Autorität und Verantwortung - Paul Verhaeghe - E-Book

Autorität und Verantwortung E-Book

Paul Verhaeghe

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Beschreibung

In einer verunsicherten Gesellschaft wird der Ruf nach Autorität immer lauter: nach dem starken Staat und klar definierbaren Werten und Normen – die nicht zuletzt in der Kindererziehung wieder für klare Verhältnisse sorgen sollen. Doch haben wir uns nicht gerade von autoritären Strukturen losgesagt, von der Macht der Patriarchen, moralischen Zwängen, religiösen Dogmen? Wie in seinem bahnbrechenden Buch Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft geht der belgische Psychoanalytiker dem rasanten Wertewandel unserer westlichen Gesellschaften unter dem Diktat der neoliberalen Ökonomie auf den Grund. Er beschreibt jedoch auch neue, ermutigende Beispiele von Netzwerken und Gruppen mit flachen Hierarchien, sei es in Bürgerinitiativen, Elternvereinigungen oder Aktionärsversammlungen. In Umweltbewegungen und Stadtverwaltungen, in Erziehung und Pflege ist der Wandel zu dieser neuen Form von »horizontaler Autorität« bereits erfolgreich auf dem Weg.

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Seitenzahl: 349

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ZUM BUCH

Heute stehen wir am Scheideweg zwischen der Rückkehr zu einer Autorität, die sich nur noch als Macht behauptet, und der Suche nach neuen, demokratischen Formen von Autorität.

In einer verunsicherten Gesellschaft wird der Ruf nach Autorität immer lauter: nach dem starken Staat und klar definierbaren Werten und Normen – die nicht zuletzt in der Kindererziehung wieder für klare Verhältnisse sorgen sollen. Doch haben wir uns nicht gerade von autoritären Strukturen losgesagt, von der Macht der Patriarchen, moralischen Zwängen, religiösen Dogmen? Wie in seinem bahnbrechenden Buch Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft geht der belgische Psychoanalytiker dem rasanten Wertewandel unserer westlichen Gesellschaften unter dem Diktat der neoliberalen Ökonomie auf den Grund. Er beschreibt jedoch auch neue, ermutigende Beispiele von Netzwerken und Gruppen mit flachen Hierarchien, sei es in Bürgerinitiativen, Elternvereinigungen oder Aktionärsversammlungen. In Umweltbewegungen und Stadtverwaltungen, in Erziehung und Pflege ist der Wandel zu dieser neuen Form von »horizontaler Autorität« bereits erfolgreich auf dem Weg.

ÜBER DEN AUTOR

Paul Verhaeghe lehrt als klinischer Psychologe und Psychoanalytiker an der Universität Gent. Der international renommierte Freud- und Lacanspezialist ist Autor mehrerer Bücher; sein letztes Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft (Kunstmann 2013) wurde in mehrere Sprachen übersetzt.

Paul Verhaeghe

AUTORITÄT UNDVERANTWORTUNG

Aus dem Niederländischenvon Claudia Van Den Block

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Für Luce

INHALT

Eine Art Einleitung

1 Identität und Autorität

2 Autorität und Ursprung: Warum? Darum!

3 Drei unmögliche Berufe

4 Rückkehr (Darth Vader) oder Veränderung (Big Brother)?

Intermezzo

5 Das Zeitalter der Frau

6 Eltern im Plural

7 Geld oder Leben

8 Der Fall Waldemar oder deliberative Demokratie

Schlussbemerkung

Dank

Bibliografie

Anmerkungen

EINE ART EINLEITUNG

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist folgende: Ich spiele draußen, dabei zerbreche ich eine neue Fensterscheibe, die in der Werkstatt meines Vaters eingesetzt werden soll. Aus Angst vor dem Ärger meines Vaters heule ich wie ein Schlosshund. Mein Vater kommt nach Hause und ist überhaupt nicht böse. Bis heute erinnere ich mich an diese Begebenheit, und besonders an meine Überraschung. Warum hatte ich nur solche Angst? Es gab überhaupt keinen Grund dafür. Mein Vater war ein gutmütiger Mann, der uns nur selten schlug. Warum machte ich ihn zu dem Monstrum, das er nie war?

Ich bin dreißig, mein Sohn bricht eine Scheibe aus dem gerade erst gebauten Schrank. Ich bin so wütend, dass ich ihn durchschüttele.

Bedauern. Und Scham.

***

Gymnasium, Kadavergehorsam. Im Internat pickt sich der Aufseher systematisch die schwächeren Jungen heraus, um sie öffentlich zu demütigen. Das weiß jeder. Jeder ärgert sich darüber, jeder fühlt sich hilflos.

Viele Jahre später. Unser Fakultätsrat wird von einem Professor geleitet, der Macht und Autorität in sich vereint und sich nicht scheut, davon auch Gebrauch zu machen – übrigens beides stets zum Vorteil der Fakultät. Bei einer Sitzung zieht er heftig über den Kollegen X her, der für die Bibliothek verantwortlich ist. Dort läuft seit geraumer Zeit einiges schief. Das wissen alle, alle kennen den Grund, ein fest angestellter Bibliothekar, den man nicht wegbekommt, der aber alles blockiert. Kollege X kann nichts dagegen tun. Ich ärgere mich und falle dem Leiter des Fakultätsrats ins Wort – ich denke an die Zeit im Internat zurück, wie ohnmächtig ich mich damals fühlte, jetzt ist das anders – und widerspreche: Wenn Kollege X für die Bibliothek verantwortlich ist, muss er auch die dazugehörige Macht bekommen. Falls man ihm die nicht geben kann, kann man ihm auch nichts vorwerfen. Nach der Sitzung geht der Kollege neben mir her, legt kurz seine Hand auf meine Schulter und geht schweigend weiter.

***

Eine Diskussion zwischen Assistenten und »dem Prof« in meiner Promotionszeit. Aus verschiedenen Gründen bin ich zu dem Zeitpunkt für alle der Prügelknabe. Während der Diskussion bringe ich einen Punkt ein, von dem ich vollkommen überzeugt bin – er wird einfach weggewischt, woraufhin ich ihn wiederhole und hinzufüge, dass dieser Punkt nicht gehört wurde, weil er von mir kam.

Jahre später werde ich die andere Seite erleben: Meine Argumente werden gehört, weil sie von mir kommen, nicht weil sie richtig sind.

***

Mein erster Fakultätsrat als blutjunger Professor. Ich platze vor Stolz und habe das Bedürfnis, bei einer Diskussion laut und deutlich mitzumischen. Nach der Sitzung kommt ein älterer Hochschullehrer auf mich zu und sagt beiläufig: »Kollege, darf ich Ihnen einen Rat geben? Versuchen Sie doch in den nächsten Sitzungen vor allem gut zuzuhören und warten Sie noch ein paar Monate, bis Sie sich selbst zu Wort melden.« Dieser Mann genießt bei mir Autorität, daher höre ich auf ihn. Während meines Studiums ist er einer der wenigen Professoren gewesen, der die Lehre sehr ernst nahm. Beim nächsten Fakultätsrat begreife ich, warum mein Einwand bei der vorigen Sitzung sowohl naiv als auch dumm war. Mangel an Sachkenntnis. Ein gutes halbes Jahr lang halte ich den Mund.

