Auf den Spuren des Udo Proksch - Ingrid Thurnher - E-Book

Auf den Spuren des Udo Proksch E-Book

Ingrid Thurnher

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  • Herausgeber: Ecowin
  • Sprache: Deutsch
Beschreibung

Plötzlich tauchen Dokumente auf, dann Notizen, ein Kalender, Fotos von bekannten Menschen, schönen Frauen, Mitgliederlisten, Briefe von Freunden, Namen. Die Dokumente des Udo Proksch. Jenes Mannes, der aus dem Nichts kam und der eine Republik in Atem gehalten hat. Ein "Napoleon", der Menschen in seinen Bann ziehen konnte und sie dazu brachte Dinge zu tun, die sie vielleicht gar nicht wollten. Genialer Erfinder, Netzwerker, Verführer, Krimineller. Den fast jeder gekannt hat und dem mancher nur zufällig begegnet sein will. Eine Spurensuche beginnt.

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Ingrid Thurnher

Auf den Spuren desUdo Proksch

Ingrid Thurnher

AUF DEN SPURENDESUDO PROKSCH

 

Der Zuckerbäcker,

der eine ganze Republik verführte

 

 

 

 

Ingrid Thurnher

Auf den Spuren des Udo Proksch

Der Zuckerbäcker, der eine ganze Republik verführte

 

 

Umschlagidee und -gestaltung: kratkys.net

 

 

 

 

 

1. Auflage

© 2011 Ecowin Verlag, Salzburg

Lektorat: Dr. Arnold Klaffenböck

Coverfoto: Kristian Bissuti

Gesamtherstellung: www.theiss.at

Gesetzt aus der Sabon

Printed in Austria

ISBN 978-3-7110-5007-6

 

www.ecowin.at

www.westlicht.at

Inhalt

Eine Art Vorwort

Danke

Das Proksch-Archiv

Rüdiger Proksch

Peter Coeln

Das Archiv

Der Zufall

Die Gerichtsakten

Udo Proksch – eine Annäherung

Wer ist Udo Proksch?

Vater

Mutter

Udo

Lehr- und Wanderjahre

Der Überflieger

Der Brillen-Pionier

Wilhelm Anger

Serge Kirchhofer

Der Goldfinger

Die USA-Geschäfte/Udo goes international /Roland Pleterski

Brillen für die Stars

Udo und die Frauen

Alles Plastik

Eine große Vision

Udo, der Spion?

Das „Gutruf“

Liebling der Gesellschaft/Partylöwe

Der Verein „Freunde der Senkrecht-Bestattung“

Die Plastik-Armee

Minister X

Hirtenberger Munition

XP 19 geht weiter – oder doch nicht?

Das Plastikhaus

Der Bubbleman

Der Zuckerbäcker

Demel

Neue Zeiten

Schaufenster-Skandale

Kein Zutritt für Japaner – Off limits for Japanese!

Der Doppeladler

Die erste Adresse – oder Treffpunkt für Prominenz

Udo, der Gönner

Club 45

Macht, Mythen und Märchen

Der Club, die Politik und die Geschäfte

Geschichten vom Dr. Kreisky

Der AKH-Skandal

Imelda Marcos

Der Auto-Plan

Udo überall

Tänzer auf vielen Hochzeiten

Black Mountains

Civil und Militär

Fayez Chlache

Der „Fall Lucona“

Der Untergang

Die Vertuschung

Das Scheingeschäft

Udo und Jörg Haider

Kulissen, Kostüme, Kerker

Simplicius Simplicissimus

Udos „Schwarzes Schloss“

Eine Art Nachwort: Udo – ein Simplicissimus?

Lebenslauf

Abbildungsverzeichnis

Stichwortverzeichnis

Eine Art Vorwort

Am 27. Juni 2001 stirbt Rudolf Proksch, genannt Udo, im Alter von 67 Jahren in der Strafanstalt Graz-Karlau. Sich einer Figur wie ihm zu nähern, das ist auch Jahre nach seinem Tod noch eine delikate Angelegenheit. Es scheint in der Wahrnehmung s­einer Person geradezu verfeindete Gruppen zu geben. Die einen, die den Lebens-Künstler verehren und ihn zum Genie hochstili­sieren, die anderen, für die er vor allem ein Mörder und ein Scharlatan war.

