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Ein Roman über die Psychologie des Bösen. Ein Roman, in dem vier Frauen sich das Leben gegenseitig zur Hölle machen: Iben, Malene, Anne-Lise und Camilla, vier Frauen, die zusammen im Dänischen Zentrum für Information über Völkermord arbeiten. Iben und Malene sind enge Freundinnen, die sich im Büro die interessanten Aufgaben zuschieben. Eines Tages erhält Iben per E-Mail eine Morddrohung. Zunächst geht sie davon aus, daß der Absender ein serbischer Kriegsverbrecher sein muß. Bald aber schließen Malene und sie auch Anne-Lise als Schuldige nicht mehr aus. Ein psychologischer Thriller, der mit dem Skalpell geschrieben ist.
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Veröffentlichungsjahr: 2015
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Übersetzung aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg
ISBN 978-3-492-98500-0
April 2015
© 2004 Christian Jungersen und Gyldendal, Kopenhagen
Titel der dänischen Originalausgabe: „Undtagelsen“
Vermittelt durch die Leonhardt & Høier Literary agency aps, Kopenhagen
Deutschsprachige Ausgabe:
© Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2015
Covergestaltung: Petra Dorkenwald, nach einem Entwurf von Büro Hamburg
Covermotiv: mauritius images/Ibid, Manfred Rutz/The Image Bank/Getty Images
Datenkonvertierung: Kösel Media GmbH, Krugzell
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»Haben die nichts anderes im Kopf, als sich gegenseitig umzubringen?« fragt Roberto. Normalerweise hätte er so etwas nie gesagt.
Der Geländewagen, auf dessen Ladepritsche die vier Mitarbeiter der Hilfsorganisation und die beiden Geiselnehmer sitzen, hält schon seit mindestens einer Stunde hier. Der Weg vor ihnen ist durch ausgebrannte Autowracks versperrt, doch eigentlich müßte es möglich sein, zurückzusetzen oder direkt zwischen den fragilen Hütten hindurchzufahren, die an beiden Seiten der Straße stehen.
»Ich meine, worauf warten wir? Wieso fahren wir nicht einfach mittendurch?«
Normalerweise ist Robertos Englisch perfekt. Zum ersten Mal ist ein Akzent zu hören, der ursprünglich einmal italienisch gewesen ist. Er atmet schwer, Schweiß läuft ihm über die Wange in einen der Mundwinkel.
Das Slumviertel hat die Farbe einer zertrampelten und völlig verdreckten Kuhweide. Der Schlamm unter dem Wagen ist von der Sonne fast zu Keramik gebrannt und durchzogen von tiefen Spuren, die sich in der letzten Regenzeit eingegraben haben. Auf die staubige Ebene haben die Nubier ein Gewirr von graubraunen Hütten aus Kuhmist gebaut, der über Skelette aus entlaubten Zweigen geschmiert ist.
Roberto, der hier unten Ibens unmittelbarer Vorgesetzter ist, sieht seine drei Mitgefangenen an.
»… oder wieso fahren die uns nicht wenigstens in den Schatten?!« Nach seinem Ausbruch hebt er mit einer langsamen Bewegung die Hand bis zum unteren Rand seiner Sonnenbrille.
Einer der Geiselnehmer läßt ein scharfgeschliffenes, halbmeterlanges Panga ein bißchen hin und her schaukeln. Er schaut nicht länger auf die Slumbewohner, sondern in einer Weise auf Roberto, die diesen den Arm mit der gleichen übertriebenen Langsamkeit sinken läßt, mit der er ihn erhoben hat.
Iben stöhnt, der Schweiß muß ihr wohl in die Ohren geflossen sein, sie hört ihre inneren Geräusche so laut wie einen anlaufenden Ventilator. An der Wand der nächstgelegenen Hütte aus Kuhdung türmt sich ein meterhoher Haufen aus verfaulten, mit menschlichen Exkrementen vermischten Gemüseabfällen. Das ist der Geruch der Slums, wie sie ihn kennt. Und hier ist er heftig.
»O glorious Name of Jesus, gracious Name. Name of love and power! Though your sins are forgiven, enemies are vanquished, the sick …« leiert der jüngere ihrer Entführer vor sich hin.
Iben sieht zu ihm hoch. Er ist nicht wie die Kindersoldaten, über die sie in Kopenhagen geschrieben hat.
Er ist sichtlich unerfahren und kann dem Druck nicht standhalten. Die ganze Zeit war er von irgendeinem Stoff high, jetzt macht ihn die Angst verrückt. Er steht da, den Blick auf das ständig größer werdende und immer stärker bewaffnete Menschenmeer gerichtet, das den Wagen in einem gewissen Abstand umringt. Tränen laufen ihm die Wangen hinunter. Eine Hand preßt sich an die schartige schwarze Maschinenpistole, die andere reibt an dem Kreuz, das er unter seinem rot-blauen »I love Hong Kong«-T-Shirt um den Hals trägt.
Der Junge muß einer englischsprachigen Kirche angehören, denn er wechselt aus seiner Muttersprache und haspelt zusammengewürfelte englische Gebete und lange Bibelzitate in einem Tonfall herunter, als wäre es Latein.
»… Surely goodness and love will follow me all the days of my life. And I will dwell in the house of the Lord for length of days …«
Daheim in Dänemark sind die Wohnungen noch genauso eingerichtet wie zuvor. Ibens Freundinnen tragen die gleichen Klamotten und reden über die gleichen Dinge. Und sie selbst ist längst zu ihrer normalen Arbeit zurückgekehrt. Kopenhagen ist so überraschend unverändert – abgesehen davon, daß es Herbst geworden ist.
Vor drei Monaten wurde Iben als Geisel genommen und in einer kleinen afrikanischen Hütte außerhalb von Nairobi gefangengehalten. Damals wußte sie nicht, ob sie je wieder nach Hause kommen würde. Daran erinnert sie sich. Sie erinnert sich an die Diarrhöe, die bewaffneten Wächter, die Wärme, die Angst. Und dann erinnert sie sich, daß dies ihre ganze Welt bedeutete.
Nun sagt ihr eine innere Stimme, daß das nicht wahr sein kann. Denn es bedeutet nichts. Die Erlebnisse in Kenia wollen einfach nicht zu dem ruhigen Leben passen, das sie hier führt. Es kann unmöglich sie gewesen sein, die dort mit der Maschinenpistole an der Schläfe auf dem Boden lag. Sie erinnert sich daran auf dieselbe Weise, mit der man sich an einen alten experimentellen Film erinnert, den man mal vor vielen Jahren bei einem nächtlichen Filmfestival gesehen hat.
Iben ist bei ihrer besten Freundin Malene. Sie wollen Freunde besuchen, mit denen sie vor ein paar Jahren im Studentenwohnheim auf dem gleichen Flur gewohnt haben.
Sie schlendert durch Malenes und Rasmus’ Wohnzimmer und wartet darauf, daß Malene aus dem Schlafzimmer zurückkommt und etwas trägt, worin sie sich gefällt. Iben hat zwei große Mojitos gemixt und ihr Glas während der letzten Nummern auf der CD mit Fela Kutis Afrofunk ziemlich leergetrunken.
Malene flitzt ins Wohnzimmer und wieder hinaus, dann stellt sie sich vor den Spiegel und fragt:
»Wieso habe ich hier zu Hause eigentlich immer interessantere Sachen an, bevor wir zu einem Fest gehen, als auf dem Fest selbst?«
Sie schaut sich in dem schwarzen, teilweise durchsichtigen Kleid an, das eher für eine Silvesterfeier geeignet ist als für einen Freitagabend bei einer Freundin, die selbst nur in Pullovern herumläuft und gerade ihre Ausbildung als Biologin beendet hat.
»Weil wir zu so langweiligen Festen gehen«, sagt Iben.
Malene ist bereits wieder auf dem Weg ins Schlafzimmer, um etwas weniger Auffälliges zu finden.
»Und du kannst davon ausgehen, daß es heute abend ziemlich langweilig wird … bei Sophie!« ruft Iben ihr nach.
Sie macht eine Pause, als hätte sie mit Sophies Namen alles gesagt, und hört, wie Malene im Schlafzimmer mit einer albernen Stimme wiederholt: »Ja – bei Sophie.«
Iben nippt an ihrem Glas, während sie einmal mehr den Blick über die Buchrücken im Regal wandern läßt. Häufig geht sie zuerst zu den Büchern, wenn sie in eine neue Wohnung kommt. Bei Festen stellt sie sich vors Regal und überfliegt diskret den häuslichen Lesestoff, während sie beim Lesen der vielen Titel und Autorennamen auf den Rücken dem einleitenden Smalltalk der übrigen Gäste zuhört.
Malenes Buchrücken kennt sie, sie zieht eine dicke Sammlung anthropologischer Artikel heraus und wiegt sich damit zu einem langsameren Stück auf der CD. Sie hat genug getrunken, um ein glückliches, prickelndes Gefühl zu verspüren.
Während sie beinahe mit dem Buch tanzt, drückt sie das kalte Glas Rum mit dem Handgelenk an die Brust und liest, daß die Xingu-Indianer als Übergangsritual zum Erwachsenendasein Mädchen in kleine, dunkle Verschläge sperren, in denen sie bis zu drei Jahren liegen müssen. Wenn sie wieder ans Sonnenlicht kommen, sind sie dick, blaß und haben langes, strähniges Haar. Erst jetzt sind sie in den Augen des Stammes richtige Frauen.
Im Regal liegt das Video mit Ibens Fernsehauftritten, das Rasmus aufgenommen hat, als sie aus Kenia zurückkehrte. Sie arbeitet beim Dänischen Zentrum für Information über Völkermord, dem DZIV, und war an eine internationale Organisation abgestellt worden, die Aussöhnungsprozesse unterstützt und die Ursache und Entwicklung von Genoziden untersucht.
