Auferstehung - Brian Keene - E-Book

Auferstehung E-Book

Brian Keene

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Beschreibung

Das Ende der Welt ist erst der Anfang…

Was würdest du tun, wenn du in einem Bunker tief unter der Erde eingesperrt wärst? Wenn draußen das Grauen regiert, die Toten auferstehen und Jagd auf die Menschen machen? Was würdest Du tun, wenn plötzlich dein Sohn um Hilfe ruft? Jim Thurmond hat sich diese Fragen hundertmal gestellt, und er kennt auch schon die Antwort: Er muss nach draußen. Allein ...

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Seitenzahl: 511

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Das Buch

Der Untergang Amerikas ist nah: Durch ein fehlgeschlagenes Experiment der US-Regierung wurden die Pforten der Unterwelt geöffnet, und nun herrscht Chaos im Land. Die Strom- und Wasserversorgung steht kurz vor dem Zusammenbruch, paramilitärische Banden ziehen marodierend durch die Straßen, und die Toten erheben sich aus ihren Gräbern. Eine Besserung der Lage ist nicht in Sicht, die wenigen Überlebenden sind völlig voneinander isoliert. Einer von ihnen, Bauarbeiter Jim Thurmond, hat sich in einem alten Bunker aus den neunziger Jahren verbarrikadiert, als ihn der Hilferuf seines kleinen Sohnes Danny erreicht. Für Jim ist sofort klar, dass er seinen Sohn aus den Klauen des Terrors befreien muss, doch Danny ist in New Jersey – meilenweit von Jims Versteck entfernt. Obwohl er weiß, dass diese Reise sein Ende bedeuten könnte, macht sich Jim auf den Weg zu seinem Kind. Ein Roadtrip durch die Hölle beginnt …

Der Autor

Brian Keene, geboren 1967, hat bereits zahlreiche Horrorromane veröffentlicht und dafür zweimal den begehrten Bram Stoker Award gewonnen. Zurzeit sind zwei Verfilmungen seiner Romane in Arbeit, außerdem werden für mehrere seiner Bücher und Kurzgeschichten Videospiel- und Comicbuchfassungen entwickelt. Er lebt mit seiner Frau und seinem Hund in Pennsylvania. Weitere Informationen erhalten Sie unter: www.briankeene.com

Brian

Keene

Auferstehung

Roman

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

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Titel der amerikanischen Originalausgabe:

THE RISING

Deutsche Übersetzung von Michael Krug

Überarbeitete Neuausgabe 05/2011

Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer

Copyright © 2003 by Brian Keene

Copyright © 2006 der deutschsprachigen Ausgabeby Otherworld Verlag

Copyright © 2011 dieser Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-05714-5V002

www.heyne-magische-bestseller.de

Anmerkung des Autors: Obwohl viele der Orte und Straßen in diesem Roman tatsächlich existieren, habe ich mir gewisse künstlerische Freiheiten damit erlaubt. Falls Sie also an einem der Orte leben, die Sie gleich besuchen werden, halten Sie nicht nach Ihrem Haus Ausschau. Sie werden es nicht finden, und wahrscheinlich würden Sie ohnehin nicht wissen wollen, was nun darin lebt …

Eins

Die Toten scharrten und kratzten, um einen Eingang zu seiner Gruft zu finden. Unter ihnen war seine Frau, die im Tod ebenso nach Jim gierte wie im Leben. Ihre leisen, seelenlosen Rufe drangen gedämpft durch zehn Fuß Erde und Stein.

Die Kerosinlampe warf flackernde Schatten auf die Stahlbetonwände. Die Luft im Bunker war schal und roch nach Moder. Sein Griff um die Ruger verstärkte sich. Über ihm kreischte Carrie und krallte die Finger ins Erdreich.

Sie war seit einer Woche tot.

Jim seufzte und sog die abgestandene Luft ein. Er ergriff die metallene Kaffeekanne von der Heizung und schenkte sich eine Tasse ein. Die Wärme fühlte sich gut an. Er genoss sie noch einen Augenblick, bevor er die Heizung bedauernd ausschaltete. Um Brennstoff zu sparen, verwendete er sie nur, um seine Mahlzeiten zu wärmen. Durch das kurze Behagen fühlte sich die feuchte Kälte nur umso durchdringender an.

Er nippte an dem Pulverkaffee und würgte. Wie alles schmeckte er bitter.

Er ging zurück zur Pritsche und ließ sich schlaff darauf fallen.

Die Geräusche von oben drangen unvermindert zu ihm herab.

Jim hatte den Bunker im Sommer 1999 gebaut, als die Panik rund um den Jahrtausendwechsel ihren Höhepunkt erreicht hatte. Carrie hatte ihn ausgelacht, bis er ihr einige Berichte und Artikel zeigte. Sogar danach war sie skeptisch geblieben. Erst durch das unablässige Einwirken der allabendlichen Nachrichten war sie zu einer Gläubigen geworden. Zwei Monate und zehntausend Dollar später war der Bunker unter Einsatz eines Großteils von Carries Ersparnissen und Jims gesamten Baukenntnissen fertig geworden.

Er war klein– ein drei mal viereinhalb Meter großer Verschlag, in dem höchstens vier Personen mühelos Platz fanden. Doch trotz der Größe war er geschützt und vor allem sicher. Jim hatte ihn mit einem Generator und einer unterdruckbetätigten Toilette mit Abfluss in die Faulgrube hinter dem Haus ausgestattet. Außerdem hatte er Konserven und Trockennahrung, Klopapier, Medikamente, Streichhölzer, Schusswaffen und jede Menge Munition darin eingelagert. In der Ecke standen zusätzlich drei Paletten mit Trinkwasserflaschen und ein 200-Liter-Kanister mit Kerosin. Es gab einen batteriebetriebenen Ghettoblaster und eine breit gefächerte Auswahl ihres vielseitigen Musikgeschmacks. In einem Regal standen ihre Lieblingsbücher. Sogar den alten Magnavox 486SX hatte er heruntergebracht. Der Computer war zwar nicht schnell, aber verbrauchte wenig Strom und ermöglichte ihnen Kontakt zur Außenwelt.

Sie hatten jenen Silvestertag damit begonnen, aufmerksam die Berichterstattung auf CNN zu verfolgen. Als das Jahrhundert in Australien verstrich und die Welt bestehen blieb, wusste er, dass all die Vorbereitungen umsonst gewesen waren. Land um Land begrüßte das neue Jahrtausend, und der Strom fiel nicht aus.

An jenem Abend besuchten sie eine Party bei Mike und Melissa. Als am Times Square die große Glitzerkugel herabsauste und die Feiernden herunterzuzählen begannen, zog Carrie ihn dicht zu sich.

»Siehst du, verrückter Gockel? Kein Grund zur Sorge.«

»Ich liebe dich, verrücktes Huhn«, hatte er ihr zugeflüstert.

»Ich liebe dich auch.«

Sie gingen so in ihrem innigen Kuss auf, dass sie es kaum mitbekamen, als Mike zum Spaß die Sicherungen herausdrehte und »Jahr 2000!« schrie.

Während die Monate ins Land zogen, setzte der Bunker Staub an. Gegen Ende des nächsten Jahres hatten sie ihn fast vergessen. Als nach den Anschlägen des 11. September die Furcht vor Angriffen mit biologischen oder Nuklearwaffen aufkam, erneuerte Jim die Vorräte. Doch selbst das war nur eine beiläufige Idee gewesen.

Bis die Veränderung einsetzte. Bis die Auferstehung begann.

Letzten Endes wurden die Nachwehen der Hysterie um den Jahrtausendwechsel und den 11. September der Welt zum Verhängnis. Da man dem unaufhörlichen Strom der »Endzeitprophezeiungen« und der allwöchentlichen Katastrophen zur »Zerstörung der westlichen Zivilisation, wie man sie kennt« überdrüssig geworden war, schenkte den ersten Medienberichten niemand Beachtung. Es war ein neues Jahrhundert, in dem kein Platz für derlei mittelalterliche Ängste und paranoide Ansichten einiger Extremisten war. Die Zeichen der Zeit standen auf Technologie und Wissenschaft, auf Förderung der Einigkeit der Völker der Erde. Die Menschheit hatte die Klontechnik perfektioniert, das menschliche Genom entschlüsselt und sogar die Grenzen des Mondes hinter sich gelassen, als schließlich eine gemeinsame chinesisch-amerikanische Mission zum ersten Mal den Mars betrat. Die Wissenschaftler der Welt verkündeten, dass ein Heilmittel gegen Krebs unmittelbar vor der Entdeckung stünde. Der Jahrtausendwechsel hatte die Zivilisation nicht zerstört. Der Terrorismus hatte sie nicht unterjocht. Die Gesellschaft war mit beidem konfrontiert worden und hatte beidem getrotzt. Die Zivilisation war unbesiegbar!

Nun war die Zivilisation tot.

Ein gedämpftes Kratzen drang von oben herab, als etwas am Periskop zog. Das Sichtrohr wackelte in seinem Aussichtsturm, schwenkte vor und zurück. Das schabende Geräusch wurde durch ein frustriertes Grunzen ergänzt, und das Sichtteil erzitterte auf seiner Achse. Es schnellte empor, krachte in die Decke und sauste wieder herab.

Jim schloss die Augen.

»Carrie.«

Er hatte sie über Mike und Melissa kennengelernt. So wie Jim war sie damals frisch geschieden gewesen.

»Sie will aber keine ernsthafte Beziehung«, hatte Mike ihn gewarnt. »Sie braucht einfach wieder ein bisschen Spaß.«

Damit kannte Jim sich aus. Er wusste alles über Glück und Zufriedenheit. Er hatte einen wundervollen Sohn gehabt, Danny, und eine Frau, Tammy. Sie waren der Mittelpunkt seiner Welt gewesen.