Fünfundzwanzig Jahre später werden mein Fachgebiet und ich von der belgischen Zeitung De Standaard angegriffen. Ein ganz junger, gerade Promovierter einer anderen Fakultät ist Wortführer und spricht sich kritisch gegen unsere Forschung aus. Dabei unterlaufen ihm so viele Fehler, dass meine Fachgruppe zum ersten Mal den Rückhalt der gesamten Fakultät genießt. Ein Kollege fragt sich: »Kann denn niemand diesen Jungen vor sich selbst schützen?«

***

Uni-Abschlussfeier in der Aula der Universität. Eine Absolventin, mittlerweile eine junge Kollegin, bedankt sich bei mir mit folgenden Worten für meine Seminare: »Sie genießen bei Ihren Studenten viel Autorität, weil Sie Ihre Macht nicht einsetzen.« Ich nicke höflich, finde die Formulierung hübsch und denke mir nichts weiter dabei. In diesem Augenblick ist sie die Intelligentere von uns beiden. Macht ist nicht dasselbe wie Autorität. Das werde ich selbst erst viel später begreifen.

 

 

1 IDENTITÄT UND AUTORITÄT

In einem früheren Buch, Und Ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft1, habe ich unsere Identität als ein sich lebenslang entwickelndes Konstrukt beschrieben. Dass ich mich mit Identität beschäftigen wollte, hat mit meiner Arbeit sowohl an der Universität als auch in meiner psychotherapeutischen Praxis zu tun. In meinen Seminaren über Psychodiagnostik nehmen in den vergangenen Jahren sogenannte Persönlichkeitsstörungen immer mehr Raum ein, also Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Identität; doch warum diese plötzliche Zunahme? Als Therapeut erlebe ich, dass deutlich mehr Menschen als früher mit existenziellen Fragen zu kämpfen haben. Mir wurde schnell klar, dass diese Probleme weit über mein Fachgebiet hinausgehen und alle Teile unserer Gesellschaft berühren, Schule und Arbeit jedoch am meisten. Die Erklärung fand ich in gesellschaftlichen Veränderungen, die unserer Identität eine andere Ausprägung geben. Diese Ausprägung macht viele Menschen unglücklich.

Kurz zusammengefasst ging ich von folgender Argumentation aus: Identität ist ein Konstruktionsprozess, der überall in der gleichen Form stattfindet, der Inhalt dieses Prozesses kann sich jedoch stark unterscheiden. Letzteres erklärt, warum eine Gesellschaft mit anderen Problemen zum Psychotherapeuten kommt als eine andere.

Die Konstruktion von Identität lässt sich im Grunde recht einfach beschreiben. Unsere Identität entwickelt sich aus zwei sehr unterschiedlichen, sogar entgegengesetzten Prozessen. Den ersten bezeichne ich gerne mit »Identifikation«, weil dieses Wort denselben Wortstamm wie Identität besitzt. Eine andere Bezeichnung ist »mirroring« oder Spiegelung. Schon von Geburt an hält unsere Umgebung (angefangen mit unseren Eltern) uns fortwährend Bilder und Worte vor, die wir übernehmen. Aus diesen Bausteinen konstruieren wir unsere Identität. Dieser größtenteils gemeinschaftliche Prozess erklärt, warum Menschen, die in derselben Gemeinschaft aufwachsen, einander mehr gleichen, als ihnen bewusst ist. Idem, der lateinische Stamm von Identität und auch Identifikation, bedeutet wörtlich »derselbe«. Weitgehend unbewusst blicken wir alle gemeinsam in denselben Spiegel.

Der zweite Prozess, die Separation, ist genau gegenläufig. Schon von frühester Kindheit an widersetzen wir uns einigen von der Umgebung auferlegten Zwängen und wollen eigene Entscheidungen treffen. Dieser Prozess ist bekannter als der Prozess der Identifikation, und zwar aus gutem Grund. Separation ist für zwei Altersabschnitte kennzeichnend, in denen sich Eltern gerne einmal fragen, wie sie eigentlich auf die Idee kommen konnten, Kinder zu bekommen. Kleinkinder lernen zwei Wörter sehr früh und kombinieren sie nach Lust und Laune: »ich« und »nein«. Diese einst als Trotzphase bezeichnete Lebensperiode findet ihre Fortsetzung in der Pubertät, wenn der Jugendliche Grenzen austestet, indem er sie möglichst oft überschreitet, und verbissen nach Identifikationsfiguren sucht, die seine Eltern vehement ablehnen.

Identifikation und Separation sind keine einander ablösenden Prozesse, sie finden gleichzeitig statt, wenn auch mit wechselnder Priorität. Bei Erwachsenen können wir gut beobachten, dass manche Menschen systematisch zu einem »Nein« tendieren, also zur Separation. Sie reagieren mit Ablehnung auf alles, was ihnen angeboten wird. Andere wiederum neigen ebenso systematisch zu einem »Ja«, also zur Identifikation. Diese Menschen richten sich beispielsweise eher nach der Mode und schwimmen generell mehr mit dem Strom. Die meisten von uns befinden sich irgendwo zwischen diesen beiden Polen und treffen im günstigsten Fall eine wohlüberlegte Entscheidung für ein Ja oder ein Nein.

Von der Identifikation haben wir dank Psychoanalyse, Entwicklungspsychologie und jüngst der Entdeckung von Spiegelneuronen ein recht gutes wissenschaftliches Verständnis. Separation hingegen gibt uns viele Rätsel auf – dabei ist gerade sie für unsere Einzigartigkeit besonders wichtig. Auffällig ist an diesen beiden Prozessen, dass der erste uns zu Gruppen, also zu Konformität treibt, der zweite aber zu Autonomie und eigenen Entscheidungen. Das ist eine schwierige Verbindung.

Beide Prozesse bestimmen die Konstruktion unserer Identität. Die nächste Frage zielt auf den Inhalt – wer bin ich eigentlich? Statt mich auf die Suche nach verschiedenen Persönlichkeitstypologien zu machen, entschied ich mich dafür, unsere Identität über vier wichtige Beziehungen oder Relationen zu begreifen. Meine männliche Identität ergibt sich aus meiner Beziehung zum anderen Geschlecht. Auch meine Beziehung zur Generation über mir und der Autorität prägt meine Persönlichkeit. Als Erwachsener entwickle ich meine eigene Art, Autorität auszuüben. Weiter bestimmt mich noch mein Verhältnis zu Gleichgestellten (Altersgenossen, Nachbarn, Kollegen). Zuletzt bin ich auch »typisch ich« aufgrund meiner Beziehung zu meinem eigenen Körper, zu »meinem Selbst«.

