Ava und der Junge in Schwarz-Weiß - Stefanie Gerstenberger - E-Book

Ava und der Junge in Schwarz-Weiß E-Book

Stefanie Gerstenberger

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11,99 €

Beschreibung

Schmetterlinge im Bauch, so richtig über beide Ohren verliebt? Ava ist 16 Jahre alt und hat keinen blassen Schimmer, wie sich das anfühlt. Während der Sommerferien soll sie im alten Kino ihrer Oma Luise aushelfen, ihr Schicksal als Ungeküsste scheint also ein für allemal besiegelt. Doch schnell wird klar, dass Luise nicht nur mit ihrem gebrochenen Handgelenk Hilfe braucht - der "Titania Palast" ist in Gefahr, verkauft zu werden! Und wer ist der seltsame junge Typ, der in Lederjacke und mit komischer Schmalzfrisur dauernd mit ihrer Oma abhängt? Ava ist fasziniert von ihm, denn er ist anders als alle Jungs, die sie kennt - und er teilt offenbar mit ihrer Oma ein Geheimnis. Kann er der Junge sein, in den Ava sich verlieben wird?

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Seitenzahl: 495

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Stefanie Gerstenberger Marta Martin

Ava &DERJUNGE

IN SCHWARZ-WEISS

© Marion Koell

Stefanie Gerstenberger und Marta Martinsind Mutter und Tochter und legen mit Ava und der Junge in Schwarz-Weißihren vierten gemeinsamen Roman vor. Stefanie Gerstenberger wurde 1965 in Osnabrück geboren und studierte Deutsch und Sport. Nach Stationen in der Hotelbranche und bei Film und Fernsehen begann sie, selbst zu schreiben. Ihre Italienromane sind hocherfolgreich. Marta Martin, geboren 1999 in Köln, ist eine junge Nachwuchsschauspielerin und wurde durch ihre Rolle in Die Vampirschwestern bekannt. Die beiden leben in Köln.

1. Auflage 2018 © 2018 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Dieses Werke wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen Umschlaggestaltung: Maria Seidel, atelier-seidel.de, unter Verwendung von Bildern von © istockphoto/lolostock und Oksana Telesheva ISBN 978-3-401-80788-1

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1

Ach, echt?«

Meine Mutter nahm den Blick von der Fahrbahn und schaute mich mit diesem speziellen Glanz in den Augen an, den sie immer draufhat, wenn sie stolz auf mich ist oder sich für mich freut.

»Wie schön, meine Süße …!«

Natürlich dachte sie jetzt, ich wäre verliebt. Dabei hatte ich doch nur gefragt, woran man eigentlich genau merken würde, dass man verliebt ist. Denn ich wusste eben nicht, wie das eigentlich ging und ob man es wirklich war, wenn man vielleicht dachte, man wäre es … Ich war seit zwei Wochen sechzehn und wollte mich verlieben. Unbedingt. Noch in diesen Sommerferien! Aber wie passierte so was und wo sollte derjenige herkommen?

Schon seit Tagen machte ich mir über dieses Thema Gedanken – und natürlich darüber, wie es wohl mit Amanda in der neuen Staffel von Guy next door weitergehen würde.

»Nein, ich doch nicht! Als ob ich …« Ich brach ab. Als ob ich dann ausgerechnet dir davon erzählen würde.

»Moment! Sorry, Ava, das ist die Kanzlei.« Meine Mutter schaltete die Freisprechanlage des Handys ein und ich seufzte. Wäre ja auch ein Wunder, wenn auf der Fahrt, die vor uns lag, nicht mindestens dreimal ihre Assistentin anrufen würde. Meine Mutter ist Anwältin für Musikbands und Künstler, die mir zu peinlich sind, um in der Schule über sie zu erzählen. Ihr wisst schon, Schlagersänger in Lederhosen und dauerlächelnde, uralte Geiger und ähnlich komische Leute.

Wir rauschten über die Schnellstraße an hässlichen Industriehallen und hohen Windrädern vorbei und Mama diktierte der Assistentin etwas über ganz bestimmte geruchlose Blumensträuße für die Garderobe des Lederhosensängers, und dass das unbedingt auch noch in den Vertrag aufgenommen werden müsste. Sehr fürsorglich, oder? Und falls ihr euch jetzt wundert: Ja, Anwälte machen so was …

Ich seufzte. Warum war ich nicht doch mit Papa und meinem kleinen Bruder Max mitgefahren? Die beiden waren jetzt bestimmt schon auf der Fähre nach Schweden. Ich hätte auch mit Jana nach Italien fliegen können. Janas Eltern sind getrennt und wenn Jana mit ihrer Mutter verreist, darf sie sich immer jemanden mitnehmen. Ich hatte nicht sofort geantwortet, als sie mich fragte. Und dann, als ich endlich wusste, dass ich mitfahren wollte, hatte Jana schon Elena gefragt. Ich hatte nur gelächelt und gesagt, dass es völlig in Ordnung sei. Das war bei mir oft so: Ich konnte mich einfach nicht entscheiden. Also entschieden andere für mich, damit mein Leben weiterging.

»So, wo waren wir gerade stehen geblieben?« Wow, meine Mutter hatte nach nur fünf Minuten aufgelegt. Das war ein Rekord.

»Vergiss es«, murmelte ich und weil es sich viel bissiger anhörte, als ich beabsichtigt hatte, sagte ich noch: »Nicht so wichtig. Ich freu mich echt auf Oma Luise.« Aber es klang lahm. Lame, wie man in meiner Klasse gerade zu allem, was eben lame war, sagte. Ich hörte es selbst.

Meine Oma hatte ein uraltes Kino in der Nähe von Hamburg. Sie kam sonst prima alleine zurecht, aber nun hatte sie sich den Arm gebrochen und wir waren auf dem Weg zu ihr. Klar würde ich ihr helfen. Wie im letzten Sommer würde ich ein paar Tage hinter der Kasse stehen und die kleinen blauen Tickets von der Rolle reißen. Ich schloss die Augen, um mir das warme, nach Zucker duftende Popcorn besser vorstellen zu können, das ich für die Zuschauer in Tüten schaufelte. Dann, nachdem ich oben im Vorführraum unter Omas Aufsicht den Projektor bedient hatte, würde ich hinunterlaufen, das Saallicht löschen und mich selbst auf einen der Sitze schmuggeln.

Das mag sich zwar alles sehr aufregend anhören, aber ich wusste, dass es megalangweilig werden würde. Ich kannte dort niemanden, der nicht mindestens siebzig Jahre alt war, und einen interessanten Jungen hatte ich noch nicht mal gesichtet. Mein Plan, mich in den nächsten sechs Wochen zu verlieben, war also ziemlich bescheuert, fiel mir auf. In Schwedens Wäldern würde bestimmt kein toller Junge herumstreifen und in Omas Kuhdorf erst recht nicht!

Ich seufzte und auch Mama atmete jetzt laut aus und schnalzte mit der Zunge. »Mann, Mann, Mann. Muss sie sich denn unbedingt jetzt den Arm brechen? Und warum schließt sie den Laden nicht? Mit einer Hand kann man doch kein Kino führen!«

Das stimmte. Allein die Filmrollen waren tierisch schwer, es war unmöglich, sie mit einer Hand hochzuheben. »Wieso heißt der Titania Palast eigentlich Titania Palast?«, fragte ich, um Mama ein bisschen abzulenken.

»Keine Ahnung. Den Namen hat sich dein Uropa ausgedacht.«

Ich schnaubte leise. »Ziemlich unbescheiden für das Ding!«

»Damals in den Zwanzigerjahren hießen die alle so, je großartiger, desto besser.«

Titania Palast! Das völlig verwinkelte Gebäude war vor hundert Jahren eine Gaststätte mit einem Tanzsaal gewesen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte Uropa Wilhelm dann das Kino darin untergebracht. Es war ein düsterer Kasten, aus dem kleine und große Anbauten hervorwuchsen, mit Treppen und Durchgängen an den seltsamsten Stellen. Im Laufe der Jahre wurde das Kino immer mal wieder umgebaut, an der Seite kauerte irgendwann ein komplettes Einfamilienhaus, ebenfalls aus inzwischen schwarz angelaufenen Backsteinen, und im Zweiten Weltkrieg war es sogar von einer verirrten Fliegerbombe getroffen worden, die eigentlich für den Hamburger Hafen bestimmt war. Der Titania Palast war toll und obwohl alles ein bisschen dunkel und spooky war, hatten Max und ich keine Angst, ihn bei jedem Besuch bis in den hintersten Winkel zu durchforschen. Aber ich kannte ihn schon. Warum also hatte ich mich nicht schneller für Italien entschieden? Oder doch für Schweden?

Plötzlich hasste ich diese Sommerferien! Mit Sommer hat das ja auch nichts zu tun, schimpfte ich still vor mich hin, denn es regnete schon seit Tagen und war so kalt, dass ich vor der Abfahrt gleich zwei Kapuzenpullover übereinander angezogen hatte. Dazu dunkle Jeans und meine abgewetzten schwarzen Schnürstiefel, die ich fast immer anhabe. So konnten meine Füße wenigstens nicht nass werden oder erfrieren.