Bis Rick, ein Kollege, den Tammy nie erwähnt hatte, ihm beide wegnahm.

Nach der Scheidung hatte auch Jim sich Spaß gegönnt– betrunkene One-Night-Stands, die zu einer einzigen verschwommenen Erinnerung verschmolzen waren.

Alle zwei Wochen durfte er Danny zu sich holen, und während dieser kostbaren Stunden waren das Bier und die Schlampen vergessen. An diesen Wochenenden war er nichts als Vater. Es waren die einzigen Zeiten, in denen er sich wirklich glücklich fühlte.

Schließlich heirateten Tammy und Rick. Er bekam einen besseren Job in Bloomington, New Jersey. »Das ist die Chance seines Lebens«, hatte Tammy nur gesagt. Damit war der Fall erledigt gewesen. Sie verließen West Virginia und nahmen das einzig Gute mit, das in Jims Leben noch übrig war.

Der Umzug hatte ihn am Boden zerstört. Mit einem Schlag sah er Danny statt an jedem zweiten Wochenende zehn Wochen im Sommer, eine Woche zu Weihnachten und bei gelegentlichen Wochenendausflügen nach New Jersey. Hätte er Geld und sich etwas besser im Griff gehabt, hätte er vor Gericht dagegen ankämpfen können. Doch zu jenem Zeitpunkt war Jim bereits betrunken am Steuer erwischt worden. Damit war sein Leumund beim Teufel. Ihm war klar gewesen, dass Tammys Anwalt, der mit seinem Geld bezahlt wurde, ihm bei lebendigem Leib die Haut abgezogen hätte. Er durfte seinen Sohn einmal die Woche anrufen, doch die Entfernung über die Telefonleitung ließ ihn seinen Verlust nur umso schmerzlicher spüren.

Schließlich begann Danny, Rick als seinen »anderen Dad« zu bezeichnen, was Jim als weiteren herben Schlag empfand.

Es gab weitere Frauen und One-Night-Stands. Er spielte mit dem Gedanken, sich ins Grab zu saufen, wusste aber, dass er es nicht tun würde, weil Danny ihn trotz allem noch brauchte. Er verlor seinen Job, seine Wohnung, seinen Führerschein und seine Selbstachtung. Das Einzige, was ihn aufrecht hielt, waren die wöchentlichen Telefongespräche und die leise Stimme am anderen Ende der Leitung, die stets sagte: »Du fehlst mir, Daddy.«

Dann war er Carrie begegnet.

Jim schluchzte. Bittere Tränen der Wut und des Verlustes krochen durch die Stoppel in seinem abgehärmten Gesicht.

Fünf Jahre lang waren sie glücklich und zufrieden gewesen. Die einzige Traurigkeit, die Jim verspürt hatte, rührte daher, dass er kein Teil von Dannys alltäglichem Leben sein konnte. Carrie hatte dazu beigetragen, selbst diesen Schmerz zu lindern.

Sie hatte ihn gerettet.

Vor acht Monaten hatte Carrie ihm beim Abendessen verkündet, dass sie schwanger war. Außer sich vor Freude hatte Jim sie hochgehoben und geküsst. Er hatte sie so sehr geliebt, dass es regelrecht schmerzte– Jim hatte es als tatsächliches, körperliches Empfinden tief in der Brust gespürt.

Dann war die Welt gestorben– und mit ihr seine neue Frau und ihr ungeborenes Kind. Nun war Carrie in Begleitung ihrer toten Nachbarn zurück und scharrte mit verwesenden Fingern in der Erde, um wieder zu ihrem Ehemann zu gelangen.

Auch Mike und Melissa waren tot, in Stücke gerissen von einem Dutzend der Kreaturen. Dabei waren sie noch unter den Glücklicheren gewesen: Ihre Körper wurden so übel zugerichtet, dass für sie keine Möglichkeit bestand, wiederbelebt zu werden. Schaudernd dachte Jim daran zurück, wie die Dinger über Mikes Auto hergefallen waren, durch die zerschmetterte Windschutzscheibe gegriffen hatten und in den Wagen gekrochen waren. Voll Grauen hatten Carrie und er das Geschehen vom Wohnzimmer aus beobachtet und waren in den Bunker geflüchtet, als die Schreie verstummten und die schmatzenden Geräusche begannen. Ursprünglich hatten sie vorgehabt, gemeinsam mit den beiden zu flüchten. Das war ihr erster Versuch gewesen, aus Lewisburg zu entkommen.

Trotz der Kälte schwitzte Jim. Er wischte sich Tränen aus den Augen und ging zum Minikühlschrank. Nach wie vor mit der Pistole in der Hand öffnete er die Tür, hielt inne und ließ sich von dem Schwall kalter Luft umfangen. Wie schon so oft wunderte er sich darüber, dass er sich bereits seit drei Monaten hier unten verschanzte und noch nie den Generator anwerfen musste. Die Stromversorgung funktionierte immer noch, genau wie sein Handy. Er dachte an die verwaisten Kernkraftwerke, die automatisch Elektrizität in eine tote Welt pumpten.

Wie lange würde es dauern, bis sie sich abschalteten oder explodierten? Wie lange würden die Funktelefon- und Rundfunksatelliten in ihren Umlaufbahnen treiben und auf Mitteilungen von den Toten warten?

In den ersten Tagen hatten sie online Verbindung zu Menschen aufgenommen und erfahren, dass die Lage überall dieselbe war. Die Toten kehrten ins Leben zurück– nicht als verstandlose Fressmaschinen wie in alten Horrorstreifen, sondern als böswillige Kreaturen, deren einziges Ziel Zerstörung hieß. Verschiedene Ursachen wurden in Erwägung gezogen und debattiert. Biologische oder chemische Kriegsführung, Tests der Regierung, eine Invasion von Außerirdischen, die zweite Ankunft Christi, ein Meteor aus dem Weltraum– all das wurde mit gleicher Heftigkeit diskutiert.

Die Medien verstummten bald, besonders nachdem eine abtrünnige Einheit der Armee sechs Reporter während einer Liveausstrahlung hinrichtete. Danach brach die Zivilisation zusammen. Selbst die leidenschaftlichsten Journalisten gaben auf und zogen es vor, bei ihren Familien zu sein, statt das Chaos für ein Publikum zu bezeugen, das nur aus dem Fenster zu schauen brauchte, um zu sehen, was vor sich ging.

Mehrere Male hatte Jim außer sich vor Angst E-Mails an Tammy und Rick geschickt, um in Erfahrung zu bringen, ob Danny in Sicherheit war.

Er erhielt nie eine Antwort.

Sooft er sie anrief, bekam er eine Meldung zu hören, dass derzeit alle Leitungen belegt waren. Irgendwann blieb selbst diese Mitteilung aus.

Er hatte mit Carrie gestritten und darauf bestanden, einen Ausbruchsversuch zu unternehmen. Jim war fest entschlossen, zu seinem Sohn zu gelangen. Letzten Endes brachte sie ihn mit behutsam eingesetzter Vernunft dazu, sich der Wirklichkeit der Lage zu stellen. Danny war mittlerweile zweifellos tot.

Tief in seinem Innersten hatte er sich gefragt, ob sie Recht hatte. Der Vater in ihm weigerte sich aufzugeben. Er ertappte sich dabei, sich verzweifelt an die Überzeugung zu klammern, Danny sei irgendwo dort draußen noch am Leben. Unwillkürlich malte er sich verschiedene Fluchtversuche aus, und sei es nur, um die Eintönigkeit des Lebens im Bunker zu zerstreuen.

Carries Gesundheit begann sich zu verschlechtern. Ihre Medikamentenvorräte bestanden aus dem kargen Mindestmaß. Ihre Schwangerschaftsvitamine waren längst verbraucht. Widerwillig musste Jim sich damit abfinden, dass es unmöglich wäre aufzubrechen. Danny war tot, das wusste er. In den folgenden Wochen, in denen Carries Zustand immer schlimmer wurde, hatte es Zeiten gegeben, in denen Jim ihr die Schuld zuschob.

Wofür er sich immer noch hasste.

Eines Morgens war er neben ihrer reglosen Gestalt aufgewacht, als gerade der letzte, erstickte Atemzug in ihrer Brust rasselte. Dann war sie fort. Die Lungenentzündung hatte sie letztlich besiegt. Er hatte sich an ihren kalten, leblosen Körper geschmiegt, geweint und sich von seiner zweiten Frau verabschiedet.

Jim hatte gewusst, dass es nutzlos sein würde, sie zu begraben. Ihm war auf schauderhafte Weise klar gewesen, was getan werden musste. Doch als der Wahn der Trauer ihn übermannte, konnte er nicht glauben, dass es ihr widerfahren würde. Nicht Carrie. Nicht der Frau, die ihm das Leben gerettet hatte. Der Frau, die in den letzten fünf Jahren zu seinem Leben geworden war. Es schien unvorstellbar ketzerisch zu denken, dass sie sich in eine von denen verwandeln würde.

Stets auf der Hut vor den Untoten, hatte er sie unter der Kiefer vergraben, die sie Anfang dieses Sommers gemeinsam gepflanzt hatten. Erst vor wenigen Monaten hatten sie unter jenem Baum Händchen gehalten und darüber gesprochen, dass er über ihr Haus wachen würde, wenn sie alt wären.

Nun sollte er über sie wachen.

In jener Nacht hatte Carrie über ihm zu toben begonnen. Bis zum nächsten Morgen hatten sich ihr die Überreste der Thompsons von nebenan angeschlossen. Bald hatte sich eine kleine Armee auf dem Hof eingefunden. Seither hatte Jim das Periskop nur einmal verwendet und sich der Hoffnungslosigkeit ergeben, als er sah, dass mehr als dreißig Leichen auf seinem Rasen wandelten.

