3,99 €
Tilo Schrader, 17, landet wegen Drogendelikte im Jugendgefängnis Adelsheim. Dort gedenkt er, die Strafe abzubüßen, seine Mitgefangenen und ein Wärter haben es auf ihn abgesehen und tun alles, um ihn zu schaden. Er landet wiederholt im Krankenhaus und erkennt dort einige Zusammenhänge und wird misstrauisch. Mit Hilfe seiner Freunde möchte er, die Schweinereien, denen er zum Opfer geworden ist, aufzulösen …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2021
Ausgedealt
Roman
Reymond Faller
Cover: Steven Buissinne/Pixaby
1. Edition, 2021
ISBN: 9798456007223
© Reymond Faller – alle Rechte vorbehalten.
Gerhard Engel/Reymond Faller
Max-Porzig-Str.113,
78224 Singen
© 2021 All rights reserved.
1
Für mich als siebzehnjähriger Jugendlicher ein ungewöhnlicher Tag: „Herr Schrader?“, fragte mich eine grässliche Stimme, die durch einen stechenden Blick zweier grüner Augen und hochgezogener Augenbrauen in ihrer Wirkung verstärkt wurden.
„Ja“, sagte ich leise.
„Ihre Kleidung bitte.“
„Bitte?“
„Ihre Kleidung.“
„Wieso das denn? Soll ich nackt rumlaufen?“
„Nein. Sie erhalten Anstaltskleidung.“
„Kriege ich etwa noch eine Nummer?“, provozierte ich den Wachtmeister, der sich wieder einmal höchst wichtig vorgekommen sein musste.
„Nein. Nur Anstaltskleidung“, wiederholte er seine vorige Aussage.
„Was ist denn das Besondere an dieser netten Musterung?“, wollte ich den Beamten in ein Gespräch verwickeln.
„Ihre Kleidergröße?“, blieb der Beamte hartnäckig.
„Weiß ich doch nicht. Meine Mam hat mir die Klamotten besorgt. Ich habe davon keine Ahnung.“
„Ziehen Sie mal Ihre Hose aus!“
„Wieso das denn?“
„Die müssen sie sowieso ausziehen. Also?“
Ich entkleidete mich. Gab ihm mit einer verächtlichen Geste, was er wünschte.
„Zufrieden?“, setzte ich eines drauf.
„Ich muss nicht zufrieden sein. Erledige einen Job.“
„Das muss ja ein besonders geiler Job sein. Täglich die Klamotten von Kriminellen einsammeln. Kann man eigentlich an der Marke der Hose ablesen, was der Inhaber für ein Verbrechen begangen hat?“, meinte ich, eine witzige Frage gestellt zu haben.
„Mörder tragen bevorzugt Stoffhosen“, entgegnete der Wachtmeister.
„Und Vergewaltiger?“
„Jogginghosen. Muss ja schnell gehen ...“, grinste er mich an.
Was für ein Widerling, dieser Typ, dachte ich. Stellte Studien an über die Verbindung zwischen Hosen und Straftat.
„Kinderschänder?“, wollte ich wissen.
„Kein einheitlicher Kleidungsstil“, meinte der Wachtypi.
„Herr Schrader“, sprach er mich an, „Sie haben die Kleidergröße 52. Merken Sie das, sollten Sie wieder frei sein.“
Der machte mir richtig Mut. Sagte etwas von der Zeit nach dem Knast, in den ich ab heute, den 12. Juli 2021 eingezogen bin. Weil ich noch minderjährig bin, Gott sei Dank in einen Jugendknast. Ich stelle mir vor, ich werde hier einigermaßen korrekt behandelt. In meinem Business wird höchsten Wert auf saubere Geschäfte gelegt, Ehrenwort muss gehalten werden.
„Herr Schrader, Tilo Schrader“, hörte ich plötzlich eine andere Stimme.
„Hier.“
„Darf mich vorstellen: Dr. Waldemar Schneider, ich bin der Leiter dieser hehren Anstalt“, und lachte dabei verlegen. So als ob er sich eine Begründung suchte, warum er eine Strafanstalt leitete, in der Jugendliche einsitzen. Anscheinend nicht wirklich sein Traumjob.