Wie sollte ich bloß die Zeit herumkriegen? Ich würde jede Menge Serien auf meinem Laptop schauen und am späten Nachmittag einen Film vorführen und ihn mir selbst angucken … Na toll! Das einzig Gute an der Rumhängerei war, dass es echt nichts anderes zu tun gab. Niemand würde mich zwingen, irgendwohin rauszugehen, und keiner konnte mich Couch-Potato nennen, wie Papa das manchmal tat.

Mein Vater heißt Jan und ist Architekt. Er liebte Mama noch, obwohl sie viel zu viel arbeitete, und sie ihn, darüber war ich ziemlich happy. In meiner Klasse war ich fast die Einzige, deren Eltern nicht geschieden waren. Mein Bruder Max ist zehn und ein bisschen nervig, weil es für ihn eigentlich nur Fußballspielen und Angeln gibt. Er ist Spezialist im Ecken- und Elfmeterschießen und im Heuschreckenmaden züchten, diese ekeligen Dinger, die man für die Köder braucht.

Und ich? Falls ich Spezialistin in irgendetwas sein sollte, hatte ich es jedenfalls noch nicht bemerkt. Zwar hatte ich die zehnte Klasse locker geschafft und würde nach dem Sommer in die elfte kommen. Meine Eltern waren stolz auf mein Zeugnis, doch ich wusste, warum ich so gut in der Schule war. Es gab ja nichts, was mich vom Lernen hätte abhalten können, außer den amerikanischen Serien natürlich. Ich war also doch eine Spezialistin! Im Zu-Hause-Rumsitzen. Im Serien-Schauen. Im Nicht-dabei-Sein … Ich kannte nun mal keine interessanten Jungs und ging auf keine Partys und das war ganz allein meine Schuld. Ich fand niemanden gut und auf Partys wurden meine Freundinnen und ich nicht eingeladen. Also nicht auf die von den Leuten aus der Stufe über uns, auf denen wirklich was passierte … Aber es war okay. Wenn ich ehrlich war, hatte ich es ja auch am liebsten, wenn man mich in Ruhe ließ.

Wir hatten die hässlichen grauen Industriehallen hinter uns gelassen, rechts und links sah man nun kleine Apfelbäume, die ordentlich aufgereiht riesige Flächen bedeckten. Achtzehn Millionen Obstbäume standen angeblich im Alten Land herum, hatte ich mal gelesen.

»Kann sie den ollen Kasten nicht einfach mal zusperren, wie das ein vernünftiger Mensch tun würde?«, sagte Mama. »Aber nein, da ruft sie lieber an und verdirbt der ganzen Familie den Sommerurlaub.«

»Seit wann ist Oma vernünftig?«

»Ja, du hast recht.« Meine Mutter seufzte. »Das war sie noch nie!«

»Oma Luise kann auf ihr Kino eben nicht verzichten.« Ich kannte keinen Menschen, der so in der Filmwelt lebte wie meine Oma. Ihr Kino war das einzige weit und breit, das noch mit echten Filmrollen lief. Also noch nicht auf digitale Technik umgestellt war. Sie wusste so viel über Filme, natürlich auch, wer Regie geführt hatte und wer die Schauspieler waren. Sie war ein absolutes Filmlexikon, allerdings nur bis zum Jahr 1990. Dann hatte sie aufgegeben.

»Mehr passt in meinen Schädel nicht rein«, sagte sie oft.

Oma Luise schwärmte so sehr für die alten Filme, dass sie ihre einzige Tochter sogar Marlene genannt hatte, nach dem großen Star Marlene Dietrich. Als ich geboren wurde, hatte sie Mama überreden wollen, mir den Namen Ava zu verpassen. Nach Ava Gardner, einer dieser berühmten Filmdiven, die heutzutage kaum mehr einer kennt. Wie ihr bereits mitbekommen haben solltet, hat sie sich mit diesem Namen durchsetzen können. Nur als aus meinem Bruder dann ein Humphrey (wie Humphrey Bogart aus Casablanca) werden sollte, hat Mama sich gewehrt. Und Papa redete dann auch mal ein Wörtchen mit. Auch Rhett (wie Rhett Butler in Vom Winde verweht) wurde abgelehnt. Also ist aus der kleinen Nervensäge ein Maximilian geworden, den wir auf Max abkürzen.

Oma war dennoch zufrieden, denn es gibt natürlich auch irgendeinen Schauspieler mit diesem Vornamen, den sie vergöttert.

Ich habe nichts gegen meinen Namen, er ist selten und Ava Gardner war ziemlich hübsch. Oma behauptet, sie sähe mir ähnlich. Okay, sie war exakt so groß wie ich, nämlich ein Meter siebenundsechzig, hatte kastanienbraune, leicht gewellte Haare und helle graugrüne Augen, auch so wie ich, aber das war’s dann auch. Meine Namensgeberin war dreimal verheiratet, unter anderem mit Frank Sinatra, einem berühmten Typ, der Sänger war. Und ich? Hätte auch gerne einen berühmten Typ, der meinetwegen auch Sänger sein könnte, doch ich hatte ja noch nicht mal einen einzigen Freund gehabt.

»Ach, Mama. Eigentlich bist du doch ganz froh, hier zu sein und nicht in Bergvik, gib’s zu!«

»Stimmt, die paar Tage kommen mir ganz gut gelegen. Ich mache den Tourvertrag für die Tiroler Buben fertig, wir greifen Oma unter die Arme, also unter den, der nicht gebrochen ist, und dann fahren wir unseren Männern hinterher, nach Schweden!«

Wir bogen von der ausgebauten Schnellstraße ab, Richtung Buxtehude, der Regen wurde stärker. Auf der Straße begegnete uns ein Trecker mit leeren Apfelkisten auf einem Anhänger und ich sah ein Pferd einsam auf einer Wiese stehen, das seine Unterlippe vorstülpte und den Regen in diesen kleinen Napf hineinlaufen ließ. Wie traurig war das denn? Viele Bauern hatten ihre Kirschbäume unter Plastikplanen versteckt, damit der Regen die reifen Kirschen nicht zerstörte. Es sah aus, als hätte jemand vergessen, seine Geschenke auszupacken.

Wir fuhren an noch mehr Apfelbäumen vorbei, immer wieder Apfelbäume, und an Deichen, auf denen nasse Schafe weideten. Die Elbe zieht sich nämlich mit ihren unzähligen Armen und Verzweigungen durch das ganze Gebiet und überschwemmte es früher gerne mal. Selbst heute schafft sie das noch, trotz der Deiche. Endlich erreichten wir Omas Dorf. Es heißt Kloppenbostel und ist übrigens genauso abgelegen und klein, wie es sich anhört. Auch hier gibt es jede Menge Kanäle und Gräben, die alle irgendwie mit der Elbe zu tun haben. Das Kino lag etwas außerhalb vom Dorf. Der Parkplatz davor war leer und stand voller schlammiger Pfützen.

Von vorne sah das Ding aus wie ein Eiscafé aus den Fünfzigerjahren, weiter hinten wie eine alte Bahnhofshalle mit gewölbtem Dach und von der Rückseite wie ein Bauernhof, denn es gab sogar noch eine alte Scheune mit jeder Menge Gerümpel darin. Die paar Kirschbäume, die dahinter wuchsen, waren uralt und an den Stämmen wuchs Efeu. Ich würde für Oma in diesem Jahr die Kirschen pflücken, wenn sie durch den Dauerregen nicht schon aufgeplatzt und faulig waren. Sonst machte Oma das selbst. Mit ihren siebzig Jahren kletterte sie immer noch mit einer Leiter in die Bäume und Mama bekam einen Anfall, wenn sie davon hörte.

Siebzehn Uhr. Zeit für die Nachmittagsvorstellung. Oma würde also nicht in ihrer Wohnung, sondern hier unten im Kino sein. Mama fuhr langsam durch die Parkplatzpfützen, bis sie direkt vor den drei Stufen hielt.

Ich sprang aus dem Wagen. »Oma«, rief ich, »wir sind da!«

Der Eingang des Kinos war ziemlich zugewachsen, von rechts und links wucherten Büsche und hingen Äste herab, was richtig schön verwunschen aussah. Aber Mama schien anders darüber zu denken: »Meine Güte, es scheint nicht so, als ob viele Leute in letzter Zeit den Weg hierhergefunden hätten. Wie denn auch? Man sieht noch nicht mal, dass es ein Kino ist!«

Mama regte sich gerne mal auf, das kannte ich schon. Aber diesmal musste ich ihr recht geben. Der Schriftzug Titania Palast leuchtete bläulich in den trüben Nachmittag, war aber größtenteils kaputt, sodass nur noch Tit…i….last über dem Eingang zu lesen war. Titilast. Echt peinlich, oder?

Aber nun freute ich mich erst einmal so sehr darauf, in Omas Arme zu fallen, dass ich hastig die Stufen emporsprang, eine der beiden Glastüren aufriss und ein paar Schritte in die Eingangshalle lief. Doch dann erstarrte ich mitten in der Bewegung. Was war hier los? Verdammt. Was war mit unserem schönen alten Titania Palast geschehen?

