Beschreibung

Irland, 1912: Weil sie immer wieder gegen die Regeln verstößt, wird die junge Nonne Rose in ein Kloster nach Dublin versetzt, dem eine Wäscherei angeschlossen ist, die angeblich missratenen Mädchen Arbeit gibt. Rose erkennt schnell, dass die Magdalen-Frauen rücksichtslos ausgebeutet werden, Schläge und Misshandlungen sind an der Tagesordnung. Als Rose feststellt, dass die Magdalen-Frauen von Priestern missbraucht werden, lehnt sie sich gegen die Mutter Oberin auf und steht nun selbst unter strenger Bewachung. Zusammen mit zwei jungen Arbeiterinnen flüchtet Rose aus dem Kloster. Draußen erwartet sie allerdings kein besseres Leben, denn alle drei werden in die Wirren des irischen Freiheitskampfes verstrickt …

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Auf den zerbrochenen Flügeln der Freiheit

Rebecca Michéle

edition oberkassel

Inhaltsverzeichnis

Bete für die Ruhe der Seelen der reuigen Magdalen-Frauen

Rose

Cindy

Fiona

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

Nachwort

Dank an die LeserInnen

Rebecca Michéle

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Impressum

Landmarks

Cover

Inhaltsverzeichnis

Bete für die Ruhe der Seelen der reuigen Magdalen-Frauen

Schweigen breitet sich über den Friedhof aus –

Schweigen über eines der größten Verbrechen der

irischen Geschichte.

Rose

County Kerry, Irland, September 1912

»Es ist nicht nötig, dass ein jeder nach dem Gesetz beurteilt werde, denn wir haben auch Christi Gebot der Liebe.«

William Butler Yeats (1865 - 1939), irischer Dramatiker, Lyriker, Essayist und Autobiograph, Nobelpreisträger für Literatur 1923

Lautes Kinderlachen und Rufe drangen bis in den Kreuzgang. Rose liebte die Unbeschwertheit, die Kindern zu eigen war. Ein Lächeln auf den Lippen öffnete sie die Tür, betrat den Klassenraum und rief: »Guten Morgen, Kinder.«

»Guten Morgen, Schwester Rose«, wurde ihr Gruß im Chor erwidert. Fünfzehn Augenpaare sahen sie erwartungsvoll an. Nun waren die Kinder still und standen aufrecht hinter ihren jeweiligen Pulten. Rose trat vor sie und legte die Hände aufeinander. Die Kinder taten es ihr gleich, dann sprachen sie zusammen das Morgengebet: »Mein Gott, ich bete dich an und ich liebe dich aus ganzem Herzen. Ich danke dir, dass du mich erschaffen hast, dass ich Christ sein darf und dass du mich in dieser Nacht beschützt hast …«

Während der letzten Worte wurde die Tür aufgerissen und Rose brach ab. Ein Junge stolperte herein und sagte mit hochrotem Kopf: »Verzeihen Sie, Schwester.«

»Guten Morgen, Freddy, ich hatte dich bereits vermisst«, antwortete Rose sanft. »Geh zu deinem Platz und lasst uns das Gebet zu Ende sprechen.«

Nach dem Amen setzten sich die Kinder und nahmen ihre Schiefertafeln aus den Pulten. Rose betrachtete Freddy, den Jungen, der sich verspätet hatte, ohne dass er es bemerkte. Er war übermüdet, seine Augen dunkel umschattet, und er hatte Mühe, sie überhaupt offen zu halten. Freddy war zwölf Jahre alt, dabei kaum größer und kräftiger als ein Achtjähriger. Vor zwei Jahren war sein Vater, wenige Wochen später sein älterer Bruder nach Amerika ausgewandert. So war Freddy nun der Älteste von fünf Kindern, die seine Mutter satt bekommen musste. Ihr kleiner, ärmlicher Hof warf kaum etwas ab, und Rose wusste, dass Freddy jeden Morgen lange vor Sonnenaufgang aufstand, die Hühner fütterte, die Eier einsammelte, die einzige Kuh molk und die Ställe ausmistete. Trotzdem bestand seine Mutter darauf, dass er regelmäßig die Klosterschule besuchte, denn Freddy sollte die Möglichkeit haben, eines Tages etwas Besseres als Bauer zu werden, was nur mit einer guten Schulausbildung möglich war.

Während die Kinder auf den Tafeln eine von Rose gestellte Rechenaufgabe lösten, trat Rose neben Freddy und fragte leise: »Hast du heute schon gefrühstückt?« Der Junge schüttelte den Kopf. Rose seufzte. »Komm nach dem Unterricht mit in die Küche. Ich bin sicher, dort werden wir was für dich finden.«

Freddys Augen leuchteten auf, und er nickte erleichtert. Kinder wie ihn gab es zuhauf in der Gegend. Die Zeiten waren hart, die Landbevölkerung litt unter Unwettern und dadurch bedingten Missernten, die hier, nahe dem Ring of Kerry, häufig auftraten. Da die meisten Bauern das Land von den großen Herrengütern nur gepachtet hatten, mussten sie ihre Abgaben leisten, und die Herren interessierte es nicht, ob den Pächtern etwas zum Leben übrig blieb. In den letzten Jahrzehnten hatte es in Irland zwar keine so große Hungersnot wie siebzig Jahre zuvor mehr gegeben, dennoch kämpfte die einfache Bevölkerung täglich ums Überleben. Die Böden waren karg, die Natur rau, beständig den Winden des Atlantiks ausgesetzt.

Rose verteilte an die älteren Schüler Bücher, deren Einbände durch jahrelangen Gebrauch abgegriffen waren, und wies die Jüngeren an, das Vaterunser in Schönschrift auf die Schiefertafeln zu schreiben. In der hinteren Reihe war ein Platz unbesetzt geblieben, und Rose fragte einen der älteren Jungen: »Daniel, wo ist deine Schwester?«

»Rachel ist gestern zwölf Jahre alt geworden, Schwester.«

Rose lächelte und meinte: »Dann hat sie wohl zu viel vom Geburtstagskuchen genascht, sich den Magen verdorben und kann deswegen nicht in die Schule kommen.«

Daniel errötete und senkte verlegen den Kopf.

»Nein, Schwester. Rachel wird nicht mehr zum Unterricht erscheinen. Unser Pa meint, für ein Mädchen hat sie mehr als genug gelernt, jetzt muss sie sich auf die Dinge vorbereiten, die sie braucht, wenn sie heiratet.«

»Heiraten?«, rief Rose entsetzt. »Damit wird sich Rachel hoffentlich noch lange Zeit lassen.« Rose wusste, sie musste sich beherrschen, auch wenn es sie ärgerte, wenn intelligenten und aufgeweckten Kindern das Lernen verwehrt wurde, nur weil sie Mädchen waren. »Ich werde mit eurem Vater sprechen.«

Daniel schüttelte den Kopf.

»Bitte nicht, Schwester, es würde nichts ändern und uns nur Schaden zufügen. Pa ist unser Familienoberhaupt, sein Wort ist Gesetz, und er hat entschieden, dass Rachel keine weitere Zeit mehr in der Schule verschwenden soll.«

Rose wandte sich ab. Es gab so vieles, was sie zu diesem Thema hätte sagen können, die Kinder aber waren die falschen Ansprechpartner. Um Rachel tat es ihr leid. Das Mädchen war außergewöhnlich intelligent, lernbegierig und ihrem Alter weit voraus. Rose hatte gehofft, sie könnte eine weiterführende Schule, vielleicht sogar eine Universität besuchen, denn als Kaufmann war Rachels Vater durchaus in der finanziellen Lage, seinen Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen.

Während sich die Schüler ruhig und konzentriert den ihnen gestellten Aufgaben widmeten, holte Rose Papier, Feder und Tinte aus dem Pult und schrieb einen kurzen Brief an Daniels und Rachels Vater. Darin schilderte sie Rachels Fähigkeiten und bat, die Entscheidung, das Mädchen von der Schule zu nehmen, zu überdenken. Nach Schulschluss wollte sie Daniel den Brief mitgeben.

Die Schule des Klosters Saint-Mary-in-the-Field in der Nähe der kleinen Stadt Kenmare war die einzige im Umkreis von zwanzig Meilen, in der Kinder kostenlos unterrichtet wurden, ohne selbst in das Kloster eintreten zu müssen.

»Es ist unsere Pflicht, Gottes Wort so früh wie möglich zu verkünden und die Eltern zu unterstützen, die Kinder zu gottesfürchtigen Menschen zu erziehen.«

Diese Aussage tätigte die Mutter Oberin bei jeder sich ihr bietenden Gelegenheit, und Rose war dankbar, die Kinder unterrichten zu dürfen. Vor fünfundzwanzig Jahren war sie als Säugling an der Klosterpforte gefunden worden. Niemand wusste, wer ihre Eltern waren und woher sie kam, und Rose hatte im Kloster liebevolle Aufnahme gefunden. Mit sechzehn Jahren nahm sie den Schleier und legte den Schwur ab, als Braut Christi Gott lebenslang zu dienen. Ihre Wissbegierde war grenzenlos. Wie ein Schwamm sog sie alles auf, das sie lernen konnte, und war glücklich, einen Teil ihres Wissens an die Kinder weitergeben zu können. Ihrem Glauben gemäß lebte Rose nach den Gesetzen und Riten der katholischen Kirche – für sie die einzig wahre Kirche auf der Welt.

