Atacama - Thomas Vogel - E-Book
Beschreibung

Lenny Sterne, gefeierter Klarinettist und Entertainer aus New York, steht im Zenit seiner Karriere, als alles, was ihm lieb, wert und wichtig ist, nach und nach verloren geht.

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Seitenzahl:181

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Atacama

Thomas Vogel

Atacama

Die Reise des Lenny Sterne

Roman

La musique,Ne serait-ce pas le moyende s’accorder ensemble,Et de voir dans le mondeLa paix universelle?

Molière

Wohlan ich will euch senden Elia, den Künder, ehe MEIN Tag, der große und furchtbare, kommen wird, daß er bekehre der Väter Herz zu den Söhnen und der Söhne Herz zu den Vätern, – damit ich nicht komme und schlage das Land mit dem Bann.

Maleachi 3, 23

INHALT

Prolog

Elaine’s

Central Park

Salomon Meyer

Der Rabbiner

Der Überfall

Tamara

Chile

Billy-das-Fernrohr

Atacama

Toconao

In der Wüste

Unterricht

Pablo

Die Melodie

Das Konzert

Der Traum

Der Aufbruch

Epilog

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Prolog

»Ja bist du denn des Wahnsinns? War denn alles umsonst, wirklich alles umsonst!?«

Dr. Leibovitz stierte völlig entgeistert auf die schon hochbetagte lederne Schreibunterlage, schien zu schwanken, hielt sich an dem massiven Schreibtisch aus Ebenholz fest, einem Erbstück seines Großvaters mütterlicherseits, das dieser ihm kurz vor dem Hinscheiden zu einem ordentlichen Preis hinterlassen hatte.

Dr. Leibovitz raufte sich das graumelierte Haar und wanderte dann aufgebracht zwischen Schreibtisch und Couch hin und her.

»Ich kann’s nicht glauben!« schnaubte er, und seine linke Hand fasste theatralisch an die Stelle der Brust, hinter der man gemeinhin das Herz vermutet.

»Ich halte das nicht aus! Jetzt bemühe ich mich seit was-weiß-ich wie vielen Jahren um dich und deine Psyche und du schneist hier herein und willst von heute auf morgen kündigen. Erklärst meine Therapie so mir nichts dir nichts für beendet und behauptest, alles sei gut, so gut wie nie zuvor, du seiest jetzt gesund, geheilt, geheilt dank der Wüste, geheilt durch einen Wüstentrip! Ein Wüstentrip! Ein wüster Trip, der meine langjährige Arbeit an dir von heute auf morgen zunichte macht.«

Leibovitz hielt kurz inne, holte tief Atem. Dann tobte er weiter:

»Was faselst du da von wundersamen Begegnungen?! Ja, Begegnungen der dritten Art vielleicht. Und als Krönung dann dieser spektakuläre Auftritt! Selbstverständlich haben wir es zur Kenntnis genommen, ich weiß, gewisse Kreise haben es durchaus mit Zufriedenheit zur Kenntnis genommen, geradezu mit tiefster Befriedigung: Ein Musikant, ein Stand-up-Komiker, ein Hanswurst, der den Friedensengel spielt. Gut, bis hierher mögen dir die Ereignisse ja Recht geben. Aber warten wir es ab. Schließlich ist in dieser Sache das letzte Wort noch nicht gesprochen.«

Dr. Leibovitz ging ans Fenster, riss es gänzlich unmotiviert auf, der Lärm Basketball spielender Kinder drang ihm ans Ohr, entnervt schlug er es wieder zu, als wär ihm übler Geruch in die Nase gestiegen. Kam dann wieder auf Lenny Sterne zu, blieb abrupt vor ihm stehen und schlug sich mit der Hand gegen die Stirn.

