Beschreibung

Ende des 19. Jahrhunderts: Abigail Brantley entstammt einer feinen Bostoner Familie, in der es ihr an nichts fehlt. Doch als betrügerische Machenschaften ihres Vaters auffliegen, ist kein Platz mehr für sie in der guten Gesellschaft. Ihr Weg führt sie nach Kansas, wo sie in einer abgelegenen Kleinstadt raubeinige Viehzüchter in Sachen Sitten und Moral unterrichten soll. Eine nicht ganz einfache Aufgabe. Doch dann lernt sie den Ladenbesitzer Mack Cleveland kennen ...

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Über die Autorin

Kim Vogel Sawyer hat bereits eine Vielzahl von Romanen verfasst, von denen einige bereits auf Deutsch erschienen sind. Sie engagiert sich in ihrer Kirchengemeinde und lebt mit ihrem Mann Don in Kansas. Gemeinsam mit ihm hat sie drei Kinder und sechs Enkelkinder.

Kapitel 1

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Ende August 1888 Spiveyville, Kansas Mack Cleveland

Wann haste denn dein’ Brief fertig, Mack? Die Leute werden langsam ungeduldig. Sie woll’n, dass der Packen endlich loskommt.“

Mack Cleveland hörte auf, Nägel aus dem großen Fass in die Waagschale zu füllen, und sah den Posthalter von Spiveyville finster an. Das Grinsen des Mannes, das zum größten Teil von seinem wild wuchernden Schnurrbart verdeckt wurde, kam Mack irgendwie spöttisch vor. „Hab’ ich mich neulich Abend nicht klar ausgedrückt? Ich finde, es ist eine dumme Idee, und ich will nichts damit zu tun haben.“

Clive Ackleys buschige Brauen über seinen tränenden blauen Augen gingen mit einem Ruck nach oben. „Du bleibst also dabei? Ich hätt’ ja gedacht, du komms’ noch zur Vernunft, wo du jetz’ siehs’, dass alle andern Männer mitmachen woll’n.“

Einen Widerspruch verkniff sich Mack lieber, obwohl nicht alle männlichen Bewohner der Stadt an der Versammlung teilgenommen hatten, und auch der Prediger hatte nicht mit Ja gestimmt. Doch Prediger Doans Stimme zählte sowieso nicht, weil er bereits eine Frau hatte.

Mack musterte Clive einmal von oben bis unten, wobei ihm der ungepflegte Bart auffiel, der dem Mann bis auf die Brust reichte, und das zerknitterte karierte Hemd, das über seinem runden Bauch spannte, und er fragte ihn: „Hast du denn auch einen Brief geschrieben und dich um eine Braut beworben?“

Clive schob mit Nachdruck die Hände in die Hosentaschen und wippte auf seinen Fersen vor und zurück. „Darauf kannst du dein’ Hintern verwetten, dass ich ein’ geschrieben hab’“, und dann lachte er, als hätte er einen guten Witz gemacht. Dabei konnte seine struppige, ungepflegte Gesichtsbehaarung kaum die Lücke verbergen, wo ein Backenzahn fehlte, oder den Kautabak, der ihm zwischen den Schneidezähnen hing. „Ich kann’s gar nich’ erwarten, dass ich das Mädel endlich kennenlern’, das mal Mrs Clive Ackley wird.“

Mack hoffte, dass, wer auch immer kommen würde, um diesen Namen anzunehmen, genauso schlechte Augen hatte wie Clive selbst, weil sie sonst wahrscheinlich schreiend davonlaufen würde, nachdem sie einen etwas genaueren Blick auf ihren künftigen Ehemann geworfen hatte. Mack schüttete noch eine weitere halbe Schippe Nägel in die Waagschale und kontrollierte dann das Gewicht. Es waren ein paar Gramm mehr als ein Pfund, also nahm er einige Nägel wieder heraus, und der Zeiger der Waage blieb zitternd ein ganz kleines Stückchen unter der Eins stehen. Das war genau genug.

Er nahm die Schale aus der Halterung, füllte die Nägel in eine dicke Papiertüte, die er oben zusammenfaltete, und reichte sie Clive.

Der Mann nahm seine Hände nicht aus den Hosentaschen, um die Tüte entgegenzunehmen, sondern sagte nur: „Ich glaube, du machst ’n Fehler, wenn du kein’ Brief mit in den Packen legst.“

Daraufhin ließ Mack die Tüte auf den Ladentisch plumpsen und schob sie noch ein Stückchen zum Posthalter hin. „Willst du die Nägel jetzt kaufen oder nicht?“

Da nahm Clive die Tüte und deutete damit auf Mack. „Du wirst noch bereu’n, dass du nich’ mitmachst, wenn jeder Junggeselle aus der Stadt außer dir vor Prediger Doan sein Jawort gibt.“

Mack wischte mit der Hand ein paar Eisenspäne vom Ladentisch und trat sie mit den Sohlen seiner schweren Stiefel in den Holzboden. Er glaubte eher, dass die Männer, die die Wahl ihrer Ehefrau einer Heiratsvermittlerin aus Newton, Massachusetts überließen, statt sich auf die Führung Gottes zu verlassen, diesen Schritt bereuen würden. Aber das hatte er alles bereits bei der Bürgerversammlung gesagt und niemand hatte auf ihn gehört, genauso wie Onkel Ray damals nicht auf Ma und Pa gehört hatte. Was hatte es also für einen Sinn, es noch einmal zu wiederholen?

„Nur zu, Clive, schick’ die Briefe los. Ich hoffe, dass es für euch alle gut ausgeht“, sagte er deshalb nur, woraufhin Clive den Kopf schüttelte, Mack verständnislos ansah und ohne ein weiteres Wort aus dem Laden schlenderte.

Mack nahm den Besen, der in der Ecke stand und machte sich mit mehr Kraft als nötig ans Fegen, um die breiten Dielenbretter vom Staub zu befreien. Ihm rann der Schweiß von den Schläfen und tropfte von seinem Kinn zu Boden, sodass dort kleine Kleckse entstanden, die aber durch den heißen Wind, der zur Tür hereinwehte, schnell wieder trockneten. Wenn er nicht langsamer machte, würde er noch einen Hitzschlag bekommen, aber irgendwie musste er seine Sorge abreagieren, und der Fußboden schien ihm dabei ein ungefährliches Angriffsziel.

Wieso wollten die Männer aus der Stadt nicht auf ihren Verstand hören? Sich gegen Bezahlung eine Braut zu bestellen, war verrückt wenn nicht sogar gefährlich. Die Männer in Spiveyville mochten vielleicht nicht die schlausten Köpfe im Staate Kansas sein, aber sie waren – zumindest überwiegend – ein ehrlicher Haufen. Wie konnten sie sicher sein, dass die Frauen, die auf ihre Bewerbungen hin einträfen, auch ehrliche Absichten hatten? Konnte eine Frau, die sich freiwillig auf den Weg in eine völlig fremde Stadt machte, um einen Mann zu heiraten, den sie noch nie gesehen hatte, die richtige Frau für einen Mann sein? Er glaubte das eher nicht.

Manche dieser Frauen versuchten vielleicht, sich auf diese Weise dem Arm des Gesetzes zu entziehen, andere hatten womöglich einen schlechten Ruf, ganz zu schweigen von der Frage, ob die Heiratsvermittlerin tatsächlich vertrauenswürdig war. Es gab also keine Garantie, dass sie am Ende auch tatsächlich eine Braut bekamen. Warum waren sie nur so leichtsinnig?

Mack stützte sich auf den Besenstiel und seufzte. Er wusste, warum. Weil sie einsam waren, genauso einsam, wie damals auch Onkel Ray es gewesen war, und, um ehrlich zu sein, so einsam wie er selbst. Er war gerade einundreißig geworden und war jetzt schon seit fast zehn Jahren der Inhaber der Firma Werkzeuge und Eisenwaren Spiveyville. Wie jeder Mann in seinem Alter wünschte er sich Gemeinschaft – eine Familie.

Aber Einsamkeit war das eine – Verzweiflung wieder etwas ganz anderes. Mit zusammengebissenen Zähnen setzte er den Besen wieder in Bewegung. Seinetwegen konnte jeder Junggeselle aus Spiveyville bei der Sache mitmachen, aber er wollte nichts mit einer Braut auf Bestellung zu tun haben.

Mitte Oktober 1888 Newton, Massachusetts Abigail Grant

Abigail holte tief Luft, atmete durch die gespitzten Lippen wieder aus und griff dann nach dem ovalen Türknauf aus geätztem Glas. Sie drehte ihn, setzte ein Lächeln auf und drückte gegen die Tür, die geräuschlos aufschwang.