Iben nimmt einen Keks aus der Packung auf dem Sofatisch und legt das Video in den Rekorder, ohne die Musik leiser zu stellen.
Am Anfang steht sie mitten im Wohnzimmer und schaut in ihr eigenes Gesicht auf dem Fernsehschirm. Dann setzt sie sich auf das große Sofa von Malene und Rasmus.
Jedesmal, wenn sie das Video sieht, muß sie zwischendurch lachen. Es scheint eine kleine Iben-Marionette in den Nachrichtensendungen von TV 2 und Danmarks Radio zu sitzen, die so tut, als wäre sie ernst und klug. Als hätte sie damals von den Erlebnissen einer fremden Frau erzählt.
Aber dann kommen auch Bilder aus dem Slum, von der Ankunft der befreiten Geiseln in der amerikanischen Botschaft. Und von der Pressekonferenz dort.
Sie sieht sich diese Bilder genau an – jedesmal sind sie neu und fremd.
Malene kommt herein, mit einem schwachen Duft nach Parfum und einem dünnen, nougatfarbenen Kleid. Bei ihrer Figur stehen ihr Kleider gut, sie hat dickes rotbraunes Haar und immer eine leicht gebräunte Haut. Es ist nicht schwer, die Männer zu verstehen. Malene hat etwas Appetitliches. Wie ein großer, goldener, glatter Karamelbonbon.
Malene sieht sofort, was Iben eingelegt hat. Sie sagt nichts, berührt nur leicht ihre Schulter und setzt sich neben sie aufs Sofa.
Iben dreht die Musik leiser, damit sie hören kann, was Roberto dem Reporter in den Nachrichten erzählt:
»Iben sagte, während unserer Gefangenschaft sollten wir nicht aufhören, uns gegenseitig zu erzählen, was passiert ist. Wir sollten es immer und immer wiederholen, selbst wenn die Worte für uns schon fast keine Bedeutung mehr hätten …«
Das Interview findet in der italienischen Botschaft in Nairobi statt. Nach ihrer Befreiung und der ärztlichen und psychologischen Behandlung hatte Roberto mehr Zeit gebraucht als die anderen, bevor er imstande war, nach Hause zu reisen. Bei dem Interview hat er ausnahmsweise seine Sonnenbrille abgenommen, er sieht schmal aus und lächelt: »Iben erklärte, eine Reihe von Untersuchungen hätten gezeigt, daß man so posttraumatischen Belastungsreaktionen am besten vorbeugt.«
Sie schalten zurück ins Studio nach Kopenhagen, und Iben erklärt dem Moderator: »Entscheidend für die vorbeugende Behandlung von posttraumatischen Belastungsreaktionen ist, daß man so schnell wie möglich sein Debriefing einleitet. Wir wußten ja nicht, ob wir monatelang eingesperrt bleiben würden, also mußten wir bereits während der Gefangenschaft einen Verlauf strukturieren, wie wir …«
In Malenes Wohnzimmer stöhnt Iben laut auf und greift nach ihrem Drink.
»Ich wirke absolut unerträglich.«
»Du bist überhaupt nicht unerträglich. Du weißt nur ein paar Dinge, von denen die meisten keine Ahnung haben.«
»Aber genau das müssen die Journalisten immer wieder vorführen. Als ob ich so eine Art Psychologiefreak wäre. Als ob ich keine Gefühle hätte, nur weil ich nachdenke.«
Malene gibt Iben einen liebevollen Klaps auf die Hand, als sie ihr Glas zurück auf den Tisch stellt. Sie lächelt.
»Vielleicht sind sie auch einfach nur fasziniert, weil du in dieser kleinen Hütte aus Kuhscheiße so effektiv warst, oder? Du bist eine Heldin. Du bist nur nicht daran gewöhnt. Wer weiß schon, was es heißt, ein Held zu sein?«
Iben weiß nicht, was sie sagen soll. Sie lachen, und Iben weist mit einem Nicken auf Malenes Kleid: »Du weißt, daß du das da nicht bei Sophie anziehen kannst?«
»Ja.«
Die nächsten Beiträge auf dem Band sind Ibens Auftritte bei Guten Morgen Dänemark und Deadline.
Auf den Bildern sieht sie tatsächlich aus wie jemand, der sich überwiegend im Freien aufhält – was sie zu Hause nie getan hat. Iben hat helles, schulterlanges Haar; es ist kräftig, aber es hat überhaupt nicht dieses Spiel von warmen Nuancen, zu dem die Sonne Blondinen normalerweise verhilft. Erst in Afrika war das Licht intensiv genug, um Reflexe in ihrem Haar zu erzeugen. Sie will versuchen, einen Friseur zu finden, der es auch weiterhin so leuchten läßt.
Im Fernsehen hat sie auch eine tolle Hautfarbe, beinahe wie Malene. Nur kam nach dem Interview ihre gewohnte Blässe schnell wieder zurück und von Zeit zu Zeit auch die dunklen Ränder unter den Augen – ein großer blaßblauer Halbmond unter jedem Auge.
Die Ränder sind markanter, als sie es ihrer Ansicht nach vor dem dreißigsten Lebensjahr sein dürften. Sofort als sie nach Hause kam, hat sie sich wie Malene eine Rabattkarte für eines der vielen kleinen Solarien in Nørrebro gekauft. Sie wollte ihr Aussehen bewahren. Doch ihr wurde klar, daß sie nicht die richtige innere Einstellung hat, um sich in eine lärmende Maschine zu legen und zu schwitzen. Also wurde das Projekt nie verwirklicht.
Natürlich haben alle Journalisten das gleiche Schema, mit dieser Art von Geschichten umzugehen: Iben konnte sagen, was sie wollte, man würde dennoch redigieren und streichen, bis sie wieder ein idealistisches dänisches Mädchen war, das sich draußen in der großen, weiten Welt als Heldin gezeigt hatte.
Besonders hervorgehoben wurde, daß sie noch einmal zu den anderen Gefangenen auf der Wagenpritsche zurückgelaufen war, nachdem sie sich selbst schon vor den Geiselnehmern in Sicherheit gebracht hatte. Wie sie inmitten des Tumults die gewalttätigen Polizisten anbrüllte, damit sie die Seiten wechselten.
Dann zitierten die Zeitungen, wie die anderen Geiseln Iben als »die Starke in der Gruppe« beschrieben.
Eines der Opfer hatten die Kopenhagener Boulevardzeitungen zu Hause in den USA angerufen und zu einer Stellungnahme gedrängt: »Ich bin nicht sicher, ob es gut geendet hätte, wenn Iben nicht in der Gruppe gewesen wäre.«
Nach einer Woche verschwand das Interesse der Medien. Ebenso schnell und unkontrolliert, wie es entstanden war. Die Gefangenschaft der Gruppe hatte nur vier Tage gedauert, so daß Iben als Geisel nie zu einer großen Berühmtheit wurde, und nun interessierten sich die Journalisten nicht mehr für sie.
Iben spürt, wie Malene ihr ins Gesicht zu schauen versucht, ob »da etwas ist«.
»Es ist alles in Ordnung. Geh dich ruhig umziehen.«
»Bist du sicher?« fragt Malene.
»Ja, ja.«
Die Wohnung von Malene und Rasmus befindet sich in einer Übergangsphase: Auf den Rücklehnen von zwei billigen Ikea-Klappstühlen liegen noch immer indianische Decken aus dem Dritte-Welt-Laden. Auch die billigen polynesischen Figuren, die im Kiefernholzregal stehen, stammen aus der Zeit, als Malene internationale Entwicklung an der Universität von Roskilde studierte.
Ihr Examen bestand sie vor drei Jahren. Gleichzeitig wurde der Job als studentische Aushilfe am DZIV zu ihrem richtigen Beruf, und später half sie Iben, am Zentrum unterzukommen. Im gleichen Wohnzimmer stehen das neue teure italienische Sofa und zwei dänische Designer-Sessel aus den Sechzigern. Malene und Rasmus verdienen beide gut, sie können es sich leisten, die Wohnung nach und nach exklusiver einzurichten.
Von Rasmus’ Geschmack merkt man allerdings noch nicht sehr viel. Nachdem er sein Filmwissenschaftsstudium beendet hatte, gab es keine Jobs, also arbeitet er bei Messen und Tagungen in ganz Europa und verkauft Hardware-Komponenten, die die Übertragungsgeschwindigkeit von Computern zu Lichtleiterkabeln erhöhen. Mehr als die Hälfte des Jahres verbringt er im Ausland, von ihm wird die Wohnung vor allem durch zwei Regale mit Filmbüchern und einem Riesenhaufen Krempel geprägt, der seit einem halben Jahr im Schlafzimmer liegt.
Das Telefon klingelt, und Iben weiß, daß sie einfach drangehen darf. Sie erkennt die Männerstimme in der Leitung, ihren dunklen jütländischen Tonfall hat sie im Radio in der außenpolitischen Sendung Orientierung gehört. Es ist Gunnar Hartvig Nielsen.
Iben ruft Malene, die in Jeans und einer Seidenbluse in unauffälliger Farbe zurückkommt. Es scheint sich um ihre endgültige Entscheidung in der Kleidungsfrage für den heutigen Abend zu handeln, denn sie hat Lidschatten aufgelegt, aber noch keinen Lippenstift.
Iben hört, wie Malene einen Vorschlag ablehnt, mit Gunnar am Abend essen zu gehen. Statt dessen lädt sie ihn zu Sophie ein. Als sie aufgelegt hat, wundert sich Iben.