In diesem Buch soll keine Wertung vorgenommen werden. Seiner Sammelleidenschaft, der Organisation seines Bruders ­Rüdiger, dem Fotografen und Betreiber der Galerie „WestLicht“ Peter Coeln und einem Zufall ist es zu verdanken, dass tausende Belege seines jedenfalls bewegten und höchst ungewöhnlichen Lebens heute in einem Archiv zusammengefasst sind.

Dieses Buch erhebt auch keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Und es zieht nicht in Zweifel, was die Gerichte über Udo Proksch befunden haben: dass er nämlich für den Tod von sechs Menschen auf dem versenkten Schiff „Lucona“ verantwortlich war und dafür als sechsfacher Mörder zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt wurde.

Die Abbildungen sind großteils noch nie veröffentlichte Fotos, Zeichnungen, Entwürfe und Dokumente aus dem Proksch-Archiv der Galerie „WestLicht“. Viele Zitate von Udo Proksch sind verschiedenen erhaltenen Filmaufnahmen und Interviews entnommen.

Udo Proksch wird im Text dieses Buches der Einfachheit halber nur als Udo bezeichnet – das soll nicht als Anbiederung ­verstanden werden, sondern die Annäherung an diesen außer­ge­wöhn­lichen Menschen erleichtern.

Bei allen Euro-Umrechnungen von Schilling-Beträgen wurde eine durchschnittliche Inflationsrate mit einberechnet, um die aktuelle Kaufkraft der angeführten Summen darzustellen.

In den (kursiven) Zitaten wurde die Rechtschreibung aus den Original-Vorlagen übernommen, lediglich sinnstörende Rechtschreib- und Grammatikfehler wurden stillschweigend korrigiert.

Danke

an Peter Coeln und Rüdiger Proksch für ihre Unterstützung,

an Arnold Klaffenböck, meinen unnachgiebigen, aber immer höflichen Lektor,

an Hannes Steiner, den personifizierten Ecowin Verlag,

an Monika Thurnher, meine Schwester, für moralische Unterstützung, Motivation und Recherche,

an meinen Mann für seine Nachsicht und sein großes Verständnis.

©Archiv WestLicht, Wien

Das Proksch-Archiv

Rüdiger Proksch

Am Ende des etwa vier Meter langen Tapezierertisches sitzt der gedrungen wirkende Mann mit dem wirren, schütteren Haupthaar, über einen Aktenordner gebeugt. Immer wieder steht er auf, nimmt einen weiteren Ordner aus einem der Regale, die ihn umgeben. Mit selbstverständlichen, zielsicheren Handgriffen findet er dieses Dokument, jenes Foto, eine bestimmte Zeichnung, eine ganz besondere Aufstellung oder genau den Brief, der den gefragten Sachverhalt darstellt.

Erst auf den zweiten Blick offenbart sich die Ähnlichkeit: Rüdiger Proksch hat die Züge und die Körpergröße seines Bruders Udo, nicht aber dessen Selbstbewusstsein und Ausstrahlung. Rüdiger war immer die zweite Geige im Proksch-Orchester, dessen Instrumente Udo alle zu spielen vermochte.

