• Herausgeber: KBV
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2012
Beschreibung

Ganz Bochum freut sich auf den Mittelaltermarkt. Ganz Bochum? Nein - eine freut sich nicht: Maggie Abendroth. Die hat einen Job in einer Ochsenbraterei und wird in ihrem Mittelalterkostüm aussehen wie eine Schildkröte mit Kopfschmerzen. Schon am ersten Tag stellt sich heraus, dass der Ochse auf dem Grill gar keiner ist, dass Ritter nicht immer ritterlich und Zwerge nicht an allen Körperstellen klein sind. Auch Maggies nächstes Cateringprojekt, die Aftershowparty der Bochumer Nachtigall Dolores La Rose endet im Fiasko. So schlecht hat sie doch gar nicht gesungen, denkt Maggie - da wird es wohl ein anderes Motiv für ihre durchgeschnittene Kehle geben müssen. Bis sie die fünf wichtigen "W" (Wo, Wann, Wie, Wer und Warum) durchschaut hat, wird sie immer wieder durch die aufdringliche Präsenz ihres Ex von klaren Gedanken abgehalten. Lange genug, um in eine tödliche Falle zu tappen.

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Seitenzahl: 405

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Edda Minckausgeträllert

Edda Minck, Jhrg. 1958, lebt und arbeitet im Ruhrgebiet. Unter dem Pseudonym Minck & Minck wurden bisher drei Ruhrgebietskrimis veröffentlicht: »totgepflegt«, »abgemurkst«, »umgenietet« (Droste-Verlag); unter dem Pseudonym W.W. Domsky erschien im Jahr 2009 »Ehre, wem Ehre...« (Leda-Verlag).

»ausgeträllert – Maggie Abendroth und die letzte Fahrt der Nachtigall« ist der vierte Band der Maggie-Abendroth-Krimireihe.

Edda Minck

ausgeträllert

Maggie Abendroth unddie letzte Fahrt der Nachtigall

1. Auflage August 2010

2. Auflage September 2010

3. Auflage Oktober 2010

4. Auflage Januar 2011

5. Auflage Dezember 2011

© KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH, Hillesheim

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]rlag.de

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

Umschlagillustration: www.helgejepsen.de

Redaktion: Dr. Meike Fritz, Berlin

Druck: Aalexx Buchproduktion GmbH, Großburgwedel

Printed in Germany

Print-ISBN 978-3-940077-89-9

E-Book-ISBN 978-3-95441-083-5

Für meine schrecklich netteFamilie

Ensemble

Kapitel 1

Oh, nein ... Chef! Cheeef ...! Wolfi, lass das! Verflucht noch mal, Herr Heibuch!«, rief ich, denn ich hatte die Katastrophe kommen sehen. Trotz Hechtsprung kam ich zwei Nanosekunden zu spät, hing mit einem Ellenbogen in einer Ladung Krabbenhäppchen und musste mit ansehen, wie heiße Zartbitterschokolade über den Rand des Schokoladenbrunnens hinwegschwappte und sich über das blütenweiße Tischtuch und die daneben stehende Platte mit den Lachskanapees ergoss. Ich schubste Wolfi beiseite, der mit einem Dessertlöffelchen versuchte, die Schokoladen-Lava aufzuhalten. Hoch konzentriert biss er sich dabei auf die Zunge, schob seinen Unterkiefer nach vorne und knurrte den Schokoladenbrunnen an, als der kleine Löffel von der heißen, braunen Masse begraben wurde. Jetzt kam es für mich nur noch darauf an, Wolfi daran zu hindern, mit beiden Händen in der Schokolade nach dem Löffel zu fischen - was nicht so einfach war, denn der junge Mann war grundsätzlich nicht so leicht zu überzeugen.

Nicht dass Wolfi irgendeine wichtige Aufgabe bei diesem Job zu erledigen hätte – er hatte gar keine Aufgabe zu erledigen, und ich wusste auch nicht so genau, wo er plötzlich hergekommen war und warum, außer dass er immer aus dem Nichts auftauchte, um Unsinn anzustellen. Wolfi war der geistig etwas zurückgebliebene achtundzwandzigjährige Sohn meines Chefs. Allmorgendlich wurde er mit frisch gestärkter weißer Schürze und weißem T-Shirt wahlweise in die Cateringküche, die Metzgerei oder die Pommesbude der Heibuchs geschoben, und dann durfte er alles machen, was er wollte. Das Schlimme an der Sache war, Wolfi machte auch alles – was zu Verwirrung an den einzelnen Arbeitsplätzen in Günter Heibuchs vielfältigem Wattenscheider Familienunternehmen führte.

Das Gute daran war, ich konnte es nicht leugnen, dass ich ihm alle Katastrophen in die Schuhe schieben konnte, die eigentlich auf mein Konto gingen, denn von Pommesbude, Metzgerei und Catering hatte ich genauso wenig Ahnung wie eine Kuh vom Eistanzen. Wie alle Welt wusste, endete meine Küchenkompetenz bei Espresso, Schinkenröllchen und Spaghetti Carbonara. Für alles, was darüber hinausging, fehlte mir die Sachkenntnis und die Geduld, es herzustellen.

Wenn Wolfi einen guten Tag hatte, sagte er mir wenigstens, wo sich diverse Gerätschaften wie Messer, Schöpflöffel oder Kochtöpfe verbargen, die er täglich mit Akribie spülte und in der großen Cateringküche der Heibuchs neu sortierte. Dabei ging Wolfi durchaus systematisch vor; nur, welches Motto er an jedem Tag verfolgte, das war immer wieder eine Überraschung für diejenigen, die versuchen mussten dahinterzukommen, wenn sie arbeiten wollten – also wir. Es konnte passieren, dass seine Devise an einem Tag ›klein‹ und ›groß‹ war, was dazu führte, dass alle großen Sachen zusammengestapelt waren und alle kleinen. Also kleine Löffel, kleine Teller, kleine Tassen usw. Die größte Verwirrung hatte er angestellt, als er sich eines Tages vorgenommen hatte, die gesamte Küche nach dem Alphabet zu ordnen: Abtropfsiebe über Auflaufformen, Brotschalen neben Buttermessern, Chilipulver in der Chinapfanne, obwohl er da ins Schleudern geraten war, weil er durchaus wusste, dass das Ding auch Wok genannt wird. Also hatte er in seiner Not beschlossen, einen Wok auf die Waage zu stellen und einen über die Tüte mit Chilipulver zu stülpen. Wolfis Ordnungswut kannte keine Grenzen, und sämtliche Mitarbeiter bei Heibuch waren sich darüber einig, dass sein Hirn explodieren würde, sollten ihm eines Tages die Ordnungssysteme ausgehen.

Mittlerweile hatte Wolfi den Dessertlöffel wiedergefunden und hielt ihn mir lachend entgegen. Die Schokolade tropfte über seine Schürze, floss über sein Handgelenk und versickerte im Ärmel seiner weißen Kochjacke. Ich zog den Stecker des Schokoladenbrunnens aus der Steckdose. Dann versuchte ich, Wolfi den Löffel aus der Hand zu winden und ihn sanft aber bestimmt ins Hinterzimmer der Roten Laterne zu schieben, wo der Nachschub fürs Buffet lagerte. Aber Wolfi, über eins neunzig groß und breit, ließ sich nicht gerne schieben. Während ich also an seiner über und über mit Schokolade beschmierten Schürze zog und zerrte, versuchte er, mich mit dem heißen Brei zu füttern.

»Wolfi, lass das. Gib mir den Löffel.« Ich grabschte nach seiner linken Hand, der Löffel flog in hohem Bogen durch die Luft und landete klatschend im Dekolleté von Elli, die zwischen den Gästen der größten Trauergemeinde stand, die ein Ruhrgebietskiez seit der Beerdigung eines Hells-Angels-Anführers anno 1978 je gesehen hatte. Starr vor Schreck beobachtete ich, wie sich die Schokolade über Ellis schwarzlilafarbenes, mit Silberfäden durchzogenes, Chiffonensemble verteilte. Ich betete darum, dass Elli, die ich vor knapp einem Jahr kennengelernt hatte, als ich noch als Taxifahrerin in der Nachtschicht unterwegs gewesen war, ihren Humor nicht verloren hatte. Ich gebe es zu, es war etwas viel verlangt, denn ich wusste durchaus, dass heiße Schokolade auf nackter Haut neben Erotik auch jede Menge Schmerz verursachen konnte.

