekommen und der Lehrer hat eine lange Laufbahn in Musicals hinter sich. Man merkt, dass sie wissen, was sie tun.«

»Hm, vielleicht schaue ich es mir mal an.« Ich wollte die Garnele wirklich nicht beachten, aber ich war zu schwach. Als ich dachte, er würde gerade wegsehen, nahm ich die Garnele und schob sie mir schnell in den Mund. Sie war so zart und geschmacksintensiv, dass ich ein zufriedenes Seufzen nicht unterdrücken konnte. Als ich aufblickte bemerkte ich, wie Jaxon auf meinen Mund starrte und ein heißer Schauer lief mir über den Rücken.

»Studierst du mit Justin?«, fragte ich, um von meiner Reaktion auf ihn abzulenken.

Er schüttelte den Kopf. »Ich kenne den Gastgeber gar nicht. Ich bin nur zur Unterstützung meines Bruders da, der ein Mädel beeindrucken will und dazu männliche Unterstützung brauchte.« Fast wie nebenbei legte er eine weitere gepulte Garnele auf meinen Teller.

Ich wollte protestieren, aber mein Verlangen war einfach größer, also griff ich danach und kaute sie genüsslich. Mit leerem Mund erwiderte ich: »Dann geht es dir wie mir. Ich bin auch nur wegen meiner Mitbewohnerin hier, die ein Date mit diesem Footballspieler hat, aber nicht alleine her wollte. Sie hat mich stehengelassen, sobald sie ihn gesehen hat.«

»Deine Mitbewohnerin heißt nicht zufällig Brittany, oder?«, fragte er erstaunt.

»Nein! Cole ist dein Bruder?« Jetzt konnte ich mein Lachen beim besten Willen nicht mehr verhindern und er stimmte darin mit ein.

»Die Welt ist wirklich ein Dorf.« Er schenkte mir ein Lächeln, das mein Herz höher schlagen und meine Handflächen feucht werden ließ. Ich ertappte mich dabei, wie mein Blick an seinen vollen Lippen hängen blieb und ich mich fragte, ob sie sich wohl so weich anfühlten, wie sie aussahen. Ich schüttelte mit dem Kopf, um diesen Gedanken zu vertreiben.

Ich wollte ihm gerade antworten, da kam eine Frau auf ihn zu und legte den Arm um seine Mitte. Sie hatte leicht gebräunte Haut, dunkle Haare, noch dunklere Mandelaugen und könnte Jennifer Lopez Konkurrenz machen. Sie flüsterte ihm etwas ins Ohr, das ich nicht verstand – und vermutlich auch nicht verstehen sollte. Sein Gesichtsausdruck verfinsterte sich immer mehr, je länger sie redete.

»Fuck«, brachte er schließlich hervor. Sie griff nach seiner Hand und wollte ihn mit sich ziehen, aber er entwand sich ihrem Griff und drehte sich zu mir um.

»Sorry, ich muss gehen, ein Notfall.« Er schenkte mir noch ein entschuldigendes Lächeln, dann verschwand er mit ihr in der Menge.

Sprachlos starrte ich ihm hinterher. War das seine Freundin? Der Gedanke versetzte mir einen Stich in der Magengegend. Aber warum hatte er dann mit mir geflirtet? War er nur ein Arschloch, das sich an jede ranmachte? Eigentlich hätte ich ihm das nicht zugetraut, aber was wusste ich schon, immerhin hatte ich ihn heute erst zum zweiten Mal gesehen. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, Cole danach zu fragen, verwarf diesen aber ganz schnell wieder. Es sollte ja nicht so aussehen, als ob ich Interesse an Jaxon hätte.

Ich schüttelte entrüstet den Kopf und machte mich auf, meine Freunde zu suchen.

Kapitel 3

Emma

Zum dritten Mal machte ich eine Kontrollrunde durch die Galerie, in der ich arbeitete, auch wenn diese völlig sinnlos war. Es war Dienstagabend und in den zwei Stunden, die ich bereits da war, hatte sich erst ein Besucher hierher verlaufen. Was völlig normal war, wenn man die Schlussschicht am Abend hatte.

Die Galerie gehörte zur Temple University und Bryan, der Besitzer, stellte hier die Werke von Studenten aus, die er für vielversprechend hielt. Das künstlerische Spektrum war breit: Es gab Gemälde von unterschiedlichster Art, Stillleben, moderne und abstrakte Kunst. Daneben Statuen, abgewandelte Alltagsgegenstände wie ein bemaltes Regal, oder ganz abstrakte Objekte, die in meinen Augen nichts als Müll waren, der wild auf einen Haufen geworfen und als Kunst bezeichnet wurde. Obwohl ich Kunst studierte und selber malte, konnte ich noch lange nicht mit allen Stilen etwas anfangen.

