Ausgedruckt! - Jeff Jarvis - E-Book
Beschreibung

Journalismus und Nachrichtenwelt verändern sich stetig im Wandel der Zeit. Jeff Jarvis zeigt in seinem Buch die Möglichkeiten der Zukunft für das News­Business auf - provokativ und unterhaltsam. Der technologische Fortschritt hat die Nachrichtenbranche vollkommen umgekrempelt - die Beziehungen der einzelnen Marktteilnehmer untereinander, die Formate und auch ganze Geschäftsmodelle. Gleichzeitig bietet er eine endlose Palette von Möglichkeiten, bestehende Modelle zu verbessern, zu erweitern, neu zu denken und so in letzter Konsequenz wieder zukunftssicher zu machen. Dieses Buch untersucht auf kreative, provokante und unterhaltsame Art und Weise die möglichen Entwicklungen von News-Business und Journalismus - geschrieben von Jeff Jarvis, einem der internationalen Vordenker auf den Gebieten News, Journalismus und neue Formen der Kommunikation.

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Seitenzahl:320

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JEFF JARVIS

Ausgedruckt!

Journalismus im 21. Jahrhundert

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Geeks bearing gifts : imagining new futures for news ISBN 978-1-939293-73-2

Copyright der Originalausgabe 2014: © 2014 Jeff Jarvis. All rights reserved. Published by arrangement with OR Books, New York

Copyright der deutschen Ausgabe 2015: © Börsenmedien AG, Kulmbach

Übersetzung: Egbert Neumüller Covergestaltung: Holger Schiffelholz Gestaltung und Herstellung: Daniela Freitag Satz: Bernd Sabat, VBS-Verlagsservice Lektorat: Karla Seedorf

ISBN 978-3-86470-299-0eISBN 978-3-86470-300-3

Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Postfach 1449 • 95305 Kulmbach Tel: +49 9221 9051-0 • Fax: +49 9221 9051-4444 E-Mail: buecher@boersenmedien.dewww.plassen.dewww.facebook.com/plassenverlag

Für Steve Shepard – Dekan, Verleger, Mentor, Resonanzboden, Unterstützer und Freund. (Er ist an allem schuld.)

INHALT

EINFÜHRUNG

Nachrichtenbeziehungen, Formen und Modelle von Nachrichten

TEIL 1 | BEZIEHUNGEN

Keine Massenmedien mehr

Content vs. Service

Nachrichten als Plattform

Ökosysteme und Netzwerke

Engagement, Zusammenarbeit und Mitgliedschaft

Der Journalist als Organisator, Anwalt und Lehrer

TEIL 2 | FORMEN

Der Artikel ist tot – lang lebe der Artikel

Prozess vor Produkt: Die Aufwertung des Nachrichtenflusses

Kuratierung

Daten als Nachrichten

Die Neuerfindung der Fernsehnachrichten

Ungenutzte Technologien

TEIL 3 | MODELLE

Der bisherige Stand

Erst digital – und dann?

Effizienz – der Todesstoß

Spezialisierte Unternehmen als Bausteine von Nachrichten-Ökosystemen

Unternehmerische Ökosysteme

Werbung, der Mythos der Massenmedien und die Beziehungs-Strategie

Native Advertising: Pest oder Cholera

Paywalls

Spenden

Das Preisparadox der Information

Die Link-Ökonomie und das Creditright

Messgrößen

Das Kapital, eine Investition in die Zukunft

NACHWORT

Anmerkungen zur Journalistenausbildung

DANKSAGUNGEN UND ERKLÄRUNGEN

ANMERKUNGEN

EINFÜHRUNG

Nachrichtenbeziehungen, Formen und Modelle von Nachrichten

„Diese digitalen Visionäre sagen Leuten wie mir, wir würden sie einfach nicht verstehen. Sie sprechen von den Wundern der vernetzten Welt, von der Demokratisierung des Journalismus. Sie sagen, die Nachrichten seien heutzutage viral – und dafür sollten wir dankbar sein. Ich finde aber, wir sollten uns vor Computerfreaks hüten, die uns Geschenke bringen. Wir schreiben das Jahr 2009 – viraler, aber weniger profitabel. Weil Nachrichten Geld kosten. Weil Qualität Geld kostet. Weil kostenlos zu billig ist. Weil sich kostenlos nicht trägt. Weil kostenlos zu teuer ist.“

– LES HINTON, DAMALIGER CEO VON DOW JONES, VOR DEM WORLD NEWSPAPER CONGRESS IN HYDERABAD, INDIEN, AM 1. DEZEMBER 20091

Ich bin für die Geschenke der Computerfreaks an das Nachrichtenwesen dankbar. Die Technologie bietet ohne Ende Möglichkeiten, die Nachrichten zu verbessern, zu erweitern, umzugestalten und zu stärken. Ja, die Technologie hat auch die Nachrichtenbranche revolutioniert – ihre Beziehungen, ihre Formen und ihre Geschäftsmodelle. Aber ich werde in diesem Essay versuchen, nicht bei der flüchtigen Vergangenheit zu verweilen. Bill Grueskin und seine Ko-Autoren von der School of Journalism der New Yorker Columbia University untersuchten in ihrem White Paper „The Story So Far: What We Know About The Business of Digital Journalism“, wie unsere Branche dahin gekommen ist, wo sie heute steht.2 Auch „Post-industrial Journalism: Adapting to the Present“ von Emily Bell, Clay Shirky und Chris Anderson vom Tow Center der Columbia University schlug neue Möglichkeiten vor, wie Nachrichtenunternehmen die Chancen nutzen könnten, die die heutige Technologie bietet, um unser Handwerk zu aktualisieren, zu erweitern und zu verbessern.3 Ich möchte nun in die Zukunft blicken – oder vielmehr viele mögliche Zukünfte untersuchen. Ich will nicht vorhersagen, wohin der Journalismus gehen wird. Aber ich will mir vorstellen, wohin er als Nächstes gehen könnte und was in der Zukunft möglich ist.

