Aux Champs-Élysées - Mara Ferr - E-Book
Beschreibung

Seit vielen Jahren hat sich Claire in ein unausgesprochenes Arrangement gefügt: Ihr Mann Philippe verdient das Geld, sie kümmert sich um Haus und Kinder - und duldet seine Affären. Bis Isabelle in Philippes Leben tritt und Claire beschließt, sich auf besondere Art von ihrem Mann zu trennen: Sie verbannt ihn in den Keller. Was Philippe zunächst für einen Scherz hält, wächst sich zu einem nicht endenden Alptraum aus. Denn Claires Rache ist kalt …

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Seitenzahl:325

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Mara Ferr, geboren 1965 in Österreich, studierte Psychologie und schloss danach eine Ausbildung zur Pädagogin ab. Sie betätigte sich als freie Lektorin und beschäftigte sich mit journalistischer Pressearbeit, bevor sie ihren ersten Kriminalroman »41

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2013 Hermann-Josef Emons Verlag Alle Rechte vorbehalten Umschlagmotiv: © mauritius images/Radius Images Umschlaggestaltung: Tobias Doetsch eBook-Erstellung: CPI – Clausen & Bosse, LeckISBN 978-3-86358-258-6 Paris Krimi Originalausgabe

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Für Julia

Prolog

Er lebte hier unten ein einfaches Leben.

Soviel er wusste, lebte seine Frau ebenfalls ein einfaches Leben. Oben.

Der Einbauschrank

»Chéri, du bist ein Genie!«

Seine temperamentvolle Frau warf sich ungestüm an seinen Hals und presste ihm einen leidenschaftlichen Kuss mitten auf den Mund. Ihre dunklen Samtaugen strahlten, die beinahe noch immer faltenfreien Wangen waren vor Freude und Hitze leicht gerötet, und dieser rosige Schimmer ließ ihr zartes Gesicht schöner erscheinen, als es von Natur aus ohnehin war. Ihre dichten schwarzen Haarlocken waren mit einer Unzahl von Sägespänen gesprenkelt.

Philippe musste geschmeichelt zugeben, dass Claire mit ihrem überschwänglichen Urteil nicht ganz unrecht hatte.

Der von ihr sorgfältig geplante und von ihm eigenhändig gezimmerte Einbauschrank war tatsächlich ein ansehnliches Werk geworden.

Claire hatte darauf bestanden, dass der untere Teil des Kastens aus einem geräumigen, über zwei Meter breiten und einen Meter hohen Klappfach bestehen musste, in dem sie ihre bunten Gymnastikmatten flach übereinandergestapelt aufbewahren konnte, ohne sie rollen oder falten zu müssen. Darüber hatte er nach ihren exakt gezeichneten Entwürfen einen Aufbau aus hellem Eichenholz gefertigt, der ab heute Hanteln, Expander, Gewichte und sonstige kleinere Fitnessgeräte und nützliche Utensilien wie Schweißbänder oder Handtücher beherbergen sollte.

»Dieses besondere Einzelstück kommt nur deshalb so außerordentlich zur Geltung, weil du unseren verschimmelten Keller so wundervoll renoviert hast. Deine Schufterei im letzten Jahr hat sich wirklich gelohnt, obwohl ich anfangs Zweifel hatte. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie du aus diesem finsteren Rattenloch einen komfortablen Fitnessraum zaubern wolltest«, lobte er anerkennend die Frau, die seit fünfundzwanzig Jahren seinen Namen trug, mit ihm lebte, ihn offensichtlich noch immer liebte, zwei Töchter geboren und zu wohlgeratenen Menschen erzogen hatte, seine Unterhosen und Socken wusch, mit ihm stritt, ihn des Öfteren hasste und dennoch nie verlassen hatte.

»Und du bist sicher, dass die Frontklappe hält und nicht auf meine Hände kracht? Du weißt, das Gewicht der Hanteln und Stangen belastet die ganze Konstruktion sehr. Die Klappe wird sich dadurch doch nicht verbiegen?« Besorgt bückte sie sich und hob einige Male die schwere Klappe des Unterbaus an, um zu testen, ob die Scharniere in ihrer Verankerung einrasten würden.

Philippe musste innerlich schmunzeln, seine Lieblingsfrau hatte wirklich keine Ahnung von ausgeklügelter Statik und technischen Raffinessen. Sie hatte zwar beim Planen messerscharfe Bilder ihrer Vorstellungen im Kopf gehabt, die praktische Ausführung allerdings vertrauensvoll seinen fachkundigen Händen überlassen.