„Ich darf Sie bitten, mich zu begleiten.“
Ich trottete neben Schneider her und wagte im Gegensatz zum Eingangsgespräch mit dem Wachtypi keinen Mucks. Schneider strahlte etwas Bedrohliches aus, was an seiner Vollglatze gelegen haben musste. So wie ein knallharter Killer eines schlechten Krimis.
„Setzen Sie sich“, sagte er in einem passenden Befehlston, als wir in seinem Zimmer angekommen waren.
„Ich muss mit Ihnen ein Aufnahmegespräch führen.“
Ich nickte. Was hätte ich auch antworten sollen?
Dann die typische Gastgeberfrage: „Wie gefällt es Ihnen?“
Ist das dein Ernst. Wie es mir im Knast gefällt? Das fragt ein Hotelier die Gäste, aber doch nicht ein Vorstandsvorsitzender einer Knast AG.
„Hab noch nicht viel mitbekommen“, fand ich den goldenen Ausstieg aus der peinlichen Situation.
Schneider musste laut lachen. „Wohl wahr“, meinte er nur lapidar, „das wird sich bestimmt bald ändern.“
Dann der eindringliche Blick. Wie ich darauf reagieren würde, auf die Verheißung, den Knast besser kennenzulernen.
„Ja, Herr Schrader“, setzte er das unangenehme Gespräch fort, „Sie sind noch schulpflichtig.“
„Dafür kann ich leider nichts. Deswegen wurde ich auch nicht eingebuchtet, oder?“, antwortete ich keck, worauf Schneider lauter als vorher lachte.
„Nein, noch ist der Schulbesuch keine Straftat, noch nicht.“
„Welche Schule hatten Sie bisher besucht?“
„Die Otto-Hahn-Realschule in Mannheim.“
„Und?“
„Was und?“
„Welche Klasse?“
„Die neunte, bin zweimal kleben geblieben. Hätte jetzt bald die Abschlussprüfung abgelegt, aber ich muss ja ums Verrecken in den Bau, als ob der nicht warten könnte.“
„Das können wir nicht beeinflussen, Herr Schrader.“
„Kann ich noch die Abschlussprüfung ablegen?“
„Ich frage im Ministerium, ob eine nachgelagerte Form der Prüfung im Bereich des Möglichen läge.“
Noch schwammiger ging nicht.
„Ja oder nein?“, wurde ich richtig pampig.
„Ich sagte doch, dass ich keine Einflussmöglichkeit habe.“
„Wann finden Sie diese heraus?“, ließ ich Schneider spüren, dass ich nicht lockerlasse, „heißt doch, dass eine gute Schulbildung vor dem Absturz bewahrt. Wie ist es damit?“
„Moment. Ich rufe in Stuttgart an.“ Setzte er sofort in die Tat um. „Herr Schrader“, sagte er, „die Beamten dort werden sich um die Klärung Ihres Anliegens kümmern.“
„Danke“, fand ich meine Höflichkeit wieder, „wie sieht mein Alltag aus?“
„Ach so, ja. Viel Sport, damit Sie, na ja, Ihre Liste an Delikten gibt einige Informationen, von den Drogen wegkommen.“
„Was haben alle nur gegen diese Stoffe? Wie viele Promis ziehen einen Joint, koksen oder nehmen Ecstasy? Sitzen die hier im Gefängnis?“
„Darum geht es nicht. Wir wollen, dass sie von dem Teufelszeug wegkommen.“
„Wer ist wir?“, wollte ich genau wissen.
„Wir, ja die Leute hier, die Pädagogen und letztlich der Staat.“
„Der Staat? Wer ist das? Das sind wir alle. Sie, ich und die Scheiß-Lehrer.“ Der Schlag hatte gesessen. „Der Staat will nur zwei Dinge: Kohle und bestrafen. Mehr kann er und will er nicht.“
„Ich glaube, Sie gehen erst mal in Ihren Haftraum“, zeigte Schneider, dass er mir nicht widersprechen konnte.
