Aurons Vermächtnis - Christian Voss - E-Book

Aurons Vermächtnis E-Book

Christian Voss

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Beschreibung

Ein magischer Sommer, ein uraltes Amulett und das Geheimnis der Tierwandler. Nila – ein junges Mädchen, das aus einer Familie kommt, die sich für Tierwohl einsetzt – verbringt den Sommer bei ihren Großeltern auf dem Land. Doch was als ruhige Ferien beginnt, wird schnell zum größten Abenteuer ihres Lebens. Dabei entdeckt sie ein geheimnisvolles Amulett, das sie auf eine unerwartete Reise führt. Schon sehr bald merkt sie, dass ihre Familie ein ungewöhnliches Geheimnis hütet, das sie selbst in den Bann zieht. Gemeinsam mit Auron muss sie lernen, ihre neue Gabe zu verstehen, um das Gleichgewicht der Natur zu schützen. Der spannende Auftakt einer neuen Fantasy-Saga für alle Fans von Tierfantasy und Magie.

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Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Christian Voss

CHRISTIAN VOSS

Aurons

Vermächtnis

Band 1 – Der schlafende Fuchs

Ein Jugendroman

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2025 Christian Voss.

Texte und Umschlaggestaltung: Christian Voss

1. Auflage – Dezember 2025

Verlag & Kontakt:Christian Voss

c/o Block Services

Stuttgarter Str. 106

70736 FellbachE-Mail: [email protected]

Druck und Distribution: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Ähnlichkeiten mit realen Personen, Orten oder Ereignissen sind rein zufällig. Alle erwähnten Marken gehören ihren jeweiligen Inhabern und dienen nur der Beschreibung.

Für meine geliebte Tochter – mein Mäuschen.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1: Die Greifensteins

Kapitel 2: Beste Freundin

Kapitel 3: Mein erster Tag

Kapitel 4: Ein Ausflug ins Blaue

Kapitel 5: Ein unerwarteter Besuch

Samys Tagebuch – Erster Eintrag

Kapitel 6: Aurons Ankunft

Kapitel 7: Freundeskreis

Kapitel 8: Magisch

Kapitel 9: Zwischenstopp

Samys Tagebuch – Zweiter Eintrag

Kapitel 10: Husan

Kapitel 11: Rabenschlund

Kapitel 12: Auswildern

Samys Tagebuch – Dritter Eintrag

Kapitel 13: Opa Rabenschlund

Kapitel 14: Die Dämmerans

Kapitel 15: Alte Bekannte

Kapitel 16 Eine helfende Hand

Samys Tagebuch – Vierter Eintrag

Kapitel 17: Der Aragul-Wald

Einleitung

Die Idee für diese Geschichte kam mir, als ich gerade dabei war, eine völlig andere zu schreiben. Monatelang saß ich am Computer und arbeitete fleißig an meinem ersten Manuskript. Da ich bisher noch nie etwas veröffentlicht hatte und wissen wollte, wie sich die Geschichte anfühlt, wenn man sie in den Händen hält, druckte ich das Manuskript in DIN-A5 aus und legte es auf meinen Schreibtisch.

Meine Tochter, eine echte Leseratte, wollte unbedingt wissen, was ich bisher aufs Papier gebracht hatte. Sie nahm das Manuskript und fragte, ob sie mal darin lesen könnte.

»Das geht leider nicht, Mäuschen«, sagte ich. »Diese Geschichte ist ein bisschen zu gruselig für dich.«

Das fand sie sehr schade, und legte das Manuskript wieder zurück auf den Schreibtisch.

Ich fand es ebenfalls sehr schade.

Da kam mir eine Idee.

»Wie wär’s, wenn ich eine Geschichte für dich schreibe? Würde dir das gefallen?«, fragte ich sie.

Diese Idee fand sie so toll, dass sie mir ein wenig später ein kleines Ringbuch mit einem Baby-Yoda-Bild auf dem Einband schenkte (ja, ich weiß, dass er eigentlich Grogu heißt :D), und sagte: »Hier kannst du all deine Ideen aufschreiben, Papa.«

Noch am selben Abend öffnete ich das Notizbuch und schrieb meine ersten Ideen für den Plot auf.