»Wenn du möchtest, kannst du einen ausgewachsenen Elefanten in das Regal setzen, und der Kasten wird nicht einen Millimeter nachgeben, mein Schatz.«

Philippe war von seinem handwerklichen Geschick überzeugt und wusste, wie massiv und stabil sein Schrank war. Schließlich hatte er über ein Jahr lang getüftelt und daran gearbeitet, damit sich das Möbelstück nahtlos in eine Mauernische schmiegte und nicht nur ein Blickfang für das Auge, sondern auch zweckmäßig und robust war.

Claire strahlte.

»Ich hole den Champagner aus dem Kühlschrank, es ist Zeit zu feiern. Legst du bitte ein paar Matten auf den Boden, dann können wir es uns darauf gemütlich machen.«

Philippe nickte zustimmend, sie hatten sich jetzt beide auf jeden Fall eine Belohnung verdient.

Er platzierte mitten im Raum einige weiche Schaumstoffmatten übereinander auf dem Parkettboden und sammelte herumliegendes Werkzeug, lose Schrauben und sonstige Kleinteile zusammen, die er für die Fertigstellung seines soliden Prachtstückes benötigt hatte.

Claire kam vorsichtig die steile Kellerstiege herunter, in den Händen ein Tablett mit zwei gefüllten Gläsern und der angebrochenen Champagnerflasche balancierend. Sie stellte alles auf den von der Fußbodenheizung angenehm gewärmten Boden, setzte sich neben Philippe auf die Matten und prostete ihm glücklich grinsend zu.

Philippe leerte sein Glas in einem einzigen Zug. Er hatte Durst, seine Kehle war ausgetrocknet und juckte. Holzstaub und feine Späne vom Schleifen, Bohren und Hobeln hatten ihre kratzenden Spuren in seinem Hals hinterlassen. Der prickelnde, kühle Perlwein war eine erfrischende Wohltat.

Claire stellte ihr Glas ab, drehte sich zu ihm, nahm sein Gesicht sanft in ihre beiden Hände, flüsterte heiser: »Ich liebe dich so sehr, Phil«, und küsste ihn leidenschaftlich.

Philippe schloss entspannt die Augen und dachte erstaunt, dass er nach fünfundzwanzig Ehejahren die Küsse seiner eigenen Frau noch immer genoss. Fast so sehr wie die aller anderen Frauen.

Emilie

Emilie Dickson – nicht zu verwechseln mit der einzigartigen Emily Dickinson, die mit ihren prosaischen Gedichten zu einer literarischen Berühmtheit geworden war; mit Gedichten hatte Em aber so wirklich gar nichts am Hut – war in diesem Jahr einundachtzig Jahre alt geworden.

Sie ließ ihr schneeweißes Haar regelmäßig für teures Geld zu einer modisch kurzen Fransenfrisur schneiden, war stolze Besitzerin von insgesamt achtzehn verwaschenen Jeans, hauptsächlich in allen Blau- und Schwarzschattierungen, trug je nach Witterung am liebsten entweder bequeme Reeboks oder Doc Martens und hatte ihr Herz an einen altmodischen, monströsen Computer verloren.

Anstatt sich aufopfernd um ein lästiges haarendes Haustier wie Hund oder Katze zu kümmern, wie es sich für Damen ihres Alters in dem wohlhabenden Viertel hinter der Champs-Élysées geziemen würde, hegte und pflegte sie liebevoll die veraltete Computeranlage mit überdimensionalem Bildschirm und Seniorentastatur mit extragroßer Buchstabenbeschriftung und hütete sie sorgsam wie ihren Augapfel. Weder war sie technisch versiert, noch durchschaute sie die logischen Zusammenhänge, wie und warum dieses Ding funktionierte, doch sie konnte es problemlos bedienen und wusste sich auch bei Tücken und Macken, die das störrische Gerät mit zunehmendem Alter zeigte, im Großen und Ganzen selbst zu helfen. Bei gröberen Schwierigkeiten kam Philippe herüber und stand ihr helfend zur Seite. Obwohl er sie bei jedem seiner Besuche davon überzeugen wollte, sich eine modernere Anlage anzuschaffen, hatte er doch Verständnis dafür, dass sie sich in ihrem Alter nicht mehr umgewöhnen konnte und wollte, und so versuchte er jedes Mal aufs Neue erfolgreich, den altersschwachen Computer am Laufen zu halten. Schließlich war er ein angesehener Spezialist in diesen neumodischen Dingen, der mit seinem Fachwissen ein bemerkenswertes Vermögen verdiente.

