Auf düsteren Wegen - Anton Vogel - E-Book

Auf düsteren Wegen E-Book

Anton Vogel

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Beschreibung

Das Mittelalter ... Kaum eine andere Epoche bringt so schauerliche Geschichten hervor! Eine Zeit, in der Aberglaube und Furcht vor Magie die Vorstellungskraft befeuerten, die Grenze zwischen Erklärbarem und Übernatürlichem im Nebel lag und grauenhafte Geschehnisse schweigsamere Zeugen fanden als heute. Unaussprechliches lauert in den zwielichtigen Tavernen, den finsteren Burgen, den schummerigen Gassen, die allesamt Schauplätze der Geschichten in diesem Buch sind. Wir begegnen dämonischen Kindern, grausigen Wesen, sind Zeuge magischer Rituale – 16 Autorinnen und Autoren überschreiten die Grenze von Albtraum und Realität. Doch Achtung: Manchmal versteckt sich das Böse auch hinter einem menschlichen Antlitz! Nach der erfolgreichen ersten Horror-Anthologie des Burgenwelt Verlages (»Auf finsteren Pfaden«) gibt es nun unter der Herausgeberschaft von Detlef Klewer eine erlesene Auswahl neuer schauriger Erzählungen, frisch zwischen zwei Buchdeckel gebannt. Mit Geschichten von: Anton Vogel | Anke Elsner | Christine Jurasek | Bernd Schmitt | Anna Eichenbach | Matthias Ernst | Tanja Brink | Alvar Borgan | Daniel Stögerer | Detlef Klewer | Philipp Bügel | Erik Huyoff | Olaf Stieglitz | Ute Zembsch | Nina Casement | Manfred Lafrentz

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EPUB

Seitenzahl: 448

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Auf düsteren Wegen


Horrorgeschichten aus dem Mittelalter

 

Vollständige E-Book-Ausgabe der Druckausgabe

 

 

ISBN 978-3-946531-78-7 (Print Ausgabe)

ISBN 978-3-946531-79-4 (Epub)

 

© Burgenwelt Verlag | Jana Hoffhenke

Hastedter Osterdeich 241 | 28207 Bremen

Alle Rechte vorbehalten

 

Herausgeber | Redaktion: Detlef Klewer

Lektorat: Iwo – www.kritzelkunst.de

Umschlaggestaltung | Illustration: Detlef Klewer

Ebook-Realisierung: Eridanus IT-Dienstleistungen

 

Vorwort

 

Der Begriff »Horror« lässt sich nicht in einem einfachen Satz erklären. Viel zu unterschiedlich sind wir Menschen und bei jedem lösen vielleicht andere Dinge ein Gefühl des Grauens aus. Wovor haben wir Angst? Welche Geschöpfe mit schlimmen Absichten lauern in den Schatten? Woher kommt das Böse?

Wir waren uns von Anfang an einig: Das Zeitalter, welches sich für eine Gruselgeschichtensammlung am besten eignet, ist das dunkle Mittelalter mit seinen blutdurstigen Inquisitoren, rätselhaften Tempelrittern und mysteriösen Alchimisten.

Schon in der ersten Horror-Anthologie des Burgenwelt Verlages folgten die Autorinnen und Autoren den »finsteren Pfaden« aus historischen Fakten und gruseliger Fiktion. Die Sammlung hat bis heute eine treue Leserschaft und so kamen wir bereitwillig dem Wunsch der Fans nach, die sich eine Fortsetzung wünschten. Nicht zuletzt, weil wir uns selbst gern erneut auf eine unheimliche Zeitreise in die Welt der dunklen Legenden begeben wollten.

Sechzehn Autorinnen und Autoren wurden auserwählt, um »auf düsteren Wegen« zu wandeln, das in den Schatten Verborgene sichtbar werden zu lassen und mit ihren Erzählungen über Dämonenkinder, magische Psalmen oder geheimnisvolle Herbergen abermals für wohliges Schaudern zu sorgen.

Natürlich möchten wir uns auch ganz besonders bei jenen Teilnehmerinnen und Teilnehmern bedanken, die es am Ende unserer Ausschreibung nicht zwischen die Buchdeckel geschafft haben. Ihr habt mit euren fantasievoll-schaurigen Einsendungen die Auswahl zu einem ebenso schwierigen wie spannenden Unterfangen werden lassen. Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern angenehmes Entsetzen! 

Jana Hoffhenke (Verlegerin)

& Detlef Klewer (Herausgeber)

Dämonenkind – Anton Vogel

 

Mehrere hundert Menschen drängten sich in der Kirche des Franziskanerklosters zusammen. In ängstlicher Erwartung, dass die Wolkenbrüche über Dornstadt endlich verebbten – die schlimmsten Sommerunwetter seit Menschengedenken.

Dieses Jahr – die Geistlichkeit zählte es als das Jahr des Herrn 1342 – war wahrhaftig keine Gnadenzeit, sondern eine Strafe des Himmels mit unabsehbarem Ende. Seit Mitte des vorangegangenen Monats, des Brachmondes, brannte die Sonne erbarmungslos aus einem wolkenlosen Blau. Gelb und grau sank das Getreide auf die gesprungene Erde der Wölbäcker: dieses wenige Korn, das den ungewöhnlich kalten, nassen und zeitweilig sogar schneereichen Frühling zu überstehen vermochte. Mit den immer notwendigeren und zugleich immer selteneren Getreidefuhren kam das Gerücht, von Osten – aus Tartarien und dem Mongolenland – seien Heuschreckenschwärme in viele Gaue der Christen eingefallen. Wie bald würde diese Plage auch das Herrschaftsgebiet des Bischofs und der wenigen noch mit ihm streitenden Adelsfamilien verheeren?

Das Weltende mehrte seine Vorzeichen. Scharen erstickter Fische trieben in Tümpeln und geschrumpften Flussrinnen des Mains. Gestank durchwehte die Stadt, Fliegengeschwader verdunkelten den Himmel. Bis über Fäulnis, Not und Siechtum der Himmel selbst sich zuzog, taubenblaue, gespensterweiße und schwefelgelbe Gewitterwolken in den Lüften dräuten und die Tage in unheilschwangeres Dunkel tauchten.

Dann fiel der Regen.

Bald strichelte er die Luft mit glasigen Wasserfäden, bald verdichtete er sich zu brausend prasselnden Kaskaden. Eine Weile knisterten Tropfen wie durchsichtiger Sand herab, um wenig später erneut in tosenden Güssen auf die Erde einzuschlagen und in einen Tanz von Hagelschloßen überzugehen. Doch waren es nicht die himmlischen Sturzfluten, die zu Dornstadt, im linksmainischen Viertel jenseits der Brücke, in Vorstädten und umliegenden Weilern Hab und Leben hinwegrissen, auch wenn der Fluss innerhalb weniger Tage bis zu den Uferkanten anschwoll. Es zeigte sich so bedrohlich wie um Ostern, als Regen und Schneeschmelze den Pegel schon bis nahe ans Tor steigen ließen. Doch die hartgebackenen Hügel der Äcker, die ausgetrocknete Krume der Weinberge, deren Reben ebenso dürr am Stock hingen wie das Getreide am Halm, die Anhöhen rund um die Stadt, sie alle konnten diese Regenmassen in so kurzer Zeit nicht aufnehmen. Wie bei Noahs Sintflut schien der Grund das Wasser aus all seinen Kammern zu speien. Durch Schluchten, die frühere Bodeneinstürze in die entwaldeten, von keinem Wurzelwerk mehr gefestigten Hügel gerissen hatten, wälzten sich Lawinen gelbbrauner Schlammbrühe zum Main. Sie vereinten sich mit dem aus weiter Entfernung anrauschenden Hochwasserschwall zu einem Strom, der alles niederdrückte, beiseite walzte, fortstrudelte, ertränkte und zermalmte, was sich ihm in den Weg stellte.

Vergebens läuteten Glocken aller Kirchen gegen die tobenden Gewalten der Natur. Vergebens setzte sich der Bischof selbst an die Spitze einer Prozession, die dem Banne der Todeswasser galt. Gerade noch rechtzeitig gelang es dem geistlichen Herzog, sich in seine Sänfte zu retten und durch die panische Menschenmenge hinauf zu seinem Palast auf dem Marienberg fortgetragen zu werden, ehe die Flutwelle in die Gassen kroch und an den Hauswänden empor schwappte. In himmelhoch reichendem Nebel aus Sprüh und Staub stürzte die steinerne Brücke in den Main und staute noch zusätzlich das Wasser, das Kähne gegen die Stadtmauer schrammen ließ. Nicht lang, da brach auch die unterspülte Befestigung des Sandviertels mit Türmen, Zinnen, dem berstenden Gebälk der Wehrgänge und Anbauten aus ihren Fugen und erzeugte donnernde Gischtwolken in dem Inferno.

 

Der Schrei gellte durch das Kirchenschiff.