Die Granddame des Bochumer Puffs kreischte kurz auf, und plötzlich war es totenstill in der Roten Laterne, und alle starrten Wolfi und mich an. Und was da starrte, war die, für wenige Stunden gezähmte, in schwarze Maßanzüge und knappste Mini-Ensembles gewandete Crème de la crème des Bochumer Erotikgewerbes und seiner Außenstellen von Gelsenkirchen-Buer bis Lünen-Brambauer. Schließlich war das hier nicht irgendein Leichenschmaus. Das horizontale Gewerbe trug seinen König zu Grabe – und das mit allem Pomp, Duck und Cicumstances, die zu kriegen waren – jedenfalls bei Heibuch&Söhne Cateringservice.

Der Schokoladenbrunnen am ansonsten eher konventionell geratenen Buffet war die Attraktion auf der Trauerfeier für Ladislaus, genannt ›Laddy der Große‹. Oberlude, Besitzer von mehreren Bordellhäusern auf dem Eierberg, wie die Bochumer ihren Puff liebevoll nannten. Dazu hatte Ladislaus im Großraum Ruhrpott noch diverse Spielhallen und Table-Dance-Schuppen kontrolliert. Wenn man auch nur die Hälfte von dem glauben wollte, was man sich über ihn erzählte, dann könnte sich Rupert Murdoch ein Beispiel an ihm nehmen.

Elli fand den Löffel zwischen ihren Doppel-Ds, klaubte die Schokolade von ihrem Busen und leckte sich genüsslich die Finger ab. Dabei ließ sie mehrere Meter zartrosafarbener Zunge sehen und sagte: »Liebesgrüße aussem Jenseits – der Laddy wusste immer, wie er mich rumkriegt.« Und bevor Winnie Blaschke, bestangezogener Kriminalkommissar von Bochum, sich wehren konnte, hatte Elli ihm den Löffel in die Hand gedrückt. Winnie ließ sich nicht lumpen und nahm eine Kostprobe der Schokolade von Ellis Busen und sagte: »Extra-Sahne-Schmackofatz.«

Alle fingen an zu lachen. Und das war auch gut so. Schließlich war Winnie aus Gründen der Deeskalation eingeladen worden. Er wohnte der Feier bei – sozusagen als lebender Beweis dafür, dass Laddy ohne Fremdeinwirkung aus dem Leben geschieden war - wenn man eine deutsche Eiche denn als Fremdeinwirkung ausschließen wollte. Die amtliche Version der Geschichte ging so: Ein Baum hatte sich Ladislaus auf einer Spritztour durch die Elfringhauser Schweiz dummerweise in den Weg gestellt – und noch dümmer war, dass Laddy und sein Porsche Cabrio ungefähr hundertachtzig Sachen drauf gehabt hatten, als die unfreiwillige Begegnung stattfand. Auf Ellis Wunsch hin hatte Winnie die Ermittlungen seiner Kollegen, sagen wir mal, beobachtend begleitet. Erst als er ihr versichert hatte, dass an Ladislaus’ Wagen nicht herummanipuliert worden war und auch der Eiche keine Schuld zukam, stand sie doch seit über hundert Jahren am selben Platz, konnte der Frieden auf dem Kiez erhalten bleiben. Bis dahin hatte die Gerüchteküche getobt – von fremden Zuhältern aus Gottweißwoher, die die Macht übernehmen wollten, war die Rede gewesen, und es hätte nicht viel gefehlt, und das Pulverfass wäre explodiert.

Herr Matti, der schweigsame Finne, der seit drei Jahren in meinem Universum äußerst präsent seine Bahnen zog, hatte in seiner Funktion als Bestattungsunternehmer von Elli den Auftrag bekommen, diese Beerdigung zu managen. Da der ganze Kiez zusammengelegt hatte, lautete das Motto: Geld spielt keine Rolle, Hauptsache der Ladislaus sieht in seinem Sarg besser aus als in seinem Auto. Und bis jetzt war ja auch alles gelungen und zur vollsten Zufriedenheit aller Beteiligten vonstatten gegangen. Mattis Kunstfertigkeit in der Thanatopraxie hatte es möglich gemacht, dass Ladislaus nach dem Crash offen aufgebahrt werden konnte und sein Anblick niemanden gegraust hatte. Elli war besonders beeindruckt, wie Matti es geschafft hatte, das Porschelenkrad so in Laddys Hände zu legen, dass er aussah, als würde er im nächsten Moment den nächsten Gang einlegen und mitsamt seinem Sarg davonbrausen. Alle Abschiednehmenden, die an seinen sterblichen Überresten vorbeidefiliert waren, hatten ihrem Freund und Geschäftspartner noch einige lebenswichtige Dinge in den Sarg gelegt, sodass er jetzt mit einem neuen Vergaser, Stoßdämpfern und Gaspedal ausgerüstet war. Nur mit Mühe hatte Matti einen Zuhälter aus Gelsenkirchen davon abhalten können, einen vollen Benzinkanister dazuzugeben. Die Damen, die für Ladislaus gearbeitet hatten, waren etwas zartfühlender gewesen. Sie hatten ein Gruppenfoto machen lassen, auf dem alle ihre heißesten Dessous trugen, und es als Grabbeilage unter sein Kopfkissen geschoben. Das alles mutete wie die Bestattung eines großen Pharao an, der mit dem Notwendigsten ins Jenseits verabschiedet wurde. Wie mir von Winnie berichtet worden war, hatte sich sogar ein Fotograf der BILD-Zeitung auf dem Friedhof blicken lassen und ein paar Aufnahmen von dem Großereignis gemacht.

Nur das Catering, das dank meiner Bekanntschaft mit Elli und Matti an Heibuch Catering gegangen war, war soeben in die Kritik geraten, was bei den Auftraggebern zu einem deutlichen Stirnrunzeln führte. Ich sah Mattis Adlatus, Rudi Rolinski, mit einer Rolle Haushaltspapier unterm Arm auf Elli zustolpern. Die nahm Rudis kahle Murmel in ihre Hände, hob den kaum eins fünfundsechzig großen kleinen Kerl etwas in die Höhe, versenkte sein Gesicht zwischen ihre enormen Brüste und quiekte: »Mal nicht so schüchtern ... Die guten Sachen im Leben muss man teilen.«

Die Trauergesellschaft applaudierte, Rudi zappelte, Wolfi machte sich von mir los und tapste wie Frankenstein Junior mit ausgestreckten Pranken auf Elli zu. »Wolfi will auch teilen«, verkündete er. Prompt bauten sich ein paar sehr große und sehr breite Männer vor Elli und dem Rest der Damen auf.

Aus dem Hinterzimmer, wo der Nachschub für das Buffet lagerte, kam Dennis Heibuch, der Juniorchef, herausgeschossen und blaffte mich an: »Was hast du gemacht?«

Als sei es das Selbstverständlichste von der Welt, dass jede Panne, die hier passieren konnte, einzig mir zuzuschreiben war.

»Guck mich nicht so an, Dennis. Dein Bruder sprengt grad die Trauerfeier, weil er seine ungraden Griffel nicht aus dem Schokobrunnen halten konnte.«

»Ja, und was machst du? Herrgott! Kannst du nicht mal fünf Minuten auf Wolfi aufpassen?«

»Ich bin hier fürs Grobe zuständig, Kinderbetreuung steht nicht in meinem Arbeitsvertrag, Dennis. Dein Bruder gehört nicht nach vorne ans Buffet. Ich weiß überhaupt nicht, was dein Vater sich dabei gedacht hat. Ausgerechnet heute schmeißt der Dimi und Stojko raus, und Jorgo muss deswegen die Pommesbude übernehmen ... Herrgott, hätte Günni mit dem Großreinemachen nicht bis morgen warten können ...?«, fluchte ich.