2

Moin, Moin. Ja, ihr seht ja selbst!« Oma Luise kam uns mit dem typisch norddeutschen Gruß entgegen. Moin, Moin konnte man auch noch nachmittags um fünf sagen, man konnte es immer sagen … und das tat Oma auch. Sie wirkte etwas wackelig auf den Beinen, ihr graues Haar war zerzaust – und war sie nicht auch kleiner geworden? Früher war sie mal genauso groß wie ich gewesen. Das mit dem In-die-Arme-Werfen konnte ich jedenfalls vergessen, denn eine Schlinge umwickelte ihren Körper mehrfach wie eine Zwangsjacke und machte ihren eingegipsten linken Unterarm inklusive Hand unbrauchbar. Ich umarmte sie vorsichtig und gab ihr einen Kuss auf die blasse Wange.

»Ach Mama, was machst du denn für Sachen?« Auch meine Mutter begrüßte Oma mit einer zarten Umarmung und hielt sie dann von sich ab, um sie besser betrachten zu können. »Und was trägst du für Klamotten?«

Ja, die waren allerdings schräg. Sie trug eine bollerige Trainingshose und hatte sich eine viel zu große Strickjacke umgehängt. Sie sah aus wie die Frau vor unserem Supermarkt, der ich manchmal ein bisschen Kleingeld in ihren Pappbecher warf, wenn ich dort etwas kaufte.

»In was anderes komme ich mit einer Hand nicht mehr rein! Kann dieses Schlingengewirr ja nicht mal selber anlegen …«

Während Mama ihre eigene Mutter mit besorgter Stimme interviewte, wie es ihr ginge und wer ihr bis jetzt geholfen hätte, schaute ich mich um. Seit dem letzten Sommer hatte sich wirklich eine Menge verändert. Irgendwer war auf die Idee gekommen, die beiden großen Fenster mit Plakaten zuzukleben und teilweise sogar zu überstreichen. Mit schwarzer Farbe! So war der vorher schon nicht besonders helle Eingangsbereich noch dunkler geworden. Der Tresen war nur mit wenigen schwachen Lampen erleuchtet, die Vitrinen mit den Süßigkeiten dahinter leer, die Popcornmaschine kalt.

»Was ist los? Welcher Film läuft gerade? Wie viel Zuschauer sind drin?«

»Wer hilft dir? Was sagt der Arzt? Ist denn jemand aus deinem Club hier gewesen, um dich zu unterstützen?«, setzte Mama meine Frageliste fort. Oma hielt mit ihrer gesunden Hand den gebrochenen Arm fest.

»Der Club, der Club …«, sagte sie leise, »das ist es ja gerade.«

Der Club der ooln Lüüd, so hieß der Club richtig, hing dauernd mit ihr im Titania Palast herum. Die »alten Leute« sahen schon ab morgens um neun uralte Schwarz-Weiß-Filme, die Oma in ihrem Keller in rostigen Filmdosen gebunkert hatte, tranken fröhlich Kaffee zusammen oder spielten auch mal Doppelkopf.

»Sind seit zwei Tagen alle wech.« Oma Luise verdrehte die Augen zur Decke und ließ sie so lange dort, bis ich ebenfalls hochschaute. Über uns prangte ein großer brauner Fleck, der ziemlich genau die Form von Grönland hatte und letzten Sommer noch nicht da gewesen war.

»Das sind die verdammten Sommerferien. Meine Freunde werden gezwungen, mit ihren Enkeln und Kindern in Urlaub zu fahren oder deren Häuser, Katzen, Hunde zu hüten …«

»Oh, mit der eigenen Tochter in Urlaub zu fahren, muss ja nicht unbedingt eine Strafe sein«, sagte Mama lachend, doch an ihrem Gesichtsausdruck sah ich, dass sie sich Sorgen um Oma machte.

»Agate hat mich ins Krankenhaus gebracht und versorgt, aber sie geht mit Mimi ab morgen auf Kreuzfahrt. Sie und alle anderen sind erst in zwei Wochen wieder da.«

»Deswegen sind wir ja gekommen«, beruhigte ich sie, während ich die Luft stoßweise durch die Nase einsog und ausgiebig schnupperte. Es roch ganz anders als sonst. Früher war die Luft im Titania Palast von Popcornduft und frischem Kaffee erfüllt gewesen und die Sessel im Saal hatten immer leicht nach Veilchen geduftet. Jetzt roch es durchdringend nach feuchtem Teppich und Toiletten.

»Es ist nach siebzehn Uhr und es läuft kein Film?«, murmelte ich verwundert, denn ich hatte entdeckt, dass die Flügeltür des Saals aufstand.

»Aber es ist doch niemand da, min Deern!«

Ich grinste. Nur bei Oma Luise war ich eine Deern, ein Mädchen.

Ihre Stimme klang plötzlich sanft. »Für wen soll ich also einen Film vorführen?« Sie kicherte. »Wenn jemand kommt, zeige ich seit Tagen Der Herzensbrecher. Der Film ist auf der Spule aufgebaut, was anderes geht einhändig nich’ …« Sie betrachtete ihre Hand in der Schlinge, auf der eine Menge hellbrauner Flecken wie Sommersprossen verteilt waren. »Ich lasse ihn laufen, spule ihn zurück, ich lasse ihn laufen, spule ihn zurück …« Sie starrte mit sehnsüchtigem Blick in die Ferne, also ungefähr bis zu den beiden Toilettentüren mit der Aufschrift Damen beziehungsweise Herren am Ende des weitläufigen Foyers.

»Jetzt gehen wir erst einmal rauf und dann erzählst du uns alles in Ruhe«, sagte Mama und warf mir einen Blick zu. Ich zog die Augenbrauen hoch, um zu zeigen, dass ich verstanden hatte. Irgendetwas war mit ihr und auch mit dem Titania Palast passiert. Wir wussten nur noch nicht, was.

»Na komm, holen wir unser Gepäck aus dem Auto und dann …«

»Hat die Vorführung schon angefangen?«, rief plötzlich jemand, während er durch die Tür gelaufen kam. »Bin ich zu spät? Sorry!«

Wir schraken alle drei zusammen und fuhren herum. Vor uns stand ein Junge, ziemlich außer Atem, ungefähr in meinem Alter. O Gott, das ist eine Hauptrolle, dachte ich sofort. Einer, bei dessen erstem Auftritt in der Serie du hoffst, dass er sich in deine Lieblingsheldin verliebt und sie sich in ihn und du ihn ganz oft wiedersiehst, weil er so wunderschön ist und dieses tolle freche Lächeln besitzt und …

»Kein Film, junger Mann!«, unterbrach Oma meine Gedanken. »Hier löppt heut nichts!«

»Ja, das Kino ist geschlossen.« Mamas Stimme klang ärgerlich.

»Äh, geschlossen? Für immer? Oder nur heute?« Er schaute sich um und erlaubte mir damit, ihn ein, zwei Sekunden unauffällig abzuscannen. Er hatte hellbraune Augenbrauen und dunkelblonde Haare, war größer als ich und schien ziemlich durchtrainiert. Er konnte bestimmt surfen. Jungs, die so aussahen wie er, waren zum Surfen geboren.

»Nur heute!« Das war Oma.

»Vorläufig! Auf unbestimmte Zeit«, berichtigte Mama.

»Ach, echt? Schade!«

»Ja, schade!« Mama machte eine kleine, fast unsichtbare Handbewegung, die ihn hinausschicken sollte. Es funktionierte. Doch bevor er sich umdrehte, um zu gehen, schaute er mich kurz an. Sag du doch auch mal was, forderten seine Augen. Wunderschöne hellblaue Augen. Aber ich schaffte es gerade nur, ihn eine halbe Sekunde anzulächeln, dann schaute ich sofort auf den Teppichboden. Mein Gott, statt sein Gesicht starrte ich tatsächlich diesen miesen fleckigen Teppichboden an! Ich sackte in mich zusammen und erhaschte gerade noch einen Blick auf seine Jeans, als er durch die Glastür verschwand. Er hat schmale Hüften, sieht aus wie aus einer Serie und geht in diesem Moment aus dem Bild, fasste ich zusammen. Schon war er weg. Fuck!

In Omas Wohnung packten wir die Vorräte aus, die wir aus Hamburg mitgenommen hatten. Ich ärgerte mich immer noch über mein blödes Verhalten unten im Kino. Super, Ava, weiter so! So wird das nie etwas mit dir und der Liebe, schimpfte ich in meinem Kopf vor mich hin, während ich Mama beobachtete, die herumwirbelte. Mama konnte es überall mit ein paar Handgriffen gemütlich machen, auch hier oben, in der etwas unordentlichen Wohnküche. Oma schluckte ihre Schmerztabletten, die sie vom Arzt verordnet bekommen hatte, und lächelte vor sich hin, während ich den Tisch deckte und versuchte, den riesigen Stapel von angetrocknetem Geschirr in der Spüle nicht genauer in Augenschein zu nehmen. Mit einer Hand konnte man natürlich auch nicht abwaschen.

»Du bist sicher müde«, sagte Mama nach dem aufgewärmten Gulasch, das wir mitgebracht hatten, und strich über Omas Schultern. Es war erst kurz nach neun, aber ich wusste, sie wollte heute Abend Zeit haben, um sich an ihren Laptop zu setzen und an den Verträgen für ihre Schlagerboys zu schreiben.