Aber Rüdiger Proksch wird schon früh fixer Bestandteil in Udos Leben. … Rüdiger, der Dich liebt, wie dies eben nur ein Bruder kann und der für Dich jede Demütigung, und Du gingst mit solchen Demütigungen nicht sparsam um, ertrug …, schreibt der Vater später an Udo über das brüderliche Verhältnis. 1965 holte Udo seinen um ein Jahr jüngeren Bruder aus Salzburg, wo er als Maschinen­setzer bei einer Druckerei in der Bergstraße ­arbeitete, nach Wien in sein „Studio für Werbegestaltung“, nachdem sein Werbeleiter bei einem Unfall tödlich verunglückt war. Seit diesem Zeitpunkt war Rüdiger Proksch auch Udos Archivar. Er hatte den Auftrag, alle seine Unterlagen laufend zu sammeln, zu fotokopieren und zu ordnen. Dabei liefen Berufliches und ­Privates untrennbar ineinander, und so wurde die Sammlung ­zugleich Firmen-, Fa­milien- und Udos höchst persönliches Archiv. Das reicht zurück bis in Udos Studienzeit an der Wiener Akademie für angewandte Kunst, wo er zwischen 1954 und 1958 einige Semester Design belegt hatte. Bis heute besitzt Udos zweiter Bruder, der Architekt Roderich Proksch, von damals noch etliche Stoffmuster-Entwürfe und Aktzeichnungen. Roderich und Udo hatten sich zu ihrer Studienzeit in Wien eine Wohnung in der Wiener Köllnerhofgasse im ersten Gemeindebezirk geteilt.

Der Umgang mit archivierten Unterlagen, sagt Rüdiger Proksch heute, sei für seinen Bruder typisch gewesen: Wenn’s einmal in der Kiste war, ist es dringeblieben. Waren die Dokumente also fein säuberlich im Ordner abgeheftet, war die Ange­legenheit für Udo im Grunde erledigt und interessierte ihn fortan nicht mehr. Eingesehen wurden die Akten später nur dann, wenn etwas gebraucht wurde, zum Beispiel, als im Zivilprozess um den „Lucona“-Untergang Unterlagen beigebracht werden mussten, um Schadensersatz-Forderungen an die Versicherung zu stellen – Forderungen, die bekanntlich niemals erfüllt wurden – oder um alte Ideen wieder hervorzukramen.

Der Raum in der Wiener Galerie „WestLicht“ war zwei Jahre lang der Arbeitsplatz von Rüdiger Proksch. Tausende Doku­mente, Fotos, Entwürfe, Zeichnungen, Briefe, Akten, Korrespondenzen, Bilder, Rechnungen, Brillenmuster, das alles galt es zu sortieren, katalogisieren, ordnen. Alles Material, das Peter Coeln, dem Besitzer der Galerie, auf bizarren Wegen in die Hände fiel.

Peter Coeln

„WestLicht“ in der Wiener Westbahnstraße stellt so etwas wie ein Dorado für Freunde der Fotokunst und Kameratechnik dar. Der Leica Shop im Erdgeschoss, das Museum, das immer wieder spektakuläre Schauen zeigt, das ist das Reich des Peter Coeln. Der renommierte Fotograf gründete unter anderem die „Rare Camera Company“ in London, das weltweit größte Auktionshaus für Kameras „WestLicht Auktionen“ und 2001 das Museum „WestLicht – Schauplatz für Fotografie“. Für den 56-jährigen Coeln ist seit seinem 16. Lebensjahr alles rund um die Fotografie Profes­sion und Obsession. 1970 traf ihn die Leidenschaft wie der Blitz. Ausgelöst durch ein von ihm geschossenes Foto von Jochen Rindt auf dem Salzburgring, sechs Tage vor dessen Tod in Monza. Wenig später gewann der gebürtige Linzer mit dem Porträtbild einen Wettbewerb und die Perspektive auf seinen wei­teren Lebensweg.