Aus einem mädchenhaft hellen, kläglichen Stöhnen schraubte er sich zu schmerzenspraller Höhe. Der schrille Klang der Not durchfuhr Kunos dürren Körper, erzeugte unter den feucht-klammen Kleidern und der schmutzgrauen Haut ein Beben, das selbst zum Schrei werden wollte, aber nie wieder werden konnte. Stumm blinzelte der Knabe zu seiner Schwester hinüber, die auf dem hingestreuten Stroh lag. Mutter umfing sie in halber Hockstellung mit den Armen, ihr ausgezehrtes altes Gesicht neben dem zurückgeworfenen Kopf der Schreienden. Kuno blinzelte stärker, und seine Lippen öffneten sich, als sein Blick geradewegs auf Kathrins entblößte Scham fiel. Ihre strampelnden Beine hatten die Röcke bis zu den mürbweißen Oberschenkeln hochgeschoben. Eine Holzpantine war am gerissenen Lederriemen von ihrem Fuß gesackt, der sich krampfhaft drehte, als mühe er sich, wieder in den Schuh hineinzuschlüpfen oder ihn gänzlich fortzuschieben.

Der Schrei riss etliche der anderen Notleidenden aus ihrer stumpfen Verlorenheit. Ein altes Weib, das unablässig vor sich hin betete, wiegte sich nun stärker über seinen gefalteten Knochenhänden. Von den Strohschütten und Betten, welche die Armenbrüder den vom Hochwasser Vertriebenen aufgestellt hatten, richteten sich Augen – müde, glasig, manche von hämischem Staunen umwölkt, manche mitleidig – auf den gewölbten Bauch und zwischen die Beine des Mädchens. Vater entgegnete diesen Blicken mit einem Ausdruck lauernder, mühsam verhaltener Wildheit. Die Ader über seiner seltsam starren Gesichtshälfte schwoll bläulich an. Im Zwielicht des Raumes, im Gestank nach Leibesausdünstungen, Urin und modriger Nässe, glaubte er zu sehen, wie sich zwei Augen voll Hass vor ihm öffneten. Kuno zog sich noch tiefer in die Höhle seiner Stummheit zurück. Suchte dort Zuflucht. Fand sich dort gefangen seit diesem frostigen Herbsttag. Als er Zeuge wurde, wie ein Dämon beim Hühnerverschlag über seine Schwester herfiel.

Später begriff er, dass Kathrin sich davon in grausiger Erwartung befand.

Und nun wollte es zur Welt kommen, das Dämonenkind. Allen Versuchen zum Trotz, es frühzeitig aus ihrem Bauch zu treiben.

»So legt sie doch auf ein Bett!«

Die Frau, die sich zwischen den am Boden Liegenden und Hockenden hindurch zwängte, erschien dem Jungen wie eine Gestalt aus einem farblosen Traum, der in keinerlei Bezug zum erlebten Geschehen stand. Kuno schob sich von der Ankommenden fort, drückte dabei rücklings gegen einen Widerstand, einen Körper, der ihm seine feuchte, verschwitzte Cotte an die Haut presste. Ein Hustenstich schwärte in seiner Brust. Wenigstens setzte er sich so den schweigenden Blicken des Vaters nicht mehr aus. Der starrte die Fremde an, die etwa im Alter der Mutter sein musste. Stützte sich dann mit einer Hand aus seinem Sitz empor. Seine blassen Lippen, nicht mehr als ein von Furunkeln übersäter, geschwungener Strich – an einem Ende herabhängend und ständig speichelnd –, gerieten in mahlendes Zittern. Gleich würden seine Hände das Weib packen, zurückstoßen oder würgen.

Schon gegen die Franziskanerbrüder wollte er aufbegehren, als sie ihnen Grisa, ihre einzige Ziege, und deren Kitz abnahmen: Das Gottes­haus sei als Hospiz für Notleidende geöffnet worden, denen die Überschwemmung Häuser und Hütten raubte, aber durch Gottes Gnade ebenfalls gerettetes Vieh dürfe nicht dort bleiben, es werde in den Klosterstallungen versorgt.

Kuno erwartete, dass die Faust des Vaters gegen die Frau vorschnellte, wie er sie bereits so oft vorschnellend erlebte. Gegen die Mutter, gegen Kathrin. Gegen ihn selbst. Jedes Mal stand ein Teil seines Wesens daneben und sah seinen Knabenkörper auf die Dielen schlagen, ins mistige Stroh, zwischen die auseinander stiebenden Hennen. Kuno, ein Knabe, der einstmals eine Stimme besaß. »Nichtsnutz, du! Balg, du!«, keuchte der Vater dann und trat seinen Sohn. »Schau, was du angerichtet hast! Los, hilf mit!« Und Kuno konnte nicht länger seinem schmerzenden, um Luft ringenden Leib entfliehen, als der Vater ihn auf die Beine riss und aus dem Stall schleuderte, denn er sollte die Hühner wieder einfangen …

»Geht weg!«, hörte der Junge jetzt die heisere Stimme knurren. Die fremde Frau ließ sich nicht beirren. Beugte ihren von einer speckigen Leinenhaube umhüllten Kopf etwas weiter vor.

»Bitte! Ihr könnt sie auf mein Bett legen. Agnes Greuterin vom …«

»Halt dein Maul, Weib!« Der Vater rappelte sich auf die Beine. Im zornroten Gesicht stand jener unberechenbare, wahnhafte Hass, dessen Anblick Kuno einen tödlichen Schlag erwarten ließ. »Sie verbüßt die Strafe Gottes dafür, dass sie sich mit …«

»Das arme Ding braucht ein richtiges Lager für die Geburt! Also lasst ab! Ist eine Wehmutter hier?«

Die Herzschläge wallten durch Kunos Brust wie Wellenringe einschlagender Tropfen. Ohne Zweifel erwartete das Ende diese Frau, die sich dem Vater so dreist entgegenstellte. Er erwartete es sogar im Gefühl dunkler, würgender Vorfreude. Seine Finger schnappten unwillkürlich ineinander, juckten und kribbelten, zu gerne hätten sie jetzt etwas zum Zerrupfen gehabt.

Mutter starrte mit der verständnislosen Gehetztheit eines bedrängten Tiers zum Vater empor und ein Bewusstsein ihrer Angst flackerte nun in Kathrins verzerrten, schweißüberströmten Zügen auf. Dann walkte ein neuer Schmerzschub ihren Leib. Ließ ihren Kopf hin und her schlagen, als wolle sie sich gegen den Schrei wehren, der dennoch mit aller Wucht aus ihr hervorbrach und ihren Unterleib sich aufbäumen ließ.

»Es kommt! Es wird gleich kommen …!«

Klebrige Nässe leckte über Kunos Finger, deren eingerissene Nägel die Haut aufkratzten. Er fetzte weiter an ihnen, während seine Blicke durch die Düsternis des Kirchenschiffes irrten. Mattes Tageslicht, das durch die hohen, blinden Glasfenster einfiel, vertiefte die ineinanderfließenden Schatten noch mehr. An der Kalkwand hatten sich riesige, schwarzgrüne Feuchtigkeitsfelder empor gesaugt. Steinerne Fratzen dräuten über den Köpfen der Menge, die im Hospiz der Franziskaner keinen Platz mehr fand. In starren Schattenschichten schwebte die Balkendecke über den massigen Säulen des Mittelschiffs. Kuno wandte den Kopf zu einer der Säulen. Hoch oben thronte auf einem Steinsims eine Frauenfigur mit zierlich durchbrochener Krone auf dem Haar und in überaus vornehmem Gewand, dessen blaue Farbe allmählich mit der Dämmerung verschmolz. Ihr gegenüber ein Jüngling mit Flügeln, die Hand zum Gruß erhoben, einen Fuß gleichsam im Schritt vorangestellt. Als sei er geeilt, der Dame eine Botschaft zu überbringen, oder als sei er aus dem Fluge eben auf dem Sims gelandet, denn er trug ja ein Paar mächtiger Schwingen.

Doch … was war das …?

»Du rührst sie nicht an!« Kunos Aufmerksamkeit zuckte von der Erscheinung zurück in den Bann des Vaters. »Sie hat sich mit einem Dämon eingelassen! Dafür sühnt sie jetzt mit den Schmerzen des Weibes. Heiligen Schmerzen …«

»Wir alle müssen sühnen, Herr. Sie dich nur um! Die Strafe des Himmels trifft jeden dieser Tage. Bete lieber, dass die Flut vor den Pforten dieser unserer Zuflucht Halt macht.«

Beifälliges, trotziges Murmeln bestärkte das entschlossene Auftreten der Frau. Einige Leute rafften sich auf, ein Wogen und Schlurfen ging durch das Gedränge. Das Gesicht des Vaters drehte sich in begriffsloser Wut von einem zum anderen.

»Genau, Drechsel! Mach den Zorn des Himmels nicht noch schlimmer durch deinen eigenen Groll.« Der Sprecher fasste den Zornbebenden sogar an der Schulter. Ruhig stemmte er sich gegen dessen abwehrende Schulterbewegung, versuchte Stand zu wahren, soweit es die Enge nur zuließ.

»Setz dich wieder hin und halt den Mund, Drechsel«, kam ein anderer dem Mutigen zu Hilfe.

»Geht weg!« Für Hein Drechsel, den Vater, gab es kein Halten mehr. Der Nachbar, der ihn gepackt hatte, taumelte gegen die Umstehenden. Irgendwo ertönte ein Schrei, dann hörte man mehrere Herzschläge lang nichts mehr als Kathrins abgerissenes Wimmern und Kreischen. Dazu eine Geräuschwand aus dumpfem Trommeln des Regens auf Dach und Mauerwerk.

