Bad Boy Christmas - Ilka Hauck - E-Book
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Bad Boy Christmas E-Book

Ilka Hauck

5,0

Beschreibung

Weihnachten – das Fest der Liebe. Nicht für Valerie, die kurz vor den Feiertagen Knall auf Fall verlassen wurde. Um das Elend perfekt zu machen, wartet auch noch ihre chaotische Großfamilie darauf, endlich ihren Freund kennenzulernen. Auf dem Weg zur Familienweihnacht im malerischen Minnesota fährt die liebeskummergeplagte Valerie um ein Haar einen gestürzten Motorradfahrer über den Haufen. Und dann … im beginnenden Schneesturm … hat sie die zündende Idee. Da der Verunglückte mit seiner Maschine sowieso nicht weiterkommt, könnte er sich doch für den treulosen Jeff ausgeben. Besonders, da der dunkelhaarige Hottie ein echter Augenschmaus ist. Zu ihrer Erleichterung stimmt dieser widerstrebend zu, und Valerie ist froh, dem Mitleid ihrer Familie und den Kuppelversuchen ihrer Schwester zu entgehen. Dummerweise hat sie nicht mit Julians losem Mundwerk, seiner umwerfenden Ausstrahlung und ganz besonders nicht mit seiner gefährlichen Wirkung auf ihr Herz gerechnet. Zwischen romantischen Winterspaziergängen, Familienzankereien und Schneeballschlachten zündet der sexy Biker ein regelrechtes Feuerwerk in Valeries Herzen. Doch geht es ihm genauso? Können Weihnachtswunder tatsächlich wahr, Enttäuschungen überwunden und Bad Boys zu Weihnachtsengeln werden?

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BAD BOY CHRISTMAS

EIN BAD BOY ZU WEIHNACHTEN

ILKA HAUCK

IMPRESSUM

Nachdruck, Vervielfältigung und Veröffentlichung - auch auszugsweise - nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlages!

Im Buch vorkommende Personen und Handlung dieser Geschichte sind frei erfunden und jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Copyright © 2021 dieser Ausgabe Obo e-Books Verlag,

alle Rechte vorbehalten.

M. Kluger

Fort Chambray 

Apartment 20c

Gozo, Mgarr

GSM 2290

Covergestaltung: Casandra Krammer – www.casandrakrammer.de

Covermotiv: © Maxborovkov, VelikiyZayats, kiuikson, Tverdohlib.com – Depositphotos.com

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INHALT

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Noch ein Bad Boy zu Weihnachten?

Eingeschneit - Ein Weihnachtshörbuch!

WIDMUNG

Ich möchte dieses Buch einem ganz besonderen Menschen widmen, der im Moment oft stärker sein muss, als er eigentlich kann. Du wirst wissen, wer gemeint ist, meine Süße.

Dieser Weihnachtsroman ist für dich, denn ich weiß, wie gern du selbst einen geschrieben hättest, doch dieses Jahr hat es nicht sollen sein. Aber im nächsten Jahr, wenn deine Farben wieder bunt sind, wirst du eine wunderbare Geschichte schreiben, da bin ich mir sicher. Und ich freue mich sehr darauf.

Frohe Weihnachten, für dich und alle, denen ich vielleicht mit dieser Geschichte ein Lächeln ins Gesicht und einen Farbklecks ins Herz zaubern kann.

Deine und eure Ilka

1

JULIAN

Fluchend fahre ich an den Straßenrand, steige von meiner Maschine und zerre mir den Helm vom Kopf. Was soll die Scheiße denn jetzt? Seit einigen Kilometern merke ich, dass etwas nicht stimmt. Die Lenkung blockiert, der Motor läuft nicht rund und das ist so was von gar nicht gut. Ich lege den Helm neben mich und werfe einen skeptischen Blick zum Himmel. Wenn ich nicht zusehe, dass ich von hier verschwinde, lande ich direkt in einem dicken Schneesturm, so wie das aussieht. Und ehrlich, ich könnte mir Besseres vorstellen, als zwei Tage vor Weihnachten in der Pampa von Minnesota zu erfrieren.

„Verfickte Scheiße“, fluche ich lautstark und hätte gute Lust, gegen mein heiß geliebtes Motorrad zu treten. Warum habe ich mich bloß auf diesen Mist eingelassen? Weihnachten im Kreis der Familie. Bloß weil mein Schwesterherz sich in diesen Trottel vom Land verknallt hat und seitdem einen auf glücklich verliebt macht, muss ich doch da nicht mitziehen. Ich ziehe die Handschuhe aus, gehe neben der Maschine in die Hocke und versuche, herauszufinden, warum mein Baby heute so schlechte Laune hat. Vielleicht habe ich sie ja angesteckt?

„Komm schon, Kleine, was ist los? Lass mich nicht hängen, ja? Nicht heute.“

Mein schmeichelnder Ton lässt die grün-schwarze Ninja offenbar kalt, denn sie schaut weiterhin zickig in die andere Richtung. Weiber.