Nach der Erfindung der großartigen revolutionären Technologie namens Druckerpresse dauerte es ein halbes Jahrhundert, bis das Buch seine eigene Form annahm. Am Anfang ahmten die Drucker noch die Arbeit der Schreiber nach und verwendeten Lettern, die deren Handschrift wiedergaben. Anfänglich wurde der Buchdruck als „automatisiertes Schreiben“ propagiert. Und immer noch definieren wir die Zukunft in den Begriffen der Vergangenheit. Autos waren „pferdelose Kutschen“, die von „Pferdestärken“ angetrieben wurden. Das Radio wurde als etwas beschrieben, das es nicht war: „drahtlos“. Bis heute „wählen“ wir beim Telefonieren und „legen auf“, obwohl diese Wörter ihre eigentliche Bedeutung längst verloren haben. Apropos: Wie lange wird es dauern, bis es absurd erscheint, „Smartphones“ immer noch als „phones“, also „Telefone“ zu bezeichnen, da wir sie doch immer weniger zum Sprechen benutzen und immer mehr als – ja, als was? – Computer, Verbindungen, Hilfsmittel, Gehirne …?

Im heutigen Internet sind Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernsehen noch deutlich als ihre eigenen Ahnen zu erkennen. Viele sind über die erste Phase der Adaption – die der Shovelware oder einfach des alten Weines in neuen Schläuchen – hinausgegangen und nutzen die zusätzlichen Online-Funktionalitäten. Es gab viele Ohs4 und Ahs5 über einen Artikel in der New York Times über eine Lawine mit eingebundenen Diaserien, Videos, Luftbildern und Grafiken.6 Das ist ja recht hübsch. Aber es immer noch das, was Journalisten eben tun: eine Geschichte erzählen. Die Times konnte den Artikel immer noch abdrucken, ohne dass dabei viel verloren ging. Wir sind an einem Ort angekommen, den manche als Ziel betrachten mögen, von dem ich jedoch hoffe, dass er nur eine Zwischenstation ist: beim ausgereiften multimedialen Geschichtenerzählen. Ich möchte aber, dass wir über die Geschichte – die Story – hinausblicken; der Artikel ist jetzt nur noch ein Werkzeug, das uns für die journalistische Arbeit zur Verfügung steht. Wir müssen unsere Suche nach Dingen fortsetzen, die heute im Gegensatz zu früher möglich sind, wir müssen neue Möglichkeiten finden, der Allgemeinheit unsere Dienste näherzubringen, und wir müssen neue tragfähige Modelle für diese Arbeit finden. Ich werde in diesem Essay versuchen, mir die Medien und ihre Chancen neu vorzustellen. Dabei werde ich ein Zeichen setzen, mir verschiedene Versionen der Zukunft vorstellen und auf die Herausforderung reagieren, die ich oft zu hören bekomme: „Und was jetzt, du Klugscheißer? Jetzt, wo dein verdammtes geliebtes Internet die Nachrichten ruiniert hat, was soll jetzt werden?“

Die Columbia Journalism Review, Jay Rosen und Clay Shirky von der New York University sowie Emily Bell von der Columbia University haben mir Beteiligung an einer verschwörerischen Intrige namens „Future of News“ (FON) vorgeworfen.7 „Im Kern ist der FON-Konsens anti-institutionell. Er ist der Meinung, die alten Institutionen müssten vergehen, um der vernetzten Zukunft Platz zu machen“, schrieb die CJR. „Das Establishment hat keinen Plan. Für die FON-Denker ist ,kein Plan‘ der Plan. Das Establishment leiert Regeln und Standards herunter; die FON-Denker reden von Freiheit und Zwanglosigkeit.“ Als ich den Autor dieser Beschreibung, Dean Starkman, 2012 bei einer Veranstaltung am Baruch College traf, bekannte ich freimütig, dass ich keine verflixte Ahnung habe, wie die Zukunft des Nachrichtenwesens aussehen wird.8 Die hat niemand.

Wenn ich einen Plan hätte, würde ich Möglichkeiten ausschließen, ich würde die Zukunft vorhersagen und sie verordnen. Aber das versuche ich gar nicht. Wenn wir die Zukunft heute definieren, tun wir das in Begriffen aus unserer Vergangenheit. Pferdelose Kutschen. Wir müssen noch viel Vorstellungsarbeit leisten. Und das tut der vorliegende Essay, er ist eine Übung in persönlichem Brainstorming – von der ich möchte, dass sich ihr Journalismus-Studenten, Journalismus-Dozenten, Journalisten, Verlage, Medienkonzerne, Technologen, Investoren, Aktivisten und alle, denen die Nachrichten und unsere Gesellschaft wichtig sind, unterziehen. Wenn wir uns nicht viele Zukünfte vorstellen, können wir keine einzige aufbauen. Zunächst müssen wir drei Grundannahmen der Branche über Nachrichten infrage stellen, sonst kommen wir nie über den Versuch hinaus, sie zu erhalten:

Erstens, dass die natürliche Rolle der Allgemeinheit in Beziehung zum Journalismus die Rolle der Masse sei, des Publikums – oder wie es mein Freund Rosen formulieren würde, die Rolle der „früher als Publikum bezeichneten Menschen“.9 Wer sind diese Menschen heute? Welche Rollen können sie spielen? Wie wirkt sich die Verschiebung der Rollen auf den Wert des Journalisten in der neuen Beziehung aus? Im ersten Teil des vorliegenden Essays werde ich mehrere mögliche Sichtweisen der Rolle des Journalismus in der Gesellschaft vorstellen: als Dienstleistung, als Schöpfer von Plattformen, als Organisator, als Anwalt, als Lehrer und als Inkubator. Ich werde darlegen, dass der Journalismus lernen muss, die Beziehung zu seiner Aufgabe zu machen. Das könnte meiner Meinung nach die Grundlage für eine neue Geschäftsstrategie der Nachrichtenbranche werden.

Zweitens, dass der Artikel die atomare Einheit und das notwendige Produkt des Nachrichtenwesens sei und dass Journalisten Geschichtenerzähler seien. Ich bin sicher, der Artikel wird ein Schlüsselwerkzeug der Journalisten bleiben, mit dem sie dem Strom der Nachrichten einen Mehrwert verschaffen – durch Erzählung, Organisation, Kontext, Zusammenfassung, Beispiel und Diskussion. Aber im zweiten Teil des vorliegenden Essays werde ich versuchen, über den Artikel/die Story hinauszugehen und andere Formen zu untersuchen, die Nachrichten annehmen könnten: als Daten (unser derzeitiger Liebling) und als Funktionalität, als Plattformen, als Ansammlungen von Informations-Assets, durch die viele Wege hindurchführen, als Content-Pflege, als Konversationen.