Der Vormittag verlief ohne Störungen. Kaum hatte die Glocke zur zwölften Stunde und damit zum Unterrichtsende geläutet, packten die Kinder ihre Sachen ein und stoben davon. Rose wusste, die meisten von ihnen durften am Nachmittag nicht spielen, sondern mussten ihren häuslichen Pflichten nachkommen. Gerade jetzt zur Erntezeit arbeiteten die Kinder bis Sonnenuntergang auf den Feldern, um ihre Familien zu unterstützen. Sie gab Daniel den Brief, der ihn skeptisch betrachtete und meinte: »Vater wird nicht erfreut sein.«

»Das ist eine Sache, die nicht dich betrifft«, antwortete Rose. »Bitte händige das Schreiben deinem Vater aus.«

»Selbstverständlich, Schwester.« Daniel würde es nicht wagen, die Anordnung einer Nonne zu missachten, auch wenn er wusste, dass Roses Bitte vergeblich war.

Freddy war an der Tür stehen geblieben und sah Rose erwartungsvoll an. Sie erinnerte sich an ihr Versprechen.

»Komm, wir gehen in die Küche.«

Die Küche war menschenleer, denn die Nonnen aßen nicht zu Mittag, sondern verbrachten diese Zeit in der Kapelle. Rose würde zu spät zum Gebet kommen. Egal, der Junge war jetzt wichtiger. Freddy war vor Hunger so schwach, dass sie befürchtete, er würde jeden Moment zusammenbrechen.

Von einem Laib Weißbrot schnitt Rose zwei Scheiben ab, beschmierte sie fingerdick mit der goldgelben Butter, die im Kloster selbst hergestellt wurde, und ließ einen Löffel goldenen Honigs darauf tropfen. Freddy lief das Wasser im Mund zusammen. Herzhaft, aber nicht gierig, biss er hinein und vertilgte die Brotscheiben binnen weniger Augenblicke. Gerade als Rose eine dritte Scheibe abschneiden wollte, öffnete sich die Tür und eine Schwester trat ein.

»Schwester Rose, was tun Sie hier? Warum sind Sie nicht beim Gebet?«

Schwester Bernadette blickte vorwurfsvoll auf den Jungen, und Freddy senkte schuldbewusst den Kopf.

»Der Junge hat heute noch nichts gegessen.« Rose sah ihre Mitschwester offen an. Sie war sich einer Rüge bewusst, das glückliche Lächeln Freddys machte eventuelle Unannehmlichkeiten wett. »Ich habe mir erlaubt, ihm ein Brot zu geben.«

Schwester Bernadette runzelte verärgert die Stirn.

»Sie wissen, dass das nicht erlaubt ist. Ich werde es der Mutter Oberin melden müssen.« Sie wandte sich an den Jungen. »Und du gehst jetzt ganz schnell! Sieh zu, dass dich niemand sieht.«

Artig bedankte sich Freddy und huschte zur Tür. Rose, die ihn aus dem Augenwinkel beobachtete, sah, wie er hastig noch zwei Äpfel vom Tisch nahm und in seine Jackentasche steckte. Sie konnte es ihm nicht verübeln, außerdem gab es hier ausreichend Lebensmittel. Die Schwestern von St Mary lebten zwar nicht im Überfluss, Rose hatte aber noch nie Hunger leiden müssen. Hinter Schwester Bernadette verließ sie die Küche und folgte der Älteren in die Kapelle. Dort verharrte Rose im stillen Gebet und bat die Mutter Maria um Beistand für die Armen und Kranken.

Zwei Tage später wurde Rose zur Mutter Oberin gerufen.

»Gegrüßt sei Jesus Christus«, sagte sie und senkte demutsvoll den Kopf, als sie deren Arbeitszimmer betrat.

»In Ewigkeit Amen«, vollendete die Mutter Oberin. »Setz dich bitte, Rose.«

Die Leiterin von Saint-Mary-in-the-Field war die Einzige, die Rose duzte. Sie selbst hatte das Baby damals vor der Tür gefunden und entschieden, das Mädchen im Kloster zu behalten und nicht einem Waisenhaus zu übergeben.

Die Mutter Oberin sah Rose ernst an und sagte: »Mir wurde eine Beschwerde über dich vorgebracht.«

Rose runzelte die Stirn und fragte: »Eine Beschwerde? Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen.«

Die Mutter Oberin nahm ein beschriebenes Blatt zur Hand. Rose erkannte ihren Brief an Rachels Vater und ahnte, was nun kommen würde.

»Mr O’Flannigan suchte mich heute Morgen auf. Er verbietet sich eine Einmischung in seine Familienangelegenheiten.«

»Es ist falsch, Rachel aus der Schule zu nehmen«, entgegnete Rose. »Sie ist ein sehr intelligentes Mädchen, und ich wollte nur …«

Mit einer unwilligen Handbewegung schnitt ihr die Mutter Oberin das Wort ab.

»Rose, ich weiß, dass du es gut gemeint hast, der weitere Lebensweg Rachels ist allerdings die Angelegenheit ihres Vaters. Einzig er ist für seine Kinder verantwortlich. Solange ihre christliche Erziehung nicht infrage gestellt wird, haben wir kein Recht, dem Mann Vorschriften zu machen. Dein Verhalten war eigenmächtig und selbstgefällig. Nicht zum ersten Mal mischst du dich in Vorgänge ein, die dich nicht zu interessieren haben. Das verstößt gegen die Gebote Gottes.«

Betroffen senkte Rose den Kopf und murmelte: »Ich sehe ein, dass der Brief falsch war. Ich werde im Gebet um Verzeihung bitten.«

»Die Welt ist voller Sünder, die es gilt, auf den rechten Weg zu bringen«, sagte die Mutter Oberin belehrend. »Mädchen und Frauen sind besonders gefährdet, sich in einem sündigen Leben zu verlieren. Unsere Aufgabe ist es nicht, die Mädchen Mathematik, Geschichte oder gar Fremdsprachen zu lehren, mit denen sie später in der Ehe nichts anfangen können, sondern wir wollen sie zu verantwortungsvollen Müttern heranbilden, die ihre eigenen Kinder im Sinne der Kirche erziehen. Mit zwölf Jahren ist Rachel alt genug, sich auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorzubereiten. Du weißt genau, Rose, dass erst der Vater oder, wenn dieser nicht mehr am Leben ist, der älteste Bruder und später der Ehemann über das Leben einer Frau entscheidet. Der Versuch, in diese Tradition einzugreifen, ist anmaßend und entspricht nicht den Leitmotiven dieser Schule.«

»Gerade Rachel …« Rose konnte die Worte nicht zurückhalten. »Sie lernt gern und gut, sie könnte etwas anderes machen als nur zu heiraten, vielleicht sogar studieren …«

»Genug, Rose!« Es hätte nicht viel gefehlt, und die Mutter Oberin hätte mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Ihre Augen funkelten zornig. »Es ist eine Unsitte, die immer mehr um sich greift, die Universitäten auch für Frauen zu öffnen. Gerade dort werden sie verdorben und geraten in Kreise, die alle Moralvorstellungen missachten. Willst du dafür verantwortlich sein, dass sich ein braves Mädchen wie Rachel den Weg ins Himmelreich verbaut?«

»Selbstverständlich nicht.«

»Dann überdenke beim nächsten Mal dein Tun, bevor du handelst. Ich hoffe, ich habe dir meinen Standpunkt klargemacht?«

»Ehrwürdige Mutter, ich habe verstanden.«

Die Mutter Oberin war noch nicht fertig. Von den zweiundzwanzig Nonnen des Klosters stand Rose ihr zwar am nächsten, trotzdem hatte sie ein besonderes Augenmerk auf Rose. Die junge Nonne entglitt allmählich ihrem Einfluss, entwickelte eigene Gedanken und verstieß immer wieder gegen die Regeln des Konvents.

»Mir ist zu Ohren gekommen, dass du Bauernkinder in die Küche bringst und ihnen von unserem Essen gibst«, fuhr sie fort.

»Den kleinen Freddy, richtig«, gab Rose zu und sah die Mutter Oberin offen an. »Er hatte an diesem Tag noch nichts gegessen, und ich befürchtete, er könnte vor Hunger jeden Moment ohnmächtig werden.«

»Wir sind keine Armenspeisung«, antwortete die Mutter Oberin streng. »Mit dem kostenlosen Unterricht tun wir bereits viel Gutes für die Bauern. Wenn wir anfangen, sie auch noch durchzufüttern, werden sie es nicht mehr für nötig halten, selbst für ihre Nahrung zu arbeiten.«

Heftiger Widerspruch regte sich in Rose. Nur mühsam beherrscht entgegnete sie: »Die Kinder können nichts dafür, wenn ihre Eltern arm sind. Es ist unsere christliche Pflicht, einem jeden zu helfen, und wir haben immer Essen übrig …«

»Es reicht, Rose!« Die Freundlichkeit war aus dem Gesicht der Mutter Oberin gewichen. »Dein andauernder Widerspruch und deine Bemühungen, die Welt verändern zu wollen, widersprechen allem, was dich das Kloster gelehrt hat. Gott hat jeden Menschen auf dieser Welt auf seinen vorgesehenen Platz gestellt, und ER sorgt für sie. Der Versuch, allein der Gedanke, in Gottes Willen einzugreifen, ist nicht nur anmaßend, sondern Blasphemie.«

Rose erbleichte. So zornig, beinahe böse, hatte sie die Mutter Oberin nie zuvor erlebt, trotzdem konnte sie deren Meinung nicht teilen. Das Leben im Kloster hatte sie gelehrt, der Äbtissin niemals zu widersprechen, darum senkte sie den Kopf und wiederholte reumütig: »Ich bitte um Verzeihung.«