»Hat er dazu Lust?«
»Na klar.«
»Ja, aber was soll er denn da?«
»Ein paar Leute treffen, mich sehen, Spaß haben, wie wir anderen auch.«
»Ja, natürlich.«
Iben schaltet den Fernseher aus und geht mit Malene ins Badezimmer, wo diese ihr Make-up beendet.
Auf Gunnar Hartvig Nielsens Namen war Iben zum ersten Mal vor ein paar Jahren am Studienseminar gestoßen. Seine zahlreichen Artikel und Features über internationale Politik in der Information, die sie im Studentenwohnheim gemeinsam abonniert hatten, wurden sehr genau gelesen. Besonders seine Berichte aus Afrika wurden bewundert und in der gemeinsamen Küche diskutiert.
Und dann gab es noch seine eigene Geschichte, die man hin und wieder in Zeitungsportraits erzählt bekam. Wie Malene war er aus Mitteljütland in die Stadt gekommen – allerdings noch tiefer aus der Provinz. Seine Eltern waren Bauern, und nach dem Abitur hatte er als Neunzehnjähriger an einem Entwicklungsprojekt in Tansania teilgenommen, dort lernte er Suaheli, danach zog er dreieinhalb Jahre durch Afrika.
Zurück in Dänemark schrieb er Der Rhythmus des Überlebens, ein Buch über Afrika, das vor allem von jungen Rucksacktouristen und Menschen gelesen wurde, die sich für internationale Politik interessierten – besonders von den eher Linksgerichteten.
Im Alter von fünfundzwanzig Jahren war er bereits ein bekannter Journalist und Kommentator der Information. Seither hatte er mehrfach längere Zeit in afrikanischen Ländern gelebt. Er hatte versucht, ein Universitätsstudium zu absolvieren, während er für Information über Gipfeltreffen und Konferenzen in New York und Daressalam berichtete. Aber nach etwas über einem Jahr gab er es auf.
In den letzten Jahren von Ibens und Malenes Studium arbeitete er nicht mehr als fester Mitarbeiter für Zeitungen und verlor dadurch ein wenig von seinem Ruf als einer der führenden linken Journalisten des Landes.
Als Malene vor vier Jahren ihre Arbeit als studentische Aushilfe im DZIV antrat, konnte sie Iben erzählen, wohin er verschwunden war. Sie hatte ihn für einen Artikel über den ungeheuren und unbeachteten Völkermord im Sudan interviewt. Gunnar war jetzt Anfang Vierzig und arbeitete als Redakteur des vom Außenministerium herausgegebenen Magazins Entwicklung.
Er erzählte, daß er den Job als Redakteur bei der Abteilung für Auslandshilfe angenommen hatte, weil er nach seiner Scheidung ein Einkommen brauchte, mit dem er den Unterhalt seiner Kinder und eine Wohnung mit zwei Kinderzimmern bezahlen konnte. Jetzt schrieb er mindestens ebenso gute Artikel für Entwicklung, aber außerhalb eines Kreises von besonders Interessierten gab es nicht sehr viele, die davon erfuhren.
Iben studierte noch Literaturwissenschaft, und sie beneidete damals ihre Freundin, daß sie durch ihre Arbeit so viele interessante Männer kennenlernte und durch ihr Aussehen auch die Aufmerksamkeit eines großen Teils von ihnen erregte. Der Neid wurde nicht kleiner, als Malene eines Tages erzählte, daß Gunnar sie zum Essen eingeladen hatte.
Es wurden viele Abendessen. Malene und Gunnar zusammen allein in den Restaurants der ganzen Stadt. Aber nichts weiter. Malene liebte diese Einladungen. Gunnars stämmiger Körper, seine desillusionierte Haltung als Sozialist und besonders sein Alter reizten sie jedoch nicht. Ein paarmal beklagte sie sich bei Iben: Den Blick seiner großen bettelnden Hundeaugen fände sie bedrückend.
Iben hatte damals geantwortet: »Wenn er in dich verliebt ist und du nicht mit ihm ins Bett willst, dann ist es ja wohl auch nicht in Ordnung, sich zu einem Essen nach dem anderen einladen zu lassen?«
»Ja, aber uns geht’s unheimlich gut zusammen. Er hat selbst gesagt, daß er nichts Sexuelles erwartet.«
»Aber trotzdem soll er bezahlen?«
»Nein, das macht er doch nur, wenn er in der Stadt essen will und ich pleite bin. Ich würde doch auch für ihn bezahlen, wenn er es sich nicht leisten könnte.«
Selbst als sich Malene in den attraktiven jungen Rasmus verliebte, hörten die Abendessen mit dem älteren Bewunderer nicht auf. Iben hörte, wie Malene erklärte: »Rasmus, da ist nichts Sexuelles. Er ist nur ein guter Freund.« Allerdings bestand Rasmus darauf, daß sie ihren Teil der Rechnung künftig selbst zahlte, und das tat sie dann auch.
Während sie in der Küche noch ein paar Reste essen, reden Iben und Malene darüber, wen sie an diesem Abend treffen werden.
Im Flur stehen Marmeladengläser und leere Sprudel- und Weinflaschen, die zum Glascontainer gebracht werden müssen, daneben zieht sich Malene ein anderes Paar ihrer teuren orthopädischen Schuhe an, die sie wegen ihres Gelenkrheumatismus tragen muß. Sie trinken ihre Mojitos aus – und los geht’s.
Iben und Malene hängen ihre Mäntel auf die Haken in dem engen Flur, in dem es bereits nach Kartoffelchips, Menschen und Wein riecht. Sophie kommt aus dem Wohnzimmer. Nach einem ersten »Hallo« und einer Umarmung registriert sie Malenes Kleidung und ihr Make-up. »Also, das ist aber kein richtiges Fest.«
Ein paar von Sophies Freunden quetschen sich aus der Tür hinter ihr und schubsen sie von hinten. Einen Moment ist sie abgelenkt, dann sieht sie mit ihren großen, runden Augen wieder Iben und Malene an: »Das ist nur so ein Treffen. Ich reise doch übermorgen ab.«
Sophie hat lange Haare und noch immer nur den einen blauen Anorak, vor vier Jahren wohnte sie mit Iben und Malene auf dem gleichen Flur im Studentenwohnheim. Am Telefon hat sie erzählt, daß sie nach Kanada fliegt, wo ihr Freund, auch ein Biologe, die nächsten beiden Jahre arbeiten wird. Einer von Sophies Freunden ruft:
»Ah, da kommt ja die Heldin!«
Und aus einer Gruppe von Bekannten aus dem Wohnheim, die ein Stück weiter hinten im Flur stehen, hört Iben so etwas wie:
»… lief zurück, um die anderen zu beschützen, statt sich selbst in Sicherheit zu bringen.«
Iben lächelt und wiederholt zum Gott weiß wievielten Mal:
»Ich wußte nicht, was ich tat. Es war total unübersichtlich und verwirrend.«
»Gerade das macht dich doch zu einer Heldin, Iben. Deine Instinkte. Wenn du nur eine Sekunde hast, um zu wählen.«
Sophie umarmt Iben noch einmal, sie schaut ihr in die Augen: »Die meisten wären abgehauen.«
Sophies Wohnzimmer ist voller bekannter Gesichter. Vor fünf Jahren waren sie alle Studenten von Anfang Zwanzig. Iben erinnert sich daran, wie sie sonntags im Gras lagen, wenn es im Fælledpark ein Konzert gab. Jetzt sind fast alle mit ihrer Ausbildung fertig, einige haben Jobs, doch die meisten beziehen Arbeitslosengeld. Viele sind am Arbeitsmarkt gescheitert, nur ist das Arbeitslosengeld deutlich höher als die staatliche Ausbildungsförderung, die sie gewohnt waren – also sind sie jetzt weniger arm.
Karrieren und Sackgassen zeichnen sich ab, ein paar haben inzwischen Kinder, bei einigen hat sich das Leben in ganz unvorhergesehene Richtungen entwickelt.
Überall in dem dunklen Licht von zu wenigen, schwachen Lampen stehen und sitzen sie und reden mit einem Glas Rotwein oder einem Bier in der Hand. Iben und Malene sehen sich an: Tanzen ist ausgeschlossen, drei Mütter tragen ihre Babys auf dem Arm.
Immer wieder wird Iben nach Nairobi gefragt.
Sie lächelt zurück:
»Weißt du, ich bin so oft danach gefragt worden. Ich mag es eigentlich nicht mehr erzählen. Ein andermal. Und was machst du, wie lief es mit …?«
Nach einem Rundgang richtet sie sich in einer Ecke ein und lehnt sich gegen eine Tischkante. Mit einem frischgebackenen, aber bereits angetrunkenen Zahnarzt tauscht sie Erinnerungen an die Nächte im Club Rust aus, als sie Gunnar am anderen Ende des Wohnzimmers zur Tür hereinkommen sieht.
Irgendwann hatte Malene ihn mal als einen »ziemlichen Brocken« bezeichnet, und Iben hatte gedacht, er hätte die Statur von John Goodman. Jetzt sieht sie, daß er eigentlich eher das Format Gérard Depardieus hat.
Malene steht aus einem aufblasbaren Sessel auf und geht ihm entgegen. Der Zahnarzt dreht sich nach ihr um. Iben knabbert einen Chip und denkt: »Eine Menge Frauen wären irritiert über eine Freundin mit dieser Wirkung auf jeden Kerl, den sie trifft.« Sie sieht, wie Malene Gunnar zurück in den Flur zieht, wo sie in Ruhe reden können.