2
Mannheim im Stadtteil Jungbusch, das Jahr 2004 war gerade mal drei Tage alt. Franz-Josef Schrader, genannt Franjo, kam von der Schicht bei der ZEWA-Fabrik nach Hause. Er war nicht auf dem direkten Weg heimgekehrt, sondern hatte einen Umweg über die Kneipe „Kiets-König“, nur der King gerufen, genommen. Franjo war hackedicht, wie man in Mannheim sturzbetrunkene Menschen attribuierte. In diesem Zustand entfaltete er Bärenkräfte. Seine Ehefrau Gabi wartete mit dem Essen bereits 90 Minuten, auch sie ging einer Erwerbsarbeit nach, Verkäuferin in einem großen Kaufhaus der Innenstadt. Ihr Alter betrug 28 Jahre, deutlich jünger als der vierunddreißigjährige Ehemann. Sie hatten im Jahr 2000 geheiratet. Gekannt hatten sie sich schon, als Gabi achtzehn war. In einer Kneipe hatte sie gearbeitet, das Taschengeld aufgebessert, ehe sie eine Lehre als Einzelhandelskauffrau begonnen hatte. Franjo hatte mit einem sensiblen Charme und einer überzeugenden Empathie bestochen, wie sie damals höchst selten in der Männerwelt anzutreffen gewesen war. Sie hatte sich in Franjo verliebt, der zu jenem Zeitpunkt noch nicht in der ZEWA seine Brötchen verdient hatte, sondern als Straßenbahnführer arbeitete. Schichtarbeit, aber geregelt, die Kohle hatte auch stets gestimmt.
Franjo genoss eine hohe Beliebtheit bei den Fahrgästen, weil er älteren Menschen oder Schwangeren beim Besteigen und Verlassen der Straßenbahn geholfen und alle Gäste gleichermaßen freundlich behandelt hatte. Einer musste etwas gegen ihn gehabt haben, denn eines Tages, er musste die Nachtschicht übernehmen, wurde er kontrolliert und verlor den Arbeitsplatz – fristlos. Er hatte im King getrunken und war nicht mehr nüchtern gewesen. Einer der Fahrgäste hatte ihn bei der Polizei verpfiffen, die umgehend die Fahrt angehalten und Franjo auf die Wache genommen hatte. Ein Schlag ins Gesicht und ein Rauswurf aus der austarierten Lebensbahn. Arbeitslos war er nur zwei Monate, dann hatte er den Job in der Papierfabrik gefunden, Akkordlohn, immerhin 3200 € netto. Da durfte sich niemand beschweren, Gabi schwieg zu alledem. Zur alkoholisierten Straßenbahnfahrt, zum Rauswurf, dem neuen Arbeitsplatz und dessen ökonomischen Ertrag. Sie sagte nichts, weniger, weil sie keine Meinung hätte, als vielmehr sie sich vor der Reaktion Franjos gefürchtet hatte, der manchmal höchst unberechenbar reagierte.
Seit der Demütigung durch den Verlust des Arbeitsplatzes hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, King zu besuchen, dort den Frust wegzuspülen, im Alkohol, der die Kraft besaß, die Zellen zu zerstören, damit auch die des Gedächtnisses. Selbstverständlich hatte er am Abend des 3.1.2000 getrunken, mancher Suff verfügte über das Potential, seine Triebe offenzulegen, die er dann ausleben wollte. Gnadenlos und gegen jeglichen Widerstand. So verhielt es sich auch an jenem folgenschweren Abend, den er ganz bestimmt am Morgen noch nicht in dieser Weise geplant hatte, der sich durch die prägenden Parameter dennoch so entwickelt hatte. Gabi saß in der Küche, schwieg sich ihren Frust über die Unzuverlässigkeit ihres Gatten an die Wand, die leider keine Antwort gegeben hatte.
„Hallo Schatz“, begrüßte sie den hereineilenden Franjo, den sie nur hörend wahrgenommen, aber nicht gesehen hatte.
„Los, komm, zieh dich aus“, antwortete er energisch, hatte bereits seinen Gürtel geöffnet.
„Was ist mit dir?“, wunderte sich Gabi.
„Ich will dich bumsen, jetzt. Mach hinne, hab Druck auf dem Pinsel.“
Gabi tat nichts. Sie blieb einfach sitzen. Ihr war nicht nach Sex zumute, schon gar nicht, nachdem sie über eineinhalb Stunden auf Franjo gewartet hatte. Die Rouladen wurden beinahe kalt.
„Willst du nicht essen?“, rief sie ins Schlafzimmer, wo Franjo total nackt im Bette gelegen hatte.
„Hast du mich nicht verstanden? Bumsen ist Thema, fressen kann ich nachher noch.“
„Ich will nicht“, antwortete Gabi laut und deutlich.
Franjo dachte, er höre nicht recht. Seine Gattin wagte ausgerechnet jetzt Widerspruch. Er befand sich in keiner Stimmung, die ihn in die Lage versetzt haben würde, Frust auszuhalten. Er hatte ein unstillbares Verlangen nach Sex oder war es vielleicht etwas anderes? Das Bewusstsein, Macht auszuüben über eine wehrlose Person? Alternativ das Begehren, einem geliebten Menschen ganz nahekommen zu wollen?
Franjo scherte die eigentliche Motivation kein Deut, er sprang aus dem Bett, riss die Türe auf, in die Küche, wo er Gabi an ihrem rechten Handgelenk packte, sie an Ort und Stelle entkleidete – gegen den heftigsten Widerstand-, sie auf den Arm ins Schlafzimmer trug, dort aufs Bett warf und über die herfiel. Sie hatte ihn geboxt und getreten, er ließ nicht von ihr ab.
„Wir sind verheiratet, da gehört Sex dazu, mein Schatz“, lächelte er spöttisch, schon verächtlich. Sein Körper diktierte eine Agenda, die er rücksichtslos in die Wirklichkeit umgesetzt hatte. Gabi existierte nicht in dem Augenblick für ihn, ihr Wesen bestand im Hier und Jetzt lediglich aus ihrer Vagina, die er in der höchsten Frequenz penetriert hatte, als ob es etwas zu gewinnen gäbe. Sie war apathisch geworden, wimmerte wie ein Baby, das trotz langen und lauten Schreiens nicht erhört wurde, während Franjo in seinem Wahn lebte und weitermachte. Bis zum Orgasmus. Dann zog er sein Geschlechtsteil aus der Vagina, kleidete sich an, begab sich in die Küche, wo er die lauwarmen Rouladen, Kartoffelpüree und Rotkraut genüsslich gegessen hatte. Er demütigte dadurch seine Gattin ein weiteres Mal. Sie hatte das Menü gekocht, gewartet, bis er nach Hause gekommen war.
Gabi hatte zusammengekauert im Bett gelegen die Decke über sich gezogen und wollte am liebsten nicht mehr da sein. Nicht mehr leben. Sie hatte ein Ekel geheiratet, eine Bestie, die sie wie ein Nichts behandelte. Wo war der liebe, einfühlsame Franjo geblieben, der sie auf Händen getragen hatte und in den Himmel hob?
3
„Strafgefangener Schrader, bitte vor die Zellentür treten.“
Gesagt, getan. Wenn man schon einmal so höflich gebeten wird, folge ich doch gerne.
„Guten Morgen. Mein Name ist Hauptwachtmeister Stefan Bertram, ich organisiere den Frühsport.“
„Ja. Und?“, fragte ich gewohnt frech und naiv.
„Sie werden daran teilnehmen.“
„Was? Ich?“, schaute ich den Bertram ungläubig an.
„Ja, Sie. Hier schon mal ihre Sportkleider, bitte anprobieren, damit ich gegebenenfalls einen Austausch vornehmen kann.“
Hoppla, da sagt einer mal „bitte“. Bekommt schon beinahe menschliche Züge, der Urlaub in Knastien.
„So, wie schaue ich aus?“, präsentierte ich mich in Sportklamotten.
„Würde sagen, das passt.“ Bertrams Einschätzung traute ich nicht zu widersprechen, gleichwohl zwickte mich die Hose an sensiblen Stellen. Der Wachtmeister musste meinen kritischen Blick bemerkt haben.
„Keine Angst, die Hose gibt nach, sie wächst noch“, feixte er und schloss mich wieder in die Zelle, Pardon, den Haftraum, ein.
Ja, ich war alleine. Draußen im vorigen Leben traf ich ab und an meine Kumpels, mit denen ich abhängen konnte. Quatschen über wichtige Aspekte, die einen bewegten. Vor allen Dingen Hasan, der nur auf Mädchen aus war. Er verstand mich, zumindest gab er sich Mühe. Klar dachte er nur an die Weiber, mir bedeuteten andere Werte mehr. Freundschaft, Vertrauen, Abenteuer, Wertschätzung. Zu meiner Clique gehörten neben Hasan, Admir, Danyal, Mohammed und Rick, Richard mit bürgerlichem Namen. Das waren meine engsten Buddies. Hasan begegnete ich im Teakwando, Admir, Danyal und Mohammed besuchten dieselbe Schule wie ich und Rick kannte ich von meiner Straße, der Erzberger-Straße. Seine Mutter betreute mich, wenn Mama und Papa nicht vorhanden waren oder arbeiteten. Nicht vorhanden konnte auch ein heftiger Streit bedeuten, der tagelang ausartete und ich dabei vergessen wurde. Ich könnte nicht einmal sagen, worüber die beiden gestritten hatten, ich bekam es nie mit. Ricks Mama, die Helga, behandelte mich wie einen eigenen Sohn. Ich aß mit den Heblings, so hießen sie, durfte über Nacht bleiben und am folgenden Morgen hatte sie mich und Rick zur Schule begleitet. Weiß nicht, was aus mir heute geworden wäre, hätte ich Helga nicht gehabt? Vertrocknete Friedhofserde vielleicht. Könnte mir gut vorstellen, dass mich mein Vater „aus Versehen“, wie er sich rausreden würde, totgeschlagen hätte. Ehrlich gesagt, ich würde ihm das abnehmen. Er ist nicht von sich aus ein gefährlicher Totschläger, ich glaube, er bekommt seine Emotionen selten in den Griff. Dann gehen die Gäule mit ihm durch und er findet seine Beherrschung nicht mehr.
Meine Freunde fehlen mir. Die Leere der Wand verdeutlicht das, sie spiegelt meine derzeitige Situation wider. Es wundert mich nur, dass weder mein Alter noch Mutter mich nach Adelsheim zum Jugendknast begleitet hatten. Wahrscheinlich hatte sie die Haftstrafe getroffen, dass ich ihnen peinlich geworden bin. Verstehe, wer will sich in seiner behaglichen Welt mit einem Knacki abgeben? Einem Gescheiterten, der so gar nicht in den bürgerlichen Mief passt. Die unangenehmen Fragen der Nachbarn, „Na, wo ist Ihr Bub denn?“, würden vor allem Mam auf die Nerven gehen.
So habe ich mich alleine aufgemacht in die neue Welt, dem kleinstädtischen Adelsheim. Badisch-Sibirien wird die Gegend genannt, die am Ende des Schöpfungsprozesses erschaffen worden war. Hierhin kann man getrost die aus der Norm Gefallenen stecken. Wo die Region schon außergewöhnlich daherkommt, passen junge Menschen, die neben der Spur laufen, bestens hin. Sie werden durch keinerlei Ablenkung gestört. Hier, wo ich jetzt bin, treffen sich in der Nacht Fuchs und Hase und fallen sich um den Hals. Eine Idylle, die uns als Vorbild dienen soll. Bessere Menschen sollen wir werden, sagte gestern Dr. Schneider zur Begrüßung der Typen, die wie ich ihre Haftstrafe angetreten haben. Mit Frühsport zum besseren Menschen? Eine Frage, die mir auf der Seele brannte, seit mir Bertram die komischen Sportklamotten verpasst hatte.
Was verstehen die Leute wie dieser Schneider unter dem Idealbild eines Menschen? Darüber würde ich mich sehr gerne mit ihm austauschen, ich glaube, ihm wäre der Dialog höchst unangenehm.
Ich bin sehr gespannt, wie denn morgen mit dem Sport meine Korrektur hin zum beinahe perfekten Menschen aussehen wird?
Wie heißt es so passend: „Nur in einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist.“ Werde ich in diese römische Denkform gepresst? Wie gehen die Beamten vor, um aus mir den zu formen, den sie aus mir zu machen gedenken? Wer sagt ihnen, wie ich sein soll?
Die Nacht verlief höchst sprachlos, weil mir dieses Fragenpaket nicht aus dem Kopf verschwinden wollte. Ich quälte mich mit dem Gedanken, worin sie in mir einen verbesserungsfähigen Menschen sehen?
„Schrader, stehen Sie auf, in fünf Minuten hole ich Sie ab“, brüllte Bertram morgens um fünf Uhr. Viel Zeit blieb mir keine, ich beeilte mich, dass der Kreislauf auf Touren kam.
Wenn man den Knastaufsehern eines lassen muss: Sie halten ihre Versprechen. Pünktlich um 5 Uhr 5 stand Bertram an der Tür, klopfte als Zeichen, dass ich gefälligst parat zu stehen hätte und öffnete die Zellentür. Erst die vorschriftsmäßige Musterung, ob ich ja keine ...
„Ich trage keine Waffe bei mir“, sagte ich etwas beleidigt.
„Ich muss die Vorschriften einhalten“, rechtfertigte sich der Beamte. Mit mir machten sich vier andere Jugendliche auf den Weg zum besseren Menschen via Sport.
Erst trabten wir allmählich los, Bertram begleitete uns auf seinem E-Bike. Dreihundert Meter mochten wir zurückgelegt haben, als er dann „Jetzt sprinten“, sagte. Also beschleunigten wir das Tempo. Ich nahm die ersten Schweißtropfen wahr. „Schrader, nicht erlahmen, weiterlaufen“, munterte mich Bertram auf.
Der Weg führte plötzlich bergauf zu einer Anhöhe. Ich ahnte nicht, was der Beamte geplant hatte. Ich keuchte als letzter Teilnehmer hoch. Ich staunte nicht schlecht: ein ausgebauter Trimm-dich-Pfad. „Sie machen erst mal zwanzig Liegenstützen, Schrader“, hörte ich Bertram sagen und er lachte dabei. Als ich ihn ermattet angeblickt hatte, meinte er nur: „Wir sind kein Erholungsheim.“ Bei der fünfzehnten Liegestütze angekommen, stand er noch mit seinem Fuß auf meinem Rücken. „Nicht schlapp machen.“
„Sadist, Sie sind ein ekelhafter Sadist“, sagte ich, worauf er laut prusten musste. „Ich sehe, Sie haben Ihren Weg allmählich verstanden.“
„Welchen Weg?“
„Den Sie hier absolvieren werden.“
„Ist es der Weg zum besseren Menschen?“
„Nennen Sie ihn, wie Sie wollen.“
4
Wie eine ausgebombte Puppe hatte Gabi im Bett gelegen und starrte in die Leere. Sprachlosigkeit, weil sie das soeben Erlebte nicht in Worte zu fassen fähig gewesen war. Sie wurde vergewaltigt. Vom eigenen Ehemann, der ihr erst vor wenigen Jahren Liebe und Treue und so weiter geschworen hatte. Leere Worte. Ein Heuchler vor dem Herrn. Was hatte er denn unter Liebe verstanden? Sich zu holen, wonach der eigene Penis verlangte? Er hatte Druck, aufgestaute Triebe und dachte, er könnte diesen loswerden, indem er die Person, der er gesagt hatte, er wolle sie ehren, vergewaltigte?
Sie ekelte sich. Musste sich erinnern an Zeiten, wo sie Zweifel äußerte, wenn eine Bekannte oder Freundin behauptet hatte, sie wäre geschändet worden. Sie ertappte sich dabei, wie sie sich schämte, weil sie anderen eine Notgeilheit unterstellt hatte, Selbstverschulden, weil sie Opfer der Geilheit eines Mannes geworden waren. Sie sprach leise ein inneres „Tschuldigung“, sie hatte diesen Damen ganz sicher Unrecht getan. Das wurde ihr jetzt bewusst, wo sie am eigenen Leib miterleben musste, wie Franjo, den sie wenige Augenblicke zuvor noch mit „Schatz“ begrüßte, über sie herfiel wie ein Schakal über das Aas.
Sie versuchte, so etwas wie Ordnung in ihre chaotischen Gedanken zu bringen. Sie fragte sich, warum Franjo das ihr angetan hatte? War es nur, wie er sich ausgedrückt hatte, der „Druck auf dem Pinsel“ oder existierten gar versteckte Motive? Ein Dominanzgehabe, das ihm möglicherweise nicht bewusst geworden war?
„Keine Ahnung“, hörte sie sich leise sagen, „wie soll’s mit uns weitergehen?“ Zehn Minuten, die alles auf den Kopf gestellt hatten, nichts mehr hatte Bestand, wie es vorher der Fall gewesen war. Ihre Welt, ihr Selbstvertrauen und Fremdvertrauen wurden erschüttert. Sie wusste nicht mehr ein und aus, ob sie Franjo vertrauen konnte, ja durfte. Versteckte sich hinter seiner liebevollen Maske etwa ein kaltblütiger Verbrecher, der an ihr übte, was er vielleicht an anderen noch tun würde? Sie steigerte sich in die Vorstellung, ihr Mann wäre etwa ein Serienverbrecher und tarnte sich nur als liebevoller Ehemann.
Sie wünschte wegzugehen. Besaß jedoch nicht die Kraft, sich aus dem Bett zu hieven und Franjo, der es sich irgendwo in der Wohnung bequem gemacht hatte, unter die Augen treten zu müssen. Sie hatte nackte Angst, dass er weitermachte, wo er vor wenigen Minuten aufgehört hatte. Manche brauchten lediglich einen optischen oder sonstigen Reiz und schon drehen sie ihren Schalter um und rasten zur Furie aus. Loderte in ihrem Mann ein Feuer, das nur darauf wartete, von außen angefacht zu werden, um dann in einem Inferno eine Katastrophe anzurichten?
Sie wollte den Gedanken nicht weiterverfolgen. Sie erlaubte sich die Vermutung, Franjo hätte einen Ausnahmezustand durchlebt und sich nicht anders zu helfen gewusst, als sie gewaltsam zum Geschlechtsverkehr zu nötigen. Sie unterstellte ihm keine böse Absicht, vielmehr dachte sie, er ginge davon aus, sie wäre an einem einvernehmlichen Sex interessiert und wäre einverstanden gewesen. Nein, ihr Franjo verhielt sich bis heute absolut unauffällig und korrekt, konnte keiner Fliege etwas antun. Ein Ausrutscher, der ihm bestimmt nicht nochmal passieren wird. So war ihre Welt einigermaßen mit vielen Beulen und Kratzern, aber erkennbar, wiederhergestellt. Sie wäre auf dieser Basis durchaus gewillt gewesen, Franjo noch eine zweite Chance zu gewähren. „Jeder hat eine zweite Chance verdient“, sagte sie, „jeder Mörder kommt nach einigen Jahren wieder frei.“
Sie lag entspannt da, vergaß alles um sich, insbesondere die Zeit. Die Uhr schlug zehn Mal, also war es zweiundzwanzig Uhr. Ab da drängte es Franjo ins Bett, so auch an diesem Abend. Ihr Puls erklomm astronomische Höhen, Schweißperlen benetzten ihre Haut, ahnte nicht, was auf sie zukäme, wenn die Tür aufgeht und Franjo hereinkommt.