»Bitte nicht mich, sondern Gott und die Jungfrau Maria, dir deine Anmaßung zu vergeben und dir zu helfen, auf den rechten Weg zurückzufinden. Rose, auch wenn dein Verhalten falsch war, erkenne ich in deinem Handeln deinen guten Willen und schätze durchaus dein Mitgefühl für die Armen. Aus diesem Grund habe ich mit dem Bischof gesprochen, und wir sind zu der Übereinkunft gekommen, dass du künftig an einer Stelle wirken sollst, an der Frauen Hilfe nötiger haben als in unserer ländlichen Beschaulichkeit.«

Roses Herz pochte hart gegen die Rippen, und schweigend hielt sie den Kopf gesenkt. Würde man sie von hier fortschicken? Die nächsten Worte der Mutter Oberin bestätigten Roses Vermutung. »Das Kloster von Saint Stephen der Sisters of Mercy in Dublin ist ein Zufluchtsort für Mädchen und Frauen, die im Leben gestrauchelt sind. Durch sinnvolle Arbeit können sie sich von ihren Vergehen reinwaschen und erhalten so die Möglichkeit, in ein geordnetes, sündenfreies Leben zurückzufinden. Es ist für dich die Möglichkeit, zu erkennen, wie viel in diesem Land für Sünder getan werden muss, damit sie eines Tages mit reiner Seele vor Gottes Angesicht treten können. Es gehört mehr dazu, als Kinder zu füttern oder Familienvätern vorzuschreiben, wie sie ihre Töchter zu erziehen haben. Ich denke, du teilst meine Meinung, Rose?«

»Selbstverständlich, ehrwürdige Mutter.«

Auch wenn Rose wusste, dass es gleichgültig war, wo und auf welche Art sie Gott diente, bei dem Gedanken, Saint-Mary-in-the-Field verlassen zu müssen, wurde ihr Herz schwer. Noch nie hatte sie sich weiter vom Kloster entfernt als bis zu der etwa zwanzig Meilen entfernten Stadt Killarney, und jetzt schickte man sie auf die andere Seite der Insel in die Hauptstadt. Rose verspürte keine Furcht, denn sie wusste, Gott und die Jungfrau Maria würden sie leiten und schützend ihre Hände über sie halten. Sie straffte die Schultern, hob den Kopf und fragte: »Wann soll ich reisen, Mutter?«

Nun lächelte die Oberin wieder wohlgefällig.

»Bereits morgen, Rose. Pater Donnelly aus Kenmare wird dich begleiten, er reist zu einem Treffen mit dem Erzbischof nach Dublin.« Als Rose bereits an der Tür war, rief die Mutter Oberin sie noch einmal zurück. »Ich bin sicher, du wirst in Saint Stephen deine Bestimmung finden, Rose. Die Wäschereien sind die sinnvollsten Einrichtungen, die Irlands Kirche jemals ins Leben gerufen hat.«

Cindy

Dublin, Irland, September 1912

»Wir dürfen nie die Verantwortung für einen Kompromiss übernehmen!«

William Butler Yeats (1865 - 1939), irischer Dramatiker, Lyriker, Essayist und Autobiograph, Nobelpreisträger für Literatur 1923

Die Wehen kamen in immer kürzeren Abständen und steigerten sich ins Unerträgliche. Cindy konnte sich nicht länger beherrschen und schrie durchdringlich.

»Ja, schrei du nur! Das ist die Strafe, die Gott den Frauen für ihr sündiges Leben auferlegt hat. Solch schändliche Kreaturen wie du sollten noch viel mehr leiden müssen.«

Die mitleidlosen Worte drangen wie durch einen dichten Nebel zu Cindy. Eine neue Schmerzwelle, schlimmer als alle anderen zuvor, schien ihren Körper in zwei Teile zu spalten. In dem Augenblick, als sie glaubte, das Bewusstsein zu verlieren, spürte sie etwas Warmes und Weiches zwischen ihren Beinen, und der Schmerz ließ rapide nach. Keuchend schnappte Cindy nach Luft, da hörte sie das erst leise, dann immer lauter werdende Quäken eines Kindes. Ihres Kindes! Mühsam stemmte sie sich auf die Unterarme und hob den Kopf.

»Ist es gesund? Was ist es?«

Die Schwester hielt ihr ein nacktes, blutverschmiertes Bündel hin, und Cindys Hände tasteten vorsichtig über den kleinen ­Körper.

»Ein Junge, er ist gesund und kräftig.«

Die Stimme der Schwester klang nach wie vor emotionslos, das Wunder eines neuen Lebens schien sie nicht zu berühren. Cindy kümmerte es nicht. Fasziniert betrachtete sie das kleine Wesen mit dem runden, zerknautschten Gesicht und den winzigen Fingerchen und Zehen.

»Mein Baby«, flüsterte sie, und die Schwester legte ihr das Kind an die Brust. Der kleine Mund wusste sofort, was zu tun war. Nie zuvor in ihrem Leben hatte Cindy ein solches Glücksgefühl gespürt wie jetzt, da sich die Lippen um ihre Brustwarze schlossen und zu saugen begannen. Viel zu schnell nahm ihr die Schwester das Kind wieder ab.

»Wir werden es waschen und wickeln. Du musst jetzt schlafen und dich erholen.«

Cindy war zu schwach, um zu protestieren. Die Wehen hatten sich über dreißig Stunden hingezogen, und jetzt befiel sie eine bleierne Müdigkeit. Später würde sie sich um ihr Baby kümmern. Später war noch viel Zeit dafür …

Als Cindy erwachte, fühlte sie sich ausgeruht und außer einem wunden Gefühl zwischen den Beinen hatte sie keine Schmerzen mehr. Neben ihrem Bett saßen eine sehr korpulente Nonne und ein Priester. Cindys Blick irrte in dem karg eingerichteten Krankenzimmer umher.

»Wo ist mein Baby?«

»Die Schwestern kümmern sich um den Jungen.« Der Priester legte eine Hand auf Cindys Stirn und sah ihr fest in die Augen. »Wir müssen mit dir sprechen. Cindy, so lautet dein Name, nicht wahr?«

»Ja, Vater. Cindy Mallory, ich komme hier aus Dublin.«

»Ich bin Pater O’Sullivan, das ist Schwester Cecilia, die Äbtissin von Saint Stephen. Wir sind gekommen, um dir zu helfen, Cindy.«

Seine Stimme war leise und freundlich, und Cindy sah ihn erwartungsvoll an. Für einen Priester sah Pater O’Sullivan ungewöhnlich gut aus. Er war groß, hatte breite Schultern, dunkles, an den Schläfen ergrautes Haar und braune Augen, die von einem Kranz dichter schwarzer Wimpern umgeben waren. Unwillkürlich dachte Cindy, dass es schade war, einen solch attraktiven Mann an die Kirche zu verlieren. Bei seinem Anblick schlug sicher manches Frauenherz höher. Auch Schwester Cecilia war hochgewachsen, dabei so dick, dass Cindy befürchtete, der Stuhl könnte unter ihr zusammenbrechen. Ihre wasserhellen Augen lagen zwischen Fettschichten, und zwei Doppelkinne wölben sich über dem Kragen ihres Habits.

»Kann ich mein Baby sehen?« Sie sah den Pater bittend an, denn die Äbtissin rief in Cindy ein unangenehmes Gefühl wach. »Ich möchte ihn Liam nennen, nach seinem Vater.«

Cindy spürte einen dicken Kloß im Hals. Die Geburt ihres Kindes war die bisher glücklichste und zugleich traurigste Erfahrung in den dreiundzwanzig Jahren ihres Lebens.

»Damit sind wir beim Thema.« Zum ersten Mal ergriff Schwester Cecilia das Wort. Ihre Stimme war tief, fast schon männlich. »Uns wurde gesagt, du hättest keine Familie und das Kind keinen Vater.« Ihre Mundwinkel zogen sich herunter.

»Schwester, ich weiß, ich habe gesündigt, als ich mich mit einem Mann einließ, der nicht mein Ehemann war«, erwiderte Cindy aufrichtig. »Liam und ich wollten heiraten, da bekam er das Angebot, auf einer großen Werft in Amerika zu arbeiten, wo er sehr viel mehr verdienen konnte als in Irland. Er musste sofort abreisen.« Mit dem Handrücken wischte sich Cindy die Tränen aus dem Gesicht. Die Erinnerung an den Mann, den sie liebte, überwältigte sie.

»Warum hat er dich nicht geheiratet und nach Amerika mitgenommen?« Scharf stellte Schwester Cecilia die Frage.

»Liams Gespartes reichte nur für eine Fahrkarte«, antwortete Cindy. »Er wollte hart arbeiten und mir Geld schicken, damit ich so schnell wie möglich nachkommen kann.«

»Er hat dich verlassen, obwohl du ein Kind erwartet hast?« Der Pater zog skeptisch die Augenbrauen nach oben. »Wahrscheinlich war er froh, dich und das Kind nicht als Klotz am Bein mitschleppen zu müssen«, ergänzte Schwester Cecilia.

»So einer war Liam nicht!«, widersprach Cindy. »Er wusste nichts von meiner Schwangerschaft. Als er ging, war ich selbst noch nicht sicher. Ich habe ihm absichtlich nichts gesagt, denn dann wäre Liam bestimmt nicht gefahren. Die einmalige Chance auf einen Neubeginn in Amerika wollte ich ihm nicht nehmen.«

»Und warum bist du dann immer noch hier?«, fragte Schwester Cecilia verächtlich. »Inzwischen sind Monate vergangen, genügend Zeit, um dich nachkommen zu lassen. Ich nehme an, du hast von deinem Liam nie wieder etwas gehört. Ist es nicht so?«

»Nein, Schwester, so ist es nicht.« Cindy schluckte schwer. Sie wollte nicht wieder weinen, denn sie hatte alle Tränen, die ein Mensch haben kann, bereits vergossen. Ruhig, als gebe sie lediglich einen Bericht der Zeitung wieder, fuhr sie fort: »Liams Fahrkarte galt für die dritte Klasse auf dem Schiff Titanic, das am elften April dieses Jahres von Queenstown in der Grafschaft Cork auslief.«

Der Pater und die Nonne tauschten einen vielsagenden Blick, in den Augen des Priesters glomm ein Funken Mitleid.

