Aus für den Milchmann – DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek - Charlotte MacLeod - E-Book

Aus für den Milchmann – DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek E-Book

Charlotte MacLeod

0,0
3,99 €

Beschreibung

DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek: Aus für den Milchmann – Professor Shandy ermittelt Professor Feldster würde für seine Kühe alles tun. Und für einen Abend ohne seine herrische Gattin Mirelle. Dafür ist ihm jede Verabredung recht, und so bricht er auf zu einem Besuch bei den Scarlett Runners. Doch Jim Feldster trifft nie dort ein. Wieder einmal findet sich Peter Shandy unvermittelt in einen Fall verstrickt, denn Mirelle beschuldigt ihn, ihren Gatten zu verstecken. Allmählich dämmert es Shandy, daß sich bei Jim Feldster nicht alles um Viehfutter und Melkmaschinen drehte. Es gibt ja noch andere Leidenschaften – wie Liebe, Habsucht und Rache. »Mord als schöne Kunst betrachtet« – unter diesem Motto präsentiert DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek Meilensteine anglo-amerikanischer Spannungsliteratur in der Tradition des literarischen Detektivromans. Vom Serientäter bis zum perfekten Mord, von den Golden-Age-Klassikern bis zur »Grande Dame« der Kriminalliteratur Charlotte MacLeod: DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek versammelt das Beste des Genres – mit originellen Plots, fantasievollen Settings und charakterstarken Ermittlern. »Knarrende Geheimtüren, verwirrende Mordserien, schaurige Familienlegenden und, nicht zu vergessen, beherzte Helden (und bemerkenswert viele Heldinnen) sind die Zutaten, die die Lektüre zu einem Lese- und Schmökervergnügen machen.« Neue Presse/Hannover

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 385

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



DuMonts Digitale Kriminal-Bibliothek

Herausgegeben von Volker Neuhaus

Charlotte MacLeod wurde 1922 in Kanada geboren und wuchs in Massachusetts, USA, auf. Sie studierte am Boston Art Institute und arbeitete danach kurze Zeit als Werbetexterin. 1964 begann sie, Detektivromane für Jugendliche zu veröffentlichen, 1978 erschien der erste Band ihrer ›Balaclava‹-Serie, 1979 folgte der erste Titel der ›Boston‹-Reihe, die begeisterte Zustimmung fanden und ihren Ruf als zeitgenössische große Dame des Kriminalromans begründeten. Für ihr Werk erhielt MacLeod fünf American Mystery Awards sowie den Nero Wolfe Award. Im Januar 2005 starb Charlotte MacLeod im Alter von 82

Charlotte MacLeod

Aus für den Milchmann

Aus dem Englischen von Beate Felten-Leidel

Für Sara Ann Freed und die »Wonder Workers«

eBook 2013Die Originalausgabe erschien 1996 unter dem Titel Exit the Milkman bei The Mysterious Press, New York

© 1996 Charlotte MacLeod

Published by Arrangement with Joyce Turner

© 2000 für die deutsche Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

© 2013 für diese Ausgabe: DuMont Buchverlag, Köln

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv von Pellegrino Ritter

Umschlaggestaltung: KOCH.ZÄNKER

Satz: Greiner & Reichel, Köln

eBook-Konvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck

ISBN eBook: 978-3-8321-8724-8

www.dumont-buchverlag.de

Kapitel 1

»Hallo, Pete. Gehst du Gassi mit der Katze?«

Professor Shandy, international berühmter Herrscher der Rübenfelder, konnte sich nur mit Mühe zurückhalten, nicht mit den Zähnen zu knirschen. Seit jenem denkwürdigen Tag, an dem die Shandys sich ein übermütiges Tigerkätzchen zugelegt hatten, stellte Professor James Feldster ihm diese alberne Frage heute zum fünfhundertsiebenundachzigsten Mal. Peter wußte es genau, denn er hatte mitgezählt.

Seither war einige Zeit vergangen. Aus dem niedlichen kleinen Fellknäuel war eine zierliche Katzendame geworden, die genau die richtige Größe besaß, um sich auf einem einladenden Schoß oder Peters Lieblingssessel zusammenzurollen. Sie besaß ein überaus hübsches Fell mit eleganten Streifen in fein abgestuften Grautönen, die durch vier strahlend weiße Pfötchen und einen schneeweißen Latz noch schöner zur Geltung kamen. Man hatte sie nach einer anderen zierlichen Dame benannt, die vor langer Zeit gelebt hatte, aber unvergessen geblieben war. Eine Stippvisite der heutigen Jane Austen galt bei den Nachbarn auf dem Crescent als besondere Gunst, allerdings mit einer Ausnahme: Jims Gattin Mirelle konnte Katzen aus Prinzip nicht ausstehen und schien sich auch aus Menschen nicht sonderlich viel zu machen.

Jim Feldster allerdings gehörte zu Janes ersten Eroberungen. Sie hatte ihn so gut abgerichtet, daß er stets lange genug an der Auffahrt der Shandys stehenblieb, um seiner kleinen Freundin genügend Zeit zu geben, an seinen ausgeblichenen Jeans hochzuklettern und das rosa Näschen in die ausgebeulte weiße Jacke zu stecken, die er immer anhatte, und nachzuschauen, welche Insignien er denn diesmal für sein abendliches Logentreffen trug. Was es auch war, es schepperte. Jims Insignien schepperten immer, selbst wenn Jane nicht da war, um ihre Nachforschungen anzustellen.

Obwohl Jim Feldster in seinen Melkschuhen fast zwei Meter maß, gehörte er nicht zu den Personen, die in der Menge auffielen. Doch er verdiente aus zwei Gründen besonderen Respekt. Erstens war er am Balaclava College der unübertroffene Experte für die Grundlagen der Milchwirtschaft und unterrichtete sein Fach seit siebenunddreißig Jahren stets mit derselben unerschütterlichen Hingabe. Zweitens gehörte er unzähligen Bruderschaften an und kannte mehr Losungen, Rituale und Geheimzeichen als jeder andere engagierte Logenbruder in Balaclava County. Vielleicht sogar noch mehr als sämtliche Logenbrüder Nordamerikas. Oder der gesamten Galaxie, falls die seit langem bekannten provokativen Theorien der Quantenphysiker und Science-Fiction-Autoren tatsächlich stimmten. Aber was sprach eigentlich dagegen?

Peter fand derartige gelehrige Spekulationen nicht uninteressant, vor allem wenn er gegen Abend allein über die riesigen Rübenfelder des College wanderte, was er gelegentlich ohne besonderen Grund zu tun pflegte. Jim Feldster hielt sicher weder Quantentheorie noch Rübenfelder für sonderlich nachdenkenswert, dachte er. Warum sollte er auch? Schließlich wußte Professor Feldster mehr als irgendein anderer über Milchwirtschaft. Er hatte sich die Mühe gemacht, unzählige geheimnisvolle Rituale und Handzeichen zu erlernen, und sich das Recht erworben, an den geeigneten Orten und zu den geeigneten Zeiten soviel zu scheppern, wie es ihm paßte. Das war schon mehr als genug Denkstoff für einen vernünftigen Professor.

Jim blieb lange genug stehen, um Jane beim Pfotenlecken zuzusehen, wobei sie sich jeder ihrer putzigen Katzenzehen ausgiebig widmete. Da Reinlichkeit zu den wichtigsten Grundlagen der Milchwirtschaft zählte, belohnte Professor Feldster seine kleine Freundin mit einem rituellen Streicheln zwischen den Ohren, und schepperte dann entschlossen weiter zu seinem geheimen Rendezvous. Wäre Jane ein Kater, dachte Peter, hätte Jim dem intelligenten kleinen Tier sicher schon längst ein paar geheime Pfotenzeichen beigebracht. In Balaclava County war es immer noch Usus, weiblichen Wesen den Zugang zu geheimen Bruderschaften zu verwehren, auch wenn dies nicht dem allgemeinen nationalen Trend entsprach. Daher setzte man hier auch noch alles daran, die geheimen Riten und Zusammenkünfte ausschließlich brüderlich zu gestalten.