»Was ist denn hier los? Um Christi willen, so beruhigt Euch und haltet Frieden!«

Kuno bemerkte die beiden Armenbrüder zuvor nicht, die sich wohl angeschickt haben mussten, Brot- und Nachbiersuppe an die Lagernden zu verteilen. Der Ältere, mit ergrauter Tonsur und einem raureifweißen Kinnbart, drückte dem Jüngeren rasch eine gefüllte Schale in die Hände, ließ den Holzlöffel in den abgestellten Topf klatschen und kämpfte sich mit seinen ausgefransten Kuttenärmeln zu Kunos Familie durch. In seinem Angesicht zeigte sich tröstliche Milde, aber auch ungeheure, zornbereite Strenge.

»Das Mägdlein kommt nieder«, antwortete die ältere Frau – wie lautete ihr Name? Agnes? »Ich wollte sie auf das Bett legen, das Ihr, Bruder Rufinus, mir und meiner Tochter gütig bereitgestellt habt. Ihr und ihrem Kindlein will ich es geben.« Frau Agnes’ Miene schien auszudrücken: ’Fasst gleich mit an.’

Ein Blick der rot unterlaufenen Augen in das Antlitz des Mönchs, und der Widerstand des Vaters sackte – wenngleich zögerlich – in sich zusammen. Kuno glaubte, in dem jetzt weißfleckigen Gesicht einen Anflug von Angst zu erkennen. Gottlob geschah es öfter, dass Hein Drechsel zurückwich, wenn aus der Menge mehrere Leute seinen Pöbeleien entgegentraten. Doch in seinem Blick spiegelte sich noch etwas anderes … ein Erschrecken in der Tiefe seiner Augen, ein Schmerz, mit furchtsamem Erstaunen wahrgenommen, beinahe mit der ungläubigen Verwunderung eines Kindes, das sich gestoßen oder den Tritt eines Karrentieres erlitten hatte …

Kuno schauderte. Was ging im Vater vor? Wovor fürchtete sich der?

Dann erinnerte sich der Junge, dass ja ein Dämon in seine Schwester eingedrungen war und nun dessen Brut sich anschickte, aus ihrem Schoß zu kriechen. Falls diese Geburt sie nicht zugrunde richtete.

»Sollen wir sie ins Infirmerium bringen?«, fragte Bruder Rufinus mit ruhiger Stimme.

»Dort ist alles voll belegt«, wandte der jüngere Bruder ein, der sich mit patschendem Suppenkessel hinterdrein schleppte.

»Es wäre auch zu spät.« Frau Agnes kniete vor Kathrin, zog ihr die Röcke wieder über die Knie und legte sich den Wollstoff zeltartig über den Kopf. »Ich glaube, die Fruchthaut ist geplatzt …« Ein von wässrigem Blut und Schleim überglitschter Arm winkte unter den Rockfalten hervor. »Bruder Rufinus, bringt Wasser, schnell! Möglichst warmes Wasser – könnt Ihr einen Kessel beheizen? Habt Ihr noch weitere Tücher? Bärbel«, sie meinte wohl ihre Tochter, die sich hinter ihr an der Wand entlang zur Kreißenden vorzuarbeiten versuchte. »Bärbel, binde deinen Leibriemen ab und knüpfe eine große Schlaufe. Nur falls ich das Kind drehen müsste. Ist keine Wehmutter hier?«

Doch eine solche schien nicht notwendig, so geschickt wie Agnes zu Werke ging. Würde ihr der Dämon etwas antun, sobald sie ihn zu fassen bekam?

Mutter zog Kathrin in ihren Armen höher empor, streichelte ihr mit kreisender Handbewegung die Schlüsselbeine und raunte ihr beruhigend ins Ohr.

Der Vater kauerte im Wandwinkel wie ein hingeplumpster Mehlsack, die Hände ineinander gekrampft.

»Hinweg, alle anderen! Hinweg, wer nicht mithilft!«

»Mach mit der Speisung weiter, Bruder Michael. Ich gehe Wasser für die Niederkunft holen.« Bruder Rufinus entfernte sich zur Seitenpforte. Der ausgebleichte, von Schmutznässe durchtränkte Saum seiner Kutte enthüllte im Fortschwingen ein kleines, zappelndes Etwas auf den Steinfliesen. Kuno haschte danach, ehe einer der vielen nackten, in löchrige Schuhe oder Lederlumpen gehüllten Füße es vollends zertrampeln würde. Eine halb zerquetschte Küchenschabe ruderte mit den Beinchen, tastete mit den Fühlern. Während Kuno sie Glied um Glied zerpflückte und darin ein wenig Beruhigung fand, stahlen sich seine Augen wieder zu den beiden Säulenfiguren hinüber. Voller Hoffnung, dass von Neuem geschah, was er einen Augenblick vorher wahrnahm: dass der Flügeljüngling sich bewegte. Der Junge wusste nicht, ob er voll Entsetzen fliehen würde, falls die Gestalt ihm den Kopf zuwandte und der lebendige Glanz des Schauens, des Sehens in die geheimnisvoll lächelnden Steinaugen flösse.

Nichts geschah. Die Figur blieb regungslos.

Kuno steckte sich den zappelnden Rest der Schabe in den Mund und verging in dem scharfen, fauligen Geschmack, den ihr Sterben verströmte. Eine Ruhe überkam ihn, wie wenn er auf dem nun zerstörten Hof an der Mauer des Sandviertels säße und eine tote Maus oder ein totes Küken zerrisse. Eine Reihe kleiner Gräber hatte er hinter dem Hühnerstall schon angelegt, einen richtigen Friedhof. Erst, wenn Vögel, Mäuse oder Krabbeltiere bis zur Unkenntlichkeit entstellt vor ihm lagen, wenn Schenkel, Flügelchen, Köpfchen nur noch an Fleischfäden baumelten, entsprachen diese Körper seinem Empfinden nach Schönheit. Die Freude daran konnte keiner ihm nehmen. Auch nicht der Vater, der nichts von diesen Grabstellen ahnte. Die Anmut der zerlegten Tierlein ließ ihn manchmal träumen, dass es keine Gewalt im elterlichen Haus gäbe. Oft gelang es ihm dann auch, den Anblick des Dämons zu vergessen, der Kathrin an die Schuppenwand presste und ihr die Pranke um den Mund nestelte. Und dem unfreiwilligen Beobachter drohte ihn umzubringen, lasse dieser je ein Wort darüber verlauten.

Augen des Bösen, Augen der Gewalt, Augen, die Angst und Hass verbreiteten – sie glühten über Kathrins prallem Bauch. Lugten unter ihren Kleidern hervor. Schwebten an der Gitterwand des Lettners und in dem kurzen, überfüllten Kirchenschiff. Sie befanden sich überall, und Kuno schälte sich Hautfetzen von den bluttriefenden Fingern – in der verzweifelten Hoffnung, diese Augen dadurch schließen, auslöschen zu können.

Als er seine Lider eine Weile zusammengekniffen hielt, loderten die Augen schwächer. Verschwammen zu tanzenden Farbflecken. Auch die erregten Stimmen und Kathrins Schreie verklangen. Das Kirchenschiff schien sich zusammenzuziehen, gleichzeitig wurde es weit: Der Wohnraum des Elternhauses umgab den Knaben wieder. Ein einziger Raum, den der Vater vor den Betten mit einer Lattenwand abgeteilt hatte. Der größere Bereich mit Tisch, Stühlen, Bank, Herdstein und ein paar Wandgestellen reiche immer noch für seine »gute Stube«, sagte er.

Mutters Reisigbesen kratzte über die Dielen, wo sich im schummrigen Licht der einzigen Schweinsblasenlaterne ein dunkler Fleck abzeichnete. Dort schlug Kuno mit der Stirn auf, als der Vater ihn zu Boden stieß. Der hockte am Tisch, trank aus seiner Tonflasche und schimpfte auf die unheilige, falsche Bruderschaft der Handwerker zu Dornstadt, die ihn als ehrbaren Drechsler nicht aufzunehmen gewillt sei. Je mehr er trank, desto wilder redete er sich in seinen Unmut. Lachte polternd über seinen Nachbarn hinterm Zaun. Ein Tagelöhner, der gerade einmal einen Hühnerstall bewohne. So tief sei er, Heinrich Drechsel, nicht gesunken, und mit Gottes Fügung werde er das auch nie. Dabei schlüpfte der Vater oft in die ärmliche Hütte dieses Finsterlings. Ließ Kuno aus dem Schlaf schrecken und erstarren, wenn er spätnachts zum Lager schlurfte, und neue Branntweinflaschen mitbrachte. Kuno versuchte, diese inneren Bilder wegzublinzeln. Doch andere, nicht weniger bedrängende überlagerten sie: Die Wassermassen, ein trübgelber Strom voller Luftblasen und krauser Schlieren, die unter den Geschossen der Regentropfen durch die Gasse wirbelten und über ein niedriges Gefälle gleich einem Wasserfall in den heimischen Garten flossen. Die Mutter, wie sie panisch durchs Wasser patschte und ein Ränzel mit notdürftigster Habe zusammenraffte. Kathrin stolperte hinter ihr drein, eine Hand auf dem vom Bösen schwangeren Leib, blass und erschöpft das Gesicht, blauschwarze Schatten unter den Augen. Währenddessen musste Kuno bei den Ziegen mit anpacken. Grisas sprödes Meckern schepperte durch den prasselnden Regen, als der Vater das Tier am Strick aus dem Verschlag zerrte. Kuno schleppte das erst wenige Tage alte Kitz durch die Fluten, die ihm bereits gegen die Schienbeine drückten. Der Regen rann ihm aus dem Haar. Vaters Schopf klebte wie ein durchweichter Taubenkadaver an der weißen Schädelhaut. Kuno hielt das Zicklein an den Achseln der Vorderbeine, das knubbelige Köpfchen hing seitlich herab, die Hinterhufe baumelten bis auf die zerschlissenen Bundschuhe hinunter. Einen Augenblick lang malte seine Fantasie sich aus, wie er die überdehnten Sehnen auseinander zerrte, bis sie flatschend entzwei rissen. Doch gleich darauf stellte er das mit dünner Stimme protestierende Tierchen auf die Hufe, bückte sich, rückte es auf seinen Schultern zurecht und taumelte, halb blind vom Wasser, das ihm in die Augen troff, hinter den Seinen her.