Der ursprüngliche Plan war, eine Kurzgeschichtensammlung für sie zu schreiben. Der Plot war kurz und passte gerade so noch auf vier oder fünf Seiten – ganz simpel also. Aber als ich dann mit dem Schreiben begann, entwickelte sich die Geschichte von selbst immer weiter, so als hätte ich einen kleinen Samen für eine Blume gepflanzt. Doch statt einer Blume wuchs daraus ein mächtiger Baum, der immer weiter in den Himmel ragte – und ich durfte dabei zusehen, wie er immer größer wurde. Es war toll!

Die Inspiration für Nila (ihr werdet sie gleich kennenlernen) kam ebenfalls von meiner Tochter. Sie gab Nila ihren Namen und viele ihrer Charaktereigenschaften basieren auf ihren.

Von den Namen einiger Figuren über ihre Liebe zu den Tieren und den Wunsch eines Tages Tierärztin zu werden, bis hin zu den verschiedenen Schriftarten in diesem Buch – sie hat mir unglaublich dabei geholfen, dieser Geschichte ihre ganz eigene, magische Note zu verleihen. Aber ich möchte gar nicht zu weit vorgreifen.

Schatz, wenn du das hier liest: Ich danke dir von Herzen! Deinetwegen durfte ich meine Kindheit noch einmal durchleben, und ich bin unglaublich stolz, dein Papa sein zu dürfen.

Dies ist nun der erste Band der Geschichte. Der zweite Band ist bereits in Arbeit.

Ich hoffe, dass euch die Geschichte genauso viel Spaß beim Lesen bereitet, wie ich sie beim Schreiben hatte.

Christian Voss

Hamburg

11.01.2025

Band 1

Der schlafende Fuchs

»Mutternatur gibt uns alles, was wir brauchen – wenn wir nur lernen, ihr zuzuhören.«

- Dr. Max Greifenstein

Kapitel 1: Die Greifensteins

Hallo Leute, mein Name ist Nila, und ich erzähl euch heute eine Geschichte, okay? Vielleicht könnte man es auch meine Geschichte nennen, aber vor allem ist es eine Geschichte über meine großartige Familie. Darüber, was wir taten und welche wundervollen Abenteuer wir erlebten. Aber um das alles zu verstehen, muss ich euch vielleicht erst mal erzählen, wie alles anfing. Und meine Reise begann, als ich noch ein junges Mädchen war.

Also – unterhalten wir uns über den Sommer, der mein Leben für immer veränderte. Und ja: Manches davon klingt wirklich unglaublich, oder wie aus einem Märchen, das muss ich schon zugeben. Aber ich kann euch versichern, liebe Freunde und Nachbarn, ... die Magie ist echt. Also fangen wir ganz von vorn an.

Es war einmal der erste Tag der Sommerferien. Ich saß gerade auf der Rückbank von Papas Auto und ließ das Fenster ein Stück runter, als wir aus einem Kreisverkehr in die nächste Landstraße eingebogen sind. Der warme Fahrtwind ließ meine Haare wild hin und herspringen.

Einen Kindersitz brauchte ich schon lange nicht mehr. Ich war zwar noch keine zwölf, aber trotzdem schon ein großes Mädchen.

Mama hatte das Radio laut gestellt und es lief gerade irgendein Pop-Song, den sie laut mitgesungen hatte. Mir gefiel er auch ziemlich gut, weshalb ich im Sitzen ein wenig zum Rhythmus tanzte.

Dann war da noch mein großer Bruder Samuel, den ich aber immer Samy nannte – alle nannten ihn Samy. Er saß neben mir und spielte irgendwas an seinem Handy.

Es war ein herrlich warmer Morgen – daran kann ich mich noch ziemlich gut erinnern. Der Himmel leuchtete hellblau und es gab fast keine Wolken. Neben einem Maisfeld sah ich einen kleinen Vogelschwarm, der gerade über einen Strommast hinwegflog.

Als Samy das Autofenster herunterfuhr, kam auch der Geruch von Landluft ins Auto geflogen und er rümpfte die Nase ein wenig.

»Hey! Sag mal, hast du etwa gepupst, Samy?«, fragte ich und hielt mir dabei die Nase lachend zu. Ich fand mich ultrakomisch.