»Trotzdem hast du eine große Sünde begangen, indem du mit einem Mann das Bett geteilt hast, ohne dass eure Verbindung von Gott gesegnet war.« Schwester Cecilias Blick bohrte sich in Cindys Augen. »Da ich annehme, dass du von diesem Ausrutscher abgesehen eine gute Katholikin bist und nicht auf ewig im Fegefeuer schmoren willst, werden wir dir helfen, Gott um Verzeihung zu bitten.«

Cindy nickte. Ihre Eltern waren gestorben, als sie noch ein Kind gewesen war. Jahrelang war sie bei Tanten und Onkeln aufgewachsen, wurde von einem zum anderen geschoben, bis sie vor vier Jahren in einer Dubliner Schenke eine Stellung in der Küche erhalten hatte. Ihren einzigen Bruder hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen, Cindy wusste nicht, wo er sich aufhielt und ob er überhaupt noch am Leben war. In der Schenke hatte sie Liam kennengelernt, und zum ersten Mal in ihrem Leben bekam Cindy eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, ein richtiges Zuhause und eine eigene Familie zu haben. Nach Liams Tod hatte einzig die Gewissheit, einen Teil von ihm unter dem Herzen zu tragen, sie vor der Verzweiflung bewahrt. Für das Kind musste sie weiterleben und ihm später von seinem Vater erzählen. Der Wirt hatte sie hinausgeworfen, als ihre Schwangerschaft sichtbar wurde, und Cindy hatte sich den Sommer über irgendwie durchgeschlagen. Als die Wehen einsetzten, hatte sie sich mit letzter Kraft in das Hospital geschleppt. Wohin sie jetzt mit ihrem Baby gehen sollte, wusste sie nicht.

Zu den Verwandten hatte sie keinen Kontakt mehr. Diese würden eine ledige Mutter mit einem Säugling ohnehin nicht bei sich aufnehmen.

»Schwester Cecilia steht einer Einrichtung vor, in der sündigen Frauen und Mädchen die Möglichkeit zur Rückkehr in ein ehrbares Leben geboten wird«, riss sie Pater O’Sullivan aus ihren Gedanken. »Dort kannst du arbeiten und dich von der schweren Schuld, die auf deinen Schultern lastet, befreien.«

»Was ist mit meinem Baby?«, fragte Cindy besorgt. »Kann es bei mir bleiben?«

»Das ist unmöglich, wir sind für Kleinkinder nicht eingerichtet«, erklärte Schwester Cecilia. »Für den Jungen wird gut gesorgt. Er kommt in die Obhut gottesfürchtiger Leute, die sich um ihn kümmern werden. In ein paar Monaten kannst du mit ihm zusammen ein neues Leben beginnen.«

Entspannt lehnte sich Cindy zurück.

Ja, das war eine Möglichkeit, auch wenn die Vorstellung, sich von ihrem Kind trennen zu müssen, ihr beinahe das Herz zerriss. Es würde ja nur für eine kurze Zeit sein, nur so lang, bis sie ihr Leben geregelt und eine Stellung gefunden hatte, mit der sie sich und ihren Jungen ernähren konnte. Cindy hatte keine großen Ansprüche, sie war immer arm gewesen und hatte gelernt, auch mit Wenigem auszukommen.

»Die Plätze in der Einrichtung sind allerdings begrenzt.« Die Stimme des Paters bekam einen beschwörenden Unterton. »Daher musst du dich sofort entscheiden, ob du das großzügige Angebot annehmen willst. Ich habe die entsprechenden Papiere bereits vorbereitet.«

Aus einer Aktentasche holte er einen eng beschriebenen Bogen Papier, Feder und Tinte und legte es auf den Nachtisch neben Cindys Bett. Sie atmete tief durch und unterschrieb das Dokument, ohne den Text durchzulesen.

Sie hatte nur unzureichend Lesen und Schreiben gelernt, und was die Kirche verfasste, war ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Der Pater und Schwester Cecilia hatten ihr zugesichert, bald wieder mit ihrem Kind zusammen zu sein. Cindy sah keinen Grund, an ihren Worten zu zweifeln, schließlich waren sie ja Vertreter Gottes auf Erden.

Kaum hatte sie unterschrieben, packte Pater O’Sullivan das Schriftstück wieder ein. Er und die Schwester erhoben sich gleichzeitig. Sie hatten es plötzlich eilig, das Krankenzimmer zu verlassen.

»Sobald du dich kräftig genug fühlst, wird eine Schwester dich abholen und zu uns bringen.« Die Äbtissin warf einen letzten Blick auf Cindy. »Ich schlage vor, in fünf Tagen.«

Cindy nickte und schöpfte Hoffnung, ihrem Sohn bald eine gesicherte Zukunft bieten zu können.

Zwei Tage später suchte Pater O’Sullivan in Begleitung eines Ehepaars in eleganter Kleidung das Magdalenkloster Saint Stephen am nördlichen Stadtrand auf. Unverzüglich wurden die drei Besucher ins Arbeitszimmer der Äbtissin geführt. Kaum hatte sich die Tür hinter ihnen geschlossen, nahm die Mutter Oberin einen Säugling aus einem Körbchen und legte ihn der Frau in die Arme.

Tränen der Freude traten ihr in die Augen, und sie flüsterte: »Er ist wunderschön! So klein und zierlich. Ach, Schwester, ich weiß nicht, wie sehr wir Ihnen danken können.«

Die Äbtissin lächelte verständnisvoll und erwiderte: »Der Junge ist gesund und wird Ihnen viel Freude bereiten.«

Der Mann nickte und fragte: »Die Mutter hat ihn einfach so hergegeben? Unvorstellbar, wie sich eine Frau von ihrem eigen Fleisch und Blut trennen kann.«

»So sind sie eben, die armen Leute.« Verachtung schwang in Pater O’Sullivans Stimme. »Der Junge ist das elfte Kind einer Arbeiterfamilie, die nicht weiß, wie sie die anderen zehn satt bekommen soll. Die Mutter war heilfroh, das Kind zur Adoption zu geben. Alle Papiere sind unterschrieben. Die Frau weiß, dass der Junge bei Ihnen ein gesichertes Leben haben und zu einem guten Katholiken erzogen werden wird.«

Der Herr nickte zustimmend und meinte: »Wir sind sehr traurig, dass Gott uns eigene Kinder verwehrt, obwohl meine Frau und ich täglich zur Jungfrau Maria beten und jeden Sonntag eine Messe lesen lassen. Nun haben wir die Möglichkeit, einem armen ungewollten Wurm ein anständiges und gottgefälliges Leben zu bieten. Obschon fünfhundert Pfund eine hübsche Stange Geld sind.«

Schwester Cecilia verbarg ihren Unwillen über diese versteckte Kritik und lächelte gütig. »Wie bereits erwähnt, handelt es sich um sehr arme Leute. Mit Ihrer großzügigen Spende ermöglichen Sie den anderen zehn Kindern ein menschenwürdiges Leben und eine gute Ausbildung.«

»Ach, William, fang jetzt bitte nicht an zu feilschen!«, rief die Frau dazwischen. »Sieh, wie entzückend der Kleine ist! Da sollte es dir auf ein paar Pfund nicht ankommen.«

»Du hast recht, Liebes.«

Der Herr zog seine Brieftasche heraus und legte die bereits abgezählten Banknoten auf den Schreibtisch der Äbtissin, dann erhoben sich er und seine Frau und verließen mit dem Baby das Kloster.

Kaum waren sie fort, holte Pater O’Sullivan aus einem Schrank eine Flasche Likör und zwei Gläser. Er schenkte ein und stieß mit der Mutter Oberin an, dann zählte er von den fünfhundert Pfund dreihundert ab und steckte sie in seine Tasche.

»Es ist immer wieder schön, mit Ihnen Geschäfte zu machen, ehrwürdige Mutter. Nur gut, dass die Sünde nicht ausstirbt und wir kinderlosen, vermögenden Paaren zu etwas Glück verhelfen können.«

Die Äbtissin genehmigte sich einen weiteren Likör, dann sagte sie: »Und ich habe stets genügend Arbeitskräfte für meine Wäscherei. Auf eine weitere gute Zusammenarbeit, Pater O’Sullivan.«

Fiona

Dalkey, County Dublin, Irland, September 1912

»Zu lange Opfer zu bringen, kann ein Herz versteinern.«

William Butler Yeats (1865 - 1939),irischer Dramatiker, Lyriker, Essayist und Autobiograph,Nobelpreisträger für Literatur 1923

Die Augen weit geöffnet, sagte sie inbrünstig: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes … Amen.«

Fiona FitzGibhann bekreuzigte sich drei Mal hintereinander und erhob sich von ihren Knien. Eine einzelne Kerze warf flackernde Schatten auf das Bildnis der Jungfrau Maria, und Fiona war es, als blicke die Mutter Gottes sie vorwurfsvoll an.