Normalerweise arbeiteten Dimi und Stojko in der Pommesbude von Heibuch, dem Pommes King. Und Jorgo, der eigentlich mit mir hinterm Buffet hätte stehen sollen, war deswegen spontan in die Pommesbude abkommandiert worden. Er war immerhin ein richtiger Koch – und er konnte arbeiten bis zum Umfallen. Was man von Dimi und Stojko, den beiden anderen unserer Yugo-Mafia eben nicht sagen konnte. Ihr Rausschmiss war schon längst überfällig gewesen – da wäre es auf einen Tag mehr oder weniger auch nicht angekommen.

Dennis hörte mir schon nicht mehr zu, sondern angelte sich eine Banane aus dem Obstkorb, ging auf seinen Bruder zu und hielt sie ihm vor die Nase. Wolfi war sofort fasziniert von dem neuen Spielzeug, und Elli war vergessen. »Wolfi taucht Banane in Schokolade. Das ist lecker«, rief er und ließ sich von seinem Bruder ins Hinterzimmer bugsieren.

Ich atmete auf. Nach ein paar Minuten kam Dennis mit einem Tablett frisch gegrillter Bratwürstchen heraus und zischte mich an: »Bring endlich das verschmierte Schokoladendings nach hinten ...«

»Der ist noch zu heiß! Guckt sowieso keiner mehr hin.«

Dennis lächelte in die Runde und präsentierte das Tablett. Elli warf einen strengen Blick auf die Würstchen.

»Wo ist dein Vater eigentlich hinverschwunden?«, fauchte ich und schnitt die Brötchen auf.

»Jetzt reg dich mal ab. Ist ja nix passiert. Und Elli kriegt die ersten drei Würstchen serviert und alles ist tutti.«

»Wie gut, dass du alles im Griff hast. Wo hat dein Vater das Schmalz für die Stullen hingepackt?«

»Weiß ich nicht. Ruf ihn doch an, der ist in der Ochsenbraterei auf dem Mittelaltermarkt, alles fertig machen für morgen. Der Ochse wird geliefert und muss angegrillt werden. Ich muss da nachher auch noch mal hin.«

»Na, super! Nimm bitte deinen Bruder mit. Ich hab genug damit zu tun, die hungrige Bagage hier zu bändigen.«

»Du wirst es überleben. So schlimm sind die doch gar nicht.«

»Noch nicht. Warte mal ab, wenn hier erst die Magnumflaschen kreisen. Und sei bitte zum Abbau wieder da. Ich kann den ganzen Kram nicht alleine ins Auto schleppen.«

»Ja, ja ... bleib mal locker, Maggie«, feixte Dennis und verschwand im Hinterzimmer. Als ich aufblickte, stand Rudi Rolinski mit schokoladenverschmiertem Gesicht vor mir und grinste breit.

»Was ist, Rudi, willst du auch eine Banane?«

»Boah ey, die Elli, also ... die Frau ist ass-tschokke ...«

»Das sieht man, Rudi, das sieht man«, sagte ich und starrte demonstrativ auf die Ausbeulung in seiner Hose. »Oder freust du dich etwa, mich zu sehen?«

Sein Gesicht lief rot an, und er hielt schützend die Hände vor den nicht zu übersehenden Zuwachs zwischen seinen Beinen. »Was soll ich denn jetzt machen?«

»Wenn du dreihundert Cash hinlegen kannst, dann hilft dir Elli in der nächsten halben Stunde bestimmt gerne weiter. Aber ich glaube, du nimmst die billige Lösung und suchst die Herrentoilette auf. Und wisch dir die Schokolade aus dem Gesicht. Matti guckt schon komisch.«

Rudi drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in Richtung Toiletten.

Ich legte drei Würstchen auf einen Teller, gab Senf dazu und brachte alles zu Elli. Sie nahm einen ersten Bissen und nuschelte: »Sind dat die Echten?« Sie meinte damit Bratwurst von Dönninghaus – ohne die sie nicht leben konnte, und Günter Heibuch hatte zähneknirschend einwilligen müssen, seine eigenen zu Hause zu lassen und diesen Teil des Buffets bei seinem Konkurrenten zu kaufen.

»Aber sicher«, flüsterte ich. Und selbst wenn es nicht die Echten gewesen wären – es war nicht der Zeitpunkt für Diskussionen. Elli rollte den Bissen im Mund hin und her, wie ein Connaisseur seinen Wein, und erst als sie zufrieden nickte, war das Buffet eröffnet. Alle Gäste strebten zu den kalten und warmen Platten. Ich sah Elli dabei zu, wie sie genüsslich eine Bratwurst nach der anderen in ihrem Mund verschwinden ließ. Als sie alles verputzt hatte, reichte sie mir den Teller, rülpste wenig damenhaft und sagte: »So, dann kann die Party ja beginnen ... und wo ist der süße kleine Kerl mit dem großen Gemächt ... ich glaub, ich bin dem was schuldig.« Sie wedelte dem Barkeeper an der Theke mit ihrem Chiffonschal zu und rief: »Schampus für alle. Auf Ladislaus!«

»Auf Ladislaus!«, echote die Trauergemeinde.

Ich beeilte mich, wieder hinter das Buffet zu kommen, um Schnittchen, Bratwurst und Kartoffelsalat auf die Teller zu verteilen. Nach dem ersten Ansturm schaffte ich es endlich, den ausgekühlten Schokoladenbrunnen vom Tisch zu hebeln und samt verschmierter Tischdecke im Hinterzimmer verschwinden zu lassen. Dennis und sein Bruder Wolfi waren nirgends zu sehen. Dafür saß Rudi Rolinski auf einem wackeligen, ausrangierten Hocker und hatte den Kopf in den Händen vergraben.

»Hey, was machst du hier? Queen Elli verlangt nach dir.«

»Du verarscht mich doch.«

»Warum sollte ich? Du scheinst mächtig Eindruck auf sie gemacht zu haben.«

»Quark doch nicht rum. Die hat mich doch gar nicht nötig.«

»Rudi, Elli besteht nicht nur aus Titten und dem nachweislich besten Gebläse auf dem ganzen Kiez. Die ist eine sehr nette Person. Was hält dich also davon ab, dich wenigstens für die Sonderbehandlung bei ihr zu bedanken, anstatt hier vor dich hin zu brüten?«

»Erstens bin ich viel kleiner als wie die und auch viel zu jung und dann hab ich nicht die Kohle, um Elli zu bezahlen.«

»Wer redet denn hier von bezahlen? Die steht auf dich. Sei einfach nur du selbst ...«

Rudis Schultern strafften sich, und er guckte mich mit großen Augen an. »Echt?«

»Ja, echt. Sie hat mir eben gesagt, sie wäre dir noch was schuldig. Also, Abmarsch mit dir. Auf so ein Angebot von Elli warten andere ihr Leben lang.«

Rudi sortierte sein Hemd und seine Anzugjacke und fuhr sich mit beiden Händen über seinen glattrasierten Schädel. »Wenn du mich verarscht, Maggie, dann ...«

»Würde ich nie im Leben tun, Rudi. Wie wir beide wissen, bin ich dir auch noch was schuldig. Ich weiß, dass du dem Knipser die Reifen geklaut hast.«

Er grinste und sagte: »Und ich dachte schon, du hättest das gar nicht mitgekriegt.«

»Ich bin ja nicht blind, Rudi.«

Ich war einfach noch nicht dazu gekommen, ihm für das kleine Husarenstückchen zu danken. Rudi hatte vor ein paar Monaten im Parkhaus des Düsseldorfer Flughafens alle vier Reifen samt Luxusfelgen vom Angebervolvo meines Ex-Lebensabschnittsgefährten, genannt ›der Knipser‹, abmontiert und an Mattis Leichenwagen wieder angeschraubt. Ich hatte die Sache jetzt zum ersten Mal überhaupt erwähnt, und Rudi wusste zu schätzen, dass ich seinen kleinen Racheakt sehr wohl verstanden hatte. Als er die Türklinke schon in der Hand hatte, drehte er sich noch einmal um: »Weiß die Elli, dat ich ... ich meine im Knast und so ... die Vorstrafe ... das mit meiner Mutter?«

»Geh. Elli hat in ihrem Leben mehr als einen Muttermörder vor der Linse gehabt, glaub mir. Die kann nix erschüttern.«

Als die Tür hinter ihm zufiel, hörte ich Elli vor Freude quieken: »Komm zu Elli, du kleine tätowierte Wuchtbrumme.«

Mit einem Tablett frischer Bratwürstchen ging ich hinaus. Elli hatte ihre Beute in Form von Rudi mit der Linken untergehakt und fütterte ihn bereits mit Krabbenhäppchen. Winnie wurde von Ellis Kolleginnen in Beschlag genommen und ließ sich für seinen Anzug aus leichtem Sommer-Kashmir von Brioni abfeiern. Herr Matti hatte sich in der hintersten Ecke des Lokals unsichtbar gemacht und beobachtete das Treiben. Will heißen, seine Augen waren geöffnet und sein Gesicht zeigte den Ausdruck tiefer Kontemplation.