»Das ist wirklich sehr lustig, Nila«, antwortete er charmant. »Hast wohl schon wieder ’nen Clown gefrühstückt, was?« Er packte sein Handy zur Seite und lachte. »Nein, ich glaube eher, dass die da dafür verantwortlich sind.« Er deutete mit dem Zeigefinger auf eine Gruppe von Kühen, an denen wir gerade vorbeifuhren. »Oder besser gesagt ihr ... Kuhdung. Du weißt doch über Kuhdünger Bescheid, oder?«

Ich hielt mir grinsend die Nase zu und nickte.

Dann lehnte er sich nach vorne und fragte: »Mama, sag mal, wie weit ist es eigentlich noch? Sollten wir nicht bald da sein? Wir sind doch schon seit mindestens drei oder vier Stunden unterwegs.«

Mama stellte das Radio ein wenig leiser und drehte sich zu uns zurück. »Wir brauchen noch ungefähr 20 Minuten, Schatz. Vielleicht auch zehn, wenn die Straßen weiterhin frei bleiben. Äh, habt ihr vielleicht Durst? Es ist ganz schön warm geworden. Wir haben hier noch ein bisschen was in der Kühltruhe, glaube ich.«

»Ja!«, riefen wir beide wie ein aufgeregter Chor.

»Das ist aber leider die letzte Flasche. Die müsst ihr euch wohl teilen.« Sie reichte uns eine kleine Flasche mit kaltem Apfelsaft. »Aber keine Sorge. Wir sind bald da.«

Samys Arm schoss nach vorn und griff zu der Flasche, noch bevor ich meinen überhaupt heben konnte. Seine Arme waren einfach viel länger als meine, da kann man nichts machen.

Er grinste mich an, und ich dachte schon, er würde mindestens die Hälfte austrinken, aber nein: Er öffnete die Flasche und hielt sie mir hin, damit ich zuerst daraus trinken konnte. Ich war mir sicher, dass er selbst ziemlich durstig war. Zwischen der Cappy und seiner Augenbraue liefen dicke Schweißperlen runter. Dann bekam ich ein schlechtes Gewissen und zögerte kurz.

»Ist schon okay, kleine Schwester«, sagte er und zwinkerte mir zu. »Du kannst sie ruhig austrinken. Die paar Minuten werde ich auch noch überleben.«

Versteht mich nicht falsch. Ich gebe ja zu, dass er manchmal wirklich ein bisschen nervig sein konnte, und manchmal stritten wir uns auch wie zwei alte Streithähne, wie Mama uns dann immer nannte, aber ist das nicht bei allen Geschwistern so? Die allermeiste Zeit war er total lieb und der beste große Bruder der Welt. Ich hatte ihn wirklich sehr lieb.

Heute war also der große Tag gekommen und das nicht nur für mich. Ich war ja schon total aufgeregt, aber Samy war mindestens genauso gut drauf wie ich. Mindestens. Denn er würde den Sommer nicht bei mir verbringen. Okay, nein, das war nicht der Grund, weshalb er so gut drauf war, sondern weil er mit Mama und Papa auf der MS-Poseidon über das Meer fahren durfte. Das war eines der besten Forschungsschiffe, die es gab, hatte Papa mir erzählt.

Mit der MS-Poseidon wollten sie ihre Mission antreten – genauer gesagt wollten sie über die Nordsee zum Ärmelkanal fahren, um dann von dort aus direkt zum Atlantik zu gelangen.

Ja, ihr habt schon richtig gehört! Sie hatten eine Mission auf dem Atlantischen Ozean!

Meine Eltern sind Meeresbiologen, müsst ihr wissen, und sie hatten da irgendeine wichtige Forschungsmission zu erfüllen, an der Samy dieses Jahr auch dran teilnehmen durfte.

Samy erzählte mir schon seit Monaten, dass die Meeresforschung einmal seine Berufung werden sollte. Ich konnte ihn natürlich verstehen, denn immerhin waren Mama und Papa ja auch Meeresbiologen, aber es musste dafür auch irgendeinen anderen Grund gegeben haben. Warum? Na, weil er plötzlich von einen auf den anderen Tag einen Haufen Bücher über die Weltmeere und ihre Meeresbewohner gekauft hatte – über die Flora und Fauna der Unterwasserwelten, wie er mir erklärt hatte – und er sah sich fast jeden Tag Dokumentationen an über Fische, Wale, Delfine, Haie, Quallen und was er noch alles finden konnte.