Em hatte einen anstrengenden Tag hinter sich. Trotz des kalten Schneeregens hatte sie am Morgen auf die Metro verzichtet und die zwei Kilometer bis zu dem Fitnessstudio hinter der Pont de l’Alma, das sie regelmäßig zur Rückengymnastik besuchte, zu Fuß zurückgelegt. Die abgelegenen Seitengassen waren menschenleer gewesen, das trübe Wetter ließ sie trostlos erscheinen und enthüllte erbarmungslos abgeblätterte Stuckfassaden, verkommene Eingangstore und vermüllte Rinnsteine. Erst als sie die Avenue George-V erreichte, wurden die Bürgersteige belebter, und man konnte einen Hauch der Atmosphäre erahnen, die Touristen an Paris so liebten. Ihr intimes Studio lag in einem dunklen Hinterhof hinter schmiedeeisernen Toren, die schief in den Angeln hingen und sich nur mit etwas Kraftanstrengung quietschend öffnen ließen. Emilie hatte es unter der Vielzahl an Gesundheitstempeln deshalb ausgewählt, weil es in ihrer Nähe lag, überschaubar, günstig und Frauen vorbehalten war. Hier musste sie sich ihres alten Körpers nicht schämen, die jungen Mädchen und Trainerinnen hatten sich an ihren wenig attraktiven Anblick allmählich gewöhnt und zollten ihr Respekt für ihre meist schmerzhaften Bemühungen, beweglich zu bleiben. Nach zwei Stunden intensivem, schweißtreibendem Trainingsprogramm schlenderte sie gemächlich in Richtung Champ de Mars, wo sie ihre Enkelin und entzückende vierjährige Urenkelin in einem billigen Bistro zum fetttriefenden Burger-und-Fritten-Lunch traf. Viel lieber hätte sie mit den beiden im Café de Flore einen kleinen Imbiss genommen, doch die Kleine liebte pappige Burger und noch viel mehr die Kinderecke des Bistros, die anstatt mit Spielsachen oder Malbüchern mit handlichen Fernsehern und bunten Computerstationen ausgerüstet war. Das Angebot ihrer Enkelin, sie mit dem Auto nach Hause zu bringen, schlug sie tapfer aus und machte sich wiederum zu Fuß auf den Heimweg. Den langen Spaziergang durch die engen Gassen nutzte sie außerdem dazu, in einigen Geschäften kleinere Einkäufe zu tätigen, und als sie am späten Nachmittag mit gefüllten Taschen nach Hause zurückkehrte, war sie zwar rechtschaffen müde, aber keineswegs erschöpft. Sie widerstand der Versuchung, ein kurzes Nickerchen auf dem Wohnzimmersofa abzuhalten, wohl wissend, dass ihr ein Erholungsschläfchen jetzt wertvolle Stunden der Nachtruhe später rauben würde.

Der nasse Schneematsch war durch ihre angeblich wasserfesten Schuhe gedrungen, und ihre knorrigen Zehen fühlten sich kalt und klamm an. Sie bereitete sich ein heißes Bad, und als sich ihr greiser Körper wieder einigermaßen erwärmt hatte, schlüpfte sie in bequeme Trainingshosen und ein abgetragenes Shirt, streifte dicke Wollsocken über ihre Füße und zog sich mit einer dampfenden Tasse Kakao, gewürzt mit einer Prise Zimt und einem kräftigen Schuss Cognac, in ihr Arbeitszimmer zurück, um ein paar Seiten an ihrem Buch weiterzuschreiben.

Vor Jahren hatte sie damit begonnen, verbliebene Erinnerungen an ihre beiden verstorbenen Ehemänner und drei Söhne auf Papier festzuhalten, da sie mit Entsetzen bemerkte, wie die Bilder ihrer Liebsten im Kopf nach und nach von diffusen Nebelfetzen verdrängt wurden. Sie wollte sie mit Worten bewahren, solange ihr betagtes Gehirn dazu noch in der Lage war.