»Ja wo gibt es denn so etwas?! Da bläst einer in seine Klarinette, klopft ein paar Sprüche und wird – nein, nicht als Witzbold, sondern – als Friedensbringer gefeiert. Und lässt sich das dann auch noch gefallen. So, und das also ist jetzt der Dank! Der Herr will nicht mehr, kündigt von jetzt auf nachher, und das mitten in der Analyse.«

Dr. Leibovitz kam plötzlich ganz nah an seinen Patienten heran und sagte mit leiser, fast weinerlicher Stimme:

»Jetzt, wo ich in mühevoller, jahrelanger Kleinarbeit langsam aber sicher dem Übel deiner verkorksten Psyche auf den Grund komme, jetzt willst du alles wieder zuschütten?«

»Ach Unsinn!« unterbrach Lenny Sterne endlich die nimmer enden wollende, von Vorwürfen gespickte Jeremiade seines Analytikers.

»Von zuschütten kann doch überhaupt keine Rede sein, Doktor Leibovitz. Wieso denn auch. Im Gegenteil, ich will überhaupt nichts zuschütten. Abgesehen davon, und mal ehrlich: bei Ihnen bin ich doch immer mitten in der Analyse. Noch in 100 Jahren wäre ich bei Ihnen mittendrin. Und jetzt bin ich halt, hm, wie soll ich sagen, mittendraußen, Schluss, basta!«

Dr. Leibovitz wirkte erschüttert. Er wandte sich ab, ging ein paar Schritte Richtung Schreibtisch, über dem groß ein Porträt Sigmund Freuds hing.

»Es ist zum Haare raufen! Wer so redet, ist ja noch nicht mal mittendrin!«

Er legte eine Pause ein, betrachtete das Bild, als wäre von dort Hilfe zu erwarten. Dann fuhr er etwas beherrschter fort:

»Also gut, gut, gut, ich höre ja schon auf! Ich versuche mich ja schon wieder zu beruhigen, es bringt ja doch nichts, einmal meschugge, bleibst immer meschugge. So oder so. Dann erzähl jetzt endlich. Aber ausführlich. Und wehe, du unterschlägst mir das kleinste Detail. Du weißt, dass mir so etwas nicht entgeht und ich sehr ungnädig reagieren kann. Ich höre!«

Dr. Leibovitz hatte inzwischen auf seinem Psychoanalytikersessel aus schwarzem Rindsleder Platz genommen.

Und Lenny Sterne begann zu erzählen.

Wie alles damit seinen Anfang nahm, dass er nach so vielen Jahren zum ersten Mal seinen Termin beim Analytiker verschwitzt hat, ihn schlicht und einfach völlig vergessen habe, einfach vergessen. Schuld daran sei eben jener Typ gewesen, dem er, es war an einem Dienstagabend, im Elaine’s begegnet war.

»Bitte, da haben wir es ja schon, ein Sündenfall! Wie im Lehrbuch: alles fängt mit einer Sünde an!«

»Sünde??«

»Sünde, ja genau! Oder ist es etwa keine Sünde, eine Sitzung bei seinem Analytiker zu schwänzen, sag, ist das etwa keine Sünde!? Aber bitte, bitte, ich wollte nicht unterbrechen, rede weiter!«

»Doktor Leibovitz! Wir kennen uns nun schon lange genug, also müssten Sie mich inzwischen auch gut genug kennen, um zu wissen, dass ich diesbezüglich notorisch zuverlässig bin. So ernst wie die Sitzungen bei Ihnen, nehme ich oft genug nicht mal mein Familienleben.«

»Ja und?! Das ist auch völlig korrekt, völlig in Ordnung so«, meinte der Therapeut, »schließlich gilt es, Prioritäten zu setzen.«

»Genau, Prioritäten. Wie gesagt, plötzlich, wie soll ich sagen, mitten im alleralltäglichsten Alltag, da war da so eine Priorität, und ich war irgendwie nicht mehr Herr meiner selbst, oder«, fügte Lenny Sterne zögernd hinzu, »vielmehr, glaube ich, war ich es wohl zum ersten Mal überhaupt.«

Lenny Sterne hatte die Augenbrauen hochgezogen, schaute auf seine Hände und schüttelte den Kopf. »Ich begreif es ja selber nicht.«

»Dann erzähl in drei Teufels Namen endlich, wer dir den Kopf verdreht hat und zwar schön der Reihe nach.«