Mrs Helena Bingham blickte von einem aufgeschlagenen Kontobuch auf und sah Abigail an. Enttäuscht verzog sie das faltige Gesicht. „Da sind Sie ja schon wieder.“

Abigail hob das Kinn ein wenig an, obwohl ihr Herz heftig und unregelmäßig pochte. Sie stellte ihre Reisetasche neben der Tür ab, kam über den Teppich mit dem Rosenblütenmuster zum Schreibtisch und erklärte: „Ich versichere Ihnen, dass ich keine andere Wahl hatte. Die Verhältnisse dort waren …“

Mrs Bingham hob eine Hand wie ein Richter im Gerichtssaal und sagte: „Lassen Sie mich raten. Unzumutbar, stimmt’s?“ Dabei zog sie ihre schneeweißen Augenbrauen hoch.

Abigail verzog leicht beleidigt den Mund. Die Heiratsvermittlerin brauchte gar nicht so sarkastisch zu sein.

Abigail nahm ihren kleinen Reisehut ab und legte ihn auf den Schreibtisch. Eine wellige Haarsträhne – die Haarfarbe wurde in ihrer Personenbeschreibung als „nerzbraun“ bezeichnet – fiel ihr ins Gesicht, und sie schob sie sich mit einer ungeduldigen Bewegung hinters Ohr. „Ja, absolut. Das Wasser wurde aus einem Bach geschöpft, das Haus hatte einen Lehmboden – Lehm! – und ein Grasdach, und beim Essen ließen sich die Spinnen von dort oben auf den Tisch abseilen. Das Haus war nicht einmal für Tiere geeignet, geschweige denn für Menschen“, sagte sie schaudernd.

Mrs Bingham schloss kurz die Augen und als sie sie wieder öffnete, ging ihr missbilligender Blick Abigail bis ins Mark. „Abigail, Abigail, was mache ich bloß mit Ihnen?“

Die junge Frau legte ihre Fingerspitzen auf die Schreibtischkante und sagte fast flehend: „Bitte schicken Sie mich nicht mehr an solche barbarischen Orte, für die ich so beklagenswert ungeeignet bin, Mrs Bingham.“ Ihr Blick wanderte jetzt zu einem Stapel von Bewerbungen, die in einem zierlichen Drahtkorb auf dem Schreibtisch lagen. „Ist denn nicht wenigstens eine Bewerbung von einem Gentleman dabei?“

Doch schon während sie die Frage stellte, wusste sie die traurige Wahrheit. Kein Gentleman von guter Herkunft bediente sich einer Heiratsvermittlerin, um eine Frau zu finden. Solche Männer wurden von ihren Familien und engen Freunden mit Frauen zusammengebracht, die aus denselben Kreisen stammten wie sie und etwas in die Ehe einzubringen hatten. Es hatte eine Zeit gegeben, da war auch sie eine solche gute Partie gewesen, aber der Absturz ihrer Familie aus der Klasse der wohlhabendsten und erfolgreichsten Familien des Landes wegen illegaler Machenschaften ihres Vaters hatte ihr Schicksal besiegelt.

Mit gesenktem Kopf wappnete Abigail sich für Mrs Binghams Antwort.

„Vielleicht sind Sie ja auch gar nicht für die Ehe geeignet, Abigail“, sagte diese jetzt.

Abigail zuckte zusammen und als sie aufblickte, sah sie in die ernst dreinblickenden Augen der Heiratsvermittlerin.

„N… nicht geeignet für …“ Hatte denn Mrs Bingham nach den drei Jahren, die Abigail mittlerweile mit ihr unter einem Dach lebte, immer noch nicht gemerkt, wie sehr sie sich nach einem Mann und einer Familie sehnte?

Selbst in der Bibel – die Mrs Bingham als das Wort Gottes bezeichnete – stand doch, dass es weise sei, wenn jeder Mann eine eigene Frau habe und jede Frau einen eigenen Mann.

Abigail ließ sich langsam auf einen Polstersessel sinken, sah die Frau hinter dem Schreibtisch mit tränenverschleiertem Blick an und sagte: „Wie können Sie nur etwas so Verletzendes sagen?“

„Wenn man wirklich ehrlich zu einem Menschen sein will, dann tut das manchmal weh“, entgegnete die Heiratsvermittlerin und im Blick ihrer hellen Augen war ein Hauch von Bedauern zu erkennen. Doch ihr Mund bildete eine gerade Linie, sodass sie beinah finster wirkte. „Wie oft sind Sie jetzt schon abgereist, um einen künftigen Bräutigam kennenzulernen und dann unverrichteter Dinge und unzufrieden zurückgekommen?“

Abigail blinzelte mehrmals rasch hintereinander. „Ich … äh … also das weiß ich nicht so genau.“

„Aber ich weiß es – sechs Mal.“ Mrs Bingham schaute sie mit strengem Blick an und legte die Hände auf dem Kontobuch übereinander. „Beim ersten Mal haben Sie behauptet, das Haus sei zu klein und habe außerdem keinen Herd zum Kochen. Beim zweiten Mal hatte der künftige Bräutigam nur noch Zahnstummel im Mund und Mundgeruch. Beim dritten Mal war die Entfernung zur nächsten Stadt zu groß, und Sie fühlten sich nicht sicher. Beim vierten Mal haben Sie gesagt, Sie könnten unmöglich einen so kleinen Mann heiraten. Beim fünften Mal gab es in der Stadt keine Apotheke und keinen Hutladen – und Sie haben gefragt, wie Sie an einem so tristen Ort überleben sollten? Dieses Mal ist der Grund nun also der Lehmfußboden, das Grasdach und Spinnen, die sich während der Mahlzeiten abseilen.“

„Wenn Sie die heruntergekommene Wohnung gesehen hätten, dann …“

„Bitte, Abigail – machen Sie doch mir und auch sich selbst nichts vor, wenn ich das so sagen darf.“

Abigail hob das Kinn wieder ein wenig angriffslustiger und kniff ganz leicht die Augen zusammen. „Was soll denn das heißen?“

Mrs Bingham griff in eine der Schreibtischschubladen und wedelte mit einem kleinen, quadratischen Blatt Papier, das sie daraus hervorholte. „Vor drei Tagen habe ich dieses Telegramm erhalten, also am selben Tag, an dem Sie in den Zug gestiegen sind, um wieder zurück nach Newton zu fahren.“

Abigail brach der Schweiß aus.

„Soll ich es Ihnen vorlesen?“

Am liebsten hätte Abigail verneint. Sie wollte weg, nur weg, aber sie hatte einen so trockenen Mund, dass ihr die Zunge am Gaumen klebte, und ihre zitternden Beine sie nicht getragen hätten.

Mrs Bingham setzte jetzt ihre Brille auf und hielt das Blatt Papier ins Licht. „Schicke sie zurück. Zu eingebildet. Geld zurück oder neues Mädchen.“

Abigail fühlte sich so gedemütigt, dass ihr am ganzen Körper heiß wurde. Ob andere Bewerber ähnliche Nachrichten geschickt hatten? Erst war sie von den jungen Männern aus ihrer eigenen sozialen Schicht wegen der Vergehen ihres Vaters abgewiesen worden und jetzt wurde sie von unwürdigen Bewerbern abgewiesen, weil sie zu kultiviert war und gute Manieren hatte. Ob es wohl einen Ort gab, an den sie gehörte? Und wenn ja, wo war dieser Ort? Sie wurde förmlich verzehrt von ihrer Sehnsucht nach einem Zuhause und einer eigenen Familie, und sie hätte jetzt am liebsten geweint, aber sie schniefte nur ein bisschen, blinzelte die Tränen weg und hielt den Kopf hocherhoben, wie es ihre Mutter ihr beigebracht hatte.

Mrs Bingham legte das Telegramm wieder in den Ablagekorb und sah Abigail durchdringend an. „Jetzt mal heraus mit der Wahrheit, Abigail. Wessen Entscheidung war es, wieder nach Newton zurückzukommen – Ihre oder seine?“

Sie betupfte sich die Stirn mit dem Handrücken ihrer behandschuhten Hand und stammelte: „Also, nun ja … ich … er …“ Sie schluckte, legte die Hände in den Schoß und fuhr fort: „Es war wohl beidseitig.“

„Mmm-hmmm.“

Abigail beugte sich ein wenig vor, sah die Heiratsvermittlerin mit flehendem Blick an und sagte: „Ich bin ein Stadtmensch, Mrs Bingham. Schicken Sie mich doch nach Boston oder New York oder sogar nach Philadelphia. Ich bin sicher, dass ich dort zurechtkomme, wenn Sie mich nur an jemanden vermitteln, der von ähnlicher Herkunft ist wie ich.“

Da stieß Mrs Bingham einen tiefen Seufzer aus. „Die Beschreibung von Ihnen in dem Telegramm – hochnäsig – ist sehr präzise, und sie ist auch der größte Hinderungsgrund, jemand Passenden für Sie zu finden.“

Wieder senkte Abigail den Kopf und blinzelte ihre Tränen weg. Wie konnten kultivierte Manieren als Hinderungsgrund betrachtet werden? Ihre frühsten Kindheitserinnerungen und die Erinnerungen, die sie am meisten in Ehren hielt, waren die Teepartys mit ihrer lieben Mutter, bei denen diese ihr geduldig gezeigt hatte, wie man das Besteck benutzt, wie man sich nach einem kleinen Bissen Kuchen oder einem kleinen Schluck Tee den Mund abtupfte und nicht abwischte, wie man sich angemessen ausdrückte und die Benimmregeln einhielt.