Ein wenig später sitzt Iben auf dem Sofa und redet mit einem guten Freund von Rasmus. Der Freund trägt eine neonblaue Jacke mit auffällig abgesetzten Nähten, stolz erzählt er, daß er jetzt Texter einer Werbeagentur ist. Er spricht lauter als beim letzten Mal und lacht insistierender:
»Das ganze Humanitäre und Humanistische – damit kann man doch kein Geld machen.«
Er bemerkt Ibens Gesichtsausdruck und argumentiert ein wenig zurückhaltender: »Man kann davon leben. Aber nicht auszuhalten ist die Arbeitslosigkeit und die Art, wie man von den Arbeitgebern behandelt wird. Sie wissen, daß es Tausende von Studienabsolventen gibt, sie haben die freie Wahl. Es ist ihnen so scheißegal.«
Von den Umstehenden drehen sich einige um und hören zu.
»In einer guten Werbeagentur wirst du völlig anders behandelt! Die Direktoren wissen, daß es nur wenige gibt, die wirklich Talent zur Werbung haben und es überhaupt in der Branche aushalten.« Und dann erklärt er lächelnd: »Die ist schon ziemlich verlogen.«
Die Agentur hat einen Namen, den Iben offenbar kennen sollte:
»Wir waren im Fernsehen – genau wie du.«
Sie gießt Saft in ihr leeres Plastikglas, während sie Gunnar beobachtet, der zurück ins Wohnzimmer gekommen ist. Er hat keine Schar Mädchen um sich, wie sie es sich zu Hause vorgestellt hat. Möglicherweise sind sie zu schüchtern, vielleicht sind sie aber auch der Meinung, daß es sich nur lohnt, in der Gemeinschaftsküche eines Studentenwohnheims für ihn zu schwärmen, nicht in der Realität. Vielleicht ist er ihnen aber auch einfach nur zu alt geworden – wie für Malene. Rasmus’ Freund muß noch ein Beispiel bringen und erzählt, daß die Agentur alle Mitarbeiter zu einem dreitägigen Weihnachtsfest nach Barcelona eingeladen hat. Für die Agentur eine sinnvolle Ausgabe, denn im Verhältnis zu ihren Gehältern wären das doch sehr geringe Kosten.
Vielleicht sind es die Blicke der Zuhörer, die Iben veranlassen, aus einer unkonzentrierten Routine heraus die Position all derer, die um sie herumstehen, zu verteidigen. Sie kommt ihm mit den üblichen Argumenten: »Die wahren Werte des Lebens«, »Geld ist nicht das Wichtigste«, »Wofür lebt man eigentlich«, »Wohin bringt dich deine Entscheidung«.
Aber schon während sie diskutieren, merkt sie, wie sie beide in dieser alten Konfrontation wie in einer Endlosschleife gefangen sind. Als wären sie zwei ausgebrannte Politiker in den letzten Tagen des Wahlkampfes, in denen man die allzu vielen langweiligen Züge in der Argumentation des anderen vorhersagen kann.
Sie guckt bewußt in eine andere Richtung, um die Diskussion zu beenden, und versucht statt dessen, sich an einem Gespräch zwischen zwei Fremden zu beteiligen, die auf der anderen Seite des Sofatisches sitzen.
Aber Rasmus’ Freund hat noch mehr zu sagen:
»Ich würde auch gern so einen Job haben wie du. Öffentlichkeitsarbeit. Etwas Humanitäres mit Sinn, tu was Gutes, so was in der Art.«
Er streicht sich über seine blaue Jacke:
»… der Welt helfen! Nur ist das unmöglich. Dafür gibt’s keinen Bedarf.«
Er bricht ab und amüsiert sich mit einem kleinen Grinsen über das Paradoxe seiner Formulierung, dann redet er weiter:
»Wenn man der Welt helfen will, bekommt man nie eine Arbeit.«
Als er endlich still ist, wirkt er merkwürdig abwesend. Bis er sein Gesicht mit einer abrupten Drehung wieder ihr zuwendet:
»Na ja, mal abgesehen von dir und Malene natürlich.«
Irgendwann landet Iben vor einem zusammenklappbaren Kinderbett, das aussieht wie Camping-Zubehör aus Aluminium und Nylon. Sie balanciert ein fast volles Rotweinglas und drei zerbrochene Kekse, als Gunnar plötzlich neben ihr steht. Seine Frage ist anders und kurz:
»Wie ist das, wieder zu Hause zu sein?«
Die ruhige Stimme vom Telefon.
Sie sieht ihn an. Graublaue Augen.
»Ich weiß nicht, ob ich es wirklich bin«, sagt sie.
Sie lachen.
Iben weiß nicht, wohin sie gucken soll. Sophie spielt eine CD von Buddha Bar. Auf der anderen Seite des dunklen Wohnzimmers geht Malene zu einem unbequemen Holzstuhl und setzt sich. Als einzige hier weiß Iben, wie es aussieht, wenn Malene die Füße weh tun. Sie sieht, daß Malene bald nach Hause möchte.
Gunnar erzählt von seinem Interview mit Ruandas Präsident Habyalimana in Daressalam. Er hatte das Interview geführt, kurz bevor das Flugzeug des Präsidenten abgeschossen wurde und die Witwe daraufhin die vermeintlichen Rachemorde an fünfhunderttausend Tutsi im Lande anordnete.
Gunnar hatte die schweren, mit Nägel beschlagenen Holzkeulen in seinen eigenen Händen gehalten, mit denen vielen Opfern die Schädel eingeschlagen wurden.
»Du weißt wahrscheinlich, daß viele Morde in Kirchen stattfanden, in die die Tutsis geflohen waren«, sagt er. »Es dauert ziemlich lange, einen Menschen mit diesen landwirtschaftlichen Geräten und Haushaltsgegenständen totzuschlagen, die ihnen zur Verfügung standen. Wenn sie hundert Menschen zu ermorden hatten, wurde ihnen allen normalerweise erst einmal die Achillessehne durchgeschnitten. So konnten sie nicht weglaufen. Und die Mörder hatten Zeit, einen nach dem anderen umzubringen. Das konnte schon mal einen ganzen Tag dauern.«
Zusammen mit Gunnar erinnert sich Iben an die drei Monate in Nairobi vor ihrer Geiselnahme. Die Zeit dort gehörte ihr. Sie erzählt von all dem Wunderbaren, für das vielen Menschen das Verständnis fehlt. Gunnar liebt Afrika.
Sie gehen ein Stück zur Seite, um sich an Sophies Regal zu lehnen. Als ob sie nebeneinander auf einem senkrechten Bett aus Büchern lägen. Sie weiß nicht, wieviel Zeit vergeht.
Er trägt ein graues T-Shirt unter dem Hemd, am Halsausschnitt ist kein Brusthaar zu sehen, aber auf seinem Handgelenk gucken kurze, goldene Härchen aus seinen Hemdsärmeln hervor.
Ein vorbeigehender Gast versetzt Iben einen leichten Stoß, und sie merkt, daß sie mit halboffenem Mund dasteht und schon viel zu lange Gunnars regelmäßige Gesichtszüge angesehen und seinen langen, ausführlichen Erklärungen zugehört hat. Sie schüttelt kurz den Kopf – wie ein Hund, der aus dem Wasser kommt, nachdem er vom Steg gefallen ist.
Besser, ich gehe woanders hin, überlegt sie. Dann bemerkt sie, daß Malene bereits neben ihnen steht. Iben denkt, das kommt gar nicht gut.
Malene sieht Iben nicht an. Statt dessen erzählt sie Gunnar von einem witzigen Erlebnis, das sie im DZIV mit einem seiner Freunde aus Journalistenkreisen hatte.
Iben will in die Küche und ein Glas Wasser trinken.
Gunnar greift nach ihrem Handgelenk:
»Vielleicht treffen wir uns ja mal in der Metrobar.«
»In der Metrobar?«
»Ja, habe ich dich dort nicht schon mal gesehen? Die Kneipe direkt neben dem Funkhaus. Ich bin ein paarmal in der Woche dort.«
»Nein, da …« Iben begreift, was er sagt, und schaut rasch auf Malene, die Gunnar einen Klaps auf seine breiten Schultern gibt:
»Eigentlich bin ich nur gekommen, um zu sagen, daß ich gehen muß. Meine Füße …«
Malene lächelt ein großes Abschiedslächeln, ohne den Satz zu beenden.
Gunnar und Iben nicken. Wortlos blicken sie auf Malenes rheumakranke Hände und Füße.
Malene lächelt ihnen noch einmal zu und fragt:
»Iben, kommst du mit?«
Aufgabe des DZIV ist es, Informationen über Genozide zu sammeln und sie Forschern, Politikern, Hilfsorganisationen und anderen Interessierten in Dänemark und im Ausland zur Verfügung zu stellen. Aus diesem Grund verfügt das Zentrum über die größte Buch- und Dokumentensammlung Skandinaviens zu diesem Thema.
Die Büros und die Bibliothek des Zentrums ziehen sich über die ganze umgebaute Loftetage eines alten roten Backsteinbaus in einer kleinen Seitenstraße im Kopenhagener Stadtteil Østerbro. Früher nutzte die Kopenhagener Stadtverwaltung die Räume als Archiv.
Die Bücher haben sich über die ursprüngliche Bibliothek hinaus ausgebreitet, und inzwischen ziehen sich die blaugrauen Stahlregale mit Büchern und Zeitschriftenordnern bis hin zur Küche an den Wänden des Korridors entlang. So ist es auch an den Wänden im sogenannten Kleinen Sitzungszimmer und des großen Gemeinschaftsbüros von Iben, Malene und Camilla.
In den eher unzugänglichen Ecken des Zentrums stehen außerdem noch schwerere und tiefere grüne Industrieregale mit Pappkästen voller ausländischer Gerichtsprotokolle, Berichte und unterschiedlicher Dokumentationsmaterialien.