Dr. Leibovitz kippte seinen Ledersessel in die Liegeposition. Schloss die Augen und legte die flache Hand auf die Stirn. »Red jetzt, und wie gesagt, verschweig mir nichts, hörst du? Alles will ich hören. So, und jetzt bin ich ganz Ohr!«

Elaine’s

Lenny Sterne begann zu erzählen. Erzählte der Reihe nach. Von jenem Dienstag also. Es war im Grunde ein Dienstag wie fast jeder Dienstag, sagen wir mal: wie eben all die Dienstage, an denen Lenny Sterne sich mit seinen Jazzkollegen in Bruno’s Bar zum Spielen trifft, Sylvester Brotman, Kontrabass, Sammy T. Dupont am Schlagzeug, Tricky Fred Legof am Saxofon, Leroy Paine, Akkordeon beziehungsweise am Piano. Also, im Grunde, nichts wirklich Außergewöhnliches. Außer vielleicht, dass es schon wieder ein Dienstag ohne Sarah war, seit Wochen schon ohne Sarah, die einfach gegangen war, ausgezogen war, mit ein paar lapidaren Abschiedssätzen, die sie auf den Notizblock in der Küche notiert hatte. Das Einzige, was Lenny Sterne in einem Telefonat mit Sarahs Freundin Jessy nach langem Betteln hatte in Erfahrung bringen können, war, sie wolle in Ruhe gelassen werden. Okay, sie hat Reißaus genommen und vor ihrem Hypochonder und Egomanen das Weite gesucht. Und es war eben ausgerechnet ein Dienstag, an dem sie sich aus dem Staub gemacht hatte, weil sie ganz genau wusste, dass ihr Mann sich dann im Club mit seinen Musikern traf. In der Regel trifft man sich zweimal im Monat zur Jamsession. Und geht anschließend dann noch etwas essen. Da aber an jenem Abend, aus welchen Gründen auch immer, keiner darauf erpicht schien, war es Lenny Sterne auch recht. Ihm stand der Kopf weder nach tiefschürfender Konversation noch nach belanglosem Smalltalk. Also ging er alleine. Denn erstens hatte er den ganzen Tag nichts Nennenswertes zwischen die Zähne bekommen, und zweitens, was sollte er zu Hause, wo ihn eh keiner erwartet. Er hatte sich also ganz auf einen ruhigen Restabend eingestellt. Und ging wie üblich ins Elaine’s, 2nd Avenue, seit Jahren schon sein Stammlokal. Ein Restaurant, Zwischending aus Nobel und Understatement. Das Lokal ist nicht übermäßig groß, wirkt aber durch die dezente Beleuchtung mittels dezentral angeordneter Milchglaskugelleuchten fast intim. Die Möblierung könnte man am ehesten als einen Bastardstil französischer Provenienz bezeichnen, mit weinroter Samtpolsterung auf den Stühlen und halbrunden Bänken. Insgesamt gibt sich die Atmosphäre betont leise, was durch den hochflorigen, dunkel gemusterten Teppichboden unterstrichen wird.

Lenny Sterne saß mutterseelenallein wie gewöhnlich an einem Tisch im hinteren Teil des Restaurants. Er starrte auf das Glas Wein, das ihm der Kellner bereits unaufgefordert serviert hatte.

Lenny Sterne trug wie fast immer, wenn man sich zum eher privaten Musikmachen traf, seine zweifarbigen, auffällig großen Lieblingsschuhe in Brauntönen, dazu eine weite, beigefarbene Hose mit Bundfalten. Über dem rot-grün-gelb karierten Hemd im Fisherman-style trug er das superleichte, senffarbene Jackett in grobem Fischgrät und Knitwear-Qualität, mit breitem Revers, das Sarah ihm bei Ralph Lauren hatte maßschneidern lassen.