Der Zusammenhang zwischen Konstruktion (Identifikation und Separation) und Inhalt (die vier Relationen) liegt auf der Hand. Wie ich mich beispielsweise dem anderen Geschlecht oder Autorität gegenüber verhalte, hängt größtenteils von der Gemeinschaft ab, in der ich aufwachse. Die Spiegel, in die ich blicke, werden von der Kultur bestimmt. Daher unterscheidet sich auch unsere Identität stark von der in anderen Kulturen, wo man in andere Spiegel blickt und daher andere Relationen und andere Identitäten entwickelt – manchmal so anders, dass es zu ernsten Konflikten mit unseren Spiegeln, also mit uns kommt.

Dieses Konfliktpotenzial ergibt sich daraus, dass die vier Relationen voller Gebote und Verbote stecken, darunter die dominanten Normen und Werte der Gesellschaft, in der wir aufwachsen. Die Aussage in meinem vorigen Buch, dass jede Identität auf eine Ideologie zurückzuführen ist, wirbelte einigen Staub auf. Doch sie lässt sich recht einfach belegen, denn die unsere Identität bestimmenden Relationen sind eben niemals neutral.

Besonders deutlich wird dies in unserem Verhältnis zum anderen Geschlecht, unter anderem, weil die Gebote und Verbote eine tief gehende Veränderung erfahren haben. Wer klagt immer zum falschen Zeitpunkt über Kopfschmerzen? Wie teilen wir die Aufgaben rund um Erziehung und Versorgung unserer Kinder auf? Und warum bekommen Frauen noch immer weniger Lohn für die gleiche Arbeit? Beschränken wir uns auf die klassische Zweiteilung (Männer versus Frauen) und lachen uns bei der Verunglimpfung von Homosexuellen in aller Stille scheinheilig ins Fäustchen, oder gehen wir ganz selbstverständlich auch von einem dritten (homosexuell) oder sogar vierten Geschlecht (transsexuell) aus?

Der Gleichgestellte hieß vor nicht allzu langer Zeit noch unser »Nächster« und in einem anderen Jargon »Kamerad«. Jemand, dem wir helfen mussten, auch wenn uns gerade nicht danach war. Inzwischen sieht das anders aus. Arbeite ich mit anderen eng in einem Team zusammen oder gebe ich meiner eigenen Karriere Vorrang? Bin ich bereit, einen Teil meines Gehalts für Rentner, Arbeitslose und Kranke abzugeben, oder betrachte ich diese als Schmarotzer? Akzeptiere ich Abgaben für gemeinschaftliche Einrichtungen oder maule ich dauernd über die hohe Steuerbelastung?2 Kann ich andere in meinen intimen Raum einlassen oder bleibe ich lieber für mich alleine, aus Angst vor jeglicher Berührung?

Der letzte Punkt lenkt den Blick auf eine ganz spezifische Relation innerhalb unserer Identität: die zum eigenen Körper. Während dieser in einer früheren, mittlerweile beinahe vergessenen Zeit »Bruder Esel« genannt wurde und als unrein und Quell der Sünde galt, ist er nun Gegenstand ständiger Sorge. Ist meine Nase nicht zu groß? Sind meine Lippen nicht zu schmal, meine Brüste nicht zu klein? Ist diese Warze nicht vielleicht ein bösartiges Geschwür, und sollte ich nicht besser zur Vorsorgeuntersuchung für Darmkrebs gehen? Im Gegensatz zum heiligen Franz von Assisi, der einst seinen widerspenstigen Körper als »Bruder Esel« bezeichnete, haben Filmstars perfekt definierte Körper, von denen der Normalbürger selbst nach konsequentem Training nur träumen kann. Die ständige Sorge um den Körper gehört zu einer Art Genuss-Pflicht, sei es beim Sport, beim Essen oder bei der Erotik. Bruder und Schwester Esel müssen sich kaputt genießen, die vor ihrer Nase baumelnde Möhre führt sie zu Fitnessstudio, Sportverein und Schönheitschirurg – nach einem Abstecher in den Sexshop.

Die Beziehung zum eigenen Körper ist inzwischen fast mit der zum anderen Geschlecht verschmolzen – die Spiegel im Fitnessstudio dienen ebenso sehr dazu, sich selbst zu begutachten, wie den anderen zu taxieren –, weshalb solche Sportstätten mittlerweile auch als Singlebörse gehandelt werden. Dahinter steckt die Angst vor Zurückweisung. Bin ich gut genug? Genüge ich der unsichtbaren Norm, die ich mir, ausgehend von dem prüfenden Blick des anderen, immer wieder selbst auferlege?

Diese drei Relationen werden von einer vierten umschlossen: unserer Beziehung zu Autorität. In uns arbeitet eine zwingende Kraft, die uns vorhält, wer wir sein müssen und wer wir nicht sein dürfen, als Mann oder Frau, als Gleichgestellter, als Körper. Diese Kraft ist Teil von uns, und doch auch wieder nicht. In der Psychologie spricht man von »Internalisierung« – Gebote und Verbote, die ursprünglich nicht von uns stammen, die wir aber verinnerlicht haben. Sie sind ein Teil von uns geworden, der Teil, der uns ständig ins Gewissen redet. Freud sprach von einem Über-Ich, das von oben auf unser Ich herabsieht, und sah dessen Ursprung in einer Identifikation mit dem verbietenden Vater. Interessanterweise ist diese Internalisierung zugleich auch eine Sozialisierung: Wir passen uns an die sozialen Erwartungen an. Ja, vielleicht habe ich von meiner Arbeit die Nase voll, würde am liebsten meinem Chef gehörig die Meinung sagen und eine (deutlich) jüngere Kollegin bespringen – doch ich tue es nicht. Etwas hält mich zurück und gebietet mir, eine gewisse Arbeitsmoral an den Tag zu legen, meinem Chef gegenüber höflich zu bleiben und mich meinen Kollegen gegenüber korrekt zu verhalten. Und das tue ich aufgrund eines inneren Zwangs. Schon eigenartig.

AUTORITÄT, NORMALITÄT UND MACHT

Dieses Verständnis von Identität half mir auch zu begreifen, warum wir heute so viele Probleme damit haben. Die gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte haben andere Spiegel installiert und uns eine veränderte Haltung mit anderen Normen und Werten (Erfolg, Wettbewerbsfähigkeit, Flexibilität, Individualismus, Verpflichtung zur »Autonomie«) beigebracht. Diese Werte basieren auf einem dominanten Wirtschaftsmodell, das wir unter dem Begriff Neoliberalismus kennen.

Dass dieser die Menschen krank machen kann, steht mittlerweile außer Frage. Auf gesellschaftlicher Ebene bewirkt der Neoliberalismus zunehmende Ungleichheit und eine Aufteilung der Menschen in Gewinner und Verlierer, die nicht nur ungesund, sondern auch gefährlich ist. Als Ideologie verursacht dieses Modell Angst- und Schuldgefühle. Der andere wird zur konstanten Bedrohung, und wer nicht erfolgreich ist, muss sich sagen lassen, er sei selbst daran schuld. Die aktuelle Häufung von Angststörungen und Depressionen ist eine Folge davon.