Drittens und letztens, dass man die alten Geschäftsmodelle in einer neuen Wirklichkeit neu schöpfen könne, dass die Newsrooms erhalten bleiben werden (oder nicht), dass die Printmedien überleben werden (oder nicht), dass die Menschen für Nachrichten bezahlen werden oder sollten (oder nicht), dass die Werbung die Nachrichten tragen muss (oder nicht tragen kann), dass Medienkonzerne die Nachrichten kontrollieren (oder sterben) werden. Ich glaube nicht, dass der Nachrichtenjournalismus gefährdet ist. Es wird immer mehr auf Nachrichten zugegriffen, das Interesse an Nachrichten wächst, der Bedarf wächst, die Möglichkeiten, Nachrichten zu teilen, und die Online-Diskussionen über Nachrichten nehmen zu. Ich glaube nicht, dass die Nachfrage das Problem ist. Die Geschäftsmodelle sind mit Sicherheit ein Problem (doch wenn wir sagen würden, die Geschäftsmodelle seien das einzige Problem, würden wir uns vormachen, der Rest des Journalismus brauche sich nicht zu ändern). Darum konzentriere ich mich im dritten Teil des Essays auf mögliche neue Modelle, darunter auch welche, die wir am Tow-Knight Center for Entrepreneurial Journalism untersuchen, dessen Leiter als Teil der Graduate School of Journalism der City University of New York ich bin. Ziel ist es, eine tragfähige – also profitable – Basis für das Nachrichtenwesen zu finden. Allerdings geht es in dieser Diskussion nicht nur darum, verlorene Einnahmen zu ersetzen; wir müssen auch neue Effizienzen prüfen, die bestimmt durch kleinere Nachrichtenunternehmen entstehen, die die Monopole ablösen. Vor allem müssen wir schauen, wo und wie der Journalismus das Wissen einer Gemeinschaft bereichert, und erst dann dürfen wir überlegen, wie er aus dieser Versorgung einen wirtschaftlichen Wert ziehen kann. Das heißt, die Nachrichtenbranche muss vielleicht die Vorstellung überwinden, ihre Aufgaben seien Content, Werbung und Verteilung. Vielleicht sollten wir uns fragen, ob Nachrichten nicht vielmehr – wie Google und Facebook – eine Dienstleistung sein sollten, die den Menschen hilft, ihre Ziele zu erreichen. Und damit komme ich auf die Beziehungs-Strategie der Nachrichten zurück und erforsche die Chance, neue Geschäftsmodelle aufzubauen, die mehr auf Wert als auf Volumen ausgerichtet sind.

Ich fordere uns auf, fast alle Annahmen über Nachrichten infrage zu stellen, aber sie auf keinen Fall alle abzulehnen. Im Angesicht der Disruption müssen wir etablierte Werte untermauern und erhalten. Steve Shepard, der Gründungs-Dekan der CUNY, betont immer wieder, wir müssten die ewigen Wahrheiten des Journalismus lehren, unter anderem Genauigkeit, Gerechtigkeit und Vollständigkeit. Diesbezüglich werde ich argumentieren, dass die entscheidende Frage, die sich Journalisten heute stellen müssen, lautet: Wie können wir in dem Nachrichtenfluss innerhalb einer Community Wert schöpfen, in einem Nachrichtenfluss, der heutzutage ohne vermittelnde Instanzen entstehen kann, also ohne Medien? Die Journalisten werden das weiterhin dadurch tun, dass sie versuchen, nicht gestellte Fragen zu beantworten, dass sie Berichte ergänzen und oft erzählerische Mittel einsetzen, um das Gefühl und den Kontext zu vermitteln, die heute dringender denn je nötig sind. Wenn sich die Journalisten anstatt ihres alten Produktionsethos – Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsendungen produzieren – darauf konzentrieren, wo sie einen echten Wert liefern können, dann können sie die Kommodifizierung und Entwertung ihres Berufsstands überwinden.

Ich beginne diese Übung mit einer breiten (manche finden, einer zu breiten) Definition des Journalismus: Communitys helfen, ihr Wissen besser zu organisieren, damit sie sich selbst besser organisieren können. Der Journalismus hat das schon immer versucht. Aber wir definieren uns inzwischen weniger durch unseren Wert und unseren Auftrag, dafür mehr durch unsere Medien und unsere Werkzeuge – Druckerschwärze auf Zeitungs- oder Hochglanzpapier, Töne oder Bilder über den Äther. Jetzt haben wir neue Werkzeuge, die wir nutzen können. Diese Werkzeuge verlangen neue Fähigkeiten und schaffen neue Werte. Aber im Grunde versorgen wir Bürger und Gemeinschaften. Ich werde diese Definition des Journalismus im Laufe des vorliegenden Essays auseinanderziehen und zusammendrücken wie ein Akkordeon. Ich werde sie drastisch einengen, wenn ich versuche, das essenzielle Wesen des Journalismus zu identifizieren, seinen größten Wert und seine wichtigste Dienstleistung, die wir in dieser Zeit der wirtschaftlichen Turbulenzen in der Journalismusbranche bewahren müssen. Ausweiten werde ich die Definition, wenn ich umfassende Nachrichten-Ökosysteme beschreibe, die viele Communitys, viele Interessen und viele Bedürfnisse bedienen können und die sich zu Netzwerken zusammenschließen können, die Inhalte, Publikum, Technologie, Unterstützung und wie ich hoffe auch Werbeeinnahmen teilen können.

Wir müssen den Internet-Erfindern in vielen Dingen nacheifern: Wie Vint Cerf und seine Kollegen Standards und Protokolle geschaffen haben, die das Prinzip durchsetzen, dass jeder mit jedem sprechen kann;10 wie Sir Tim Berners-Lee das einfache Link eingeführt hat, um Menschen und Informationen miteinander zu verbinden; wie Google versucht, die Informationen dieser Welt zu organisieren und zugänglich zu machen (von der Neuerfindung der Werbung ganz zu schweigen); wie Wikipedia ein ähnliches Ziel verfolgt (ohne Werbung); wie Mark Zuckerberg eine Plattform schuf, um Menschen miteinander zu verbinden; wie Blogger, WordPress und Movable Type Plattformen schufen, die jedermann in die Lage versetzen, mitzuteilen, was er zu sagen hat; wie Twitter sich selbst damit überraschte, dass es zu einem Tool wurde, mit dem man die Welt auf den neuesten Stand bringen kann – mit Nachrichten; wie Tumblr und Pinterest erkannten, dass man das Interesse zum Motor der Distribution machen kann; wie YouTube es möglich machte, Content überall einzubetten; wie Reddit versuchte, die Energie, die Kommentare speist, in Kollaborationen zu kanalisieren; wie Kickstarter, Indiegogo und jetzt auch Beacon Readers die Freigebigkeit der Masse nutzbar machen; wie Amazon Plattformen aufbaute und aus den von uns erzeugten Signalen lernte, um uns mit mehr Relevanz zu bedienen. Wir können auch viel von dem Instinkt dieser Innovatoren lernen, zu experimentieren und die Richtung zu ändern (sie nennen das „umschwenken“), außerdem von ihrer Bereitschaft oder gar Begierde, zu lernen und zu scheitern. Das sind die Geschenke der Computerfreaks.