»Ach, es ist furchtbar anstrengend, mit nur einer Hand zurechtzukommen. Man fühlt sich wie ein halber Mensch, so unselbstständig! Ich schaffe es gerade eben, in die Trainingshose von Karl-Heinz zu schlüpfen und mit einem Arm in die Strickjacke hier. Der andere muss draußen bleiben.« Karl-Heinz war mein Opa, der die junge Erbin des Titania Palasts damals geheiratet hatte. Er war einer der nettesten Menschen gewesen, die ich kannte, und wir alle waren immer noch sehr traurig, dass er vor zwei Jahren gestorben war. Und wie man jetzt sah, hatte er auch früher schon sehr coole Trainingshosen gehabt, die heute wieder modern waren!

Mama und ich lachten, als Oma aufstand und sich für uns wie ein Model in der unförmigen Hose drehte. Meine Oma, die immer altmodisch-schick durch die Gegend lief wie aus einem Schneiderheft der Fünfzigerjahre entsprungen! Das mit den Schneiderheften wusste ich, weil eine Menge davon bei ihr herumlagen. Meine Oma liebt auch sonst alles aus den Fünfzigern. Klar, sie ist 1947 geboren, die Fünfzigerjahre sind also ihre Kindheit und Jugend gewesen.

Der Regen pladderte von außen gegen die Fensterscheiben.

»Wie wäre es, wenn wir den Palast wegen Krankheit für einige Tage schließen und du mit uns nach Hamburg kommst? Da haben wir es dann bei dem Schmuddelwetter doch etwas gemütlicher …« Mama schaute besorgt an die Decke, als ob es gleich durchregnen würde.

»Nein! Kommt nich’ infrage!«, rief Oma Luise so laut, dass ich zusammenzuckte. »Ich muss hierbleiben!«

»Aber Mutter!«, sagte meine Mutter und ich überlegte, ob ich in dreißig Jahren auch irgendwo mit ihr am Tisch sitzen würde und »Aber Mutter!« sagen würde, um sie zu irgendetwas zu überreden.

Ich wusste, was Mama im Sinn hatte. Von zu Hause aus konnte sie viel besser arbeiten und ab und zu auf einen Sprung in ihre Kanzlei verschwinden.

»Nur zwei Wochen. Sobald jemand aus dem Alte-Leute-Club zurückkommt, bist du ja auch wieder in deinem geliebten Palast.«

»Nichts da!«, sagte meine Großmutter bestimmt. »Ich bleibe hier, da musst du mich schon mit den Füßen voran aus der Tür tragen!«

Mama seufzte. »Wie sehen denn die Zahlen aus? Lohnt sich das denn überhaupt? Wie viele Besucher hast du letzte Woche beim Verleih gemeldet?«

»Keinen einzigen!«

»Bitte?«

»Mit dem Filminstitut habe ich mich verkracht und sonst verleiht ja keiner mehr anständige 35-Millimeter-Filme, nur noch das digitale Zeug! Sie schicken dir Festplatten!« Sie spuckte das Wort aus, als wäre es eine vergiftete Praline. »Wenn ich das schon höre. Und dafür müsste ich umrüsten auf diese moderne Technik, aber das will ich nicht. Niemals!«

»Mach keine Witze«, sagte Mama und klang jetzt wirklich entsetzt. »Du hast keinen Verleih mehr? Aber was für Filme zeigst du denn dann? Doch nicht etwa …«

»… die ollen Kamellen in Schwarz-Weiß aus meinem Keller? Doch, genau die!« Oma strich fasziniert über den Gipspanzer in der Schlinge, als ob sie ihn zum ersten Mal sähe. »Jau, ’nbüschen oll mögen die euch vorkommen. Aber ich habe auch so berühmte Klassiker wie Der dritte Mann und Rosen für den Staatsanwalt in meinem Besitz. Als ich mir den Arm brach, war nun gerade Der Herzensbrecher von 1956 auf der Spule. Ein Glücksfall, denn das ist mein Lieblingsfilm! Den habe ich Ende ’99 aufwendig umkopieren lassen, seitdem hat er eine bessere Qualität, habe ich euch das eigentlich erzählt?« Wieder brach ein kleines Kichern aus ihr heraus, als ob der Film das Großartigste und Lustigste wäre, was die Filmwelt zu bieten hätte.

Mama raufte ihre blonden Locken, die ihr danach gleich wieder ins Gesicht fielen. Wenn sie ihre Haare frisch gewaschen hat, sieht sie aus wie ein Engel. Allerdings einer mit einem vernünftigen Anwaltsgesicht. Max hat genau solche Locken, ich dagegen habe Papas dunklere Haare geerbt, die ich meistens zurückgebunden, in einem Zopf trage.

»Wie geht es dir denn, Ava?«, durchbrach Oma plötzlich die Stille und wandte sich an mich. »Hast du jetzt mal ’nen Freund?«

»Äh? Nein?« Ich spielte verlegen mit meiner Gabel. Oma Luise war immer so direkt. »Ich … ich entscheide mich gerade.« Pff, ich wusste nicht, woher dieser Satz kam. Wie sollte das bei mir gehen? Wo ich doch nicht mal in der Lage war, jemanden länger als eine Sekunde anzuschauen. Und gerade erst dabei war, herauszufinden, was es mit diesem Verliebtsein auf sich hatte. Das musste doch irgendwie mehr sein, als jemanden nett zu finden. Oder fing es damit an? Und dann?

»Aha. Nun ja. Mehrere Wahlmöglichkeiten zu haben, ist sicher nicht schlecht, aber eigentlich wählt dein Herz, da hat der Kopf gar nicht mitzuschnacken …«

Ich warf Mama einen schnellen Blick zu, aber die lächelte nur etwas gequält. »Ja, ich muss das wissen! Ich bin ja nun auch wieder Single«, sagte Oma Luise triumphierend.

Oma war siebzig! Und nannte sich selbst »Single«. Sie war echt cool.

»Das hört sich doch attraktiver an als ›Witwe‹ oder ›alleinstehend‹, nicht wahr?«

Ich nickte, presste die Lippen zusammen und vermied es tunlichst, Mama anzuschauen, um nicht in lautes Lachen auszubrechen.

»Und ich habe Verehrer, ich sach’ euch! Den Deneke von nebenan ja sowieso, mein Leben lang schon, doch der hat es nur auf meinen Grund und Boden abgesehen, das weiß ich, und ein gewisser Norbert vom Heimatverein, der wollte mich mit seiner hohen Rente locken, dann wäre ich die Geldsorgen los, meinte er. Was für Geldsorgen?, habe ich ihn gefragt. Geh mir doch wech mit deiner Rente!«

»Hat der Deneke dich wirklich verklagt?« Ich hatte so was von Mama gehört.

»Ich muss mich doch schützen!«

»Aber doch nicht gleich mit einem Gewehr, Mutter!«

»Mein Grundstück ist mein Grundstück! Er hat kein Recht, mir da einen fremden Baum reinzupflanzen!«

»Es war ein Maibaum! Das machen Männer, wenn sie ihre Zuneigung zu einer Frau ausdrücken wollen.«

»Nee, nee! Der wollte Land besetzen. Heute der Maibaum, morgen mein Kirschgarten!«

»Was ist eigentlich im Wohnzimmer passiert, Mutter?« Mama versuchte gelassen zu klingen, obwohl ich hörte, dass sie innerlich alles andere als ruhig war.

»Nichts. Wieso?« Oma verzog keine Miene.

»Du hast alle Möbel an die Wand geschoben! Aber warum? Und wer hat dir dabei geholfen?«

Meine Oma schüttelte den Kopf und beantwortete nur eine der beiden Fragen: »Ich brauchte Platz! Manchmal fühlt man sich regelrecht beklemmt in den alten ausgelatschten Pfaden, oder?«

Mama nickte nur und seufzte. »So, Leute, jetzt gehen wir erst einmal alle schlafen. Morgen ist auch noch ein Tag.« Das war ein typischer Mama-Spruch. Natürlich nur, um Oma ins Bett zu lotsen.

»Morgen fahren wir«, flüsterte sie mir zu, bevor sie die Küche verließ. In ihren Augen sah ich die wilde Entschlossenheit, ihre Mutter Luise einfach ins Auto zu packen und nach Hamburg zu verfrachten. »Und du kümmerst dich bitte um den Abwasch, sei so lieb!«

Och, nööö! Das war nun echt blöd von Mama. Nur weil sie nicht wusste, was mit Oma los war, wurde sie nervös und schon hatte sie irgendeine fiese Arbeit für mich. Wie gemein! Ich schaute mich um. Eigentlich hatte ich mich mit meinem Laptop sofort in Omas Gästezimmer zurückziehen wollen, um meine Serie weiterzuschauen. Aber ich hatte ja gesagt, ich würde helfen. So ein Mist! Nun musste ich wohl oder übel das gammelige Zeug abwaschen, das sich in Omas Spüle türmte.

Ich hörte, wie Oma sich im Badezimmer beschwerte, dass sie sich zwar unbeholfen fühlte, aber eigentlich keine Hilfe wollte. Mama befahl ihrer Mutter sanft, aber bestimmt, sich nun bitte beim Waschen helfen zu lassen und in ihr Nachthemd zu schlüpfen.

Ich fand unter der Spüle ein Paar Gummihandschuhe und machte mich leise schimpfend ans Werk. Nach endloser Zeit kam Mama zu mir.