Emilie startete den Computer, und während der Turm mühsam surrte und knarzte und der Bildschirm blinkend zum Leben erwachte, blickte sie gedankenverloren aus dem Fenster zum frisch getünchten Haus ihrer Nachbarn auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Der Abend war hereingebrochen, durch die zugezogenen Vorhänge des Küchenfensters der Bonnets schimmerte ein warmer Lichtschein, die Außenbeleuchtung der Eingangstür war eingeschaltet, und auch im Treppenhaus, das in den ersten Stock führte und straßenseitig lag, brannte Licht.

Der Einzug der Bonnets vor zwanzig Jahren in Emilies beschauliche Sackstraße zwischen der Champs-Élysées und dem rechten Seine-Ufer war für ihr etwas ereignisloses Witwenleben ein einmaliger Glückstreffer gewesen. Sie hatte Philippes und Claires Mädchen gehütet, als sie noch klein waren, hatte der jungen Familie geholfen, in der Gegend Fuß zu fassen und war allmählich als Familienmitglied aufgenommen worden, ohne dabei aufdringlich zu sein. Sie liebte die Mädchen heiß und innig, hatte mit Claire gelitten und geweint, als sie flügge geworden waren, und freute sich jedes Mal, wenn sie von ihnen Postkarten oder an Weihnachten kleine Geschenke erhielt.

Das wuchtige Garagentor der Bonnets öffnete sich lautlos und Em sah Philippes Wagen rasant aus der Einfahrt schießen. Im trüben Glanz der Straßenbeleuchtung erkannte sie schemenhaft, dass er sich gegen die abendliche Kälte mit seiner von Claire selbst gestrickten roten Wollmütze, dicken Handschuhen und dem hässlichen aufgeplusterten Daunenparka geschützt hatte. Wahrscheinlich hatte wieder einer von Phils gut betuchten Kunden einen Notfall mit seiner Computeranlage, sodass er am Samstagabend ausrücken musste. Nun ja, wie Em Philippe kannte, würde er dafür eine saftige Rechnung ausstellen.

Philippe war bereits am Ende der Straße angelangt, als hinter ihm das Garagentor wie von Geisterhand gezogen in seinen Schienen wieder zurückglitt und die Deckenleuchte in der Doppelgarage langsam verblasste.

Emilie dachte verwundert, dass die Garage leer gewesen war, bevor das Tor ihr die Sicht raubte. Claires Wagen stand nicht an seinem gewohnten Platz auf der rechten Seite der Garagenhälfte. Dennoch erlosch das Licht in Claires Küche. Sekunden später sah Emilie die Neonleuchte hinter der gerippten Milchglasscheibe des Badezimmerfensters flackernd anspringen.

Gänsehaut

Philippes erster Gedanke war, dass entweder die in die Zimmerdecke eingebauten Halogenspots im brandneuen Fitnessraum durchgebrannt sein mussten oder das ganze Haus von einem Kurzschluss betroffen war. Wahrscheinlich hatte Claire wieder Waschmaschine, Geschirrspüler und Stereoanlage gleichzeitig eingeschaltet und über der langwierigen Arbeit am Einbauschrank vergessen. Die mangelhafte Elektroinstallation war eine von vielen Schwächen des Belle-Époque-Hauses, das sie um teures Geld gekauft und um noch teureres Geld renoviert hatten, mit denen man aber jahrelang gut leben konnte, ohne sich ernsthaft um sie zu kümmern.

Erst danach fiel ihm auf, dass er seine Frau nicht mehr in den Armen hielt und sie ihn nicht mehr küsste. Gleichzeitig stellte er fest, dass er auf der Gymnastikmatte lag und nicht saß. Er richtete sich schnell in eine sitzende Haltung auf und fragte in die Finsternis: »Claire? Liebling? Wo bist du?«

Seine Worte hallten in dem noch nicht vollständig eingerichteten Raum dröhnend wider und verursachten ein unangenehm vibrierendes Echo in seinem Kopf.

Seine Frau antwortete nicht.

»Claire? Schatz? Alles in Ordnung? Bist du da?«

Wieder verebbten seine Worte ohne Antwort.

Es herrschte absolute Stille.

Philippe seufzte.

»Claire, Süße, ich bin heute zu müde für solche Spielchen. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet und möchte unter die Dusche. Mach bitte das Licht an.«

Totenstille.

Er wurde ungeduldig und stand auf, um sich selbst auf die Suche nach dem Lichtschalter zu begeben. Automatisch streckte er die Hände abgewinkelt vor sich aus, um nicht unvermittelt gegen eine Wand zu laufen. Seine Schritte waren zögerlich, und er schlurfte langsam vorwärts, obwohl ihm der Raum bis in den letzten Winkel vertraut war.