Jetzt, da ihre Mutter nicht mehr lebte, war ihr nichts geblieben als die Erinnerung und die Vornehmheit, die sie von ihr gelernt hatte. Musste sie diese letzten Überreste ihres früheren Lebens jetzt auch noch ablegen, weil sie gerne heiraten wollte? Abigail schob solche Gedanken beiseite und konzentrierte sich ganz auf Mrs Binghams strenge Zurechtweisung.

„Meine Klienten sind bodenständige, schwer arbeitende, verantwortungsbewusste Männer, die bodenständige, schwer arbeitende, verantwortungsbewusste Frauen suchen, um mit ihnen eine Beziehung fürs ganze Leben aufzubauen, Abigail. Wenn ich Sie in eine Großstadt schicke, ist das keine Lösung des Problems, weil sie Ihr hochnäsiges Getue, Ihre mäkelige und wirklichkeitsfremde Art ja mitnehmen.“ Resigniert hob sie beide Hände. „Ich habe wirklich getan, was ich konnte, aber ein halbes Dutzend gescheiterte Versuche sind sechs zu viel für dieses Geschäft. Wenn ich weiterhin Geld für eine Vermittlung nehme, die unmöglich erfolgreich sein kann, dann schadet das meinem Ruf als Heiratsvermittlerin.“

Sie schaute zur Tür, wo Abigails dick gewölbte Reisetasche mit ihrer gesamten irdischen Habe stand. „Ihre Tasche ist ja noch gepackt, Abigail, packen Sie sie gar nicht erst wieder aus, sondern nehmen Sie sie und …“

Da sprang Abigail händeringend auf und schämte sich gleichzeitig für dieses Verhalten, doch zu etwas anderem war sie nicht in der Lage. „Bitte streichen Sie mich nicht aus Ihrer Kartei mit Bräuten, Mrs Bingham. Geben Sie mir doch noch eine Chance. Ich verspreche, dass es dieses Mal anders wird.“

Die Heiratsvermittlerin stand daraufhin auf und trat mit entschlossener Miene hinter dem Schreibtisch hervor. „Ich habe die Absicht, Ihnen noch eine letzte Chance zu geben. Es …“

Da ergriff Abigail die Hände der Frau, hielt sie fest und sagte: „Ach, danke, vielen Dank, Ma’am.“

Doch Mrs Bingham zog ihre Hände weg und sagte in strengem Ton: „Würden Sie bitte freundlicherweise so lange ruhig sein, bis ich fertig bin?“

Da nahm Abigail rasch die Hände auf den Rücken und schwieg, aber ihre Brust hob und senkte sich rasch und heftig, weil ihr Atem stoßweise ging. Ach, warum nur hatte der himmlische Vater einen so schweren Weg für sie gewählt? Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn sie, genau wie ihre Mutter, an gebrochenem Herzen gestorben wäre. Jedenfalls wäre ihr dann dieses erniedrigende Betteln erspart geblieben.

Mrs Bingham blätterte nun in einem Ordner auf ihrem Schreibtisch, nahm einen großen Umschlag heraus und hielt ihn sich wie einen Schild vor den Körper. „Dieser Umschlag wurde mir von Männern aus einer kleinen Stadt in Kansas zugeschickt und enthält sechzehn schriftliche Bewerbungen um eine Braut.“

In Abigail keimte Hoffnung auf. Bei sechzehn Männern war doch bestimmt auch ein annehmbarer Kandidat für sie dabei.

„Wenn sie nicht die Vermittlungsgebühren schon beigelegt hätten, hätte ich sie sicher gleich weggeworfen. Die Briefe …“, die Frau verzog das Gesicht, „… es reicht wahrscheinlich, wenn ich sage, dass es vielen der Verfasser dieser Bewerbungen doch sehr an gesellschaftlichem Schliff mangelt.“

Abigail biss sich von innen auf die Unterlippe und ihre Hoffnung schwand schon wieder.

„Aber sechzehn Anfragen … als Geschäftsfrau kann ich die voraussichtlichen Einnahmen unmöglich einfach ausschlagen. Deshalb werde ich für jeden dieser Männer eine passende Frau finden.“

Abigail atmete einmal tief durch, um sich etwas zu beruhigen. Sie hatte versprochen, dass die nächste Vermittlung erfolgreich sein würde. Schließlich war sie schon fünfundzwanzig – nächstes Jahr im April würde sie für eine Vermittlung nicht mehr infrage kommen, weil sie dann zu alt und nicht mehr vermittelbar wäre. Egal, wie unattraktiv der nächste Mann sein würde oder wie trostlos die Unterkunft, sie würde ihn als Ehemann akzeptieren müssen.

„Aber ich vermittle keines von meinen Mädchen an Männer, die vielleicht unzivilisiert und rüpelhaft sind. Deshalb muss diese Gruppe von Bewerbern erst einmal etwas zivilisiert werden.“ Die Heiratsvermittlerin ließ den großen Umschlag mit dem Packen Briefe auf den Schreibtisch fallen und verschränkte die Arme vor dem Körper. „Und da, meine Liebe, kommen Sie ins Spiel.“

Abigail legte den Kopf schräg. „Ich verstehe nicht …“

„Sie haben gute Manieren, können sich gut ausdrücken, und Sie verfügen zudem über ein gewisses Maß an Autorität.“

Falls Mrs Bingham das als Kompliment gemeint hatte, passte ihr Ton so gar nicht dazu.

„Wenn es jemanden gibt, der die Fähigkeit hat, aus diesen Männern geeignete Ehemänner für meine Mädchen zu machen, dann sind Sie es, Abigail.“ Die Frau trat jetzt wieder hinter ihren Schreibtisch und kramte in einer der Schubladen. „Ich habe schon in den Zugfahrplan geschaut. Morgen Nachmittag geht ein Zug nach Pratt Center, Kansas, und ich werde noch heute ein Telegramm nach Spiveyville aufgeben und den Telegrafisten dort über Ihre Ankunft am Fünfzehnten des Monats in Kenntnis setzen.“

Abigail wurde plötzlich von Erschöpfung übermannt. Wenn Mrs Bingham vorhatte, was sie vermutete, dann wollte sie damit nichts zu tun haben. „Ma’am? Ich …“

Doch Mrs Bingam richtete sich kerzengerade auf, sah Abigail mit festem Blick an und stellte fest: „Sie schulden mir bereits eine stattliche Summe für Gebühren und Bahnkosten, Abigail. Sind Sie in der Lage, mir das Geld bis auf den letzten Cent zu erstatten?“

Abigail biss die Zähne zusammen. Wenn Sie noch über irgendwelche Rücklagen verfügt hätte, wäre sie wohl kaum auf die Idee gekommen, sich als Braut auf Bestellung herzugeben. Der Einspruch, den sie gerade noch hatte vorbringen wollen, erstarb ihr deshalb auf der Zunge.

„Dann können Sie das Geld abarbeiten, indem Sie als Lehrerin für mich arbeiten. Ich schicke Sie nach Spiveyville, um die Bräutigame auf ihre Bräute vorzubereiten.“

Kapitel 2

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Spiveyville

Mack

Mack! Mack!“

Das wilde, fast panische Rufen von der Straße her unterbrach Mack beim Sortieren der gerade eingetroffenen Ladung Türangeln. Er raste los, sodass seine schweren Stiefel fast genauso heftig und laut auf dem Holzboden polterten, wie sein Herz schlug. Er war schon beinah beim Eingang, als Clive Ackley so schnell hereingestürmt kam, dass die hölzerne Tür dröhnend gegen ein Fass mit Nägeln schlug. Der etwa einen halben Zentimeter breite Streifen auf Clives Wangen, der nicht von Bart bedeckt war, leuchtete knallrot und Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Er wedelte mit einem Stück Papier wie mit einer Fahne und verkündete atemlos: „Ich hab’ … hab’ ’n … Tele… Telegramm gekriegt. Sie kommen!“

Mack packte den Posthalter bei seinen schweren Schultern. „Wer kommt? Gibt es wieder einen Aufstand?“ Soweit er wusste, hatten die Cheyenne seit 1878 nicht mehr gegen die weißen Siedler im benachbarten Comanche County rebelliert, aber die Leute machten sich immer noch Sorgen, dass es wieder zu Aufständen kommen könnte. Also schüttelte er Clive heftig und wiederholte noch einmal: „Jetzt reiß dich mal zusammen und erzähl mir, wer kommt.“

„Unsere Bräute!“, antwortete Clive keuchend.