Eisige Nässe laugte ihm alle Wärme aus den nur von der wadenlangen Cotte bedeckten Beinen. Gurgelnde Rinnsale zerrten an seinen Knöcheln. Flüchtend stampfende Füße wirbelten die Fluten zu hohen, scharfen Fontänen auf. Etliche Male stolperte Kuno, fiel auf die Knie, bekam Spritzer ins Gesicht, schluckte sandige Schlammbrühe, die auch in den Nasengängen stach und zwischen seinen Zähnen knirschte. Immer wieder gelang es ihm, sich aufzurichten. Die Wärme des Kitzes schmiegte sich an seine Schultern, sein Meckern nach der Mutter klang fast wie das Weinen eines Brustkindes. Es fest an den Beinen haltend, watete er vorwärts. Verzweifelt bemüht, Grisas spitzknochige Gestalt niemals aus den Augen zu verlieren. Der Vater, dessen unberechenbaren Zorn er sonst gleich einem Todesschatten über sich schweben fühlte, wurde nun zum Fluchtpunkt in all der Hast und Verwirrung. Wie ein Hund eilte Kuno blindlings auf ihn zu.

»Da hinauf!«, rief die Mutter, mit einem Arm das Bündel an sich drückend, mit dem anderen die schwerfällige, gebrechlich aussehende Kathrin umfangend. »Zum Kloster Zell! Raus aus der Stadt, auf die Höhe!«

»Weiter!«, herrschte der Vater sie an. »Zu den Armenbrüdern dort vorn! Sie müssen uns aufnehmen. Nichts und niemand vertreibt mich aus der Stadt!« Seine sich vor Wut überschlagende Stimme übertönte das Geschrei ringsum, das Rauschen des Regens, das Grollen der Wasserflut.

Sie gelangten endlich auf trockenes Pflaster, vor ihnen erhob sich die Franziskanerkirche aus dem Verbund der Klosterbauten. Am unteren Ende der Gasse entquoll ein Sturzbach einem Kellerloch, eine durchnässte Ratte mit in Strähnen und Stacheln an die rosa Haut geklebtem Fell, huschte in verstörter Flucht zwischen trampelnden Füßen hin und her. Wieder heftig Gott fluchend, Grisas Strick um die Faust geschlungen, bahnte sich der Vater mit einem Arm seinen Weg durch die Menge. An der Ecke der Gasse angelangt, weitete sich der Blick auf die Verwüstung.

Der Marktplatz war verschwunden. Torturm, Häuser und Stadel an den Seiten ragten wie Felsinseln aus den gewaltsam dahinschießenden Wassermassen des Mains. Bis zum Bauchnabel steckten Menschen in der Schmutzbrühe und versuchten sich mit rudernden Armen aufs Trockene zu kämpfen – Händen entgegen, die sich nach ihnen ausstreckten. Unerbittlich wurden sie von der Strömung fortgezogen, weggerissen, bis nur noch strampelnde Arme das Wasser peitschten. Aus den Fenstern der Stockwerke schrien Gesichter um Hilfe. Mengen von Unrat, Schaumkegeln und Holztrümmern glitten vorbei – mitten darin ein großes, weiches Kreuz. Ein Körper mit ausgestreckten Armen unter luftgeblähten Kleidern – ein Toter. Noch dichter toste der Regen nieder. Auf einem Auge verschwamm die Welt vor Kunos Blicken zu einem schattenhaften Chaos düsterer Farben und Bewegungen. Durch den Nässeschleier erkannte er, dass Wellen über die mittleren Stufen des Domes platschten. Ein vor und zurück schwappender Gürtel aus angeschwemmtem Treibgut wogte zwischen den Stützmauern und auf der höher gelegenen Seite schichteten Scharen von Männern fieberhaft große, plumpe Gegenstände – vermutlich Säcke – zu einem Wall aufeinander. Am Eckbertsturm stand das Wasser wohl eine Mannslänge hoch.

Kuno weinte.

»Die Juden waren das!«

Riesengroß erhob sich der Rathausturm über einer ertrunkenen Erdscheibe. Seine Fassade belebte sich, erweichte zu einer grünlich-schwarzen Haut, die zuckte, zitterte und so feucht glänzte wie die Haut eines Frosches. Im Turmspitz aber leuchtete ein Paar schwefelgelber Augen, unerbittlich nach ihm suchend …

Die Männerstimme entriss ihn endgültig seinem Angsttraum.

»Das haben die Juden verschuldet. Sie wollen sich seit jeher an den Christenmenschen rächen.«

Ein pochender, lauernder Augenblick der Stille trat ein. Kathrin hatte aufgehört zu schreien, ihr weißer Kopf ruhte tief in Mutters Schoß. Eine ihrer Hände krallte in deren Rockfalten, die andere umklammerte Frau Agnes’ Unterarm. Ein markerschütternder Ausdruck von Angst und Verlorenheit pulste auf ihren tränenüberströmten Zügen. Kuno stand auf und stierte hilflos in ihr Gesicht. Die Arme hielt er um den Leib geschlungen.

»Was soll das heißen?«, fragte ein anderer, »die Juden?«

»Wenn sie sich zu ihren Sonntagsmessen einschließen«, erwiderte die erste Stimme, »zu ihren Judensonntagen, meine ich, wer weiß schon, welche dunklen Sprüche sie dann murmeln und was für Tränke sie brauen. Ich sage euch, sie können das Wetter verzaubern und haben schon unsere Ernte verhindert.«

»Wegen diesem Gesindel hungern wir …«

»Es heißt ja auch, dass sie das Blut und Fett unschuldiger getaufter Kindlein mit Teufelskräutern zu einer Salbe verrühren, mit der sie durch die Lüfte …«

»Schweig!«, fuhr jemand angstverzerrt dazwischen. »Um Himmels willen! Solche Reden im Hause Gottes …«

»Aber das ist doch alles Unfug«, warf eine Frau aus Richtung der Mittelsäulen ein. »Selbst wenn sie Sturmwolken herbeizaubern oder Regen fernhalten könnten, was hätten sie davon? Von denen, die in den tiefer gelegenen Gassen des Judenviertels leben, haben viele genauso ihr Gut und Leben verloren wie wir. Und sie hungern wie wir …«

»Tun sie nicht!« Der Wortführer, ein junger Bursche, schlug sich mit der Faust in die Handfläche. »Sie müssen nicht hungern, weil sie in ihren Spelunken die Reichtümer der Christen horten! Und sie sind nicht wie wir. Sagen nicht die Pfaffen, sie sind verblendet von ihrem falschen Gott? Also trachten sie danach, uns zu schaden.«

»Vielleicht ist das Hochwasser die Strafe dafür, dass man ihnen erlaubte, unter uns zu hausen«, mutmaßte eine jüngere Frau, die den immer stärker aufbrausenden Mann verstohlen und bewundernd beäugte. Die Suche eines Schuldigen verschaffte vielen wüste Erleichterung in ihrem Elend, ihrer Ungewissheit. Inmitten des verschwörerischen Gemurmels, aus dem sich vereinzelte Rufe nach Mord an den Juden lösten, oder die Forderung, die Hebräer nach der Flut zumindest aus der Stadt zu prügeln, zog Kälte Kunos Inneres zusammen. Des Öfteren drangen Geschichten über diese Menschen an seine Ohren, die wie gewöhnliche Bürgerleute in der Stadt umher gingen – nur wenn sie nahe vorbei schritten, bemerkte man, dass sich dünne, beschriftete Lederbänder unter ihren Gewandärmeln um die Hände schlangen. Standen darauf wirklich Zaubersprüche? Wenn am Ende einer dieser Hexer auch ihn holen kam … nein, welch furchtbarer Gedanke! Sein Atem ging flach und rau.

»Mit einem Dämon hat die da Unzucht getrieben.« Wieder die Stimme des Vaters, der voll stierer Verbitterung vor sich hin glotzte. Jedes seiner Worte schien sich in Kunos Rücken zu krallen.