»Auf die Liebe und den Tod! Auf Ladislaus!«, rief Elli und der Barkeeper beeilte sich, die Gläser wieder aufzufüllen.

Kapitel 2

Gegen 22 Uhr hatte sich die Trauergesellschaft auf die andere Straßenseite ins Dollarhaus verzogen, wo vermutlich der Champagner in Strömen floss und die Damen halbnackt an Metallstangen hingen.

Als ich bei meiner ersten Zigarette des Abends den Blick über das hinterlassene Chaos schweifen ließ, hätte ich am liebsten alles stehen und liegen gelassen. Ich inhalierte tief und verfluchte den Tag, an dem mir Oma Berti, Winnie Blaschkes Großmutter, Kioskbesitzerin und der Mittelpunkt des Bochum-Universums, die Anzeige aus der Zeitung unter die Nase gehalten hatte: »Wir brauchen Verstärkung – flexible Küchenhilfe für Cateringunternehmen Günther Heibuch gesucht. Vorkenntnisse nicht erforderlich.« Eigentlich hatte ich mir in Bertis Kiosk nur ein paar Zeitungen aus der Vorwoche ausleihen wollen, stattdessen bekam ich von ihr eine Berufsberatung.

»Hört sich genauso an wie die Aufnahmebedingungen für’s Dschungel-Camp«, hatte ich geantwortet. »Da braucht man auch keine Vorkenntnisse, außer wie man Känguru-Augen und zehn Zentimeter lange Tausendfüssler roh isst.«

»Du wirss doch wohl noch’n paar Schnitzel inne Pfanne kriegen, gezz sei ma nich so. Wie willze sonz deine Wohnung bezahlen?«

»Welche Wohnung denn? Ich hab doch gar keine.«

»Ja eben. Glaubse, deine Freundin Wilma macht dat ewig mit, dat du dat Gästezimmer mit Beschlach beleechs?«

Na ja, da ist was dran, sagte meine innere Stimme. Den gesamten Januar über hatte ich so was Ähnliches wie Nachsichtigkeit genossen – nach dem schweren Unfall mit dem Taxi, das ich seinerzeit bei einer Verfolgungsjagd zu Schrott gefahren hatte, war ich frisch entlassen aus der Klinik von Wilma zumindest in den ersten zwei Wochen mit Samthandschuhen angefasst worden. Aber es war nicht zu übersehen, dass ich ihr nach drei Monaten allmählich auf die Nerven ging. Woran ich das merkte? Wenn sie in ihren Friseursalon ging, schloss sie ihren Kleiderschrank ab und nahm den Schlüssel mit, und die Haare hatte sie mir auch noch nicht wieder geschnitten.

»Dann gib mir den Job in deinem Kiosk wieder. Ich kann doch wieder aushelfen.«

»Nee, der Richie macht den Job. Der Junge braucht’ne Changze nach den ganzen Kokolores mit seinem Onkel, sonz is der verlorn.«

»Ach? Richie ist verloren, wenn du ihn nicht resozialisierst? Und ich? Was ist mit mir? Ich hab den ganzen Kokolores, den sein Onkel und er verzapft haben, schließlich aufgeklärt! Schon vergessen?«

Oma Berti hatte mir die Elle aus der Hand genommen, die ich vom Remittendenstapel genommen hatte, und sich vor mir aufgebaut. »Pass ma schön auf, Maggie Abendroth: Du has’ Abitur. Du kannz allet Mögliche. Du kannz jederzeit bei Herrn Matti im Bestattungsinstitut anfangen, zum Beispiel. Die Mia macht ja nur halbtachs, und irgendwann wird et ihr bestimmt zu viel, wenn der Laden erssma richtich brummt. Abber der Richie, der kann gaar nix, noch nich ma’ unfallfrei seine Turnschuhe zubinden. Und schon gar nich’ kann er wat dafür, dat sein Onkel so’n Blödmann is. Wer is denn hier wohl klar im Vorteil? Du doch! Und wenne nich’ bei Matti arbeiten willz, dann such dir wat anderet! Oder schreib ma wieder’n Drehbuch. Genuch erlebt hasse ja wohl.«

Bevor ich auch nur irgendetwas zu meiner Verteidigung entgegnen konnte, zum Beispiel: »Ich bin doch grad erst ein paar Wochen aus dem Krankenhaus entlassen, und der Arzt sagt, ich brauche nach meiner Tauchfahrt mit dem Taxi in der Ruhr dringend Erholung – und überhaupt, richtet sich eine Schreibblockade nicht nach der Erlebniswelt eines Autors«, hatte sie mir den Telefonhörer in die Hand gedrückt und für mich gewählt.

Eine Viertelstunde später saß ich schon in der Straßenbahn auf dem Weg nach Wattenscheid, um mich kurz darauf zwischen Fritteusen, Bratwürsten und den unablässigen Erklärungen des Günther Heibuch über die ideale Temperatur von Frittenfett und seine vielfältigen Geschäftsinteressen wiederzufinden. Wie ein stolzer Reiseleiter zeigte er mir seine Sehenswürdigkeiten: die Metzgerei, die Pommesbude und die Cateringküche.

Das Heibuch-Imperum lag in der Wattenscheider City strategisch günstig an einer Straßenecke. Über den großen Hinterhof konnte man die Lieferanteneingänge der Geschäfte erreichen und den kleinen Anbau, in dem sich das Büro befand.

Ich wurde seiner Gattin, die er liebvoll »meine Else« nannte, vorgestellt. Sie war für die Metzgerei zuständig und hatte sogar einen Meisterbrief. Ein paar gerahmte Urkunden, die dort hingen, wiesen zudem darauf hin, dass sie die beste Räuchermettwurst in Nordrheinwestfalen machte. Dabei halfen ihr zwei Damen mittleren Alters, die mir freudig ihre Hände reichten und sich als Doris und Fanny vorstellten. In der Pommesbude, dem Pommes King, wie über der Eingangstür zu lesen war, lernte ich die Yugo-Mafia, bestehend aus Jorgo, Dimi und Stojko, kennen. Günter Heibuch bedauerte es sehr, dass Gustav und Trudi grad nicht da waren, die zweite Schicht aus der Pommesbude. Jorgo begleitete uns in die Cateringküche, wo er eben dabei war, mit Dennis, dem Juniorchef, die kalten Platten für eine Konfirmation aufzurüschen. Heibuch nötigte mich, von den Kanapees zu kosten. Ich sah Jorgos gerunzelte Stirn und lehnte dankend ab. Die beiden jungen Männer waren im Stress, das konnte ein Blinder mit Krückstock sehen, nur Günter Heibuch nicht. Er nahm sich von den fertigen Platten ein paar Kostproben und schob sie sich lachend in den Mund. Dann klopfte er seinem Sohn Dennis auf die Schulter. »Superlecker. Hasse gut gemacht.«

Dennis verdrehte die Augen. Selbst ich begriff, dass die beiden schleunigst die Schnittchen ersetzen mussten. Jorgo war schon auf dem Weg ins angrenzende Lager. Man hörte sein leises Fluchen: »Scheiße, wir haben keine Sardellenpaste mehr …«

»Dann nimm doch Mayonnaise«, sagte Günter Heibuch lässig.