Von einen auf den anderen Tag verwandelte sich Samys Zimmer in eine Art Bibliothek. Viele Bücher hatte er sich von Mama und Papa geliehen, aber die meisten kaufte er sich von dem Taschengeld aus seinem Spartopf.

Jedes Mal, wenn ich ihn über die Forschungsmission ausfragen wollte, tat er immer so geheimnisvoll. So, als dürfte ich es nicht erfahren. Große Brüder können manchmal auch ziemlich komisch sein, oder?

Mama erzählte mir jedenfalls, dass es bei dieser Mission um die Wanderrouten von Buckelwalen, Blauwalen und Orcas ging – ein großes Abenteuer also, da war ich mir ganz sicher.

Und ich? Ihr fragt euch doch bestimmt, warum ich auch mit im Auto war, oder? Tja, ich war mit elf Jahren leider noch ein bisschen zu jung für diese Mission. Das war aber gar nicht so schlimm, denn ich war gerade auf dem Weg zu meinem eigenen Abenteuer!

Wir waren nämlich gerade auf dem Weg zu meinen Großeltern. Für Mama, Papa und Samy war das nur ein kurzer Zwischenstopp, denn sie wollten am nächsten Morgen weiter zum Hafen fahren, wo das Schiff auf sie warten würde.

Und ich durfte ganze zwei Wochen bei Oma und Opa bleiben. Zwei Wochen! Darauf hatte ich mich schon sehr lange gefreut.

Wie ihr sicherlich schon erraten habt, lebten meine Großeltern auf dem Land, und dort hatten sie auch ihre Tierarztpraxis – eine ziemlich große sogar.

Opa hatte mir zu Weihnachten einen Wunsch erfüllt: Er hatte mir versprochen, dass ich die ersten beiden Wochen der Sommerferien bei ihnen auf dem Land verbringen darf. Also hatte ich ein gutes halbes Jahr lang Zeit, um mich gut auf den Sommer vorzubereiten, denn ich wollte alles von ihnen lernen.

Ich verbrachte jede freie Minute nach der Schule damit, in Papas Arbeitszimmer alles Nützliche über Tiere zu lesen, was ich finden konnte.

Ich wollte nämlich eines Tages die beste Tierärztin der Welt werden. Stellt euch das doch einmal vor:

Nila Greifenstein, Fachtierärztin

(wie toll das klingt).

Das war mein allergrößter Traum, und ich wusste, dass meine Großeltern mir helfen würden, ihn wahr werden zu lassen.

Das Arbeiten für und mit den Tieren ist in meiner Familie weit verbreitet. Mein Onkel Michael war zum Beispiel gerade im Dschungel vom Amazonas und half dabei, neue Setzlinge einzupflanzen, damit dort neue Pflanzen und Bäume entstehen konnten. Das war wichtig, damit neuer Lebensraum und Artenvielfalt entstehen konnte.

Oder nehmen wir mal Tante Paula. Sie war gerade in den Halbwüsten des australischen Outback (das ist eine ziemlich heiße Gegend, wenn ihr mich fragt), und Tante Paula erforschte dort die Wasserquellen der Tiere. Sie sorgte dafür, dass sie in der Hitze nicht verdorren und sauber bleiben, damit die Wüstentiere immer etwas Sicheres zu trinken hatten.

Der Name Greifenstein war im ganzen Land bekannt, und ich wusste schon, als ich noch ganz klein war, dass ich ebenfalls den Tieren helfen wollte. Es war meine Berufung – und das ist es heute noch.

Meine Großeltern hatten ihre Tierarztpraxis auf dem Land gebaut, und es war gleichzeitig auch ihr zu Hause. Das Grundstück war so groß wie ein Bauernhof und sah auf dem ersten Blick auch so aus wie einer.

Zuerst einmal war da ihr Haus. Es war ein großes, zweistöckiges Haus, hellgrau und mit weißen Planken an den Rändern. Überall gab es Blumentöpfe mit bunten Lilien an den Fenstern, und auch am Haus selbst hingen einige wunderschöne Blumen. Außerdem gab es auf dem Grundstück zwischen den Wiesen und dem Kornfeld auch noch zwei Scheunen, in denen Opa ein paar Schweine und Kühe hielt, die sie aber immer frei herumlaufen ließen.