Ich hatte wirklich unheimliches Glück gehabt, diesen Job zu ergattern. Eigentlich war ich nur hergekommen, um mir die Ausstellung anzuschauen, doch dann hatte ich das Help Wanted Schild am Eingang entdeckt und mich gleich auch um einen Job beworben. Bryan war sofort von mir begeistert gewesen und bereits am Tag drauf hatte ich meine erste Schicht übernehmen können.

Tagsüber und gerade am Wochenende war die Galerie normalerweise gut gefüllt, aber in den Abendstunden unter der Woche, vor allem so kurz vor den Midterms, war tote Hose angesagt. Das störte mich aber nicht. Ich hatte meinen Unterrichtsstoff mitgenommen und lernte, wann immer ich keinen Rundgang machte. Zwar traf ich mich zweimal die Woche mit einer Lerngruppe, in der wir uns gegenseitig abfragten und offene Fragen beantworten konnten, aber trotzdem bekam ich mehr Stoff in mein Hirn rein, wenn ich alleine büffelte.

Ich beendete meinen Rundgang und war immer noch völlig alleine in der Galerie. Am Empfangsdeck warteten meine Notizen über die Geschichte des Expressionismus auf mich. Seufzend machte ich mich an die Arbeit.

Ich hatte meine Nase gerade einmal zehn Minuten wieder in das Buch gesteckt, als ich eine Bewegung in meinem Augenwinkel wahrnahm. Überrascht sah ich auf und stieß einen Freudenschrei aus, als ich meine jüngere Schwester vor mir entdeckte.

»Jane«, brachte ich überrascht hervor. »Was machst du denn hier?«

Jane und ich kamen äußerlich beide nach unserer Mom. Wir hatten beide das dunkelbraune glatte Haar, auch wenn sie ihres viel länger trug als ich. Wir waren beide klein und schmal. Wir gehörten zu den glücklichen Leuten, die essen konnten, was sie wollten, ohne zuzunehmen. Und wir waren beide künstlerisch veranlagt. Während ich malte, lag Janes Vorliebe im Stylen anderer Leute. Sie wollte Maskenbildnerin werden und später einmal die Stars und Sternchen für ihre Hollywood-Blockbuster zurechtmachen.

Sie kam um den Tisch herum und zog mich in eine Umarmung. »Brauche ich neuerdings einen Grund, um meine Schwester sehen zu wollen?«

»Natürlich nicht.« Wir hatten eine sehr enge Bindung zueinander. Zwar gab es auch zwischen uns gelegentlich Reibereien, aber wir teilten viele Vorlieben und verbrachten gerne Zeit miteinander. Außerdem hatten wir durch den Verlust unserer Eltern nur noch uns beide als Familie. »Wie geht es dir?«

»Sehr gut.« Sie strahlte mich an, als wollte sie der Sonne Konkurrenz machen.

»Wie kommt‘s?«

Wenn das überhaupt möglich war, wurde ihr Lächeln noch breiter. »Ich habe einen ganz tollen Typen kennengelernt.«

»Oh.« Ich nahm ihre Hände in meine. »Erzähl.«

Sie kicherte leise. »Er heißt Christian und wohnt bei mir im Wohnheim im Zimmer nebenan.«

Jane und ich hatten uns absichtlich in unterschiedlichen Wohnheimen eingetragen, um uns nach den letzten zwei Jahren, wo wir nur aufeinander gehockt hatten, ein wenig Abstand voneinander zu gönnen. Trotzdem sahen wir uns so gut wie jeden zweiten Tag, weil wir einfach nicht ohne einander konnten. Meine Schwester war der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ich war unglaublich stolz auf alles, was sie bisher erreicht hatte und wie sie mit den ganzen Rückschlägen umgegangen war.

»Wie hast du ihn kennengelernt?«

»Durch einen blöden Zufall. Er hat eine Party zu seinem Geburtstag gefeiert. Ich war zwar nicht eingeladen, aber es war so laut, dass Tonya und ich irgendwann rübergegangen sind, weil wir nicht schlafen konnten. Also haben wir uns gedacht, wir könnten stattdessen einfach mitfeiern. Er hat sich gleich nett mit uns unterhalten. Wir haben viel gemeinsam, und als wir morgens um vier dann endlich zu unserem Zimmer zurückgegangen sind, hat er mich gefragt, ob ich mit ihm ausgehen will. Und jetzt hatten wir schon zwei Dates, die absolut großartig gelaufen sind.« Jane strahlte über das ganze Gesicht. Es war nicht zu übersehen, dass dieser Christian ihr gut tat.