Zu jenem Zeitpunkt hatte er angefangen, den Verstand zu verlieren.

Von der Außenwelt abgeschnitten und von den Untoten belagert, betrachtete Jim Selbstmord als einzige echte Flucht. Er hatte keine Möglichkeit, in Erfahrung zu bringen, ob in Lewisburg oder überhaupt im ganzen Land noch jemand am Leben war. Für ihn hatte die Welt sich in eine von vier Stahlbetonwänden umgebene Gruft verwandelt.

Im Verlauf der Wochen wurde das Internet ebenso still wie das Telefon. Sein Handy war ein leistungsstarkes Gerät, dessen Empfang trotz des Bunkers aufrecht blieb, aber im vergangenen Monat war es verstummt. In ihrer Eile, in die Sicherheit des Bunkers zu gelangen, hatte Jim das Ladegerät vergessen. In letzter Zeit ließ er es ständig im Energiesparmodus, um den Akku zu schonen und möglichst lange mit den Reservebatterien auszukommen. Mittlerweile war er bei der letzten angelangt.

Mit Ausnahme eines Kanals aus Beckley, der noch das Störbild zeigte, war dem Fernseher nur statisches Rauschen zu entlocken. Der Mittelwellensender in Roanoke war bis letzte Woche auf Sendung geblieben. Jack Wolf, der Radiomoderator der Nachmittagstalkshow des Senders, hatte neben seinem Mikrofon einsam Wache gehalten. Mit schauerlicher Faszination hatte Jim mit angehört, wie Wolfs Geisteszustand allmählich unter einem Hüttenkoller zerbröckelte. Die letzte Ausstrahlung endete mit einem Schuss. Jim hielt es durchaus für möglich, dass er der einzige Zuhörer gewesen war, der ihn mitbekam.

Jim schauderte in der kalten Luft, die aus dem offenen Kühlschrank strömte. Er holte seine letzte Bierdose heraus und schloss die Tür. Das Geräusch des Verschlusses hörte sich in der Stille wie ein Gewehrschuss an. In seinen Ohren hallte ein Surren wider, das die Schreie von oben übertönte. Sein Puls pochte in den Schläfen. Er hielt sich die kalte Dose an die Stirn, dann setzte er sie an die Lippen und leerte sie in einem Zug.

»Einen auf den Weg.« Er zerdrückte die Dose mit der Faust und schleuderte sie in die Ecke, wo sie klappernd auf dem Betonboden landete.

Jim ging wieder zur Pritsche und zog den Schlitten der Pistole zurück. Die erste Kugel des Magazins glitt in die Kammer. Im Magazin befanden sich dreizehn weitere, aber er würde nicht mehr als eine brauchen. Das Summen in seinen Ohren war lauter geworden, und darüber hörte er Carrie. Er schaute hinab auf die Fotos, die vor ihm auf den dreckigen Laken ausgebreitet lagen.

Eine Aufnahme von ihnen in Virginia Beach. Das war das Wochenende gewesen, an dem sie schwanger wurde. Sie lächelte ihn vom Foto an. Jim erwiderte das Lächeln. Dann brach er in Tränen aus.

Die wunderschöne Frau auf dem Foto, diese Frau, die so dynamisch, schwungvoll und lebensfroh gewesen war, schlurfte nun als verwesender Leichnam umher, der Menschenfleisch fraß.

Er setzte sich die Pistole an den Kopf. Der Lauf fühlte sich kühl an seiner pochenden Schläfe an.

Von dem anderen Foto blickte Danny zu ihm auf. Die Aufnahme zeigte sie beide vor dem Haus. Jim kauerte auf einem Knie, Danny stand neben ihm. Danny hielt seine Seifenkistentrophäe, die er bei einem Rennen in New Jersey gewonnen und in jenem Sommer mitgebracht hatte, um sie seinem Daddy zu zeigen. Beide lächelten, und ja, sein Sohn sah ihm tatsächlich ungemein ähnlich.

Nun fiel ihm ihr letztes Telefongespräch ein. Sein Finger versteifte sich um den Abzug. Zwar hatte er damals nicht gewusst, dass es ihre letzte Unterhaltung sein würde, dennoch hatte sich jedes einzelne Wort in sein Gedächtnis eingebrannt.

Jeden Samstag rief Jim seinen Sohn an, und sie sahen sich eine halbe Stunde lang über das Telefon gemeinsam Zeichentrickserien an. Jene letzte Unterhaltung war einer dieser Vormittage gewesen. Sie hatten über die entsetzliche Gefahr gesprochen, der die Helden von Dragonball Z ausgesetzt gewesen waren. Danach hatten sie über die Schule und über Dannys Eins bei seinem letzten Test geredet.

»Was hattest du heute Morgen zum Frühstück?«

»Fruity Pebbles«, hatte Danny geantwortet. »Und du?«

»Ich steh auf Cherrio’s.«

»Igitt!« Danny gab einen angewiderten Laut von sich. »Das ist eklig!«

»So eklig wie ein Mädchen zu küssen?«, zog Jim ihn auf. Wie alle Neunjährigen fühlte Danny sich vom anderen Geschlecht abgestoßen, konnte sich aber zugleich einer seltsamen Neugier nicht erwehren.

»So eklig wie das ist gar nichts«, gab er zurück. Dann wurde er still.

»Woran denkst du gerade, Großer?«, wollte Jim wissen.

»Daddy, kann ich dich etwas Ernstes fragen?«

»Du kannst mich alles fragen, was du willst, Kumpel.«

»Ist es jemals in Ordnung, ein Mädchen zu schlagen?«

»Nein, Danny, das ist falsch. Du solltest niemals ein Mädchen schlagen. Erinnerst du dich noch, worüber wir gesprochen haben, als du diese Prügelei mit Peter Clifford hattest?«

»Aber da ist dieses Mädchen in der Schule. Anne Marie Locasio. Sie lässt mich einfach nicht in Ruhe.«

»Was macht sie denn?«

»Sie ärgert mich pausenlos, nimmt mir die Schultasche weg und scheucht mich herum. Die Fünftklässler lachen mich aus, wenn sie es tut.«

Darüber musste Jim lächeln. Fünftklässler, die uneingeschränkten Herrscher des Spielplatzes der Grundschule. Als ihm klarwurde, dass Danny selbst nächstes Jahr in diesen Rang aufsteigen würde, wurde ihm schmerzlich sein Alter bewusst.

»Diese Typen musst du einfach ignorieren«, erwiderte er. »Und wenn Anne Marie dich nicht in Ruhe lässt, ignorierst du sie am besten genauso. Du bist ein ziemlich großer Junge. Ich bin sicher, wenn du es wirklich versuchst, kannst du ihr entwischen.«

»Aber sie lässt mich einfach nicht in Ruhe«, beharrte Danny. »Sie zieht mich an den Haaren und…«

»Was?«

Dannys Stimme ertönte als Flüstern. Offenbar wollte er nicht, dass seine Mutter oder sein Stiefvater dies hörte.

»Sie versucht, mich zu küssen!«

Jim grinste und kämpfte tapfer gegen ein Lachen an. Dann erklärte er Danny, dies sei ein Zeichen dafür, dass sie ihn mochte, und er erteilte ihm Ratschläge, wie er sich vor weiteren Quälereien schützen sollte, ohne Anne Marie oder ihre Gefühle zu verletzen.

»Weißt du was, Daddy?«

»Was, Großer?«

»Ich bin froh, dass ich dich solche Sachen fragen kann. Du bist mein bester Freund.«

»Du bist auch mein bester Freund«, brachte Jim um den Kloß in seinem Hals herum hervor.

Im Hintergrund brüllte Tammy irgendetwas. Beim Klang ihrer Stimme zuckte Jim zusammen.

»Mami braucht das Telefon, also muss ich auflegen. Rufst du mich nächste Woche wieder an?«

»Fest versprochen, hoch und heilig.«

»Ich hab dich lieber als Spiderman.«

»Ich hab dich lieber als Godzilla«, gab Jim zurück und ließ sich auf das vertraute Spiel ein.

»Ich hab dich mehr als unendlich lieb«, antwortete Danny, womit er zum wohl tausendsten Mal gewann.

»Ich hab dich auch mehr als unendlich lieb, Kumpel.«

Dann ertönten ein Klicken und der Summton. Das war das letzte Mal gewesen, dass er je mit seinem Sohn gesprochen hatte.

Durch die Tränen blickte Jim auf das Foto mit dem lächelnden Jungen hinab. Jim war nicht da gewesen. Er war nicht da gewesen, wenn sein Sohn jeden Abend zu Bett ging, wenn er mit seinen Actionfiguren epische Schlachten der Star-Wars-Krieger gegen die X-Men veranstaltete, wenn er im Hinterhof Ball spielte oder als er Fahrrad fahren lernte.

Er war nicht da gewesen, um ihn zu retten.

Jim schloss die Augen.

Carrie grub in der Erde und rief seinen Namen. In ihrer Stimme schwang Hunger mit.

Sein Finger spannte sich.

Schrill klingelte das Handy.

Jim zuckte zusammen und ließ die Pistole auf das Bett fallen. Abermals klingelte das Telefon. Die grüne Digitalanzeige schimmerte gespenstisch im matten Schein der Laterne.

Jim rührte sich nicht. Er konnte weder schlucken noch atmen. Es fühlte sich an, als hätte ihm jemand in die Brust geschlagen und in die Weichteile getreten. Halb wahnsinnig vor Angst versuchte er die Arme zu bewegen und stellte fest, dass sie wie versteinert waren.