An ihrem Haus gab es ein etwas kleineres, zweites Haus, und es war direkt am ersten Haus angebaut. Das war die Tierarztpraxis. Das bedeutet also, sie konnten direkt von zu Hause aus in die Praxis gehen. Ziemlich praktisch, oder? Es war fast unmöglich, dass sie zu spät zur Arbeit kommen würden (es sei denn, Opa hatte einmal wieder verschlafen, aber das ist eine andere Geschichte).

Endlich waren wir da. Papa fuhr das Auto durch den großen Torbogen, der über die Einfahrt angebracht war. Auf dem Torbogen war ein großes Schild aus massivem Holz, das die Form eines eingerollten Fuchses hatte. Die Spitze seiner Schnauze berührte die Spitze seines Schwanzes, so als würde er schlafen. Mein Papa hatte mir mal erklärt, dass der schlafende Fuchs schon seit über 300 Jahren das Wappen unserer Familie war.

Ich wusste damals nicht, weshalb es ausgerechnet ein Fuchs war, und nicht etwa ein Greif, wie es der Name Greifenstein vermuten lassen würde. Auch mein Papa wusste es nicht, obwohl er Jahre damit verbrachte, die Geschichte unserer Familie zu studieren. Der Fuchs war eines Tages einfach da – als Zeichen von Kühnheit, Schläue und natürlich auch der Hoffnung, erklärte mir Papa.

Erst später verstand ich, warum dieses Wappen perfekt zu meiner Familie passte und auch zu mir.

Das, was der Fuchs am Torbogen umkreiste, war ein Schriftzug. Zwischen bunten Blumenblüten und Blättern in großen, verschnörkelten Buchstaben waren die Worte

TIERARZTPRAXIS GREIFENSTEIN

zu lesen. Langsam fuhren wir jetzt die sandige Einfahrt zum Haus hinauf. Ich machte das Fenster ganz runter und hörte das knirschende Geräusch, das die Autoreifen auf den Sandsteinen machten. Dann sah ich die Schweine, Freddy und Georg über eine der Wiesen watscheln.

Oma und Opa standen vor ihrem Haus und winkten uns schon aus der Ferne zu.

»Da!«, rief ich. »Da sind Oma und Opa! Fahr schneller, Papa!«

Papa fing an zu lachen. »Das geht nicht, Mäuschen. Du weißt doch, dass Oma und Opa die Tiere frei herumlaufen lassen.«

»Ja, das weiß ich doch.« Ich hüpfte auf der Rückbank auf und ab. »Ich bin nur so aufgeregt, weißt du? Ich könnte platzen vor Aufregung.«

»Ganz ruhig, Nila«, kicherte Samy. »Die paar Meter wirst du doch noch schaffen, oder? Wir sind doch gleich da.«

Kapitel 2: Beste Freundin

Ein wenig später fuhr Papa das Auto auf einen Parkplatz vor der Praxis. Sobald er den Motor ausgestellt hatte, schnallte ich mich ab und flitzte aus dem Auto. Ich rannte so schnell ich konnte und sprang Oma und Opa freudestrahlend in die Arme. Sie drückten und begrüßten mich herzlich.

Mama und Papa kamen auch gerade an und stellten meine beiden Koffer auf den Boden ab. Samy ist noch am Auto geblieben. Er spielte schon seit Stunden irgendein Handyspiel und konnte gar nicht damit aufhören.

»Na, dann hoffe ich mal, dass ihr eine angenehme Fahrt hattet«, sagte Opa und umarmte Mama und Papa.

Omi half Papa beim Reintragen ihrer Koffer und Jacken.

»Oh ja«, antwortete Mama und stellte meine beiden Koffer ab. »Auch wenn es eine lange Autofahrt war; gerade für die Kids war es ein wenig anstrengend, aber für den ersten Tag der Sommerferien sind wir wirklich gut durchgekommen, muss ich sagen. Wir standen nicht ein einziges Mal im Stau.«

Nachdem wir uns alle begrüßt hatten, kam auch schon Angel angerannt. Sie hatte ich am aller meisten vermisst. Angel war ein Beagle – nein, nicht nur irgendein Beagle, sie war meine aller beste Freundin. Sie war zweieinhalb Jahre alt, was bedeutete, dass wir beide gleich alt waren (nur in Hundejahren gerechnet).