»Ach, Maria, ich liebe ihn so sehr!«, sagte Fiona zu dem Ölbild. »Es kann doch keine Sünde sein, seinem Herzen zu folgen.«

Ja, sie war dabei, gegen das vierte Gebot Du sollst Vater und Mutter ehren zu verstoßen. Wenn der Wille ihres Vaters bedeutete, dass sie für immer auf die wahre Liebe verzichten musste, dann würde Gott bestimmt verstehen, dass sie ihrem Herzen folgen musste. Mit ihrer Entscheidung tat sie niemandem ein Leid an. Fiona war sicher, wenn erst einige Zeit vergangen war, würde ihr Vater einsehen, dass sie den richtigen Weg gewählt hatte. Sie war schließlich seine einzige Tochter, und er liebte sie.

Sie blickte zu dem auf der Frisierkommode stehenden kleinen Portrait ihrer Mutter. Die zarte Frau war wenige Tage nach Fionas Geburt im Kindbett gestorben, dennoch fühlte sich Fiona mit ihrer Mutter eng verbunden. Äußerlich bestand eine große Ähnlichkeit: Fiona hatte das gleiche rotblonde Haar, die helle Haut, die bei Sonneneinstrahlung zu Rötungen und Sommersprossen neigte, und die großen grünen Augen, das Schönste in ihrem schmalen Gesicht. Seit Jahren hatten der Vater und die älteren Brüder die Mutter nicht mehr erwähnt. Fiona aber sprach täglich zu ihr und fühlte, dass die Mutter aus dem Himmel auf ihre Tochter nieder sah und ihre Hand schützend über sie hielt.

Das Schuldgefühl, das tun zu müssen, zu dem sie sich entschlossen hatte, plagte sie gegenüber der toten Mutter mehr als gegenüber der Jungfrau Maria und Gott. Sie war eine gläubige Katholikin, so wie alle Generationen der FitzGibhanns. Ihr drei Jahre älterer Bruder Collum war Priester und stand einer kleinen Pfarrgemeinde in den Wicklow Mountains vor, nicht weit vom Herrenhaus entfernt.

Ihr Vater achtete streng auf die Einhaltung der katholischen Riten. Die Familie und das gesamte Personal mussten sich jeden Morgen pünktlich um sieben Uhr in der kleinen Hauskapelle einfinden, wo Fionas Vater selbst die Andacht abhielt. Adam FitzGibhann war der reichste und mächtigste Großgrundbesitzer der Gegend, FitzGibhann Hall ein weitläufiges, herrschaftliches Haus, in dem kein Luxus fehlte. Die FitzGibhanns gehörten seit vier Generationen zur anglo-irischen Adelsklasse. Damals hatte sich Seamus Gibhann, ein irischer Aristokrat, mit der englischen Besatzung arrangiert und an der Seite der Miliz gegen aufständische Iren gekämpft. Als Dank dafür durften er und seine Nachkommen nicht nur weiterhin im katholischen Glauben leben, er erhielt auch Landbesitz südlich von Dublin und die Berechtigung, unter britischer Herrschaft den Titel eines Lords zu führen, damals eine übliche Vorgehensweise, mit deren Hilfe es den Briten gelungen war, das Land ihrer Knechtschaft zu unterwerfen. Als Zeichen für seine Treue gegenüber der britischen Regierung setzte Seamus ein Fitz vor seinen Namen.

Fiona griff nach der kleinen, bereits gepackten Tasche, löschte die Kerze und verließ ihr Zimmer, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Ob sie jemals nach FitzGibhann Hall zurückkehren und den Vater und die Brüder wiedersehen würde, war ungewiss, aber nicht hoffnungslos. Die Entscheidung, mit allem zu brechen, hatte sie sich nicht leicht gemacht, und schon morgen um diese Zeit würde sie Braedens Frau sein. Dann war ihr Platz an der Seite des Mannes, den sie mehr liebte als alles andere – mehr als das herrschaftliche Anwesen, die schönen Kleider, den Schmuck und auch ihre Familie. Im Frühjahr war sie mündig geworden, ihr Vater konnte die Vermählung mit Braeden nicht länger verbieten. Vielleicht, wenn Zeit vergangen war und sie und Braeden ein Kind hatten, würde der Vater ihr verzeihen können, wenn sie ihm seinen Enkel in die Arme legte.

Eine Uhr im Haus schlug die elfte Abendstunde, als Fiona unbemerkt aus der Tür huschte. So schnell es ihr enger Rock zuließ, schritt sie die lange, mit Hecken gesäumte Auffahrt zum Haupttor hinunter. Erst als aus dem Schatten der Bäume eine große, breitschultrige Gestalt in ihren Weg trat, wich ihre Beklemmung.

»Braeden!«

Erleichtert ließ sie sich in seine Arme ziehen und erwiderte seine zärtlichen Küsse.

»Hat dich jemand gesehen?«, fragte der junge Mann und sah in Richtung des Hauses. Fiona schüttelte den Kopf.

»Vater und Shane sind vor einer Stunde zu Bett gegangen. Collum hat uns nach dem Abendessen verlassen und ist ins Pfarrhaus zurückgekehrt.«

Vertrauensvoll schmiegte sie ihre Finger in seine kräftige und von Schwielen durchzogene Hand. Das fahle Licht des Halbmondes warf Schatten auf sein Gesicht. Zweifelnd sah er Fiona an und fragte mit rauer Stimme: »Bist du dir völlig sicher, dass du mit mir gehen willst, mein Liebling? Mit mir, dem mittellosen Sohn eines Fischers, der tagtäglich hart und unermüdlich für sein Essen arbeiten muss? Wir gehen ins Ungewisse, ich kann dir nichts bieten …«

»Du schenkst mir deine Liebe«, unterbrach Fiona. »Was bedeuten Schmuck und elegante Kleider, wenn man sich wie eine Zuchtstute verkaufen muss? Lieber lebe ich an deiner Seite und erbettle unsere Nahrung, als die Ehefrau von Lord O’Neill zu werden. Der Mann ist alt, hässlich und seine ganze Art ist widerlich. Ich verstehe Vater nicht, dass er mich mit ihm vermählen will, weil er sich von dieser Verbindung finanzielle Vorteile erhofft.«

»Fiona, du weißt ja nicht, wovon du sprichst, du warst niemals arm«, murmelte Braeden und sah Fiona besorgt an, sie blickte voller Vertrauen zu ihm auf. »Dann lass uns gehen, es ist ein langer Weg in die Stadt.«

In der Garage von FitzGibhann Hall stand eines der modernen, pferdelosen Automobile. Beim Schmieden ihres Fluchtplans hatte Fiona vorgeschlagen, mit dem Wagen nach Dublin zu fahren. Braeden hatte dies vehement abgelehnt.

»Es reicht, dass ich die Tochter des Hauses entführe. Ich mache mich nicht zusätzlich strafbar, indem ich ein Automobil stehle.«

Die Nacht war kühl, der Hauch des Herbstes lag in der Luft. Immer wieder zuckte Fiona bei den Geräuschen des Waldes zusammen und schmiegte sich fester an Braeden. Er würde sie vor allen Gefahren dieser Welt beschützen.

Sie kannten sich seit der Kinderzeit. Fiona hatte nie gleichaltrige Freunde aus ihren Kreisen gehabt, ihre Spielkameraden waren immer die Kinder der Umgebung gewesen. Ihr Vater hatte es zwar nicht gern gesehen, wenn sich seine Tochter mit dem Nachwuchs der Pächter und Fischer abgab, letztlich war ihm das Mädchen zu unwichtig, um es ihr zu untersagen. Ständig war sie ihren Erzieherinnen ausgebüxt und hatte sich den Dorfkindern angeschlossen. Dennoch hatte Fiona eine tadellose Erziehung und eine ihrem Stand angemessene Bildung genossen. Braeden, der Sohn eines Fischers aus Dalkey, einem Dorf südlich von Dublin, hatte die drei Jahre jüngere Fiona immer beschützt. Vor einem Jahr entdeckte Fiona, dass sie Braeden gegenüber mehr als nur Freundschaft empfand, und sie war überglücklich, als er ihre Gefühle erwiderte.

Braeden hatte sich lange zurückgehalten, denn Lord FitzGibhann würde einer Verbindung zu einem armen Fischer niemals zustimmen, im Gegenteil. Er hatte für Fiona eine Heirat mit dem zwanzig Jahre älteren Lord O’Neill arrangiert, die Verlobung sollte in vier Wochen sein. Fiona war weder gefragt worden, noch wollte sich der Vater ihre Einwände anhören. Als Braeden von den Hochzeitsplänen erfuhr, hatte er beschlossen, nach Dublin zu gehen und dort eine Arbeit anzunehmen.

»Ich kann nicht hierbleiben und mitansehen, wie du die Frau eines anderen wirst.«

»Ich komme mit dir!«, hatte Fiona spontan gerufen.

»Das ist unmöglich, du gehörst in deine Welt und ich in meine, Fiona.«

Fiona hatte Braeden so lange bedrängt, bis er schließlich bereit war, sie mitzunehmen. In Dublin würden sie Mann und Frau werden, und es war ihr gleichgültig, ob sie künftig in Armut leben musste. Das Einzige, was zählte, war, dass sie und Braeden ihr Leben miteinander verbringen konnten.

Sie kamen gut voran, und der Morgen graute, als sich sie die ersten Kirchtürme Dublins aus dem nebligen Dunst schälten. Fiona gähnte, sank auf einen Wegstein und massierte sich die schmerzenden Knöchel. Nie zuvor war sie so lange und ohne Pause gelaufen.

»Ich kann nicht mehr, Braeden.«

Er nickte verständnisvoll, sah sich um und deutete auf eine Scheune.