Bisher hatten die Damen von Balaclava County übrigens wenig Lust gezeigt, die Barrikaden zu stürmen. Helen Shandy war der Ansicht, daß sie ihre Kräfte daran gar nicht erst verschwenden wollten, da sie genug Besseres zu tun hatten. Wahrscheinlich hatte sie recht. Immerhin war sie Bibliothekarin, und Bibliothekarinnen wußten schließlich alles. Was auch immer der Grund war, Bruder James Feldster wäre sicher der Letzte, der einem weiblichen Wesen, das sich brüderlich betätigen wollte, freiwillig einen Logenplatz angeboten hätte.

Nicht daß Professor Feldster dem weiblichen Geschlecht im allgemeinen abhold wäre. Viele seiner besten Seminarteilnehmer gehörten dem weiblichen Geschlecht an, und er hatte auch noch nie eine Kuh getroffen, der er nicht zugetan gewesen wäre. Der Grund für sein hartnäckiges Festhalten an der letzten Bastion männlicher Stärke lag einzig und allein in seinem Überlebenstrieb. Jeder Mann und sogar jede Frau, die das Pech hatten, auch nur fünf Minuten mit Mirelle Feldster verbringen zu müssen, konnte sehr gut verstehen, warum ihr Gatte Mitglied in so vielen Logen war und grundsätzlich kein Treffen ausließ.

Normalerweise war Jim um diese Zeit auf dem Weg zu Charlie Ross’ Garage. Peter und er parkten beide ihren Wagen dort. Auf dem Crescent, wo die Shandys, die Feldsters und diverse andere Fakultätsmitglieder in Häusern lebten, die dem College gehörten und an die hiesige akademische Elite vermietet wurden, war es mehr oder weniger unmöglich zu parken. Doch heute war dummerweise Mirelles Bridgeabend, was bedeutete, daß sie den Wagen nahm. Jim würde wahrscheinlich unterwegs von einem seiner Logenbrüder im Wagen mitgenommen werden.

Im Grunde war es Peter schnurzegal, wie Mr.oder Mrs.Feldster den heutigen Abend gestalteten. Doch sämtliche Crescent-Bewohner wußten unweigerlich über alles Bescheid, was sich dort abspielte, ob sie nun wollten oder nicht. Und was der Crescent wußte, wußten bald auch die Einwohner von Balaclava Junction, nicht zuletzt deshalb, weil Mirelle Feldster unermüdlich die Buschtrommel rührte. Allerdings gab sie sich redlich Mühe, die Informationen nach Kräften zu verzerren, zu verdrehen, maßlos zu übertreiben und in den düstersten Farben auszumalen.

Peter und Helen Shandy gehörten zu Mirelles ganz besonderen Zielscheiben, obwohl sie ein unauffälliges Leben führten. Sie zankten sich nicht, feierten keine wilden Partys, erhoben ihre Stimmen nicht einmal, wenn sie unterschiedlicher Meinung waren, mähten regelmäßig den Rasen und hüteten sich, Hand an die wunderschönen Blautannen zu legen, die dem kleinen roten Backsteinhaus bereits lange vor der Geburt der heutigen Bewohner Schatten gespendet hatten. Mirelle hatte einen regelrechten Aufstand gemacht und verlauten lassen, die Shandys sollten bloß nicht wagen, auch nur ein Zweiglein der kostbaren Bäume anzurühren, bis ihr allmählich gedämmert hatte, daß die beiden nicht einmal im Traum daran dachten, den geliebten Bäumen auch nur eine einzige Nadel zu krümmen. Daraufhin hatte sie ihre Taktik geändert und überall herumposaunt, die Shandys seien von allen guten Geistern verlassen, weil sie die großen, ungepflegten, gefährlichen alten Bäume einfach stehen ließen, obwohl sie den Feldsters die Aussicht völlig ruinierten.

Ohne die schützenden Bäume hätte die notorisch nörgelnde Nachbarin ungehindert in das Schlafzimmer der Shandys blicken können, in dem Peter und Helen vor dem Zubettgehen stets vorsorglich die Vorhänge zuzogen. Mirelle hatte die unangenehme Angewohnheit, urplötzlich mit gezücktem Fernglas zwischen den Blaufichten aufzutauchen. Wenn man sie dabei erwischte, beobachtete sie angeblich nur das nächtliche Treiben der Fledermäuse.

Ihr größtes Problem schien darin zu bestehen, daß es so wenig über die Shandys zu berichten gab, selbst wenn sie willens war, aus jeder Mücke einen Elefanten zu machen. In der letzten Zeit hatte sie es als persönlichen Affront aufgefaßt, daß Helen Marsh Shandy so viel billiges Lob für ihr albernes Buch über die Familie Buggins einheimste, die, laut Helen, nicht nur das College, sondern ganz Balaclava County gegründet hatte. (Was übrigens völlig der Wahrheit entsprach, doch das stimmte Mirelle auch nicht freundlicher.) Ganz zu schweigen von dem Haufen Lügen, den Helen über den alten Säufer Praxiteles Lumpkin und seine sogenannten Wetterfahnen erfunden hatte. Am allerschlimmsten machte ihr allerdings die unverschämte Art zu schaffen, mit der Helen sich praktisch an dem Tag, als sie ihren Fuß auf den Campus gesetzt hatte, einen Gatten an Land gezogen hatte. Doch sie hatte das bekommen, was sie verdiente. Schließlich wußte jeder, daß Peter Shandy schon immer ein mehr als seltsamer Kauz war.

Und so weiter und so fort. Die Gerüchte, die Mirelle zu jeder Tages- oder Nachtzeit in die Welt setzte, waren Ausgeburten der oft fehlerhaften Verknüpfungen zwischen ihrem fiebrigen Hirn und ihrer gespaltenen Zunge. Entweder entstand aus diesen Hirngespinsten viel Geräusch um nichts oder ein winziger Windhauch im Wasserglas. Peter und Helen merkten in den meisten Fällen nichts von der einseitigen Fehde ihrer Nachbarin. Und falls doch, fanden sie das Ganze in der Regel eher amüsant.

Jim war eigentlich ein ganz netter Kerl. Manchmal saßen er und Peter am selben Tisch in der Fakultätsmensa. Die Shandys hätten Jim gelegentlich gern zu einer Tasse Kaffee eingeladen, doch da dies bedeutete, daß sie Mirelle anstandshalber mit einladen mußten, erschienen ihnen zufällige Begegnungen auf neutralem Boden weit weniger riskant. An diesem Abend wünschte Peter seinem Nachbarn ein fröhliches Logentreffen und akzeptierte Jane Austens Vorschlag, noch einen kleinen Spaziergang um den Crescent zu machen.

Mit Jane herumzuschlendern bedeutete meistens, daß ihr menschlicher Begleiter geduldig warten mußte, bis sie ihre Krallen an einem geeigneten Baumstamm geschärft hatte oder einem Eichhörnchen, das genau so groß war wie sie, nachgejagt war, um es daran zu erinnern, welcher kleine, graupelzige Vierbeiner hier das Sagen hatte. Doch alles in allem war Jane keine Draufgängerin, sondern ein liebenswürdiges kleines Bündel, das kleine Freundlichkeiten wie zärtliche Streicheleinheiten oder Komplimente wegen ihrer hübschen Schnurrhaare durchaus schätzte, sich jedoch stets so schnell wie möglich auf ihren Lieblingsplatz in Peters Armbeuge zurückzog, wenn ein Nachbar Anstalten machte, sie hoch zu nehmen.