Der Neoliberalismus, ursprünglich ein ökonomisches Modell, hat nur deshalb so großen Einfluss, weil seine Macht weit über das Wirtschaftsleben hinausreicht und mittlerweile vorgibt, was normal ist. In »normal« steckt das Wort »Norm«. Wer der Norm folgt, ist normal, wer das nicht tut, gilt als dumm, altmodisch oder gestört.

Damit stellte meine Betrachtung von Identität mich vor eine neue Frage: die der Autorität. Wie konnten sich die westlichen Normen und Werte in so kurzer Zeit – kaum zwei Generationen – derart wandeln? Wie konnte Solidarität zum Unwort werden, Habgier zur Tugend und Genuss zur Pflicht? Welche Autorität und welche mit ihr einhergehende Macht haben diese Veränderung bewirkt? Wie unterscheidet sie sich von der früheren Autorität, welche Verschiebungen haben da stattgefunden?

Darauf Antworten zu finden war alles andere als einfach; dieses Buch ist das Ergebnis meiner Suche. Ein erstes, wesentliches Kennzeichen kann ich bereits an dieser Stelle nennen: Autorität besitzt man niemals als Einzelner, als Individuum. Autorität kann man nur aufgrund von etwas verkörpern, das den Einzelnen übersteigt. Autorität beruht immer auf Moral, ein Zwang, gegossen in Normen und Werte, mit denen eine Gemeinschaft die Beziehungen ihrer Mitglieder regelt: das Verhältnis zwischen Männern und Frauen, unter Gleichgestellten, unter nicht Gleichgestellten und das Verhältnis der Gemeinschaft zu jedem Einzelnen.

Die gegenwärtigen neoliberalen Normen und Werte weichen inhaltlich stark von den christlichen Normen und Werten ab. Die christliche Moral hingegen hat kaum noch Autorität – ihr Zwangscharakter hat sich in Luft aufgelöst. Und doch ist die Annahme, das neoliberale Wertesystem besäße große Autorität, ebenso falsch. Trotz seiner Dominanz hat es wenig moralische Durchschlagskraft. Der Zwangscharakter neoliberaler Normen und Werte hat mehr mit Macht zu tun als mit Autorität.

Hier zeigt sich, dass wir zwischen Macht und Autorität differenzieren müssen. Beide unterscheiden sich deutlich, schließen einander jedoch nicht aus. In jeder Form von Autorität steckt ein Aspekt von Macht. Autorität braucht Macht, um das gewünschte Verhalten durchzusetzen – man spricht in diesem Fall von legitimierter Macht. Andererseits kann Macht auch aus sich selbst heraus funktionieren, ohne Autorität. Dann ist sie das Recht des Stärkeren – gegenwärtig häufig das Recht des Reicheren: Ich muss tun, was der andere sagt, weil er stärker (reicher) ist als ich. Dann beruht Macht auf einer bestimmten Eigenschaft und hat nichts mit Autorität zu tun.

Ein Lehrer ist eine Autoritätsperson – er hat das Sagen. Dass genau dies heute freilich immer weniger der Fall ist, illustriert unsere Probleme mit Macht und Autorität.

Viele Menschen, die mit den gesellschaftlichen Veränderungen nicht einverstanden sind, machen das Schwinden der Autorität dafür verantwortlich. Konservative Stimmen klagen über den Untergang des Abendlandes, und manche suchen die Schuld bei »den Ausländern«. Damit meinen sie Muslime – ironischerweise Angehörige einer Glaubensgemeinschaft, die wesentlich mehr konservative Normen und Werte verkörpert als die heutige westliche Gesellschaft, die deren Schwinden beklagt. Mit diesen Stimmen kann ich mich nicht identifizieren; zugleich jedoch ist auch mir klar, dass der Westen mit Autorität ein Problem hat. Darum musste ich weiterforschen.

ÜBER FRÜHER UND JETZT

Das aktuelle Wehklagen könnte den Eindruck erwecken, Autorität sei erst vor Kurzem zum Problem geworden. Aber weit gefehlt: Sie steht bereits seit der Aufklärung unter Beschuss. Das ist nicht weiter verwunderlich: Widerstand gegen die Obrigkeit ist schließlich ein Teil unserer Identität. Was wir auf individueller Ebene tun – kritisch untersuchen, welchen Spiegel uns der andere vorhält –, tun wir auch im Kollektiv. In regelmäßigen Abständen stellen wir alle gemeinsam den uns vorgehaltenen Spiegel zur Diskussion, weisen ihn zurück und zertrümmern ihn vielleicht sogar. Und dann machen wir uns auf die Suche nach einem neuen Spiegel.

Schon Kant sah einen Zusammenhang zwischen der Entwicklung eines Kindes und der Entwicklung der Menschheit. Genau wie das Kind ist die Menschheit »unmündig«, und aus dieser Unmündigkeit muss sich der Mensch befreien. Wem das gelingt, der erwirbt sich Autonomie und kann selbst Entscheidungen treffen.

Kant lebte kurz nach der Zeit, in der die Könige ihren Machtanspruch direkt von Gott ableiteten und so als absolute Herrscher regieren konnten. Wer die Autorität des Königs infrage stellte, stellte zugleich auch Gott infrage, und das ließ man besser bleiben. Ab dem 17. Jahrhundert erzwang sich der Westen allmählich einen Demokratisierungsprozess, in dessen Verlauf Kirche und Staat getrennt wurden. Die Etablierung einer neuen Form der Autorität verlief langsam und zum Teil schubweise; den letzten Schub gab, wir erinnern uns noch, »die 68er-Bewegung«.

Auffällig ist, dass Autorität damals vor allem negative Assoziationen hervorrief, ob es sich um autoritäre Herrscher, ultrastrenge Patriarchen, Polizisten und Grenzbeamte oder Diktatoren wie Franco und Pinochet handelte. Autorität, so meinte man, sei per se verwerflich und gehöre abgeschafft. So kam die – im Rückblick – sehr naive Idee auf, der Mensch sei ohne Autorität besser dran, eine Gemeinschaft organisiere sich ohne Autorität selbst spontan so, wie es für alle von Vorteil ist. Kommunen brauchen keine Regeln, es lebe die Freiheit.

Dieses Denken geht auf einen anderen Philosophen der Aufklärung zurück, nämlich auf Jean-Jacques Rousseau und sein Konzept des »edlen Wilden«, der alleine durch die Wälder zieht, hier einen Apfel pflückt, dort ein Kaninchen fängt, zwischendurch seine Gefährtin befriedigt und sieben rosige Kinder aufzieht. Rousseau war ein leidenschaftlicher Gegner der modernen Zivilisation und der Stadt, die seiner Meinung nach die Idylle nur zerstören konnte. Kein Wunder also, dass die Umweltbewegung der Siebzigerjahre gerne auf seine Gedanken zurückgriff. Zivilisation und Technik sind schlecht, Autorität ist gleichbedeutend mit Diktatur – zurück zu Mutter Natur, lautete die Botschaft.