„Ach, du liegst bereits im Bett“, entfuhr es ihm.
„Äh ja. Willst du nicht noch etwas sagen?“
Franjo starrte sie entgeistert an, grübelte, was sie gemeint haben könnte.
„Was soll ich denn sagen?“
„Eventuell ‚Entschuldigung‘.“
„Hä, was habe ich dir getan?“
Jetzt ergriff die Sprachlosigkeit die Macht über Gabis Gedanken. Sie weinte, unterbrach den wässrigen Prozess und antwortete. „Franjo, du hast mich vergewaltigt!“
„Nee, kann nicht sein, kompletter Filmriss.“
Jetzt bekam Gabi eine unbeherrschbare Panik: „Ich halte es nicht mehr aus, muss weg von hier.“
5
Ich hatte nun einen Vorgeschmack bekommen, von dem, was mich erwartete. Überhaupt sehr übelriechend und schlecht verdaulich.
„Strafgefangener Schrader“, schnauzte mich Bertram an, „was gehen Sie in Richtung Ihrer Zelle?“
„Ich dachte ...“
„Was dachten Sie? Freizeit bekommen Sie, wenn eine wichtige Person der Anstalt sie erteilt. Sie bestimmen garantiert nicht, wann Sie tun und machen können in den vier Wänden, die Ihnen zugewiesen wurden. Haben Sie mich verstanden?“
Ich sagte nichts. „Haaabeen Sie mich verstaaanden?“, wiederholte Bertram die Frage sehr langgezogen und in einem Ton, der die Gefängnismauern zum Einsturz bringen würde.
„Ja“, sagte ich zwar leise, aber vernehmbar.
„Bitte? Habe nichts gehört.“
„Jaa“, schrie ich genauso, wie der Wachtmeister.
„Nicht so laut, bin im Gegensatz zu Ihnen weder taub noch schwer von Kapé.“
Die anderen bekamen den Dialog mit und grinsten sich was in ihr Fäustchen.
Ich blickte eindringlich den aufgeblasenen Bertram an. Er genoss die Situation, wie er mich wie ein leckeres Würstchen grillen durfte. Die Position, die Macht gewährte ihm diese Möglichkeit. Ob es wirklich ein Recht wäre, stand auf einem anderen Blatt.
Ich wartete auf das nächste Kommando. Jetzt, wo ich schon vom Lauf kaputt war.
„Los, mitkommen“, sagte er, während die anderen Jugendlichen Freizeit erhielten. Ich dagegen musste eine „Vorzugsbehandlung“ genießen.
„Ich zeige Ihnen den Sportraum“, sagte er und ich ahnte bereits, was mich erwartete.
„Sie klettern die Seile hoch. Zehn Sekunden und Sie müssen oben sein.“
„Zwölf Sekunden. Schwach Schrader“, bemerkte er und ich, dass er das erste Mal mich nur mit dem Nachnamen angesprochen hatte.
„Los nochmal“, sagte er und ich schwitzte wie ein Tier.
Ich musste an die anderen denken, sie hockten in den Zellen oder trieben sich auf dem Hof herum, ich nahm die Opferrolle eines zunehmend unangenehmer werdenden Wachtmeisters ein, der vermutlich orgiastische Anwandlungen hatte, während er mich quälte.
„Zehn Sekunden, Schrader, nicht elf“, sagte er unbarmherzig und hielt mir das Seil hin. Diesmal hatte ich es geschafft und war erschöpft. Ich hoffte inständig, die Schur hätte damit ein Ende gefunden, doch ich täuschte mich.
„Hier Acht-Kilo Hanteln. Jede wird fünfzigmal gestemmt.“ Mit allerletzter Kraft hatte ich auch diese Übung geschafft, der Sadist in Bertram gab nicht klein bei, er verlangte noch 30 Kniebeugen. Nach 20 Kniebeugen erlitt ich einen Kreislaufkollaps und Bertram bekam weiche Knie. Er alarmierte den Anstaltsdoktor, der absolutes Sportverbot ausgesprochen hatte.