Mack ließ den Mann so abrupt los, dass sie beide ins Straucheln gerieten. Vielleicht war es aber auch Erleichterung, die dafür sorgte, dass er ganz weiche Knie bekam. Er stemmte die Hände in die Hüften und starrte den Posthalter nur fassungslos an. „Du kommst also laut brüllend die Straße hoch, und reißt beinah meine Tür aus den Angeln, nur um mir das zu sagen?“

Clive tänzelte auf der Stelle und seine Augen glänzten heller als ein paar brandneue Pennystücke. „Ja klar. Das musste ich dir doch erzähl’n, weil du sie ja von der Bahnstation hol’n musst.“

Mack lachte und sagte: „Nein, muss ich nicht.“

Clive kam hinter ihm hergewieselt, packte ihn beim Arm und sagte: „Aber du musst.“

Doch Mack machte sich los, stapfte zu einer Kiste, kniete sich davor und kramte darin herum.

Clive umfasste mit seiner einen Hand den Rand der Kiste und beugte sich vor, sodass er Mack mit seiner Nase im Weg war. „Du musst sie hol’n.“

Da richtete Mack sich auf, hockte sich auf seine Fersen und antwortete: „Ich habe hier zu tun, Clive. Würdest du jetzt bitte gehen und …“

„Hör zu!“ Clive ging jetzt auf der anderen Seite der Kiste ebenfalls in die Hocke. „Du musst uns’re Frau’n abholen. Die Rancher könn’n doch ihre Kühe nich’ einfach ’nen ganzen Tag allein lassen, damit sie die Mädels selbst abhol’n könn’. Und ich bin von der Regierung angestellt und darf mein’ Posten in der Poststation nicht verlassen und Louis Griffin schneidet gerade jedem Kerl die Haare und stutzt Bärte, weil wir gut ausseh’n woll’n wenn die Frau’n komm’.“

Mit leicht zusammengekniffenen Augen sah Mack Clive an: „Du lässt dir von Louis den Bart stutzen?“

„Jap.“ Clive fuhr sich mit den Fingern durch seinen struppigen Bart und ein paar Krümel – wahrscheinlich noch vom Frühstück – fielen auf sein fleckiges gestreiftes Hemd. „Wenigstens ’n bisschen – vielleicht.“

Mack feixte, woraufhin Clive nur schnaubte und ein Gesicht zog. „Die Sache ist die, dass du der Einzige bist, der nicht sein Haus auf Vordermann bring’n muss oder neue Hosenträger kauf’n oder sich ums Vieh kümmern. Wir haben alle zu tun, aber in so ’nem Eisenwarenladen ist doch nichts so wichtig, dass du nicht ein, zwei Tage dichtmachen kannst für die Tour zur Bahnstation. Und außerdem bist du auch der Einzige, der sich keine Frau aussuchen will aus dem Haufen, da macht es doch Sinn, wenn du fährs’ und sie hols’.“

Clives Bemerkung, dass Macks Gewerbe nicht so wichtig sei wie die anderen, versetzte ihm einen Stich, aber er beschloss, darauf nicht weiter einzugehen.

„Also, für mich wäre es eher logisch, mich ganz und gar rauszuhalten, weil ich gar nichts damit zu tun habe“, entgegnete er deshalb nur.

„Das kanns’ du ja auch, aber ers’ wenn du sie nach Spiveyville geholt has’. Weil du keine von den’ heiraten wills’, könn’ wir sicher sein, dass du dir nicht die Hübscheste für dich selbst schnappst, bevor wir sie überhaupt zu Gesicht kriegen, verstehste?“

„Das Einzige, was ich verstehe, ist, dass ich überredet werden soll, auf eine ganze Tageseinnahme in meinem Laden zu verzichten und ohne guten Grund eine weite Fahrt zu machen.“

Da reckte Clive seinen Hals vor wie ein Kampfhahn. „Willst du damit etwa sagen, dass es kein guter Grund is’, wenn man sein’ Freunden und Nachbarn hilft?“

Da schämte Mack sich. Hatte Prediger Doan nicht erst letzten Sonntag eine Predigt darüber gehalten, dass man die Bedürfnisse der anderen über die eigenen stellen sollte? Hatten die Bewohner dieser Stadt ihm nicht auch in seinen Zeiten größter Not beigestanden? Seine Mutter hatte ihm jeden Tag ihres Lebens Liebe und Freundlichkeit vorgelebt. Was hätte sie ihm wohl jetzt geraten? Er seufzte, denn er wusste, was sie ihm geraten hätte.

Mit gesenktem Kopf fragte er also: „Wann kommen sie denn an?“

Da riss Clive die Arme hoch und stieß einen Jubelruf aus. „Der Zug kommt nächsten Montagnachmittag in Pratt Center an.“ Dann klopfte er Mack noch einmal fest auf die Schulter und fuhr fort: „Die Jungs sind alle so gespannt auf die Bräute, un’ wir sin’ dir so dankbar, dass du sie herhols’. So, und jetzt muss ich los und es rumerzähl’n. Danke noch mal, Mack!“

Und damit stürmte Clive wieder hinaus und Mack sah ihm kopfschüttelnd hinterher, während sich in seinem Bauch Sorge breitmachte. „Wir sind dir dankbar“, hatte Clive gesagt. Na ja, vielleicht würden Clive – und auch all die anderen – anders reagieren, wenn sich herausstellte, dass die Ladys, die sie erwarteten, absolut keine Ladys waren. Er hoffte, dass seine Freunde und Nachbarn nicht ihn dafür verantwortlich machten, wenn der ganze Plan fehlschlug.

15. Oktober 1888Pratt Center, Kansas Helena Bingham

Helena trat von der Passagierplattform des Eisenbahnwaggons auf die unbefestigte Straße. Eine Windbö zerrte an ihrem breitkrempigen Federhut und überzog ihr Reisekostüm aus gewalkter Wolle mit Staub und feinem Sand. In den Falten ihres Überrocks blieben winzige Körner hängen, die auf dem pfauenblauen Stoff sehr unschön aussahen. Mit einem leicht verärgerten Knurren klopfte sie den Rock ab, doch dabei blieben ein paar weitere Schmutzflecken an ihren Handschuhen zurück. Bei Antritt der Reise vor drei Tagen waren die Handschuhe noch blütenweiß gewesen, jetzt hatten sie einen hässlichen mausgrauen Schimmer. Doch sie verkniff sich ein weiteres verärgertes „Igitt“, blickte wieder auf und warf einen Blick auf die Stadt.

Dass es diese Stadt noch nicht lange gab, war am frischen Weiß der Holzverschalungen fast jedes Geschäftes entlang der breiten unbefestigten Straße zu erkennen. Die Bahnstation hob sich mit ihrem roten Anstrich und den in kühnem Gelb abgesetzten Fensterrahmen stolz wie ein Kardinal in einer Schar von Spatzen ab, aber der heitere Anblick bewirkte lediglich, dass der erbärmliche Zustand all der anderen Läden noch hervorgehoben wurde. Völlig unerwartet durchfuhr sie ein Anflug von Mitgefühl. Vielleicht hatte sie Abigail ja vorschnell für ihre Kritik an den vorausgegangenen Vermittlungen verurteilt. Am liebsten wäre sie wieder in den Zug gestiegen und so schnell wie möglich zurück nach Newton in ihr wohlgeordnetes und hübsch dekoriertes Leben zurückgekehrt, aber das ging nicht. Noch nicht.

Abigails erschrockene Miene war ihr noch gut im Gedächtnis und auch die völlig entsetzte Frage der jungen Frau: „Sie wollen mich allein und schutzlos zu einer Horde rüpelhafter Cowboys schicken?“ Sosehr es Helena auch widerstrebte es zuzugeben, ihr Plan, den Ranchern in Kansas von Abigail Nachhilfe in Etikette und Umgang mit Frauen geben zu lassen, war kurzsichtig gewesen. Sie hatte zwar keinen Zweifel daran, dass Abigail den Männern gutes Benehmen beibringen konnte – Helena stammte selbst aus der besseren Gesellschaft und kannte sich mit gutem Benehmen und Sittsamkeit aus –, aber sie hatte noch nie eine Frau kennengelernt, die sich so strikt an die Regeln hielt wie Abigail Marguerite Grant, doch die junge Frau allein und ohne Begleitung loszuschicken, hätte mit Sicherheit für Ärger gesorgt.