Mutter Natur. Man braucht kein ausgebildeter Psychologe zu sein, um zu begreifen, dass die Autorität, von der man Abstand nehmen wollte, hier primär mit einem mythischen Vaterbild, dem diktatorischen Patriarchen assoziiert wird. Demgegenüber steht der Traum von einer ebenso mythischen Matriarchin, der sorgenden, liebenden Mutter, deren Verbot so sanft klingt, dass wir es kaum hören. Die die Brust gibt statt der Rute. Nicht zufällig verwiesen die ersten anarchistischen Bewegungen, die zentrale Autorität insgesamt verwarfen, häufig auf ein angeblich ursprüngliches und »natürliches« Matriarchat.

Gleichwohl bedingen diese beiden gegensätzlichen Konzepte einander. Das Vaterkonzept, um es einmal so zu nennen, entwickelt immer mehr Regeln, die nach einer gewissen Zeit neue Probleme schaffen, und diese versucht man dann durch weitere Regeln zu lösen. Der Buchtitel Richtlinien zur Abweichung von Richtlinien, auf den ich einmal bei einem psychiatrischen Kongress gestoßen bin, bringt das am besten zum Ausdruck. Nach einiger Zeit funktioniert so gut wie nichts mehr, wie es soll, denn jeder ist ängstlich darum bemüht, nach den Regeln zu leben, und vergisst dabei das Wesentliche. Früher oder später platzt die Bombe, und das andere Extrem kommt zum Tragen: Autorität und Regeln werden für überflüssig erklärt, es lebe die Freiheit, es wird sich schon alles finden.

Anfangs gelingt das auch ganz gut, wahrscheinlich, weil der frühere Zwang und die dazugehörige Angst noch eine Weile nachwirken. Bis man dann entdeckt, dass der Pfarrer den Ministranten eine ganz spezielle Absolution erteilt, Parlamentsmitglieder ihre Kostenabrechnungen fälschen und Jugendliche der Mittelschicht bei Straßenkrawallen mit Begeisterung Läden plündern. Dann verfällt man wieder ins andere Extrem.

Genau das gewinnt aktuell wieder an Boden: der Ruf nach Autorität – die wir vor nicht allzu langer Zeit doch gerade loswerden wollten. Vor einem halben Jahrhundert schrieben Psychotherapeuten praktisch jede psychische Störung den autoritären Vätern zu – also weg mit ihnen. Heute hört man genau das Gegenteil, und manche Psychoanalytiker wollen den Vater in seiner ganzen autoritären Herrlichkeit wieder einsetzen.

Wie populär dieses Denken ist, zeigt sich bei jeder Wahl. Sobald eine politische Partei law and order verspricht, steigen ihre Umfrageergebnisse, und erst recht, wenn sie eine väterliche Galionsfigur vorweisen kann. Ebenso auffällig ist, dass keine einzige dieser Parteien ihr Versprechen einlösen kann. Man beachte, dass bei dieser Lösung Autorität immer von oben kommen muss: durch Gott den Vater, den Vater des Vaterlandes und ihre jeweiligen Vertreter. Wir gewöhnlichen Menschen können uns nach dieser Auffassung nicht selbst beherrschen. Wir sind schlecht und schwach – wir müssen erzogen werden.

ERZIEHUNG UND AUTORITÄT

Gent, Ende September 2014, an einem Donnerstagabend. Eine Horde achtzehnjähriger Studenten wankt den Genter Kattenberg nahe der geisteswissenschaftlichen Fakultät hinunter. Offensichtlich handelt es sich um Erstsemester, und offensichtlich haben sie etwas zu intensiv ihre neu erworbene »Freiheit« ausgekostet. An der Straße liegen überall Müllsäcke, und einer der jungen Menschen fängt an, damit Fußball zu spielen. Die anderen schließen sich mit Feuereifer an, und bald ist der Gehweg übersät von Dosen, platt gedrückten Plastikflaschen und anderem Müll. Eine sechzigjährige Anwohnerin kommt hinzu, lässt eine französische Tirade vom Stapel und liest den jungen Leuten die Leviten. Die meisten ergreifen die Flucht, ein kleines Grüppchen bleibt betreten stehen. Die Frau befiehlt ihnen zu warten, geht nach Hause, kommt mit einer Rolle Müll säcke unterm Arm zurück und fordert die Übriggebliebenen auf, die Sauerei zu beseitigen. Dann geht sie. Am nächsten Morgen ist alles ordentlich aufgeräumt. Als sie mir die Geschichte erzählt, fügt sie lächelnd hinzu: »Sie haben sich ihrer Mutter gegenübergesehen.«

Eltern haben Macht und sorgen als Bezugspersonen für Sicherheit. In der Psychologie geht es häufig um die mehr oder weniger sichere Bindung von Kindern. Diese ist in der Tat von höchster Bedeutung; es handelt sich dabei im Wesentlichen um das Verhältnis zwischen Bezugsperson und Baby bis ins Vorschulalter. Wie sicher die Bindung eines Kindes ist, lässt sich paradoxerweise buchstäblich daran messen, wie gut es die Bezugsperson loslassen kann. Ein typisches Bild von sicherer Bindung ist folgendes: In einem unbekannten Raum, in dem ein Kleinkind sich mit seiner Mutter befindet, geht das Kind spontan auf Entdeckungsreise. Immer wenn es in die Nähe eines potenziell gefähr lichen Gegenstandes kommt und die Mutter warnende Geräusche von sich gibt, schaut es sich mit breitem Grinsen um und krabbelt dann mit seinem Windelpaket noch schneller von ihr weg (»Fang mich doch!«). Ganz anders ein unsicher gebundenes Kleinkind, das sich in derselben Situation an Mamas Rockzipfel festklammert und nicht von ihr wegzuholen ist.

Den Erfolg unserer Erziehung können wir daran messen, wie unsere Kinder sich von uns lösen können.

Die vom Kleinkind gefühlte Sicherheit hängt ganz eng mit der Sicherheit und Vorhersehbarkeit zusammen, die es immer wieder erfahren hat. Das zeigt deutliche Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter. Jemand hat Selbstvertrauen, weil er als Kind erfahren hat, dass er einem anderen vertrauen kann. Sicherheit und die dazugehörige Gewissheit und Verlässlichkeit bedeuten nicht, dass die Bezugsperson immer für ihr Baby da sein muss. Im Gegenteil, ein Kind fühlt sich sicher, sobald es davon überzeugt ist, dass Mama oder Papa auf eine vorhersehbare Art verschwindet und wieder zurück kommt. Eltern, die verzweifelt versuchen, immer und überall für ihr Kind da zu sein, geben vor allem ihre eigene Unsicherheit und Angst weiter.

Den Erfolg unserer Erziehung können wir also auch daran messen, wie wir selbst mit Abwesenheit umgehen.

So entsteht ein schönes Spiegelbild. Ein Kleinkind muss lernen, mit der Abwesenheit der Mutter zurechtzukommen, und muss die Gewissheit bekommen, dass sie wiederkommt. Einige Jahre später muss die Mutter lernen, mit der Abwesenheit ihres Teenagers umzugehen. Dann braucht sie die Gewissheit, dass ihr Sohn oder ihre Tochter wieder nach Hause kommt. Wenn der Nachwuchs nicht von zu Hause wegkommt oder richtiggehend aus dem Elternhaus fliehen muss, dann stimmt etwas nicht.