»Ooln Vadder.« Sie ließ sich auf einen der altmodischen Küchenstühle fallen. Manchmal verfiel auch sie wieder ins Plattdeutsche, das sie als Kind in Kloppenbostel gesprochen hatte. »Das nennt man wohl Altersstarrsinn. Sie will partout nicht weg.«

Wir sahen uns einen langen Moment wortlos an.

»Oder ist das vielleicht diese Krankheit, wo man so langsam alles vergisst?«, fragte ich und man hörte, dass ich Angst vor Mamas Antwort hatte.

»Oh nein! Dafür ist sie viel zu klar und dickköpfig!« Mama zwang sich zu einem Lächeln. »Alles in Ordnung bei dir, Süße? Ist es okay, wenn wir vielleicht doch ein paar Tage hierbleiben? Sie flippt ja sonst total aus … weiß der Teufel, warum … Muss an den Tabletten liegen.« Erst jetzt entdeckte sie die blank polierte Spüle.

»Oh, du hast sogar alles abgetrocknet!« Sie strahlte mich an, sah dabei aber ziemlich müde aus. »Zu Hause …«

Jaja. Zu Hause war ich eher faul, wie Mama immer sagte. Aber hallo? Welche gerade mal Sechzehnjährige hatte denn schon Lust, im Haushalt mitzumachen?

»Klar. Ich habe mich doch darauf gefreut, Oma zu helfen«, sagte ich leise, aber das war gelogen. Ich wusste nicht, was ich wirklich wollte, aber Geschirr spülen und unten in dem abgeranzten, nach Toiletten stinkenden Kino an der Kasse sitzen, wollte ich auf keinen Fall. Und der Surferjunge von vorhin würde sich auch nicht mehr blicken lassen, so dämlich, wie ich mich benommen hatte. Ich hätte heulen können.

Mama schien meine Gedanken lesen zu können. »Hast du gesehen, wie es da unten aussah? Sie hat keinen einzigen Verleih mehr! Wie stellt sie sich das vor?«

Ich nickte. Ohne Verleiher war ein Kino nichts! Oma hatte zwar ihren geheimnisvollen Kellerraum mit den alten Filmrollen, doch um viele Leute anzulocken, brauchte sie die neusten und coolsten Filme. Und die bekam sie nur bei einem Filmverleih.

Ich beschloss, erst einmal nicht zu heulen, sondern mich auszuschlafen. Ohne zehn Stunden Schlaf war ich zu nichts zu gebrauchen. Morgen würde ich unten im Kino die Lage checken und meine kleine Luise-Oma dann mit den allerbesten Argumenten überzeugen, den Titania Palast zu verlassen und mit uns nach Hamburg zu kommen. Wenigstens so lange, bis Agate, Hilde, Kurt und wie die alle hießen von ihrem Club wieder da waren. Denn eins stand für mich fest: Hier würde ich nicht bleiben!

3

Mit dem Ausschlafen war das so eine Sache. Ich war während der Nacht ein paarmal wach geworden, weil ich Oma in der Wohnung umhertrapsen hörte. Irgendwann gab es einen Knall, sodass ich mich vor Schreck aufsetzte und auf mein Handy schaute. Halb drei! Etwas schlug klirrend aneinander und ich hörte Oma leise auflachen.

Na gut, wenn sie lacht, ist nichts passiert, hatte ich gedacht. Sie kichert seit unserer Ankunft sowieso ungewöhnlich oft. Ob die Schmerzmittel sie so lustig machen? Sie war seltsam, aber nicht etwa verwirrt, sondern viel bestimmter als früher. Nachdenklich hatte ich mich wieder in die Kissen fallen lassen, doch lange Zeit nicht einschlafen können.

Am nächsten Morgen saß ich wie betäubt am Frühstückstisch. Ich brauchte eben meine zehn Stunden Schlaf. Ohne Unterbrechungen! Mama war schon auf und hatte Brötchen im Dorf geholt. Der Laptop stand aufgeklappt neben ihr auf dem Tisch, sicher hatte sie schon wieder etliche Vertragsseiten für diesen Schlagertypen fertiggestellt, der ohne die richtigen Blumen in der Garderobe nicht überleben konnte.

»Oma schläft noch!«, sagte sie und schüttelte den Kopf. »Ungewöhnlich. Wirklich ungewöhnlich.« Dabei scrollte sie sich durch ihre E-Mails und biss gleichzeitig in ein Marmeladenbrötchen. Sonst meckerte sie schon rum, wenn Max und ich während des Essens unsere Handys nur auf dem Tisch liegen hatten, obwohl wir kein einziges Mal draufschauten!

»Sie konnte nicht schlafen, ich habe sie heute Nacht gehört.«

Mama antwortete nicht. Ich pustete in meinen viel zu heißen Tee. Stille. Nur die alte Küchenuhr tickte. Draußen regnete es. Verdammt. Trotz meines hochtrabenden Ich-verliebe-mich-Plans hatte ich mir meine Ferien nicht besonders toll vorgestellt, aber so öde nun auch wieder nicht.

»Papa und Max haben gestern noch eine SMS geschickt. Es hat dort oben fünfundzwanzig Grad und es gibt dieses Jahr anscheinend kaum Mücken!«, sagte Mama beiläufig und ließ den Bildschirm dabei nicht aus den Augen. Na super! Ich hätte doch mit nach Schweden fahren sollen, dachte ich. Ich könnte jetzt im morgendlichen Sonnenschein auf den Steg hinauslaufen und in den See springen. Verdammt. Es fühlte sich an, als hätte ich einen riesigen Fehler gemacht.

»Ich mache das hier eben fertig, dann bringe ich das Wohnzimmer wieder in Ordnung und danach schaue ich mir unten im Büro die Zahlen an«, sagte Mama nach exakt drei Minuten. Ich hatte den Zeiger der Uhr beobachtet.

»Wenn es wirklich stimmt, was sie erzählt, wie muss es dann um ihre Finanzen bestellt sein? Ich werde das prüfen, so geht es ja nicht weiter!«

Vielleicht konnte ich schon vor Mama herausfinden, was mit Oma los war. Ich ging hinunter in das Foyer des Kinos. Der Geruch, der mir entgegenwaberte, war alles andere als lecker. Ich schloss die Glastür nach draußen auf und ließ Luft ins Foyer, dann knipste ich die Lichter an. In den altmodischen Hängelampen an der Decke funktionierte nur noch jede zweite Glühbirne. Der Klang meiner Schritte wurde von dem Teppichboden verschluckt. Ungefähr so musste es sich auch in einem Beerdigungsinstitut anfühlen.

Ich ging hinter den Tresen, hier war früher mein Lieblingsplatz, weil man alles so schön überblicken und sich wichtig vorkommen konnte. Doch jetzt? War alles nur einsam und verlassen. Wo waren eigentlich die beiden Sessel und der kleine Tisch geblieben, die im Vorraum gestanden hatten? Ohne sie wirkte alles noch kahler. Ich inspizierte die Kühlschränke unter der Abstellfläche. Sie waren leer und rochen ekelhaft muffig, nur eine Flasche Wermut fand ich. Wermut? Ich drehte den Verschluss auf und schnupperte daran. Na ja. Schien ziemlich süß zu sein. Wer trank denn so ein Zeug? Ich ließ die Kassenschublade mit dem vertrauten Klingeln aufspringen. In den Fächern lag noch nicht mal Wechselgeld, da waren nur zwei Cent und ein paar der schmalen blauen Ticketrollen. Die Nummern, die auf ihnen gedruckt waren, musste man bei jeder Vorstellung in ein großformatiges altes Buch notieren. Wie viele Tickets waren für die Nachmittagsvorstellung verkauft worden, wie viele am Abend? Der Verleih wollte das gerne wissen, denn es wurde gerecht geteilt. Die Hälfte des Gewinns war für Oma, die Hälfte für ihn. Doch wenn Oma jetzt keine Verleiher mehr hatte? Ich zuckte mit den Schultern. Dann musste sie auch nicht mehr teilen.

Ich machte mich auf den Weg in den Saal. Er wurde »Großer Saal« genannt, obwohl es gar keinen kleineren Saal gab. Auch hier waren die meisten der Glühbirnen in den Wandlampen kaputt. Die Sitzreihen lagen im Halbdunkeln und schienen auf irgendetwas zu warten. Der rote Vorhang vor der Leinwand war halb zugezogen, die Bühne davor mit Staubflusen, so groß wie Kinderfäuste, übersät. Die Wände des Saals waren mit orangem Stoff bespannt. Früher hatte er in unzähligen akkuraten Falten gelegen, heute sah die Wandbespannung wie ein verknitterter Plisseerock aus, war ausgeblichen und hing an mehreren Stellen hinunter. Mir stiegen plötzlich Tränen in die Augen. Was war los, ich war doch sonst nicht so sentimental? Ich wischte die Feuchtigkeit aus meinem Gesicht und zog die Nase hoch. Mensch, Oma, dachte ich und schniefte wieder. Wie kannst du den Palast so verkommen lassen?

Rechts von der Bühne entdeckte ich die beiden Sessel aus dem Foyer wieder. Sie standen dicht beieinander, berührten sich fast. Auf dem einen lag eine ordentlich zusammengelegte Wolldecke. Wie hatte sie die schweren Möbel mit nur einem Arm hier hereinschieben können? Ich roch an den beiden Cocktailgläsern, die auf dem Tischchen neben den Sesseln standen. Wermut! Ganz frisch. Eine kleine helle Pfütze stand noch in einem der Gläser … Aha, dafür fand Oma also noch Zeit!