Wir müssen nach den Gelegenheiten suchen, die die Technologie und ihre Disruption mit sich bringen. Ich hoffe, dass mich alle Leser des vorliegenden Essays darin übertreffen, noch mehr und bessere Wege zu finden, die sich erkunden lassen – und sie auch zu erkunden. Ich hoffe, die Diskussion über den Wandel der Nachrichten von ihrer verlorenen Vergangenheit in ihre Zukunft – in ihre vielen möglichen Zukünfte – mitzuverfolgen.

TEIL 1: BEZIEHUNGEN

 

KEINE MASSENMEDIEN MEHR

„Eigentlich gibt es gar keine Massen“, schrieb der Soziologe Raymond Williams, „sondern nur Möglichkeiten, Menschen als Massen zu sehen.“11 Was wird ohne Massen aus den Massenmedien? Die Medien sind so konstruiert, dass sie Menschen in großer Zahl auf einmal auf die gleiche Art versorgen. Das Wunder unserer Branche besteht darin, dass wir das überhaupt geschafft haben – ein komplexes gedrucktes Produkt pünktlich herzustellen und zu verteilen oder die Technik zu nutzen, um Tag für Tag ungezählte Millionen über Funk und Fernsehen zu erreichen. Unsere Organisationen und Unternehmen sind auf Masse ausgelegt. Wir haben in die Massen investiert. Ja die Medien haben die Massen erfunden!

Ich höre immer noch Menschen meiner Altersgruppe lamentieren, dass das große gemeinsame Medienerlebnis der Cronkite-Ära dahingegangen ist, so als wäre es so gedacht, dass wir alle zur gleichen Zeit dasitzen und uns die gleichen Nachrichten in Form der gleichen Bilder anschauen. In Wirklichkeit war diese Ära aber nur kurz. Sie dauerte von der Mitte der 1950er-Jahre – als das aufkommende Fernsehen in den meisten amerikanischen Städten die Stimmenvielfalt der konkurrierenden Zeitungen vernichtete, sodass die einsamen Überlebenden allen das Gleiche servierten – bis Mitte der 1990er-Jahre, als das Internet aufkam, den Zeitungsmonopolen tödliche Verwundungen zufügte und die mediale Hegemonie des Fernsehens in Gefahr brachte. Doch das wahre Opfer des Netzes war nicht das eine oder andere Medium. Es tötete vielmehr die Idee der Masse.

Sollten wir die Menschen immer noch als Masse versorgen, jetzt, da wir sie als Individuen versorgen und uns individuell mit ihnen verbinden können? Ich werde im Laufe des gesamten Essays argumentieren, dass Beziehungen – also dass wir die Menschen als Einzelpersonen und Gemeinschaften kennen, damit wir sie mit größerer Relevanz versorgen und daher mehr Wert schöpfen können – für Medien-Geschäftsmodelle eine für das Überleben und den Erfolg unentbehrliche Notwendigkeit sein werden. Natürlich werden wir immer noch Content produzieren. Aber der Content ist nicht das Endprodukt. Er ist nur eines der Werkzeuge, die wir benutzen werden, um unsere Communitys und ihre Mitglieder zu bedienen. Mag sein, dass Content immer noch einen inneren Wert haben wird, weil er verkäuflich ist. Aber heutzutage besitzt er auch einen Wert als Mittel, um etwas über eine Person zu erfahren: wofür sie sich interessiert, was sie weiß und wissen will, wo sie lebt, was sie tut – das sind alles Signale, die eine Nachrichtenorganisation in die Lage versetzen, der Person einen größeren Wert zu liefern und dafür größere Treue, mehr Engagement und mehr Einnahmen zu ernten. So arbeiten Google, Facebook und Amazon.

Leider ist das Nachrichtenwesen nicht so konstruiert, dass das geht. Im Offline-Bereich haben wir die Namen der Leser in den Abonnentenlisten, dazu ihre Adressen und Kreditkartennummern, damit wir kassieren und liefern können. Im Online-Bereich hingegen – selbst wenn wir ihre E-Mail-Adressen erfasst oder von ihnen verlangt haben, sich namentlich zu registrieren, haben wir immer noch keine Möglichkeit, ihre individuellen Bedürfnisse und Interessen zu erfassen, zu verstehen und zu bedienen. Wir kennen sie nicht. Wir zählen sie nur. Wir wollen immer noch, dass sich die anonymen „Unique User“ zu einer kritischen Masse summieren, damit wir sie mit „Pageviews“ versorgen und diese en masse an Werbekunden verkaufen können. Das sind die Kennzahlen der Massenmedien, an denen wir nach wie vor den Erfolg messen.