Beide Reaktionen gehen auf eine von Unsicherheit geprägte Vorgeschichte zurück. Als Ursachen dafür kommen verschiedene Faktoren infrage: unberechenbare Eltern, eine allgegenwärtige Mutter, eine traumatische Kindheit … Wenn das erwachsen gewordene Kind zu Hause bleibt, ist es die Außenwelt, die als gefährlich und bedrohlich erfahren wird. Will der junge Erwachsene so weit wie möglich von zu Hause weg, dann liegt das an der Bedrohung aus der Innenwelt. Die erste Gruppe ist eindeutig abhängig und löst das Problem ihrer Unsicherheit, indem sie sich anpasst. Die zweite Gruppe wirkt autonom und selbstständig, bis sich herausstellt, dass sie sich beinahe zwanghaft gegen ihre Umgebung auflehnen muss. Die erste Gruppe bejaht alles stillschweigend, die zweite verwehrt sich mit einem lautstarken Nein, und beide schreiben somit dem anderen eine Allmacht zu, die entweder Unterwerfung oder Widerstand fordert.

Allmacht? Wie sich Autorität in den frühen Erziehungsprozessen einnistet, ist leicht nachvollziehbar. Das Kleinkind ist vollkommen abhängig von der Mutter und bemüht sich nach Kräften, in ihrer Gunst zu bleiben. Wenn Lucy brav ist, freut sich Mama. Wenn sie ungezogen ist, ärgert sich Mama. Aufgrund einer typisch menschlichen Eigenschaft – unseres phänomenalen Lernvermögens – begreift das Kind schnell, wie es sich verhalten muss. Die erste Strafe, die ein Kind erhält, ist weltweit dieselbe: Es muss sich von der sicheren Nähe der Gruppe entfernen (»geh auf dein Zimmer«). Auch unter Erwachsenen ist das die soziale Sanktion der Wahl, nämlich Ausgrenzung, Gefängnisstrafe, Verbannung.

Autorität, insbesondere die der Mutter, sorgt für die Sicherheit, in der das Kind allmählich Autonomie erwerben und in Ruhe die Außenwelt erkunden kann. Bei Goethe klingt das so:

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.3

Die Freiheit besteht in diesem Fall darin, in völliger Sicherheit auf Entdeckungsreise zu gehen. Ironischerweise führt diese auf der Basis von Autorität erworbene Sicherheit dazu, dass die erste Strafe (Ausgrenzung) nach einiger Zeit ihre Wirkung verliert – »Geh auf dein Zimmer!« »Mit größtem Vergnügen!« – und die Autorität vor eine neue Herausforderung stellt. Ein Kind kann Autonomie zu stark und zu früh einfordern, während die Umgebung noch auf Anpassung an die Gruppenbelange beharrt. In einer traditionellen Familie ist das der Moment, in dem die väterliche Autorität auf den Plan tritt. In ihrer altmodischen Ausprägung dürfte sie weniger subtil als die mütterliche Autorität an dieses Problem herangehen, weil es mehr um physische Macht als um Autorität geht.

UNSICHERE ELTERN, UNSICHERE KINDER

In der Erziehung ist Sicherheit dem Freiheitsdrang übergeordnet. Als ich mit diesem Buch begann, erzählte mir ein junges Elternpaar folgende Geschichte: Sie kämpften mit der Entscheidung, in welchen Kindergarten ihre Tochter gehen solle. Zusammen mit der gerade dreijährigen Eva hatten sie verschiedene Einrichtungen besucht und wollten nun von ihrer Tochter hören, wo es ihr am besten gefiel. Das Kind war sich nicht sicher, und die Eltern wussten es auch nicht.

Evas Zweifel spiegelte die Unsicherheit ihrer Eltern, und das tut den heutigen Kinder nicht gut. Elterliche Verfügungsgewalt über ihre Kinder ist heutzutage alles andere als selbstverständlich. Dass Kinder frühreifer und frecher sind, ist nur die halbe Wahrheit. Die sogenannte Frühreife ist nämlich das Ergebnis davon, dass die Eltern Angst haben, mit der elterlichen Position auch die damit verbundene Autorität einzunehmen. Ihre Angst äußert sich ferner in zweifellos gut gemeinten, aber falsch verstandenen pädagogischen Prinzipien nach dem Motto »Kinder müssen mitreden dürfen«. Dabei vergessen wir, dass es sich um Kinder handelt, dass Eltern für ihre Kinder verantwortlich sind und bei allem Mitspracherecht das letzte Wort behalten müssen. Im folgenden Kapitel werde ich aufzeigen, dass das Fundament der klassischen Autorität verschwunden und das Elternsein dadurch um einiges schwieriger geworden ist als früher.

Die Auffassung, Erziehung käme ohne Autorität aus, ist ein Irrtum sondergleichen. Oder wie es ein junger Vater mir gegenüber ausdrückte: »Bei Fünfjährigen stehe ich nicht so auf Demokratie.« In der normalen Entwicklung nehmen Eltern gegenüber Kleinkindern und Kindern eine deutliche Autoritätsposition ein und lassen ihrem Nachwuchs allmählich immer mehr Autonomie, bis er »volljährig« ist. Derzeit kehren wir diese Reihenfolge häufig um. Kleinkinder dürfen so ungefähr alles (und bekommen auch noch Beifall für ihre Taten), und auch in Kindergarten und Grundschule werden wenig Grenzen gesetzt. Wenn Kinder dann in die Pubertät kommen und die dazugehörigen Probleme bereiten, versuchen wir es mit »Absprachen«. Das scheitert mit Pauken und Trompeten, haben wir doch nie die Grundlagen dafür gelegt. Werden die Probleme dann größer, suchen wir Hilfe bei einem Psychologen oder sogar Psychiater.

Kein Wunder, dass Schulen sich so schwertun. Die Schule nimmt eine Position zwischen der häuslichen Umgebung und der Außenwelt ein, zwischen Kindheit und Erwachsenenalter, zwischen anfänglichem Gehorsam und wachsender Autonomie. Ihr Ziel ist einerseits die Vermittlung von Wissen, andererseits die Persönlichkeitsbildung junger Menschen. Aktuell erwarten die Eltern von der Schule, dass sie ihren Kindern Autorität vermittelt. Die Schule wiederum klagt, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr erziehen. Was geht hier vor sich?

SCHULE UND AUTORITÄT

Es gibt immer mehr problematische Schüler, immer mehr Lehrkräfte leiden unter Burn-out. Die Schwierigkeiten in den Schulen nehmen weiter zu, und so gut wie jeder hat eine Erklärung dafür parat (zu viele Reformen, zu wenige Mittel, zu viele Schüler mit Migrationshintergrund, zu wenig Orientierung am Arbeitsmarkt, zu viele weibliche Lehrkräfte, und zu guter Letzt zu viele Farbstoffe und Konservierungsmittel in unseren Lebensmitteln). Meiner Meinung nach ist vor allem das Verschwinden der Autorität dafür verantwortlich, die traditionell in der Rolle des Lehrers verkörpert ist.