»Das ist ja hervorragend.« Ich nahm sie vor Freude in den Arm. »Du siehst auch total glücklich aus.«

»Bin ich auch.« Sie seufzte verträumt. »Obwohl wir uns kaum kennen, trägt er mich bereits auf Händen. Das ist vielleicht etwas früh, aber ich glaube, ich bin ein bisschen in ihn verliebt.«

»Wow.« Ich war wirklich sprachlos. Ein seltsames, nagendes Gefühl breitete sich in mir aus. Plötzlich kam es mir vor, als würde meine Schwester schneller erwachsen werden als ich, und ich fühlte mich, als ob ich da mithalten müsste. Dabei hatte sie nicht automatisch am College mehr erreicht als ich, nur weil sie sich verliebt hatte.

»Aber was ist mit dir? Hast du nicht auch endlich mal jemanden kennengelernt?«

»Das will ich doch gar nicht«, entgegnete ich abweisend, weil ich mir ertappt vorkam, als hätte Jane meine Gedanken gelesen. »Ich will hier meinen Spaß haben und meine Freiheit genießen.«

»Du weiß schon, dass man mit dem richtigen Mann beides zugleich haben kann.«

Grundsätzlich war mir das bewusst, aber alleine die Tatsache, dass ich mit einem Typen auf Dates gehen, mich dafür aufhübschen und mir Mühe geben musste, war mir aktuell zu viel. »Ich habe einfach kein Interesse.« Trotzdem fiel mir ungewollt Jaxon ein, der am Wochenende die Garnelen für mich gepult hatte.

Dabei war ich mir mittlerweile sicher, dass das Mädel, was ihn abgeholt hatte, seine Freundin gewesen war. Das hinderte mich aber nicht daran, öfter an ihn zu denken. An seinen Struwwelkopf und sein verschmitztes Grinsen. Und er hatte mit mir geflirtet, ob er nun vergeben war oder nicht.

»Hmm.« Jane sah mich für einen Augenblick abschätzend an, dann nahm sie die Enden meiner Haare zwischen Zeigefinger und Mittelfinger. »Ich muss deine Haare mal wieder schneiden. Die sind schon wieder viel zu lang.«

Dankbar über den Themenwechsel nickte ich zustimmend. In ihrem Wunsch, Maskenbildnerin zu werden, experimentierte sie schon seit Jahren mit meinen Haaren herum. Zuerst mit mäßigem Erfolg, aber mittlerweile war sie wirklich gut im Haareschneiden geworden. »Du könntest am Freitagnachmittag vorbeikommen«, sagte ich. »Britt ist bestimmt auch glücklich, wenn du ihren Ansatz nachfärbst.«

»Oh Gott, ich liebe Brittanys Haare«, entwich es meiner Schwester und ein verträumter Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht.

»Und übrigens, da Brittany jetzt mit Cole Anderson anbändelt, sind wir auf seine Halloween-Party eingeladen.«

Jane riss die Augen auf. »Der Cole Anderson? Der mit dem riesigen Haus und den stinkreichen Eltern?« Coles Vater war ein großer Investmentbanker und weit über die Stadtgrenzen Philadelphias hinaus bekannt.

»Genau der. Du könntest Christian als Begleitung mitbringen und mir vorstellen.«

»Sehr gute Idee.« Jane nickte bestimmt. »Wir sollten uns dann langsam mal überlegen, als was wir gehen wollen, damit wir die Kostüme schneidern können.«

»Auch darüber können wir Freitag reden, wenn du zum Haareschneiden vorbeikommst.«

Jane nickte erneut und legte dann die Stirn in Falten. »Hast du übrigens endlich mit Brenda telefoniert? Ich glaube, sie hat mittlerweile das Gefühl, als würdest du ihr aus dem Weg gehen.«