»Wir haben uns eine Rast verdient. Lass uns zwei, drei Stunden schlafen.« Er klopfte auf seine Umhängetasche. »Vater hat mir Brot und Käse eingepackt, du bist sicher hungrig.«

In der Scheune war es warm und duftete nach dem Heu, das bereits eingefahren worden war. Sie bereiteten sich eine Kuhle, ließen sich das dunkle Brot, den Käse und jeweils einen Apfel schmecken, dann kuschelte sich Fiona in Braedens Arme und war binnen Sekunden eingeschlafen. In der aufgehenden Sonne, deren Strahlen durch das kleine Fenster in die Scheune fielen, betrachtete Braeden ihr Gesicht mit der hellen Haut und den vielen Sommersprossen. Es erschien ihm immer noch wie ein Wunder, dass dieses zarte, wunderschöne Geschöpf ausgerechnet ihn liebte, so sehr, dass sie ihr Leben in Luxus und Sicherheit für eine ungewisse Zukunft aufgab und sich den Zorn ihres Vaters zuzog. Lord FitzGibhann war bei den Pächtern wegen seiner harten, unnachgiebigen Art geradezu verhasst. Es kümmerte ihn nicht, wenn die Fische ausblieben oder die Ernten durch Unwetter zerstört wurden. Unbarmherzig forderte er den Anteil, der ihm von Gesetz wegen zustand. Nach dem englischen Gesetz …

Braeden knirschte mit den Zähnen. Es war an der Zeit, Irland den Iren zurückzugeben, und er wollte seinen Beitrag dazu leisten. Er hatte bereits Kontakt zu der Bruderschaft geknüpft und war voller Hoffnung, mit ihrer Hilfe in der Stadt eine gute Anstellung zu erhalten. Von seinen Plänen ahnte Fiona nichts, das war auch besser so. Er war gesund und kräftig und würde jede Arbeit annehmen, die es ihm ermöglichte, Fiona ein Dach über dem Kopf zu bieten und sie beide zu ernähren. Sanft küsste er ihre im Schlaf leicht geöffneten Lippen, dann rückte er von ihrem Körper ab. Bisher hatten sie sich nur geküsst und oberflächliche Zärtlichkeiten ausgetauscht, dabei die Grenze der Schicklichkeit niemals überschritten. Braeden würde Fiona zwar liebend gern körperlich zu seiner Frau machen, seine strenge katholische Erziehung hingegen verbot ein Zusammensein vor der Ehe. Er wollte Fiona erst ganz besitzen, wenn sie von einem Priester rechtmäßig getraut worden waren. Sein Warten hatte nun bald ein Ende, denn schon am Abend dieses Tages würden sie vor Gott Mann und Frau sein. Über diesen Gedanken schlief Braeden ein.

Ein dumpfer Knall und ein Schuss ließen die beiden Liebenden auffahren. Im Umriss der geöffneten Scheunentür standen drei Männer. Einer trug ein Gewehr, aus dem er den Schuss abgegeben hatte. Die Kugel war knapp über Braedens Kopf in einen Balken eingedrungen.

»Vater!« Fiona sprang auf. Ihr Haar und die Kleidung waren von Heu bedeckt. Verächtlich spuckte Lord FitzGibhann vor seiner Tochter aus.

»Hure! Du dreckige, verkommene Dirne!«

»Vater, das ist nicht wahr!«

Fiona machte einen Schritt auf ihren Vater zu. Der wich zurück, als wäre sie der Leibhaftige persönlich. Sie wandte sich an ihre beiden Brüder, die neben dem Vater standen. Shane, der Älteste und Erbe, musterte sie voller Hass, während Collum, der Priester, die Augen senkte und zu Boden blickte.

Braedens Hand legte sich beruhigend auf Fionas zitternde Schulter, er sah Fionas Vater entschlossen an und sagte: »Lord FitzGibhann, es tut mir leid, dass wir diesen Weg gewählt haben. Sie hätten nie zugestimmt, dass ich Ihre Tochter zur Frau nehme. Meine Absichten sind ehrenhaft. Wir werden noch heute heiraten, und ich werde Ihrer Tochter ein guter und treuer Ehemann sein.«

Shanes Faust traf Braeden mitten ins Gesicht. Seine Lippe platzte auf, Blut spritzte, dann schlug Shane ein weiteres Mal mit ganzer Kraft zu. Braeden taumelte, fiel nach hinten, streifte mit seinem Kopf einen Balken und stürzte bewusstlos zu Boden. Blut sickerte ins Heu.

»Du hast ihn umgebracht!« Fiona wollte zu Braeden eilen, aber Shane packte ihre Arme und drehte sie grob auf den Rücken. Sein Griff war wie eine Stahlklammer. Vor Schmerz schrie Fiona auf. Adam FitzGibhann trat vor sie und ohrfeigte sie dreimal hintereinander mit der flachen Hand. Ihr Kopf schien in zwei Teile zu zerspringen. Nie zuvor hatte Fiona den Vater derart außer sich vor Wut erlebt. Für einen Moment fürchtete sie um ihr Leben.

»Ich hätte es wissen müssen.« Er spuckte ihr ins Gesicht. »Du bist genau wie deine Mutter! Du bist eine Hure, wie sie eine Hure gewesen ist.«

Fiona stockte der Atem.

»Wie kannst du so etwas sagen, Vater? Mutter war doch keine …« Das Wort wollte ihr nicht über die Lippen.

Collum trat vor und fragte: »Du hast es ihr nie gesagt, Vater?«

FitzGibhann schüttelte den Kopf.

»Nein, denn ich hoffte, die Verderbtheit und Sünde, die sie von ihrer Mutter geerbt hat, durch eine anständige christliche Erziehung ausmerzen zu können. Ich hätte sie damals gleich ins Kloster geben sollen, anstatt den Bastard unter meinem Dach zu beherbergen und von meinem Tisch essen zu lassen.«

Fiona fühlte sich wie in einem Albtraum. Was hatten die Worte des Vaters zu bedeuten? Und was war mit Braeden? Er lag, die Augen geschlossen, auf dem Rücken und regte sich nicht mehr. Lebte er noch? Warum war ihre Flucht so schnell entdeckt worden, und wieso hatte die Familie sie hier finden können? Flehend heftete sie ihren Blick auf Collum. Er war nicht nur ihr Bruder, mit dem sie immer ein besseres Verhältnis als zu Shane hatte, sondern auch ein Mann Gottes! Er musste ihr zur Seite stehen!

»Bitte, Collum, erklär mir, was hat das alles zu bedeuten? Ich schwöre bei Gott und der Heiligen Jungfrau, dass ich nie mit Braeden …« Sie brach ab und errötete, und der Vater ohrfeigte sie ein weiteres Mal.

»Bringt sie raus«, befahl er seinen Söhnen.

Shane schleppte sie aus der Scheune und stieß sie auf die Rückbank des Automobils. Fiona wunderte sich, dass weder sie noch Braeden das Motorengeräusch gehört hatten, wahrscheinlich hatten sie beide sehr tief geschlafen.

»Bitte, lass mich nach Braeden sehen! Ist er … tot?«

Lord FitzGibhann lachte verächtlich.

»Wenn schon? Dann gibt es einen armseligen Aufrührer weniger. Glaubst du etwa, ich wüsste nicht, was Braeden treibt? Dass er ein Fenier ist und sich mit Gesindel herumtreibt, das die bestehende Ordnung stürzen will?« Er drängte sich ebenfalls auf den Sitz, sodass Fiona zwischen ihm und Shane eingeklemmt war und keine Möglichkeit zur Flucht fand.

»Was ist mit Mutter?«, flüsterte sie bang. »Das, was du über sie gesagt hast, kann ich nicht glauben.«

»Du bist nicht meine Tochter.« Lord FitzGibhann schleuderte Fiona die Worte hasserfüllt entgegen. »Du bist ein Hurenbastard, gezeugt von einem hergelaufenen Landstreicher, dem sich deine lästerliche Mutter in die Arme geworfen hat. Ich habe dich als mein Kind anerkannt, um einen Skandal zu vermeiden und weil ich der Meinung war, Kinder sollten nicht für die Sünden der Mütter bestraft werden. Aber alle Frauen sind Sünderinnen! Ihr Sinnen und Trachten zielt einzig darauf ab, Männer zu verführen und dem Laster zu frönen.«

Die Ohrfeigen des Vaters hatten nicht so sehr geschmerzt wie diese Offenbarung. Zu unglaublich war der Vorwurf gegen Fionas Mutter.

»Ich hatte keine Ahnung …«

FitzGibhann lachte hart. » Du hast die Sünde von deiner Mutter geerbt. Ich habe gewusst, dass es eines Tages so weit sein wird, deswegen habe dich beobachten lassen. Seit du dich mit diesem Fischerjungen getroffen hast, hatte Shane ein Auge auf dich. Wie richtig das war, beweist der heutige Tag, nicht wahr, meine Tochter?«

»Ich weiß, ich habe gesündigt, Vater. Es tut mir leid …«

Seine Hand schlug wieder in ihr Gesicht, und Fiona schmeckte Blut.

»Wag es niemals wieder, mich Vater zu nennen! Nie wieder, hörst du? Collum, fahr los.« Adam FitzGibhann gab den Befehl, und Collum startete den Motor.

Fiona glaubte zuerst, man würde sie zurück nach FitzGibhann Hall bringen, dann bemerkte sie, dass Collum die Straße nach Dublin hinein einschlug, auf der nun das morgendliche Leben erwachte.

»Wohin bringst du mich?«, fragte sie heiser.