Ein drittes Klingeln, ein viertes. Natürlich hatte er den Verstand verloren. Das war die einzige Erklärung. Die Welt war tot. Sicher, der Strom funktionierte noch, und die Satelliten hielten stumm und kläglich Wache über ihren Kadaver, aber die Welt war tot. Es war unmöglich, dass ihn nun jemand hier unter der Erde, unter den Überresten von Lewisburg anrief.

Beim fünften Klingeln entrang sich seiner Kehle ein Wimmern. Mühsam kämpfte Jim sich aus der Gefühlsverwirrung frei, die ihn gebannt hatte, und sprang auf die Füße.

Hartnäckig klingelte das Telefon erneut. Mit zitternder Hand griff er danach.

Geh nicht ran! Das ist Carrie oder jemand der anderen. Oder vielleicht etwas noch Schlimmeres. Wenn du den Anruf annimmst, werden sie durchs Telefon strömen…

Das Klingeln verstummte. Die Stille war ohrenbetäubend.

Die Anzeige blinzelte ihn an. Jemand hatte eine Nachricht hinterlassen.

»O Scheiße.«

Er ergriff das Telefon, als hielte er eine lebendige Klapperschlange. Langsam führte er es ans Ohr und wählte die Null. »Sie haben eine neue Nachricht«, teilte ihm eine tonlose Frauenstimme mit. Die aufgezeichneten Klänge waren der süßeste Laut, den er je gehört hatte. »Um die Nachricht abzurufen, drücken Sie die Eins. Um die Nachricht zu löschen, drücken Sie die Rautetaste. Falls Sie Unterstützung brauchen, drücken Sie die Null. Die Vermittlung wird sich bei Ihnen melden.«

Er drückte die Eins. Ein fernes, mechanisches Surren folgte.

»Samstag, erster September, einundzwanzig Uhr«, verriet ihm die Tonbandstimme. Jim blies den unbewusst angehaltenen Atem aus. Dann hörte er eine neue Stimme.

»Daddy…«

Jim rang nach Luft. Sein Puls begann zu rasen. Der Raum drehte sich erneut.

»Daddy, ich hab Angst. Ich bin in der Dachkammer. Ich…«

Ein statisches Knistern unterbrach die Verbindung. Dann kehrte Dannys Stimme zurück, die sich sehr leise und furchtsam anhörte.

»Ich hab mir deine Telefonnummer gemerkt, aber ich konnte Ricks Handy nicht einschalten. Mami hat lange geschlafen, aber dann ist sie aufgewacht und hat es für mich eingeschaltet. Jetzt schläft sie wieder. Sie schläft schon seit… seit sie Rick geholt haben.«

Jim schloss die Augen. Alle Kraft schwand aus seinen Beinen. Seine Knie knickten ein, und er sank zu Boden.

»Ich hab solche Angst, Daddy. Ich weiß, dass wir nicht aus der Dachkammer raussollten, aber Mami ist krank, und ich weiß nicht, was ich tun kann, damit es ihr besser geht. Draußen vor dem Haus höre ich Dinge. Manchmal gehen sie nur vorbei, und andere Male glaube ich, sie versuchen reinzukommen. Ich glaube, Rick ist bei ihnen.«

Danny weinte, und Jim heulte mit ihm.

»Daddy, du hast versprochen, dass du mich anrufst! Ich hab solche Angst und weiß nicht, was ich tun soll…« Weiteres statisches Knistern. Jim streckte einen Arm aus, um zu verhindern, dass er vornüber zu Boden stürzte.

»…und ich hab dich lieber als Spiderman und als Pikachu und als Michael Jordan und mehr als unendlich, Daddy. Ich hab dich mehr als unendlich lieb.«

Das Telefon erstarb in seiner Hand, als der Akku den letzten Lebensfunken aushauchte.

Über ihm heulte Carrie in der Nacht.

Er war nicht sicher, wie lange er dort kauerte, während Dannys Flehen in seinem Kopf widerhallte. Irgendwann strömte Kraft in seine tauben Glieder, und er rappelte sich unstet auf die Beine.

»Ich liebe dich, Danny«, sagte er laut. »Ich liebe dich mehr als unendlich.«

Die Seelenqualen verpufften, wurden durch Entschlossenheit ersetzt. Er griff zum Periskop und schaute hinaus in die Dunkelheit. Außer einem gezackten Streifen Mondlicht sah er nichts. Dann starrte ihn plötzlich ein grässlich vergrößerter, eingesunkener Augapfel mit böswilligem Blick an. Jim sprang vom Periskop zurück, als er erkannte, dass ein Zombie in umgekehrter Richtung hindurchschaute. Er zwang sich zurück an das Gerät. Langsam bewegte der Zombie sich davon weg.

Carries Leichnam stand in Mondlicht gebadet da und schien in seiner Fäulnis zu erstrahlen. Ihr angeschwollener Bauch war grässlich aufgebläht. Darin lauerte immer noch das bösartige Ergebnis ihrer Schwangerschaft, verborgen unter den Lumpen des Seidenmorgenrocks, in dem er sie begraben hatte. Ausgefranste Streifen flatterten um ihre gräuliche Haut.

Er dachte an die Nacht zurück, in der sie ihm mitgeteilt hatte, dass sie in anderen Umständen war. Carrie hatte neben ihm gelegen, während der dünne Schweißfilm ihres Liebesspiels auf ihren Körpern abkühlte. Er hatte den Kopf auf ihren Bauch gelegt, die Wange gegen ihre warmen, weichen Rundungen gedrückt, das wohlige Gefühl von Haut an Haut genossen. Ihr Duft war ihm in die Nase gestiegen, und die winzigen, fast unsichtbaren Härchen auf ihrem Bauch hatten in seinem Atem gewogt. In ihr war ihr gemeinsames Baby herangewachsen.

Jim wollte nicht darüber nachdenken, was sich stattdessen jetzt in ihrem Leib winden mochte.

Er schwenkte das Periskop einmal vollständig herum. Mit dem alten Mr. Thompson von nebenan hatte es das Leben nach dem Tod gut gemeint. Sein Gesicht wies eine Blässe auf, die zwar an die Farbe von Hafermehl erinnerte, aber trotzdem gesünder wirkte als jene, die es zu Lebzeiten gehabt hatte. Die chronische Gelenksteife, die den greisen Nachbarn schon lange geplagt hatte, war unübersehbar, als er die Schaufel ergriff. Allerdings schwollen seine Finger nun durch die langsam fortschreitende Verwesung statt durch Arthritis an. Knöchel stießen durch ledrige, pergamentartige Haut, als Mr. Thompson die Schaufel anhob und in die Erde stieß.

Der Umstand, dass Zombies in der Lage waren, Werkzeug zu verwenden, überraschte Jim nicht. Während der Belagerung hatte er voll Grauen beobachtet und hilflos mit angehört, wie die Kreaturen versuchten, sich zu seinem Bollwerk durchzugraben. Linkisch, aber mit langsamem, stetem Erfolg war es den Wesen gelungen, die Erdschicht abzutragen und die Betonplatte darunter freizulegen. Diese Platte war das Einzige gewesen, das ihn gerettet hatte.

Konnte ihnen langweilig werden?,fragte er sich. Waren sie überhaupt zu vernünftigen Gedanken fähig? Er wusste es nicht. Offenbar wurde das Ding, das einst seine Frau gewesen war, von diesem Ort magisch angezogen. Aber rührte das daher, dass sie sich von früher daran erinnerte oder von einem bloßen Instinkt? Die Tatsache, dass sie auf den Boden einhackten, schien nahezulegen, dass sie es wussten. Dass sie sich erinnerten. Wenn diese Theorie stimmte…

Jim schauderte, als er an die Auswirkungen dachte.

Er war bloß eine Sardine, die in der Stille einer dunklen Büchse wartete. Früher oder später würden die Kreaturen über ihm den richtigen Dosenöffner finden und ihn verschlingen.

»…mehr als unendlich, Daddy.« Die verzweifelten Rufe hallten durch Jims Verstand. »Ich hab dich mehr als unendlich lieb.«

Jim schwenkte zurück auf Carrie und stellte fest, dass sie lächelte. Ihre dunklen Lippen hatten sich über fleckige Zähne zurückgezogen. Dazwischen tauchte das fleischige Ende eines Wurms auf. Sie hob den Kopf und lachte.

Waren in dieses makabre Geheul Worte eingebettet? Er konnte nicht sicher sein. In den letzten Wochen hatte es Zeiten gegeben, in denen er hätte schwören können, dass die Ungeheuer miteinander sprachen.

Ein weiterer Wurm verschwand ihre verwesende Kehle hinab. Entsetzt musste Jim daran denken, wie sie bei ihrem ersten Rendezvous Spaghetti gegessen hatte.

Plötzliche Bewegung erregte seine Aufmerksamkeit. Die Zombies hatten bemerkt, dass sich das Periskop drehte und schlurften nun darauf zu. In der Ferne erspähte er weitere von ihnen, die der Aufruhr anzog. Bald würde es auf dem Gelände nur so von ihnen wimmeln, und sie würden abermals nach einem Eingang in seine Festung suchen. Die Chance auf eine Flucht ohne Kampf war soeben verpufft. Sie wussten nun, dass er noch am Leben war. Obwohl nicht feststand, wie vernunftbegabt die Zombies waren, schien offensichtlich, dass sie ihre Beute unter sich spürten.

Fünfzig oder mehr. Keine guten Aussichten.

Er senkte das Sichtteil ab.

Während das Flehen seines Sohnes um Hilfe ihn unablässig heimsuchte, begann Jim, sich vorzubereiten.

»Halt durch, Großer. Daddy ist unterwegs.«

Zwei

Der Mount Rushmore sprach in fremden Zungen. Das war das Erste, was Baker auffiel. Das Zweite war das böswillige, rotglühende Starren der Granitaugen, das den Helikopter magnetisch auf die Felswand zuzuziehen schien.