Das Archiv

Westbahnstraße 40, erster Stock, das letzte Zimmer hinten links. Eine ganze Wand mit Ordnern. Dutzende Kisten. Vier Schränke mit je zehn Laden für Fotos, alle voll. Zusammengerollte Pläne. An der Wand lehnt ein Porträt von Udo Proksch – gemalt von Otto Muehl. Ein wertvolles Bild, es sollte irgendwann einmal aufgehängt werden, aber wo? Hier im Hinterzimmer ist kein Platz, und es ist wohl auch nicht der richtige Ort. An dem kleinen Stück Wand, das nicht von Regalen verstellt ist, da hängt schon ein Bild. Klein und oval, eine Fotografie von Erika Pluhar mit ­einer großen, schwarzen, runden Brille. Dann steht da ein etwa 30 Zentimeter langes und 15 Zentimeter hohes Modell eines Extruders – einer Maschine zum Herstellen von Kunststoffteilen. Und ganz oben auf einem der Regale versteckt sich ein Werk des Objektkünstlers Padhi Frieberger mit Brillen aus der Hand des Designers Serge Kirchhofer alias Udo Proksch.

Der Zufall

Irgendwann im Jahr 2005 bekam Peter Coeln Besuch von einem Händler. Der Mann sei bekannt auf Flohmärkten, kaufe und verkaufe alles Mögliche. Er hätte da ein paar Fotos, unter anderem ein Nacktfoto der 14-jährigen Erika Pluhar. Peter Coeln kennt sich aus mit Fotos. Sofort vermutete er den Fotografen Roland Pleterski als Urheber. Pleterski war mit Erika Pluhars älterer Schwester Brigitte verheiratet und experimentierte schon früh mit Akt-Fotografie – das Foto von Erika Pluhar entstand lange, bevor Udo in ihr Leben treten sollte.

(© Roland Pleterski/Archiv WestLicht, Wien)

In den USA war Pleterski später ein gefragter Modefotograf und arbeitete mit den Top-Models seiner Zeit. Dort fertigte er für Udo Proksch mehrere Fotoserien seiner Brillen an. Nach seiner Rückkehr nach Wien 1966 fand er sich stets in Udos Tross. Er begleitete ihn auf privaten und beruflichen Reisen, und auch davon sind zahlreiche Bilder erhalten. (Einige davon sind in der ersten umfassenden Werkschau zu sehen, die Peter Coeln 2007 in Buchform über die Arbeiten von Pleterski veröffentlicht hat.)

2000 Euro wollte der Mann für die Bilder. Peter Coeln zahlte und freute sich über seine Neuerwerbung. Kurze Zeit später kam der Mann wieder, er hätte da noch mehr Fotos, wieder 2000 Euro. Und dann: Zeichnungen. 2000 Euro. Brillenentwürfe. 2000 Euro. Ja, und er habe noch viel mehr von dem Zeug. In einem Keller in der Nähe von St. Pölten.

Peter Coeln konnte kaum glauben, was dieser Keller im Schein einer Taschenlampe offenbarte. Unzählige Dokumente von und über Udo Proksch. Er setzte sich mit Erika Pluhar in Verbindung, einer langjährigen Freundin und der ersten Ehefrau von Udo Proksch. Gemeinsam kontaktierten die beiden Rüdiger Proksch, der die Gegenstände sofort wiedererkennt. Es ist vieles von dem, was sein Bruder im Lauf seines Lebens zusammengetragen, geschrieben, gezeichnet und entworfen hat. Zuletzt gesehen hatte Rüdiger Proksch all diese Dinge im Keller des Hauses in der Schäffergasse im fünften Wiener Gemeindebezirk, in dem auch das Büro der Firma „Pinosa“ untergebracht war.

Die „Pinosa“ war ursprünglich eine ländliche Genossenschaft, die im niederösterreichischen Piesting Baumharz gewann und daraus verschiedene Produkte erzeugte. Später war es eine der vielen Firmen, mit denen Udo Proksch seine Projekte und Ideen vertrieb. Und dann nutzte Rüdiger Prokschs Sohn den Standort als Magazin und Lager.