Sie trug ein rosarotes Halsband mit einem goldenen Emblem, auf das ihr Name eingeprägt war. Sie ignorierte alle anderen und rannte direkt zu mir. Ich ließ mich auf den Boden fallen und begrüßte sie wild. Angel jaulte, sprang mir in die Arme und leckte mir freudig das komplette Gesicht ab. Es kitzelte so doll, dass ich lachen musste. »Hey, hey! Angel! Ich hab dich doch auch vermisst!«, kicherte ich.

Sie war wie meine Schwester. Meine Großeltern hatten sie vor ein paar Wochen mitgebracht, als sie mich an meinem Geburtstag besuchen kamen, und seitdem hatte ich sie nicht mehr gesehen.

»Na, dann komm mal mit rein, junge Dame«, sagte Opa und kniete sich zu mir runter. »Ich zeige dir dein Zimmer. Du kannst Angel gleich mitnehmen.«

»Und ich habe Tee und Kuchen für euch«, sagte Omi zu den anderen. »Falls es euch aber zu warm für Tee ist, gibt es im Kühlschrank noch genug Saft.«

Samy stand zwar noch hinten am Auto, aber das hatte er nicht überhört. Er hob den Kopf und rief: »Hab ich da gerade Saft gehört?«

»Apfelsaft, Orangensaft oder Eistee – habe ich alles da, Samy«, rief Omi zurück, und ich konnte aus der Ferne gut erkennen, wie groß Samys Augen wurden.

Opa nahm meine beiden Koffer, die wirklich groß waren. Hier muss ich vielleicht mal kurz erwähnen, dass es nicht irgendwelche langweiligen Koffer waren. Es waren richtige Reisekoffer – Hartschalenkoffer hatte Papa sie genannt – und sie waren obendrein nur für mich gemacht worden. Sie waren beide Pastellrosa und mein Name stand vorne in großen Buchstaben darauf. Auf dem Griff war ein kleiner Fuchs gestickt worden.

Im ersten Koffer waren Klamotten für zwei Wochen drin, und außerdem natürlich meine Tierarztausrüstung, aber dazu kommen wir später noch.

Der zweite Koffer sah aus, als würde er gleich platzen. Ich hatte alle meine Kuscheltiere reingestopft und musste mich am Ende auf den Koffer setzen, um den Reißverschluss schließen zu können.

Ach, ich liebte meine Kuscheltiere. Ich konnte gar nicht genug von ihnen haben. Mama sagte schon, dass ich langsam genug hätte – zu Hause war mein Bett so voll, dass ich fast keinen Platz mehr hatte, mich hineinzulegen – aber meiner Meinung nach konnte man gar nicht genug von ihnen haben. Ich hatte sie leidenschaftlich gesammelt und habe sie heute noch. Damals hatte ich ihnen allen Namen gegeben. Sie waren wie meine Kinder.

Samy steckte sein Handy ein, schloss die Autotür und rannte ins Haus. Als wir auch reingingen, stand ich mit Opa vor der großen Holztreppe im Hausflur. Rechts von uns stand Samy schon in der Küche vor dem offenen Kühlschrank und trank eine ganze Flasche kalten Orangensaft in einen Zug aus.

Er muss mich wirklich liebgehabt haben, wenn er im Auto schon so durstig war, aber mir die letzte Flasche Apfelsaft gegeben hatte.

Opa stand schon auf der vierten Treppenstufe und drehte sich zu mir um. »Sollen wir hochgehen, Schatz?«

»Einen Augenblick«, stieß ich hervor. »Du kannst ja schon mal hochgehen; ich komme gleich nach.«

Ich rannte zu Samy und umarmte ihn. Ich drückte ihn ganz fest und er sah mich ganz verwirrt an. Dann fragte er, womit er das verdient hätte.

»Na, für den Apfelsaft«, sagte ich und rannte die Treppe rauf.

»Kein Problem, Schwesterherz«, rief Samy mir nach. Dann stieß er einen leisen Rülpser aus. Er hätte den Orangensaft vielleicht nicht so schnell austrinken sollen. Ich lachte mir ins Fäustchen, als ich am oberen Ende der Treppe ankam.

Mein Zimmer war wirklich großartig. Es gab sogar eine kleine Hundeklappe in meiner Tür, durch die Angel rein und rausgehen konnte, wann immer sie wollte. Opa hatte ihren Hundekorb direkt an mein Bett gestellt, damit sie immer in meiner Nähe sein konnte.