Sofort meldete sich mein schlechtes Gewissen. Es war nicht so, dass ich Brenda absichtlich ignorierte. Sie war die Schwester von unserem Dad und hatte uns in den letzten zwei Jahren nach dem Tod unserer Mom sehr unter die Arme gegriffen. Auch wenn ich es mir nach meinem Abschluss in den Kopf gesetzt hatte, alleine für Jane und mich zu sorgen, bis sie ihren Abschluss in der Tasche hatte, war das natürlich utopisches Wunschdenken von mir gewesen. Ohne Brenda wären wir über kurz oder lang auf der Straße gelandet. Ich war ihr unendlich dankbar für alles, was sie für uns getan hatte. Gleichzeitig erinnerte sie mich an das, was wir in den letzten Jahren verloren hatten. Sie war unserem Dad so unfassbar ähnlich, dass es in manchen Momenten unglaublich wehtat, sie nur anzusehen oder ihre Stimme zu hören. Das war der Grund, warum ich sie in den letzten zwei Monaten, seit wir an der TU waren, nicht angerufen hatte. »Das werde ich diese Woche auf jeden Fall noch machen«, versprach ich Jane. Meine kleine Schwester drückte meine Hand kurz, als könnte sie meinen Schmerz verstehen – vermutlich konnte sie das auch. »Aber zögere es nicht noch weiter raus. Sie hat sich so viel um uns gekümmert, sie hat etwas Besseres verdient.«

Schuldbewusst nickte ich, hatte Jane doch vollkommen recht.

Jaxon

Es war schon nach 22 Uhr, als ich endlich Feierabend machen und nach Hause gehen konnte. Neben der Uni arbeitete ich am Philadelphia Harbour bei Columbia Coastal, einer der großen Shipping Companys. Nachdem ich im ersten Jahr nur für das Be- und Entladen der großen Containerschiffe zuständig gewesen war, hatte ich mich im darauffolgenden Jahr zum Schichtführer hochgearbeitet. Das bedeutete, dass ich kaum noch körperliche Arbeit zu verrichten hatte, sondern mehr in meinem Einzelbüro saß, Schichtpläne erstellte, Urlaubstage meiner Mitarbeiter koordinierte und Frachtpapiere mit der eingegangenen Ware verglich. Es war zwar keine körperlich anstrengende Arbeit mehr, konnte aber trotzdem verdammt stressig sein, wenn mehr als zwei Frachter während meiner Fünfstundenschicht ankamen.

Trotzdem war ich sehr dankbar für diesen Job, weil ich dort kaum etwas mit anderen Menschen zu tun hatte. Ich musste nicht nett und freundlich sein. Niemanden interessierte es, ob ich gute Laune hatte, in welchen Klamotten ich rumlief oder wie tief meine Augenringe waren, wenn ich bei der Arbeit erschien. Einzig, dass ich nicht schluderte, sondern die mir aufgetragenen Arbeiten ordentlich erledigte, war für meinen Boss von Bedeutung.

Eigentlich bräuchte ich diesen Job gar nicht. Meine Adoptiveltern waren reich und hätten mir ohne mit der Wimper zu zucken die Uni, eine eigene Wohnung und was immer mein Herz sonst noch begehrte bezahlt. Doch obwohl ich die Familie, die mich nach meinem langen Krankenhausaufenthalt adoptiert und mit all meinen Fehlern als vollwertiges Familienmitglied akzeptiert hatte, wirklich gern hatte, konnte ich derartige Almosen nicht annehmen. Daher hatten wir nach endlosen Diskussionen ausgemacht, dass sie nur für meine Ausbildung zahlten und ich für meine Wohnung und mein sonstiges Leben selbst aufkam.

Ich bog um die letzte Ecke in die Straße ein, in der sich das Wohnheim befand, und stieß erleichtert die Luft aus. Home Sweet Home. Heute war eindeutig einer dieser Tage, an denen ich nur noch duschen und ins Bett gehen wollte. Nicht nur die Arbeit war anstrengend gewesen, zudem ging es in der Uni auf die Midterms zu und die Professoren verlangten uns einiges ab. Mittlerweile war ich im dritten Studienjahr, und selbst in den Nebenfächern war der Stoff nahezu nicht mehr zu überblicken. Damals hatte ich Amerikanische Geschichte als Hauptfach gewählt, weil mich der Stoff schon immer interessiert hatte. Weil ich schon über ein umfangreiches Wissen verfügt hatte, dachte ich, dass es ein einfaches Fach war, bei dem ich wenig lernen musste. Klarer Fall von Denkste.

Ich schloss die Tür auf und stand direkt im Wohnzimmer, das ich mir mit meinem Mitbewohner teilte. Marc lag auf der Couch und schaute eine Serie auf Netflix, die ich nicht kannte, die aber ziemlich blutrünstig aussah. »Hey«, grüßte ich ihn, während ich meine Jacke an der Garderobe aufhängte und meine Schuhe auszog.

»Hey Jaxon.« Marc hob die Hand zum Gruß, ohne mich anzusehen. Das war das Zeichen für mich, ihn in Ruhe zu lassen, bis seine Sendung zu Ende war. Ich nahm meine Tasche und verzog mich in mein Zimmer. Die Tür ließ ich jedoch offen, was für Marc hieß, dass er eintreten durfte, wann immer er wollte.