Sie musste sich also persönlich darum kümmern, dass die junge Frau hier sicher war, und deshalb war sie dann am Ende selbst mitgereist. Und da stand sie nun auf einer unbefestigten Straße in einer unzivilisierten Stadt in Kansas, ihre zuverlässige Taschenpistole gut verstaut in ihrem Pompadour aus Samt.

Abigail war inzwischen ebenfalls von der Plattform des Waggons gestiegen und stand jetzt neben Helena. Ihre hängenden Schultern und die dunklen Ringe unter ihren Augen ließen sie viel älter wirken als fünfundzwanzig. Helena musste an ihre liebe Schwester Marietta Constance denken, die mit Mitte zwanzig auch eine so sorgenvolle Ausstrahlung gehabt hatte. Jetzt mit einundvierzig ließen die ständig hängenden Schultern und die Falten auf der Stirn sie wie ihre ältere Schwester wirken, obwohl sie achtzehn Jahre jünger war. Fast automatisch ermahnte Helena die junge Frau deshalb: „So stehen Sie doch gerade, Abigail. Egal, ob müde oder nicht, eine Lady steht nie mit hängenden Schultern da.“

Daraufhin richtete Abigail sich mit einem Ruck auf, als zöge jemand einen Faden, der an ihrem Kinn befestigt war, hoch. Sie ließ ihren Blick über die Umgebung schweifen und ihr Mund verzog sich zu einem missbilligenden Flunsch. „Es sieht nicht so aus, als ob uns jemand erwartet.“

Gleisarbeiter und andere Passagiere, die ebenfalls ausgestiegen waren, wimmelten auf dem Bahnsteig um sie herum, und alle schienen sie neugierig zu beäugen – was verständlich war in Anbetracht der Tatsache, dass sich ihr städtischer Schick von den schlichten Baumwollkleidern und -hauben der anderen Frauen stark abhob, aber niemand sprach sie an.

Helena zeigte auf eine Bank, die an der Wand der Bahnstation im Schatten stand. „In dem Antworttelegramm aus Spiveyville wurde versichert, dass wir am Bahnhof abgeholt werden. Vielleicht verspätet sich der Fahrer ja ein wenig. Lassen Sie uns dort Platz nehmen und auf ihn warten.“

Auf dem Weg zu der Bank wurde Helena auf einen jungen Mann aufmerksam, der eine graue Hose, ein blaues Hemd und eine Mütze mit dem Emblem der Eisenbahn trug. „Würden Sie bitte unser Gepäck aus dem Gepäckwagen holen? Es sind zwei Truhenkoffer und eine Reisetasche, alles mit dem Namen Bingham versehen.“

„Ja, Ma’am“, antwortete der Mann und trottete davon.

Helena ging vor Abigail her zu der Bank und beide setzten sich mit gekreuzten Füßen und ordentlich im Schoß gefalteten Händen dorthin, wie es sich gehörte. Abigails Pompadour baumelte an der Schnur fast am Boden, aber Helena behielt ihren für den Fall, dass sie die Pistole benötigte, auf dem Schoß. Manche der Männer, die die Straße auf und ab schlenderten, sahen aus, als wären sie ziemlich raue Burschen.

An der einen Ecke des Bahnhofs hing ein Schild mit der Aufschrift „Telegrafenamt“. Vielleicht sollte sie noch rasch ein Telegramm an Marietta aufgeben mit der Nachricht, dass sie wohlbehalten in Kansas eingetroffen waren, denn ihre liebe Schwester würde wahrscheinlich erst Ruhe finden, wenn sie wusste, dass die beiden Frauen in Sicherheit waren. Marietta neigte dazu, sich zu viele Sorgen zu machen, und mit ihrer lebhaften Fantasie stellte sie sich immer die absurdesten Szenarien vor. Obwohl es Helena schmerzte, Binghams Bräutevermittlung für die nächsten beiden Wochen Marietta anvertrauen zu müssen, würde sie mit der Aufgabe hoffentlich so beschäftigt sein, dass sie gar keine Zeit hatte, sich irgendwelche Gräuelszenarien auszudenken.

Der Mitarbeiter der Eisenbahngesellschaft, dem sie den Auftrag gegeben hatte, ihr Gepäck zu holen, kam jetzt mit einem kleinen beladenen Handwagen zurück. Er zog seine Mütze, wischte sich den Schweiß von der Stirn und grinste. „Da wären wir, Ladys. Zwei Koffertruhen und eine Reisetasche. Ziemlich viel für zwei Personen, wie mir scheint.“

Helena warf dem Mann einen giftigen Blick zu und sagte: „Ich habe Sie nicht um Ihre Meinung zu meinen Reisegepflogenheiten gebeten, sondern nur darum, unser Gepäck zu holen.“

Das Grinsen des Mannes verschwand, er blinzelte irritiert, nahm seine Mütze ab, kratzte sich am Kopf und fragte dann: „Was haben Sie gesagt?“

Daraufhin holte Helena eine kleine Münze aus ihrem Pompadour und gab sie ihm. „Schon gut. Danke für Ihre Mühe.“

Der Mann steckte die Münze ein und setzte sich die Mütze wieder auf sein wirres Haar.

„Brauchen die Ladys eine Kutsche? Es gibt gleich um die Ecke einen Mietstall. Ich kann meinen Chef fragen, ob ich schnell hinlaufen kann und …“

Doch Helena unterbrach ihn. „Wir werden abgeholt, junger Mann.“

Der Wind wurde böig und Helena musste ihren Hut an der Krempe festhalten. Vielleicht hätte sie sich für einen kleineren Hut entscheiden sollen, einen kleinen Strohhut wie Abigails, der in einem kecken Winkel vor ihrem hochgesteckten Haar saß.

Mit gerunzelter Stirn fragte Helena: „Ist es in Kansas immer so windig?“

„Nein, Ma’am. Manchmal ist es eher stürmisch, dann türmen sich richtige Sandwehen auf. Wir freuen uns gerade über das schöne milde Wetter.“ Und damit tippte er sich an die Hutkrempe, machte auf dem Absatz kehrt und ging davon.

Abigail packte Helena beim Handgelenk. „Hat er Sandwehen gesagt?“

„Ach, er übertreibt sicher nur“, antwortete sie. „Ich habe natürlich schon von Sandstürmen in Kansas gehört, aber die kommen eher in der offenen Prärie vor und während der trockenen Monate. Wir haben jetzt Oktober, dann wird der Boden von Regen und ersten Schneefällen wieder feuchter. Machen Sie sich keine Gedanken, Abigail.“

Abigail nickte zwar, aber ihre zweifelnde Miene erinnerte Helena an Mariettas ständige Besorgtheit, und wieder empfand sie Mitgefühl. Deshalb tätschelte sie der jungen Frau noch einmal beruhigend die Hand und zu ihrer Erleichterung zeigte sich ein kleines zittriges Lächeln auf Abigails Lippen.

Helena setzte sich sehr aufrecht hin und unterdrückte ein Gähnen. Die Müdigkeit bewirkte, dass ihre Gedanken in die Vergangenheit abschweiften. Mit dem Ehevermittlungsgeschäft hatte sie zum Teil deshalb begonnen, weil sie mit ihrem lieben Mann Howard so wunderbare Jahre verbracht hatte und deshalb der Meinung war, dass jede Frau mindestens einmal im Leben eine solche Wonne erleben müsse. Doch der Hauptgrund war, dass sie die zunehmende Sorge im Blick ihrer lieben Schwester beobachtet hatte, als sie von einem Bewerber nach dem anderen stehen gelassen wurde.

Eigentlich hätte Helena Abigail schon vor Monaten wieder ihre Sachen packen lassen müssen, aber sie brachte es einfach nicht übers Herz. Für Marietta gab es in dieser Hinsicht keine Hoffnung mehr, aber Abigail war noch jung genug, um als Braut zum Altar zu schreiten. Helena gelobte, alles zu tun, was in ihrer Macht stand, um zu verhindern, dass Abigail in dasselbe Loch des Unglücklichseins und der Unzufriedenheit fiel, in dem Marietta schon so lange saß.

Die Lokomotive pfiff jetzt und unterbrach sie in ihren trüben Gedanken. Dampf stieg aus dem Schornstein, die Eisenräder ächzten und kreischten auf den Schienen, die Kraft der Lokomotive brachte den Bahnsteig zum Vibrieren und damit auch die hölzerne Bank, sodass Helena ein Kribbeln in den Beinen spürte. Der Zug fuhr an und sein durchdringendes Pfeifen war noch so lange zu hören, bis die Lokomotive und alle acht Waggons sich außerhalb der Stadtgrenzen befanden.