Und zwischen all dem Lesestoff arbeiten lediglich fünf Angestellte. Iben ist Mitarbeiterin im Bereich Informationen, Malene die Projektleiterin, und außerdem gibt es noch ihren Chef Paul, die Sekretärin Camilla und die Bibliothekarin Anne-Lise.
Im hellsten und offensten Raum des Zentrums – abgesehen von Pauls Büro – stehen sich Ibens und Malenes höhenverstellbare Schreibtische direkt gegenüber. Hier gibt es keine schmalen Regalgänge wie in der Bibliothek, doch so gut wie an allen vier Wänden des Zimmers stehen ebenfalls hohe Regale. Malene zieht Topfpflanzen auf den drei Fensterbänken, darum wird der Raum auch »Wintergarten« genannt – allerdings wird das Büro immer eher an eine Bibliothek als an einen Wintergarten erinnern, egal, wie viele Blumen sie hineinstellen.
Außer mit Blumen haben Iben und Malene versucht, den Raum aufzulockern, indem sie das Regal, das direkt hinter ihren Schreibtischen stand, umgestellt haben. Statt dessen hängt nun ein Pinnbrett an der Wand, mit Fotos, alten Einlaßplaketten zu humanitären Konferenzen, Zeitungsausschnitten und lustigen Postkarten mit kurzen Nachfragen, ob sie auch ordentlich schuften, während der Absender der Karte seine Ferien genießt.
Am Montag vormittag nach dem Treffen bei Sophie arbeiten Iben und Malene wie gewöhnlich, abwechselnd kommentieren sie das ein oder andere untereinander und für Camilla, die am anderen Ende des Wintergartens sitzt. Der Raum ist so groß, daß der Abstand von Iben und Malene bis zu Camillas Schreibtisch vor Pauls Tür beinahe acht Meter beträgt.
Außenstehende würden nichts anderes sehen als ein paar Kolleginnen, die gut miteinander auskommen. Aber Iben spürt es – irgend etwas ist mit Malenes Blick.
Irgendwann seufzt Malene laut, und Iben schaut auf:
»Was ist?«
»Ach, nichts.«
Malene druckt den Text aus, an dem sie arbeitet, holt ihn aus dem Drucker und beginnt ihn zu korrigieren, zuerst mit einem grünen, dann mit einem roten Stift.
Kurz darauf seufzt sie noch einmal laut.
Wieder sieht Iben von ihrem Bildschirm auf, um mit einem kleinen, zögernden Lachen die Zurückweisungen der Freundin zu durchkreuzen.
Möglicherweise hat Malene eigentlich beschlossen, nicht zu lächeln, aber sie sind so gute Freundinnen und kennen einander so genau, daß auch sie lachen muß.
Iben legt ihre Hände auf den Schreibtisch und fragt noch einmal: »Was ist los?«
Malene läßt den Ausdruck auf die Handgelenksstütze vor ihrer Tastatur fallen: »Ich krieg es einfach nicht so hin, wie ich will.«
»Warum nicht?«
»In einer Ausstellung über die Retter des Holocaust muß ich mindestens drei Tafeln über den dänischen Einsatz bei der Rettung der dänischen Juden bringen. Aber es wird immer so verflucht selbstgefällig und selbstgerecht!«
Iben beugt sich vor und ist froh, daß Malene ihre Unstimmigkeiten offenbar vergißt, solange sie über ihr Problem spricht.
Malene fährt fort:
»Ich habe es viermal umgeschrieben, aber egal wie ich es formuliere, es wirkt so … Wie vermeide ich einen Satz wie ›Das einzige Land auf der Welt‹ und so was?«
»Kannst du es eventuell mit der rigiden Asylpolitik Dänemarks gegenüber ausländischen Juden in den dreißiger Jahren verbinden?«
»Genau das versuche ich ja. Aber es verwässert total den Fokus der Ausstellung, es kommt nur Mist heraus.«
Malene widmet sich wieder ihrem Ausdruck. Also schaut auch Iben wieder auf ihren Bildschirm. Aber sie ist noch immer nicht ganz beruhigt, obwohl sie weiß, daß die Irritation zwischen ihnen wahrscheinlich bedeutungslos ist und Malene möglicherweise nur einen schlechten Morgen hatte.
Die Ausstellung, an der sie beide arbeiten, geht zurück auf eine Idee, die Malene hatte, als Iben in Afrika war. In ihrem Job kann es entmutigend sein, jeden einzelnen Tag neues Wissen über den Erfindungsreichtum der menschlichen Boshaftigkeit zu dokumentieren. Malene vermutete, daß es anderen wahrscheinlich ebenso geht: Sie wären froh, wenn die ermutigenden kleinen Ausnahmen in der Welt des Völkermordes einen größeren Stellenwert bekämen.
Daher kam Malene auf die Idee einer Wanderausstellung über die Retter während des Holocaust – über eine kleine Minderheit von Menschen, die in den von den Nazis besetzten Gebieten »Gutes« taten.
Sie bekam Pauls Genehmigung und hat eine Ausstellung mit der Kopenhagener Stadtbibliothek vereinbart. Danach können die Tafeln bequem verpackt und in Hochschulen oder wo sonst noch Interesse bestand gezeigt werden.
»Vielleicht könnte man die Beschreibung der Verantwortlichen für die Asylpolitik in den dreißiger Jahren persönlicher gestalten – so wie du die Retter beschreibst?«
Malene zögert mit der Antwort, und Iben will nicht besserwisserisch erscheinen: »Nur so eine Idee.«
Als Mitarbeiterin des Bereiches Information schreibt auch Iben Texte für Malenes Ausstellung. Sie beendet gerade einen Abschnitt über den polnischen Hirten Antoni Gawrylkiewicz, der sein Leben aufs Spiel setzte, als er sechzehn Überlebenden des Massakers im jüdischen Ghetto der Stadt Radyn ein unterirdisches Versteck grub. Die Juden waren entkommen, weil sie sich auf einem Dachboden versteckt hatten. Die Deutschen kamen ins Haus, als sie dort oben saßen, und der jüdische Vater hatte den jüngsten Sohn der Familie erwürgen müssen, weil er zu weinen begann.
Wie so oft bei ihrer Arbeit im Zentrum hat Iben das Gefühl, verwöhnt zu sein. Wieso kann jemand annehmen, daß die Dinge, die sie in Nairobi erlebt hat, etwas Besonderes sind? Nachdem sie aus ihrer viertägigen Gefangenschaft nach Hause kam, bezahlte die Organisation, für die sie dort unten gearbeitet hatte, alle therapeutischen Gespräche, die sie haben wollte. Diese Form der Fürsorge bekam Antoni Gawrylkiewicz nie. Nicht, daß etwas Besonderes bei diesen Gesprächen herausgekommen wäre. Die Therapeuten fragten nach Angstanfällen und der Depression, die Iben vor neun Jahren in Verbindung mit dem Tod ihres Vaters gehabt hatte. Damals hatten ihr ein Psychologe und viele Gespräche mit Freundinnen geholfen, aber nach Nairobi hatte sie nicht den Eindruck, als wäre irgend etwas ans Licht gekommen, das sie nicht schon vorher wußte.
Im Gegensatz dazu waren die Menschen, die während des Holocaust etwas taten, entsetzlich einsam mit ihrer Angst. Iben hatte von einem Mann gelesen, der von einem SS-Offizier ohne Warnung auf der Straße erschossen wurde, weil er durstigen Juden auf einem Transport, an dem er zufällig vorbeikam, etwas Wasser gegeben hatte.
Dennoch wohnten bei Antoni Gawrylkiewicz und anderen jahrelang fremde Juden. Abend für Abend schliefen diese Menschen mit der Gewißheit ein, daß ihre Familien wegen des Rettungsversuches mitten in der Nacht aufgespürt und zusammen mit ihren heimlichen Gästen in ein KZ deportiert werden könnten. Niemand wagte über die Lebensgefahr zu sprechen, der sie sich aussetzten. Zwei Jahre lang machte Antoni Gawrylkiewicz Essen für sechs Juden und schaffte ihre Exkremente aus dem Erdloch, um alle Spuren zu verwischen.
Viele Gruppen der polnischen Widerstandsbewegung empfanden einen ähnlichen Haß auf die Juden wie die Nazis. Als eine Gruppe den Verdacht hatte, Gawrylkiewicz würde Juden verstecken, folterten sie ihn. Aber er verriet nichts.
Nach der Befreiung konnten die Juden, die er gerettet hatte, heimkehren. Und obwohl ein Teil nach ihrer Rückkehr nach Radyn von antisemitischen polnischen Widerstandskämpfern ermordet wurde, überlebten die meisten das Kriegsende ausschließlich seinetwegen. In einigen religiösen Überlieferungen – auch in den jüdischen – heißt es: »Derjenige, der ein Menschenleben rettet, rettet eine Welt.«
Es ist merkwürdig, wie sehr Iben es vermißt, nur einen Moment lang mit Malene zu lachen. Eigentlich scheint alles in Ordnung zu sein. Sie reden und diskutieren über Fachliches. Es ist nicht so, als ob sie Streit hätten, und wenn es tatsächlich so wäre, dann könnte Iben genausogut sauer auf Malene sein, weil sie diese Nichtigkeit so wichtig nimmt, obwohl sie nun wahrlich keinerlei Probleme mit Männern hat.
Von ihrem Schreibtisch teilt Camilla mit ihrer sanften Stimme mit:
»Paul hat angerufen und gesagt, er schafft es nicht mehr, heute nachmittag noch zu kommen. Er wird erst morgen wieder hier sein.«
»Danke, Camilla.«
Camilla ist mehr als zehn Jahre älter als Malene und Iben. Viel haben sie nicht gemeinsam, dennoch mag Iben sie sehr gern. Camilla ist nett, phänomenal in ihrer Arbeit und immer für einen Spaß zu haben. Und dann hat sie – vielleicht weil sie in einem Chor singt – eine Stimme, der man gern zuhört, auch wenn sie über Dinge spricht, die man normalerweise langweilig findet.