Lenny Sterne wirkte an diesem Abend irgendwie ganz besonders hilflos, ein Ritter der traurigen Gestalt, verwundbar, schmächtig, ein Mann von Geschmack und doch irgendwie auch wieder haarscharf daneben. Sein putzwolliges Haar war zerzaust, und durch das altmodische Brillengestell schauten große, traurige Augen verloren ins Nichts. Er wirkte fahrig und so, als fühlte er sich beobachtet, fast gar peinlich berührt. Im Grunde fühlte er sich so, wie in letzter Zeit immer häufiger. Erst nachdem er einen Teller Nudeln gegessen und dazu ein zweites Glas Chardonnay getrunken hatte, wurde er ruhiger, packte seine Klarinette, die feinsäuberlich zerlegt im Instrumentenkoffer lag, noch einmal aus, um die Funktion einer der Klappen zu überprüfen. Dieses Instrument war sein Leben, war ihm heilig. So absolut heilig, sagen wir einmal, wie ihm David, sein Sohn, Deborah, seine Tochter, und Sarah, seine Frau, seit gut zwanzig Jahren heilig sind. Ein magisches Instrument, wie er nachdrücklich und mit Bescheidenheit immer dann betont, wenn man sein Klarinettenspiel lobt. Schließlich stammt es aus der Werkstatt seines Onkels, einem Klarinettenbauer, mit dem er mütterlicherseits verwandt war. Dessen Vater, Großvater, Onkel und wer weiß, wer sonst noch alles aus der weitschweifig zahlreichen Familie, sie alle waren um die Jahrhundertwende aus Galizien ausgewandert und standen dann eines Tages, irgendwann vor gut hundert Jahren, im Hafen von New York, ohne recht zu wissen, was sie hier eigentlich verloren hatten. Allesamt waren sie Musiker, zuständig für alle Lebenslagen, für den Feiertag ebenso wie für Hochzeiten und Beerdigungen. Und die dann also, nicht faul, ihre Instrumente ausgepackt und zu spielen angefangen hatten, im Hafen, auf der Straße und in billigen Kneipen, und die so bald schon mit kleinen Engagements sich und ihre Familien einigermaßen über Wasser halten konnten. Einer der Söhne war nun wiederum auf die glänzende Idee gekommen, den Instrumentenbau zu erlernen, und die Alten gaben ihren Segen und legten ihr Wissen und ihren Zauber ins Gewerbe. Anders konnte Lenny Sterne es sich nicht erklären, ein Vermögen hatte man ihm schon für dieses Instrument geboten, völlig indiskutable, ja geradezu unsittliche Angebote, die er, klug genug, stets abgelehnt hat, um letztlich selber seinen Profit daraus zu ziehen.

Liebevoll hielt er das Instrument in der Hand, wischte behutsam mit der frisch gestärkten Serviette Fingerspuren weg, betätigte die eine oder andere Klappe, um sie auf ihre uneingeschränkte Funktionstüchtigkeit hin zu überprüfen, als plötzlich ein Fremder das Restaurant betritt, ohne Zögern an der Garderobe vorbeizieht und so, als sei er hier zu Hause, geradewegs auf den hinteren Teil des Lokals zusteuert, bis zu dem Tisch, an dem Lenny Sterne bereits saß. Der Fremde hatte jenes präzis undefinierbare Alter älterer Herren, deren charmante Erscheinung sie gut und gern zehn Jahre jünger macht. Soweit das Haar erkennbar war, kräuselte es sich im Nacken. Denn auf dem Kopf saß ein um eine halbe Nummer zu kleiner Hut, in denkbar dunkelstem Blau gehalten, mit einem metallic-grauen Hutband und etwas zu schmal geratener Krempe, die auch über der Stirn leicht nach oben gewölbt bleibt. Den Mantel, den der Fremde nicht ablegen wollte, könnte man als einen Verwandten des Trenchcoat bezeichnen, aus dunklem Gabardine, etwas aus der Mode gekommen, ein Modell, das aber von gewissen Kreisen zwischen Brooklyn und Manhattan immer noch geschätzt wird. Im Gesicht trug er einen Zwei-Tage-Bart, in Silber-Anthrazit-Melange. Auf der markanten Nase saß unkompliziert ein metallenes Brillengestell mit kreisrunden Gläsern. Unter dem offenen Mantel trug er ein weißes Hemd und eine Krawatte, für die der Tag auch schon sichtlich lang war. Alles in allem der unverwüstliche Prototyp eines Übriggebliebenen des späten Abends, schoss es Lenny Sterne durch den Kopf – was sonst? – eine seltsame Mischung aus Penner, Prediger und Businessman, und der also zielstrebig auf den Tisch zugekommen war, an dem Lenny Sterne saß.