Es dauerte kaum eine Viertelstunde, bis er von diesem Gewohnheitsrecht Gebrauch machte und sich auf mein Bett fallen ließ. »Hey, Mann, alles klar?«

Ich schob die letzten Bücher ins Regal, die weggeräumt werden mussten, ehe ich mich auf meinem Schreibtischstuhl zu ihm umdrehte. »Langer Tag«, antwortete ich ihm.

Marc nickte wissend. Er und sein jüngerer Bruder waren allein von seiner Mom aufgezogen worden, die sich und ihre Söhne irgendwie mit drei Jobs durchgebracht hatte. Marc war selbst arbeiten gegangen, sobald er vierzehn geworden war. Wenn einer etwas von den Problemen des Heranwachsens ohne das nötige Kleingeld wusste, dann war es mein Mitbewohner.

»Hey, ich wollte später mit Richard auf eine Party gehen. Er kennt da jemanden, der wen kennt, der an dieser neuen Netflix Produktion mitarbeitet, die hier in Philly gedreht wird und deswegen eine Party schmeißt. Willst du nicht mitkommen? Wär doch cool, mal wieder rauszukommen.«

Grundsätzlich hatte er recht, es würde mir guttun, mal etwas Abstand vom Alltag zu bekommen. Trotzdem verzog ich das Gesicht und schüttelte mit dem Kopf.

»Nein, das … Nein. Sorry, Mann!« Es tat mir wirklich leid, denn mit Marc wegzugehen war immer ein Erlebnis. »Aber du weißt genau, wie ich zu Richard und seinem Drogenkonsum stehe.«

Ich hatte Cole versprochen, auf der Uni keine Drogen zu nehmen und war sehr stolz darauf, dass ich es zwei Jahre lang geschafft hatte, ohne schwach zu werden. Dabei war das Bedürfnis dazu immer noch öfter da, als mir lieb war. An manchen Abenden lag ich auf meinem Bett und konnte nur daran denken, wie sehr ich mir eine Line oder irgendeine Pille zum Betäuben wünschte. Aber solange ich der Versuchung aus dem Weg ging, hatte ich es bisher geschafft, clean zu bleiben.

Marc musterte mich intensiv. »Schade. Aber Halloween feiern wir zusammen!«

»Wenn du mit zu der Party von meinem Adoptivbruder kommst«, stimmte ich zu.

»Gibt es dort eine Verkleidungsordnung?«

»Quatsch«, entgegnete ich augenrollend. Zwar war meine Adoptivfamilie total verrückt nach Halloween und dem ganzen Verkleidungs-Unsinn, aber wenn sich jemand nicht dafür interessierte, durfte man ihre Party auch in ganz normalen Klamotten besuchen.

»Dann bin ich dabei.« Er klopfte mir kurz auf die Schulter, ehe er mein Zimmer verließ und die Tür hinter sich schloss.

Ich versuchte mich noch eine halbe Stunde lang an meinem Unterrichtsstoff, ehe ich geschlagen aufgab und ins Bett ging. Ich konnte mich heute einfach nicht mehr konzentrieren. Obwohl ich es nie für möglich gehalten hatte, vertraute ich Marc mittlerweile blind. Er war immer für mich da, ohne aufdringlich in meiner Vergangenheit wühlen zu wollen. Auch Cole war mir mit seiner lockeren Art wichtiger geworden, als ich es hatte zulassen wollen.

Trotzdem fühlte ich mich oft einsam, selbst wenn ich mich unter Freunden befand, weil niemand meine wahren Beweggründe kannte. Ein Paar haselnussbraune Augen fiel mir ein, die mein Herz höherschlagen und mich endlich in einen traumlosen Schlaf fallen ließen.

Kapitel 4

Emma

Am Tag nach meinem Gespräch mit Jane packte ich die dreckige Buntwäsche von Brittany und mir in den Wäschekorb und ging runter in den Waschkeller. In einen der Waschautomaten steckte ich einen Quarter, stopfte die Wäsche sowie Waschpulver in die Trommel und drückte auf das wassersparende Programm. Dann setzte ich mich auf die Waschmaschine und zog mein Handy aus der Tasche. Ich drehte es unschlüssig zwischen meinen Fingern und sammelte Mut, um den längst überfälligen Anruf zu tätigen. Schließlich wählte ich die Nummer von Brenda und hielt mit angehaltenem Atem das Handy an mein Ohr.