Als sie am Haus der Porbles vorbeigingen, konstatierte Phil Porble, seines Zeichens College-Bibliothekar und Helens nomineller Vorgesetzter, daß Peter und Jane ihn an Samuel Johnson und dessen Kater Old Hodge erinnerten, die immer gemeinsam losgezogen waren, um Austern zu kaufen. Peter erwiderte, daß Austern damals sicher verdammt viel preiswerter gewesen seien als heute. Jane behielt ihre Gedanken zu diesem Thema nach üblicher Katzenmanier für sich.

An diesem Abend lag schon mehr als nur ein Hauch von Herbst in der Luft. Hier in Balaclava County hatten die Blätter bereits begonnen, sich zu verfärben. Die Studenten waren damit beschäftigt, ihr Gepäck in die Schlafsäle zu tragen. Morgen früh würden sie sich für die verschiedenen Kurse einschreiben. Peter und seine Kollegen würden noch in allerletzter Minute Änderungen an ihren Lehrplänen vornehmen und den neuen Tutoren letzte aufmunternde Ratschläge geben, wie sie es anstellen mußten, eine Horde Erstsemester so lange wach zu halten, daß sie einem ihre volle und ungeteilte Aufmerksamkeit schenkten.

Jane hatte genug vom Spazierengehen. Als sie und Peter das Haus der Enderbles auf der gegenüberliegenden Seite des Crescent erreichten, war sie bereits an Peters Hosenbein hochgeklettert und hatte es sich auf seinem Arm bequem gemacht. Dabei gähnte sie ungeniert, wie kleine Katzendamen es zu tun pflegen, ohne sich die Mühe zu machen, dabei ihr kleines rosiges Mäulchen zu bedecken. Janes Gähnen schien ansteckend zu sein, denn John Enderble, Professor emeritus für die hiesige Fauna, folgte ihrem Beispiel.

»Solltest du nicht lieber ins Haus gehen?« fragte seine stets besorgte Frau Mary, einer der wenigen Menschen, denen Jane erlaubte, sie auf den Arm zu nehmen. »Du weißt, daß du morgen die Sendung der Ameses über den Kohlweißling moderieren mußt.«

»Vorausgesetzt, wir finden einen Schmetterling, meine Liebe. Und einen Kohl.«

»Also wirklich, John! Was du immer redest! Sagen Sie ihm, daß er ins Bett gehen soll, Peter.«

Peter tat ihr den Gefallen. »Gehen Sie ins Bett, John. Immerhin sind Sie ein berühmter Fernsehstar. Denken Sie an Ihre Fans.«

Peter machte übrigens keine Witze, Professor emeritus John Enderble war in der Tat recht prominent. Bereits wohlbekannt aufgrund seiner Bücher »Unsere Freunde, die Reptilien«, »Das Leben der Säugetiere in Höhlenbauten«, »Das unverstandene Nagetier«, und diverser anderer sowohl informativer als auch unterhaltsamer Bücher erreichte und faszinierte John inzwischen durch den Sender WEED ein völlig neues Publikum. Das Balaclava Agricultural College besaß nämlich einen eigenen öffentlichen Sender, der sich ausschließlich mit ökologischen Themen beschäftigte und von Professor Winifred Binks-Debenham geleitet wurde. Sie hatte das immense Vermögen ihres verstorbenen Großvaters geerbt und kannte sich mit erdbewohnenden Säugetieren noch besser aus als Professor Enderble, da sie selbst mehrere Jahre lang in einer Erdhöhle gelebt hatte.* [* »Wenn der Wetterhahn kräht«, DuMonts Kriminalbibliothek Bd. 1063]

John war zwar nicht abgeneigt, noch ein paar Höflichkeiten auszutauschen, doch Jane hatte Marys telepatische Nachricht empfangen und unterbrach das Treffen abrupt, indem sie von Peters Arm heruntersprang und heimwärts rannte. Hinter einem Tuff Purpurglöckchen in einer neuen Farbschattierung, mit der Peter gerade experimentierte, legte sie eine kurze Pause ein, hielt sich jedoch streng an die Sauberkeitsregeln, die sie als Katzenbaby in der Sandkiste der Enderbles gelernt hatte, und war danach willens, sich zum Schlafen zurückzuziehen.

Ganz im Gegensatz zu ihrem Herrchen. Peter konnte nicht widerstehen, das kleine Kämmerchen aufzusuchen, das er als sein Arbeitszimmer bezeichnete, und dort noch letzte Hand an seine Notizen zu legen. Dabei wußte er genau, daß er alles vergaß, sobald er zur ersten Vorlesung antrat, und schlicht und ergreifend wieder genau das sagte, was sie wissen mußten. Und wie immer würde man ihm gebannt zuhören. Professor Shandys Kurse waren schwierig, er ließ häufig Klausuren schreiben und zensierte härter als ein neuenglischer Granitblock, doch seine Studenten ließen sich keine einzige Stunde entgehen.

Kurze Zeit später kam Helen aus ihrem Arbeitszimmer nach unten und stattete ihm einen Besuch ab, was gar nicht so einfach war, denn die Zimmer in dem alten Backsteinhaus waren ausgesprochen klein. Doch die Shandys waren schließlich keine Riesen und mochten das Haus, wie es war. Helen schlug vor, vor dem Zubettgehen eine Tasse Kamillentee zu trinken, doch Peter hatte einen besseren Vorschlag.

Vor einigen Tagen hatte Winifred Binks-Debenham ihnen einen Krug mit einem Bio-Getränk geschenkt, das sie höchstpersönlich aus Holunderbeeren, Kartoffelschalen und allerlei anderen merkwürdigen Zutaten kreiert hatte. Alte Gewohnheiten wurde man bekanntlich nur schwer los. Winifred hatte es nicht über sich gebracht, ihre primitive und höchst illegale Distillerie auszurangieren. Sie hatte die Vorrichtung aus einem alten Kessel und einem rostigen Blechtrichter konstruiert, den sie während ihres Hobbit-Daseins in einem ausgebrannten Kellerloch gefunden hatte. Winifreds Kreationen fielen immer anders aus, schmeckten jedoch stets ausgezeichnet. Diesmal glaubte Peter einen Hauch von Holunderbeeren zu identifizieren, Helen erkannte eine Spur von Wildkirsche, und den Löwenzahn schmeckten sie beide. Es war genau das richtige Getränk nach einem hektischen Tag.

Nachdem sie hinter geschlossenem Vorhang ihre üblichen Rituale durchgeführt hatten, wobei ihnen herzlich egal war, ob Mirelle Feldster draußen auf der Lauer lag oder nicht, gaben sich Helen und Peter endlich der ehelichen Ruhe hin.

Jane wanderte ein paar Mal über die friedlich ruhenden Körper, fand schließlich ein bequemes Plätzchen in Helens Kniebeuge, putzte sich etwa eine Minute lang hektisch den Hinterlauf, schnurrte ihren Menschen ein kleines Schlaflied, entspannte sich und entschwand schließlich ins Land der Träume, in dem brave Katzen auf Mäusejagd gehen.

Shandys und Katze schlummerten ruhig und friedlich, bis der Nachttischwecker zwei Uhr siebenundvierzig anzeigte und draußen die Hölle losbrach. Peter schoß hoch wie eine erschrockene Waldschnepfe und kämpfte verzweifelt mit seinem Morgenmantel. Helen knipste ihre Leselampe an und machte ihren Gatten sanft darauf aufmerksam, daß es vielleicht einfacher wären, wenn er den Bademantel richtig herumdrehen würde. Da ihm dies einleuchtete, folgte er ihrem Rat, versuchte es erneut und hatte Erfolg.