Ich kenne mehr als nur eine lokale Nachrichten-Website, die sich bei der Suchmaschinen-Optimierung dermaßen angestrengt hat, dass sie Millionen User und Pageviews von außerhalb ihres Marktes anlockte. Für die lokalen Werbekunden, die fast die gesamten Einnahmen dieser Websites stellen, sind diese Nutzer aber wertlos. Die Nutzer außerhalb des Marktes machen entweder die Performance der lokalen Werbung kaputt – wer klickt schon auf ein Verkaufsangebot, das tausend Meilen entfernt ist? – oder sie bekommen Werbung von geringem Wert beziehungsweise Restwerbung. Ich habe solche Websites gebeten, den Wert von Usern innerhalb ihres Marktes und außerhalb ihres Marktes zu berechnen, und es kam heraus, das Erstere 20-mal so viel wert sind wie Letztere. Da haben wir also den ersten Baustein für den Aufbau einer Beziehung zu einem Nutzer: Wohnt er in meinem Markt? Das hat nichts mit Big Data zu tun, das ist „Small Data“. Als Nächstes sollte ein Nachrichtenunternehmen in Erfahrung bringen, wo die Person wohnt und arbeitet, damit es ihr Nachrichten aus dem Umkreis ihres Wohnorts und Restaurantkritiken für den Umkreis ihres Arbeitsplatzes liefern kann. Wieder Small Data. Dann möchte es vielleicht die Interessen der betreffenden Person erfahren, ihr Geschlecht, ihr Alter, ob sie verheiratet ist und Kinder hat. Das wird sie uns nicht mitteilen, bloß weil wir das wollen oder von ihr verlangen – wie oft haben Sie in nervtötenden Registrierungsformularen schon gelogen? Sie wird sich uns nur offenbaren, wenn sie dafür eine Gegenleistung bekommt, wenn sie sich auf ein freiwilliges Geschäft einlässt, das sich auf gegenseitigen Wert gründet. Wenn wir erfahren wollen, wo eine Person wohnt und arbeitet, könnten wir doch beispielsweise einen Verkehrs-Informationsdienst einrichten, der sie beim täglichen Pendeln unterstützt. Das geschieht nicht unbedingt in Form von Content, wie wir ihn kennen: Artikel nach dem Prinzip der umgekehrten Pyramide. Stattdessen sollte ihr der Dienst Funktionen wie eingebettete Landkarten von Google oder Waze bieten, Fahrpläne, die sich nachprüfen lassen, und eine Plattform, auf der Pendler Tipps austauschen, Klagen loswerden und Warnungen bezüglich ihrer gemeinsamen Arbeitswege absetzen können. Siehe beispielsweise CleverCommute.com.

Sobald wir mehr über die Person wissen, können wir ihr relevantere Dienstleistungen sowie relevantere Werbung oder Angebote liefern, sodass sie weniger Zeit auf Content verschwendet, der sie nicht interessiert, und Geschäftsleute weniger Geld dadurch verschwenden, dass ein zwei Stunden entferntes Restaurant angepriesen wird oder versucht wird, Großeltern Kinderwägen zu verkaufen. Der Content und die Dienstleistungen, die wir dieser Person liefern, müssen natürlich immer noch Nachrichten enthalten, von denen wir glauben, dass jedermann sie erfahren will – über den Gouverneurs-Wahlkampf oder den bevorstehenden schweren Sturm –, aber generell sollte der Content nach und nach mühelos klüger auf die betreffende Person zugeschnitten werden: Er wird personalisiert, indem der Schwerpunkt auf Meldungen über die Stadt liegt, in der sie wohnt, auf der Schule, die ihre Kinder besuchen, auf ihrem Interesse an Tennis und auf dem Unternehmen, in dem sie arbeitet.

Die Medienleute müssen beziehungsbezogene Schlüsselkompetenzen erlernen: wie man Menschen Dienstleistungen liefert, die ihnen einen Grund geben, sich zu offenbaren; wie man Vertrauen aufbaut, damit sie das tun; wie man die betreffenden Daten sammelt; wie man sie analysiert; wie man anhand dieser Daten zum Wohle der Nutzer handelt; und wie man sie wirtschaftlich ausbeutet. Entscheidend ist, dass wir Wert liefern, bevor wir Wert herausschlagen. Genau das tut Google, indem es kostenlose Dienste wie Mail, Maps, Calendar, Drive, Docs, Plus, Hangouts und YouTube anbietet. Und deshalb hat Google neben der Suche neue Geschäftsfelder betreten, vor allem im Mobile-Bereich. Jede dieser Dienstleistungen generiert auf Personen bezogene Signale, aufgrund deren Google den Nutzern Relevanz und Wert liefern kann, wodurch sich im Gegenzug ein unsagbarer Wert für Google aufbaut. Indem ich auf meinem Android-Handy Google Maps benutze, teile ich Google frohgemut mit, wo ich bin und wohin ich will, damit mir Google hilft, hinzukommen. Daher weiß Google, wo ich wohne und arbeite, aber meine Lokalzeitung weiß es nicht. Ich sage Google, wonach ich suche, damit es mir helfen kann, es zu finden. Ich sage Google, wer meine Freunde sind, damit sie mir Empfehlungen übermitteln können. Damit verstoße weder ich noch Google gegen den Datenschutz. Ich entscheide mich freiwillig dafür. Ich ziehe Nutzen aus einer Beziehung, die sich auf Informationen, Dienstleistungen und Vertrauen gründet. (Klingt das nicht nach der Basis für eine neue Mission der Nachrichtenmedien?)

Der nächste Grenzbereich für Google, Amazon und zahllose andere Unternehmen von der Kreditkartengesellschaft bis zum Kuponservice ist, näher an unsere Transaktionen heranzukommen. Das wird ihnen die wertvollsten Daten liefern und ist ein Grund, weshalb Google und Amazon damit experimentieren, bestellte Ware noch am gleichen Tag zu liefern; damit treten sie gegen viele örtliche Einzelhändler an, die in Zeitungen werben (ein weiterer Stein, der aus unserem Jenga-Turm gezogen wird). Sie alle kämpfen darum, zu erfahren, wer wir sind, wo wir sind und was wir wollen. Sie versuchen Möglichkeiten zu finden, wie sie uns dazu verhelfen können. Diese Fähigkeiten werden der Schlüssel zur Wiederauferstehung zumindest der Zeitungen (also lokaler Medienunternehmen) und der Zeitschriften (also interessenorientierter Medienunternehmen) und vielleicht auch des Rundfunks (der massenhaftesten Massenmedien) sein.