Sollen die Juden doch den Vater holen.

Eisiger Schreck schnitt ihm den Gedankensatz jäh ab.

»Sie hat das Unglück über uns gebracht.« Hein Drechsel spie aus. Ein grüngelber Klumpen landete auf den Fließen.

Frau Agnes, die Wehmutter, hob ruckartig den Kopf. Schon während der Beschuldigung der Juden setzte sie eine fragend-verärgerte Miene auf, nun rötete sich ihr Antlitz, die Augen beherrschte ein wütendes und herausforderndes Funkeln.

»Ach ja?! Du weißt das, mein Herr? Dann kennst du diesen Dämon vermutlich selbst am besten …«

Hein Drechsel erbleichte und zitterte. Die Mutter warf ihm einen Blick zu, worin – erstmals in Kunos Erinnerung – keine hündische Furcht lag, sondern Zorn, Verachtung und Hass schwelte. Wie Schwestern wirkten sie nun, Mutter und Agnes, so, als sei letztere seine und Kathrins vertraute Tante. Ringsum erhob sich Getuschel voll abwehrender Angst: »Ist es denn wahr?«

»Ein Dämon?«

»Wie konnte das zugehen?«

»Das Balg soll nicht leben!«, überbrüllte der Vater die wispernde Unruhe. Seine Stimme schwankte und gurgelte, wie wenn er sich im Branntweinrausch befände. Die blaue Ader verzweigte sich an seiner Schläfe gleich einem Zornesblitz. Da aber begann Kathrin, gellend aufschreiend vor Schmerz, sich in unsäglicher Verzweiflung hin und her zu werfen. Die dämonische Brut in ihrem Bauch würde sie nun zerreißen. Mutter, Agnes’ Tochter und eine weitere herbeigeeilte Helferin brachten kaum die Kraft auf, die Tobende festzuhalten.

Der Ehemann der neu hinzu gekommenen Frau rüttelte diese an der Schulter, um sie wegzuziehen. »Du fasst kein Balg eines Dämons an, verstanden?«

Kathrins letzter Schrei riss in Kunos Empfinden förmlich seinen Leib von der Seele. Er bestand nur noch aus einem Paar aufgerissener Augen, die hilflos, machtlos das Entsetzliche beobachteten.

Blutflecken tränkten Kathrins Unterkleid, verklebten und vermatschten den zerknitterten Leinenstoff, tropften aus dem Gewebe ins zerscharrte Stroh. Und da – zwischen ihren nackten Füßen, deren Zehen sich wie Vogelklauen krümmten und deren Fersen über den Steinboden scheuerten, verdickte sich das schwarzrote Faltengekröse zu einem Knäuel.

Von irgendwoher vernahm Kuno eine Frauenstimme: »Es ist heraus!«

Der Vater drängte sich zu der Entbundenen hinüber.

In diesem Augenblick wehte es durch die modrige Luft wie Flügelrauschen. Dunkelheit senkte sich, wie durch eine die bedrohliche Gegenwart eines riesigen herabstoßenden Vogels.

Es durchzuckte Bruder Rufinus wie ein Blitz, nein, wie ein Feuersturm heiliger und abgründiger Bilder. Die Küche löste sich in zuckende Helligkeit auf. Wie damals bei der Vision in Umbrien, als er in einem flammenden Wagen den Heiligen Franziskus erblickte, mitten hineinfahrend in die Kapelle Portiunkula. Mitten hinein in sein Herz. Rufinus, vierter Sohn eines Gutsverwalters, trug auf Geheiß des Vaters die braune Kutte und den Gürtelstrick mit den drei Knoten – Armut, Gehorsam, Keuschheit. Des Lesens kundig versuchte er sich sogar am Studium großer franziskanischer Gelehrter wie Johannes Scotus, Roger Bacon und William von Ockham. Letzteren noch zu Lebzeiten in München zu treffen, blieb sein sehnlicher Wunsch. Ungleich stärker aber wünschte er sich, dies süße und verstörende Bild wiederzusehen. Es entsprach ganz der Schilderung, die Bruder Thomas von Celano in seiner Lebensgeschichte des Heiligen wiedergab, dem Wunder der zweifachen Erscheinung des Franziskus: einmal betend in der Kathedrale San Rufino, im selben Augenblick aber auf dem Feuerwagen bei der Portiunkula, im Tal zu Füßen Assisis.

Damals reiste Rufinus zur Jahresversammlung aller Franziskaner und Klarissen in die Vaterstadt des Ordensgründers. Am zweiten August, dem Tag der Einweihung Portiunkulas, standen als Höhepunkt der Kongregation das Gebet und der Gnadenempfang in dem Kirchlein an, das der Heilige auf Weisung Jesu Christi aus einer überwucherten Ruine wieder aufgebaut hatte. In dem Gestank nach Unrat, den die Mainflut bis in die Gänge des Klosters trieb, nahm Rufinus plötzlich wieder die Gerüche jenes Tages wahr, den Duft erfrischter Erde, nach Holz und Laub, die spröde, salzige Würze von Mauerwerk und Lehmziegeln. Vogelrufe erklangen in der geläuterten Luft. Nach heftigen Güssen netzte immer noch ein leichter Regen den Ölbaumgarten, der an Stelle des einstigen Steineichenwalds das zierliche und solide Gotteshäuslein umgab. Auch aus der Ansammlung von Laubhütten, den Behausungen der Urgemeinde, war längst ein kleiner Konvent mit Chor, Gebetshaus und Pilgerherberge erwachsen. In der Ferne zogen Schwaden weißen Dampfes über die silbergrünen Olivenhaine und die Weidehügel mit ihren Schäferhütten hinweg. Oberhalb des Nebelkranzes ließ die Abendsonne Mauern, Dächer und Türme von Assisi in warmen irdenen Farben gegen den dunkelblauen Wolkenhimmel und den Rücken des Monte Subasio aufleuchten. Auch die Bergwälder gaben Dunst von sich, die Gipfel verschwammen in der luftigen Feuchte.

Und im Tal die Kapelle, klein wie ein Krippenstall, ein überwältigender Ort der Verheißung und der Forderung. Hier, wo Franziskus nackt wie ein Kind bei der Geburt, im Dienst seiner »Mutter Armut« und im Loblied auf den Bruder Tod, am bloßen Erdboden verschieden war – hier empfing Rufinus das Gesicht.

Vielleicht handelte es sich bei dem flammenroten Hintergrund tatsächlich nur um einen Sonnenstrahl, der von Westen in das winzige Heiligtum einfiel und die Apsis mit blendender Lohe erfüllte. Aber das Feuer ungeheurer Glaubenskraft umstrahlte die durch Kasteiung und beginnende Todeskrankheit gezeichneten Züge des Heiligen. Nur diese innere Glut schien die schweren, müden Lider noch offen zu halten. Als Rufinus voller Furcht die Finger zusammenkrampfte, verwandelte sich das Gesicht des Assisiaten in das gebieterisch schöne Antlitz der Kreuzikone von San Damiano. In diesem Gotteshaus und von diesem Christusbild erfuhr Franziskus einst seine Berufung.

Ein Zittern durchlief Rufinus’ Leib, erschütterte den Boden, erfasste die glatt gemauerten Wände um ihn her. Später entnahm er der aufgeregten Menge, dass ein leichtes Erdbeben an den Grundfesten gerüttelt habe. Mehrere Pfannen vom Dach des Oratoriums zerscherbten auf dem hartgebackenen Boden, den die Regenfälle nur kurz und oberflächlich zu erweichen vermochten.

Rückblickend erfüllte Rufinus nicht mehr absolute Sicherheit, welche Sätze die Erscheinung zu ihm sprach, ob er in der so viel stärkeren Erschütterung seiner Seele nicht das eine oder andere Wort hinzu erdachte. Oder hörte er es wirklich so?

»Fra Rufino, fühlst du nicht, wie meine Geschöpfe leiden? Hörst du sie nicht jammern und flehen unter dem Joch des Bösen?«

Seit jener Schau suchten Rufinus immer wieder bedrängende Anwandlungen heim. Oft schnitt ihm dabei streifiger Schmerz gleich einer Klinge von der Schläfe bis tief in den Kopf. Ein Singen breitete sich in seinem Ohr aus und zerteilte sich in hundert aberwitzige Geräusche. Das Rauschen des Blutes, das in eines Menschen Herz, in einer Vene von einer Kammer in die andere strömte; schneckenfeuchtes Klacken und Schmatzen der Eingeweide. Knirschende, prickelnde und zischende Zersetzung der Speise im Magen. Brauen und Gären im unteren Gedärm, bis es sich mit Höllendonner entlud. Immer weiter, immer feiner spalteten die Geräusche sich auf, streuten durch das Prisma seiner Seele wie das Licht, das der verehrte Roger Bacon mit Linsen aus Beryllstein in seine feinsten Strahlen zerlegt hatte. Und all diese Teile fügten sich zu einem Konzert körperlicher und seelischer Misstöne zusammen. Einer verderbten Sphärenmusik des Elends, des Unglücks, des Verbrechens.