»Alles klar. Ich schaue am besten mal nach, was zum Teufel da los ist. Hört sich an wie Mirelle Feldster, findest du nicht? Warum zum Henker kreischt die Frau denn so?«

»Wer weiß? Gehst du schon nach unten, Peter? Ich komme gleich nach.«

Helen hatte wenig Lust, Mirelle Feldster ausgerechnet in einem rosa Chiffonnachthemd entgegenzutreten. Während das Geheul ihrer Nachbarin und das Trommeln gegen die Haustür immer heftiger wurden, fuhr sie sich mit dem Kamm durch ihre kurzen blonden Locken, legte ein wenig Lipgloss auf und schlüpfte in das leicht gewagte Negligé, das Peter ihr aus irgendwelchen Gründen geschenkt hatte. Warum sollte sie Mirelle nicht die Gelegenheit geben, ihren Bridgefreunden pikante Details über die unanständige Unterwäsche einer unzüchtigen Universitätsbibliothekarin zu verklickern.

Doch merkwürdigerweise schien Mirelle Helen nicht einmal zu bemerken. Sie war voll und ganz mit Kreischen beschäftigt. Unter beträchtlichem Einsatz seiner Stimme gelang es Peter schließlich, ihr die eigentliche Kerninformation zu entlocken. Anscheinend war Jim immer noch nicht von seinem Logentreffen heimgekehrt. Mirelle hatte gehofft, er habe vielleicht auf dem Nachhauseweg bei den Shandys vorbeigeschaut.

Was für ein schwachsinniges Geschwafel! Normalerweise neigte Peter Shandy wirklich nicht dazu, zu nachtschlafener Zeit mit einer Nachbarin um die Wette zu brüllen. Aber heute nacht wünschte er Mirelle mitsamt ihrer gemeinen Anspielungen, ihrer rechthaberischen Art, ihrer Aufdringlichkeit, ständigen Herumschnüffelei, Neugier und Verlogenheit zum Teufel und gab ihr dies ziemlich deutlich zu verstehen.

»Natürlich ist Jim nicht hier! Gottverdammich, Mirelle, mußt du denn unbedingt den ganzen Crescent aufwecken? Was sollen die Nachbarn sagen?«

Die Frage erübrigte sich. Peter wußte verdammt gut, was die Nachbarn sagten, und konnte es ihnen nicht verdenken. Mirelle Feldsters dramatische Ausbrüche waren nichts Neues, aber soweit er sich erinnern konnte, hatte sie sich noch nie derart hysterisch gebärdet. Vielleicht hatte sie dazu bisher auch nie Grund gehabt. Soweit Peter wußte, war Jim noch nie so lange weggeblieben. Peter seufzte, zügelte seine Wut und übernahm zähneknirschend die Rolle, die er vor vielen Jahren übernommen hatte, als man ihn zum Sherlock Holmes von Balaclava gekürt hatte.

»Wann genau bist du nach Hause gekommen, Mirelle?«

Sie hatte sich inzwischen ein wenig besser unter Kontrolle und benahm sich wie ein schmollendes Kind. »Viertel vor elf. Eigentlich wollten wir noch weiterspielen, aber Coralee mußte natürlich mal wieder nach Hause zu ihrem Anrufbeantworter. Du weißt ja, wie Coralee ist.«

Peter kannte Coralee Melchett und bedauerte dies von ganzem Herzen. Sie war die Gattin des einzigen Arztes in der Stadt, der gleichzeitig auch College-Arzt war, hauptsächlich weil sein Vater und Großvater diese Position vor ihm bekleidet hatten. Zudem hatte ihr Vater eine kleine, aber hervorragende Kette von Fachgeschäften für Damenmode in der Gegend ins Leben gerufen, so daß Coralee es für ihre moralische Pflicht hielt, sich standesgemäß zu kleiden und verächtlich auf ihre Nachbarn herabzublicken, mit Ausnahme einiger weniger Auserwählter, allen voran Mirelle Feldster. Peter zeigte sich unbeeindruckt.

»Dann hast du also bis jetzt unten gesessen und auf Jim gewartet?«

Er hatte anscheinend ihren wunden Punkt erwischt. »Warum sollte ich das? Jim wartet auch nie auf mich. Was natürlich nicht bedeuten soll, daß ich ständig auf Achse bin. Du weißt ja selbst, daß das nicht stimmt. Der Mensch muß ja schließlich ab und zu mal vor die Tür, oder?«

»Das tut nichts zur Sache. Meinst du nicht, wir sollten uns endlich wie vernünftige Menschen unterhalten? Ich habe Jim gegen sieben an unserem Haus vorbeigehen sehen. Er ist kurz stehen geblieben, um mich zu grüßen und die Katze zu streicheln, und dann weitergegangen. Ich dachte, er wäre auf dem Weg zu Charlie Ross, um seinen Wagen abzuholen. Aber da habe ich mich offensichtlich geirrt. Du warst zu diesem Zeitpunkt schon mit dem Wagen zu deinem Bridgeabend gefahren, nicht wahr?«

»Der Wagen gehört mir genausogut wie ihm. Ich habe ja wohl das Recht, alle Jubeljahre auch mal damit zu fahren, oder?«

Da es auf dem Crescent weithin bekannt war, daß Mirelle sehr viel mehr Zeit im Auto verbrachte als in ihrem Haus, schenkte sich Peter die Antwort. »Dann hatte Jim wohl vor, sich von einem seiner Logenbrüder mitnehmen zu lassen«, meinte er. »Weißt du zufällig, zu welcher Gruppe er gestern abend gegangen ist?«

»Ich habe völlig den Überblick verloren, was diese albernen Treffen angeht.« Mirelle dachte einen Moment lang mit düsterer Miene nach und kam dann zu dem Schluß, daß es höchstwahrscheinlich die Feuerflitzer gewesen waren. »Sie treffen sich normalerweise im Spritzenhaus in Lumpkinton. Warum Jim sich bei dem weiten Weg überhaupt die Mühe macht, kann ich mir ohnehin nicht erklären. Sie könnten sich doch genausogut hier im Spritzenhaus von Balaclava Junction treffen.«

»Nur ist es dort so eng, daß das Löschfahrzeug kaum hineinpaßt, ganz zu schweigen von einer größeren Versammlung. Außerdem wohnen außer Jim sämtliche Feuerflitzer in Lumpkinton, und das Spritzenhaus hat einen bequemen Saal und eine eigene Parkmöglichkeit für die alte Handpumpe, die sie zu besonderen Anlässen durch die Straßen ziehen, wie du sehr wohl weißt.«

Allmählich kam Peter in Fahrt. »Wenn du dir die Zeit genommen hättest, ruhig nachzudenken, Mirelle, wäre dir vielleicht eingefallen, daß Elver Butz, einer von Jims Logenbrüdern, seit einigen Wochen jeden Tag mit seinen Helfern hier auf dem Campus ist und die Elektroleitungen in den Schweineställen erneuert. Da du gestern das Auto für deinen Bridgeabend nehmen wolltest, hat Jim wahrscheinlich Elver gebeten, ihn mitzunehmen. Für die Hinfahrt wäre somit gesorgt gewesen, allerdings hätte ihn später noch jemand zurück nach Hause fahren müssen. Die logischste Erklärung wäre, daß Butz ihm angeboten hat, bei ihm zu übernachten und ihn morgen früh wieder herzubringen, wenn er mit seinen Männern zur Arbeit erscheint. Das wäre doch sehr vernünftig, oder nicht? Ich kann wirklich nicht verstehen, warum du dich dermaßen aufregst.«

Mirelle war nicht sehr beeindruckt. »Na toll, jetzt bin ich auch noch an allem schuld. Und warum hat Jim dann nicht angerufen und mir gesagt, daß es spät wird?«