Lord FitzGibhann drehte sich nicht zu Fiona um, als er mit kalter Stimme antwortete: »An einen Ort, an dem du den Rest deines Lebens verbringen und darüber nachdenken kannst, welche Sünden du begangen hast, bevor du zur Hölle fährst. Ab heute habe ich keine Tochter mehr.«

Resigniert kauerte sich Fiona in das Lederpolster. Sie wollte weinen, aber es kamen keine Tränen. Sie wusste, jedes weitere Wort war sinnlos. Es gab nichts, was das kalte Herz des Vaters, der behauptete, gar nicht ihr Vater zu sein, erweichen konnte. Auch von ihren Brüdern war keine Hilfe zu erwarten. Wenn Fiona nur wüsste, ob Braeden noch lebte! Gleichgültig, was FitzGibhann mit ihr machen würde – Hauptsache, Braeden war nichts geschehen. Mit brennenden Augen starrte sie durch die Scheibe in die Sonne, die sich im Glas der unzähligen Fenstern der Wohnhäuser spiegelte.

Magdalen-Kloster und Wäscherei, Dublin, Irland, September 1912

»… denn diese Welt existiert nur, um eine Geschichte zu sein in den Ohren der kommenden Geschlechter.«

William Butler Yeats (1865 - 1939), irischer Dramatiker, Lyriker, Essayist und Autobiograph, Nobelpreisträger für Literatur 1923

EINS

Die Kälte des Steinfußbodens kroch durch die dünnen Sohlen ihrer Schuhe. Cindy bewegte die Zehen, die sich wie Eisklumpen anfühlten. Seit Stunden saß sie auf der harten Bank in dem fenster- und schmucklosen Korridor. Eine Nonne hatte sie hierhergeführt und gesagt, sie solle warten, bis die Mutter Oberin sie empfangen würde. Zwei weitere Türen gingen von dem Flur ab, aber niemand kam heraus oder ging hinein. Cindy hatte Hunger und noch stärkeren Durst. Ein karges Abendessen, bestehend aus einer Scheibe trockenem Brot und einem nahezu geschmacklosen Tee, war die letzte Mahlzeit gewesen, die Cindy im Krankenhaus bekommen hatte. Vor drei Tagen hatte sie sich bereits von dem kleinen Liam verabschieden müssen. Auch wenn sie wusste, dass ihr keine andere Wahl blieb und dass die Trennung nur ein paar Wochen, im höchsten Fall wenige Monate dauern würde, zerriss es ihr beinahe das Herz, als sie den Säugling der Krankenschwester in die Arme legte. Cindy hätte schwören können, dass der Junge sie als seine Mutter erkannt und sie angelächelt hatte.

Sie verfügte über eine robuste Natur und erholte sich schnell von der Entbindung. Wie mit der Mutter Oberin vereinbart, hatten zwei Nonnen sie im Morgengrauem aus dem Hospital abgeholt. Zu Fuß waren sie durch die erwachende Stadt zu dem Kloster gegangen. Seit Stunden kümmerte sich nun niemand mehr um sie. Cindy wagte nicht, den ihr zugewiesenen Platz zu verlassen, um nachzusehen, ob sie hier etwas zu essen bekommen könnte. Sie hatte Respekt vor den Nonnen, auch wenn sie nie zuvor in einem Kloster gewesen war.

Endlich rasselte der Schlüssel im Schloss, und die Tür, durch die Cindy gekommen war, öffnete sich. Eine hagere Nonne hielt ein Mädchen fest am Arm, als fürchte sie, es könne davonlaufen. Rotblonde, zerzauste Locken hingen der jungen Frau über die Schultern, ihre linke Wange war gerötet und geschwollen, deutlich zeichneten sich vier Finger einer Hand auf der Haut ab, und auf ihrer Oberlippe klebte getrocknetes Blut. Die Nonne schubste die junge Frau auf die Bank, sagte: »Warte hier« und ging wieder. Cindy hörte, wie die Tür abgeschlossen wurde.

Das rotblonde Mädchen sackte in sich zusammen und presste das Gesicht in die Hände.

»Meine Güte, wer hat dich denn so zugerichtet?«, fragte Cindy. Als sie versuchte, die Haare der anderen zur Seite zu schieben, wich das Mädchen ängstlich zurück. »Wer war das?«, wiederholte Cindy. »Ein Freier oder gar dein Zuhälter?«

Während ihrer Tätigkeit in der Schenke hatte Cindy regelmäßig miterlebt, wie Prostituierte geschlagen und misshandelt wurden.

»Lass mich in Ruhe!« Die Stimme des Mädchens war erstaunlich kräftig für das zarte Geschöpf. »Ich bin keine … das hier ist ein Irrtum, ein schrecklicher Irrtum …«

»Ich wollte nur freundlich sein.«

Cindy rückte von ihr ab und fragte sich, ob sie wirklich eine Dirne war oder ein Kind geboren hatte, ohne verheiratet zu sein. Kaum vorstellbar, dass der zierliche Körper mit den schmalen Hüften ein Baby ausgetragen hatte. Cindy musterte die hellen Knopfstiefel aus feinem Kalbsleder, den dunkelgrünen Rock und den staubgrauen Mantel des Mädchens.

Alles war von guter Qualität. Sie kommt aus der besseren Gesellschaft, dachte Cindy, und sogleich: Was geht es mich an? Mit solchen Leuten hatte sie nichts zu tun, ebenso wie diese nicht mit einer Frau wie ihr verkehrten. Insgeheim empfand sie einen Funken Genugtuung, dass auch ein sogenanntes höheres Mädchen fallen konnte.

Es verging eine weitere Zeitspanne, in der nichts geschah, außer dass Cindys Magen nun vernehmlich knurrte. Endlich wurde die Tür am Ende des Korridors wieder geöffnet. In der sich jetzt nähernden dicken Nonne erkannte Cindy die Äbtissin des Klosters wieder. Ihr folgte die Große, die so hager war, dass sie sich hinter dem massigen Körper der Äbtissin hätte verstecken können.

»Ehrwürdige Mutter!« Cindy sprang auf, besann sich dann und knickste.

Die Äbtissin warf einen Blick auf die beiden Frauen und befahl: »Kommt in mein Büro.«

Die magere Nonne öffnete eine der zwei anderen Türen und gab Cindy und Fiona mit einer Handbewegung zu verstehen, in den Raum zu treten. Dort blieben sie vor dem Schreibtisch aus massivem Eichenholz stehen. Während Fiona den Kopf gesenkt hielt, straffte Cindy die Schultern und hielt dem abschätzenden Blick der Äbtissin stand.

»Eure Namen?«

Cindy antwortete zuerst: »Cindy Mallory.«

»Ehrwürdige Mutter«, blaffte die Äbtissin. »Wenn du mit mir sprichst, was du nur tust, wenn ich dir eine Frage stelle, dann sprichst du mich mit ehrwürdige Mutter an. Verstanden?«

»Ja.«

»Ja, was?« Die Augen der Äbtissin verschwanden fast zwischen den Fettschichten.

»Ja, ehrwürdige Mutter«, murmelte Cindy, mühsam beherrscht. Bereits im Hospital hatte sie gespürt, dass die Frau etwas ausstrahlte, das ihr missfiel.

»Wie lautet also dein Name?«

»Cindy Mallory, ehrwürdige Mutter. Sie haben mich vor einigen Tagen im Hospital …«

»Ich will nicht deine Lebensgeschichte hören!«, schnitt die Äbtissin Cindy das Wort ab. »C-i-n-d-y …« Mit einem Gesichtsausdruck, als hätte sie Dreck im Mund, zog Schwester Cecilia den Namen in die Länge. »Mit einem solchen Namen ist der Weg der Sünde vorgeschrieben. Du heißt ab sofort Mary sieben, weil wir bereits sechs Marys in unserem Haus haben.«

»Aber ehrwürdige Mutter …«

Für ihren enormen Leibesumfang erstaunlich flink trat Schwester Cecilia hinter dem Schreibtisch vor und baute sich wie ein Berg vor Cindy auf. Sie überragte das Mädchen um einen Kopf und sah sie so streng an, dass Cindy unwillkürlich den Blick senkte.

»Wag es nicht noch einmal, mich zu unterbrechen oder zu sprechen, wenn du nicht ausdrücklich dazu aufgefordert wurdest.« Sie sah zu Fiona und fragte: »Und du bist?«

Fiona murmelte ihren Namen so leise, dass er nicht verstanden werden konnte. Die zweite, hagere Nonne stieß sie in den Rücken und rief: »Sprich laut und deutlich und sieh die Mutter Oberin an, wenn sie das Wort an dich richtet.«

Zögernd hob Fiona den Kopf und presste hervor: »Fiona FitzGibhann, ehrwürdige Mutter.«

Mein erster Eindruck hat mich nicht getäuscht, dachte Cindy, denn der Nachname bewies, dass das Mädchen aus der oberen Gesellschaftsschicht stammte.