 

Udos „Hinterlassenschaft“, Schäffergasse (Privataufnahme)

 

Er muss es wohl gewesen sein, der in den Jahren 2004 und 2005 Teile aus den alten Beständen heimlich an den Zwischenhändler verkaufte, über den das Material dann in die Hände von Peter Coeln gelangte. Coeln nahm sich schließlich auch jener Objekte an, die in der Schäffergasse bereits zu verschimmeln begannen – ein Schatz, der „Lucona“-mäßig gehoben werden musste, sagt er heute. Zunächst war er aber mit Widerstand der beiden Söhne von Udo Proksch konfrontiert – sie hielten Rüdiger Proksch vor, Bestände veräußert zu haben, obwohl er dazu nicht berechtigt gewesen sei. Dabei hatte ihm Udo Proksch nach seiner Flucht auf die Philippinen und in die USA eine notariell beglaubigte Vollmacht zukommen lassen, datiert mit 13. April 1989, die ihn ermächtigt, … bewegliche und unbewegliche Sachen und Rechte zu veräußern, zu verpfänden oder entgeltlich oder unentgeltlich zu übernehmen, Anleihen- oder Darlehensverträge zu schließen, bei Erbschaften bedingte oder unbedingte Erbserklärungen zu überreichen …

Die Vollmacht wurde von einem Notar in Nevada ausgestellt und liegt in deutscher Übersetzung vor.

Heute ist alles verfügbare Material im Archiv des Museums „WestLicht“ zusammengetragen. Mithilfe einer Galerie-Mitarbei­terin und von vier Kunst-Studentinnen wurden die Bestände in zweijähriger Arbeit sortiert, konserviert, inventarisiert und zum Großteil auch digitalisiert.

2007 wurde eine Vereinbarung zwischen dem Museum für angewandte Kunst (MAK), der Universität für angewandte Kunst und „WestLicht“ getroffen. Die Projektziele waren neben der wissenschaftlichen Aufarbeitung eine Ausstellung im MAK, eine Buchpublikation und ein Dokumentarfilm. („Out of Control“ wurde inzwischen sehr erfolgreich unter der Regie von Robert Dornhelm produziert.)

Im Archiv finden sich heute etwa 5600 Fotos, 4700 Negative, 2300 Dias, fast 9000 Briefe, Notizen, Dokumente und Zeitungsausschnitte, 3500 Werbemittel aus der Demel-Zeit und von den anderen wirtschaftlichen Aktivitäten, darüber hinaus tausende Skizzen und Entwürfe für Brillen, Schmuckgegenstände und Designobjekte, 875 Brillen-Prototypen sowie 80 Film-Fragmente und Hörspiele.

Eine Sammlung, mit der Udo Proksch seine eigene Geschichte unverfälscht erzählt. Von seiner nationalsozialistisch geprägten Kindheit, seiner Kreativität, seiner Lust am Spiel im Kreis der Mächtigen, seinem Hang zum Militärischen, seiner Sucht nach Frauen und Liebe, seiner Gier nach Öffentlichkeit und seiner ­Suche nach Anerkennung. Er zeigt uns mit seiner Hinterlassenschaft das Bild eines Mannes, der alles tun kann, ganz einfach, weil er sich über die meisten Konventionen hinwegzusetzen versteht. Er gibt den Künstler und den Hofnarren, den General und den Verführer, den Vermittler und den Geschäftsmann, das PR-Genie und den Politik-Berater, ganz wie es im passt.

Nur eines findet sich nicht im Archiv: die finstere Seite des verurteilten sechsfachen Mörders Udo Proksch – abgesehen von seiner These vom „unausrottbaren Tötungstrieb im Mann“, die er bei jeder passenden Gelegenheit zitiert. Sonst: Kein Plan, das Schiff „Lucona“ mit als Uranerz-Aufbereitungsanlage getarntem Schrott zu versenken, wofür er schließlich zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Kein Schriftstück, mit dem sich ein geplanter Versiche­rungsbetrug beweisen lässt. Kein Nachweis versuchter Zeugenbestechung oder nachträglicher Beweismanipulation. Wo also ist der „Akt Lucona“ abgeblieben?