Baker kämpfte mit der Steuerung und schrie, während George Washington in einer Vielzahl von Sprachen Unflätigkeiten flüsterte.

Die Stimme murmelte weiter, als er erwachte und jäh vom Schreibtisch hochruckte, an dem er eingenickt war. Speichel war ihm aus dem Mund getropft und hatte auf der Schreibunterlage eine Pfütze gebildet, die an seiner Haut zupfte, als er sich aufsetzte. Er lauschte.

Die wüsten Flüche und Beschimpfungen kamen aus dem Flur.

Von dem Ding in Beobachtungsraum Nummer sechs.

Baker blinzelte und war immer noch unsicher, was vor sich ging. Beim Erwachen aus einem Traum verspürte er stets eine Weile Verwirrung. Er sah sich um und ließ sich von der vertrauten Umgebung in die Wirklichkeit zurückholen.

Baker befand sich in seinem Büro, eine halbe Meile unter Havenbrook. Über ihm hatten sich die Tore der Hölle weit geöffnet.

Und er hatte dabei geholfen, den Schlüssel herumzudrehen.

Der Raum erinnerte stark an Afghanistan, was auf drei Monate ohne Hausmeisterdienste zurückzuführen war. Schmutzige Keramikbecher, verkrustet mit den uralten Überresten von gefriergetrocknetem Kaffee. Willkürlich über das Zimmer verstreute Dokumente, Bücher und Diagramme. Ein Abfalleimer, der längst übervoll war und dessen Inhalt mittlerweile auf den Boden quoll. In der gegenüberliegenden Ecke ein dunkler Fleck, wo sich das Aquarium auf den Teppich ergossen hatte.

Er schauderte, als er ihn betrachtete.

Es war Powells Idee gewesen, mit dem Aquarium zu experimentieren. Zu jenem Zeitpunkt hatten sie über kein Probeexemplar verfügt. Ihre Forschungen waren auf reine Spekulation hinausgelaufen, da sie nichts hatten, das sie studieren konnten. Nachdem der spärliche Rest der Belegschaft geflüchtet war, hatten sich Powell, Harding und Baker zu dritt vom übrigen Komplex abgekapselt. In Bakers Büro hatten sie sich versammelt, ihrem Frust Luft verschafft und sich gefragt, ob es auch ohne Unbedenklichkeitsmeldung sicher wäre, sich nach oben zu wagen.

Powell hatte zunächst scherzhaft vorgeschlagen, einen Versuch mit einem von Bakers teuren tropischen Zierfischen zu unternehmen. Gelächter und Spott hatten sich rasch in wissenschaftlichen Ernst verwandelt, als Baker zustimmte. Sie fischten eines der bunten Tiere heraus und beobachteten mit nüchterner Distanz, wie er in der ihn erstickenden Luft zappelte und schluckte. Baker hielt ihn auf der Handfläche, bis er zu zucken aufhörte. Dann legten sie ihn zurück ins Aquarium, wo er an der Oberfläche des salzhaltigen Wassers trieb– wie von einem toten Fisch zu erwarten.

Sein Verhalten war überraschend (und deprimierend) normal.

Erst zehn Minuten später, nachdem die anderen Wissenschaftlicher sich in den Gemeinschaftsraum zurückgezogen hatten, um sich zum zehnten Mal alte Wiederholungen von Jeopardy auf Video anzusehen, begann der Fisch wieder zu schwimmen.

Zuerst nahm Baker das Plätschern nur am Rande wahr, da er in eine Partie Solitaire vertieft war, die vor ihm auf dem Schreibtisch ausgebreitet lag. Als das Platschen lauter wurde, schaute er auf.

Das Wasser hatte sich rot verfärbt. Winzige scharlachrote Wolken kräuselten sich zwischen den bunten Steinen und dem Schloss aus Kunststoff, als der tote Fisch seine Gefährten jagte und verschlang. Anfangs konnte Baker nur erstaunt und wie gebannt hinschauen. Dann übernahm wieder sein Verstand, und er rannte den verwaisten Flur hinunter, bis er nach Luft schnappend den Gemeinschaftsraum erreichte.

Als sich die drei Wissenschaftler gemeinsam in Bakers Büro einfanden, war das Gemetzel vorüber. In den wenigen Minuten, die er gebraucht hatte, um die anderen zu holen, hatte der Fisch jedes lebendige Wesen im Aquarium getötet. Eingeweide und Schuppen trieben auf dem wässrigen Schlachtfeld umher.

»Mein Gott«, stieß Harding hervor.

»Gott«, fauchte Baker, »hatte damit nichts zu tun!« Er deutete mit dem Finger auf den Fischtank. »Das hat die Menschheit angerichtet, Stephen. Wir haben das angerichtet!«

Harding musterte ihn schweigend. Sein Mund bewegte sich, ohne dass ein Laut herausdrang, genau wie zuvor bei dem Fisch. Powell saß mittlerweile in der Ecke und weinte leise.

Der Fisch bemerkte sie. Er hörte auf zu schwimmen und stierte sie unverhohlen verächtlich an.

Baker faszinierte die Intelligenz, die der Fisch ausstrahlte.

»Seht euch das an. Er beobachtet uns genau wie wir ihn.«

»Was haben wir getan?«, schluchzte Powell. »Jesus Christus, was haben wir getan?«

»Reiß dich zusammen, Powell«, herrschte Harding ihn an. »Wir müssen so viel wie möglich aus diesem Ding lernen, wenn wir hoffen wollen, das Ganze rückgängig…«

Sein Tadel wurde durch ein weiteres Platschen unterbrochen. Der Fisch zappelte wie wild herum, wirbelte den Dreck vom Boden des Aquariums auf und verhüllte ihnen die Sicht. Er verschwand in einer wirbelnden Wolke aus Blut, Fäkalien und Schleim.

»Hol mal einer den Camcorder«, rief Baker. »Wir müssen das dokumentieren!«

Bevor jemand reagieren konnte, geriet der gesamte Aquariumständer in Bewegung. Wasser schwappte über den Rand und rann in blutroten Bächen die Seiten hinab.

Der Fisch zog sich zurück, schnellte erneut vorwärts und schleuderte sich gegen die Vorderseite des Aquariums. Immer und immer wieder stürmte er auf das Glas ein, ohne auf den Schaden zu achten, den er sich dabei zufügte.

Baker fiel die berechnende Böswilligkeit auf, die aus den toten Augen sprach.

Ein Netz von Rissen breitete sich über das Glas aus und kroch über die Seiten hinauf. Der Ständer kippte und stürzte zu Boden. Glas zerbarst, besprühte sie alle mit glitzernden Splittern und brackigem Wasser.

Der Fisch zappelte auf dem Teppich und begann, sich auf sie zuzuarbeiten. Baker stieß seine Bücher beiseite und sprang auf den Schreibtisch, während Harding auf den Flur hinausflüchtete. Powell brach zusammen, kreischte und schlug die Hände wie Klauen in den Teppich, während das Ding die Entfernung zwischen ihnen verringerte.

Zwischen Powells entsetzten Schreien hörte Baker die Geräusche, die von dem Fisch ausgingen, der sich den ausgestreckten Beinen des Wissenschaftlers näherte.

Der Fisch sprach.

Er konnte zwar nicht verstehen, was er sagte, aber das Muster entsprach eindeutig jenem intelligenten Sprechens.

Das Ding schoss auf Powells Weichteile zu. Er schrie aus voller Kehle, als es seine Khakihose berührte.

Baker sprang zu Boden und schlug mit dem Computermonitor auf die Kreatur. Unablässig hieb er auf sie ein und zermatschte das Ungetüm, bis zwischen den Glasscherben nichts als ein zähflüssiger Fleck übrig war.

Bis er Hardings Hand auf der Schulter spürte, war ihm nicht bewusst gewesen, dass er dabei brüllte. Betreten sahen die Männer einander an, als das volle Ausmaß dessen, was sie auf die Welt losgelassen hatten, mit ganzer Wucht auf sie herabstürzte.

In jener Nacht hatte Powell sich mit einem Buttermesser aus der Caféteria die Pulsadern aufgeschlitzt. Sie hatten ihn kurze Zeit später gefunden, als sie ihn aufsuchten, um ihm ein Beruhigungsmittel zu verabreichen.

Baker wandte den Blick von dem Fleck auf dem Teppichboden ab und schloss die Augen. Langsam fuhr er sich mit der Hand durch das ergrauende Haar und weinte leise.

Unten im Flur setzten sich die Tiraden des Dings in Beobachtungsraum sechs unvermindert fort.

Baker wühlte im überfüllten Aschenbecher und fand eine halb gerauchte Zigarette. Immer noch weinend führte er sein Feuerzeug zu dem zerfransten Stummel und drehte den Feuerstein.

Nichts. Keine Flamme. Nicht einmal ein Funke. Und das nächste Feuerzeuggas befand sich eine halbe Meile über ihm in einer Welt, die den Toten gehörte.

Er schleuderte das nutzlose Feuerzeug quer durch den Raum, wo es einen an der Wand hängenden Glasrahmen traf. Der Zeitungsausschnitt, der so stolz darin zur Schau gestellt war, flatterte zu Boden.

Erschöpft ging Baker hinüber und wischte die Scherben weg. Das Papier zitterte in seinen Händen, als er zu lachen begann. Der Artikel datierte vom Anfang des Jahres.