Hatte Rufinus anfangs unter ihren Anstürmen schier verzagen wollen, ertrug er sie nunmehr seit Jahr und Tag in Demut. Doch jetzt zerriss ihm fast das Gedärm, was er soeben in der Kirche der Kreuzauffindung, bei der Familie dieses stadtbekannten Pöblers verspürt hatte. Die Schlechtigkeit und Krankheit im Fleisch des Vaters. Die Sünde, die das Mädchen in seinen Leib gepflanzt trug. Schmerz bohrte hinter Rufinus’ linkem Auge. Wie ein Schrei nach Gnade und Gerechtigkeit der Höhe wollte es aus ihm hervorbrechen. Seine Faust umklammerte das Franziskuskreuz aus Olivenholz, das an einer Sehnenschnur mit drei Knoten um seinen Hals hing, und das die geschweifte Form des griechischen Kleinbuchstaben Tau zeigte. Da gab der Herr ihm ein, was zu tun sei.

»Ist es denn wahr?« Die beunruhigte Stimme des Mitbruders holte ihn vollends in die Wirklichkeit der düster erleuchteten Klosterküche zurück. Rufinus ergriff die Schale heißen Wassers. Trockene Wolltücher hingen über seinem Arm.

»Was denn?«, fragte er unwirsch zurück.

»Dass dieses Mädchen … bei den Obdachlosen in der Kirche … von einem Dämon schwanger ist? Dass es einen Dämon zur Welt bringt?« Der Mönch bekreuzigte sich.

»Das Böse ist in allen Menschen, immerfort.« Rufinus’ Hände begannen nicht nur unter dem Gewicht der Wasserschüssel zu zittern. »Bruder, lauf in den Stall und melke die Ziege, die der Familie gehört, diese graue Schecke mit dem Kitz. Nimm dort den Bottich, rasch! Dass für alle Fälle etwas Milch vorhanden ist. Du, Kilian«, befahl seine Stimme einem jungen Mönch, der unbehaglich von seinem Schneidebrett mit Rüben aufblickte, »komm mit!« Hinaus rauschte er, dass ihm das heiße Wasser über die Daumen schwappte, Kellen und Pfannen an ihren Wandhaken klirrten. Hinter sich hörte er Sandalen über die Fliesen klatschen.

Die Mönche hasteten durch den Kreuzgang, vorbei an Wasserstrahlen, die sich aus Speiern der Dachrinne in den Garten ergossen. Zwei Wildenten flatterten laut quakend aus dem Regenteich empor, der nun die Mitte des Rasenplatzes füllte. Die Erde der Kräuter- und Rosenbeete glänzte tiefschwarz vor Nässe, übersät mit welken Stängeln und Blättern. Der gegenüber liegende Säulengang dunkelte als eine Reihe gähnender Höhlen hinter dem Regenschleier. Überlaufendes Wasser rann Rufinus um die Füße. Doch auf die Gefahr, dass der Hochwasserpegel nun das Kloster erreichte, konnte er in diesem Augenblick nicht achten. Die Welt versank unrettbar in Not.

»Eile, Bruder Kilian! Der Herr gebe, dass wir nicht zu spät sind!«

Eine Welle der Angst und Gewalt überrollte sein Innerstes, ein hässlich grüner und roter Strom – mitten darin der Schatten des Todes. In der Seitentür erwartete sie mit verschreckter Miene Bruder Michael und zog Rufinus ins Dunkel der Kirche.

Rasender Schreck durchfuhr Kunos Adern wie eine Pfeilspitze, die in tausend Splitter zersprang. Der Junge duckte sich und warf den Kopf herum, vermochte aber außer der Menschentraube um Kathrin nirgends die Gestalt zu erkennen, die ihren dräuenden Schatten über ihn senkte. Ein Knie stieß ihn in den Rücken. Das Gesicht des Vaters, bebend und schweißglänzend. Seine riesige, grobe Pranke schob einen Mann beiseite, während er sich vor Mutter und Schwester aufbaute. Agnes hob ein winziges, blut- und schleimbedecktes Bündel zwischen Kathrins Beinen empor. Wortlos, in unerbittlicher Forderung, streckte der Vater die Hände nach dem Bündel aus. Dort bewegte sich ein menschenhaftes Beinchen, zeigte sich ein menschenhaftes Ärmchen. Als Agnes es behutsam wiegte und klopfte, stieß es schnappende Gluckslaute aus, die zunächst in einen krähenden Schrei, dann stoßartiges Weinen übergingen. Agnes bemerkte die herrische Geste des Vaters, beugte sich von ihm fort und drückte das Kind mit beiden Händen an sich. Auf dem Köpfchen zeichneten sich nasse Flaumsträhnen ab, ähnlich dünnem schwarzen Geäder.

Irgendwo in der Menge schrie ein anderes Brustkind. Das Gebetsleiern des alten Weibes wurde lauter. Etwas schien in des Vaters Miene zu reißen, auseinander zu fallen. Etwas barst auch in Kuno. Ein Wirbel aus Unwirklichkeit und Benommenheit erfasste ihn, und tief aus seinem Inneren löste sich, hart wie das Wurzelwerk eines stürzenden Baums, das dem Erdreich entrissen wurde, ein verzweifelter Aufschrei.

Die Augen des Vaters rollten ihren Blick zu ihm hin, ehe sie sich verdrehten und ein seltsam gebrochener Glanz den Ausdruck des Hasses darin verschleierte. Gerade noch rechtzeitig wich Kuno vor dem in die Knie sackenden und der Länge nach hinschlagenden Körper zurück. Er prallte mit seinem Rücken gegen einen Widerstand, fühlte Stoff über seinen Kittel streichen und Arme umfassten ihn von hinten. Kuno versuchte sich loszureißen, doch die Arme hielten ihn mit mütterlicher Kraft, und seine Gegenwehr sank in hilflosem Entsetzen zusammen.

Die Welt schmolz hinweg vor der Gestalt des Geflügelten, der sich über den Vater beugte. Sanfte Unerbittlichkeit lag auf dem gleichermaßen knabenhaften wie fraulichen Gesicht. In der Hand hielt er einen Stängel mit kleinen spitzen Blättern und lilafarbenen Blüten, eine Rute Eisop, wie Mutter ihn auch in ihrem Kräutergärtchen pflanzte. Damit berührte er die Ader an der Schläfe des Vaters. Dessen Augen erloschen und standen still im Erschauen einer unermesslichen Leere.

So glaubte Kuno es zu spüren. Aber auch die Gefühle, die der Junge von jeher so sehr fürchtete, lauerten noch in den erstarrten Augenbällen: des Vaters Feindschaft, ständiger Zorn, Gewaltbereitschaft und Schmerz. Speichel troff aus dem beutelartig schlaffen Mundwinkel.

So jäh die Erscheinung im Halbdunkel auftauchte, so jäh veränderte sie sich. Wo eben noch ein schön gewölbter, langzehiger Fuß unter einem goldbestickten Gewandsaum hervorlugte – rein und weiß, als habe dieser nie zuvor den Grund berührt – rutschten jetzt Falten einer Wollkutte von Zehenballen mit grauer Hornhaut und dem Bügel einer Holzsandale. Zwei Mönche beugten sich über den Leichnam, ein dritter stand mit einer dampfenden Schüssel hinter ihnen. Der Graubärtige nahm seine Finger von Stirn und Hals des Vaters und wirkte, als werde auch er im nächsten Augenblick zusammenbrechen.

Stimmen wurden laut, erschrockene Schreie, erregtes Murmeln, das Weinen eines Kindleins – des Dämonenkindes.

»Ein Knäblein, Bruder Rufinus …« Agnes hob dem Mönch das zappelnde, greinende Ding entgegen, der schlug es vorsichtig in bereit gehaltene Tücher, führte die Hand zum Zeichen des Kreuzes über ihm, stammelte etwas in fremder Sprache. Dann rief er Befehle ins Rund: »Holt Milch! Bringt dem Mädchen eine Schale Brei und Wasser! Los!« Kathrin hielt die Lider in ermatteter Abwehr verschlossen. Totenbleich ruhte sie mit dem Kopf in Mutters Schoß. Deren Miene verbarg sich durch ihren herabgesunkenen Kopf. Ihre Finger streichelten das Haar, das in verschwitzten Strähnen unter Kathrins Tuch heraus hing.

Plötzlich drehte Kuno das Gesicht zu der Frau empor, die ihn noch in den Armen hielt und wiegte. Eine Knabenstimme – seine Stimme, aus feuchter Heiserkeit und langem Schweigen sich losringend – krächzte zu den Gesichtern hinauf die Worte: »Der Dämon ist tot. Der Dämon, der Kathrin das Kind gemacht hat.«

Nur undeutlich vernahm der Junge den Sturm erstaunter und erschrockener Ausrufe. Auf seine Ohren legte sich Stille, eine aufatmende, erwartungsschwangere und zugleich leere Stille. Sie durchdrang das Mauerwerk, das nicht mehr knisterte, kein trommelndes Geräusch mehr weitergab. Der Regen hatte aufgehört.