Unsere westliche Kultur geht auf die römische Tradition zurück, bei der ein discipulus, ein Schüler, disciplina erwirbt. Disciplina steht für Kenntnis und Erziehung, aber auch für Zucht. Sie wird vom magister, vom Lehrer also, vermittelt. Der magister ist älter und weiß es besser; der Schüler ist jünger und weiß viel weniger. Aufgrund dieses Gefälles muss der Schüler auf die Person hören, die von der Gemeinschaft die Autorität dazu erhalten hat. Das Ziel ist, dass der Schüler nach einiger Zeit den Lehrer nicht mehr braucht und selbstständig seiner Wege gehen kann. In der mittelalterlichen Rangordnung war er erst Schüler, dann Geselle, und danach konnte er selbst Meister oder Lehrer werden.

Viele Schulen legen heutzutage vor allem auf das Schulklima großen Wert, und die Schulleitung geht häufig von einer implizierten Partnerschaft zwischen Schüler und Lehrer aus. Bei diesem Ansatz liegt der Akzent auf selbstständigem Lernen, denn ein Kind soll von sich aus wissbegierig sein; die Lehrkraft von heute fungiert eher als Moderator oder Coach – jemand, der keine Autorität auszuüben braucht, denn wenn die Lernumgebung interessant genug ist, werden die Kinder von selbst zu lernen beginnen.

In der Praxis sieht es freilich anders aus. Das macht aber nichts, denn die allgegenwärtige Psychologie gibt uns sowohl eine Erklärung als auch eine Lösung an die Hand, sodass wir am Bild des Kindes festhalten können, das von sich aus nach schwierigem Lernstoff verlangt. Das Zauberwort lautet »Motivation«. Manche Kinder sind offenbar nicht oder nicht ausreichend motiviert, um zu lernen, oder sogar nicht ausreichend motiviert für den Schulbesuch. Motivation ist etwas Geheimnisvolles, etwas, worüber ein Schüler offenbar in mehr oder weniger großem Maße verfügt (bestimmt wird bereits untersucht, ob es genetische Ursachen dafür gibt), und das bei der jüngsten Generation deutlich abnimmt. Daher muss man sie von außen ergänzen, und darum geht es doch in der Schule, oder? Es ist für einen Lehrer eine vernichtende Kritik, wenn »er es nicht schafft, seine Schüler zu motivieren«.

Das Ergebnis sieht so aus: Die Klasse wird zur Arena, in der ein kritisches Kinderpublikum laut den studierten Stand-up-Comedian kommentiert, der mit seiner Multimedia-Show krampfhaft versucht, ein wenig Interesse zu wecken. Das Problem – die mangelnde Motivation von Schülern – bleibt bestehen, aller Motivierungstechniken und dem Senken des Niveaus zum Trotz.

Dann zieht man den Psychologen zurate. »Unser Sohn ist nicht motiviert. Er sieht nicht ein, wozu die Schule gut sein soll.« Doch auch der Therapeut weiß nicht weiter. Zwangs-Psychotherapie funktioniert nun einmal nicht. Die zunehmende Nachfrage danach zeigt aber, warum psychologische Behandlungen immer mehr zur heimlichen Disziplinierungsmaßnahme werden.

Einen anderen Ausweg – wieder über den Psychologen – bietet die Suche nach einer passenden Störung, die als Deus ex Machina erklärt, warum Sohnemanns Schulleistungen nicht den hohen Erwartungen entsprechen. Es folgen individuelle Vergünstigungen für den Sohn, die stets eines gemeinsam haben: Die Anforderungen werden immer weiter gesenkt.

Ich stelle überhaupt nicht in Abrede, dass es wirklich Kinder mit solchen Schwierigkeiten gibt, Kinder, die zusätzliche Hilfestellung gut gebrauchen können. So gut wie jede Studie zeigt, dass eine deutliche Mehrheit dieser Schwierigkeiten mit einem sozialen Rückstand zu tun hat, insbesondere mit dessen Auswirkungen auf die Sprachentwicklung. Weiteren Studien ist zu entnehmen, dass die Hilfsangebote größtenteils von Kindern der Mittelschicht in Anspruch genommen werden, wo die Probleme viel weniger gravierend sind.4

Mittlerweile wagt in unserem überregulierten Schulsystem kaum jemand mehr, eine Autoritätsposition einzunehmen, obwohl alle eigentlich darum betteln. Aber keiner will diese Kastanien aus dem Feuer holen und sich dabei die Finger verbrennen. Die Eltern wollen, dass die Schule ihre Kinder erzieht, vonseiten der Schulen heißt es, man könne nur Unterricht bieten. Lehrkräfte klagen darüber, dass die Eltern ihnen keine wohlerzogenen Kinder mehr schicken, Eltern klagen, dass die Schule ihren Kindern keine Disziplin beibringt. Doch wenn eine Lehrkraft tatsächlich streng ist und einen Schüler bestraft, bekommt sie es gleich mit entrüsteten Eltern zu tun. Erzieht eine Mutter ihre Kinder mit eiserner Disziplin, so gilt sie als Tigermutter, und man spricht von Kindesmisshandlung.5 Eine zu softe Erziehung ist aber auch wieder nicht das Richtige, und mittlerweile gibt es in verschiedenen Gemeinden eine offizielle Regelung, nach der die Eltern von Schulschwänzern bestraft werden können.

War es jemals schwierig, Kind zu sein, so ist es heute sehr schwierig, Eltern zu sein. Die Rollen haben sich offenbar sogar umgedreht, wenn man Beispiele (glücklicherweise nur Einzelfälle) betrachtet, in denen Kinder von Amts wegen ermutigt werden, ihre Eltern zurechtzuweisen. Früher war so etwas typisch für totalitäre Staaten wie die DDR, wo Kinder explizit kontrollieren sollten, ob ihre Eltern brave Genossen waren. 2007 startete das britische Innenministerium eine Kampagne, bei der Kinder mithelfen sollten, das Verhalten ihrer Eltern zu korrigieren.6 Auch wenn es dabei »nur« um Umwelterziehung geht (Abfallsortieren, gesunde Ernährung, Verkehrssicherheit), bleibt diese Umkehrung doch bedenklich. Und dass die Macht von Kindern über ihre Eltern als pester power7 bezeichnet wird, ist ebenfalls alles andere als beruhigend.