Ein paar Minuten nachdem das letzte Pfeifen in der Ferne verklungen war, kam ein Pferdewagen bis an den Bahnsteig herangefahren und ein Mann mit kräftigem Oberkörper und einem gepflegten hufeisenförmigen Schnauzbart brachte das Fuhrwerk zum Stehen. Mit einem Stiefeltritt legte er die Bremse ein und sprang dann behände vom Wagen. Er klopfte den Staub von seiner braunen Hose und dem Jackenrevers, rückte die Schleife am Hemdkragen gerade und blickte schließlich auf. Da begriffen Helena und Abigail.

Mit leicht zusammengekniffenen Augen sah er sie ein paar Sekunden lang an, nickte dann kurz und kam auf sie zu. Er nahm seinen Cowboyhut ab, sodass dunkles Haar zum Vorschein kam. Der Blick seiner blauen Augen schweifte kurz zu Abigail, verharrte aber dann bei Helena. „Guten Tag, Ladys. Gehören Sie zu den Bräuten aus Massachusetts?“

Da stand Helena auf, gab dem Mann die Hand und antwortete: „Ich bin Mrs Helena Bingham, Inhaberin von Bingham’s Brautvermittlung. Und das hier ist Miss Abigail Grant.“ Abigail stand auf, machte einen angedeuteten Knicks und hielt dabei ihren Pompadur vor dem Körper. „Und Sie sind …?“

„Mack Cleveland, Ma’am.“

Helena kramte in ihrem Gedächtnis, aber der Name sagte ihr nichts. „Sind Sie ein angehender Bräutigam, Mr Cleveland?“

Seine glatt rasierten Wangen wurden tiefrot, bevor er antwortete: „Äh, nein, Ma’am, aber die Männer in Spiveyville freuen sich schon sehr auf Ihre Ankunft.“ Er schaute nach rechts und links und fragte dann: „Sind die Bräute im Stationsgebäude? Wir haben noch eine vierstündige Rückfahrt nach Spiveyville vor uns, deshalb würde ich gern so schnell wie möglich wieder aufbrechen.“

Abigail warf Helena einen verwunderten Blick zu, doch Helena legte ihr den Arm um die Taille und antwortete: „Wir sind nur zu zweit.“

Nachdenklich kaute er an seinem Schnurrbart. „Sie haben für sechzehn Männer nur eine Braut mitgebracht?“

Helena lachte leise. „Miss Grant ist keine Braut, sondern meine Assistentin.“

Er schlug mit dem Hut gegen seinen Oberschenkel und blickte finster drein, wobei sein gutes Aussehen dadurch nicht getrübt wurde. „Dann kommen die Bräute also erst mit dem nächsten Zug? Eigentlich hatte ich nicht vor, einen ganzen Tag in Pratt Center zu bleiben.“

Daraufhin räusperte sich Helena und erklärte: „Wie gesagt, wir sind nur zu zweit.“

Da runzelte er die Stirn noch heftiger und bemerkte: „Aber in Spiveyville warten sechzehn ungeduldige Junggesellen darauf, dass ich mit einem Wagen voller Bräute zurückkomme.“ Er zerknautschte die Krempe seines Hutes und hielt erneut inne, um wieder nachdenklich an seinem Schnurrbart zu kauen. „Ich weiß ja nicht, was für eine Gaunerei Sie im Schilde führen – ich mache dabei jedenfalls nicht mit.“

Da stieg Empörung in Helena auf und sie schaute ebenso finster drein wie er. „Mr Cleveland, ich mache nur ehrliche Geschäfte. Wenn ich vorhätte, Menschen zu betrügen, dann würde ich doch nicht die lange ermüdende Reise aus meinem behaglichen Zuhause in Massachusetts ins unwirtliche Flachland von Kansas auf mich nehmen, oder?“

Daraufhin sah er sie sehr lange schweigend an und stieß schließlich einen Seufzer aus. „Also gut. Aber wo sind denn nun die Bräute?“

„Sie kommen nach, sobald ich mich vergewissert habe, dass sie hier von anständigen, gesetzestreuen Männern in Empfang genommen werden.“ Dann deutete Helena auf den kleinen Handwagen mit ihren Taschen und Koffern. „Wären Sie jetzt bitte so freundlich, unser Gepäck aufzuladen und uns auf den Wagen zu helfen? Wenn uns noch eine vierstündige Fahrt bevorsteht“, sie wand sich innerlich bei der Vorstellung, wie unbequem es sein würde, so lange in dieser hölzernen Kiste unterwegs zu sein, „dann sollten wir uns möglichst schnell auf den Weg machen.“

Daraufhin ergriff er ohne ein weiteres Wort die Deichsel des kleinen Handkarrens und zog ihn gefolgt von Helena und Abigail zum Pferdefuhrwerk.

Während er die Truhenkoffer hinten auf den Wagen lud, flüsterte Abigail Helena ins Ohr: „Ich hoffe, dass das Hotel in Spiveyville ein Bad anbietet. Wir werden völlig eingestaubt sein, wenn wir dort ankommen.“

Abigail hatte zwar geflüstert, aber offenbar hatte Mr Cleveland trotzdem gehört, was sie gesagt hatte, denn er drehte sich um und erklärte: „Ich enttäusche Sie wirklich ungern, aber in Spiveyville gibt es kein Hotel.“

„Kein Hotel? Dann vielleicht eine Pension?“, fragte Helena.

Er schüttelte den Kopf. „Aber es gibt ein Restaurant, das früher ein Saloon war, und im Obergeschoss stehen ein paar Zimmer leer, in denen früher die … äh … Mädchen gewohnt haben … bis Governor St. John den Verkauf und Ausschank von Alkohol verboten hat.“

Abigail schnappte hörbar nach Luft und Helena fasste sich an die Kehle, die sich plötzlich wie ausgedörrt anfühlte.

„Im Laufe der Jahre sind die Zimmer ab und zu von Besuchern der Stadt genutzt worden“, berichtete der Mann weiter und warf dabei Abigails Reisetasche über die Längsseite in den Wagen. „Das Haus gehört Athol Patterson. Sie können ihn fragen, ob er Ihnen ein, zwei Zimmer vermietet, wenn wir ankommen. Das heißt“, er lehnte sich mit den Ellenbogen auf die Wagenkante und schaute sie an, „falls Sie immer noch mit mir nach Spiveyville fahren wollen.“

Helena überlegte. Wenn sie nicht erst vor Kurzem Abigail einen Vortrag darüber gehalten hätte, dass sie zu etepetete sei, dann hätte sie den Mann aufgefordert, ihre Koffer wieder abzuladen, und wäre in den ersten Zug zurück in den Osten gestiegen. Aber wie konnte sie jetzt die Nase rümpfen, ohne als Heuchlerin dazustehen? Außerdem war es ein zu einträgliches Geschäft, mehr als ein Dutzend Bräute auf einen Schlag an den Mann zu bringen, sodass sie es sich nicht entgehen lassen konnte. Die Vermittlungsgebühren waren verlockend und darüber hinaus wären sechzehn glückliche Bräutigame auf einen Schlag sicher auch eine gute Werbung für ihre Heiratsvermittlung.

Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Bitte helfen Sie uns doch auf den Wagen, Mr Cleveland, ja? Und dann lassen Sie uns aufbrechen. Ich möchte gerne die Männer von Spiveyville kennenlernen.“

Kapitel 3

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Mack

In der ersten Stunde ihrer Fahrt von Pratt Center nach Spiveyville machte er sich solche Sorgen, dass er kein Wort sprach. Es würde ihn nicht wundern, wenn sich die Männer, die sich auf den Straßen von Spiveyville versammelt hatten, um ihre Bräute zu begrüßen, beim Anblick des leeren Wagens in einen Lynchmob verwandelten. Aber die beiden Frauen würden sie bestimmt nicht hängen, sondern ihm würde es an den Kragen gehen.

Mack fuhr sich mit dem Finger unter den Hemdkragen. Es war Oktober – müsste es nicht eigentlich langsam kühler werden? Das Barometer, das in Louis Griffins Barbershop hing, hatte 22 °C angezeigt, als er sich auf den Weg nach Pratt Center gemacht hatte, aber auf der Fahrt unter dem wolkenlosen Himmel, von dem gnadenlos die Sonne herunterbrannte, fühlte es sich doppelt so heiß an.