Schwester Cecilia nickte wissend. »Fiona können wir belassen. Dein Vater hat mir alles über dich und dein schändliches Treiben berichtet. Du hast den Weg deiner sündigen Mutter eingeschlagen.«

»Lassen Sie meine Mutter aus dem Spiel!« Scharf zog Cindy die Luft ein, denn sie hätte dem Mädchen eine solche Reaktion nicht zugetraut. Ihr, vom Weinen und den Schlägen ohnehin gerötetes, Gesicht wurde noch eine Spur dunkler. »Mein Vater irrt sich, ehrwürdige Mutter! Ich habe nicht gesündigt, denn ich bin noch …«, sie atmete schneller, und sagte dann leiser: »Ich habe noch nie bei einem Mann gelegen, ich bin noch Jungfrau. Das schwöre ich bei allem, was mir heilig ist, ehrwürdige Mutter!«

Schwester Cecilia trat zu Fiona, zupfte Heuhalme aus ihren Haaren und sagte angeekelt: »Deine schamlose Lüge zeigt, wie recht deine Familie tut, dich meiner Obhut zu übergeben. Wie ein Tier hast du dich mit deinem Liebhaber im Heu gewälzt.«

»Nein, ehrwürdige Mutter, wir haben wirklich nicht …«

»Du wagst es, die Autorität deines Vaters infrage zu stellen und zu behaupten, er habe einen Fehler gemacht? Hast du nicht gelernt, das vierte Gebot zu achten? Wag es nie wieder mich anzulügen, sonst lasse ich dir den Mund mit Seifenwasser ausspülen!«

Angesichts der Brutalität und des Zorns der Mutter Oberin wich Cindy zurück. Sie hatte keinen Zweifel, dass die Nonne ihre Drohung wahr machen würde. Weder Fiona noch Cindy hatten zuvor bemerkt, dass die Äbtissin einen kurzen, dicken Lederriemen in ihrer Hand hielt, mit dem sie jetzt mit ganzer Kraft auf Fionas Rücken schlug. Das Mädchen schrie auf und hob schützend die Arme vor den Kopf. »Merk dir eines«, Schwester Cecilia sah zu Cindy, »merkt es euch beide: Ich dulde keine Lügen und keinen Widerspruch! Aus barmherziger Nächstenliebe und Großzügigkeit nehmen wir euch auf und geben euch gütigerweise die Möglichkeit, bessere Menschen zu werden. Oder wollt ihr, dass unser Schöpfer, wenn ihr eines Tages vor sein Angesicht tretet, sein Haupt angewidert abwendet und euch in das ewige Fegefeuer verbannt?« Cindy und Fiona hielten die Köpfe gesenkt und schwiegen. Schwester Cecilia lachte voller Hohn. »Euer verstocktes Wesen ist der beste Beweis, wie nötig es ist, sich um euch zu kümmern. Ihr werdet beten und arbeiten, hart arbeiten, um euch von der Sünde reinzuwaschen. Schwester Agatha«, sie wandte sich an die dürre Nonne, die bisher still im Hintergrund gewartet hatte, »geben Sie den beiden ihre Kleidung und zeigen Sie ihnen, wo sie schlafen werden. Sie sollen sich waschen und umziehen. Nach dem Mittagessen geht es an die Arbeit.«

Mit einer Handbewegung, als würde sie eine lästige Fliege verscheuchen, gab die Äbtissin zu verstehen, dass man sie allein lassen sollte.

»Los, mitkommen!«, befahl die Nonne, als Cindy zögerte. »Ihr habt die Mutter Oberin gehört.«

»Ehrwürdige Mutter«, sagte Cindy und legte so viel Demut in ihre Stimme, wie es ihr möglich war. »Wann kann ich meinen Sohn sehen? Wann bekomme ich ihn zurück?«

»Wenn ich den Eindruck habe, aus der Tiefe deiner Seele bereust du deine Sünden und bist geläutert, können wir darüber sprechen. Jetzt fort mit euch, ihr verschwendet nur meine Zeit.«

Cindy und Fiona blieb nichts anderes übrig, als der Nonne zu folgen. Sie gingen durch lange, kahle Korridore. Jede Tür öffnete Schwester Agatha mit einem der Schlüssel, die sie an ihrer Taille trug, und schloss hinter ihnen gleich wieder ab. Dann stiegen sie ausgetretene Steinstufen hinauf. Am oberen Treppenabsatz betraten sie einen kleinen, fensterlosen Raum. Einem Schrank entnahm Schwester Agatha Kleidung und drückte jeder Frau ein Bündel in die Arme.

»Das zieht ihr an, und jeden Samstag bekommt ihr frische Unterwäsche.«

»Warum dürfen wir nicht weiterhin unsere eigenen Kleider tragen?«, fragte Fiona leise.

Missbilligend blickte Schwester Agathas auf Fionas elegantes Kleid und erwiderte: »Ihr bekommt hier alles, was ihr benötigt, und jetzt will ich keine weiteren Fragen mehr hören.«

Als Nächstes führte die Nonne sie in einen langen, schmalen Schlafsaal im Dachgeschoss. Durch zwei Dachflächenfenster fiel nur wenig Licht, der Kniestock war hoch. Rasch zählte Cindy die zwei Reihen Betten links und rechts: Es waren vierzig.

»Bett zehn und elf sind frei«, sagte die Nonne.

Die Betten waren aus Metall, mit flachen Matratzen, je einem Kissen mit einem beigen Bezug und einer grauen, groben Woll­decke. Neben jedem Bett waren an der Wand drei Haken montiert, an einem hing jeweils ein Handtuch.

»Wecken ist um fünf Uhr, Messe um halb sechs, danach Frühstück, um sieben beginnt eure Arbeit«, leierte Schwester Agatha wie auswendig gelernt herunter, ohne die Mädchen anzusehen. »Mittagessen um zwölf, Abendessen um sieben. Das Licht wird um acht gelöscht. Der Waschraum ist am Ende des Schlafsaals. Wascht euch und zieht euch um. Ihr habt eine halbe Stunde, ich warte vor der Tür, und du …« Ihr knochiger Zeigefinger bohrte sich in Fionas Brustbein. »Entferne die Spuren deiner offensichtlichen Sünde aus deinem Haar, bindet es hoch und seht beide zu, dass es vollständig unter der Haube verborgen ist.«

Die Nonne verließ den Schlafsaal. Nachdem sie die Tür geschlossen hatte, hörten Cindy und Fiona, wie von außen der Schlüssel im Schloss gedreht wurde.

Fiona sank auf das eines der beiden Betten und starrte Cindy entsetzt an.

»Wo sind wir hier?«, flüsterte sie heiser.

»An einem Ort, von dem wir wohl so schnell nicht wieder wegkommen werden«, antwortete Cindy.

»Mein Vater … meine Brüder werden mich holen, wenn sie erfahren, wie man mich hier behandelt.«

»Ach, Mädchen!« Cindy lachte bitter. »Wenn ich die Äbtissin richtig verstanden habe, dann hat dein Vater veranlasst, dass du in dieser Einrichtung für dein Vergehen Buße tust. Ich weiß zwar nicht, was du getan hast und ob es stimmt, dass du tatsächlich noch Jungfrau bist – ich fürchte, das spielt hier keine Rolle und dein bisher feines Leben ist vorbei.«

»Ach, lass mich in Ruhe!«, fauchte Fiona. »Auch ich habe der Mutter Oberin zugehört. Du hast ein Kind bekommen, ohne einen Mann zu haben! Das ist wirklich eine Sünde.«

Fiona sprang auf, nahm ihr Kleiderbündel und ging zu dem Waschraum. Dort befanden sich linker Hand fünf Toilettenschüsseln ohne Sichtschutz zur nächsten, rechts eine Reihe von Waschbecken. Aus den Hähnen floss nur kaltes Wasser, die Seife roch unangenehm nach Rindertalg. Cindy und Fiona wuschen sich das Gesicht und die Hände, zogen dann ihre Kleider aus und die groben Gewänder aus dunkelbrauner Wolle an. Strümpfe gab es keine, barfüßig mussten sie in klobige Holzschuhe schlüpfen, die Fiona zwei Nummern zu groß waren. Cindy warf immer wieder einen verstohlenen Blick zu Fiona. Das Mädchen schien zäher zu sein, als ihr zarter Körper vermuten ließ. Instinktiv wusste Cindy, dass Widerstandfähigkeit an diesem Ort dringend notwendig war.

Nachdem die, vor dem Schlafsaal wartende, Nonne die Tür wieder geöffnet hatte, folgten Cindy und Fiona ihr über das Treppenhaus und durch weitere Korridore in den Speisesaal. Hier trafen sie auf die anderen Frauen und Mädchen, die bereits an zwei langen Tischen auf Holzbänken Platz genommen hatten. Alle Blicke richteten sich auf die Neuankömmlinge, zu sprechen wagte niemand. Auf dem Podest an der Stirnseite – abgetrennt von einer hölzernen Wand mit kleinen Gucklöchern – saßen die Nonnen.

Cindy straffte die Schultern und hob das Kinn, während sie durch den Saal ging und den ihr von Schwester Agatha angewiesenen Platz einnahm. Fiona setzte sich an den zweiten Tisch. Eine ältere Frau hob die Lider und sah Cindy für einen Moment lang an, dann tauchte sie ihren Löffel in die vor ihr stehende Blechschüssel. Ein noch junges Mädchen stellte nun auch vor Cindy eine Schüssel mit Gemüsesuppe und legte ihr eine Scheibe graues Brot hin. Hungrig tauchte Cindy den Löffel ein und schob ihn in den Mund. Die Suppe war lauwarm, weder gesalzen noch sonst gewürzt, daher nahezu geschmacklos, das Brot trocken. Zum Trinken gab es Wasser.

Verstohlen beobachtete Cindy die anderen. Sie waren in jedem Alter: Mädchen, kaum älter als vierzehn, fünfzehn Jahre, und Frauen mit faltigen und verkniffenen Gesichtern. Alle hielten sie ihre Blicke gesenkt, gesprochen wurde nicht. Von hinter der Trennwand hörte Cindy das Gemurmel der Schwestern, und plötzlich zog ein so köstlicher Geruch zu ihnen herunter, dass Cindy schluckte. Brathähnchen! Und Speck! Während sie sich mit einer wässrigen Suppe und trockenem Brot zufriedengegeben mussten, schlemmten die Nonnen die köstlichsten Speisen. Unter dem Tisch verborgen ballte Cindy eine Hand zur Faust. Sie würde hier nicht bleiben! Es musste einen Weg geben, ihren Sohn wiederzubekommen, ohne von dem Gutwillen der Äbtissin abhängig zu sein.