Der nächste Schritt bei diesem Machtwechsel ist mittlerweile ebenfalls schon Realität: Kinder, die ihre Eltern misshandeln und Lehrkräfte mobben. Eine Studie aus dem Jahr 2007 zeigt, dass drei von vier Erwachsenen in den Niederlanden finden, die heutigen Kinder seien brutal, asozial und hinterhältig. Der britische Pädagoge Furedi zitiert eine Studie von 2008, nach der die Hälfte (!) der Lehrkräfte in England von Schülern gepiesackt oder gar tätlich angegriffen werde. Auffällig ist, dass sehr viele Lehrkräfte das der Schulleitung nicht melden, »aus Angst vor einer negativen Beurteilung«. Lehrkräfte fürchten also ein schlechtes Zeugnis, nicht ihre Schüler.8

Damit wären wir wieder am Anfang, bei der Suche nach Erklärungen und Lösungen für die Misere in den Schulen. Das konservative Mittel der Wahl wäre die Rückkehr zu Zucht und Ordnung, während progressive Denker davor zurückschrecken. Dabei wird ein merkwürdiger Umstand deutlich: Aus irgendwelchen Gründen gehört autoritäres Denken in das konservative Gedankengut und eine antiautoritäre Einstellung zu progressiven Bewegungen wie der 68er.

ANTIAUTORITÄRE BEWEGUNGEN

Nun, da der Konservatismus eine Renaissance erlebt, äußern sich viele eher abfällig über die »68er« und die Studentenaufstände. Damals wurde Straßenpflaster aufgebrochen, die Debatten nahmen kein Ende, und bekannte Sponti-Sprüche haben ihren Ursprung in dieser Zeit (»Keine Macht für niemand«). Man vergisst dabei gerne, dass sich überall in Europa Menschen gegen hierarchische Strukturen auflehnten. Historisch gesehen sind die 68er nur ein Ausrufezeichen in einer Geschichte, die weit über die Universitäten hinausreichte und die ihren Anfang bei den radikalen Freidenkern der Aufklärung nahm.

Im Rückblick lassen sich die einzelnen Bewegungen wesentlich klarer voneinander trennen: sexuelle Revolution (»Make love, not war«), anti autoritäre Erziehung (»selbstbestimmtes Lernen«), Befreiungstheologie (Jesus als Che Guevara), Frauenbewegung (»Mein Bauch gehört mir«), Antipsychiatrie (»Die Verhältnisse sind krank, nicht die Menschen«).9

Man braucht sich gar nicht besonders anzustrengen, um in diesen Bewegungen die Kern-Relationen zu finden, die unsere Identität bestimmen: die zu unserem Körper, zum anderen Geschlecht, zur Autorität. Am deutlichsten wird das bei der sexuellen Revolution, weil Erotik nun einmal mit allem zusammenhängt. Wie darf ich mit meinem Körper umgehen, wie mit dem Körper einer anderen Person, welche Form von Genuss ist erlaubt? Warum werden Frauen als minderwertig betrachtet? Und warum muss ich einer Autoritätsperson (Lehrer, Direktor, Priester) gehorchen, auch wenn diese offensichtlich böse Absichten hat?

Die damaligen Veränderungen in diesen unterschiedlichen Bereichen hatten einen starken Einfluss darauf, wer wir heute sind. Ihre Essenz findet sich in einer Forderung, die all diese Protestbewegungen eint: das Verlangen nach Autonomie, die Abkehr vom patriarchalen Wissensmonopol. Die Zwänge des Patriarchats hatten für eine weitreichende Konformität gesorgt, die selbst noch in der Art des Widerstands erkennbar war. So protestierte ich als Student zusammen mit Hunderten anderer Studenten dagegen, im Gleichschritt laufen zu müssen. Fast alle in den gleichen braunen Parkas und blauen Jeans, demonstrierten wir für das Recht auf Unterschied und brüllten unsere Slogans einer Gruppe von Altersgenossen zu, die ebenfalls eine Uniform trug, wenn auch eine offizielle (wir hatten außerdem keine Schlagstöcke).

Wie nicht selten bei gesellschaftlichen Umwälzungen schoss man zunächst über das Ziel hinaus. Im Niederländischen und ganz sicher in den Niederlanden spiegelt sich dieses Paradox der »Befreiung« sehr schön in der Wendung »moet kunnen« wider, deutsch »es muss möglich sein«. Alles, was zuvor verboten war, gehörte plötzlich zum Pflichtprogramm. Aktuell beobachten wir schon wieder die Gegenbewegung dazu. Für viele Verstöße gibt es derzeit eine Nulltoleranz, wir ersticken beinahe in politischer Korrektheit, und viele Studenten trauen sich kaum noch, den Mund aufzumachen – sie haben Angst, wissen jedoch nicht einmal genau, wovor. Und sie haben keine Ahnung, an wen sie sich mit dieser Angst wenden können.

Vor dieser Herausforderung stehen wir heute: Wir haben sowohl als Gesellschaft wie auch als Individuen ein enormes Problem mit Autorität. Viele Menschen sehen die Lösung in der Rückkehr einer strengen Figur, die Groß und Klein in die Schranken weist, einer Kreuzung aus Dirty Harry, Robocop und Gandalf.

Doch diese Lösung würde nicht funktionieren, denn die Medizin wäre dabei schlimmer als die Krankheit, bestünde sie doch aus einer selbst gewählten Unmündigkeit. Kant würde sich im Grabe umdrehen. Wollen wir eine wirkliche Lösung, so müssen wir zunächst einmal das Problem begreifen.

 

 

2 AUTORITÄT UND URSPRUNG: WARUM? DARUM!

Eine Lehrkraft, die heute eine Autoritätsposition einnimmt, muss sich schnell sagen lassen: »Für wen halten Sie sich eigentlich?« – eine geradezu existenzielle Frage, bei der sich der Fragende meist nicht im Klaren dar über ist, wie sehr er damit den Nagel auf den Kopf trifft. Worauf basiert die Autorität der Lehrkraft? Nach welchen Kriterien akzeptieren wir die Autorität einer Person oder lehnen sie ab? Was ist überhaupt die Basis von Autorität?

Die Antwort ist wesentlich schwieriger als erwartet. Die schlüssigste Analyse fand ich bei einer der brillantesten Denkerinnen des vorigen Jahrhunderts, nämlich Hannah Arendt. Ihr Essay What is authority? setzt eine Art Schlussstein unter alle früheren Studien zum Thema.1

Autorität lässt sich gar nicht so einfach umschreiben. Man könnte beim Unterschied zwischen Macht und Autorität ansetzen. Bei Tieren fällt Autorität mit Macht zusammen. Das stärkste Tier hat die größte Macht, das schwächste die geringste. Bei den Menschen ist das entscheidende Kriterium das Geld; wer am meisten Geld besitzt, hat auch am meisten Macht, und umgekehrt. Doch körperliche Stärke und Reichtum sind beim Menschen keine Garantien für Autorität. In vielen Situationen ist der Gebrauch von Macht eher auf fehlende oder falsch verstandene Autorität zurückzuführen. Eine Lehrkraft, die ständig Strafen verteilt und das Strafmaß häufig steigern muss, hat keine Autorität. Autorität beruht auch nicht auf Überredung. Versucht ein Vater seinen Sohn zu überreden, doch noch zu lernen, und knüpft daran allerlei Belohnungen, zeugt das nicht von Autorität (»wenn du jetzt zwei Stunden lernst, darfst du den Rest des Abends am Computer spielen«).