»Shalom Mister Sterne und einen schönen guten Abend«, sagte der Übriggebliebene, »Sie …, Sie gestatten doch«, und setzte sich ohne ernsthaft eine Antwort zu erwarten Lenny Sterne gegenüber, der nichts mehr hasste, als belästigt zu werden, und dessen verdutzter Gesichtsausdruck unmissverständlich zu erkennen gab, dass er auf Überfälle dieser Art nicht optimal vorbereitet war, dann aber trotzdem mit leichter Verspätung ein angesäuertes »Hi!« über die Lippen brachte. Seine Augen suchten nach dem Kellner, der aber weit und breit nirgends zu sehen war.

»War doch nicht etwa reserviert?« meinte der Fremde mit charmantem Lächeln und der unrasierten Stimme eines Robert de Niro.

»Neinnein, nicht dass ich wüsste«, sagte Lenny Sterne gut erzogen beziehungsweise hilflos, was sich gelegentlich gleich bleibt, und räusperte sich verlegen.

»Schön doch, dass man immer wieder mal an den Alten noch denkt, und ihm ein Gedeck hinstellt«, murmelte der Übriggebliebene, wobei sein freundlicher Blick auf Lenny Sterne ruhte.

Dieser hatte keine Ahnung, was der späte Gast damit sagen wollte, nickte etwas verwirrt und dachte: wenn ich Filmproduzent wär, würde ich den schon seiner unglaublichen Stimme wegen vom Fleck weg engagieren. Etwas durchaus Zutrauen Erweckendes lag in dieser Stimme, und Lenny Sterne spürte eine unwiderstehliche Aura, die es ihm schwer machte, unbeeindruckt zu erscheinen. Er bot ihm in seiner Verlegenheit ein Glas Wein an, was der Fremde bereitwillig akzeptierte, und schon war man miteinander ins Gespräch gekommen.

»Ich bin vernarrt in Euer Klarinettenspiel!« sagte der Übriggebliebene plötzlich.

Um Gottes Willen, dachte Lenny Sterne, erst kommt das Kompliment, und gleich im Anschluss wird er dir dann seine ganze Lebensgeschichte auftischen, die ganze Misere einer Existenz, die nichts Gescheiteres zu tun weiß, als spät abends in Bars herumzuhängen und sich ein Opfer auszugucken, bei dem man sich noch auskotzen kann, bis sich dessen Mitleid rührt und er zum Schluss noch Seelendoktor oder Arbeitsamt oder beides zusammen spielen darf.

»Aber«, fuhr er fort, »wenn mich nicht trügt mein Eindruck, dann kommt das Fis gelegentlich etwas unscharf, vielleicht ließe sich da an der Klappe etwas nachstellen.«

Lenny Sterne schnappte innerlich nach Luft.

Wie …? Gerade wegen dieser Klappe hatte er vor wenigen Minuten seine Klarinette noch einmal ausgepackt. Woher wusste …? Verdammt noch mal, das kann doch ein Fremder gar nicht hören!

Der Übriggebliebene ließ Lenny Sterne keine Chance, ins Grübeln zu verfallen, sondern parlierte weiter, gestand, dass Musik seine große Liebe und Leidenschaft sei, im Besonderen aber eben die, die Mr. Sterne mit seinen Musikern spiele. Vielleicht, weil sie in ihm Welten eröffne, und wahrscheinlich auch, weil sie ihn gelegentlich an seinen alten Freund Gogol erinnere. Der Auschwitz nur überlebt hätte, weil er dort in einem jener Lagerorchester spielen musste. »Und wissen Sie, wie er das überlebt hat? Indem er mit geschlossenen Augen spielte, um nicht mit ansehen zu müssen, was um ihn herum passiert.« Und auch als er dann als einziger seiner ganzen Familie überlebt hat und nach dem Krieg über mehrere Stationen schließlich im neu gegründeten Staat Israel angekommen war, hätte er sein Leben lang nie wieder mit offenen Augen spielen können.