Iben vertritt sich die Beine und geht in die Küche, um ihre gemeinsame Thermoskanne mit Kaffee zu füllen. Als sie zurückkommt, sagt sie: »Ich habe mir gedacht, die Ausstellung könnte ›Jeder kann ein Zeichen setzen‹ heißen. Bei der Ausstellung geht es ja nicht darum, in einer alten Vergangenheit stehenzubleiben. Das Ziel ist doch, die Zukunft zu ändern. Und das könnte man durch den Titel betonen.«
Camilla ist sofort einverstanden:
»Das ist ein ausgezeichneter Titel.«
»Nun ja …«, beginnt Malene.
Sie schaut von den Texten für die Stellwände auf, mit denen sie offenbar noch immer nicht zufrieden ist. Sie dreht ihren Stuhl so, daß sie Camilla sehen kann, dann wendet sie sich Iben zu. Sie faßt mit einer Hand nach den Knöcheln der anderen und erklärt:
»Ich schreibe ihn auf die Liste. Wir müssen die verschiedenen Ideen bald mal mit Paul besprechen.«
Paul ist phantastisch, wenn es darum geht, Titel zu finden oder sich kurz und überzeugend in den Medien zu äußern. In den Fernsehnachrichten argumentierte er mal so für den weiteren Bestand des Zentrums: »Die Absicht des Dänischen Zentrums für Information über Völkermord ist es, einen Impfstoff gegen die schlimmsten politischen Krankheiten der Vergangenheit zu entwickeln. Unser Ziel ist es, die Gesellschaft der Zukunft resistent zu machen.«
Paul ist Ende Dreißig, dünn, blaß und trägt die Haare sehr kurz. Er hat fast immer einen schwarzen Pullover an, und je nach Situa-tion ein schwarzes Jackett – ganz so, wie es seiner Rolle als politisch engagiertem und intellektuellem Kopenhagener Medienmenschen entspricht.
An normalen Arbeitstagen ist er die meiste Zeit nicht im Zentrum. In erster Linie ist es seine Aufgabe als Leiter, die Kenntnisse der Dänen über Völkermord zu erhöhen, und dies geschieht vor allem durch Medienauftritte in Verbindung mit aktuellen Ereignissen. Es ist unglaublich, wie viele Stellungnahmen ihm seine Kontaktpflege zu einer Reihe von Journalisten und Redakteuren ermöglicht. Notwendigerweise muß er sich dazu mit ihnen treffen, und viele dieser Treffen sind Verabredungen zum Mittagessen in der Stadt.
Iben hat mal ein paar Freunden erzählt, daß Paul trotz seines dunklen Images als ernsthafter Mensch Alfa Romeo fährt und sein Mobiltelefon dabeihat, wenn er im Hareskov joggt – in der Nähe seines Hauses in einer der vornehmsten Vorstädte nördlich von Kopenhagen. Sie haben ihn daraufhin einen Blender genannt.
Iben ist damit nicht einverstanden: Es ist sein Job, eine bestimmte Wirkung zu erzielen, und das macht Paul hundertprozentig, er tritt leidenschaftlich für die Sache ein. Ohne ihn hätte die bürgerliche Regierung das DZIV nach der letzten Wahl wahrscheinlich in das Dänische Institut für Internationale Studien eingegliedert. Oder man hätte das Zentrum sofort geschlossen, wie es mit so vielen anderen Informationszentren geschehen ist. Dazu kam es aber nicht. Höchstwahrscheinlich, weil Paul mit den richtigen Leuten zum richtigen Zeitpunkt zu Mittag gegessen hatte.
Iben sieht bereits vor sich, wie er der Ausstellung in einem Zeitungsartikel den Weg ebnet. Der Titel »Jeder kann ein Zeichen setzen« wird ihn dazu anregen, ungefähr folgendes zu erklären:
»Es ist ein immer verbreiteterer Glaube, daß persönliche Handlungen keinerlei Konsequenzen haben. Und das ist das Wesentliche bei der neuen Ausstellung des DZIV. Sie soll an die persönliche Verantwortung erinnern. Daran, daß es einen kolossalen Unterschied machen kann, wie man selbst handelt.«
Weil Malene im DZIV schon als studentische Hilfskraft anfing, ist sie inzwischen am längsten dabei. Nach ihrem Examen kannte die gesamte Führung sie als sehr kompetente Arbeitskraft, und so bekam sie die Stelle als Projektleiterin, in der sie im wesentlichen verantwortlich ist für die Betreuung der Wissenschaftler und Regierungsbehörden, die das Zentrum nutzen.
Als vor zwei Jahren die Stelle einer Informationsmitarbeiterin ausgeschrieben wurde, erzählte Malene ihren Kolleginnen nicht, daß Iben ihre beste Freundin war. Statt dessen sagte sie im Einstellungskomitee des DZIV, daß sie Iben aus ein paar Ausschüssen des Studentenwohnheims kenne, und lobte sie als ungewöhnlich intelligent, effizient und kollegial in der Zusammenarbeit.
Auf diese Weise und weil Malene ihr das gesamte Insiderwissen darüber vermittelte, was sie bei ihrem Vorstellungsgespräch zu sagen hatte, gelang es Iben, unter zweihundertsechsundachtzig Bewerbern die Stelle zu bekommen.
Die erste Zeit taten sie an ihrem gemeinsamen Arbeitsplatz so, als würden sie sich nicht sonderlich gut kennen. Sie gaben vor, daß sich bei ihnen als Kolleginnen in Rekordzeit die enge Freundschaft entwickelte, die tatsächlich schon seit Jahren bestand.
Nach ein paar Wochen allerdings nahm sich Paul ein wenig Zeit und kam zu ihren Schreibtischen, um sich zu unterhalten. Mitten im Gespräch verstummte er und guckte sie sich mit einem Lächeln genau an.
»Erfreulich, wie schnell ihr miteinander klarkommt.« Er pochte mit dem Knöchel rasch auf Ibens neuen Computer. »Das ist eine Kombination, auf die ich wirklich stolz bin. Das wird bestimmt richtig gut.«
Als sie Iben einarbeitete, revanchierte sich Malene für die Jahre, in denen Iben ihr bei ihrer Krankheit geholfen hatte. Vor sechs Jahren war Malene eines Nachts mit drei roten, entzündeten Fingern aufgewacht. Im Laufe der Nacht wurde die Schwellung schlimmer, und gegen vier waren die Finger extrem dick und ließen sich nicht mehr bewegen. Sie ging auf den Flur des Wohnheims hinaus und klopfte mit der anderen Hand an die Tür zu Ibens Zimmer. Eine Stunde später rief Iben den Notarzt.
Die folgenden Tage lag Malene im Krankenhaus; dort stellte man fest, daß sie ohne jede Vorwarnung an Gelenkrheumatismus erkrankt war. Erst drei Tage später kehrte sie ins Wohnheim zurück. Die Schmerzen waren weg, aber nun mußte sie sich regelmäßig Kontrolluntersuchungen unterziehen, und sie mußte sich darauf vorbereiten, daß sie den Rest ihres Lebens kürzere oder längere Phasen erleben würde, in denen die Krankheit akut wurde. Es können die Hände sein, es können die Füße sein, die Knie, die Ellenbogen, die Schultern. Alle Glieder können steif werden oder so schmerzen wie die Finger in der ersten Nacht. Es gibt keine dauerhafte Therapie.
Ungefähr alle zwei Monate kamen Tage, an denen sie trotz schmerzstillender Mittel nicht am Computer schreiben konnte, an denen sie nicht ohne besondere Handgriffe ihren Fahrradlenker halten konnte, an denen sie keinerlei Kraft in den Händen hatte. An diesen Tagen mußte Iben ihr helfen, Einkaufstüten und andere Dinge zu tragen.
Von einem anderen Aspekt der Krankheit stand nichts in den Broschüren, die Malene im Krankenhaus erhielt: Sie begann an Appetitmangel zu leiden, und im Laufe des nächsten halben Jahres nahm sie neun Kilo ab. Sie veränderte sich von dem schönen, aber ein wenig kräftigen jütländischen Mädchen, mit dem Iben ursprünglich einmal Freundschaft geschlossen hatte, zu einer Barbie-Puppe der linken Szene mit großen Augen, die sich vor interessierten Männern nicht retten konnte.
Malenes Krankheit konnte grausam sein, aber sie konnte auch sanft sein und geradezu in Vergessenheit geraten. Iben fühlte sich wie der Schildknappe ihrer Freundin, wenn sie zusammen auf Feten gingen und wenn sie es war, die von Malene an unangekündigten rheumatischen Morgen um Hilfe gebeten wurde. Ohne daß die anderen auf dem Wohnheimflur etwas davon erfuhren, war es Iben, die an solchen Morgen den Dosendeckel öffnete, den Malene nicht aufbekam, die Hosenknöpfe zuknöpfte, die sie nicht knöpfen konnte, oder sperrige Tür- und Fahrradschlösser aufschloß.
Direkt vor der Mittagspause ruft Malene Frederik Thorsteinsson an, den attraktiven Leiter des Demokratiezentrums im Außenministerium, dem man anmerkt, daß er aus einer der reichen Vorstädte nördlich von Kopenhagen stammt. Frederik ist so alt wie Paul, außerdem ist er der zweite Vorsitzende im Beirat der DZIV – und Frederik hat heute Geburtstag.