Schließlich stieß er mit den Fingerspitzen gegen eine Wand und wusste schlagartig nicht, ob er sich links oder rechts weiterhangeln sollte. Das beunruhigte ihn ein wenig, denn er hatte auf bekanntem Terrain in Sekunden seine viel gerühmte Orientierung verloren.

Er würde es rechts versuchen, der Raum hatte schließlich nur vier Wände, und an einer davon stand der eingebaute Geräteschrank in der Mauernische.

»Madame Bonnet, Claire, findest du nicht, dass es Zeit ist, das Versteckspiel zu beenden?«

Irgendwie hatte er schon geahnt, dass er auch diesmal seiner Frau kein Wort entlocken würde.

Philippe hatte eine Gänsehaut. Er schlang die Arme um sich und rieb sich kräftig die Schultern. Das fühlte sich eigenartig an.

Er war nackt.

Warum war er nackt? Hatten Claire und er sich auf den Matten geliebt? Er konnte sich nicht daran erinnern, und dennoch trug er weder seine Boxershorts noch Socken und Schuhe oder ein anderes Kleidungsstück.

Philippe lächelte. Der Champagner hatte offensichtlich eine verheerende Wirkung auf ihn gehabt, sodass er nicht einmal mehr wusste, dass er mit seiner Frau Sex gehabt hatte. Das war ihm das letzte Mal vor ungefähr fünfzehn Jahren passiert, in einer Künstlerbude am Montmartre, mit einem Joint im Mundwinkel und einer anderen Frau auf dem Schoß.

Philippe tastete weiter nach dem Lichtschalter und hatte Glück.

Schon nach wenigen Schritten fühlte er unter seiner rechten Hand das harte, kühle Plastik des Kippschalters. Er drückte darauf. Nichts geschah. Um sicherzugehen, kippte er den Schalter noch einige Male nach oben und unten, aber die Spots sprangen nicht an. Der Lichtschalter war, wie er wusste, knapp neben der Tür, also trat er einen weiten Schritt nach rechts, die Hände dabei haltsuchend fest an die Wand gestützt.

Er entdeckte den Türrahmen und fuhr rasch mit der Hand weiter, in der Erwartung, als Nächstes den Türgriff zu ertasten. Es war keiner da.

Warum war die Tür überhaupt geschlossen? Er sah dunkel vor sich, wie Claire mit dem Tablett die Kellerstiege heruntergekommen war, sich zu ihm auf den Boden gesetzt hatte. Die Tür war dabei offen geblieben, wie sie den ganzen Tag offen geblieben war, damit sie während ihrer Arbeit hier unten die Musik aus der Stereoanlage im Wohnzimmer hören konnten.

Er fuhr vorsichtig mit den Händen über das geriffelte Türblatt, von oben nach unten und von links nach rechts. Das Einzige, das er ertasten konnte, waren drei Türangeln, doch von einem Griff war nichts zu finden. Auch keine Schrauben, gebohrten Löcher oder sonstigen Unebenheiten. Er klopfte an die Tür.

»Claire, hörst du mich? Die Tür ist ins Schloss gefallen!«

Von draußen war nicht der geringste Ton zu hören.

Philippe befühlte nochmals die Tür, erkundete jeden Zentimeter mit seinen Fingern, und jetzt konnte er in der Höhe seiner Wade eine Vertiefung ausmachen. Irritiert setzte er sich auf den Boden, um den unvermuteten Hohlraum näher zu untersuchen. Die Ausbuchtung war gerade so breit und hoch, dass er seinen abgewinkelten Unterarm hineinlegen konnte. Die Rückwand dieser Mulde fühlte sich wie kaltes Metall an, die Ecken an der Oberfläche waren scharfkantig, und als er seinen Arm wieder herauszog, fügte er sich daran einen Kratzer zu. Er fluchte.

Ein unbestimmtes, mulmiges Gefühl zog seinen Magen zusammen und breitete sich bis in die Knie aus. Sein Herz begann, schneller als gewöhnlich zu schlagen. Auch lauter.

Mit geballten Fäusten trommelte er an die Tür.

»Claire, mach sofort auf! Der Spaß hat ein Ende! Ich habe genug!«

Das Hämmern seiner Fäuste und das Schreien seiner Stimme verhallten ungehört.