»Vielleicht hat er es ja versucht, und du warst nur noch nicht zu Hause?«

»Dann hätte er doch wohl später noch mal anrufen können, oder?«

Peter war schon wieder im Begriff loszupoltern. »Jetzt hör mir mal zu, Mirelle, du hast mir doch eben selbst erzählt, daß du normalerweise nie aufbleibst und auf Jim wartest. Wahrscheinlich bist du nach Hause gekommen und sofort zu Bett gegangen, hast zwei oder drei Stunden fest geschlafen und bist dann aufgewacht, weil du auf der Bridgeparty zuviel Kaffee getrunken hast. Dann bist du aufgestanden und ins Bad gegangen, hast Jims Schnarchen nicht gehört« – auf dem Crescent wußte jeder, daß die Feldsters getrennte Schlafzimmer hatten, wie auch immer die Erklärung lauten mochte – »und bist aus allen Wolken gefallen, als du gesehen hast, daß Jim immer noch nicht da war.«

»Das ist ja wohl egal«, schmollte Mirelle. »Er hätte trotzdem anrufen müssen.«

»Warum hätte er das tun sollen? Er wußte doch, daß du den Abend mit deinen Bridgefreunden verbringen wolltest. Er wußte außerdem, daß es von Lumpkinton nach Balaclava Junction ein Ferngespräch ist, und wollte vielleicht die Telefonrechnung von Butz nicht unnötig in die Höhe treiben. Und ein R-Gespräch kam schließlich nicht in Frage, weil er verdammt genau wußte, daß du es aus Wut gar nicht erst annehmen würdest.«

»Dann soll ich jetzt also nach Hause gehen und den Rest der Nacht vor Angst kein Auge mehr zutun, oder was?«

»Es ist zwar schon drei Uhr morgens, aber vermutlich hast du noch genügend Zeit, um dich völlig verrückt zu machen, falls dir der Sinn danach steht. Aber genausogut kannst du dir auch eine Tasse Kamillentee machen und dich wie jeder andere vernünftige Mensch wieder ins Bett legen. Wenn du nicht schlafen kannst, liest du eben ein bißchen. Ich kann dich gern nach Hause bringen, aber ich fürchte, es würde dir nicht gefallen, wenn die Nachbarn uns mit nackten Beinen in unseren Bademänteln zusammen sähen, also werde ich hier vor der Tür stehen bleiben und aufpassen, daß die Kobolde dich nicht zu packen bekommen, bevor du sicher in dein Haus gelangt bist.«

»Wie überaus reizend von dir. Ich hätte mir eigentlich denken können, daß von dir keine Hilfe zu erwarten war, Peter Shandy.«

»Da hast du ausnahmsweise einmal völlig recht. Gute Nacht, Mirelle.«

Wenn es nicht ausgerechnet die nervtötende Mirelle Feldster gewesen wäre, hätte sich Peter zumindest die Zeit genommen, die Staatspolizei anzurufen, um sich zu erkundigen, ob es gestern abend auf der Straße von Balaclava nach Lumpkinton möglicherweise einen Unfall gegeben habe. Vielleicht hätte er sogar seinen Wagen bei Charlie geholt und wäre langsam mit angeschaltetem Fernlicht die Strecke abgefahren, die Elver Butz wohl genommen hatte, auch wenn es wahrscheinlich wenig genutzt hätte. Aber falls Jim Feldster tatsächlich in einen Unfall verwickelt gewesen war, hätte man sicher inzwischen versucht, seine Frau zu benachrichtigen.

Vielleicht hatte Mirelle die ganze Show nur aus purer Langeweile abgezogen. Vielleicht hatte sie mit dem Briefträger auf den Putz gehauen und wollte auf diese Weise davon ablenken. Vielleicht hatte sie Jim mit den Insignien der Feuerflitzer erwürgt oder ihn die Kellertreppe hinuntergestoßen, weil sie sein Geschepper nicht mehr ertragen konnte. Noch wahrscheinlicher war jedoch, daß Jim die Chance, ein paar Stunden länger von Mirelle weg zu sein, genutzt hatte, wie es jeder vernünftige Mann an seiner Stelle auch getan hätte.

Die Eingangstür der Feldsters wurde geöffnet und wieder verschlossen. Mirelle hatte das Außenlicht brennen lassen. Die Zwergohreule, die sich in der höchsten Blautanne häuslich eingerichtet hatte, machte eine abfällige Bemerkung über rücksichtslose Menschen, die mitten in der Nacht einfach ihr Nest verließen und anständige Eulen bei der Jagd störten. Helen hatte während der ganzen Zeit kein Wort gesagt und einfach nur bewegungslos dagestanden. Als sie sah, daß die Vorstellung zu Ende war, nahm sie Jane Austen auf den Arm, setzte sie vorsichtig auf ihre Schulter und ging voran in Richtung Bett.

Kapitel 2

»War das heute nacht nur ein Traum oder Wirklichkeit?« Helen Shandy griff nach der Kaffeekanne und schüttelte sie vorsichtig. »Wahrscheinlich reicht es gerade noch für eine Tasse. Möchtest du sie haben?«

»Wir teilen sie uns.« Peter hielt ihr seine Tasse hin. »Zur Beantwortung deiner ersten Frage kann ich nur sagen, daß ich bestimmt nicht geträumt habe. Falls ich Lust dazu gehabt hätte, wäre Mirelle Feldster sicher nicht darin vorgekommen. Die Frau ist schlimmer als die Beulenpest. Etwas freundlicher formuliert könnte man sie auch als verrücktes Huhn bezeichnen, aber das wäre eine Beleidigung für die armen Hühner, die immerhin sehr nützliche Tiere sind.«

»Außerdem sind sie hübsch«, fügte Helen hinzu. »Besonders als Küken, wenn sie herumrennen und Piep Piep rufen. Und was wäre Ostern ohne ihre Eier?«

»Gute Frage«, sagte Peter. »Was steht übrigens heute auf deinem Plan?«

»Mehr als genug. Glaubst du, wir sollten wegen Jim Feldster irgend etwas unternehmen?«

»Ihn freundlich grüßen, wenn er als müder Krieger heimkehrt, würde ich sagen.«

Helen schnaubte. »Sich wieder ins eheliche Schlachtgetümmel stürzt, meinst du wohl. Ich bin froh, daß ich mich den ganzen Morgen im Bugginsraum verbarrikadieren kann und nicht zwischen die Fronten gerate. Hast du Lust, mich gegen Mittag zu entführen und zur Mensa zu eskortieren?«

»Aber mit Vergnügen, meine Süße! Keine zehn Pferde werden mich davon abhalten, gegen Mittag bei dir zu sein. Nicht viele Akademiker haben das Glück, eine bildhübsche Blondine ausführen zu können, die Piep Piep ruft. Grundgütiger, ist es wirklich schon so spät? Ich sollte mich lieber auf die Socken machen und ins Gewächshaus eilen, bevor sich meine Strauchbohnen an der schwarzäugigen Susanne vergreifen. Au revoir, bis bald, holde Gattin.«

Peter hatte bis zu seiner Verabredung mit Helen so viel zu tun, daß er keine Zeit hatte, sich weiter mit Jim Feldsters merkwürdigem Verschwinden zu beschäftigen. Helen dagegen nutzte die Zeit, um sich über alles bestens zu informieren. Bibliothekarinnen sind immer auf dem laufenden, selbst wenn sie den ganzen Morgen eingepfercht zwischen sechs Generationen der Familie Buggins verbringen müssen. Ihre morgendlichen Recherchen ergaben, daß Professor Feldster immer noch nicht in den Kuhställen aufgetaucht war und im Bereich Nutztierhaltung allmählich das große Chaos ausbrach. Wenn man dem letzten welterschütternden Gerücht Glauben schenken durfte, hatte der große Professor Daniel Stott, Sultan der Schweine und Beherrscher der Bullen, sogar beschlossen, höchstpersönlich Jims Veranstaltungen zu übernehmen, falls sich herausstellen sollte, daß tatsächlich eine Katastrophe stattgefunden hatte und kein geeigneter Ersatz gefunden werden konnte.

Professor Stott hatte sich sogar bereit erklärt, Mrs.Feldster anzurufen. Doch seine Freundlichkeit wurde mit einem verbalen Vulkanausbruch belohnt, in dessen Verlauf die Angerufene im Affentempo wie eine wildgewordene Springbohne von einer Emotion zur anderen hüpfte und sich von der wütenden Furie in die weinende Witwe und wieder zurück verwandelte. Da übermäßige Schnelligkeit nicht zu Professor Stotts besonderen Stärken gehörte, verlor er völlig den Faden und entschuldigte sich schließlich mit der plausiblen Erklärung, er werde dringend von den College-Kühen gebraucht und dürfe sie nicht warten lassen.

Helen hielt die Behauptung für übertrieben, daß jeder am College Professor Feldster schmerzlich vermissen würde, falls ihm wirklich etwas zugestoßen war. Sie konnte sich durchaus vorstellen, daß der eine oder andere Kollege ihm übel wollte. Die bloße Tatsache, daß Feldster, der normalerweise die Zuverlässigkeit in Person war, plötzlich ohne einsichtigen Grund fehlte, sorgte schon dafür, daß in der Fakultätsmensa die wildesten Spekulationen angestellt wurden. Und längst nicht alle Äußerungen waren von der Milch der frommen Denkungsart durchtränkt. Weder Peter noch Helen hielten viel von den Spötteleien über den scheppernden Kuhhirten, daher aßen sie schweigend ihr Mittagessen und hielten sich aus den ungezügelten Mutmaßungen heraus.

Strenggenommen stand der Speisesaal nur Fakultätsmitgliedern offen, doch jeder, der irgend etwas mit dem College zu tun hatte und sich zufällig gerade auf dem Campus befand, wurde gastfreundlich aufgenommen. Heute gehörte Elver Butz zu diesem Personenkreis, stellte Peter fest.

Elver war ein ruhiger, zurückhaltender Mann, der nur sprach, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Das bedeutete nicht, daß Elver nicht gern in Gesellschaft war, es lag eher daran, daß er nicht das Geringste zu sagen hatte, sofern es sich nicht um die tieferen Geheimnisse und Feinheiten des Verlegens von Elektroleitungen handelte. Leider wurde seine Begeisterung für Schalter und Regulierwiderstände nicht von allen Menschen geteilt. Selbst seinen Assistenten wurde es gelegentlich zu viel. Heute saß Elver allein am Tisch. Wahrscheinlich hatten seine Männer Lunchpakete dabei oder waren auf die glorreiche Idee gekommen, sich am Hot-Dog-Stand ein Würstchen zu holen.

Helen überraschte dies nicht. Sie teilte Peter im Flüsterton mit, daß Elver seine Helfer immer schon nach kurzer Zeit wieder verlor, weil sie sein Schweigen einfach nicht ertrugen. Peter hob eine Augenbraue und bat um die Rechnung. Helen stellte fest, daß Elver fertig gegessen hatte und seine Zähne mit einem Zahnstocher traktierte. Anscheinend sann er darüber nach, ob er seinen letzten Kaffee austrinken sollte oder nicht. Die Shandys verließen den Speisesaal, trödelten ein wenig unter einem Ahorn herum, der ihnen sehr gelegen kam, zeigten einander die rötesten Blätter und warteten, bis Elver dahergeschlendert kam. Er kaute immer noch nachdenklich an seinem Zahnstocher.

Elver war ein kräftiger Mann mit hellem Teint und blauen Augen. Wahrscheinlich war sein inzwischen ergrautes Haar ursprünglich blond gewesen. Er hatte vor einiger Zeit verschiedene Arbeiten im Haus der Shandys erledigt und hatte anscheinend nichts dagegen, von einem Ehepaar gegrüßt zu werden, das seine Rechnungen pünktlich beglich und ihn nicht zu langen Gespräche zwang. Er schien sich sogar ein wenig zu freuen, daß sie ihn überhaupt bemerkten. Peter grüßte angemessen freundlich, bedauerte innerlich, keinen Handschlag mit Geheimzeichen anbringen zu können, und kam sehr schnell auf den Punkt.

»Das war ja wirklich komisch mit Ihnen und und Jim Feldster gestern abend. Komisch natürlich nicht im üblichen Sinn. Ich war zufällig mit unserer Katze draußen – Sie erinnern sich sicher an Jane – als Jim mit den Insignien der Feuerflitzer vorbeikam. Er schien nicht in Eile zu sein und blieb stehen, um Jane zu streicheln. Daraus schloß ich, daß er wahrscheinlich mit Ihnen verabredet war und Sie ihn mit dem Wagen nach Lumpkinton mitnehmen wollten.«

Elver dachte einen Moment nach und rang sich schließlich eine Antwort ab. »Exakt.«

»Sie wohnen doch in Lumpkinton, nicht? In der Nähe der alten Seifenfabrik, wenn ich mich recht erinnere.«

»Exakt.«

»Dann haben Sie ihn also freundlicherweise zu dem Logentreffen mitgenommen und ihm danach angeboten, die Nacht bei Ihnen zu verbringen, weil er keine Transportmöglichkeit nach Hause hatte?«

»Nöh.«

»Eh – gab es dazu einen besonderen Grund?«

»Exakt.«

»Meine Frau und ich sind sozusagen seine nächsten Nachbarn, wären Sie vielleicht bereit, uns den Grund zu nennen?«

»War nicht da.«

»Meinen Sie damit, daß er nicht zu dem Treffen gekommen ist?«

»Exakt.« Ganz gegen seine Gewohnheit wurde Elver gesprächig. »Ich war auf dem Weg zum Spritzenhaus und hatte schon die Fenster runtergekurbelt, um Jim mit unserer Losung und unserem geheimen Händedruck zu begrüßen, wissen Sie.«

»Sind Sie schnell gefahren?«

»Nöh, ganz langsam. Ich habe versucht, mich zu erinnern, welche Hand wir uns insgeheim geben. Dann habe ich Jim gesehen. Er ging ziemlich schnell und war gar nicht mehr so weit vom Spritzenhaus weg. Da kreuzte plötzlich ein großer grauer Lincoln auf, wirklich ein schöner Wagen, komplett elektronisch.« Seine normalerweise glanzlosen blauen Augen schienen plötzlich zu sprühen und spiegelten die tiefe Bewunderung eines wahren Kenners komplexer Kabelverbindungen wider. »Den Fahrer konnte man nicht sehen, aber er hat auf der Beifahrerseite das Fenster runtergelassen. Jim hat den Kopf reingesteckt, und dann hab ich nur noch gesehen, wie die Tür aufging und Jim einstieg. Da hab ich mir gedacht, daß Jim jetzt wohl keine Mitfahrgelegenheit mehr braucht und bin allein weitergefahren.«

»Haben Sie gesehen, ob Jim eine Losung gegeben hat oder etwas in der Art?«

»Nöh. Hat einfach nur die Tür zugeschlagen und weg war er.«

»Und zu dem Treffen ist er nicht gekommen?«

»Nöh.«

»Das klingt aber gar nicht nach Jim Feldster.«

»Exakt.«

»Hat Mirelle sich mit Ihnen dieserhalb in Verbindung gesetzt?«

Elver Butz dachte einen Moment lang nach. »Nöh. Sie ist wirklich eine nette Frau. Jim sollte ihr keinen Kummer machen.«

Helen und Peter starrten sich an. »Nette Frau? Mirelle Feldster?«

»Exakt. Und hübsch dazu.« Elver Butzs Augen strahlten noch mehr. »Ich habe voriges Frühjahr für sie gearbeitet. Sie war sehr nett zu mir.«

Der Glanz in Elvers Augen erlosch wieder, als er zwei Männer bemerkte, bei denen es sich anscheinend um seine momentanen Assistenten handelte. Er gab eine Art Grunzlaut von sich und entfernte sich, um mit ihnen zur Ferkelscheune der Schweinezuchtstation zu gehen. Der eine Mann war groß und blond wie Elver, der andere kleiner und dunkelhaarig. Elver sprach mit keinem von beiden, soweit die Shandys sehen konnten, und sie richteten auch das Wort nicht an ihn.