»Sie sind, wenn ich recht vermute, Kollege, Musikerkollege«, meinte Lenny Sterne, noch unentschieden, ob er überhaupt reden wollte.

»Keineswegs«, entgegnete der Fremde, »weit gefehlt, ich bin Rabbiner, und, wie manche meinen, ein nicht ganz unbegabter Kantor. Wenn Sie so wollen, ein Rabbiner mit besonderen Ambitionen, und mit einer ausgesprochenen Schwäche für Musik. Wie für die eben, die Sie spielen.«

Lenny Sterne schaute auf sein Gegenüber, studierte das Mienenspiel. Der Typ hat etwas Gewinnendes, dachte er, überwand allmählich seine sonst übliche Scheu und beschloss, sich auf ein Gespräch einzulassen, das inzwischen eh unumgänglich schien. Denn der Rabbi legte wenig Wert auf lange Einleitungen. Und kaum hatte man die ersten Sätze gewechselt, entdeckte man auch schon gemeinsame Bekannte, Künstler, Musiker vor allem, Komponisten, denen man begegnet war, mit denen man zu tun hatte. Und so kam man auch fast wie selbstverständlich auf Lenny Sternes Musikervorfahren zu sprechen. Auf jene Leute, die versessen waren auf den perfekten Klang, und ihr Leben lang auf der Suche waren nach den noch verborgenen Melodien ihrer Instrumente, nach den verloren gegangenen, den magischen, denen, die von weit her, aus fernen Räumen und noch ferneren Zeiten zu erahnen, aber kaum mehr zu rekonstruieren seien, wohl aber immer noch in diesen Instrumenten schlummerten, bis, ja bis viel zusammenkommen müsste, um sie dem Material zu entlocken. Und er, Lenny Sterne, sei, so meinte der Rabbiner, ein solcher Musiker, einer, bei dem er diese Versessenheit, diese unbedingte Suche nach dem letzten Geheimnis, das ein gutes Instrument in sich verborgen hält, verspüre. Seit langem schon deutlich verspüre.

Lenny Sterne musste an das noch uneingelöste Versprechen denken, das er seinem Onkel, eben jenem legendären Holzblasinstrumentenbauer Aaron Sterne, gegeben hat, nämlich nie müde zu werden, nach dieser verborgenen Melodie zu suchen, um sie eines Tages seinem Meisterinstrument zu entlocken. Manchmal glaubte er sich ihr schon ganz nahe, so, als könnte er ihre Seele fast schon erahnen. Dann, plötzlich, war sie ihm wieder fern, wie bei einer vermaledeiten Reise ins Labyrinth, wo man sich zuweilen dem innersten Raum schon ganz nahe fühlt, dann aber, im nächsten Augenblick, fast schon wieder draußen gelandet ist.

Und so, als könnte der Rabbiner Gedanken lesen, meinte er: »Da lebt eine verborgene Melodie in Ihrem wunderschönen Instrument, mit der Sie früher oder später ins Gespräch kommen müssen, wenn ich es einmal so ausdrücken darf. Und so wie ich das sehe, wird es sicher nicht mehr lange dauern, und Sie werden die verborgene Melodie, die in Ihrem Instrument steckt, entdecken.«

»Ich war noch nie so weit draußen wie zur Zeit«, sagte Lenny Sterne offenherzig und mit resigniertem Unterton.