Jetzt war ihm eiskalt. Er kroch auf allen vieren durch den Raum, auf der Suche nach seinen Kleidern oder seiner Frau, die sich, weiß der Teufel wo, versteckt haben musste. Doch außer den Schaumstoffmatten, die er selbst übereinandergelegt hatte, fand er nichts. Als er an den Geräteschrank stieß, lachte Philippe erleichtert auf.

Endlich hatte er ihr Versteck entdeckt.

Er würde sich nun ein paar Minuten völlig ruhig verhalten und dann mit einem Ruck die Klappe des Kastens hochreißen. Seine Frau, die sich zweifellos dahinter verbarg, würde vor wohligem Gruseln aufkreischen, sich lachend und zitternd an ihn klammern, und vielleicht würden sie sich miteinander ausgiebig auf den Matten vergnügen.

Er hielt den Atem an und presste behutsam ein Ohr an die Klappenwand, um ein verhaltenes Kichern oder nervöses Rascheln zu hören.

Das einzige Geräusch, das seine angestrengten Ohren vernehmen konnten, war ein Knacken des Holzes, das in der vollkommenen Stille des Raumes wie ein Peitschenknall klang.

Philippe zuckte erschrocken zusammen.

Mit steifen Fingern tastete er nach dem gebogenen Griff der schweren Klapptür. In Gedanken zählte er langsam bis neun, und bei zehn riss er die Klappe von unten nach oben hoch und rief vergnügt: »Hab ich dich!«

Stille.

»Claire, du kannst jetzt herauskommen. Ich habe gewonnen!«

Seine Stimme hörte sich sogar in seinen eigenen Ohren verwirrt und ein bisschen weinerlich an.

Nichts geschah.

Er griff mit beiden Händen in das Klappfach, doch seine Frau war nicht da. Das Fach war außer den restlichen, fein säuberlich geschichteten Matten leer.

Philippe ließ die Klappe langsam wieder sinken und starrte in die dumpfe, bedrohliche Schwärze des Raumes. In dem fensterlosen Kellerraum war die einzige Öffnung die Tür, doch auch durch ihre Ritzen und Fugen drang kein noch so zarter Schimmer.

Was war hier los? Wo war Claire? Warum war er nackt? Wo waren seine Kleider? Warum gab es plötzlich keinen Türgriff mehr? Was hatte die Einbuchtung in der Tür zu bedeuten? Warum war sie ihm nie aufgefallen?

Philippe öffnete erneut die Klappe, zerrte eine Gymnastikmatte heraus und legte sie sich um die Schultern. Eine zweite Matte versuchte er, sich wie ein Badetuch um die Hüften zu schlingen, doch sie ließ sich nicht feststecken, sie war zu sperrig und löste sich immer wieder. Er hielt sie mit einer Hand fest, mit der anderen Hand stützte er sich ab, während er sich langsam auf den Boden gleiten ließ, den Rücken an seinen Schrank gelehnt.

Waren sie Opfer eines Überfalls geworden? Hatte man ihn betäubt und Claire verschleppt? Wie lange war er schon hier allein im Dunkeln? Er hatte seine Armbanduhr, konnte aber außer einem einzigen schwach fluoreszierenden Pünktchen nichts erkennen.

Hin und wieder knarzte das Holz, Philippe erschrak nicht mehr. Nicht der leiseste Laut drang in diesen Raum. Auch von oben war nichts zu hören. Keine Schritte, keine Stimmen, kein Gemurmel, kein Geschrei, kein Öffnen von Türen oder Schränken, nicht das Rumpeln der Waschmaschine, nicht leise Musik oder die Wasserpumpe des Spülers. Keine Autogeräusche von der idyllischen, wenig befahrenen anonymen Pariser Innenstadtstraße.

Minute um Minute

Die eckigen Ziffern des Radioweckers am Nachttisch verstrahlten ihr neongrelles Licht in die Dunkelheit des Elternschlafzimmers der Bonnets. Claire lag auf ihrer ehelichen Hälfte des Doppelbettes, seitlich zusammengekrümmt, die Knie angezogen, die Augen starr auf die giftgrüne Minutenanzeige gerichtet. Leise vor sich hin murmelnd zählte sie langsam bis sechzig, um den Rhythmus, in dem die Minutenanzeige weitersprang, mitzuverfolgen. Sie hatte sich selbst noch eine Stunde zugestanden, um ihren nach reiflichen Überlegungen gefassten Entschluss ein letztes Mal zu überdenken.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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