KONTROVERSE UM BESCHLEUNIGER

Von Jeff Whitman/Associated Press

Ein Nuklearbeschleuniger, der entwickelt wurde, um den Urknall nachzubilden, hat Proteste einer Gruppe internationaler Physiker, Politiker und Aktivisten heraufbeschworen, da befürchtet wird, er könne die Erde schädigen. Eine Theorie besagt sogar, dass er ein schwarzes Loch bilden, »Störungen des Universums« verursachen oder »das Gefüge von Raum und Zeit zerstören« könnte.

Die Havenbrook National Laboratories (HNL), eine der führenden Forschungseinrichtungen der Regierung der Vereinigten Staaten, haben zehn Jahre in den Bau ihres 985Millionen Dollar teuren Relativistischen Schwerionenbeschleunigers (Relativistic Heavy Ion Collider, RHIC) in Hellertown, Pennsylvania investiert, einem ländlichen Gebiet nahe der Staatsgrenze von New Jersey. Ein erfolgreicher Test wurde diesen Freitag durchgeführt, die ersten Teilchenkollisionen sollen innerhalb eines Monats folgen.

Letzte Woche jedoch setzte Stephen Harding, Havenbrooks Leiter, einen Ausschuss aus Physikern ein, um zu ermitteln, ob das Projekt mit katastrophalen Folgen fehlschlagen könnte. Harding reagierte damit auf Warnungen seitens anderer Physiker, denen zufolge das geringe, aber durchaus reale Risiko besteht, dass die Maschine die Macht haben könnte, sogenannte »Strangelets« zu erzeugen, eine neue Art von Materie, die sich aus subatomaren Teilchen namens »seltsame Quarks« zusammensetzt.

Der Ausschuss soll die Möglichkeit überprüfen, dass entstandene Strangelets eine Kettenreaktion auslösen und alles, mit dem sie in Berührung kommen, in weitere seltsame Materie verwandeln könnten. Der Ausschuss wird ebenso die unwahrscheinlichere Alternative berücksichtigen, dass die kollidierenden Teilchen eine ausreichend hohe Dichte erreichen könnten, um ein schwarzes Loch im Miniaturformat zu bilden. Im All erzeugen schwarze Löcher derart immense Schwerkraftfelder, dass sie jegliche sie umgebende Materie verschlucken. Die hohe Dichte, die durch kollidierende Teilchen entsteht, könnte theoretisch auch die Schranke zwischen unseren Dimensionen und anderen einreißen.

Innerhalb des Beschleunigers werden Goldatome ohne ihre äußeren Elektronen in eine von zwei 3,8Kilometer langen Röhren gepumpt und von leistungsstarken Magneten auf 99,9% der Lichtgeschwindigkeit beschleunigt. Die Ionen in den beiden Röhren bewegen sich in entgegengesetzte Richtungen, um die Kraft der Kollisionen zu steigern. Bei der Kollision entstehen winzige Feuerkugeln aus superdichter Materie. Unter diesen Bedingungen verdampfen Atomkerne zu einem Plasma noch kleinerer Teilchen, die Quarks und Gluonen genannt werden. Dieses Plasma strahlt beim Abkühlen weitere Teilchen ab.

Unter den Teilchen, die in dieser Phase auftreten, befinden sich seltsame Quarks. Solche Quarks wurden zwar bereits in anderen Beschleunigern entdeckt, jedoch waren sie stets an andere Teilchen gebunden. Der RHIC, die leistungsstärkste Maschine, die bislang gebaut wurde, ist in der Lage, zum ersten Mal seit Anbeginn des Universums einzelne seltsame Quarks zu erzeugen.

HNL-Sprecher Timothy Powell bestätigte, dass es Diskussionen um die verschiedenen Möglichkeiten gab. William Baker, Professor für Nuklearphysik und wissenschaftlicher Leiter des RHIC, meinte zwar, dass die Chancen für einen Unfall verschwindend gering seien, Havenbrook aber dennoch die Verantwortung trage, diese auszuwerten, bevor man mit dem Projekt fortfahre. »Die große Frage lautet natürlich, ob unser Planet im Handumdrehen verschwinden würde oder die Möglichkeit besteht, das Gefüge von Raum und Zeit durcheinanderzubringen. Beides ist überwältigend unwahrscheinlich. Wir versuchen nicht, »Löcher in andere Dimensionen zu öffnen«, wie Sie es ausdrücken. Wir wollen lediglich mehr über das Universum und unseren Platz darin erfahren. Das Risiko ist so verschwindend gering, dass es eigentlich keiner Erwägung bedarf.«

Baker zerknüllte das Papier in den Fäusten.

Unten im Flur brüllte in einem schalldichten, mit dreißig Zentimeter Stahl und Beton verstärkten Raum das Ding, das einst Timothy Powell gewesen war, auf Sumerisch. Jede Silbe hallte in dem verlassenen, unterirdischen Komplex wider und trieb hinauf in die tote Welt darüber.

Baker rieb sich die Augen. Auf dem Tisch vor ihm lag ein Tonbandgerät. Er seufzte, drückte die Aufnahmetaste und schaltete die Gegensprechanlage ein.

»Powell«, begann er ängstlich. »K-kannst du mich hören?«

Powells Leichnam lag zusammengesunken in der Ecke des Raums. Er hob den Kopf und schaute feindselig zum Glas. Baker erkannte Intelligenz in dem starren Blick. Eine schreckliche Intelligenz– und etwas anderes.

»Hallo, Bill«, schnarrte das Ding und leckte sich mit einer geschwollenen, gräulich weißen Zunge über gesprungene Lippen. »Wie geht’s, wie steht’s?«

Baker kritzelte auf seinen Notizblock. Die Kreatur in Beobachtungsraum sechs war nicht Timothy Powell. Das wusste er. Und dennoch hatte sie ihn erkannt. Baker schwieg. Neben ihm surrte das Tonbandgerät.

»Hat ’ne Katze deine Zunge gefressen, Billy-Boy?«

»Wie fühlst du dich, Timothy?«

»Um ganz ehrlich zu sein, Bill, ich falle auseinander. Ob du mir wohl was zu essen besorgen könntest?«

»Du bist hungrig? Was hältst du von Suppe? Es war gerade Blaukrabbensaison, bevor– na ja, bevor all das angefangen hat. In der Küche ist noch Krabbensuppe übrig. Ich habe sie eingefroren, um…«

»Ich will keine Suppe. Wie wär’s stattdessen mit deinem Arm? Oder ein paar Ellen deiner Eingeweide?«

»Du kannst keine Nahrung zu dir nehmen?«

»Du bist Nahrung! Warum kommst du nicht einfach herein zu mir?«

Entsetzt und zugleich fasziniert beobachtete Baker, wie der Zombie zum Fenster herüberschlurfte und sich ihm gegenüber wie ein Gefängnisinsasse hinsetzte. Das Ding presste das verfaulende Gesicht gegen das Glas und lächelte. Kein Atem beschlug die Scheibe. Mit leiser Stimme leierte es etwas in einer Sprache, die Baker nicht erkannte. Er bezweifelte, dass Powell sie einzuordnen vermocht hätte.

»Wer bist du?«

»Du weißt, wer ich bin. Ich bin Timothy Powell, stellvertretender Leiter des RHIC-Programms der Havenbrook Laboratories. Ich bin dein Kumpel, Amigo. Komm schon, Billy-Boy! Sag bloß, du leidest an stressbedingtem Gedächtnisschwund!«

»Doktor Powell würde mich nie mit ›Billy-Boy‹ anreden«, erklärte Baker sachlich. »Du bist nicht Timothy Powell.«

Das Ding zupfte sich ein loses Stück Haut vom Oberschenkel. Es betrachtete den Fetzen kurz und steckte ihn dann mitsamt der Made darin in den Mund. Verfaulte Zähne mahlten genüsslich.

Baker wandte sich ab.

»Du glaubst mir nicht? Erinnerst du dich noch, als du, ich und Weston uns eine Woche freigenommen haben und nach Colorado geflogen sind? Wir haben in Doktor Scalises Hütte gewohnt und geangelt. Weston hat diesen verflucht großen Glasaugenbarsch gefangen, und du hast dir eine Erkältung geholt.«

Grinsend presste der Leichnam eine aufgedunsene Hand gegen die Scheibe. Baker konzentrierte sich auf Powells Ehering. Der goldene Reif war tief in die wurstartig angeschwollenen Finger eingesunken. Dann entfernte der Zombie die Hand und hinterließ einen schmierigen Fleck auf dem Glas.

»Wer bist du?«, fragte Baker erneut und hatte Mühe, ein Zittern aus seiner Stimme zu verbannen. »Bist du Timothy Powell?«

»Ob«, gab das Ding aus Powells Mund zurück.

»Ist das dein Name oder das, was du bist?«

»Ob«, wiederholt es. »Und du bist Bill.«

»Woher kennst du meinen Namen?«

»Derjenige, den du Tim nennst, hat es hier drin zurückgelassen. Er hat viele Dinge hinterlassen. Heikle Dinge. Wusstest du, dass er regelmäßig zu Prostituierten ging? Seine Frau offenbar nicht.«

»Ich wüsste nicht, was das…«

»Er hat sie dafür bezahlt, dass sie es ihm mit einem Dildo anal besorgt haben.«

Der Leichnam kicherte, dann hustete er und besprühte dabei die Scheibe mit Teilen seiner selbst.

»Wirklich?« Baker knirschte mit den Zähnen. »Und wie genau hast du dieses Wissen erlangt?«

»Es ist hier bei mir. Alles ist hier, ich kann es nach Belieben durchstöbern. Aber das meiste ist nutzlos. Genau wie all das kollektive Wissen. Die Menschheit hat so wenig erreicht. Er muss mächtig enttäuscht von seiner Schöpfung sein.«

»Wer?«

»Er. Der Grausame. Er, der… aber egal. Sprechen wir nicht davon. Er kommt schon noch dran. Das habe ich mir ausgiebig ausgemalt, während wir dort geschmachtet haben.«

»Und wo genau war das?«

Das Ding antwortete nicht. Stattdessen begann es, den roten Fleck vom Glas zu lecken.