Er riskierte einen Seitenblick auf die Frau. Sie war nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Vielleicht um die sechzig. Ma hätte ihm das Fell versohlt, wenn er nach ihrem Alter gefragt hätte. Die Frau saß kerzengerade, die Spitze ihrer geknöpften Schuhe schaute unter dem Saum ihres leuchtend blauen Rocks hervor, in ihren behandschuhten Händen hielt sie einen ausgebeulten pechschwarzen Beutel auf dem Schoß, und ihr stählerner Blick war über die Pferderücken hinweg in die Ferne gerichtet. Sie war angezogen wie eine Lady, wie die Art von Frauen, die Onkel Ray immer als „verblühende Veilchen“ bezeichnet hatte. „Alles nur Blendwerk“, hatte er nach dem Durcheinander mit Wilhelmina verächtlich gemurmelt. Das Einzige, was an Mrs Bingham verblüht war, war ihr Hut, und ob sie in Wirklichkeit nicht auch eine Schwindlerin war, musste sich erst noch herausstellen.

Die andere Frau, die jüngere mit dem schmollenden Rosenknospenmund und den langen Wimpern, klammerte sich am Rand des rüttelnden Sitzes fest und hatte ihre Füße gegen das Fußbrett des Wagens gestemmt. Ihre blasse Haut war schon leicht gerötet – Sonnenbrand. Eine Frau, die in die Prärie von Kansas kam, hätte eigentlich so vernünftig sein müssen, eine Haube zu tragen statt eines kleinen Strohhütchens, das nur die vordere Hälfte ihres Kopfes bedeckte. Trotzdem tat sie ihm leid. Sie würde heute Nacht ziemliche Schmerzen haben.

Er räusperte sich und sagte: „Miss Grant, wenn Sie ein Taschentuch in Ihrer Tasche haben, dann möchten Sie es sich vielleicht vors Gesicht halten.“

Abigail schaute Mrs Bingham an. „Wozu denn das?“

„Um das Gesicht vor der Sonne zu schützen.“ Die Sonne ging zwar langsam unter, schien aber immer noch ziemlich heftig.

„Wenn ich den Sitz loslasse, um mir ein Taschentuch vors Gesicht zu halten, dann falle ich bestimmt herunter. Das ist die holprigste Straße, auf der ich jemals gefahren bin.“ In dem Moment stieß eines der Wagenräder gegen eine Baumwurzel, sodass ihre Zähne heftig aufeinanderstießen.

Mack schmunzelte, aber eher belustigt als beleidigt. „Also, ich weiß ja nicht, ob man es tatsächlich als Straße bezeichnen kann. Es ist eher ein Trampelpfad, den das Vieh mit der Zeit ausgetreten hat, wenn es zum Markt getrieben wurde. Aber jetzt, wo die Chicago, Kansas & Nebraska Eisenbahnlinie durch Pratt Center führt, nehme ich an, dass das hier in ein, zwei Jahren eine offizielle Straße ist, weil dann noch mehr Züge fahren werden. Aber das hilft Ihnen im Moment ja auch nicht viel, oder?“

Als Antwort kam nur ein leises Schnauben, und Abigail griff nicht in den Beutel, der an ihrem Handgelenk hing. „Dass es in Spiveyville kein Hotel gibt, haben wir ja bereits erfahren. Gibt es denn wenigstens einen Mietstall?“

Mack runzelte die Stirn. „Ja. Hugh Briggs – von dem Sie wahrscheinlich auch einen Brief bekommen haben – ist der Mietstallbesitzer von Spiveyville. Er ist außerdem ein guter Hufschmied und Wagenbauer und dann arbeitet er für manche Rancher aus dem Ort auch noch als Tierarzt.“

„Die meisten Mietstallbesitzer vermieten doch auch Kutschen, oder?“

Mack nahm beide Zügel in eine Hand und kratzte sich an der Wange, denn irgendwie verstand er dieses Gespräch nicht. „Ja, das stimmt.“

„Wenn Sie eine Kutsche gemietet hätten, dann könnten Mrs Bingham und ich jetzt bequem ohne die starke Sonnenstrahlung reisen. Und außerdem bräuchten wir uns dann nicht auf einen so schmalen Sitz zu quetschen“, bemerkte Abigail in vorwurfsvollem Ton.

Aber Hugh besaß gar keine geschlossene Kutsche. Die einzige geschlossene Kutsche in ganz Spiveyville gehörte Tobis Adelman, dem Bankdirektor der Stadt, und der ließ niemanden damit fahren. Mack zuckte mit den Achseln. „Ich gebe zu, dass es etwas eng ist. Wenn Sie möchten, halte ich an, und Sie können hinten auf die Ladefläche steigen und sich für den Rest der Fahrt auf einen von den Koffern setzen.“ Vielleicht konnte sie sich ja hinter ihn und Mrs Bingham hocken, sodass sie in ihrem Schatten saß.

Aber sie entgegnete nur spitz: „Ich habe weder den Wunsch noch die Absicht, auf einer Truhe hinten auf dem Fuhrwerk zu sitzen, Mr Cleveland.“

„Aber wenn Sie …“

„Abigail, Abigail …“ Mrs Bingham tätschelte Miss Grants Knie und lächelte Mack entschuldigend an. „Bitte entschuldigen Sie meine Assistentin. Sie ist etwas erschöpft von der langen Eisenbahnfahrt, und wenn sie müde ist, dann wird sie leicht unleidlich.“

Mack war sich nicht sicher, aber er glaubte, einen warnenden Unterton in der Aussage der älteren der beiden Frauen zu bemerken. Doch wenn es so war, dann galt das sicher nicht ihm. „Kein Problem, Ma’am“, sagte er deshalb nur.

In dem Moment wehten zwei Steppenroller vor ihnen über den Weg, die Pferde erschraken und brachen seitlich aus, sodass der Wagen ins Schlingern geriet. Miss Grant kreischte, die Pferde legten die Ohren an und spannten die Muskeln, aber Mack hielt die Zügel mittlerweile mit beiden Händen fest und war vorbereitet, falls die Pferde durchgingen.

„Ruhig, ganz ruhig“, sagte er mit tiefer beruhigender Stimme. Die Pferde schnaubten, aber ihre Ohren entspannten sich wieder, und sie fielen in den alten Trott. Mack stieß einen Seufzer aus und schickte ein Dankgebet zum Himmel. Dann wandte er sich mit strengem Blick an die jüngere seiner Fahrgäste und sagte in festem Tonfall: „Miss, ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie das nicht noch einmal tun.“

„Was denn?“

„Na, so ein Geräusch machen.“

„Welches Geräusch denn?“

Glaubte sie im Ernst, er würde sie jetzt nachmachen? „Na das, das Sie gerade gemacht haben, dieses schrille Geräusch.“

Sie schniefte. „Ich bitte um Entschuldigung, aber als die Pferde auf diese großen Klumpen von … was auch immer das war, reagiert haben, hat mich das erschreckt.“

„Das waren Steppenroller, Miss, von denen Sie wahrscheinlich noch mehr zu sehen bekommen werden, weil die hier durch die Gegend gepustet werden. Die Pferde mögen plötzliche Bewegungen nicht besonders, aber plötzliche laute Geräusche mögen sie noch weniger. Besonders bei hohen, schrillen Geräuschen scheuen sie, und dann kann es sein, dass sie durchgehen, und wenn sie durchgehen, kann der Wagen umkippen, und dann … Also ich nehme an, Sie sind klug genug, um sich vorzustellen, was dann passieren könnte.“

„Ja“, sagte Mrs Bingham und ihrer Stimme war Erheiterung anzumerken. „Und wir wollen schließlich nicht, dass der Inhalt meiner Koffer über die ganze Prärie verstreut wird. Meine Besitztümer könnten ja bis nach Nebraska gepustet werden.“

Mack lachte kurz auf, aber es hörte sich eher wie Husten an. „Na ja, Ma’am, da der Wind gerade von Norden kommt, würden die Sachen wahrscheinlich eher in Oklahoma landen, aber ich möchte nicht, dass Ihre Truhen oder sonst etwas herunterfällt.“

„Ich auch nicht.“ Und noch einmal legte die ältere der beiden Frauen der jüngeren die Hand aufs Knie. „Sie wird ihre Ausbrüche im Griff haben, nicht wahr, Abigail?“

„Ja, Ma’am“, aber das klang eher verärgert als zustimmend.