Ich machte mich auf den Weg in den Vorführraum. Das war gar nicht so einfach, denn ich musste dazu hinausgehen und erst eine steile Treppe und dann eine Art Vordach überwinden. Ich zog mit voller Kraft an der schweren Eisentür. Früher, als die Filme noch leicht Feuer fingen, hatten diese Metalltüren den Zuschauerraum vor dem Abbrennen bewahrt. Ich ließ die Tür hinter mir zudonnern und gelangte so in den Raum, in dem die beiden großen Vorführmaschinen standen. Oma hatte mir genau erklärt, wie man die Dinger bediente. Die Lampen darin wurden superheiß. »Dadrauf kannste dir ’n Ei braten«, sagte Oma jedes Mal, wenn sie die Klappe des Projektors schloss.

Ich schaute mich um. Hier oben war alles wie immer … Mit einer Hand strich ich über die hölzernen Fächer für die Filmrollen. Dann blätterte ich in ein paar uralten Filmzeitschriften und verlor mich in den Schwarz-Weiß-Fotos von brav aussehenden Jungschauspielern und glamourösen Schauspielerinnen mit weißen Pelzen um den Hals. Plötzlich öffnete sich die schwere Metalltür. Ich zuckte zusammen, aber es war nur Oma, wer sonst?

»Na, min Deern, wen hast du denn da? Ach, die Sonja Ziemann, ja! Das waren wunnerbaare Filme mit ihr, weißt du?«

Ich ließ die Zeitschrift auf den Tisch fallen. »Ja, klar!« Aber damit kannst du heute kein Kino mehr füllen, hätte ich am liebsten gesagt, doch stattdessen stand ich auf und schaute durch eine der vier kleinen Öffnungen in der Wand in den Saal hinunter. Zwei davon waren für die Linsen der Projektoren. Durch die beiden anderen konnte der Filmvorführer kontrollieren, ob der Film auf der Leinwand auch scharf war, und den Fokus gegebenenfalls an der Maschine korrigieren. Und man konnte natürlich auch das Publikum beobachten. Max und ich hatten das früher oft getan und darauf gewartet, dass zwei sich küssten. Wir hatten leider nie welche dabei erwischt, denn die, die wirklich knutschen wollten, saßen in der letzten Reihe, direkt an der Wand. Und die sah man von hier oben nicht.

»Du hast es dir ja dort unten vor der Bühne richtig gemütlich gemacht!«

»Ach ja, nun ja.«

»Aber von so nah sieht man ja nicht wirklich gut.«

Keine Antwort, auch nichts zu den beiden Gläsern. Sehr verdächtig für Oma! Sonst ließ sie doch keine Gelegenheit aus, mir ausführlich zu erzählen, was sie mit ihren Agates und Kurtis vom Club der uralten Leute unternommen und erlebt hatte!

Ich wandte mich von dem rechteckigen Guckloch ab und betrachtete die große Filmspule, die auf dem linken Projektor steckte, und las den Titel auf dem kleinen Aufkleber. »Der Herzensbrecher … Und den spielst du jeden Tag?«

»Wenn Leute da sind.«

»Wir könnten im Keller nach einem andern Film suchen und ich baue ihn auf. Ich kann das noch!«

Oma Luise hatte mir gezeigt, wie man Filme »aufbaute«. Ein Film wurde nämlich auf mehreren kleinen Spulen geliefert, auf jeder dieser Spulen waren nur zwanzig Minuten. Ein Film von hundertzwanzig Minuten kam also als Paket von sechs Spulen. Die mussten dann vom Vorführer in der richtigen Reihenfolge zusammengeklebt und auf eine große Spule gewickelt werden. Spielerisch tippte ich einmal auf den Hebel des Klebegeräts, das man dafür benutzte. Bevor der Film wieder zurückgegeben werden konnte, musste er an denselben Stellen wieder getrennt und auf die kleineren Spulen umgespult werden.

»Eine ziemliche Arbeit, dieses Filmvorführen!«

»Na ja, aber wenn man zwei Vorführgeräte hat, wie wir, kann man auch abwechseln.«

Ich nickte. Natürlich konnte man auch die erste der kleinen Spulen auf dem linken Gerät und die zweite auf dem rechten zeigen, die dritten zwanzig Minuten dann wieder auf dem linken und so weiter … aber das war stressig, weil man aufpassen musste, rechtzeitig umzuschalten und die Übergänge nicht zu verpassen. »Opa Karl-Heinz war ein Spezialist darin gewesen!«, sagte ich, weil ich wusste, wie gerne Oma über ihn sprach.

»Jau, er war ’n büschen bequem und ist bei Vorstellungen vör Kinners in dem warmen Raum inschlopen.«

»Und erst aufgewacht, als alle Kinder schrien und pfiffen, weil wir mitten in der hochspannenden Geschichte vor einer weiß flimmernden Leinwand saßen …«, sagte ich und lachte. »Komm, wir gehen nach unten und suchen einen aus!«, versuchte ich Oma zu überreden. Doch die inspizierte stumm und mit zusammengekniffenen Augen die Herzensbrecher-Filmrolle, als ob sie nach einem geheimen Zeichen darin suchte.

»Nein!«, sagte sie. »Das lohnt sich nicht, kommt ja eh keiner. Der Herzensbrecher bleibt.«

»Aber ich würde gerne …«

»Nein!«, fiel sie mir ungewohnt heftig ins Wort. »Dieser wunnerbaare Streifen muss bleiben! Ich habe din Grootvadder dabei kennengelernt. 1956. Hab mich in die Reihe hinter ihn gesetzt und gewusst: Den wirst du mal heiraten. Und er kam zu jeder Vorstellung. Der Film lief und ich saß hinter ihm!«

Ich rechnete und verzog mein Gesicht: »Ey, Oma, du warst neun!«

»Na und! Wenn du den Richtigen triffst, weißt du es!«

»Ja? Ist das so?« Plötzlich wurde ich aufmerksam. Vielleicht konnte ich von meiner siebzigjährigen Oma tatsächlich noch lernen, wie das mit dem Verlieben ging.

»Aber er war doch viel älter, oder?«

»Ach!« Oma guckte verzückt in die Ferne, die vorne an der Wand mit den Gucklöchern allerdings schon endete. »Er war fünfzehn! Und er tanzte Rock ’n’ Roll, mit einem Mädchen. Ich bin ihm mit dem Rad gefolgt und habe ihn heimlich beobachtet.«

Meine Oma, die kindliche Stalkerin! »Wie hast du ihn denn auf dich aufmerksam gemacht?«

»Nun. Hier auf den Dörfern ist das Leben ja überschaubar. Ich habe mir nichts anmerken lassen, dat Mannsvolk mag es nicht, wenn man es verfolgt. Ein Mann muss denken, er sei derjenige, der dich auserwählt hat. Aber mit fünfzehn habe ich dann gewusst, wie ich das anstellen kann!« Oma lächelte und sah auf einmal unheimlich jung aus. »Da war er schon einundzwanzig und immer noch der beste Rock ’n’ Roller, den du dir vorstellen kannst. Bis zu seinem Tod war er mir treu und hat mir immer wieder seine Liebe geschworen!«

»Ja, Opa war total cool. Der tollste Opa ever.« Ich beneidete Oma einen Moment lang für ihre große Liebe, die sie in diesem Kino gefunden hatte. Mit neun! Wenn es danach ginge, war ich schon sieben Jahre zu spät dran.

»Wenn du mir helfen möchtest«, sagte sie, »dann …«

Dann gehst du los und kaufst eine neue Flasche Wermut?, dachte ich und prustete beinahe los bei der Vorstellung.

»Dann lässt du alles so, wie es ist.« Oma drehte sich um und wandte sich zur Tür. »Obwohl … vielleicht könntest du hier mal Staub wischen, falls jemand Fremdes reinkommt.«

What the … Wer zum Teufel sollte hier schon reinkommen?

»So, ich muss mich wieder hinlegen, war eine kurze Nacht …« Sie gähnte und blinzelte mir zu, als ob sie heimlich in die Disco abgehauen wäre und deswegen Schlaf nachzuholen hätte. Vielleicht würde sie mich jetzt gleich bitten, meiner Mutter nichts davon zu sagen. Ich hatte Mühe, mir das Lachen zu verkneifen. »Du konntest nicht gut schlafen, oder?« Ich ging vor und öffnete die schwere Tür für sie. »Ich habe dich gehört.«

»Ach, wirklich?« Sie lächelte rätselhaft, bevor ihr scheinbar etwas einfiel. »Na ja. Die Schmerzen, weißt du, und ich muss ja immer auf dem Rücken liegen. Ich schlafe sonst nie auf dem Rücken …« Sie trippelte davon und ich blieb mit dem seltsamen Gefühl zurück, sie verheimliche mir irgendetwas. Aber warum? Das war völlig untypisch für sie. Ich würde es herausfinden, vielleicht schon nächste Nacht!