»Die wollen aber keine Mayonnaise. Steht extra im Auftrag, Papa«, sagte Dennis.

»Ph … als ob dat irgendjemanden interessieren würde …«, gab Günter Heibuch zurück. Dennis warf einen hilfesuchenden Blick an die Decke. Jorgo kam mit einer Dose Thunfisch zurück und knallte sie auf die metallene Anrichte. »Misch ich im Mixer und hau Sojasoße rein. Merkt kein Mensch.«

»Siehsse«, sagte Günter Heibuch zu Dennis, »wat nich passt, wird passend gemacht …«

Dennis warf sein Messer auf das Schneidebrett und verließ die Küche. Jorgo grinste mich an und zuckte die Schultern. Günter Heibuch, weit davon entfernt, irgendeine Irritation wahrzunehmen, schob mich zur Tür hinaus und kündigte die Besichtigung der Kellergewölbe an, in der sich das Allerheiligste seiner Else befand: die Fleischküche und die Tiefkühlräume für die Metzgerei.

Als wir wieder auf dem Hof standen, stellte er mir endlich die Frage aller Fragen: »Schomma inne Küche oder im Service gearbeitet?«

Ich schöpfte Hoffnung und sagte: »Nein.«

Aber anstatt mich auf der Stelle wegzuschicken, hatte Günter Heibuch gelacht und gesagt: »Dat lernt man schnell. Kein Thema.«

»Wenn Sie es sagen, Herr Heibuch.« Ich war mir da nicht so sicher – schon allein die Ausrüstung, die da in der Küche herumstand, erinnerte mich an hochkomplizierte Versuchsaufbauten in einem Atomlabor. Riesige Kochtöpfe mit Deckeln so groß wie Sonnenschirme. Hochleistungswurstschneidemaschinen und Pfannen so schwer wie Kanaldeckel und Fritteusen, so groß, dass man den Tagesbedarf an Pommes für Brüssel darin fertig machen konnte.

»Hand drauf«, sagte Heibuch und streckte mir seine Pranke entgegen. »Ich bin der Günni. Sechsfuffzich die Stunde plus Trinkgelder. Du kannz Montag anfangen.«

»Ja, dann … Danke, Herr Heibuch. Ich heiße Maggie.«

»Auf gut Deutsch also Maggi«, sagte er, »Wie dat Gewürz. Wenn dat ma kein gutes Zeichen is.«

Wolfi hatte er mir wohlweislich an dem Tag verschwiegen. Dafür bekam ich einen umso intensiveren Eindruck von ihm, als ich zwei Tage später um sechs Uhr morgens neben Günter Heibuch und seinem Erstgeborenen auf dem Weg zum Schlachthof im Transporter saß. Wolfi, so wurde ich instruiert, war Günters Augenstern, sein Liebling, sein Ein und Alles. Was er auch sofort unter Beweis stellte, als er ihn den großen Transporter lenken ließ, während er sich eine Zigarette drehte.

»Der kann dat super, der Wolfi. Ne?! Wolfi? Autofahren is toll.«

Wolfi hielt mit starrem Blick auf die Straße das Lenkrad mit der linken Hand fest und lachte, während der Bordstein immer schneller auf uns zurauschte.

Ich weiß bis heute nicht, was mich davon abgehalten hat, an der nächsten Ampel auszusteigen.

Die Wochen waren ins Land gegangen, ich hatte mich mit Wolfis irritierenden Verhaltensweisen arrangiert, mit Dennis dem ständig unter Strom stehenden Junior, und ich hatte mich sogar an die Else und ihr überbordendes Gluckengehabe gewöhnt und mittlerweile erfahren, dass sie eigentlich Petra hieß. Petra machte alles und konnte alles. Und jedes Mal, wenn Wolfi auftauchte, spreizte die Glucke ihr Gefieder und gackerte, was das Zeug hielt. Wolfi dies, Wolfi das. War Wolfi nervös, dann sang sie für ihn Kinderlieder und alte Discohits aus den Achtzigern, so lange, bis er sich wieder beruhigt hatte und mitsang. Waren alle drei Heibuch-Männer im Betrieb, schien sie sich zu verdoppeln und plötzlich zusätzliche Arme und Beine zu generieren, wie eine indische Göttin – hätte nur noch gefehlt, dass sie auch noch mit sich selbst im Chor sang. Wenn man sie so sah, hatte man den Eindruck, das Wort ›Multitasking‹ sei für sie erfunden worden. Ich dagegen hatte ja schon Schwierigkeiten, eine Ladung Pommes nicht anbrennen zu lassen, wenn ich gleichzeitig noch drei Bratwürste wenden musste. Und singen konnte ich schon gar nicht.

Petra umsorgte, fragte, gab Ratschläge, und dass sie ihrem Gatten nicht auch noch die Schnürsenkel mit der Linken zuband, während er die Zeitung las und sie mit der Rechten die Hausmachersülze machte, war fast schon überraschend. Petra war die Anlaufstelle für alle: für ihre Kunden in der Metzgerei, für ihre Familie und für ihre Angestellten. Mir schien es, als würde sie nie schlafen gehen und als würde ihre Energie aus einer geheimen Quelle gespeist. In mir keimte der Verdacht, dass sie nur alle paar Stunden ihre Finger in eine Steckdose hielt, um ihre Akkus aufzuladen. In den drei Monaten, die ich bereits für die Heibuchs arbeitete, hatte ich von ihr nie auch nur ein böses Wort gehört – egal, ob ich den hausgemachten Fleischsalat versalzen hatte oder für eine Party ohne Brot losgefahren war und den ganzen Zeitplan ins Schleudern gebracht hatte. Petra meckerte nicht, sondern wusste sofort, was zu tun war. Zur Not schickte sie mir ein Taxi mit dreißig Stangen Baguette hinterher, um die Situation zu retten, mit einem Zettel, auf dem lediglich stand, ich möge beim nächsten Mal bitte besser aufpassen.

Die drei Heibuchmänner führten dank ihrer ›Else‹ ein königliches Leben, und wir Angestellten eben auch. Dafür, dass man relativ wenig Stundenlohn bekam, hatte man den kompletten Familienanschluss, ob man wollte oder nicht. Eines war jedenfalls klar: Solange ich bei den Heibuchs arbeitete, würde ich nie verhungern – und deswegen machte ich meinen Job so gut ich konnte und schleppte Tonnen um Tonnen von kalten und warmen Platten mal zu Familienfesten, bei denen Onkel Otto so lange Reden hielt, dass ich mittels Blumenspritze den Salat frisch halten musste, mal zu Trauerfeiern oder zu Taufen. An manchen Tagen machte mir der Job sogar Spaß, vor allem, wenn ich irgendwas dekorieren oder arrangieren durfte, weil Dennis keine Zeit dafür hatte. Wenn ich auch nicht den leisesten Hauch einer Ahnung vom Kochen hatte – wie etwas auf dem Teller gut aussieht, damit kannte ich mich sehr wohl aus. Schließlich war ich vor der großen Katastrophe in meinem Leben in vielen Fresstempeln der gehobenen Preisklasse gewesen.

Manchmal haperte es bei mir noch an der Fingerfertigkeit, aber dann musste ich nur Wolfi erklären, was ich haben wollte. Kleine Schwäne aus geeister Butter, die später auf einem Eissee schwimmen sollten? Für Wolfi kein Problem. Aber für Dennis. Der war völlig ausgeflippt, als er den Schwanensee auf dem Buffet sah. »Ihr seid ja beide bekloppt. Das bezahlt uns doch keiner.«

»Reg dich ab – die Leute werden es mögen, und wer was mag, der sagt es weiter.«

»Sagt es weiter«, hatte Wolfi geechot. Und zu unserer Ehrenrettung war unsere Kundin im richtigen Augenblick herbeigeschwebt und hatte die Butterschwäne in den höchsten Tönen gelobt.