Weil Malene am längsten hier ist, kennt sie Frederik auch am besten. Sie versteht sich eindeutig besser mit ihm als Paul. Malene und Frederik albern zusammen am Telefon, und Iben ruft so laut, daß er es hören kann: »Herzlichen Glückwunsch, Frederik!«
Mit lautlosen Gesten deutet Iben an, daß sie ihm ein Geburtstagsständchen bringen könnten. Camilla versteht sie sofort und steht auf, um beim Singen näher am Telefon zu sein, aber während Malene weiterspricht, signalisiert sie, daß sie es nicht möchte.
Nach der Mittagspause verläuft der Nachmittag normal: Iben formuliert die Inhaltsangabe eines neuen Buches über »Systematische Folter als Unterdrückungsmethode mit dem Schwerpunkt Chile 1973–76«; sie spricht mit jemandem, der den Artikel eines lettischen Professors übersetzen soll – es geht darin um die völkerrechtlichen Konsequenzen des Unterschieds, ob die sechseinhalb Millionen getöteten Kulaken in der Sowjetunion als soziale Klasse oder als ethnische Gruppe zu bewerten sind; sie probiert ein neues Programm aus, mit dem sich Texte auf die Homepage des Zentrums setzen lassen; und sie schreibt und layoutet die Einladungen und Plakate zu einer Veranstaltung von einem der Benutzer des Zentrums, der gerade eine Dissertation über »Die Bedeutung des Geschlechts im bosnischen Völkermord« geschrieben hat. Im Laufe des Tages wird Iben ein wenig einsilbig, nicht weil sie Malene etwas beweisen will, sondern einfach nur weil sie Zeit für sich haben möchte.
Kurz bevor Camilla ihren Arbeitstag beendet, findet sie im Internet noch einen der absurd-komischen Radiosketche über Chris und die Schokoladenfabrik. Camilla läßt ihn so laut laufen, daß alle ihn hören. Sie hat so etwas schon häufiger gemacht, wenn Paul nicht da war, jedesmal war es für alle ein willkommener Anlaß für eine Pause.
Iben ist sofort für die Unterbrechung dankbar, und Camilla stellt den Ton noch lauter; Anne-Lise kommt aus der Bibliothek. Sie stehen um Camillas Schreibtisch, suchen zusammen aus, welche Sketche sie hören wollen, und lachen über die Telefonstimme von Chris:
»Jaaa, Chef, ich kann noch aus einem anderen Grund heute nicht zur Arbeit kommen … Es sind einfach ganz furchtbar unglückliche Umstände. Aber was soll ich machen, Chef?«
Malene kommt dazu und improvisiert kurz darauf mit der Stimme von Chris:
»Es ist so ärgerlich, daß ich mich in die Hängematte gewickelt habe. Ich würde so gern wieder herauskommen, aber was soll ich machen, Chef?«
Malene war schon immer eine gute Stimmenimitatorin. Ab und zu unterhält sie die anderen, indem sie die Besucher des Zentrums, Paul oder die Beiratsmitglieder parodiert.
Sie spricht wie der kleine, ein bißchen schmuddelige Erik Prins, der häufig kommt. Sie wedelt mit den Unterarmen wie Erik Prins, wenn er sich mit irgend etwas intensiv beschäftigt:
»Also ich frage: Ist das hier ein großer Kopf? Habe ich einen großen Kopf?! Aber das wißt ihr doch!! Ich habe keinen großen Kopf!!«
Malene hat offenbar wieder gute Laune, alle lachen. Dann beginnt sie mit ihrer Paradenummer: Paul, wenn er mit sich selbst am zufriedensten ist.
Lächelnd, aufrecht stehend, aber mit ernsten, gerunzelten Brauen klopft sie mit den Knöcheln auf Camillas Computer. Sie sieht allen dreien nacheinander in die Augen, und nach einer kleinen Pause sagt sie – genau wie Paul: »Erfreulich, wie schnell ihr miteinander klarkommt. Das ist eine Kombination, auf die ich wirklich stolz bin.«
Sie schnipst mit den Fingern und schüttelt auf eine besondere Paulsche Art ganz leicht den Kopf: »Das wird bestimmt richtig gut.«
Alle amüsieren sich, und Iben, die Malene besser kennt und die geringsten Details von den Veränderungen ihres Gesichts abliest, kann sich nicht halten vor Lachen.
Iben bleibt als einzige bis kurz nach sieben im Büro. Gegen acht schleppt sie zwei große Tüten aus dem Supermarkt in ihre Wohnung. Sie sind voll mit Reis, Honig, Toilettenpapier, drei Packungen Bio-Knäckebrot aus dem Angebot, Joghurt und Gemüse.
Obwohl sie bei der Post mit ihrem »Reklame – Nein danke«-Schild registriert ist, fliegt der übliche Haufen von Drucksachen hinter der Wohnungstür auf dem Boden herum. Sie wirft ihn auf einen Stapel mit Zeitungen. Dann stellt sie ein bißchen Gemüse mit Olivenöl, Kräutern und einem gefrorenen Dorsch-Rechteck in die Mikrowelle. Noch hat sie nicht sonderlich viel aus ihrer Wohnung gemacht. Die Wände sind noch genauso weiß wie bei ihrem Einzug, und die wenigen Möbel sind geerbt oder gebraucht gekauft.
Die Mikrowelle summt, während sie auf den Anrufbeantworter schaut – keine Mitteilungen –, und nachdem die Mikrowelle kurz geklingelt hat, sieht sie ihre Mails durch.
Nur eine Nachricht. Dort steht:
YOU, IBEN HOJGAARD, ARE FOR YOUR ACTIONS
RECOGNIZED AS:
»SELF-RIGHTEOUS AMONG THE HUMANS«
IT IS THEREFORE MY PRIVILEGE AND MY JOY
TO BRING YOU DEATH
NOW
Sie beugt sich vor und liest noch einmal. Ohne nachzudenken, weiß sie, daß sie jetzt nichts berühren darf. Ist das eine Morddrohung? Noch immer faßt sie nichts an. Keine Bewegung.
Man hört ja immer wieder von Journalisten, die Mails von neonazistischen Teenagern und solchen Typen bekommen. So etwas könnte es sein.
Sie liest den Absender: [email protected]. Alles in fehlerfreiem Englisch buchstabiert. Dänische Neonazis schreiben nicht so. Und der Ausdruck »Self-Righteous Among the Humans« ist ein Wortspiel mit der größten Ehrung, die das israelische Holocaustmuseum vergibt: »Righteous Among the Nations«. Die Mail wurde bestimmt von einem Erwachsenen geschrieben, der sich mit Genoziden auskennt – und bestimmt nicht von einem Dänen.
Ihre erste Reaktion ist einfach nur Bestürzung, nichts anderes. Sie spürt, wie ihr Gesicht die Fassung verliert, ebenso die Muskeln in ihrem Körper. Sie ist kurz davor, sich einfach hinzusetzen und aufzugeben.
Diese häßliche Wärme ist wieder da. Es müssen Omoros Freunde sein, denkt sie. Möglicherweise seine Familie oder andere Luos. Von der Hitze und dem Geruch wird ihr schwindlig, sie sieht die Hütten der Gefangenen, die Fliegen, die Miliz, die hohen Bäume und sein Blut. Nun haben sie endlich gehört, was passiert ist. Nun wissen sie endlich, wer sie ist. Sie kommen aus Nairobi hierher. Und sie würde sich damit abfinden zu sterben, wenn sie das wollten.
Sie sieht sich in der Wohnung um. Die Tür zum Schlafzimmer steht offen. Seit sie nach Hause gekommen ist, war sie nicht im Schlafzimmer. Und heute morgen hat sie die Tür zugemacht.
Sie steht reglos da. Scannt das Wohnzimmer: Nichts ist verändert an dem Stapel mit Büchern, dem Schrank oder den Büchern im Regal. Aber der Schreibtisch? Einer der Papierhaufen liegt ordentlicher, als sie ihn hinterlassen hat. Jemand hat ihn durchgesehen.
Sie hört nur ihren eigenen Atem. Und das leise Geräusch des Fernsehers aus der Wohnung unter ihr. Ihre Nasenlöcher werden trocken. Wie damals, als der warme Staub an ihr vorbeiblies. In dem kräftigen afrikanischen Licht. Der Geruch von wütenden, schwitzenden Männern, die wissen, daß sie in Gefahr sind.
Sie kann nicht sagen, warum, aber sie spürt deutlich, daß in der kleinen Wohnung irgendwo noch jemand ist.
Sie schaltet den Computer nicht aus. Sie läuft nicht in den Flur und holt ihren Mantel. Statt dessen geht sie leise in die Küche. Sie versucht, nicht allzu hastig zu sein, sondern sich ganz natürlich zu bewegen – so als ob sie nur ihr Abendessen aus der Mikrowelle holen will, die auf dem Kühlschrank, nah an der Tür zur Küchentreppe steht.
Lange, tiefe Atemzüge.
Sie entschließt sich, ihr Handy mitzunehmen, das auf dem Küchentisch liegt. Die Küchentür bekommt sie beinahe lautlos und schnell auf. Auf der Schwelle steht niemand. Dann ändert sie das Tempo.
Sie läuft die schmale Küchentreppe in einem langen, freien Fall hinunter, der kaum von den Bewegungen der Füße unterstützt wird. Sie läuft so schnell, wie es ihr möglich ist, damit der Mann in der Wohnung sie nicht einholt, und gleichzeitig läuft sie so lautlos wie möglich, damit es hoffentlich ein wenig länger dauert, bis er entdeckt, daß sie fort ist.
Für einen Oktoberabend ist sie viel zu dünn angezogen. Sie hat die Küchentür nicht zugeschlagen – nicht einmal zugezogen.
Sie erreicht die Tür zum Hinterhof. Dort bleibt sie ein paar Schritte vor der Schwelle stehen.