Eine lokale Online-Nachrichten-Website sollte wissen, wo Sie wohnen und was Ihnen wichtig ist. Sie sollte mehr Chancen als ein gigantisches, globales Unternehmen wie Google haben, mehr über Sie zu erfahren, denn das kann ihr helfen, Sie über Ihre Stadt zu informieren (und so zu erfahren, wo Sie wohnen, und vielleicht auch, welche Themen Ihnen wichtig sind; sie kann Ihnen helfen, durch Empfehlungen Ihrer Nachbarn gute Restaurants zu finden (und so herausfinden, dass Sie Vegetarier sind); sie kann Ihnen helfen, sich zu amüsieren (und erfahren, welche Sportarten Sie verfolgen und welche Art von Musik und Kinofilmen Ihnen gefällt); sie kann Sie mit den Mitgliedern einer Community in Kontakt bringen (und beispielsweise feststellen, ob Sie Kinder haben oder Wrestling-Fan sind). Nachrichtenorganisationen können solche Informationen nutzen, um die Lieferung dessen, was sie sowieso schon herstellen, zu personalisieren – das ist der leichte Teil; sie sollten sie aber auch nutzen, um ihre Prioritäten und den Einsatz ihrer Ressourcen für den Aufbau von Dienstleistungen zu nutzen. Ich beriet About.com, als es von der New York Times gekauft wurde. In diesem Unternehmen untersuchten Journalisten die Suchanfragen, durch die die Leser auf seine Website gelangt waren. Wenn die Menschen Fragen gestellt hatten, auf die About.com keine vorbereiteten Antworten hatte, schrieben diese Mitarbeiter sie. Das war für mich ein Aha-Erlebnis. Sollten nicht alle Nachrichtenorganisationen solide Instrumente haben, um auf die Bedürfnisse und die Wissbegier des Publikums zu lauschen? Nun werden einige Journalisten sagen, ihre Arbeit solle nicht durch die Wünsche des Publikums diktiert werden, denn sonst würden wir ihm nichts anderes vorsetzen als … nun, nichts anderes als den Klatsch und Tratsch, mit dem wir es ohnehin schon im Überfluss füttern. Es ist aber nichts Falsches daran, auf die Menschen zu hören, die wir bedienen. Wenn man feststellt, dass ein Markt Tausende von Krebspatienten enthält, warum sollte man da nicht einen Onkologen-Blog und eine Krebs-Community einführen? Wenn man erfährt, dass sich die Menschen über den Service der Bahn aufregen, ist das doch der beste Grund, einen Reporter darauf anzusetzen.

Für Zeitschriften könnten Beziehungskompetenzen sogar noch wichtiger sein. Vor ein paar Jahren wurde ich gebeten, auf einer Konferenz der Zeitschriftenbranche an einer Podiumsdiskussion teilzunehmen. Ein paar Tage vor der Veranstaltung rief mich der Veranstalter an und sagte: „Ähm, Jeff, wirst du sagen, dass die Zeitschriften zum Untergang verurteilt sind?“ Noch bevor ich antworten konnte, setzte er hinzu: „Falls ja, könntest du dann bitte nicht kommen?“ Da fragte ich mich, ob die Zeitschriften Anlass zur Hoffnung haben. Ich kam zu dem Schluss, eigentlich müsste ihnen der Übergang in die Online-Welt gelingen, denn in ihrem Umkreis gab es ohnehin schon Communitys mit gemeinsamen Interessen, und das Netz eignet sich gut für Communitys. Inzwischen sieht es allerdings so aus, als könnte ich mich geirrt haben. Gourmet, Mademoiselle und Parenting sind tot. Viele andere Titel sind geschrumpft und leidend. Die einst gepriesene Time Inc. – Objekt der Begierde zunächst von Warner Bros. und dann von AOL – wurde aus Time Warner verbannt, um ihr schlechtes Karma von dem Unterhaltungsimperium fernzuhalten. Früher liebte ich Zeitschriften. Ich kaufte sie kiloweise. Ich arbeitete für sie. Ich gründete sogar eine, Entertainment Weekly. Aber jetzt kaufe ich keine mehr, weder gedruckt noch auf meinem Tablet. Ebenso wie die Zeitschriftenkönigin Tina Brown lese ich kaum noch Zeitschriften.12 Trotzdem gebe ich sie genauso wenig auf wie die Zeitungen. Beide haben nach wie vor sehr großes Potenzial, Menschen über bestimmte Interessengebiete oder bestimmtes Gedankengut zu informieren und so den Communitys und ihren Mitgliedern einen Wert zu liefern.

Wenn wir im Medienbereich neue Kompetenzen aufbauen wollen, die mit Beziehungen zu tun haben, müssen wir zunächst aufhören, die Menschen als Masse zu sehen. Wir müssen sie kennenlernen und sie dann als Individuen und Communitys bedienen. Und dann müssen wir – wie ich im dritten Teil des Essays näher darlegen werde – unsere Erfolgskriterien von anonymen Massen-Kennzahlen – Auflage, Unique User, Pageviews, E-Mail-Adressen – auf Beziehungs-Kennzahlen umstellen.

Wie viele Menschen kennen wir (zwar nicht mit Namen, aber nach Wohnort, Bedürfnissen, Interessen, Verhalten)?

Wie viele Gründe, uns mehr über sie erfahren zu lassen, geben wir diesen Menschen (welche relevanten Dienstleistungen bieten wir an)?

Wie viel wissen wir über jeden Einzelnen (wie viele Small Data über jede Person haben wir gesammelt)?

Wie gut können wir diese Informationen zu ihrem Vorteil ausnutzen?

Wie gut können wir diese Informationen zu unserem Vorteil ausnutzen – durch Werbung, Gebühren, Daten, Veranstaltungen oder andere Modelle (die ich im letzten Teil des Essays behandeln werde)?

Welche Communitys existieren innerhalb unseres Nutzerkreises (denn da sie keine Masse sind, sind sie auch kein einheitliches Publikum, keine einzelne Community)?

Und nun ein für den Journalismus sehr wichtiges Kriterium: Wie informiert sind die Mitglieder unserer Community? So gut informiert, wie sie es wünschen? Dafür müssen wir die Menschen zunächst nach ihren Bedürfnissen und den gewünschten Ergebnissen fragen und ihnen zuhören, und erst dann müssen wir die besten Mittel finden, um diese Bedürfnisse zu befriedigen: mithilfe von Plattformen, die sie teilen können, mithilfe von Bildung, mithilfe frei zugänglicher Daten, mithilfe von Berichterstattung und Erzählungen/Narrativen. Und dies bringt uns zum wichtigsten Kriterium für journalistischen Wert: Haben die Menschen, die wir versorgen, ihre Ziele erreicht?