Zwei Tage nach der Party hatten schon vier Freundinnen aus ihrem Damenkränzchen angerufen und Aufträge erteilt, was seltsamerweise Dennis Heibuchs Laune nicht verbessern konnte. Vielleicht lag es auch daran, dass Wolfi, jedes Mal, wenn er seinen Bruder sah, zur Melodie von Cheri, Cheri Lady sang: »Sagt es, sagt es weiter … sagt es, sagt es weiter …«

»Willste noch’ne Cola?«, fragte mich der Barkeeper und riss mich aus meinem Tagtraum. »Ich will nämlich jetzt mal rüber, mitfeiern. Du kannst die Tür einfach hinter dir zumachen, wenn du fertig bist.«

»Ja, danke«, antwortete ich, trat meine Zigarette auf dem Fußboden aus und machte mich an die Arbeit. Wenn ich die letzte Bahn von Wattenscheid zurück in die Bochumer Innenstadt noch kriegen wollte, musste ich mich mit dem Einpacken ranhalten. Ich wollte unbedingt noch die Spätwiederholung von Ally McBeal sehen, bevor ich meinen verkürzten Schönheitsschlaf bekam, denn am nächsten Tag hatte ich pünktlich um 7 Uhr am Heibuchschen Zelt, das für den Mittelaltermarkt am Dr.-Ruer-Platz aufgebaut war, anzutreten. Günni hatte mich schon vorgewarnt, der erste Tag sei immer der Schlimmste. »Bis dat ma allet so läuft wie geschmiert … meistens ist der Gasbrenner am Schlappmachen, weisse. Aber dat kriegen wir beide schon hin …«

»Ich dachte, alle modernen Sachen sind verboten?«, wagte ich einzuwenden, denn in den Richtlinien hatte gestanden, dass die Verkäufer noch nicht einmal Armbanduhren tragen durften und der Gebrauch von Mobiltelefonen in den Buden und Zelten ausdrücklich untersagt sei.

»Lass dat ma meine Sorge sein. Der gefüllte Ochse grillt sich nich’ von alleine. Vorne is’ eben Holz und Holzkohle und hinten dran is’ Gas. Wat ja keiner merkt. Irgendwoher muss die Hitze ja kommen. Der wird sonz nich gar.«

»Wie haben die das denn im Mittelalter hingekriegt?«

»Da war das Fleisch schlecht, bevor et gar war. Und geschmeckt hat dat au’nicht, nach allem, wat man so liest … Außerdem: Ich stell vorne den Wolfi an den Blasebalg für dat Feuer. Sieht total echt aus, und der Junge is’ beschäftigt.«

Vor meinem geistigen Auge sah ich schon, wie wir mitsamt dem Zelt und dem gefüllten Ochsen explodieren würden, weil Wolfi vom Blasebalg ziemlich schnell gelangweilt sein und unverzüglich Ordnungstätigkeiten übernehmen würde. Außerdem liebte er Dinge, an denen er herumschrauben und drehen konnte. Da kämen ihm die Ventile der Gasflaschen bestimmt gerade recht.

Als ich den verkleisterten Schokoladenbrunnen in den Transporter hievte, stand plötzlich Matti neben mir, in der Hand einen Briefumschlag.

»Frau Margret, hier ist das Geld für das Catering«, sagte er. »Frau Elli hat mich gebeten, Ihnen das zu geben.«

»Danke«, sagte ich, nahm den Umschlag und warf ihn in die Kiste mit dem schmutzigen Geschirr.

»Wollen Sie nicht nachzählen?«

»Wird schon stimmen.«

Matti zupfte an seinen tadellosen Manschetten herum und fragte: »Kann ich Ihnen noch irgendwie behilflich sein?«

»Nein, danke. Ich hab alles drin. Danke für den Auftrag. Und noch mal liebe Grüße an Elli und die anderen.«

»Gern geschehen. Ich werde es ausrichten.«

»Ich hoffe, alle waren zufrieden? Trotz Wolfis Sabotage am Schokoladen-Ätna?«

»Ja. Frau Elli bat mich, Ihnen noch zu sagen, dass Ihr Trinkgeld in dem Umschlag ist. Mit einer Büroklammer markiert.«

»Ich werde es schon finden. Ich muss jetzt los.« Mir wurde es allmählich ungemütlich. Seit Matti mich im Winter unter Einsatz seines Lebens aus den eiskalten Fluten der Ruhr gefischt und mir danach eine unmissverständliche Nachricht auf dem Handy hinterlassen hatte, die ausdrücklich von seiner Zuneigung zu mir sprach, hatte ich nichts Besseres zu tun gehabt, als in Panik zu verfallen. Seitdem waren unsere Begegnungen immer etwas irritierend und steif. Er war zuvorkommend und herzlich und ich immer auf der Flucht vor ihm und seinen klaren blauen Augen.

»Jetzt machen Sie doch nicht so ein Gesicht, Herr Matti«, sagte ich, stieg in den Transporter und knallte die Fahrertür zu.

»Frau Margret«, sagte er und klopfte an die Scheibe.

Ich ließ das Fenster herunter. »Ja?«

»Ich wollte nur … wollte Sie fragen, ob Sie mit mir …«

»Hey, Maggie«, hörte ich Winnie rufen und war erleichtert, dass er die kleine Balkonszene störte. Ich hätte nicht gewusst, wie ich eine Essenseinladung von Matti ausschlagen sollte, ohne ihm das Herz zu brechen. Ich hatte schon zweimal abgesagt, immer unter den fadenscheinigsten Ausreden, was er natürlich gemerkt hatte, was mir wiederum total peinlich war. Nicht, dass ich Matti unsympathisch gefunden hätte. Er war eine Seele von Mensch und … nicht zuletzt mein Held und Lebensretter. Er war einfach alles, was ich nicht war. Wie sollte bei mir da nicht die Panik ausbrechen?

Winnie kam mit einer Magnum-Champagnerflasche unterm Arm zur rechten Zeit. Er schwenkte in der anderen Hand drei Gläser und tänzelte über das Kopfsteinpflaster der Gußstahlstraße.

»Hallo Matti«, sagte er. »Ich hatte Sorge, ihr wärt schon weg.« Aus seinen sommersprossigen Wangen waren bereits rote Apfelbäckchen geworden, ein Zeichen dafür, dass er schon mehr als ein Glas genossen hatte. »Ich wollte fragen, ob wir uns gleich noch im Café Madrid treffen? Ich glaube, einen gemütlichen Absacker ohne die wild gewordene Bagage können wir alle gebrauchen. Elli will auch weg.«

»Warum ins Madrid? Im Dollarhaus ist doch für alles gesorgt«, antwortete ich und lehnte dankend ab, als er mir ein Glas Champagner hinhielt.

»Da drin haben die grad die Schallgrenze für sittliches Benehmen überschritten. Wenn ich noch fünf Minuten bleibe, müsste ich die ersten Leute festnehmen oder die Kollegen von der Sitte anrufen. Das will ich aber nicht.«

»Na, toll. Ich bin müde, Winnie. Ein andermal. Ich muss morgen ganz früh schon wieder antanzen. Spießbratenbude, Ochsenorgel, Mittelaltermarkt, du verstehst.«

»Und was ist mit Ihnen, Mat … ti?«

Winnie schaute sich um, aber Matti war schon verschwunden.

»Was hat er denn?«, fragte Winnie.

»Finnischen Blues, fürchte ich«, gab ich zur Antwort und startete den Diesel.

»Woran du nicht ganz unschuldig bist, Gnädigste«, sagte Winnie und grinste von einem Ohr zum anderen. »Wo der schweigsame Finne grad die Haare lang trägt, sieht er richtig verwegen aus …«

»Winnie, ich muss los«, fuhr ich ihm dazwischen. Aber der Herr Kommissar war mit seiner Paartherapie noch nicht fertig. »… und ich glaube, er mag dich … na ja, vermutlich ist das das Problem …« Er seufzte.