Um mir die endlosen Stunden zu vertreiben, die vor mir lagen, beschloss ich, den Charme des alten Kinos wenigstens ein bisschen wieder hervorzuholen.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Ich, die es in Hamburg schon ziemlich ätzend fand, wenn ich mein Zimmer staubsaugen sollte, würde aufräumen! Ich wischte oben im Vorführraum tatsächlich Staub, stapelte die alten Zeitschriften ordentlich in eine Ecke und warf mindesten dreißig verstreute Snickers-Papierchen in den Mülleimer. Deswegen lagen unten in der Vitrine also nur noch ein paar Staubflusen. Aber seit wann aß Oma Süßigkeiten? Oder hatte sie Besuch gehabt? Vielleicht war die Snickers-Esserin ja auch die Wermut-Trinkerin? Mittlerweile war ich überzeugt, dass Omas Besucher eine Frau war. Wer das perverse Zeug trank und Süßigkeiten bis zum Abwinken aß, war garantiert weiblich. Wart’s ab, Oma, dachte ich. Bevor ich Kloppenbostel und den traurigen Filmpalast verlasse, werde ich dein Geheimnis schon noch lüften!

Der Staubsauger schien noch aus Uropa Wilhelms Zeiten zu sein und wehrte sich, als ich ihn in das Foyer zog. Die Flecken auf dem schwarzen Teppich waren klebrig. Verschüttete Cola vermutlich. Angeekelt verzog ich das Gesicht und hatte nun überhaupt keine Lust mehr zu staubsaugen. Ich stellte das Ding in die Ecke und machte mich widerwillig an den Tresen.

Das heißt, ich guckte ihn erst einmal nur an. Dann fand ich eine Filmzeitschrift aus dem Jahre 1989, setzte mich auf den Barhocker hinter der Kasse und las sie gründlich durch. Als ich wieder auf die Uhr schaute, waren über anderthalb Stunden vergangen.

Da ich sonst nichts zu tun hatte, holte ich die Gummihandschuhe aus der Küche, einen Eimer mit Wasser und einen Schwamm. Ich hockte gerade am Boden und überlegte, ob ich wirklich diese fiesen Fächer dort unten auswischen sollte, als ich jemanden hereinkommen hörte.

»Hallo?«

Oh no, dachte ich und starrte in das unbenutzte Seifenwasser im Eimer, was soll ich bloß sagen? Nur hereinspaziert? Sie haben Glück, wir zeigen heute zum einhundertsten Mal Der Herzensbrecher. Der ist zwar von 1956, aber immerhin vor zwanzig Jahren restauriert!

»Hallo? Jemand da?«

Widerstrebend tauchte ich hinter dem Tresen auf und wollte mich im nächsten Moment sofort wieder auf den Boden fallen lassen. Fuck! Es war der Junge von gestern … der Typ aus der Serie, was machte der denn schon wieder hier?

Ich zwang mich, ihn diesmal etwas länger anzuschauen, und versuchte, mir sein Gesicht noch besser einzuprägen: Seine Augen waren von einem noch helleren Blau als in meiner Erinnerung und ich konnte mir gut vorstellen, wie sonnenblond seine Haare nach einem Sommer am Atlantik aussehen würden. Er roch ja auch genauso, ein verdammt leckeres Gemisch aus den hohen Kiefern auf einem französischen Campingplatz, nach warmer, sandiger Erde und …

Und ich? Ich trug rosa Gummihandschuhe und hatte einen gelben Putzschwamm in der Hand! Mein schwarzes T-Shirt war am Ausschnitt ausgeleiert und ich musste nicht erst mit der Nase unter meine Achsel tauchen, um festzustellen, dass ich nach Schweiß roch, obwohl ich nur die Zeit vertrödelt und mit dem Putzen noch gar nicht richtig angefangen hatte. Schnell versteckte ich meine rosa Gummihände hinter dem Rücken.

Die Hauptrolle grinste mich an. »Hi.«

»Hallo!«, krächzte ich und presste die Arme an meinen Körper.

»Ich komme gerade zufällig vorbei und wollte mal was fragen.«

Zufällig? Na ja, hier auf dem Dorf kamen die Leute tatsächlich noch ab und zu einfach so vorbei, ohne sich groß anzumelden, büschen schnacken … Aber du doch nicht, Surferjunge, dachte ich, du kommst doch garantiert aus Hamburg, was machst du hier im verregneten Kloppenbostel?

»Ist jemand von der Geschäftsführung da?« Er zog seine Stirn in Falten und lächelte mich auf diese gewisse Art von unten an. Keine Ahnung, warum mein Herz das machte, aber es klopfte sofort schneller und ich musste von seinem Gesicht wieder auf den Tresen vor mir schauen, sonst wäre ich vor Verwirrung gestorben.

Ich hörte ein Geräusch. Es war die »Geschäftsführung« in Form von Oma, die jetzt mit Bollerhose und Zwangsjacken-Armschlinge auf uns zukam. Zwischen ihren Lippen hing ein langes Mundstück aus Elfenbein mit einer nicht angezündeten Zigarette. Ja, meine Oma rauchte damals noch manchmal Zigaretten mit Mundstück. Sie fand das vornehm. Ich fand, es sah zur Trainingshose ziemlich komisch aus.

»Oma, das ist …?« Ich schaute ihn fragend an.

»Frans. Mit s am Ende.« Seine Augen sahen aus, als ob er gleich in Lachen ausbrechen würde, und ich starrte so lange fasziniert in sie hinein, bis ich merkte, dass er wohl doch nicht vorhatte zu lachen.

»Ich wollte Sie gerne sprechen.« Er sah ziemlich erwachsen aus, wie er da so stand.

»Worum handelt es sich?« Obwohl sie längst nicht so schick gekleidet war wie sonst, hatte Oma seit ihrem morgendlichen Zusatzschläfchen wieder zu ihrer alten Form gefunden. Mit einer eleganten Bewegung nahm sie das Mundstück plus Zigarette zwischen die Finger ihrer brauchbaren Hand und spielte damit herum.

»Ich wollte Sie fragen, ob Sie das Kino wirklich schließen. Vielleicht müsste man nur mehr Werbung machen! Und falls Sie an einem Internetauftritt interessiert wären, könnte ich für den Titania Palast eine Website einrichten …«

»Und warum sollte ich das wohl wollen, junger Mann?« Oma zog ihre Augenbrauen in die Höhe und sah Frans von oben bis unten an, ohne den Kopf auch nur ein bisschen zu bewegen. Wenn sie das machte, erinnerte sie mich immer an Professor McGonagall, die strenge Lehrerin aus Harry Potter.

»Na ja.« Er strich sich mit den Fingern durch seine Haare. Sehr schöne Haare übrigens, nicht zu kurz abrasiert, nicht zu lang, gerade richtig. Erst jetzt bemerkte ich den Rucksack auf seinem Rücken, aus einer Seitentasche ragten Schlagzeugstöcke. Der Surfer spielte auch noch Schlagzeug, wie cool war das denn?

»Also, ich beschäftige mich gerne damit und liebe auch alte Filme und dieses Kino ist doch eigentlich so fantastisch. Und … ich glaube, der Titania Palast könnte wirklich ein bisschen Aufmerksamkeit gebrauchen.« Er schaute sich um und machte eine Handbewegung, die alles mit einschloss. Das kahle Foyer, die klebrigen Flecken auf dem Teppichboden, die Türen mit den Toiletten dahinter, auf deren Reinigung ich ganz bestimmt keine Lust haben würde. Ich zog die Gummihandschuhe langsam von meinen Händen.

»So. Glauben Sie das?« Oma seufzte theatralisch. »Tja. Und was, wenn Sie sich täuschen? Ich führe dieses Kino seit über fünfzig Jahren und weiß recht genau, was der Palast braucht und was nicht! So eine Wäbsait, oder wie das heißt, gehört jedenfalls nicht dazu! Entschuldigen Sie mich nun, ich bin beschäftigt!«

Bevor ich meinen Mund öffnen konnte, um gegen Omas unfreundliche Abfuhr zu protestieren, hatte »Frans mit s« schon genickt, sich umgedreht und war mit seinem Rucksack und den Schlagzeugstöcken aus der Tür geschlendert. Am liebsten wäre ich ihm hinterhergelaufen, aber ich konnte mich nicht rühren, es war einfach zu viel in den letzten sechzig Sekunden passiert.

»Oma!«, rief ich, als meine Erstarrung sich endlich gelöst hatte. »Warum schickst du ihn weg?«

Statt einer Antwort explodierte eine der wenigen Glühbirnen an der Decke, die bis eben noch geleuchtet hatten.

»Fuck!«, rief ich und hielt mir reflexartig die Hände über den Kopf. »Hier funktioniert aber auch gar nichts mehr!« Winzige Glassplitter rieselten aus der alten Hängelampe herab.

»Natürlich funktioniert hier noch alles.« Oma war die Ruhe selbst. »Die anderen habe ich alle nur halb rausgedreht.«

»Ach, und dabei bist du von der Leiter gefallen und hast dir den Arm gebrochen?« Oma war zwar schon immer ein bisschen eigenartig gewesen, doch im Moment übertrieb selbst sie es ganz schön!

Sie rümpfte nur wie zur Bestätigung ihre Nase. »War halt ein bisschen wackelig dort oben.«

»Wieso tust du das?« Ich schüttelte den Kopf.

»Strom sparen«, sagte Oma nur und ging erhobenen Hauptes davon.