 

CONTENT VS. SERVICE

Ist die Nachrichtenbranche wirklich ein Content-Gewerbe? Sollte sie eines sein? Vielleicht tappen wir in eine Falle, wenn wir uns selbst als Content-Schöpfer definieren. Diese Weltsicht überzeugt uns davon, unser Wert sei vollständig in dem enthalten, was wir machen – nicht in der Ware, die die Menschen daraus beziehen. Die Überzeugung, unser Beruf, unsere Aufgabe, bestehe darin, ein Produkt namens „Content“ zu produzieren, veranlasst uns, um dieses Produkt herum Paywalls hochzuziehen – zu argumentieren, das Publikum solle für das, was wir machen, bezahlen, weil es uns Geld kostet, das zu machen, und weil es außerdem ja schon immer dafür bezahlt hat. Das motiviert uns, mithilfe des Urheberrechts für den Schutz unseres Contents vor etwas zu kämpfen, das in unseren Augen Diebstahl ist – anstatt den Wert zu erkennen, den Content und die darin enthaltenen Informationen bringen können, indem sie Beziehungen speisen. Als Content-Schöpfer isolieren wir uns vom Publikum, während wir unser Produkt erstellen, so lange, bis wir es fertig haben und veröffentlichen, weil unsere Produktions- und Vertriebsmittel das lange Zeit verlangten; erst jetzt lernen wir, während dieses Prozesses zu kollaborieren. Unser Monopol auf die Produktionsmittel brachte uns außerdem zu der Überzeugung, wir könnten das knappe Gut namens Content besitzen, kontrollieren und seinen Preis bestimmen.

Aufgrund dieser Umstände waren wir auf ein technisches Zeitalter schlecht vorbereitet, in dem Ausdrucke nichts kosten; in dem Content und Konkurrenz im Überfluss vorhanden sind; in dem Informationen zur Massenware werden, sobald sie per Link und Klick weitergegeben werden können; und in dem der Wert von Informationen – bevor sie verbreitet und bekannt gemacht werden – eine Halbwertszeit im Millisekundenbereich haben. Nun zeigt sich, dass Content kein gutes Geschäft mehr ist.

Die Behauptung, wir seien nicht im Content-Gewerbe tätig, besagt, Journalisten seien nicht in erster Linie Geschichtenerzähler: Das ist hochgradig ketzerisch. Diese Vorstellung entzieht allem den Boden unter den Füßen, was wir über unser Handwerk glauben und was uns daran lieb und teuer ist: unseren Stellenbeschreibungen, unseren Produktionsprozessen, unserem rechtlichen Status, unseren Erfolgskriterien und auf jeden Fall unseren Geschäftsmodellen. Doch keine Angst: Content wird weiterhin wertgeschätzt werden. Doch möglicherweise wird der Wert von Content eher darin liegen, dass er ein Mittel ist, kein Zweck, und sicherlich ist er nicht unser einziges Produkt.

Aber wenn nicht der Content unser Beruf ist, was dann? Betrachten Sie den Journalismus als Dienstleistung. Content – zu Deutsch „Inhalt“ – ist etwas, das etwas ausfüllt. Eine Dienstleistung leistet etwas. Damit Nachrichten zur Dienstleistung werden, müssen sie sich eher auf Ergebnisse als auf Produkte konzentrieren. Was sollte das Ergebnis von Journalismus sein? Das scheint auf der Hand zu liegen: besser informierte Individuen und eine besser informierte Gesellschaft. Aber wer soll definieren, was „informiert“ bedeutet, und wer soll den Erfolg messen? Die Journalisten oder die Kritiker? Jay Rosen forderte mich auf Twitter mit der Aussage heraus, wenn Journalismus eine Dienstleistung sei, brauche er auch Service-Konditionen. Und sollte nicht die Öffentlichkeit diese Konditionen bestimmen?

Bisher meinen die Journalisten, es sei ihre Aufgabe, die Öffentlichkeit zu informieren, und Aufgabe der Verleger sei es zu entscheiden, was die Öffentlichkeit erfahren soll. Wir bestimmen die Service-Konditionen. Wir definieren, was es bedeutet, ein informierter Bürger zu sein. Oft beschweren wir uns ja auch, ein zu großer Teil der Gesellschaft sei schlecht informiert. Lassen wir diese paternalistische Haltung gegenüber der Öffentlichkeit, die wir mit unseren Diensten versorgen, einmal beiseite. Wenn wir nicht glauben, dass die Öffentlichkeit informiert sein will, können wir genauso gut die Demokratie, die Marktwirtschaft und die Bildungsideale aufgeben, vom Journalismus gar nicht zu reden. Ich bin zuversichtlich, dass es weiterhin einen Markt für und eine Nachfrage nach Informationen gibt, die eine Gesellschaft braucht, damit sie funktioniert. Wenn wir die Hoffnung bewahren wollen, dass sich der Journalismus halten kann, muss dies ein Glaubensartikel sein.

Erkennen wir außerdem an, dass die Allgemeinheit – gemäß einer oft und oft falsch zitierten Formulierung von Dan Gilmour – mehr weiß als wir.13 Deshalb haben wir nicht nur die Aufgabe, die Öffentlichkeit zu informieren, sondern auch, ihr dabei zu helfen, sich gegenseitig zu informieren. Wenn früher jemand etwas wusste, was andere wissen mussten, hatten wir nur begrenzte Mittel, dieses Wissen zu verbreiten: Ein Reporter ging zu dem betreffenden Fachmann, Zeugen oder Politiker, ließ sich Fragen beantworten, und die Nachrichtenorganisation veröffentlichte das, was sie erfahren hatte. Doch heute stehen uns mehr Instrumente zur Verfügung, mit denen Communitys unmittelbar untereinander kommunizieren können. Darum sollte unsere erste Aufgabe zwecks Erweiterung der journalistischen Dienstleistungen vielleicht darin bestehen, dass wir Plattformen anbieten, auf denen Individuen und Communitys „ihre eigenen Informationen“ suchen, offenlegen, sammeln, teilen, organisieren, analysieren, verstehen und verwenden können. Oder noch besser: dass wir dafür bereits existierende Plattformen benutzen, von Twitter über Facebook bis Reddit. Das Internet hat bewiesen, dass es Communitys helfen kann, sich selbst zu informieren – indem die Menschen über Twitter teilen, was vor sich geht, über Wikipedia, was man weiß, und über Konversationstools, was ihnen wichtig ist. Kommentare, Blog-Posts und Tweets zapfen – ungeachtet ihrer häufigen Banalität, Wiederholungen und oft auch Grobheit – das kulturelle Bewusstsein an.