Als der Rabbi die Gründe erfahren wollte und nachbohrte, erzählte Lenny Sterne erst zögernd, dann aber plötzlich fast leutselig und damit ganz der vorgerückten Stunde entsprechend, von der Lage, in der er sich befand. Einerseits eben, was ja jeder wisse, erfolgreiche Tourneen, gefragt bei den Medien, herumgereicht in den Talkshows, umschwärmt von den Frauen und gefeiert in den Konzerten.

»Und dann, tja, dann kommst du nach Hause und keiner ist da, der auf dich wartet. Gut, das hat seine Vorteile, keiner widerspricht dir, keiner sagt, du sollst die Tischdecke nicht bekleckern, aber erstens liegt sowieso längst keine mehr auf dem Tisch und zweitens sind häusliche Selbstgespräche etwa so langweilig wie die Dialoge der Reality-Shows, dafür wahrscheinlich aber immer noch doppelt so intelligent wie jene und so weiter.«

Der Rabbiner hörte aufmerksam zu, dann, als Lenny Sterne schwieg, meinte er:

»Hast du Widerspruch, ist es nicht recht, fehlt er im Haus, ist’s auch nicht recht. Weil schon geschrieben steht im Buch der Väter: ›Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei‹, und Eva war schon Widerspruch in der Hütte des Adam und die alte Sarah im Zelt des Abraham, also sollen wir erkennen: Widerspruch ist weiblich und gehört selbst in den besten Familien zum guten Ton.«

»Danke für den Religionsunterricht«, meinte Lenny Sterne, »aber meine noch nicht so alte Sarah hat ihre Zelte abgebaut, ist samt ihrem Widerspruch ausgezogen, hat das Objekt ihres Widerspruchs einfach sitzen lassen. Und jetzt verraten Sie mir, ob das etwa auch im Sinne der Tora ist!«

Für eine Weile war Schweigen. Dann wollte der Rabbiner wissen: »Und die Kinder?«

»David hat sein Studium – ich mein’ das, was er so darunter versteht – in Yale begonnen, und seine Schwester Deborah ist als Au Pair bei einer befreundeten Familie in Paris.«

»Okay, ich verstehe«, gurgelte der Rabbiner leise vor sich hin. »Jetzt verstehe ich, was Sie meinen.« Er räusperte sich und sagte dann: »Was ich jetzt sage, ist wenig tröstlich, aber auf jeden Fall richtig. Ich will es einmal so formulieren: vielleicht ist eben jetzt erst die einmalige Chance gekommen, Ihre Reise fortzusetzen hinein ins Labyrinth, bis zum Ziel. Und dann will ich Ihnen sagen: Sie werden sie finden, die verborgene Melodie, die in Ihrem Instrument steckt. Ich bin mir sicher, Sie werden sie finden. Womit sich übrigens mit Gottes Hilfe das Übrige dann auch wieder finden wird.«

»Und was ist, wenn ich mich immer tiefer hineinverliere in dieses vermaledeite Labyrinth? Ich meine, was ist, wenn ich dann nicht mehr aus ihm herausfinde?«

Der Rabbiner überlegte. Dann sagte er: »Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ich glaube, solche Sorgen sollen sich eher solche machen, die nur auf der Couch ihres Analytikers herumliegen, um dann vorzustoßen ins Labyrinth ihrer Psyche, sich zerlegen lassen, um sich letzten Endes nie wieder zusammengepuzzelt zu kriegen. Da hast du dein Labyrinth ohne Licht am Ende des Tunnels, wo es immer enger wird, weil sich da dann alles nur noch auf Ödipus-Schnödopus, Penis, Busen, Bumsfallera reimt und reduziert. Weil da dann die Phantasie verschrumpelt – oder versumpft, je nach dem. Umgekehrt aber, wenn sich ein Künstler auf die Suche macht, auf seiner Leinwand, auf dem Papier oder in einem Meer aus Tönen, Klängen und Melodien, dann verliert er sich nicht, dann findet er sich, weil er seiner Bestimmung folgt und also schöpferisch arbeitet, wie es der Allerhöchste – geheiligt werde sein Name! – vom Anfang aller Zeiten an von uns erwartet.«

Der Rabbiner nahm einen Schluck, räusperte sich wieder und fuhr fort: