Aus Prager Gassen und Nächten - Egon Erwin Kisch - E-Book

Aus Prager Gassen und Nächten E-Book

Egon Erwin Kisch

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Beschreibung

In "Aus Prager Gassen und Nächten" entführt Egon Erwin Kisch seine Leser in die lebendige und oft beobachtete, jedoch vielschichtige Welt Prag in den frühen 1900er Jahren. Dieses Buch ist eine Sammlung von Essays und Reportagen, die sich durch einen poetischen Realismus auszeichnen und die Atmosphäre der tschechischen Hauptstadt mit ihrer kulturellen Vielfalt und urbanen Unruhe einfangen. Kischs eindringlicher Stil, reich an bildhaften Beschreibungen und scharfsinniger Sozialkritik, vermittelt ein klares Bild der sozialen Verhältnisse und der politischen Unruhen der Zeit. Jedes Kapitel ist durchdrungen von einer tiefen Verbundenheit zur Stadt und zeugt von einem journalistischen Engagement, das sowohl die Schönheit als auch die Abgründe des prager Lebens thematisiert. Egon Erwin Kisch, ein herausragender Vertreter der literarischen Reportage, gilt als einer der einflussreichsten Journalisten des 20. Jahrhunderts. Geboren in Prag, führte seine kritische Auseinandersetzung mit dem politischen Klima und seinen leidenschaftlichen Glauben an die Wahrheit ihn dazu, gesellschaftliche Missstände zu dokumentieren und zu analysieren. Kischs eigene Erfahrungen als junger Jude in einer von Widersprüchen geprägten Stadt prägten seinen Schreibstil und sein Engagement, die Stimme der Unterprivilegierten zu erheben. Dieses Buch ist nicht nur ein Fest für Literaturinteressierte, sondern auch ein unverzichtbares Zeugnis für alle, die sich für die Soziokultur und Geschichte Mitteleuropas begeistern. "Aus Prager Gassen und Nächten" bietet eine faszinierende Perspektive auf Prag und lässt die Leser tief in die Seele der Stadt eintauchen, wodurch es sowohl als historische Dokumentation als auch als literarisches Meisterwerk geschätzt werden sollte. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Egon Erwin Kisch

Aus Prager Gassen und Nächten

Bereicherte Ausgabe. Stadtgeschichten und literarische Impressionen: Ein faszinierender Blick auf Prag durch die Augen von Egon Erwin Kisch
In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen
Bearbeitet und veröffentlicht von Good Press, 2022
EAN 4064066434939

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Aus Prager Gassen und Nächten
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Ausgabe Aus Prager Gassen und Nächten vereint eine Auswahl zentraler Prager Reportagen Egon Erwin Kischs und führt in jene urbane Welt, aus der sein Rang als Meister der beobachtenden Prosa erwuchs. Keine Romane oder Dramen, sondern wesentliche Stücke der journalistischen und literarischen Arbeit stehen im Mittelpunkt: Texte wie Der Clamsche Garten, Gäste der Polizei, Eine Nacht im Asyl für Obdachlose oder Prags Erwachen zeigen das Spektrum der Stadt. Ziel der Zusammenstellung ist es, die innere Topographie dieser Texte sichtbar zu machen und ihre Spannweite zwischen Gasse und Behörde, Fest und Elend, Tageslicht und Nacht zu entfalten.

Im Zentrum stehen Reportagen, Feuilletons und Milieuskizzen, die aus der Tagespresse hervorgingen und hier als zusammenhängende Werklandschaft greifbar werden. Der Band enthält keine Gedichte, Briefe oder Tagebücher; die Texte sind erzählende Sachprosa, die Beobachtung, Recherche und szenische Verdichtung verbindet. Stücke wie Die Gemeindetruhe, Verzehrungssteuer, Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus oder Polizeimuseum zeigen, wie Kisch Verwaltungsakte, soziale Praktiken und Alltagsrituale literarisch interpretiert. Gleichzeitig öffnen Geschichten vom Brückenkreuzer, Drehorgelspieler oder Café Kandelaber den Blick auf Volkskultur, Klangräume und das Flanieren, ohne den dokumentarischen Anspruch preiszugeben. Auch Der Mann mit der Straßenspritze oder Das Märchen vom Mistwagen behandeln scheinbar Randerscheinungen und verwandeln Arbeit, Gerät und Gasse in eine erzählerische Bühne.

Ein wiederkehrendes Band dieser Sammlung bildet die Begegnung zwischen Stadtbewohnern und Institutionen. Gäste der Polizei, Die Verhaftung, Razzia, Arrestgebäude und Der Chef der Prager Detektivs zeichnen das Ineinandergreifen von Ermittlungsroutine, Verwaltungsblick und persönlichem Schicksal nach, ohne den Menschen hinter der Akte aus den Augen zu verlieren. In der Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin, Polizeimuseum oder Theatervorstellung der Korrigenden tritt die Bühne der Ordnung selbst in den Fokus. Kisch beschreibt Räume, Abläufe und Typen mit präziser Anschaulichkeit und legt frei, wie Macht sich in Gesten, Formularen und architektonischen Details verkörpert. So wird Verwaltung zur erzählbaren Erfahrung des Gemeinwesens.

Neben den Apparaten der Ordnung widmet sich die Sammlung den prekären Zonen des urbanen Lebens. Eine Nacht im Asyl für Obdachlose, Volksküchen, In der Wärmestube und Die Irren führen in Räume, in denen Bedürftigkeit, Fürsorge und Stigmatisierung kollidieren. Kisch beobachtet ohne Voyeurismus, registriert Routinen, Geräusche, Gerüche und Blicke und macht daraus verdichtete Szenen, die die Leserinnen und Leser nicht bloß informieren, sondern sensibilisieren. Das Lied vom Kanonier Jaburek oder Der Dichter der Vagabunden erweitern den Horizont, indem sie populäre Stoffe und Figuren der Straße in ihren kulturellen Resonanzen sichtbar machen.

Die Texte kartieren zudem Vergnügungen, Rituale und Spektakel der Stadt. Weihnachtsmarkt, Prager Ziehung, Karl May in Prag oder Unter Statisten zeigen, wie Öffentlichkeit hergestellt wird: auf Plätzen, in Sälen, an Schauständen, hinter Kulissen. Alt-Prager Mensurlokale, Café Kandelaber, Geschichten vom Brückenkreuzer und Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister verankern das Erzählen in konkreten Schauplätzen, die von Sitten, Dialekten und Geräuschkulissen geprägt sind. In solchen Bildern wird die Metropole zum sozialen Labor, in dem Erwartungen, Sehnsüchte und Konflikte zirkulieren und die Stadt nicht Kulisse bleibt, sondern zur handelnden Größe wird. Auch scheinbar prosaische Vorgänge wie Verzehrungssteuer oder Das Märchen vom Mistwagen erhalten so erzählerische Spannung.

Stilistisch verbindet Kisch Genauigkeit der Recherche mit Rhythmus, Ironie und szenischer Ökonomie. Seine Texte arbeiten mit prägnanten Bildern, klaren Bewegungsachsen und pointierten Übergängen; sie halten Abstand, ohne die Nähe zu scheuen. Ein tadelnder Ballbericht oder Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde markieren einen Tonfall, der Beobachtung, Selbstbeteiligung und Kritik balanciert. Wiederkehrende Verfahren sind die präzise Ortsbeschreibung, das registrierende Ohr für Stimmen und Dialekte sowie die dramaturgische Zuspitzung, die jedoch den dokumentarischen Kern nicht überblendet. So entsteht eine Prosa, die journalistische Pflicht und ästhetische Form zu einer eigenen Kunstweise bindet.

Die anhaltende Bedeutung dieser Sammlung liegt in der Art, wie sie die Stadt erzählbar macht und damit Maßstäbe für die literarische Reportage setzt. Aus Prager Gassen und Nächten bietet keine nostalgische Postkarte, sondern eine bewegte Topografie von Arbeit, Armut, Vergnügen und Verwaltung, getragen von genauer Beobachtung und sprachlicher Energie. Texte wie Floßfahrt, Prags Erwachen oder Geschichten vom Brückenkreuzer lassen Bewegungen erkennen, die über ihre Zeit hinausweisen: den Übergang vom Einzelbild zum sozialen Panorama. So wird Kischs Prag zur Schule des Hinschauens und bleibt als Erfahrungsraum auch heutigen Lesarten produktiv und relevant.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Aus Prager Gassen und Nächten entstand in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, als Prag, Hauptstadt des Königreichs Böhmen, im Vielvölkerreich Österreich-Ungarn einen tiefgreifenden Modernisierungsschub erlebte. Elektrische Straßenbahnen, neue Brücken und Verwaltungsreformen veränderten die Stadt ebenso wie die Konkurrenz tschechischer und deutschsprachiger Institutionen. Egon Erwin Kisch (1885–1948), jüdisch-deutscher Prager und Polizeireporter der Bohemia, bündelte 1912 Reportagen aus diesem Milieu. Seine Nähe zu Amtsräumen, Gassen und Kneipen prägte den Blick auf soziale Ränder. Stücke wie Gäste der Polizei, Arrestgebäude oder Eine Nacht im Asyl für Obdachlose zeigen kommunale und staatliche Mechanismen von Kontrolle und Fürsorge, beobachtet mit nüchterner Genauigkeit und empathischer Distanz.

Die rapide Urbanisierung seit den 1890er Jahren brachte tausende Landarbeiterinnen und -arbeiter nach Prag und verschärfte Wohnungsnot sowie Prekarität. Wohltätige Vereine, kirchliche Stiftungen und der Magistrat reagierten mit Volksküchen, Wärmestuben und Notunterkünften. Kischs Reportagen Volksküchen, In der Wärmestube, Weihnachtsmarkt oder Eine Nacht im Asyl für Obdachlose zeigen, wie Saisonalität, Kälte und Arbeitslosigkeit über Leben und Sterben entschieden. Ebenso umstritten war die Verzehrungssteuer, eine kommunale Abgabe auf Nahrungs- und Genussmittel, die als unsozial galt und immer wieder Proteste auslöste. In solchen Kontexten verbindet Kisch soziale Statistik, Straßensprache und Einzelschicksale zu einem Panorama städtischer Armutsverwaltung.

Parallel dazu professionalisierte sich die Kriminalpolizei. Um 1900 hielten Anthropometrie und später Fingerabdrücke in den Behörden Einzug; Ausstellungen und Sammlungen im Polizeimuseum popularisierten den Glauben an forensische Wissenschaft. In Razzia, Gäste der Polizei, Die Irren, Die Verhaftung, Arrestgebäude und Der Chef der Prager Detektivs beobachtet Kisch Hierarchien, Routinen und Zufälle polizeilicher Arbeit. Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin und Theatervorstellung der Korrigenden verweisen auf das spätkaiserliche System von Besserung, Zuchthaus und Arbeitshaus, das Bettelnde, Prostituierte und Vagabundierende disziplinieren sollte. Zugleich zeigt er, wie Willkür, Armut und Sprache Barrieren bilden, die zwischen Gesetzestext und Gassenrealität klaffen.

Städtische Modernisierung zeigte sich auch in der alltäglichen Technik der Ordnung. Der Mann mit der Straßenspritze, Das Märchen vom Mistwagen, Die Gifthütte und In der Wärmestube porträtieren jene kommunalen Dienste, die Staub bändigten, Abfälle abtransportierten und im Winter Wärme spendeten. Geschichten vom Brückenkreuzer und Floßfahrt verlagern den Blick auf Moldau, Karlsbrücke und Hafenplätze, wo Verkehr, Handel und Überwachung ineinandergreifen. Zwischen Gaslaternen und neuer Elektrizität, morgendlichen Reinigungsritualen und nächtlichen Kontrollen entfaltet Kisch ein Bild der Stadt als Maschine. Prags Erwachen rahmt diese Choreografie des Frühtags, in der Arbeiter, Polizisten, Kutscher und städtische Bedienstete den Takt des urbanen Lebens vorgeben.

Die Reportagen kartieren zugleich die Kultur der Vergnügungen und der kleinen Geschäfte. Der Clamsche Garten, Café Kandelaber, Ein tadelnder Ballbericht und Prager Ziehung führen in Parks, Säle, Kaffeehäuser und Lotterieereignisse, in denen bürgerliche Repräsentation und populäre Erwartung ineinandergreifen. Unter Statisten zeigt die prekäre Seite der Theaterwelt, während Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus die Grauzonen scheinbarer Schnäppchen und betrügerischer Versteigerungen demaskiert. Karl May in Prag verweist auf die massenkulturelle Prominenz, die um 1900 durch Lesungen und Pressehype zirkulierte. Kischs Blick bleibt skeptisch und neugierig zugleich: Er zeigt, wie Unterhaltung, Werbung und Nebenerwerb Aufstiegsversprechen und Enttäuschungen erzeugen.

Zwischen nationalen Milieus und Jugendkulturen formierten sich eigene Rituale und Räume. Alt-Prager Mensurlokale erinnert an die seit der Universitätssteilung von 1882 parallel existierenden deutschen Korporationen und tschechischen Vereine, deren Ehrbegriffe, Duelle und Lieder das Kneipenleben prägten. Die Erlaubnis zum Fußballspiel spiegelt, wie neue Sportarten um 1900 Platz, Genehmigungen und polizeiliche Aufsicht benötigten und damit Verwaltungsgrenzen sichtbar machten. Gleichzeitig verweisen Randorte wie Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister auf die städtischen Peripherien der Produktion und Entsorgung, die sozial stigmatisiert, aber unverzichtbar waren. Kisch zeigt, wie Regulierung, Vereinswesen und Zugehörigkeit den Alltag jenseits der repräsentativen Zentren strukturierten.

Die Monarchie war allgegenwärtig als Verwaltung, Armee und Mythos. Das Lied vom Kanonier Jaburek verweist auf heroische Legenden, die seit den Kriegen des 19. Jahrhunderts das Loyalitätsgefühl stützten und Rekrutierungsjahrgänge begleiteten. Kisch kontrastiert diese Tonlage mit Szenen von Arrest, Razzia und kleinbürgerlichen Kalkülen der Gemeindetruhe, in denen das Imperium als Kassen- und Aktenmacht erscheint. Der Dichter der Vagabunden lenkt den Blick auf Gegenstimmen der Boheme, die den Glanz offizieller Erzählungen unterlaufen. So entsteht ein Spannungsfeld zwischen militärischer Symbolik, fiskalischer Realität und poetischer Opposition, das die brüchige Legitimation des Staates in den letzten Friedensjahren beleuchtet.

Kischs Perspektive entstand im Spannungsfeld einer deutschsprachigen Presseöffentlichkeit und einer mehrsprachigen Stadt. Als Reporter, der Gerichtsakten las und Märkte durchstreifte, kultivierte er die literarische Reportage, die später der Neuen Sachlichkeit zugerechnet wurde. Zeitgenössisch wurden seine Bohemia-Texte wegen Tempo und Detailfülle geschätzt, zugleich irritierten Amtskritik und Ironie, etwa in Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde. Nach 1918 las man die Sammlung als Dokument der untergegangenen kaiserlichen Ordnung; nach Kischs politischer Radikalisierung gewann ihr sozialer Impuls an Gewicht. Orte, Daten und Akteurinnen/Akteure verdichten sich zu einem Mosaik, das Prag vor 1914 in situ zeigt.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Polizei und Ermittleralltag (Gäste der Polizei; Der Chef der Prager Detektivs; Polizeimuseum; Razzia; Die Verhaftung; Arrestgebäude; Geschichten vom Brückenkreuzer)

Wachstuben, Razzien, Verhaftungen und ein Blick ins Polizeimuseum zeigen die Mechanik städtischer Kontrolle und ihre Grauzonen.

Nüchterne Beobachtung trifft leise Ironie; im Zentrum stehen Routinen der Ermittler und die prekären Wege ihrer 'Gäste'.

Fürsorge, Anstalten und soziale Ränder (Eine Nacht im Asyl für Obdachlose; Volksküchen; In der Wärmestube; Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin; Theatervorstellung der Korrigenden; Die Irren)

Blicke in Asyl, Wärmestube, Volksküchen und Zwangsanstalten zeigen Hilfe als Mischung aus Fürsorge, Verwaltung und Disziplin.

Der Ton bleibt empathisch und präzise, die Texte verfolgen Rituale, Regeln und kleine Strategien des Überlebens.

Märkte, Steuern und kleine Hoffnungen (Verzehrungssteuer; Weihnachtsmarkt; Prager Ziehung; Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus)

Zwischen Ständen, Auktionshallen und Steuerämtern entfaltet sich die Ökonomie der kleinen Leute mit ihren Risiken und Tricks.

Humor und Scharfblick verbinden sich, wenn Wünsche, Zufall und Gesetz in der Alltagsökonomie aufeinandertreffen.

Amtswege, Vorschriften und städtische Bürokratie (Die Gemeindetruhe; Die Erlaubnis zum Fußballspiel; Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde)

Behördengänge, Kassen und Genehmigungen erscheinen als Mühlen, die Lebenszeit und Vorhaben zermahlen.

Kisch zeigt mit satirischer Sachlichkeit, wie Macht in Formularen und Fluren steckt und wie man ihr trotzig begegnet.

Gassenleben, Randberufe und dunkle Winkel (Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister; Der Mann mit der Straßenspritze; Drehorgelspieler; Der Dichter der Vagabunden; Das Märchen vom Mistwagen; Die Gifthütte)

Porträts eines Wasenmeisters, Straßenarbeiters, Musikanten und vagabundierender Dichter eröffnen das Panorama der städtischen Randökonomie.

Die Texte wechseln zwischen rauer Komik und Schattenzonen; Detaillust für Geräusche, Gerüche und Gesten erzeugt unmittelbare Nähe.

Kultur, Bühne und populäre Mythen (Karl May in Prag; Unter Statisten; Ein tadelnder Ballbericht; Das Lied vom Kanonier Jaburek; Alt-Prager Mensurlokale; Café Kandelaber)

Kaffeehaus, Ballsaal, Theater, Mensurlokal und Bestseller-Auftritt werden als Orte inszenierter Rollen und kollektiver Erzählungen erkundet.

Mit ironischer Distanz entzaubert Kisch Patina und Pathos, ohne die Lust am Spektakel zu leugnen.

Stadtlandschaften, Fluss und Tagesrhythmus (Der Clamsche Garten; Floßfahrt; Prags Erwachen)

Streifzüge durch Park, Fluss und Morgendämmerung kartieren Prag als sinnlichen Erfahrungsraum in Bewegung.

Die Sprache ist beweglich und beobachtend; Übergänge, Wege und Lichtwechsel werden zu stillen Abenteuern.

Aus Prager Gassen und Nächten

Hauptinhaltsverzeichnis
Der Clamsche Garten
Die Gemeindetruhe
Verzehrungssteuer
Floßfahrt
Gäste der Polizei
Café Kandelaber
Geschichten vom Brückenkreuzer
Der Chef der Prager Detektivs
Der Mann mit der Straßenspritze
Eine Nacht im Asyl für Obdachlose
Das Lied vom Kanonier Jaburek
Die Erlaubnis zum Fußballspiel
Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister
Razzia
Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin
Theatervorstellung der Korrigenden
Das Märchen vom Mistwagen
Weihnachtsmarkt
Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde
Prager Ziehung
Die Irren
Volksküchen
Ein tadelnder Ballbericht
Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus
Die Verhaftung
Drehorgelspieler
Die Gifthütte
Karl May in Prag
Polizeimuseum
Unter Statisten
Der Dichter der Vagabunden
Arrestgebäude
Alt-Prager Mensurlokale
Prags Erwachen
In der Wärmestube
Der Clamsche Garten1Die Gemeindetruhe6Verzehrungssteuer10Floßfahrt14Gäste der Polizei23Café Kandelaber27Geschichten vom Brückenkreuzer31Der Chef der Prager Detektivs35Der Mann mit der Straßenspritze39Eine Nacht im Asyl für Obdachlose43Das Lied vom Kanonier Jaburek52Die Erlaubnis zum Fußballspiel56Bei „Antouschek“, dem Wasenmeister59Razzia65Die Zwangsarbeitsanstalt auf dem Hradschin71Theatervorstellung der Korrigenden75Das Märchen vom Mistwagen80Weihnachtsmarkt84Wie ich aus dem Rathause hinausgeworfen wurde89Prager Ziehung93Die Irren101Volksküchen106Ein tadelnder Ballbericht111Von Feilbietungen, Auktionshallen und vom Chabrus115Die Verhaftung125Drehorgelspieler130Die Gifthütte136Karl May in Prag141Polizeimuseum144Unter Statisten151Der Dichter der Vagabunden158Arrestgebäude166Alt-Prager Mensurlokale170Prags Erwachen175In der Wärmestube179

Der Clamsche Garten

Inhaltsverzeichnis

Westend von Prag. Endstation der Elektrischen, die Smichow und Koschiř durchquert.

Über dem Gittertor steht die Aufschrift „Klamovka“ mit so großen Goldbuchstaben, daß jeder erkennen müßte, die hohe, von blütenschweren Bäumen überdachte Mauer umschließe keine öffentlichen Anlagen, keinen Privatpark. Es ist offenbar ein Wirtshausschild, das dringlich zum Eingange lädt. Aber das Tor ist versperrt, und keine Klingel ist vorhanden, die einen öffnenden Pförtner herbeizurufen vermöchte. Und selbst wenn man in der abzweigenden Weißbergstraße das offenstehende Seitentürchen entdecken, durch dieses eintreten und die Stiegen zum Garten hinaufschreiten würde, so müßte man umkehren, denn ein Zettel verwehrt strenge dem Fremden den Eintritt. Der abweisende Inhalt des kleinen Zettels auf dem Seitentor kontrastiert mit der einladenden Aufschrift der großen Tafel auf dem Haupttor. Sodaß man doch in Zweifel gerät, ob hier ein Wirtshausgarten oder ein Herrschaftspark sei.

Beides oder keines von beiden[1q]. Früher haben Grafen und Gräfinnen hier im Clamschen Garten auf schattigen Kieswegen lustwandelt. Aber später wurde der gräfliche Park an einen bürgerlichen Gastwirt verkauft, und der baute in der Mitte des Gartens ein Gasthaus mit einem Tanzsaal.

Nun aber wird hier auch nicht mehr getanzt. Seit heuer. Noch im vorigen Jahr war die „Klamovka“ am Sonntag nachmittag ein Wallfahrtsort der Dienstmädchen, der Burschen und Mädchen aus dem Volke, und oben im Saale wurden bis spät in den Abend Quadrillen und Walzer getanzt, besonders schlürfend der Sechsschrittwalzer, der im Volksmund „Na šest“ heißt, dessen charakteristisches Merkzeichen die langgezogenen, langsamen Schritte bei der Linksdrehung sind, und bei dem man in erheuchelter oder echter Verzückung die Augen zu schließen hat. In den Pausen aber gingen die Liebespaare, sich umschlungen haltend, hinunter in den Garten, in dem die hohen Christusakazien, die duftenden Syringensträucher, die schattigen Kastanienbäume, die silberglänzenden Rotbuchen, die dichten Ahornsträucher und die verzweigten Hagedornbüsche in Blüte standen. Wenn auch die Blütenpracht von den Liebespaaren wohl kaum eines Blickes gewürdigt worden ist — der Einfluß des Milieus muß doch im Unterbewußtsein seinen Nachhall geweckt haben, dem Frühling der Herzen muß es doch inmitten des Frühlings der Natur am wohlsten gewesen sein. Sonst wären die jungen Leute doch in nähere Sonntagstanzlokale gezogen, wie in das Weinberger Bräuhaus, in das Gasthaus „Na Slovanech“ auf dem Karlsplatz, wo der Wirtsgarten nur aus paar verkrüppelten Bäumen besteht. Doch dort war’s nie so voll wie in der „Klamovka“.

Zwölf Jahre tanzte man hier. Am Anfang schien es, als wolle sich das entlegene Tanzlokal nicht einbürgern, und der alte Hlavaček, der für den Ankauf des Gartens und für die Aufführung des Wirtshausbaues sein Vermögen verwendet hatte, schoß sich aus Verzweiflung eine Revolverkugel ins Herz. Sein Sohn aber hatte mehr Glück und allsonntäglich war es voll im Clamschen Garten.

Vor zwei Jahren aber haben die Barmherzigen Brüder den herrlichen Garten gekauft, um in ihrem menschenfreundlichen Wirken keine Stockung eintreten zu lassen, falls ihr jetziges Spitalsgebäude in der Josefstadt als Opfer der Assanierung fallen würde. Von heuer ab bleibt das Gasthaus unvermietet und das Gartentor steht geschlossen. So werden die Nachfolger der Liebespaare, die sich hier im Garten ihrer Jugend freuten, die bleichen Kranken sein, die humpelnd oder in Rollwägelchen wehmütig den Glanz der Blumen betrachten und den Duft der Blüten atmen werden. Es kann sein, daß vielleicht einmal ein alter Patient oder ein krankes Mütterchen, den Garten betretend, schwermütig lächeln werden, weil sie in diesem Garten, der nun ihr Krankenasyl sein soll, in der schönsten Zeit ihres Lebens viel geweilt haben und seither nicht mehr. So wird ihnen doppelt wehe ums Herz sein. Aber das Gefühl wird kein bedauerndes sein. Denn auf der „Klamovka“ ging es nicht ausschweifend zu, wie z. B. in einer unmittelbar benachbarten Gartenwirtschaft, welche heuer als Erbe der „Klamovka“ die Koschiřer Jugend übernommen hat und auf deren Usancen ein Mordprozeß des vergangenen Jahres ein böses Licht warf. Auf der „Klamovka“ gab es nie eine „parta“, wie die Platten im Prager Vorstadtjargon heißen. Hier hatte fast jedes Mädchen bloß einen ständigen Tänzer, den Liebhaber. Wenn der gewechselt wurde, gab es stumme Katastrophen.

So hat beispielsweise einmal ein Artillerie-Freiwilliger hier Unheil angerichtet. Der hatte richtig kalkuliert, daß seine schmucke Uniform ihm hier ein siegendes Liebesglück verschaffen müsse, und war in den Clamschen Garten gefahren. Sein Eintritt in den Saal war eine Sensation. Hierher, wo schon die Uniform eines Infanterie-Pferdewärters auf die unbefangenen Mädchenherzen elektrisierend einwirkte, kam ein Einjährig-Freiwilliger mit tadellosem Scheitel, blanken Lackkanonen, silbernen Salonsporen, hellblauen Kammgarnhosen, dunkelbraunem Waffenrock mit dem verschnürten Schützenzeichen und einem vorschriftswidrigen Flitterstern auf dem feuerroten Kragen! Er kam in den Saal und musterte die Paare kritischen Blickes. Dann wählte er sich ein Mädel zum Tanz, ein Mädel, dem die Stammgäste prophezeiten, daß es gar bald von der blonden Jarmila den von allen angestrebten Titel „Hvězda Klamovky“, des Sterns des Clamschen Gartens, erben werde. Er tanzte, tanzte wieder, und der junge Monteur, der bis zur Stunde der Liebhaber der Kleinen gewesen war, der tanzte nicht. Der saß in dem Saalteile, der durch Säulen vom Tanzsaale geschieden und für die Biertische reserviert war. Als es 8 Uhr und gerade eine Tanzpause war, ging er zu dem Mädel, das mit dem goldstrotzenden Galan promenierte.

„Komm’ nach Hause, Božena.“

„Ich will nicht.“

„Ich muß doch um 9 Uhr im Elektrizitätswerk sein. Sonst wirft man mich hinaus.“

„Dann wird man dich eben hinauswerfen.“

„Du weißt doch, daß mein Vater beim Bürgermeister war, damit ich die Stelle bekomme.“

„Ich halte dich nicht. Du kannst ja gehen.“

Den letzten Satz sprach sie schon davontanzend, denn die Musik hatte das tschechische Volkslied begonnen, das an zwei blaue Augen die Frage richtet, warum sie voll Tränen seien. Der Monteur empfindet das Schmerzliche des letzten Satzes doppelt schmerzlich, weil es im Arme des anderen gesagt worden ist. Er fühlt, daß das Mädel, indem sie ihn abwies, dem anderen eine Liebeserklärung gemacht hat. Fühlt, daß sich jetzt die zwei fester aneinander schmiegen und vielleicht über ihn, den heimgeschickten Dritten lächeln. Der Bursch geht zu seinem Platz zurück und ist blaß.

Allein fortgehen kann er nicht, trotzdem die Božena das behauptet hat. Sonst geht das Mädel mit dem Kanonier nach Hause, und dann lächeln die zwei nicht mehr, sondern sie lachen. Noch mehr Leute, die Stammgäste der „Klamovka“ würden alle lachen über „křen“, den Wurzen, der ein Mädel zum Tanz führt, damit dieses mit einem anderen nach Hause gehen könne. So bleibt der junge Monteur sitzen bis 9 Uhr (die Stunde, zu der er bei der Kontrolluhr im Elektrizitätswerk sein soll) längst vorbei ist. Er sitzt blaß beim Bier und möchte sichs nicht anmerken lassen, wie sehr ihm die Musik in das Herz schneidet, die seinem Mädel zum Tanz mit einem anderen aufspielt. So wiederholt er sich die Worte, die ihm ein Freund im Vorbeigehen tröstend zugerufen: „Was liegt an einem Mädel!“ Spät abend geht er mit der Božka nach Hause. Er weiß gar wohl, daß sie sich für morgen ein Stelldichein mit dem Freiwilligen verabredet hat, er weiß gar wohl, daß jetzt alles aus ist. Er hat aber wenigstens die Blamage verhütet, er begleitet wenigstens das Mädel nach Hause, mit dem er gekommen war. Mag es ihn immerhin seine Stellung gekostet haben!

Es war zum letztenmale, daß er mit Božka heimging. Es war zum letztenmale, daß er auf der „Klamovka“ getanzt hat. Auch wenn das breite Gittertor nicht verschlossen wäre, würde er nicht mehr hingehen. Er verkehrt jetzt in anderen Lokalen. Fast täglich mit einem anderen Mädel. Und wenn jetzt jemand seine Begleiterin verlangend mustert, dann muntert er sie noch auf, den Blick zu erwidern. Er hat auch gar nichts dagegen, wenn sie jetzt mit jemandem den ganzen Abend tanzt, ja selbst wenn sie dann mit dem anderen nach Hause geht. Er fürchtet nicht mehr, als „křen“ zu gelten. Er will nur Geld haben. „Was liegt an einem Mädel!“ Das Wort, mit dem er sich damals zu trösten versuchte, ist seine Lebensmaxime geworden ...

Eine Pointe hat die Geschichte nicht. Es sei denn, man wollte es vielleicht als Pointe ansehen, daß an manchen Abenden auch die Božka (die ginge übrigens heute auch nicht mehr auf die „Klamovka“) zu seiner Klientel zählt. Der Artillerie-Freiwillige tanzt aber schon lange nicht mehr mit ihr.

Das war so einer von den kleinen Romanen, die im Clamschen Garten begonnen haben. Sie stehen nirgends verzeichnet und jeder der Besucher kannte nur einen solchen Roman. Und wenn man die Sehenswürdigkeit des Gartens zeigt, so weist man auf das „Himmelchen“, einen runden, entzückenden Kapellenbau, durch dessen sternförmige Öffnungen in der Wölbung das Himmelslicht strahlt, so zeigt man den hübschen Eselsstall, so zeigt man den aus Stein gemeißelten Pferdetrog, der auf einem mit einem steinernen Zaumzeug gemeißelten Sockel steht und ein Denkmal für des Grafen Clam-Gallas Schlachtroß „Cassil“ darstellt, so zeigt man den Platz, auf dem Prinz Wilhelm von Auersperg an einem Maitage vor vierunddreißig Jahren im Duell sein Leben ließ. Aber man zeigt nicht die Sträucher, in denen mancher junge Mensch seinen Liebesgram ausgeweint hat, man zeigt nicht die Stelle, von der aus der blasse Monteur seinem davontanzenden Liebesglück nachblickte.