Natürlich gibt es vieles, was eine Community wissen muss, das aber nicht in diesem Informationsaustausch vorhanden ist. An diesem Ansatzpunkt können und sollten Journalisten das Wissen einer Community dadurch ergänzen, dass sie Fragen stellen, die noch nicht beantwortet wurden – durch Berichterstattung und Recherchen; indem sie Zusammenhänge und Erklärungen liefern; indem sie Fachwissen finden und in die Diskussion einbringen; indem sie Vertrauenswürdigkeit und Autorität in die Waagschale werfen; indem sie Fakten prüfen und Annahmen oder Gerüchte entlarven; indem sie Informationen durch Erzählungen oder Bilder/Grafiken zugänglich machen; und indem sie Informationen redaktionell bündeln und präsentieren, pflegen und offenlegen. Die meisten der genannten Kompetenzen sind „alt“, das machen Journalisten schon lange, nur heute eben schneller. Manche sind aber neu und wurden erst durch die Technologie möglich: Daten so präsentieren, dass das Publikum sie abfragen kann; Tools erstellen; Diskussionen einberufen; Aktivitäten organisieren. Also: Ja, Journalisten werden gebraucht. Aber wir haben nicht mehr wie Torwächter das Monopol auf die Verbreitung von Informationen und diese Verbreitung ist nicht mehr die richtige Nutzung unserer knappen Ressourcen. Ohne Informationsmonopol können wir nicht mehr behaupten, uns stehe die Entscheidung zu, was die Öffentlichkeit erfahren sollte. Heute können die Menschen ohne uns leichter herausfinden, was sie unbedingt wissen wollen. Und je mehr wir ihnen helfen, das selbst zu tun, umso besser: Die Allgemeinheit ist besser informiert, die Journalisten haben mehr Möglichkeiten, ihren Wertbeitrag zu leisten, und die ganze Nachrichtenunternehmung kostet weniger.

Diese Idee des ergebnisorientierten Journalismus verlangt, dass wir die Öffentlichkeit respektieren und dass wir respektieren, was sie weiß und was sie wissen will. Dies zwingt uns, nicht mehr zu meinen, wir wüssten etwas besser als die Öffentlichkeit. Es veranlasst uns, Systeme zu erstellen, mit denen wir das Wissen der Allgemeinheit sammeln können. Bedenken Sie, dass dies die entscheidende Erkenntnis war, die Larry Page und Sergey Brin dazu veranlasste, die Suchmaschine und das Geschäftsmodell von Google zu erfinden: Sie vertrauten auf die Klicks der Nutzer. Sie schufen ein System, das diese Klicks beobachtet und daraus lernt. Mithilfe dieser Daten trugen sie dazu bei, das Wissen dieser Welt zur organisieren, es zugänglich und für jeden einzelnen Nutzer relevant zu machen. Hört sich das nicht auch wie eine Neuformulierung des wahren journalistischen Auftrags an?

Ich möchte diese Gedanken auf ein praktisches Beispiel anwenden: Als 2012 der Hurrikan Sandy über New Jersey – wo ich wohne – und über New York – wo ich arbeite – hereinbrach, waren meine Informationsbedürfnisse klar: Ich wollte wissen, welche Straßen gesperrt waren, wo der Strom ausgefallen war, wo die Elektrizitätswerke arbeiteten, welche Tankstellen geöffnet waren und Vorräte hatten, welche Geschäfte und Restaurants geöffnet waren (und Wi-Fi hatten) und welche öffentlichen Verkehrsmittel fuhren. Die meisten dieser Informationen – dieser Daten – stellt man am besten in Form laufend aktualisierter Listen dar. Aber die Nachrichtenmedien veröffentlichten meistens Artikel, die nur einen Überblick über diese Daten boten – der unter Garantie unvollständig, veraltet und dadurch letztlich falsch war. Diese Erzählungen, die mir mitteilten, dass viele Bäume umgestürzt waren und viele Häuser keinen Strom hatten – gewürzt mit Zitaten von Nachbarn – sagten mir nichts, was ich nicht ohnehin schon wusste, und nichts, was ich brauchte. Die Schwächen des Artikels sind eine notwendige Bedingung unserer früheren Produktionsmittel und des Geschäftsmodells, das sich daraus ergab. Wir mussten die Informationen in die Begrenzungen von Druckseiten oder Sendungen hineinpacken – und somit in Storys. Wir konnten uns nur eine bestimmte Anzahl von Reportern leisten, die nur eine bestimmte Anzahl von Möglichkeiten hatten, sich auf direktem Weg Informationen zu beschaffen, und somit war unser Wissen notwendigerweise unvollständig. Doch diese Bedingungen gelten heute nicht mehr. Wir haben neue Möglichkeiten, mehr Informationen aus mehr Quellen zu beschaffen und sie dem Einzelnen so zur Verfügung zu stellen, wie er es braucht. Und wir haben die Mittel, herauszufinden, was der Einzelne braucht.

Stellen Sie sich vor, eine lokale Nachrichtenwebsite hätte eine einfache Landkarte ins Netz gestellt, in welche die Stadtbewohner Bilder ihrer Straßen und Viertel hätten einfügen können, und zwar mit Legenden – Metadaten –, die uns gesagt hätten, welche Straßen gesperrt waren und wo die Elektrizitätswerke gerade arbeiteten, dazu eine Zeitangabe als Hinweis auf die Relevanz. Die Website hätte dafür keine eigene Landkarte zu erstellen brauchen. Sie hätte dafür Funktionen von Google Maps, SeeClickFix (ein Service, über den Nachbarn Probleme in ihrem Umfeld melden können) oder Ushahidi (eine Open-Source-Plattform, mit der man Informationen sammeln und in Kartenform darstellen kann) nutzen können. Und dann hätte die lokale Nachrichtenorganisation ihre Macht, die Aufmerksamkeit der Community auf sich zu ziehen, nutzen können, um die Nachbarn aufzufordern, mehr Informationen zu teilen. Die Reporter der Nachrichtenwebsite hätten weitere Daten beitragen können, sie hätten Informationen von den Elektrizitätswerken und von der Kommunalverwaltung über die laufenden Arbeiten einholen können – und dann die Anwohner bitten, die Wahrheit der offiziellen Angaben zu bestätigen (oder eben nicht). Dies ist ein Beispiel dafür, dass es in der Stadt, in der ich wohne, an journalistischer Skepsis mangelte und dass die Journalisten nicht nachhakten. Indem eine Nachrichtenorganisation den Anwohnern und den Behörden die Mittel an die Hand gibt, Daten zu teilen, kann sie viele meiner Informationsbedürfnisse effektiv und effizient abhaken.

Und dort, wo das Häkchen fehlt – das