»Winnie … Tschüss!« Ich legte den ersten Gang ein.

»Du hörst mir ja gar nicht zu, Maggie.«

»Genau, und du mir auch nicht. Kannst ja morgen mal am Zelt vorbeischauen. Ich geb’ dir ein Mittagessen aus.«

»Geht nicht«, sagte er und klopfte mit der flachen Hand auf seinen nicht vorhandenen Bauch. »Ich hab morgen frei.«

»Ist Nikolaj mal wieder im Anflug, und der Herr Kommissar will sein Sixpack nicht demolieren? Dreht er keine Pirouetten für dich, wenn es irgendwo wabbelt?«

»Nein, diesmal achte ich auf mein Gewicht, weil ich das meinem neuen Anzug schuldig bin. Man trägt in einem Anzug von Hedi Slimane keine Speckröllchen herum. Das gehört sich nicht. Sagt Oma Berti, und Karl Lagerfeld. Und bevor du vor Neugier platzt: Ich habe mir den Anzug geleistet, weil ich ihn morgen bei einer Matinee und einem anschließenden Empfang in der Frankfurter Oper tragen will. Und ja, Nikolaj wird da sein – die ganze Tanz-Compagnie reist aus Amsterdam an. Die bekommen nämlich einen europäischen Kulturpreis verliehen.«

»Na dann, viel Spaß«, sagte ich und gab Gas. Der Transporter holperte über das Kopfsteinpflaster, im Laderaum schepperte das dreckige Geschirr in seinen Kisten, und ich verfluchte meine verspannten Nackenmuskeln und die Kopfschmerzen, die sich bei Winnies freudig vorgetragenen Plänen eingestellt hatten. Die Ampel an der Alleestraße war grün, und ich nahm die Rechtskurve etwas zu schnell. Im Laderaum fiel polternd der Schokoladenbrunnen um.

Maggie Abendroth! Wie viel Punkte gibst du diesem Abend auf deiner nach oben offenen Aschenputtel-Skala?, feixte meine innere Stimme. Drei für Wolfis Totalausfall, fünf für Winnies neuen Anzug und weitere sechs für die tadellose Figur, die er in dem Meisterwerk der Schneiderkunst machen wird. Und zwanzig dafür, dass du in der Frankfurter Oper nicht dabei sein wirst! Weil du, Maggie Abendroth, nicht dazu auserkoren bist, am Arm eines gut aussehenden Mannes, und sei er auch noch so schwul, im Glanz von Kristallleuchtern von allen anderen Frauen beneidet zu werden.

Eine Viertelstunde später rangierte ich den Transporter durch die Hofeinfahrt und hätte beinahe Dimi und Stojko über den Haufen gefahren, die eben aus dem Büro gestürmt kamen. Ich parkte den Wagen vor der Anlieferung der Cateringküche. Als ich ausstieg, waren die beiden verschwunden. Ich öffnete die Seitentür, holte den Briefumschlag mit dem Geld aus dem Geschirrkorb und steckte die fünfzig Euro Trinkgeld ein. Als ich den Umschlag in den Briefkasten des Büros einwerfen wollte, ging die Tür auf und Dennis stand kreidebleich und zitternd vor mir.

»Hallo«, sagte ich. »Waren das eben Dimi und Stojko?«

Dennis zuckte zusammen, er hatte mich gar nicht gesehen, obwohl ich direkt vor ihm stand. »Was?«

»Das waren doch unsere beiden Yugos. Was wollten die hier? Ich dachte, Günni hätte die rausgeworfen?«

»Die mussten noch ihre Papiere abholen«, murmelte er und ging an mir vorbei.

»Ah ja … und ich muss die letzte Bahn kriegen, Dennis. Warte mal.« Ich gab ihm das Geld. Er steckte es ein, ohne nachzuzählen, und sagte: »Ja, ja, fahr. Ich lade den Wagen morgen früh aus.«

»Und was war denn jetzt mit der Ochsenlieferung?«, rief ich ihm hinterher, aber Dennis antwortete nicht, sprang auf die Laderampe der Cateringküche und verschwand im Haus.

Ich erhöhte die Gesamtpunktzahl auf der Aschenputtel-Skala eigenmächtig auf einhundert glatt, schob die Seitentür des Transporters wieder auf, klaubte ein paar übrig gebliebene Lachskanapees von den Servierplatten und wickelte sie in eine Serviette ein. In der Heibuchschen Wohnung, in der Etage über der Cateringküche, brannte noch Licht und ich hörte die Else singen. Einen Discofox-Schlager aus den 80ern, der grad wieder auf den Markt gekommen war und bei Radio Bochum in Heavy-Rotation lief: »Tausend goldne Sterne, alle warten nur auf Dich … tausend bange Stunden, doch die zählen nicht für mich …« Ich knallte die Autotür zu und rannte zur Straßenbahnhaltestelle.

Kapitel 3

Die Stille, die mich in Wilmas Wohnung empfing, trog, denn in der Küche erwartete mich ein kleines Empfangskomitee, bestehend aus meiner besten Freundin Wilma und ihrer schlechten Laune.

Madame Friseurmeisterin saß vor einem Glas Rotwein und rümpfte die Nase, als ich die leicht zerquetschten Kanapees aus der durchgefeuchteten, roten Serviette auspackte. »Du kommst ja reichlich spät.«

»Tja, wenn die andern feiern, gell … Dennis hat mich mit dem ganzen Summs alleine gelassen. Haut mit seinem Bruder ab und kommt einfach nicht wieder. Handy hat er mir auch nicht dagelassen. Ich kann kaum noch gehen. Was weiß ich, wie viel Kilo kalte Platten, warme Platten und dreckiges Geschirr ich heute geschleppt habe.«

»Man sieht es … Was ist das da, auf deinem Hemd, Maggie? Hoffentlich nicht das, wonach es aussieht.«

Ich stopfte mir ein zerfleddertes Kanapee mit Schokoladenglasur in den Mund und betrachtete den großen braunen Fleck auf meinem T-Shirt.

Wilma verzog das Gesicht.

»Was ist, Wilma? Das auf dem Hemd ist Schokolade, und guck nicht so pikiert auf die Schnittchen. Ich hab Angst, die werden sauer, bevor ich sie verdaut habe. Du musst die Dinger nicht essen.«

»Das sollte niemand essen müssen.«

»Dann mach du mir doch schnell was Leckeres«, sagte ich und kippte den Espresso, der seit den frühen Morgenstunden in meiner kleinen Bialetti vor sich hin weste, in meine Prince-Charles-Tasse.

»Maggie, was macht eigentlich deine Wohnungssuche?«, sagte Wilma ohne Vorwarnung.

»Darf ich erst mal meinen Kaffee trinken, bevor ich so existentielle Fragen beantworte?«

»Du kannst mir antworten, während du diese ekelhafte kalte Plörre trinkst.«

»Warum die Eile? Was ist denn bloß los?«

Wilma goss Rotwein in ihr Glas und trommelte mit ihren hochglanzlackierten Fingernägeln auf der Tischplatte herum.

»Also gut – irgendwas sagt mir, dass du es eilig hast. Aber, woher Wohnung nehmen, wenn nicht stehlen?«, sagte ich. »Wie du vielleicht bemerkt haben dürftest, Wilma, schufte ich mir zwischen Frittenfett und Wiener Schnitzel für sechs fünfzig die Stunde den Rücken krumm, da bleibt nicht viel Zeit für die Wohnungssuche.«

»Ich leih dir einen Zwanni und du gibst eine Suchanzeige im Stadtanzeiger auf«, erklärte Wilma, ohne Anstalten zu machen, mir auch ein Glas Rotwein anzubieten.

»Ja, super. Was soll ich da reinschreiben? Frau ohne Geld sucht Wohnung mit Möbeln, die nix kostet? Beheizte Besenkammer mit Klo auf dem Flur auch angenehm – mein zweiter Name ist Harry Potter?!« Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen.