 

***

 

Über den Autor

1973 erblickte Anton Vogel das Licht der Welt, genauer gesagt das Nachmittagslicht eines Novembertages. Nach einem Studium der Ethnologie, Mediävistik und vergleichenden Religionswissenschaft in München sowie Frankfurt am Main, nach verschiedenen Tätigkeiten im journalistischen und pädagogischen Bereich und schließlich einer glücklichen dauerhaften Berufsetablierung widmet er sich seit 2012 mit verstärktem Interesse dem Schreiben. Seine Interessenthemen im Bereich von Anthologie-Ausschreibungen sind Tiere, Mensch und Glaube, Märchen, Mystery und Historik. Weitere Leidenschaften sind das private Blockflötenspiel und der Einsatz für die Erhaltung der Natur, vor allem Gebäudebrüter wie Mauersegler, Haussperling und Dohle. Er lebt und arbeitet München.

Die Wiedererweckung des Jan van Leiden – Anke Elsner

 

(Es handelt sich im Folgenden um die 2015 von Archäologen in den Kellergewölben der Kartause Marienburg nahe Dülmen aufgefundenen Aufzeichnungen des Mönchs Benediktus von Keppeln aus dem Jahr 1536. Der mittelalterliche Text wurde zum besseren Verständnis weitestgehend ins Hochdeutsche übertragen. Die letzten Worte Jan van Leidens entsprechen einer Passage der seltenen Flugschrift aus dem 16. Jahrhundert mit dem Titel »Des münsterischen Königreichs gnd Wideretauffs an vund abgang / Bluthandel vnd End / Auff Sambstag nach Sebastiani Anno M.D.xxxvi / Ein gedechtnus wird histori«, Stadtmuseum Münster)

 

Man schrieb den 22. des Monats Jänner im Jahre des Herrn 1536. Der Himmel spannte sich wie ein weißes Leichentuch über die Stadt, während die Menschenmenge zitternd aneinanderdrängte. Die wenigsten in ihr besaßen wärmende Kleidung, und geschwächt durch die Hungersnot hatten ihre ausgemergelten Körper dem kalten Wind nichts entgegenzusetzen.

Das grausame Schauspiel fand auf einer Art hölzerner Bühne statt, die fast 200 Fußknechte umstellten: Hier wurde der einst so charismatische Verurteilte zur Schau gestellt; ein Pfahl hielt den Gebundenen aufrecht, während er auf sein Ende wartete.

Jan van Leiden, der Wiedertäuferkönig von Münster, stand dort erhobenen Hauptes, gezeichnet durch wochenlange Kerkerhaft und Verhöre, nun von allen Seiten begafft – selbst aus Fenstern umliegender Häuser. Ein vormals ansehnlicher Mann, mit gelocktem Haar, krausem Bart und von wohlgeformter Gestalt; dessen dunkle Augen es verstanden, bis tief in jede Seele zu schauen, und dessen Lächeln Hunger und Kälte vergessen ließ.

Die ausgemergelte Gestalt auf dem Podest wies keinerlei Ähnlichkeit mehr mit dem von mir verehrten Propheten auf. Das Haar hing ihm verfilzt in den Augen, sein magerer, vor Dreck starrender Körper – lediglich notdürftig verhüllt von einem schmutzigen Hüfttuch – war übersät von verschorften Wunden. Das Lächeln, das kurz aufblitzte, als Jan van Leiden mich erkannte, bezeugte, dass er auch die meisten Zähne eingebüßt hatte.

Ich wäre ihm an jeden Ort der Welt gefolgt, hätte mit ihm im 1000jährigen Reich der Gemeinde des heiligen Volkes gelebt, aber dieser Traum war zerronnen, wie die Zeit im Stundenglas.

Ein Schluchzer stieg in meiner Kehle auf, den es hastig zu unterdrücken galt. Nur ein falscher Augenaufschlag, ein leiser Ton des Mitleids – und man war des Todes. Spitzel des Fürstbischofs lauerten überall. Mein Blick fiel auf den hohen Herrn: Dort thronte Franz von Waldeck in Prunkgewändern und ergötzte sich am Leid seines Widersachers. Auf seinem feisten Gesicht mit den kalten Augen, der fleischigen Nase und der leicht vorstehenden dicken Unterlippe lag ein zufriedener Ausdruck. Seinem Geheiß Folge leistend, hatten die Söldnertruppen zwei Tage lang gebrandschatzt, geplündert, den Frauen Gewalt angetan und gemordet. Blut Getöteter färbte das Wasser der Aa rot.

Nun hob er träge seine beringten Finger, um den zwei Henkern das Zeichen zu geben, endlich anzufangen; denn mein König, der nur Gottes Wort gehorchte, hatte sich noch einmal standhaft geweigert, seinem Glauben abzuschwören.

In Feuerschalen mit rotglühender Kohle lagen Eisenzangen bereit. Angstvoll beobachtete ich, wie der Paderborner Henker eines der Folterinstrumente aus der Glut hob und sich Jan van Leiden näherte. Wohlwissend, was geschehen würde, gelang es mir dennoch nicht, meinen Blick abzuwenden. Mit schneller Bewegung öffnete der Scharfrichter die Schenkel der Zange, bohrte ihre stählernen Kiefer in die linke Seite des Gefesselten und riss ihm Fleisch aus dem Leib. Schon nahte der Münsteraner Folterknecht, um das Gleiche auf der rechten Seite zu wiederholen. Es trat kaum Blut aus den kauterisierten Wunden, während Gestank nach Verbranntem die Luft verpestete.

Kein Laut drang über die Lippen des Erbarmungswürdigen, aber das laute Aufstöhnen der Menge brach sich an den Mauern des Rathauses, erhob sich bis zu den Glocken von St. Lamberti und erfüllte den Ort mit unsagbarem Grauen. Der Schmerz des Gemarterten drang auch mir bis ins Mark und ließ mich fast zusammenbrechen. Ich war schon Zeuge vieler Grausamkeiten, aber unseren gottgesandten König wehrlos den schlimmsten Torturen ausgeliefert zu sehen, versetzte mich in einen Schockzustand.

Stocksteif vor der Stätte der Folterung verharrend, kam es mir vor wie die Unendlichkeit. Immer wieder rissen die Henker Fleischfetzen aus dem Körper meines Herrn … kaum noch unversehrte Stellen, an denen die Zange zupacken konnte. Obwohl sein Leib sich schmerzvoll krümmte, soweit es die Fesseln erlaubten, blieb er bei Bewusstsein. Die teuflische Kunst seiner erfahrenen Peiniger ließ ihn nicht in gnädige Dunkelheit entfliehen, während die herausgerissenen Fleischstücke den Holzboden vor ihm bedeckten.

Die Zeit verrann zäh wie Schleim, länger als eine Stunde dauerte das Spektakel. Der Gestank, die Qualen, das satanische Grinsen im Gesicht des Fürstbischofs – die Hölle musste ihre Pforten geöffnet haben, das Weltende schien nah!

Mir schwindelte, doch hieß es nicht niederzusinken, keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Bittere Galle stieg in meiner Kehle bis in meinen Mund. Runterschlucken, befahl mir mein Verstand. Irgendwann musste die Tortur doch ihr Ende finden.

Endlich hob Franz von Waldeck erneut seine Hand, damit die Henker von Jan van Leiden abließen. Mein Herr hing von schrecklichen Wunden übersät in seinen Fesseln; es wirkte, als litte er unter dem Antonius-Feuer. Doch er hob noch einmal seinen Kopf, bat Gott um Vergebung seiner Sünden und sprach seine letzten Worte: »Vatter in dein hend befelh ich meinen geist.« Die Menschen verharrten in gespanntem Schweigen. Was würde nun geschehen?

Plötzlich blitzte in der Hand des Henkers ein Dolch, sehr spitz, mit langer Klinge. Schwerfällig bewegte sich der Mann auf meinen König zu und stieß ihm jählings die Waffe in die Brust. Erlöst von allen Schmerzen sackte der Geschundene zusammen.

Nun durchschnitt man seine Fesseln und warf den Leichnam auf einen Karren, um ihn nach St. Lamberti zu bringen, wo ein Eisenkorb darauf wartete, ihn in sich aufzunehmen. Angefertigt durch den Schmied Bertold von Lüdinghausen, sollte einer von insgesamt dreien der gelieferten Kerkerbehältnisse zum endgültigen Grab Jan van Leidens werden. Man stellte den König in einen der Käfige, wobei man Hals und Arme mittels eiserner Bande befestigte, damit der Tote aufrecht stehen bleibe.

Wahrscheinlich als Einziger zog ich nicht mit, um diesem Schauspiel beizuwohnen, denn für mich gab es Wichtigeres zu tun. Während sich sämtliche Schaulustigen zum Kirchplatz begaben, klaubte ich heimlich drei Fleischbrocken von der Richtstätte, um sie sorgsam in einem Leinensäckchen zu verstauen.

Nach kurzer Zeit kehrten bereits die ersten Fußknechte zurück, um die Folterungen vor dem Rathaus fortzusetzen; die gesamte Prozedur wiederholte sich zweimal, bis auch die beiden anderen Wiedertäufer, Krechting und Knipperdolling, endlich Erlösung aus ihrem Martyrium fanden.

Gegen Mittag schien das grausame Schauspiel beendet, aber der Fürstbischof hatte sich für die Münsteraner noch etwas Besonderes ausgedacht.