»Tja, das war tatsächlich das erste Kompliment für Mirelle Feldster, das ich je gehört habe. Besonders hilfreich war es allerdings nicht.« Helen starrte den drei Elektrikern nach, als trügen sie die Schuld an Jim Feldsters mysteriösen Verschwinden. »Wen könnte Jim kennen, der so einen großen ausgefallenen Wagen hat? Hast du vor, Mirelle davon zu erzählen?«

Peter schüttelte den Kopf. »Ich habe noch eine Stunde Zeit bis zu meinem nächsten Seminar. Am besten gehe ich als erstes zur Polizeistation und unterhalte mich kurz mit Fred Ottermole.«

»Was versprichst du dir davon? Außer einem netten Besuch bei Edmund und Fred, natürlich.«

»Man kann nie wissen. Fred hat ein gutes Auge für ausgefallene Wagen, und so viele graue Lincoln Towncars gibt es hier in der Gegend schließlich auch nicht.«

»Dann überlasse ich dich deinem Schicksal. Bis später, Schatz. Laß dich nicht von Fred in die Zelle sperren.«

Anfangs hatten Professor Shandy und Chief Ottermole einander nicht sonderlich gemocht. Peter hatte den Polizeichef für einen übereifrigen jungen Esel gehalten und Fred den Professor für eine Nervensäge erster Güte. Doch im Laufe der Zeit waren sie ganz allmählich Freunde geworden und hatten ein Band zwischen Stadt und College geknüpft, das sich bisher in Notzeiten als erstaunlich stabil erwiesen hatte.

Peter hatte Fred bei mehreren Stadtratsversammlungen den Rücken gestärkt, wenn es um die vieldiskutierte Frage ging, ob der einzige Streifenwagen der Stadt nicht endlich durch ein Fahrzeug ersetzt werden könne, das nicht nur durch Draht und positives Denken zusammengehalten wurde. Bisher hatten Fred und Peter leider immer verloren. Vor zwei Monaten hatte die alte Klapperkiste schließlich dem Faß die Krone aufgesetzt, indem sie ausgerechnet an der Kreuzung Main Street und Buggins Row ihren Geist aufgab und sich in ihre rostigen Bestandteile auflöste.

Der dadurch ausgelöste Stau war immer noch ein heiß diskutiertes Gesprächsthema an den Abendbrottischen von Balaclava Junction. Der rasende Reporter vom All-woechentlichen Gemeinde- und Sprengel-Anzeyger für Balaclava verfaßte seitdem unermüdlich Artikel, in denen er Chief Ottermoles Arbeit in den höchsten Tönen lobte. Die sturen Neinsager dagegen, die dem Polizeichef schnöde ihre Hilfe versagten, bedachte er mit bitteren Vorwürfen und forderte sie auf, dem armen Mann endlich das durchaus erschwingliche und dringend notwendige Gefährt zu finanzieren. Leider ohne viel Erfolg. Bisher hatte es zwar eine Menge Gerede gegeben, doch die Stadtväter hatten noch keinen einzigen Cent lockergemacht. In der Hoffnung, sie zu beschämen und auf diese Weise zur Aufgabe ihrer ablehnenden Haltung zu zwingen, war Fred Ottermole in der letzten Zeit dazu übergegangen, seine Runden auf dem Rad seines ältesten Sohnes zu drehen.

Die Ein-Mann-Kampagne hatte gemischte Reaktionen hervorgerufen. Einige Bürger standen dem Problem ihres Polizeichefs wohlwollend gegenüber, andere empfanden nur noch Verachtung für einen Mann, der sich derart lächerlich machte. Eine dritte Fraktion hielt das Fahrrad für eine geniale Idee und fragte sich, wozu ein Provinznest wie Balaclava Junction überhaupt einen Streifenwagen brauchte. Freds hübsche Frau, Edna Mae, war geteilter Meinung, was das Fahrrad betraf. Einerseits fand sie es ein klein wenig demütigend, daß ein gestandener Mann auf einem Kinderfahrrad herumstrampelte. Andererseits mußte sie zugeben, daß die sportliche Betätigung sich auf die Taille ihres Mannes ziemlich vorteilhaft auswirkte.

Peter Shandy mochte und respektierte Mrs.Ottermole. Als er sich der Polizeistation näherte und sie ihm mit einem leeren Lunchkorb am Arm entgegenkam, blieb er stehen. Er bedauerte nur, daß er keinen Hut trug, an dessen Krempe er tippen konnte. »Guten Tag, Edna Mae. Was gibt’s Neues an der Fahrradfront?«

Edna Maes Lachen wirkte resigniert. »Ich sollte mich wohl besser nicht in die Stadtpolitik einmischen, aber ich finde es ziemlich erbärmlich, daß man Fred nicht wenigstens einen halbwegs fahrbaren Untersatz zugesteht. Was ist, wenn er nun jemanden verhaften und ins Gefängnis bringen muß? Soll er etwa ein Taxi rufen? Oder den Festgenommenen auf den Gepäckträger schnallen? Können Sie mir das verraten?«

»Das ist sicher ein wichtiger Punkt«, meinte Peter. »Aber wie ich Ihren Gatten kenne, wird ihm sicher etwas einfallen. Ich bin überzeugt, daß er eine Festnahme auch unter diesen ungewöhnlichen Umständen mit Würde und Anstand meistern wird. Ist Fred noch in seinem Büro?«

»Ja. Ich habe ihm gesagt, daß ich es für ausgesprochen unvernünftig halte, sich mit vollem Magen aufs Rad zu schwingen. Meinen Sie nicht auch, er sollte wenigstens warten, bis sich sein Mittagessen ein wenig gesetzt hat, Professor?«

»Da kann ich Ihnen nur recht geben. Hat Fred übrigens Ihnen gegenüber eine graue Limousine erwähnt, in die Professor Feldster in der Nähe des Spritzenhauses eingestiegen sein soll?«

»Ach, Sie wissen es noch nicht? Ich dachte, inzwischen hätte es jeder hier im Ort gehört. Es muß gestern abend so um die Abendbrotzeit passiert sein. Budge Dorkin hatte Dienst, damit Fred nach Hause konnte, um mit uns gemeinsam zu Abend zu essen. Budge hatte sozusagen einen Logenplatz. Er sagt, es sei ein grauer Lincoln gewesen, nicht neu, aber trotzdem ziemlich eindrucksvoll. Budge ist aufgefallen, daß die Scheiben dunkel getönt waren. Und zwar so dunkel, daß man von außen nichts erkennen konnte. Aber von innen sieht man alles, sagt Budge.«

»Hat Budge sich das Kennzeichen aufgeschrieben?«

»Dazu hatte er keine Zeit. Es ging alles ganz schnell. Professor Feldster kam vorbei, der Lincoln hielt an, jemand riß ihn ins Innere des Wagens, schlug die Tür zu, und schon brauste der Wagen davon. Budge nahm an, es sei einer der Logenbrüder des Professors gewesen, der für Halloween übte. Die denken sich jedes Jahr irgendwelche dummen Scherze aus, wissen Sie.«

»Das war alles? Oder wäre alles gewesen, wenn Jim Feldster heute morgen wie üblich bei den Ställen erschienen wäre. Hier ist aber auch immer was los, nicht wahr? Dann mache ich mich wohl besser auf den Weg und bestelle Fred, daß er es mit dem Fahrradfahren nicht übertreiben soll. War schön, daß wir uns getroffen haben, Edna Mae.«

Eine vorbildliche Frau und Mutter, doch ein fremdes Nummernschild wäre ihr sicher nicht aufgefallen. Peter hoffte, daß Budge Dorkin, ein recht intelligenter junger Bursche, wenigstens einen kurzen Blick auf den Fahrer des ominösen Lincoln erhascht hatte.