»Wenn du so an die Sache rangehst, wird das nie was. Frag doch Matti. Wo alte Leute sterben, werden Wohnungen frei.«

»Das ist ja wohl das Allerletzte! Frag du ihn doch, wenn du mich so dringend loswerden willst.«

»Von nix kommt nix, Maggie. Und ja, ich werde dich bald loswerden müssen.«

»Warum? Geh ich dir so auf den Keks? Ich spüle jeden Tag und das Bad mach ich auch sauber. Ich bemühe mich, wie du siehst. Und ich bin noch weit unter Durchschnitt, was das Verfärben von Klamotten in der Waschmaschine angeht. Was ist an mir als Mitbewohner auszusetzen?«

»Erstens, du müffelst nach altem Bratfett und Brühwürfeln, und zweitens, was noch wesentlich schwerer wiegt: Du heißt nicht Acki«, sagte Wilma.

»Ach … Und wenn ich mich jeden Tag mit Fahrradschmieröl parfümiere, darf ich dann ein paar Tage länger bleiben?«, fauchte ich zurück.

»Acki und ich wollen zusammenziehen und gucken, wie es klappt. Und zwar nur zwischen uns beiden und nicht zwischen uns Dreien. Eine Dreier-WG ist nicht vorgesehen.«

»Das sind ja ganz neue Töne. Vor sechs Monaten hast du ihn noch rausgeworfen, weil er dir einen Heiratsantrag gemacht hat, und jetzt das? Seit wann willst du mit einem Mann zusammenwohnen?«

»Cherchez la femme. Ich finde, er hat’s verdient.«

»Na, super. Hätt’ ich mir ja denken können. Du und deine spontanen Entscheidungen. Wie groß ist mein Zeitfenster, bevor du mir den Koffer vor die Tür stellst?«

»Meine Güte, Maggie. Der Wohnungsmarkt ist total entspannt, in null Komma nix wirst du was gefunden haben«, sagte sie und schob mir den Wohnungsteil des Bochumer Stadtspiegels über den Tisch, der, wie ich leider zugeben musste, vier volle Seiten umfasste.

»So! Wenn du schon die Zeitung für mich wälzt, schätze ich mal, dass ich weniger als drei Tage habe. Danke, Wilma. Dann nehme ich doch am besten gleich Ackis Wohnung.«

»Das glaub ich nicht. Die kannst du nicht bezahlen. Sorry.« Wilma tippte mit ihrem Zeigefinger auf die Zeitung. »Du hast ja noch gar nicht richtig gesucht. Fang damit an.«

»Na gut, dann gib mir den Zwanni. Ich hab schon verstanden.«

Vor meinem geistigen Auge sah ich mich bereits durch klamme Hausflure tapern, übergriffige Vermieter-Fragen zu meinem Gehalt, polizeilichem Führungszeugnis und meinem Job beantworten. Und wo ich schon mal dabei war, konnte ich mir auch gleich Sorgen darüber machen, wie ich eine Kaution bezahlen sollte. Kaum eine Wohnung würde nicht renovierungsbedürftig sein. Und wenn sie renoviert war, konnte ich sicher sein, dass die Miete mein Budget übersteigen würde. Schließlich war ich gezwungen, monatlich zweihundertfünfzig Euro Kreditrate abzubezahlen – für eine Reise in die Karibik, deren Sonnenbräune schneller erloschen war als die Liebe zwischen Dieter Bohlen und seinem Teppichluder. Und am Ende des Tages – ich schob mir eben das letzte Kanapee zwischen die Zähne – drängte sich mir die Frage auf: Was soll ich mit einem, zwei oder drei leeren Räumen? Ich hatte ja noch nicht mal das Geld, mir einen gebrauchten Hocker zu kaufen.

Ich trank den kalten Kaffee aus und stellte Prince Charles unsanft auf dem Küchentisch ab. Ergebnis des heutigen Tages: Glatte 150 Punkte. Dabei hatte es so ausgesehen, als käme ich diesmal unter 100 weg. Man wird ja noch träumen dürfen.

»Jetzt sei doch nicht gleich beleidigt. Dass du hier wohnst, war nie als Dauerzustand geplant«, sagte Wilma. Sie musste meinen 150-Punkte-Gesichtsausdruck bemerkt haben. »Du wirst schon irgendwas finden, das du bezahlen kannst.«

»Ich bin nicht beleidigt, Wilma. Ich bin todmüde und ich hab Aschenputtel … massives Aschenputtel!«

»Ja, sag ich doch … Was machst du da?«

»Mit Verlaub, ich genehmige mir ein Glas Rotwein. Außerdem habe ich eine Verabredung mit meiner Freundin Ally McBeal. Du wirst ja wohl nicht von mir verlangen, um diese Uhrzeit irgendeinen Vermieter anzurufen.«

Ich ging ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein. Vom Vorspann bekam ich so gut wie gar nichts mit, weil Wilma sich neben mich aufs Sofa pflanzte, die Zeitung auf den Knien. »1,5 Zi, KDB, Nichtr., KM 275 Euro, 3MMKaut, 3Zi,Gleisdr., 400EuroWM, MumiKi bev.k.Haust.«, las sie laut vor.

Ich machte den Ton lauter, Wilma hob ihre Stimme und las unverdrossen weiter. Allys nervige Assistentin Elaine trug einen Gesichts-BH, und ich würde nie erfahren, was es damit auf sich hatte. Ich stellte den Ton noch lauter, und Wilma hob endlich mal ihren Blick von den Inseraten. Sie runzelte die Stirn und sagte: »Warum hat sie denn dieses Ding im Gesicht?«

»Das wüsste ich auch gern, aber du hast ja in alles reingequatscht«, sagte ich und zündete mir eine Zigarette an.

»Na, dann is’ ja auch egal«, murmelte Wilma und nahm ihren Vortrag wieder auf.

»Wenn du bitte die Güte hättest, wenigstens die Nichtraucherwohnungen wegzulassen!«

»In deiner Situation auch noch Ansprüche stellen. Das ist mal wieder typisch für dich.«

Ich versuchte Wilma die Zeitung aus der Hand zu reißen, dabei stieß ich mein Rotweinglas um. Ein Viertelliter Dornfelder wurde von Wilmas neuem, blütenweißem Flokati aufgesogen, der vor ein paar Wochen den Weg in ihre Wohnung gefunden hatte, ebenso wie ein elektrischer Kamin. Das legte die Vermutung nahe, dass die Anschaffungen dazu dienen sollten, eine romantische Atmosphäre zu zaubern, damit Wilma mit Acki zukünftig eng umschlungen durch die Flusen pflügen konnte.

Wilma ließ die Zeitung fallen und kreischte: »Da hast du den Salat«, raffte die sechs Quadratmeter Wollteppich zusammen und stolperte damit ins Bad. Ich hörte, wie sie Wasser in die Wanne einließ, um das Fusselmonster einzuweichen.

Ich hob das Glas vom Fußboden auf und stellte es auf die Fensterbank. »Warum ziehst du nicht in Ackis Wohnung und ich bleibe hier, ungefähr so lange, bis ihr beiden festgestellt habt, dass es nicht funktioniert? Dann hab ich noch eine gute Woche mehr …«, rief ich.

Wilmas hochroter Kopf erschien im Türrahmen. Ich sah viel zu spät, dass sie einen nassen Waschlappen in der Hand hatte, der mich in der nächsten Sekunde mitten ins Gesicht traf.

»Ich wollte sowieso grad gehen. Danke für die Erfrischung.«

Wilma knallte die Badezimmertür hinter sich zu, und ich machte mich exakt zwei Minuten nach Rechtzeitig auf den Weg ins Café Madrid.

Den häuslichen Kampfhandlungen knapp entronnen, geriet ich gleich in das nächste Szenario zerrütteter Verhältnisse.

Zwischen Kai-Uwe Hasselbrink, dem Besitzer des Café Madrid, und Raoul, seinem katalanischen Chefkoch, flogen in Ermangelung nasser Waschlappen die Messer tief, während vom Stammtisch der Fußballfreunde Anfeuerungsrufe zu vernehmen waren.