Die Gerichtsakten

Die österreichische Gesetzeslage sieht vor, dass Akten von Strafprozessen 30 Jahre lang bei Gericht aufzubewahren sind. Einblick darf nur nehmen, wer ein berechtigtes Interesse vorweisen kann: Also zum Beispiel Angehörige, die Rechtsansprüche geltend machen wollen. Insgesamt 250.000 Seiten soll der Akt Udo Proksch und „Lucona“ umfassen. Zur Zeit des Prozesses, also Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre, wird noch nicht getwittert oder geblogt. Gerichtsberichterstatter dürfen nur einen Notizblock mit in den Saal nehmen. Von Wikileaks noch weit und breit keine Spur.

Aber Udos Geschichte besteht ohnehin aus mehr als nur dem „Fall Lucona“. Und diese Geschichte soll hier erzählt werden.

(© Peter Lehner)

Udo Proksch – eine Annäherung

Wer ist Udo Proksch?

Die Wahrnehmung von Udo in der Öffentlichkeit muss immer unter dem Eindruck der Zeit verstanden werden, zu der sie formuliert wird. Wenn da – auch in internationalen Medien – von einer schillernden Persönlichkeit voller Widersprüche, einem bunten Bürgerschreck oder einem genialen Meister der Selbst­darstellung die Rede ist oder die Schweizer „Weltwoche“ Udo einmal als chaotisches Gemisch aus Salvador Dalí und Orson Welles beschreibt, dann ist das vielleicht zur Zeit von Udos künstle­rischen Aktivitäten hoch gegriffen, trifft aber dennoch irgend­wie den Nagel auf den Kopf. Hans Pretterebner, der Autor des Aufdecker-Buches „Der Fall Lucona“, bezeichnet ihn als kriminelles Gesamtkunstwerk.

Je mehr ich mich mit seiner Person beschäftige, desto klarer wird: Er ist alles davon und gleichzeitig nichts davon. Ein paar Eigenschaftswörter und Vergleiche reichen nicht, um diese Ausnahmeerscheinung zu charakterisieren. Gibt’s heute noch einen Typen wie ihn? Hätte er eine Chance, hochzukommen, in unserem heutigen Umfeld? Oder war das gesellschaftliche Biotop, in dem er groß geworden ist, seine einzige Chance?

Bringen nur Familiengeschichten wie seine Persönlichkeiten wie ihn hervor? Machen nur politische Verhältnisse wie damals seinen Aufstieg möglich? Ist es der Mann, der ein System bis an die Grenzen benutzt, oder ein System, das einen Mann wie ihn walten lässt? Kann sich nur einer wie er, dem jede politische Ideologie fern, Religion zuwider und Konvention egal ist, bis in die herrschende Klasse hinauf durchlavieren? Vermutlich von allem etwas.

Dass er sich schon früh ein – höflich formuliert – etwas verqueres Weltbild zurechtzimmert, wird in einem Formular deutlich, in dem er die Mitgliedschaft zu einem „Austrian Welcome Club“ beantragt. Diese „Gesellschaft zur Förderung Internationaler Beziehungen“, wie es auf dem Formular heißt, hat damals ihren Sitz in der Wiener Innenstadt, heute gibt es keinen Nachweis ihrer Existenz mehr. Udo dekoriert das Aufnahmeformular mit einem Hakenkreuz, mit Hammer und Sichel, beantwortet die Frage nach seinem materiellen Ziel mit Millionär und nach seinem ideellen mit Würfel in Kugel verwandeln. Was er am besten könne? Leben. – Aufnehmen diesen Wahnsinnigen als förderndes (wohl förderndes Mitglied gemeint), fügt Udo zum Schluss noch hinzu.

Dem Versuch, ein umfassendes Bild des Udo Proksch zu zeichnen, kommt die Sammelleidenschaft zugute, die eindeutig in der Familie liegt. Schon Udos Vater Rudolf versucht stets, über das Leben seines Sohnes Buch zu führen. Tabellarisch listet er alle Daten auf, oft bleiben die Aufstellungen allerdings unvollständig und werden später ergänzt. Aber der Vater ist immer dran an Udo, seinem berühmten ältesten Sohn. Dass er sich auch um seine anderen Kinder so bemüht hätte, davon gibt es keinen Nachweis.