Es ist eigentlich nicht sonderlich wahrscheinlich, daß Omoros Freunde in ihre Wohnung einbrechen.
Ja, irgend etwas ist mit ihr durchgegangen. Sie muß wieder zur Vernunft kommen und sich selbst die Frage stellen: Könnte es jemand anders sein?
Sie weiß, daß es so sein könnte.
Aber das macht ihre Situation nicht besser! Im Gegenteil.
Immer hat sie versucht zu verdrängen, daß alle Täter, die in Völkermorde verwickelt sind und über die sie auf der Website des DZIV schreibt, diese Seiten lesen können.
Überall auf der Welt, wo einer von ihnen seinen Namen in Google eingibt, findet er innerhalb von Sekunden all ihre Artikel. Sowohl auf dänisch als auch auf englisch. Geschrieben in einem kleinen Kopenhagener Büro ohne besondere Wachtposten oder Sicherheitstüren. Und in den Internet-Telefonbüchern stehen Ibens Privatadresse, ihre Telefonnummer und ihre private E-Mail-Adresse.
Aber kommt ein versierter Massenmörder auf die Idee, nach Dänemark zu reisen? Natürlich. Für einen professionellen Soldaten kostet eine Flugreise nach Dänemark nicht sonderlich viel.
Regungslos steht sie dicht an der Tür zum Hinterhof.
Würde sich nicht gerade hier – auf der anderen Seite der Tür – ein im Krieg erfahrener Soldat postieren?
Hier wäre sein Fluchtweg sicherer als oben in der Wohnung. Hier wäre es schwieriger, eine Spur von ihm zu finden. Er könnte Iben die Mail geschickt haben, nur damit sie diese Treppe hinunterrennt und genau jetzt diese Tür aufmacht.
Sie horcht. Nichts.
Man hört das normale, viel zu schnelle Klicken des Lichtrelais, dann wird es absolut dunkel. Aber ihren Augen gelingt es nicht, sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Über ihr tritt jemand auf die Treppe und schaltet das Licht wieder ein.
Sie wartet eine Sekunde. Sie wünscht sich inständig, daß niemand in ihrer Wohnung ist. Sie wünscht sich inständig, daß die Person oben auf dem Treppenabsatz nichts von ihr will.
Schwere Männerstiefel springen die Treppe hinunter. Sie sind schon am ersten Treppenabsatz vorbei, bevor es ihr gelingt, das Schloß aufzuschließen. Zum Nachdenken bleibt keine Zeit. Wenn jemand da draußen in der Dunkelheit auf sie wartet, muß sie versuchen, ihn zu überrumpeln.
Sie atmet tief ein. Der Mann über ihr ist bereits zwei Absätze weiter unten. Sie stößt die Tür auf und rennt im gleichen Moment über den Asphalt. Bis zum Lattenzaun des Nachbarhofes.
Irgendwie klettert sie über Fahrräder, Mülleimer und Latten. Sie läuft durch einen weiteren Hof, findet ein Tor, und dahinter kommt sie auf eine der Parallelstraßen. Noch immer rennt sie.
Nach hundert Metern sieht sie sich um. Menschen sind auf der Straße, aber niemand von ihnen ist ein guttrainierter, laufender Mann. Sie wird jetzt schwieriger zu finden sein.
Über wen hat sie in den letzten Wochen im Netz geschrieben?
Sie hat über Barzan Aziz geschrieben, einen kleinen Zahnarzt mit einer Penthouse-Wohnung und einem großen Schnurrbart, der eigenhändig mindestens einhundertzwanzig Kurden getötet hat – viele von ihnen mit einem Stahldraht um den Hals, einige mit einem Nagel durch den Kopf. Vorher hatte er im Irak Journalisten und Intellektuelle ermordet. Sie hat über Romulus Tokay von der ehemaligen rumänischen Sicherheitspolizei geschrieben, der mit anderthalb Jahren in ein Kinderheim gekommen war, einen seiner Lehrer ermordet hatte und nun in Colombia arbeitete, wo er eine Reihe von Menschen in Bäumen aufhängte, mit dem Kopf nach unten, und darunter dann ein Feuer anzündete. Sie hat über George Bokan geschrieben, der in den USA aufgewachsen war und auf seinem College in der ersten Mannschaft Football spielte, als der Krieg ausbrach, dann aber zurück nach Serbien ging und eine Truppe von einhundert Heckenschützen trainierte, die von den Hügeln um Sarajewo aus Zivilisten erschießen sollten. Sie hat die Zeugenaussagen über Massenmörder wie Najo Silvano, Bertem Ygar, William Hamye und viele andere ins Netz gestellt, die zusammen Hunderttausende von Menschen ermordet hatten. Außerdem hat sie eine Reihe militärischer Einheiten und Militärregimes in ihren Artikeln verurteilt. Und geltungssüchtige Diktatoren mit großen Leibgarden.
Haben sie es wirklich gelesen? Haben sie in Serbien, Liberia, den Philippinen, im Irak und der Türkei an ihren PCs gesessen und ihre Artikel gelesen?
Sie sieht sich nach allen Seiten um und geht dann zur Nørrebrogade. Die Herbstluft bläst durch ihre dünne Bluse, so daß der Schweiß sie frieren läßt.
Auf der Nørrebrogade sind Menschen um sie. Sie überholt ein blasses Mädchen mit einem Ring in der Nase, Militärstiefeln und pinkfarbenen Streifen im Haar. Iben ruft 112 an.
Nach ihrer kurzen Erklärung sagt die Frau in der Leitung:
»Jemand hat Ihnen eine Mail geschickt, und Sie sind jetzt auf die Straße gerannt?«
»Nein, mein Leben wurde bedroht, wahrscheinlich von einem Kriegsverbrecher – möglicherweise aus dem Irak!«
Die Frau spricht mit einer trockenen, leisen Stimme: »Dies ist ein Nottelefon, es ist nur für ernsthafte Anrufe gedacht. Ich muß Sie bitten aufzulegen und morgen das nächste Polizeirevier anzurufen – wenn Sie dann immer noch denken, es sei nötig.«
Iben erklärt ihr, daß ihre Arbeit darin besteht, über internationale Kriegsverbrecher zu schreiben. Es handelt sich nicht um den dummen Scherz eines alten Liebhabers – oder was immer sie sich vorstellt.
Doch die Frau in der Leitung redet jetzt sehr schnell:
»Sie blockieren eine wichtige Notleitung, dafür können Sie eine Geldbuße bekommen. Ich sehe Ihre Nummer direkt vor mir. Wenn Sie jetzt nicht auflegen, schicken wir Ihnen einen Bußgeldbescheid.«
Iben will antworten, aber die Dame in der Notrufzentrale hat bereits selbst aufgelegt. Hat sie recht? Ist Iben nur hysterisch? Das wäre zu schön. Dann könnte sie sich umdrehen und nach Hause zurückkehren.
Sie geht schnell und ist längst an dem Mädchen mit dem pinkfarbenen Haar vorbei. Noch immer sieht sie sich nach verdächtig aussehenden Männern um. Aber sie sind überall. Dunkelhäutige Männer in kleinen Gruppen fahren in getunten Autos die Nørrebrogade auf und ab. Sie springen heraus und laufen in die pakistanischen Imbißbuden. Auf dem Bürgersteig wird sie von schwarzen Lederjacken umzingelt.
Wer weiß, wie ein Kriegsverbrecher reagiert, der seine Beschreibung auf der Website des DZIV liest? Was bedeuten Ibens Texte für seine Ehre? Für seine Familie? Möglicherweise ändern sich dadurch seine Möglichkeiten, in Europa Asyl zu bekommen? Oder sie beeinflussen kommende Gerichtsverfahren?
Einige dieser Männer würden, wenn sie ihr den Hals durchschneiden, nicht mehr empfinden als beim Klatschen einer Fliege.
Sie hat Fotos von Massakern gesehen. Sie ist bei Konferenzen mit Überlebenden gewesen. Der Mörder braucht keinen Haß zu empfinden. Eine leichte Irritation genügt – oder besser: Es reicht, daß er Lust dazu hat.
Vor einer kleinen Bar kann es Iben gerade noch vermeiden, ins Erbrochene von jemandem zu treten, der Pommes frites gegessen hat.
Aber wieso sollte irgend jemand von ihnen Lust dazu haben? Iben dürfte ihnen sehr wenig bedeuten.
Auf der anderen Seite: Ihre Artikel beschreiben Begebenheiten, in die Hunderttausende von versierten, aber psychisch instabilen Massenmördern involviert sind.
Es gibt keine Polizeiwagen auf der Straße, und am Nørrebro Runddel beschließt sie, noch einmal die 112 anzurufen. Vielleicht kann sie sich diesmal besser erklären oder hat einen verständnisvolleren Menschen in der Leitung. Noch bevor sie die Nummer wählen kann, klingelt ihr Telefon. Auf dem Display sieht sie, daß es Malene ist:
»Iben. Ich habe versucht, dich anzurufen. Wo steckst du?
»Ich steh auf dem Nørrebro Runddel ohne Mantel, und mir ist saukalt …«
Iben erzählt, was geschehen ist, kommt aber nicht weit, bevor Malene unterbricht: »Ich habe auch eine Drohmail bekommen! Sie schreiben, daß ich böse bin und sterben muß. Ich habe sie gerade entdeckt!«
»Dann kannst du doch nicht in deiner Wohnung bleiben!«
Malene klingt verwirrt:
»Warum nicht? … Ich habe es nicht so ernst genommen … War das falsch?«
Iben weiß nicht, was sie antworten soll. Es wirkt beruhigend, daß sie nicht die einzige ist, die eine Mail bekommen hat; möglicherweise haben alle aus dem Zentrum eine erhalten. Möglicherweise auch ähnliche Zentren im Ausland.