4

Oma war doch verrückt! Da hockte sie im Halbdunkeln, weil sie Strom sparen wollte! Ich rannte hinter dem Tresen hervor und hinaus. Es regnete leicht, der Parkplatz mit seinen tiefen Schlammpfützen war leer und verlassen. Doch weiter hinten, an der Straße, sah ich Frans und sein Fahrrad noch.

»He!«, rief ich und sprintete los. »Frans!« zu rufen, traute ich mich nicht. Er hörte anscheinend aber auch auf »He!«, denn er drehte sich um und blieb stehen. Verdammt, was wollte ich ihm eigentlich sagen? »Hör mal, ich hatte vor, mich diesen Sommer richtig zu verlieben, und du scheinst mir ein geeigneter Kandidat dafür zu sein«, so was in der Art?

Als ich schnaufend bei ihm ankam, wusste ich überhaupt nichts mehr.

»Du kannst aber ziemlich schnell jemandem hinterherlaufen.« Er grinste.

»Ich laufe dir doch nicht hinterher!«

»Und du kannst sprechen!«

Mist. Er hatte offenbar mitgezählt und wusste, dass ich insgesamt nicht mehr als vier Worte gesagt hatte. »Hallo« und »Oma, das ist …«.

»Ich wollte dir nur sagen, dass ich in ein paar Tagen nach Schweden fahre und leider echt nichts tun kann, damit meine Oma ihre Meinung über angeblich unnötige Werbung ändert.« Weil er so toll aussah, starrte ich auf meine Chucks, die ziemlich schlammig waren.

»Okay. Schade.«

»Ja. Schade.« Wir sahen uns an. Er stand nur einen Meter von mir entfernt. Was soll ich jetzt sagen?, brüllte es in meinem Kopf, als das Handy in meinem Kapuzenpullover klingelte. Es war nur Max, das erkannte ich an dem dramatischen Star-Wars-Klingelton, den mein Bruder für sich eingestellt hatte. Aber ich war dankbar für die kurze Pause und zog es mit Schwung hervor. Es rutschte mir aus der Hand, beschrieb eine kümmerliche Flugbahn durch die Luft und landete direkt auf dem rechten Turnschuh von Frans, wo es auch noch liegen blieb. Wie peinlich!

Er bückte sich und hob es auf. »Ist noch heile«, sagte er nach einem Blick auf das Display und gab es mir.

»Danke!«, sagte ich, ohne draufzuschauen, während es weiter klingelte.

»Na dann. Viel Spaß mit den Schweden!« Er grinste mich an, setzte seine Kapuze auf, nahm den Lenker in beide Hände und fuhr davon. Oh nein. Warum haute er so schnell ab? War ich ihm zu stumm? Oder zu unlustig?

Wahrscheinlich beides. Warum war ich auch nur so verbrettert im Kopf, wenn mir ein Junge gegenüberstand, den ich hübsch und interessant fand? Das Klingeln hörte auf. Ich sah auf das Display. Es war tatsächlich ganz geblieben. Mein Bruder hatte sein Profilbild geändert und statt des kleinen Yoda mit den Riesenohren das Foto eines Muskelmannes hochgeladen. Der Typ war blond, grinste unverschämt und hielt sich einen großen Fisch vor die blanke Brust. Um die nackte Schulter hatte er sich die schwedische Fahne gelegt. »Viel Spaß mit den Schweden!« Deswegen war Frans also so schnell abgehauen! Er musste ja denken, dass dieses blonde Muskelmonster mich gerade angerufen hatte.

»Verdammt!«, rief ich laut. »Nichts klappt hier …«

Langsam ging ich durch den Regen zurück und wusste nicht, ob ich sauer auf mich oder doch lieber auf Oma sein sollte. Ich entschied mich für Oma.

Sie brauchte Hilfe mit dem Kino, doch sie lehnte alles ab und schickte Menschen weg, die ihr helfen wollten!

»Wie zum Beispiel Frans mit s«, murmelte ich. In meinem Magen kribbelte es komisch, wenn ich an ihn dachte. Ich seufzte und ging wieder hinein, bevor der Regen mein Haar völlig durchnässte. Verdammt. Ich hatte es gründlich vermasselt.

In diesem Augenblick sah ich Mama mit wehenden Locken in Omas kleinem Büro verschwinden. Ich biss die Zähne zusammen, denn ich ahnte schon, dass sie mit weniger guten Nachrichten wieder herauskommen würde. Das Gebäude und das Grundstück gehörten Oma zwar, aber wie es aussah, hatte sie absolut kein Geld mehr, um alles in Ordnung zu halten. Oder die Stromrechnung zu bezahlen …

Vor lauter Frust holte ich den Staubsauger nun doch aus der Ecke und entfernte wenigstens die Glassplitter der geplatzten Glühbirne, die immer noch auf dem Teppich verstreut lagen. Warum hatte ich nicht gleich auf das Display geguckt? Dann hätte ich Frans wenigstens sagen können, dass mich kein angelnder Schwede aus dem Fitnessstudio anruft, sondern nur mein kleiner Bruder!

Mir kam eine Idee. Ich stellte den Staubsauger aus und ging in Omas Büro: »Hi, Mama. Soll ich Eier kaufen gehen? Ich könnte Pfannkuchen zum Mittagessen machen.« Pfannkuchen war das Einzige, was ich in der Küche zustande brachte.

»Es ist nicht zu fassen«, hauchte sie nur, als sie aufschaute und mich im Türrahmen stehen sah. Wie gesagt, ich war zu Hause sehr zurückhaltend, was Hausarbeit und alles anging, und bewegte mich am liebsten nicht von meinem Laptop weg, aber dass sie so erstaunt reagieren würde, hätte ich nicht gedacht …

Sie strich ihre blonden Locken ungeduldig zurück. »Sie hat schon seit Monaten kein Geld mehr eingenommen. Ich habe jede Menge Rechnungen gefunden. Ungeöffnet! Und sicher unbezahlt!«

Aha, sie meinte also gar nicht mich und meine Pfannkuchen-Idee …

Mama legte die Hand vor den Mund, was sie nur machte, wenn sie ratlos war. Das kam nicht oft vor, meine Mutter hatte eigentlich immer eine Idee.

Ich zuckte mit den Schultern. »Oma ist echt komisch drauf.«

»Ja, da gebe ich dir recht. Und ich befürchte, da kommt jegliche Hilfe von uns zu spät. Je eher sie den Laden schließt, desto besser. Für das Grundstück kann sie hier im Alten Land eine Menge Geld bekommen. Du weißt, wie wild die reichen Hamburger darauf sind, hier vor der Stadt ein Häuschen zu haben.«

Das Alte Land liegt südwestlich von Hamburg und besteht größtenteils aus Bauernhöfen, Obstbäumen und vielen verstreuten Dörfern. Warum Uropa Wilhelm ausgerechnet hier sein Kino eröffnet hatte, war und blieb ein ewiges Familienrätsel. Aber es hatte ihn und seine Familie über achtzig Jahre ernährt.

»Du meinst, Oma soll wirklich alles verkaufen? Das ist doch auch dein Zuhause!«

»Gewesen, meine Süße, gewesen!« Mama lächelte. Nun glich sie wieder einem Engel. »Weißt du, manchmal ist es besser, einen sauberen Schnitt zu machen, statt in der Vergangenheit zu schwelgen. Was nutzt es Luise, wenn sie hier in diesem dunklen Kasten hockt und sich nicht mal Brötchen zum Frühstück leisten kann?«

Irgendwie hatte Mama recht, obwohl ich das vor ihr nicht zugeben mochte.

Der Titania Palast war ein alter, auf eine Sandbank gelaufener Kahn, den wir nie wieder davon herunterkriegen würden.

»Keine Ahnung«, antwortete ich. »Was ist jetzt mit den Pfannkuchen? Soll ich nun Eier holen oder nicht?«

»Ach schön, ja«, sagte Mama zerstreut, denn sie wühlte schon wieder in einem Haufen Papiere auf dem Schreibtisch herum. Dann fiel ihr anscheinend doch auf, dass etwas an meinem Vorschlag ungewöhnlich war: »Aber es regnet doch.« Mama wusste, dass ich bei Regen noch unwilliger als sonst aus dem Haus ging, weil ich es hasste, nass zu werden.

»Egal!«, behauptete ich, ganz begierig darauf, mir Omas altes Rad zu schnappen und die zwei Kilometer bis zum Hühnerhof zu fahren. Warum wohl? Es war albern, aber ich hatte die leise Hoffnung, Frans noch irgendwo zu sehen. Ich würde anhalten und ganz beiläufig sagen: »Übrigens, wer da eben angerufen hat, war nur mein kleiner Bruder. Er liebt es zu angeln.«

»Na gut«, sagte Mama. »Nimm dir Geld aus meinem Portemonnaie und grüß mir die ool Lieschen schön!« Ich nickte und beeilte mich loszukommen. Doch als ich eine halbe Stunde später pitschnass mit zehn Eiern und einem abgekauten Ohr zurückkam, war ich nicht mehr so euphorisch. Ool Lieschen hatte mich auf Platt vollgetextet und mir muffige Kekse vorgesetzt, von denen ich höflich einen heruntergewürgt hatte. Und das alles nur wegen ein paar Minuten meines Lebens, die ein gewisser Frans vor mir gestanden hatte.