Vater

Udo! Das Zahlen- und Datengerippe eines Lebens. Das Fleisch dazwischen war allem ausgesetzt – was das Leben zum Leben macht. Aber es wurde gelebt. In einer Zeit, deren Unmenschlichkeit in ihrer Größe lag. Der Vater.

Das notiert Vater Rudolf Proksch handschriftlich auf seinem eigenen, nur für Udo verfassten Lebenslauf.

Mehr als über den erlernten kaufmännischen Beruf lässt der in Baden bei Wien Geborene seine Nachwelt über sein politisches Engagement erfahren. Nicht ohne Stolz vermerkt er da:

1925: NS Deutsche Arbeiterjugend (H.J.) sog. Bauer-Jugend. 1926–1931: SA (zuerst Vaterländischer Schutzbund) 1928: NSDAP Nr. 116.409. H.J. (RJF) Ehrenrang: 1935 Unterbannführer, 1939 Bannführer, Jänner 1944 Ehrenvoller Abschied. Reichsleitung NDSAP: 9. Nov. 1941: Abschnittsleiter, 9. Nov. 1943: Oberabschnittsleiter

Man erfährt auch, dass er zunächst stellvertretender Bundesführer der „Artamanen“ wird, zuständig für Organisation, Werbung, Presse und Ideologie. Der formal 1926 in München gegründete „Bund Artam e. V.“ war eine Jugendorganisation im deutschnationalen Flügel der Deutschen Jugendbewegung und des radikal-völkischen Siedlungsbundes. Unter dem Motto „Gläubig dienen wir der Erde und dem großen Stirb und Werde“ versammeln sich dort Vertreter einer völkischen, agrarromantischen Blut-und-Boden-Ideologie, die einen freiwilligen Arbeitsdienst in der Landwirtschaft propagieren.

1929 zerstritten und zersplitterten sich die Artamanen, und als die Nationalsozialisten 1934 alle Organisationen der „bündischen Jugend“ und der „freien Jugendbewegung“ im Zuge der Gleichschaltung auflösten und verboten, wurde der „Bund der Artamanen“ als einzige Ausnahme im Oktober 1934 korporativ in die „Hitlerjugend“ übernommen und bildete später den Kern des Landdienstes der HJ.

Auch Rudolf Proksch bewältigt nahtlos den Sprung von den Artamanen in die Hierarchie der NSDAP. Vom „Reichsnährstand“ der Landesbauernschaft Mecklenburg-Rostock in die Reichsleitung der NSDAP als Adjutant und persönlicher Referent des Hauptschulungsleiters der NSDAP Friedrich Schmidt, und schließlich 1943 Oberabschnittsleiter in der Reichsleitung der NSDAP. Nebenbei zum Gebirgsjäger ausgebildet, nimmt er am Einmarsch in Rumänien und in Griechenland teil und wird später Dienststellenleiter in der Ukraine und in Polen. 1945 notiert er dann: Attentatsplan auf Bormann. Ob er daran beteiligt gewesen sein will oder warum er das sonst in seinem Lebenslauf vermerkt, ist unklar. Ob da Albert oder Martin Bormann gemeint ist, geht nicht hervor: Beide Brüder sind in Spitzenfunktionen der NSDAP tätig: Martin als Leiter der Partei-Kanzlei, dann „Reichsleiter“ und später „Sekretär des Führers“, einer der mächtigsten Drahtzieher im Hitler-Regime; Albert zunächst als Hitlers Adjutant und als Abgeordneter im Reichstag.

Vater Proksch notiert zum Kriegsende: 12. – 16.4.1945: … Flucht vor Gestapo (Horn), 22.4. – 25.4.45 Prag, 26.4. – 27.4.45 Mährisch-Schönberg: Aktenvernichtung, 28.4. – 29.4.45 Prag – Ende des Auftrags, Mai 1945: Kapitulation (Frauenberg, Stmk.)