Im Grunde wußte Peter gar nicht, was er hier überhaupt wollte. Eigentlich müßte er in seinem Zimmer im College sein und sich auf sein Seminar um zwei Uhr vorbereiten, doch irgendwie ging ihm Jim Feldster nicht aus dem Kopf. Er bedauerte fast, daß er letzte Nacht so ruppig mit Mirelle Feldster umgegangen war, doch er hatte keine Lust, heute wieder mit ihr konfrontiert zu werden. Vielleicht brachte ein kleiner Plausch mit Ottermole mehr Licht in die Sache. Oder auch nicht. Aber da er nun schon mal hier war, sollte er sein Glück auch versuchen.

Er schaute auf seine Armbanduhr und legte noch einen Schritt zu. Die Polizeistation bestand aus einem kleinen Raum mit einem unberechenbaren hölzernen Drehstuhl und einem abgenutzten Schreibtisch, auf dem ein Drahtkorb für eingegangene Post stand. Edmund, der selbsternannte Polizeikater, lag mit Vorliebe auf den wenigen Briefen, die täglich eintrudelten, und sann darüber nach, wo Chief Ottermole wohl diesmal die Doughnuts versteckt hatte. Wenn man ihn während seiner Meditationen störte, konnte er äußerst ungehalten werden und aus lauter Unmut sogar seine Krallen ausfahren, doch niemals gegenüber dem Polizeichef oder distinguierten Besuchern wie Peter Shandy. Hinter dem Büro befand sich das Gefängnis, eine winzige Zelle, die etwa zwei Drittel des Zimmers einnahm und trotzdem kaum mehr als ein Kabuff war. Ansonsten gab es nur eine lächerlich kleine Toilette und eine Ecke neben der Tür, die fast gänzlich mit einem wackeligen Tisch zugestellt war, auf dem eine Kaffeemaschine und einige mit braunen Flecken verzierte Tassen standen.

Fred hatte vor kurzem sämtliche Wände in einem lebhaften Blauton gestrichen. Die Farbe hatte er preiswert in einem Baumarkt gekauft, weil er den Schmutz und die düstere Atmosphäre einfach nicht länger ertragen konnte. Er hatte die Farbe selbst bezahlt und die ganze Arbeit allein erledigt, trotzdem hatten einige Bürger ihm vorgeworfen, er würde teure Farbe an Trunkenbolde und Verbrecher verschwenden. Einige von ihnen waren der Meinung, daß man Polizisten nicht besser behandeln sollte als ihre Gefangenen, sie hätten nun mal kein Anrecht auf ein glückliches Leben und damit basta. Es erübrigte sich zu sagen, daß genau diese Leute am lautesten protestierten, wenn es um das Streifenwagenproblem ging, und als erste ein Riesentrara veranstalteten, wenn sie selbst die Hilfe der Polizei benötigten oder dies zumindest glaubten.

Fred Ottermole befolgte offensichtlich Edna Maes Rat, das Essen ein bißchen sinken zu lassen, wenn auch nicht ganz so, wie Edna Mae es sich vorgestellt hatte. Das Fahrrad seines Sohnes lehnte hinter seinem Schreibtisch an der Wand, wo es gute Aussichten hatte, nicht geklaut zu werden. Ottermole und Edmund teilten sich gerade ein riesengroßes Stück Schokoladentorte. Edna Mae hätte sicher einen Anfall bekommen, wenn sie ihren Gatten dabei erwischt hätte, wie er selbst den Schokoladenteil aß und Edmund mit der Sahne fütterte. Der imposante Kater nickte Professor Shandy kurz zu und fuhr fort, sich die Sahne von den Schnurrhaaren zu lecken.

»Meine Güte, Ottermole«, wies Peter ihn zurecht. »Fällt Ihnen nichts Besseres ein, als dem Tier dieses Zeug zu geben?«

Der Polizeichef von Balaclava zuckte mit den Achseln. »Ach, zum Teufel, wir haben schließlich nur neun Leben. Richtig, Edmund? Was verschafft mir denn die Ehre, von einem berühmten Mitglied der Fakultät besucht zu werden, Professor? Ich dachte, Sie müßten heute arbeiten?«

»Dachte ich auch. Falls Sie es genau wissen wollen: Ich weiß selbst nicht genau, warum ich hier bin. Sie kennen doch Professor Feldster, oder?«

»Klar. Der lange Lulatsch, der Milchwirtschaft unterrichtet, nicht? Als ich noch klein war, haben wir ihn immer den Milchmann genannt, weil er jeden Abend ein Kännchen Milch mit nach Hause nahm. Meine Kinder nennen ihn immer noch so. Was ist denn mit Professor Feldster?«

»Ich hatte gehofft, Sie könnten mir das sagen.« Während Fred und sein vierbeiniger Freund die letzten Reste ihres süßen Snacks verputzten, versuchte Peter den Grund seines Kommens zu erklären. »Gestern abend stand ich zufällig draußen vor dem Haus und unterhielt mich ein wenig mit Edmunds Freundin Jane, als Jim Feldster scheppernd wie üblich sein Haus verließ und stehenblieb, um guten Abend zu sagen. Ich nahm an, er wäre auf dem Weg zu einem seiner Treffen. Er gehört jeder Loge in diesem Land an, die keine Frauen aufnimmt.«

Der Polizeichef schnaubte. »Kann man ihm wohl kaum verübeln, oder? Seine Frau kreuzt hier mindestens sechs Mal die Woche auf und macht einen Riesenaufstand wegen irgendeiner lächerlichen Kleinigkeit. Kein Wunder, daß er es zu Hause nicht aushält. Er macht, glaube ich, auch bei den Feuerflitzern mit, das sind die Jungs, die am 4.Juli mit der alten Handpumpe durch die Straßen ziehen.«

»Ich weiß. Sie erinnern damit an die Zeit, als noch in jedem Haushalt Ledereimer standen, damit die Bürger im Falle eines Brandes die Feuerwehr unterstützen konnten. Keine Ahnung, was für gestern abend geplant war. Wahrscheinlich die Poolhalle abbrennen, eine Wasserschlacht veranstalten oder irgend etwas in der Art.«

Ottermole gähnte. »Können Sie mir nicht einfach klar und deutlich sagen, was los ist, Professor? Ich muß gleich meine Runde drehen.«

Kapitel 3

Peter lächelte. »Danke, daß Sie mich daran erinnern. Ich werde mir natürlich auf keinen Fall entgehen lassen, Ihnen zum Abschied zuzuwinken. Doch nun zu den res gestae. Haben Sie irgend etwas Neues über den grauen Lincoln mit den getönten Fenstern herausgefunden, der Jim Feldster gestern abend mitgenommen hat?«

»Nee.« Fred warf einen prüfenden Blick auf seine Uniform und verzog das Gesicht. »Menschenskind, Edmund, mußtest du mir unbedingt das ganze klebrige Zeug auf die Jacke schmieren? Edna Mae bringt mich um.«

»Wie unangenehm«, sagte Peter. »Nehmen Sie doch einfach ein Handtuch und versuchen Sie, es abzureiben. Das heißt, falls Sie ein Handtuch haben. Ich habe mich eben mit Elver Butz unterhalten. Er sagt, er habe Jim gestern abend nach Feierabend in seinem Lieferwagen zum Logentreffen in Lumpkinton mitnehmen wollen, doch der große Lincoln sei ihm zuvorgekommen. Elver hatte schon das Fenster heruntergekurbelt, um Jim mit dem geheimen Handzeichen zu grüßen, als der Wagen plötzlich anhielt und Jim aufnahm. Der Lincoln brauste davon, und Elver war ziemlich verdutzt.«

»Ach ja?« Ottermole bearbeitete die Schlagsahne inzwischen mit einem Taschentuch, das Edna Mae liebevoll mit zwei kleinen blauen Handschellen bestickt hatte. »Und was ist die Pointe?«