»Ich hungere«, stöhnte es und begann wieder zu grinsen.

»Hungrig«, meinte Baker zu den kalten, grauen Wänden. »Ich hätte nicht gedacht, dass ich so hungrig war.«

Er hatte die Büchse mit gebackenen Bohnen eher instinktiv als aus Verlangen geöffnet, doch nach dem ersten Bissen kalt verschlungen. Er sehnte sich nach einem Hamburger dazu, aber der riesige, begehbare Tiefkühlschrank war besetzt, und Baker hatte nicht vor, ihn zu betreten. Harding lag mit einem sauberen, notgedrungen entstandenen Loch im Kopf darin. Einen Tag nach Powells Selbstmord und der darauf folgenden Einkerkerung seines wiederbelebten Leichnams hatte er einen Herzinfarkt erlitten. Hardings Leiche hatte Baker mit einem Eispickel bearbeitet und sich während des gesamten grausigen Vorgangs sehnlichst eine Pistole gewünscht. Aber die Feuerwaffen waren zusammen mit den Soldaten verschwunden, die von ihren Posten desertiert waren.

Die Stille in der leeren Caféteria war beunruhigend. Er sehnte sich nach jemand anderem als dem Ding, das sich Ob nannte, mit dem er reden konnte.

Als er den Gang hinab zurück zu seinem Büro lief, hallten seine Schritte auf den grünen Fliesen wider. Er war froh über das Geräusch. Die Lichter flackerten, wurden düsterer und dann wieder heller. Stromschwankungen. Er war nicht sicher, ob die Einrichtung noch vom öffentlichen Netz oder bereits vom eigenen Notsystem versorgt wurde. Wie würde der Flur sich wohl in völliger Finsternis anhören?

Hier unten, allein mit jenem Ding…

An seinem Schreibtisch sackte er auf den Stuhl, der unter dem Gewicht widerstrebend ächzte. Zu Bakers Überraschung hatte er während der Krise tatsächlich ein paar Pfund zugelegt. Wahrscheinlich mangels Ertüchtigung. Seine Tage bestanden aus langwierigem, endlosem Forschen und noch mehr Forschen. Seine Nächte (sofern es denn Nächte waren, der Unterschied ließ sich unter der Erde nicht feststellen), verbrachte er mit ständigem Erwachen auf der Flucht vor Alpträumen.

Er lehnte sich zurück, legte die Füße auf den Tisch und schaltete das Tonbandgerät ein.

»Ich bin zwar kein Biologe oder Pathologe, trotzdem konnte ich eine bemerkenswerte Verwandlung des Forschungsobjekts beobachten.«

Als die Lichter abermals flackerten, setzte er ab, dann fuhr er fort.

»Das Forschungsobjekt ist nicht einfach ein wiederbelebter Leichnam. In vielerlei Hinsicht funktioniert es wie ein lebendes Wesen. Es strebt nach Nahrung, insbesondere in Form von menschlichem– Fleisch. Ich kann mir nicht sicher sein, aber es hat den Anschein, dass dies im Wesentlichen dem Überleben dient. Das Studium des Videomaterials von der Katastrophenschutzbehörde FEMA scheint das zu bestätigen. Natürlich dürfte es lange dauern, bis die FEMA ein neues Band schickt.«

Sein nervöses Kichern artete in einen Hustenanfall aus. Danach sprach er weiter.

»Die Muskulatur des Objekts passt sich dem neuen Zustand offenbar an. Verfall ist zwar gegeben, scheint sich jedoch nicht nachteilig auszuwirken, sondern als natürlicher Prozess zu vollziehen. Haare, Haut und sogar lebenswichtige Organe sind irrelevant für die Funktion des Forschungsobjekts. Das Fleisch, das es isst, gelangt nicht durch den Verdauungsapparat. Es wird durch einen bislang unbekannten Vorgang aufgenommen und umgewandelt, in…«

Die Lichter erloschen. Baker saß mit angehaltenem Atem in pechschwarzer Dunkelheit. Das Surren des Tonbandgeräts war das einzige Geräusch. Sein Herz schlug einmal, zweimal.

Die Lichter gingen wieder an, und Baker stellte überrascht fest, dass er geweint hatte.

»Wenn ihr esst«, fragte Baker über die Gegensprechanlage, »warum nicht den ganzen Körper? Warum lasst ihr so viel übrig?«

»Weil so viele unserer Brüder darauf warten, herüberzukommen«, antwortete Ob. Im schnarrenden Tonfall schwang Verärgerung mit, als regte es ihn auf, dass der Wissenschaftler etwas so Offensichtliches fragte. »Sie hätten keine Freude damit, nach Äonen des Wartens in einem Gefäß zu landen, das bewegungsunfähig ist. Ein Rumpf ohne Arme oder Beine, ein bloßer Klumpen Menschenfleisch, der nur herumliegt? Das käme einer Flucht von einem Gefängnis in ein anderes gleich.«

»Erzähl mir mehr über diesen Ort, von dem ihr kommt. Du hast ihn die Leere genannt.«

»Genug davon«, entgegnete Ob zornig. »Ich muss meine Brüder rufen. Ich hungere. Lass mich frei, und dir soll nichts geschehen.«

Baker achtete darauf, seiner Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen. »Beantworte meine Frage, und ich gebe dir etwas zu essen.«

»Du spielst ein gefährliches Spiel, weiser Mann. Glaub nicht, dass ich zögere, diese Hülle zu beschädigen, um die Freiheit zu erlangen. Ich kann mir eine andere beschaffen.«

»Das Glas ist kugelsicher. Die Wände sind mit Stahl und Beton verstärkt. Dir muss klar sein, dass ich hier das Sagen habe.«

»Deine Rasse hat nicht mehr das Sagen. Wir können wieder ungehindert über diese Erde wandeln, wie wir es vor langer Zeit schon einmal taten.«

»Erzähl mir von der Leere«, beharrte Baker.

»Na schön«, seufzte das Ding und blies stinkende Luft aus nutzlosen, verwesenden Lungen aus. »Aber sei gewarnt, Professor. Euer Zeitalter ist zu Ende. Wir sind eure Erben.«

»Die Leere«, bohrte Baker nach.

»IN DER LEERE IST ES KALT!«, brüllte Ob und stürmte unvermittelt auf das Trennfenster zu. Er schlug mit Powells Faust gegen die Scheibe. Baker rutschte zurück.

»Es ist kalt in der Leere, weil ER grausam ist! Ich habe dort Äonen geweilt, gefangen mit meinen Brüdern, den Elilum und den Teraphim. ER hat uns dort hingeschickt, uns in die Öde verbannt. Wir haben beobachtet, wie ihr Ameisen gleich umhergewuselt seid, euch vermehrt und vervielfacht, euch in seiner frostigen Liebe geaalt habt. Wir haben gewartet, denn wir sind geduldig. Allzeit aufmerksam haben wir an der Schwelle gelauert. Und du, weiser Mann, du und deine Gefährten, ihr habt uns das Mittel zu unserer Erlösung beschert. So wie eure Körper uns unsere Tempel liefern, hast du uns unsere Pforte geliefert!«

Abermals hämmerte die Kreatur gegen die Scheibe. Baker zuckte zusammen. Ein winziger Riss kroch durch das Glas.

»Glaubst du etwa, wenn ihr sterbt, fahrt ihr in den Himmel auf?«, lachte das Ding höhnisch. »Das tut ihr nicht. Ihr gelangt an einen Ort, den ER für euch vorgesehen hat! Eure Körper gehören UNS! Wir sind eure Herren. Dämonen nennt uns deine Art. Dschinns. Monster. Wir sind der Ursprung eurer Legenden– der Grund, weshalb ihr die Dunkelheit immer noch fürchtet. Wir kontrollieren euer Fleisch. Wir haben lange darauf gewartet, euch zu beseelen!«

Wieder drosch er gegen die Scheibe. Der Riss weitete sich aus. Spinnwebartige Ranken überzogen die Oberfläche. Die Hand, die einst Dr. Timothy Powell gehört, Martinigläser gehalten, Golfschläger geschwungen und geschickt die Steuerung des RHIC bedient hatte, war nun eine Dampframme verrottenden Fleisches. Baker krümmte sich, als die Finger aufbrachen und schartige, gesplitterte Knochen zum Vorschein kamen, die weiter über das innere Glas kratzten.

Baker flüchtete aus dem Raum. Obs Gebrüll verfolgte ihn den Gang hinab.

»Wir sind die Siqqusim! Wir haben abseits ausgeharrt und darauf gewartet, die Macht zu übernehmen. Ihr gehört uns. Yidde-oni! Engastrimathos du aba paren tares. Wir sind Ob und Ab und Api und Apu. Unsere Zahl ist größer als die der Sterne! Wir sind mehr als die Unendlichkeit!«

Das Glas barst. Kurz darauf erloschen die Lichter. Dunkelheit verschlang die Einrichtung.

Baker kauerte in der Halle und lauschte voll Grauen, wie der Zombie hinter ihm her stolperte.

Die Lichter gingen nicht wieder an.

Drei

Zwei Wege führten aus dem Bunker. Der Erste war ein Schacht hinauf auf den Hof. Um ihn zu verwenden, müsste sich Jim seine gesamte Ausrüstung umschnallen, während er die Leiter erklomm, das Schloss aufsperren und den Lukendeckel anheben, ohne Aufmerksamkeit zu erregen.

Er brauchte zumindest eine Waffe in der Hand, somit kam Klettern nicht infrage. Die Zombies würden sich um ihn scharen, sobald sie hörten, wie der Deckel sich zu öffnen begann.