Mack kaute einen kurzen Moment an seinem Schnurrbart. „Kann ich Sie etwas fragen, Ma’am?“

„Aber sicher.“

„Vorhin am Bahnhof haben Sie gesagt, dass Miss Grant Ihre Assistentin ist. Was genau tut sie für Sie.“

Ein listiges Lächeln umspielte jetzt den Mund der Heiratsvermittlerin. „Ich glaube, ich werde Ihre Frage beantworten, wenn wir in Spiveyville angekommen sind, Mr Cleveland. Wären Sie jetzt so freundlich, uns etwas über Ihre Stadt zu erzählen? In den Briefen, die ich von den künftigen Bräutigamen bekommen habe, war sehr klar die Rede von dem … äh … Bedürfnis der Absender nach einer Lebenspartnerin, aber über den Ort Spiveyville war kaum etwas zu lesen.“

„Was möchten Sie denn wissen?“

„Alles.“

Er kratzte sich am Kinn, kramte in seinem Kopf nach etwas Interessantem über Spiveyville und sagte dann achselzuckend: „Vielleicht fange ich am besten mit der Geschichte der Stadt an.“

„Ja, das wäre schön.“

Obwohl Mack keine persönliche Verbindung zu irgendeinem der Gründer von Spiveyville hatte, war er stolz auf die kleine Stadt, die mittlerweile sein Zuhause war. Es machte ihm Freude, Einzelheiten der bescheidenen Anfänge von Spiveyville als Armeefort und letzte Poststelle am Rande des Indianergebietes weiterzugeben. „Als die Siedler um das Fort herum immer mehr Häuser gebaut hatten, weil sie sich in der Nähe eines Armeepostens sicherer fühlten, beschlossen sie, den Ort Spiveyville zu nennen, zu Ehren von General Spivey, der für das Fort verantwortlich war. Ich habe ihn nie persönlich kennengelernt, aber alle sagen, dass er gerecht, ehrlich, gutmütig und ein treuer Diener Gottes war.“

Beide Frauen hörten aufmerksam zu und das ermutigte ihn weiterzureden. Er beugte sich so weit nach vorn, dass er die Ellenbogen auf den Knien abstützen konnte, klatschte leicht mit den Zügeln auf die Pferderücken, damit die Tiere ihr Tempo beibehielten, und erzählte dann weiter.

„Im Jahr 1867 wurde das Fort dann von Präsident Johnson geschlossen, aber die Siedler sind geblieben, und an der Stelle, wo einmal das Fort war, ist eine Stadt entstanden. Wir haben unsere eigene Kirche, eine Schule und eine Poststation.“ In Gedanken ging er die Hauptstraße entlang und berichtete weiter: „Es gibt eine Bank, ein Landvermessungsbüro, ein Restaurant, eine Bäckerei, einen Schneider, einen Friseur, einen Mietstall – Briggs Mietstall habe ich ja schon erwähnt, oder? Wir haben außerdem einen großen Gemischtwarenladen mit Lebensmitteln, Kurzwaren und allem, was man im Haushalt braucht. Der Laden gehört Grover Thompson – der übrigens keine Braut bestellt hat, weil er schon eine Frau hat – und er kümmert sich darum, dass er alles dahat, was wir brauchen. Wir haben außerdem großes Glück, dass wir Doc Kettering haben. Er behandelt Menschen, zieht auch Zähne, und er kümmert sich außerdem um das Vieh. In seiner Praxis betreibt er eine kleine Apotheke. Ja, und dann gibt es noch mich mit dem Eisenwarenladen. Das waren alle Geschäfte, die es gibt.“

Miss Grants feine Augenbrauen zogen sich über der Nasenwurzel zusammen, wo die Haut mittlerweile so rot war wie reife Kirschen. „Kein Kleider- oder Hutladen?“

Mack schüttelte den Kopf. „Die Frauen in Spiveyville nähen ihre Kleider selbst oder bestellen sie fertig aus dem Katalog.“ Ihre bestürzte Miene verdarb ihm etwas die Freude am Erzählen, aber er fuhr trotzdem fort: „Ich glaube, im Vergleich zu den großen Städten im Osten hat Spiveyville nicht viel zu bieten, aber es ist sauber, und es leben dort überwiegend faire, ehrliche, gutmütige Männer, die dem Herrn dienen und dem Namensgeber alle Ehre machen.“

„Und was ist mit Frauen?“ Mrs Bingham fächelte sich mit der Hand Luft zu. „Gibt es auch faire, ehrliche, freundliche Frauen in Spiveyville? Ich frage das, weil ich in meiner gesamten Berufslaufbahn als Heiratsvermittlerin noch nie so viele Bewerbungen aus einem Ort bekommen habe.“

Als Mack sich jetzt wieder aufrichtete, stieß er dabei versehentlich Mrs Bingham mit dem Ellenbogen an. Er entschuldigte sich und rückte so weit wie möglich von ihr ab. Er war froh, wenn er endlich wieder von der Bank absteigen konnte, denn sie war wirklich nicht für drei Personen gemacht.

„Es gibt ein paar Frauen, und ich würde sagen, die Beschreibung der Männer gilt auch für sie“, fuhr er fort. „Aber jede Frau im heiratsfähigen Alter ist schon verheiratet. Es gibt eine Handvoll Mädchen – auf unsere Schule gehen fast vierzig Kinder – aber die älteste von ihnen ist erst dreizehn.“

„Und haben Sie denn schon eine Frau, Mr Cleveland?“ In der Frage der Heiratsvermittlerin schwang keine Spur von Belustigung mit und hätte er das bemerkt, hätte er sicher nicht geantwortet. Doch so sagte er: „Nein, Ma’am.“

„Und trotzdem haben Sie sich nicht um eine Braut beworben?“

„Nein, Ma’am.“

„Weil Sie Heiratsvermittlerinnen nicht vertrauen?“

Mack vertraute Gott, dem Einzigen, der seiner Meinung nach Ehen vermitteln sollte, aber er wollte die Frau auch nicht ihrer Tätigkeit wegen kränken. Nicht, solange er nicht sicher war, dass sie etwas Ungesetzliches tat. Er räusperte sich und antwortete ausweichend: „Die Männer, die Ihnen geschrieben haben, wollen schon lange heiraten und warten nun ungeduldig darauf, dass es endlich so weit ist und sie Familien gründen können.“

Indem er dies aussprach, stellte sich wieder Sorge bei ihm ein. Was würden Clive Ackley, Hugh Briggs, Athol Patterson und all die anderen dazu sagen, wenn er ohne die erwarteten Bräute zurückkam? Er hatte Mrs Bingham erzählt, dass die Männer ehrliche, gutmütige Kerle wären, aber so würden sie sich vielleicht nicht verhalten, wenn sie merkten, dass die Heiratsvermittlerin ohne Bräute kam, wenn man einmal von Miss Grant absah, die zwar im richtigen Heiratsalter zu sein schien, aber nicht zur Verfügung stand. Und vielleicht war das auch gut so. Ihr bissiger Tonfall und die kaum verschleierten Klagen machten sie nicht gerade liebenswert. Welcher Mann wollte schon eine Kratzbürste heiraten, auch wenn sie hübsch anzusehen war? Und hübsch war Miss Grant auf jeden Fall – wenn man von dem Sonnenbrand einmal absah.

Mack nickte in ihre Richtung und sagte: „Wenn wir in Spiveyville ankommen, bringe ich Sie gleich zu Doc Kettering.“

Mit großen Augen fragte sie: „Aber weshalb denn?“

„Ich glaube, dass Ihre Nase und die Wangen heute Nacht heftig brennen werden, weil Ihr Gesicht zu viel Sonne abbekommen hat und Sie es nicht bedeckt haben, wie ich Ihnen geraten habe. Die Sonne hat Sie rot gebrannt wie einen Backstein.“ Auch ihre Augen waren rot gerändert, die Sonne hatte also mehr als nur ihr Gesicht verbrannt.

Sie schlug sich ihre behandschuhten Hände an die Wangen und sah ihn erstaunt an.

„Der Doc hat einige Aloepflanzen auf seinen Fensterbänken. Wenn man eines der Blätter davon abknipst und das klebrige Zeug, das dann herauskommt, auf eine Verbrennung reibt, dann brennt es nicht so sehr.“ Er schaute sie noch einmal kurz an und fügte noch hinzu: „Vielleicht braucht er bei Ihnen aber auch mehr als ein Blatt.“

Sie schaute rasch weg, richtete sich dann plötzlich mit einem Ruck auf und rief: „Schauen Sie doch mal die vielen Kühe!“

Mack ließ seinen Blick über die Prärie schweifen, die sich, so weit das Auge reichte, vor ihnen erstreckte. Und tatsächlich, auf beiden Seiten der Straße grasten kleine Herden. Wenn sie auf Vieh trafen, dann bedeutete das nichts anderes, als dass sie sich der Stadt näherten, und das wiederum bedeutete, dass er sehr bald einer ganzen Horde enttäuschter Bräutigame würde gegenübertreten müssen.

Er atmete so tief ein, dass sein Brustkorb beinah sein Hemd sprengte. Dann hielt er die Luft an und atmete wieder aus. Er hatte sich noch nie vor einer Konfrontation gedrückt oder sich hinter den Röcken einer Frau versteckt, aber je nachdem wie heftig die Männer von Spiveyville auf sein leeres Fuhrwerk reagierten, würde es vielleicht heute das erste Mal sein.