Nach einiger Zeit der Arbeitslosigkeit jobbt er gelegentlich als Bäckerei-Hilfsarbeiter in Lend im Pinzgau, wird dann „regis­triert“ und kommt ins Internierungslager Glasenbach in Salzburg. In solchen Einrichtungen wollten die Alliierten Kriegsverbrecher, Angehörige der SS und NSDAP-Funktionäre „entnazifizieren“. 12.000 bis 20.000 Menschen durchlaufen zwischen 1945 und 1947 das „Camp Marcus W. Orr“, benannt nach einem amerikanischen Offizier. Die Insassen werden allerdings keinerlei Umerziehungsmaßnahmen unterworfen, diese Strategie der Amerikaner ist bis heute umstritten. Die damals geknüpften Netzwerke sollen nämlich später zur Gründung des VdU (Verband der Unabhängigen) führen, der sich als politische Vertretung ehemaliger NSDAP-Mitglieder, Heimatvertriebener und Heimkehrer positioniert und bei den zweiten freien Nationalratswahlen nach dem Zweiten Weltkrieg 11,7 Prozent der Stimmen einfährt. 1956 geht der VdU in der neu gegründeten FPÖ auf.

Auch für Rudolf Proksch bietet der VdU eine neue politische Heimat, er baut die Partei in Lend auf.

Ab Anfang 1948 findet er bei der SAG (Salzburger Alumi­nium-Gesellschaft) in Lend einen Job, zunächst als Hilfsarbeiter, später als Arbeiterbetriebsrat und Mitarbeiter der Werkszeitung und in der kulturpolitischen Arbeit.

1954 holt ihn das Salzburger Landesverkehrsamt auf Initia­tive des damaligen Landeshauptmannes Josef Klaus als Mitarbeiter für Statistik, Presse und Marketing. Fortan nennt er sich „Chefredakteur“ und gibt als solcher auch in der Pension einen In­formationsbrief heraus, der sich häufig mit seinem Sohn Udo ­befasst. „Informationen Exklusiv. Nachrichten über Theater, Kunst, Mode, Diamanten, Schmuck und Accessoires“ erscheint erstmals 1961 und geht 1966 mit Einverständnis von Rudolf an Udo über.

 

Rudolf und Annelies Proksch, München 1942 (Privataufnahme)

Mutter

Auch der Lebenslauf der Mutter stammt aus der Feder des „Chefredakteurs“. Man erfährt, dass eine (mütterliche) Linie direkt in die Familie Goethes führt.

Die zentrale Figur der Familie sei sie gewesen, schreibt er. Rudolf lernt Annelies Eidt vermutlich bei den Artamanen kennen, wo sie ab Winter 1931 freiwillige Arbeitsdienste auf dem Lande verrichtet, einen davon in Mecklenburg. Dort verlobt sie sich mit dem stellvertretenden Bundesführer Rudi Proksch, am 22. September 1933 heiraten die beiden in Zittow in der Nähe des Schweriner Sees.

Annelies Eidt, 1913 in Hettenleidelheim in der Rheinpfalz geboren, ist von früher Jugend an als Turn-Sportlerin in den nachher nationalsozialistischen Jugendorganisationen dabei. Ihr spä­teres Leben bleibt aber ohne politisches Engagement. Sie bringt fünf Kinder zur Welt: 1934 Udo in Rostock/Mecklenburg, 1935 Rüdiger, ebenfalls in Rostock. 1938 kommt Roderich zur Welt, da lebt die Familie kurzzeitig in Berlin. 1941, mitten im Krieg, wird Tochter Rodlinde in München geboren, sie stirbt 1945 in Wien während eines Luftangriffes auf dem Weg ins Krankenhaus an der Lungenpest und wird in einem Splittergraben be­erdigt, später in ein Massengrab umgebettet, das heute nicht mehr existiert.

Und schließlich kommt 1946 Tochter Rodtraut in Schwarzach bei Lend in Salzburg zur Welt.