Damit blieb nur der Keller.

Als er den Bunker baute, war er zu einem Schrottplatz in Norfolk gefahren und hatte zwei Luken eines ausrangierten Truppentransporters der Navy gekauft. Wenn man die erste von innerhalb des Bunkers öffnete, führte sie in einen schmalen Korridor, der zum Haus verlief. Der Durchgang endete an der zweiten Luke, die in die Mauern des Kellers eingelassen war.

Als Jims Depressionen in den vergangenen Wochen unerträglich wurden, hatte er sich zweimal zu dieser zweiten Tür begeben und vorgehabt, sie zu öffnen, um sich dem zu ergeben, was dahinter lauerte. Beide Male hatte er innegehalten und den schlurfenden Geräuschen von der anderen Seite gelauscht. Die Mauern und der schwere Stahl dämpften die Stoßlaute und das Gurgeln zwar, dennoch waren sie unbestreitbar da– und unbestreitbar real.

Nun öffnete er die erste Luke und horchte auf einen Schritt oder ein Knarren, auf alles, das die Anwesenheit der durch sein Haus schleichenden Kreaturen erahnen ließ. Er hörte nichts, aber irgendwie fühlte die Stille sich noch schlimmer an.

Zögernd kroch er den Durchgang hinab und blieb an der zweiten Luke stehen. Er legte das Ohr gegen den kalten Stahl, hielt den Atem an und wartete.

Stille.

Jim kehrte mit dem festen Entschluss in den Bunker zurück, keine weitere Stunde in dieser Gruft zu verbringen. Er ersetzte seine Sandalen durch die schwarzen, verschrammten Arbeitsstiefel mit Stahlkappen. In seinen Jahren als Bauarbeiter hatten sie ihm treue Dienste erwiesen, und er hoffte, das würde so bleiben. Über das schwarze T-Shirt zog er ein langärmeliges Flanellhemd. Es würde Schutz vor der Kälte der Nacht bieten, war aber leichter als eine Jacke, und untertags konnte er es sich um die Hüfte binden.

Dann öffnete er den Reißverschluss von Carries blauem Nylonrucksack, wobei ihm ein leichter Hauch ihres Parfums in die Nase stieg– eine weitere gespenstische Erinnerung an die Vergangenheit.

Er verdrängte alle Gefühle und begann, die notwendigsten Dinge auszuwählen. Um schnell voranzukommen, würde leichtes Gepäck entscheidend sein. Als Erstes wanderte eine Schachtel Patronen für die Ruger in den Rucksack. Er ergriff zwei weitere Magazine für die Pistole, lud sie mit je fünfzehn Kugeln und legte sie beiseite. Dann nahm er die Winchester .30-30 mit Handhebel, die ihn auf so vielen Jagdausflügen begleitet hatte. Auch für das Gewehr legte er mehrere Schachteln Munition in den Rucksack. Auf vier Spritzflaschen mit destilliertem Wasser folgten Büchsen mit Thunfisch, Sardinen und Fertignudeln. Auch ein Fernglas, ein Straßenatlas, die Taschenlampe, Zündholzschachteln, Kerzen, ein Kaffeebecher aus Keramik, den Danny ihm zum Vatertag geschenkt hatte, ein kleines Glas mit Pulverkaffee, eine Zahnbürste, Zahnpasta, ein Stück Seife, Löffel und Gabel sowie ein Dosenöffner fanden Platz im Rucksack.

Er schlüpfte mit den Armen durch die Schultergurte und prüfte das Gewicht. Zufrieden stopfte er sich zwei Feuerzeuge, sein Jagdmesser und die Reservemagazine in die Taschen. Die Pistole hing in einem Holster an seiner Seite. Schließlich ergriff er das Gewehr. Die Vertrautheit des glatten Holzschafts fühlte sich tröstlich an. Jim vergewisserte sich ein zweites Mal, dass die Waffe geladen war, und holte tief Luft.

Der Raum begann, sich zu drehen. Plötzliche Übelkeit erfasste ihn, als die Spannung, die sich in ihm aufgestaut hatte, ihren kritischen Punkt erreichte. Seine Arme und Beine kribbelten, Krämpfe durchzuckten seinen Magen. Stöhnend ließ Jim das Gewehr fallen und übergab sich, wobei er seine Stiefel und den Boden bespritzte.

Schließlich ging die Panikattacke vorüber. Zittrig hob er das Gewehr auf.

»Okay«, sprach er laut aus. »Zeit zu gehen.«

Ein letztes Mal sah er sich mit dem Wissen in dem Bunker um, dass er nie wieder auf die vier Stahlbetonmauern starren würde. Seine Augen wanderten über die Fotos von Carrie und Danny und verharrten auf dem Handy.

Einen Augenblick lang zögerte er, dann ergriff er es. Nach kurzem Überlegen klemmte er es sich an den Gürtel. Obwohl der Akku ohne das Ladegerät nutzlos war.

»Nur für alle Fälle«, sagte er in den leeren Raum und versuchte, sich selbst zu überzeugen.

Schließlich ging er den schmalen Korridor hinab und legte gefasst eine Hand auf den Türhebel. Langsam hob er den Griff an. Jedes Klicken des Pendellagers hörte sich in der Stille wie ein Knall an. Dann erfolgte ein letztes Klicken, und die Luke öffnete sich knarrend.

Jim hob das Gewehr und ließ die Tür aufschwingen. Der dunkle Keller kam zum Vorschein. Im Raum herrschte Stille, aber einst vertraute Formen weckten plötzlich unheilverkündende Assoziationen. Der Werkzeugschrank verwandelte sich in einen Zombie. Der Ofen erinnerte an eine geduckte Bestie, die darauf lauerte, ihn anzufallen. Sein Herz pochte in der Dunkelheit wie wild.

Behutsam bahnte er sich einen Weg um die verstreuten Trümmer seines vergangenen Lebens herum. Dann erreichte er die Treppe, die hinauf zur Küche führte. Abermals hielt er inne und lauschte.

Über ihm knarrte leise ein Dielenbrett. Dann ein weiteres. Das dritte Knarren wurde vom unverkennbaren Quietschen eines Küchenstuhls durchbrochen, der über das Linoleum schabte.

Jim erstarrte. Mit dem Finger am Abzug tastete er in der Finsternis nach der untersten Stufe. Sein Fuß fand Halt, und er wagte einen vorsichtigen Schritt.

Aus der Küche waren weitere Geräusche zu hören, auf die ein frustriertes Knurren folgte. Jim zielte mit dem Gewehr auf die Tür und ging einen weiteren Schritt. Etwas streifte leicht sein Ohr, und er biss sich auf die Zunge, um einen Schrei zu unterdrücken. Abermals umschwirrte ihn die Fliege und verharrte unsichtbar in der Luft.

Er schüttelte den Kopf, um das Insekt zu verscheuchen. Plötzlich wurde er eines neuen Lautes gewahr– eines dröhnenden Summens von weiter oben auf der Treppe.

Die Fliege hatte Freunde, dem Geräusch nach zu schließen eine ganze Menge. Ihr zorniges Summen füllte seine Ohren. Eine zweite Fliege landete auf seiner Hand, eine dritte ließ sich auf seinem Hals nieder.

Dann stieg ihm der Geruch in die Nase– ein ekelhaft süßlicher Moder, der an eine Metzgerei erinnerte. Der Gestank überfahrener Tiere, blank liegender Innereien und verwesenden Fleisches.

Er ging einen weiteren Schritt, spürte, wie sein Kopf die Decke streifte und erkannte, dass er sich auf halbem Weg nach oben befand. Von jenseits der Tür drangen die Geräusche weiterer trottender Schritte zu ihm. Das Knarren der Dielenbretter verriet den Weg des Zombies.

Jim wappnete sich dafür, die restlichen Stufen hinaufzurennen und durch die Tür zu preschen.

Ein feuchter, schmatzender Laut ertönte, als sein Fuß in etwas Glitschiges trat. Das Summen wurde zorniger, da er die Fliegen beim Abendmahl gestört hatte. Der Gestank war mittlerweile stärker, beinahe übermächtig. Seine Füße rutschten unter ihm weg, er stürzte vorwärts, und seine Knie prallten auf die Treppe.

Die Schritte in der Küche eilten auf die Tür zu.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht holte Jim ein Feuerzeug aus der Tasche und schaute hinab.

Eingeweide. Jemandes Eingeweide lagen in einem geronnenen Haufen auf der Treppe.

Würgend ließ Jim das Feuerzeug fallen. Die Gedärme stanken erbärmlicher als alles, was er je gerochen hatte. Ohne auf die Schmerzen in seinen Knien zu achten, rappelte er sich auf.

Der Türknauf begann, sich zu drehen.

Jim hob das Gewehr an und zielte blind in die Dunkelheit.

Krachend flog die Tür auf, und Jim starrte mit offenem Mund auf das scheußliche Ding, das vor ihm stand. Die Eingeweide auf der Treppe hatten Mr. Thompson gehört. Die feucht glitzernden Enden seiner Gedärme hingen aus der leeren Bauchhöhle und schwenkten hin und her, als der Zombie die Arme hob.

»Grüß dich, Nachbar«, schnarrte das Ding. Seine Stimme klang, als hätte es Glasscherben gegurgelt. »Wie ich sehe, hast du den Rest von mir gefunden.«

Die Zunge des Zombies glich einer schwarzen, geschwollenen Masse, und dennoch, obwohl es unmöglich schien, sprach er.

Jim feuerte, betätigte den Kammerverschluss des Gewehrs und jagte eine weitere Kugel hinterher. Der Schritt der besudelten Cordsamthose der Kreatur verschwand.

»Ooooh«, machte das Ding und blickte nach unten.