Von meinem Fenster aus hatte ich einen wunderschönen Ausblick auf die Felder, und Opa erzählte mir, wenn ich früh genug aufstehen würde, könnte ich die Sonne zwischen den Bergen und Wäldern aufgehen sehen.

Außerdem konnte ich von hier oben auch sehen, wenn die Patienten ankamen. Ich fragte mich: Was das wohl für Patienten sein werden? Hunde und Katzen? Ja, sicher! Aber was noch? Mäuse, Meerschweinchen, Pferde, Füchse oder vielleicht sogar ... sogar Schlangen? Oh, das könnte schon sein. Manche Leute halten ja Schlangen als Haustiere. Aber was ist, wenn jemand seine Vogelspinne mitbringen würde?

Aber da müsste ich dann durch, das war mir klar. Eine Spinne verdiente natürlich genauso meine Hilfe wie alle anderen Tiere, und ich wollte ihnen allen helfen, auch wenn sie mir Angst machten.

So macht das eine Tierärztin, dachte ich dann. Denn was hat Papa immer gesagt? »Mäuschen, es gibt keine bösen Tiere. Es gibt immer einen Grund für ihr Verhalten. Und wenn jemand Hilfe braucht, dann ist ein Greifenstein hilfsbereit. Jederzeit.« Und dieser Meinung bin ich auch. Oma und Opa werden mir zeigen, wie ein Tierarzt das macht. Oh, Junge! Endlich bin ich hier!

Nachdem ich den wichtigen Koffer geöffnet hatte und meine Kuscheltiere auf meinem Bett ordentlich verteilte, gingen Angel und ich wieder nach draußen. Wir spielten zusammen mit Samy noch ein bisschen Ballwerfen.

»Das nennt man Apportieren«, erklärte er mir und ich hörte ihm interessiert zu. Ich fand’s toll, wenn er den großen Bruder spielte und mir etwas beibrachte, und das tat er oft.

Angel rannte jedes Mal wie eine Fell-Rakete los und brachte den Quietsche-Ball begeistert wieder zurück, bis Omi uns zum Abendessen rein gerufen hatte.

Ich schwör’s euch – Mama war ja schon wirklich eine großartige Köchin, aber Oma war einsame Spitze. Mama hatte mir mal erzählt, dass sie alles, was sie über das Kochen wusste, von ihr gelernt hatte. Meine Oma war in der ganzen Familie berühmt für ihre Kochkünste.

Wir gingen rein und setzten uns im Esszimmer an den Tisch zu den anderen. Wir aßen, tranken und lachten viel. Angel lag rechts von meinem Stuhl. Auch sie mochte natürlich Omis essen. Sie stupste mein Bein an, um mir zu sagen, dass ich ihr etwas von meinem Teller abgeben soll. Ich sah sie an, und sie legte den Kopf zur Seite. Ich nahm ein kleines Stück vom Teller und gab es ihr ganz unauffällig. Das dachte ich zumindest, aber Opa hatte mich dabei erwischt. Doch er sagte nichts. Er grinste, zwinkerte mir zu und unterhielt sich dann weiter mit meinen Eltern über die Forschungsmission.

»Und wann wollt ihr morgen aufbrechen? Morgen früh, sagtet ihr?«, fragte er und nahm einen Schluck von seinem Pfirsich-Eistee.

»Das Schiff wird um 09:00 Uhr auslaufen«, antwortete Mama. »Wenn wir es rechtzeitig schaffen wollen, sollten wir spätestens um 06:30 Uhr hier losfahren.«

Samy riss die Augen auf und fing an zu husten. »Boah, 06:30 Uhr?« Er verschluckte sich fast an seiner Kartoffel. »So früh? Aber es sind doch Ferien, und ich ...«

»Sam«, unterbrach ihn Papa und legte sein Besteck wieder auf den Tisch. »Wir müssen so früh da sein, damit alles glattgeht. Darüber haben wir doch schon gesprochen. Glaubst du etwa, die werden auf uns warten, wenn wir uns verspäten? Ganz sicher nicht.« Er lachte und sah ihn freundlich an. »Das ist eine einmalige Chance für uns, Sam. Wir können einfach nicht riskieren, zu spät zu kommen, das weißt du doch.«