»Hängt die drei Käfige mit den Kadavern an den Turm von St. Lamberti! Das faulende Aas wird Festschmaus für die Vögel und gleichzeitig stete Mahnung an das Volk, wenn es ihm samt Knochen auf die Köpfe regnet!« Sardonisch lächelnd erhob sich der hohe Herr von seinem Sessel, derweil seine servile Entourage ihn zu dem gelungenen Einfall beglückwünschte.

Ohne mich um den weiteren Fortgang des makabren Spektakels zu kümmern, begab ich mich schweigend zum Haus Knipperdollings, das sich direkt am Prinzipalmarkt befand und nun leer stand, da auch seine Frau nicht mehr unter uns Lebenden weilte. Dort wartete ich auf die mitternächtliche Stunde; denn es galt eine geheime Pflicht zu erfüllen. Als der Türmer die zwölfte Stunde blies, wurde es Zeit.

Wie ein Wiesel hastete ich flink unter den Bögen des Prinzipalmarktes hindurch. Nirgends brannte Licht. Um mich herum herrschte gespenstische Stille und die Nacht schlich – einem schwarzen Tiere gleich – zwischen den Häusern. Ihre Dunkelheit weckte die Erinnerung an Qualen und Tod. Meine Fantasie wäre nie imstande gewesen sich auszumalen, meinen König derart erniedrigt zu sehen. Heinrich Greesbeck, dieser hundsfotzige Verräter. Ohne ihn wäre es den bischöflichen Truppen nie gelungen, Münster einzunehmen.

Doch »Die Rache ist mein« spricht der Herr, und meine Wenigkeit sollte sein Werkzeug werden. Hille Feicken gelang es mittels ihres vergifteten Hemdes nicht, Franz von Waldeck zu töten, aber es würde einen Weg geben, ihn zu quälen, bis er sich wünschte, Gevatter Tod hätte seine Hand schon ergriffen.

Die »Chronologia mystica« des Johannes Trithemius bildete das Hilfsmittel zur Umsetzung meines Plans. Sie enthielt das erforderliche Ritual zur Wiedererschaffung eines Menschen. Zufällig nannte unsere Kartause einen Folianten dieses Titels ihr Eigen, doch nur durch Glück entdeckte ich die mittels Geheimtinte niedergeschriebenen genauen Anweisungen zwischen den Buchstaben und konnte sie entziffern. Dieses Werk gelangte durch Diebstahl in meinen Besitz, denn mir erschloss sich schon damals, welche Macht ihm inne wohnte. Und jetzt mussten diese Kräfte entfacht werden.

Noch nie zuvor besudelte ich meine Hände mit dem Blut Unschuldiger. Da sich dies allerdings nicht vermeiden ließ, um meinen König zurückzuholen, blieb mir keine Wahl.

Im Dunkel der Nacht lauerte ich auf den ersten Menschen, der sich mir durch die Finsternis schreitend nähern würde; denn mein Unterfangen benötigte zunächst ein Herz, ein starkes, frisches Herz.

Und dort erschien es schon: Ein junges Weib lief dicht an den Häusern entlang, immer wieder ängstlich über die Schulter schauend. Die Haube saß unordentlich auf ihrem Haar, ihr Gesicht wirkte wie ein heller Fleck und die Arme hielt sie zur Abwehr der Kälte um ihren mageren Oberkörper geschlungen. Wahrscheinlich kam sie von ihrem Buhlen, hoffend, nicht entdeckt und bestraft zu werden. Ihre Holzpantinen verursachten ein klapperndes Geräusch – klack, klack, klack – immer näher und näher. Mir war es, als schlüge mein Herz im Gleichtakt in meinem Kopf.

Langsam trat ich aus dem Schatten, die Hände mit dem Dolch in den weiten Ärmeln meines Gewandes verborgen.

»Gutes Kind, was zwingt dich zu so später Stunde auf die Straße?« Durch mein Auftauchen erschreckt, wollte die Jungfer zunächst fliehen, erkannte dann mein Mönchsgewand und ihr Atem kam zur Ruhe.

»Verzeiht mein Umherlaufen. Der Schlaf wollte sich nicht einstellen, und darum dachte ich, ein wenig frische Luft …«

Während ihrer Worte rückte ich so weit näher, dass es mir gelang, mit einem einzigen Zustoßen den Dolch bis zum Schaft in ihren dürren Bauch zu treiben. Ein Keuchen entrang sich ihrer Kehle, ihre Augen schienen aus den Höhlen zu treten, ihr Mund öffnete sich weit – nein, sie durfte nicht schreien. Rasch drehte ich das Messer in der Wunde und ihr Blick brach.

Zu meinem Unglück näherten sich just in dem Augenblick erneute Schritte, so blieb mir nichts anderes, als den Leichnam an die Hausmauer zu pressen und die Röcke zu heben.

»Na, Mönchlein, brauchst wohl auch mal Spaß. Aber pass auf, dass dich die Landsknechte nicht erwischen. Die schlagen dich zu Brei und vergnügen sich dann selbst mit deinem Liebchen.« Lauthals lachend entfernte sich der Nachtwächter, der trotz seiner Laterne – Gottlob! – den wahren Zustand meiner vermeintlichen Buhle nicht erkannte.

Kaum befand er sich außer Sicht, entleerte sich mein Mageninhalt auf die Pflastersteine. Morden und Liebkosung einer Toten gehörten nun einmal nicht zu meinen alltäglichen Gewohnheiten. Eilig lud ich mir den leblosen Körper über die Schulter und wankte unter der Last so rasch als möglich zurück zum Haus Knipperdollings. Dort angekommen, schloss ich die Läden und entzündete ein kleines Talglicht.

Erwischte man mich jetzt, wäre mir die Folter gewiss. Glücklicherweise hielt der Allmächtige seine schützende Hand über mich – oder handelte es sich um den Leibhaftigen?

Meine Tat verstieß gegen das fünfte Gebot. Trotzdem würde ich fortfahren, gleichgültig, was Gott oder die Kirche dazu sagte. Letztere mordete ja auch, wann immer es zu ihrem Vorteil gereichte.

Meine Taten dagegen sollten nicht mir, sondern meinem König – Jan van Leiden – nutzen. Mit seinem Fleisch würde ich einen neuen Propheten erschaffen – und mittels passender Leichen. Frisch mussten sie sein und möglichst unversehrt, so wie eben die in meinen Armen.

Jetzt begann der wichtigste Teil der Arbeit. Ich streckte die Maid auf dem Boden aus, entkleidete ihren Oberkörper und setzte gezielt das Messer an. Ein Längsschnitt zwischen den Brüsten legte die Rippen frei, die ein Hindernis darstellten. Doch dank vorausschauender Planung kannte ich die Lösung: Mit einer bereitgelegten Säge gelang es mir, so viel der Knochen zu durchtrennen, dass sich mit beiden Händen das Herz packen und herausreißen ließ. Schwer atmend hielt ich den tropfenden, warmen Klumpen sicher fest. Mein Magen geriet erneut in Aufruhr, indes verfügte er über nichts, was es noch auszuspeien gäbe. Der erste Schritt war vollbracht. Mochte Gott meiner Seele gnädig sein.

Ich schnürte das Leinensäckchen auf, entnahm ihm einen der schwarzen Fleischbrocken, legte ihn zusammen mit dem Herzen auf ein sauberes Tuch und verknotete das Ganze fest. Die »Chronologia mystica« lag schon bereit – aufgeschlagen die Seite des in Geheimtinte beschriebenen Erweckungszaubers.

Mit halb geschlossenen Lidern begann ich, in monotonem Singsang die Beschwörungsformeln flüsternd zu rezitieren, immer wieder den gleichen Wortlaut.

Wie lange es dauerte – unmöglich zu sagen, da mein Gefühl für Zeit und Raum nicht mehr existierte. Irgendwann überkam mich eine tiefe Finsternis, mein Blickfeld schwärzte sich fast zur Gänze ein, gleichzeitig tat sich vor mir jedoch ein Höllenschlund auf. Nur größte Anstrengung verhinderte mein Hineinstürzen.

Voller Panik und schweißgebadet riss ich meine Augen auf, glotzte gehetzt um mich, bis mein Blick plötzlich gebannt an dem verknoteten Leinentuch hängen blieb: Nicht länger unbewegt, pulsierte es ganz leicht in gleichmäßigen Abständen – das Herz schlug!

Grauen und Freude stritten in meiner Brust. Durfte dieser Plan fortgeführt werden? Hatte ich das Recht, für das Gute zu morden? Was passierte nach Beendigung der Erweckung? Wie sähe die grausame Rache an Franz von Waldeck aus? Gäbe es ein neues Täuferreich?

Tatsächlich besaßen diese Fragen nicht die Macht, mich an meinem Tun zu hindern; denn ich hatte mich entschieden, meinen Weg zu gehen – ohne zu stocken oder umzukehren. Die nächste Nacht würde mein Werk seiner Vollendung näher bringen.

 

Nach einem Tag, den ich nur mit Mühe überstand, da die Leiche der Ermordeten nicht nur den Gestank der Hölle verbreitete, sondern mich trotz ihrer geschlossenen Augen beharrlich anzustarren schien, begab ich mich erneut in tiefster Dunkelheit hinaus. Vielleicht würde das Glück mir hold sein und ein geschwächtes Opfer meinen Weg kreuzen lassen.