Nachdem ich einiges ausprobiert habe und den Fehler nicht finden kann, wird meine Laune zusehends schlechter. Ich kann hier keine Wurzeln schlagen, habe noch ungefähr eine Stunde Fahrzeit vor mir und das Wetter wird nicht besser.

„Scheiß drauf, wird schon gehen. Du zickst jetzt nicht herum, klar? Oder du landest auf dem Schrottplatz.“

Ich ziehe mir den Helm über den Kopf, streife die Handschuhe über und steige auf die Maschine. Die kapriziöse Lady unter mir juckt meine Drohung nicht, denn sie weiß genau, dass ich bluffe. Ich würde mein Baby niemals hergeben, eher würde ich meinen letzten Dollar in ihre Reparatur stecken und mit trockenem Brot unter der Brücke hausen. Ich starte den Motor und fahre vorsichtig an. Die Straße, die zwischen kahlen Bäumen und gefrorenem Gras entlangführt, ist leer, kein Mensch ist so blöd, bei dem anstehenden Sturm in der Gegend herumzufahren. Nur ich. Danke, Maddison. Ich knurre leise, während ich die Maschine auf die Straße zurücklenke. Was gäbe ich jetzt dafür, zu Hause in meinem Appartement zu sein. Weihnachten einfach ausfallen zu lassen. Wer braucht den kitschigen Scheiß schon? Ich definitiv nicht. Ich könnte mir bei Jack ein neues Tattoo stechen lassen, das wäre mein Geschenk an mich selbst. Und danach Tür zu, Rollläden runter und aus. Ein Sixpack, ein paar Ballerfilme, Pizza vom Lieferservice. Perfekte Weihnachten. Aber nein, ich befinde mich am Arsch der Welt, auf dem Weg zu meiner Schwester und ihrer neuen Sippe, um das Fest der Liebe zu zelebrieren. Und ja, ich hätte auch mit dem Auto meines besten Freundes Jon fahren können, das wäre vermutlich vernünftiger gewesen. Aber rein schon, um Maddy zu ärgern, fahre ich mit der Ninja. Was ich jetzt davon habe, sehe ich gerade. Fuck.

Ich fahre langsam und vorsichtig und das Baby unter mir läuft geschmeidiger als vorhin. Vielleicht hält sie doch durch, bis ich in Maddisons neuem Heimatkaff ankomme. Ob es dort eine Werkstatt gibt, die sich mit Motorrädern auskennt, wage ich allerdings zu bezweifeln. Im Geiste sehe ich schon die Hillbillys hinter den Fensterscheiben hocken und mit der Flinte auf mich zielen. Ich muss grinsen, beschleunige ein wenig, und dann passiert es. Es fühlt sich an, als würde plötzlich jemand anderes die Maschine lenken, sie reagiert auf nichts mehr, und bevor ich mir irgendeinen schlauen Plan einfallen lassen kann, dreht sich alles, ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist und dann … aus. Dunkel.

2

VALERIE

Deprimiert starre ich aus dem Fenster des kleinen Diners hinaus in den trüben Tag, während ich an meinem Kaffee nippe. Das Wetter ist in etwa so grau wie meine Stimmung, was so gar nicht zu mir passt. Besonders nicht um diese Jahreszeit, drei Tage vor Weihnachten. Ich liebe Weihnachten. Schon als kleines Mädchen war ich verrückt nach allem, was damit zu tun hat. Und auf dieses Weihnachtsfest habe ich mich ganz besonders gefreut. Endlich habe ich meinen Abschluss in der Tasche und einen tollen Job in einer Kita in der nahegelegenen Kleinstadt. Und ich dachte, ich hätte eine glückliche Beziehung. Okay, Jeff und ich waren erst seit zwei Monaten zusammen, trotzdem bin ich davon ausgegangen, er meint es ernst mit mir. Was sich als Trugschluss herausgestellt hat, denn vorgestern hat er mich abserviert. Einfach so, per SMS. Ich nehme einen Schluck des leicht bitter schmeckenden Kaffees. Und nun werde ich mit meiner gesamten Familie Weihnachten feiern. Das Weihnachten, an dem sie meinen Freund kennenlernen wollten. Sie werden mich bemitleiden, und Mom wird ihren sorgenvollen Blick bekommen, während Oma scharfzüngig darüber schwadronieren wird, dass alle Männer Schweine sind, woraufhin sie in einen Streit mit Opa gerät. Mein Vater wird gar nichts dazu sagen und sich hinter einem Buch oder der Zeitung vergraben. Mein fünfzehnjähriger Bruder Luke wird genervt mit den Augen rollen, weil er diesen „Liebesscheiß“ einfach bescheuert findet. Aber am schlimmsten wird meine Schwester Lindsay sein. Sie ist mit ihren einunddreißig Jahren neun Jahre älter als ich, glücklich verheiratet und Mutter zweier bezaubernder Kinder. Seit ich denken kann, bewacht sie mich wie eine Glucke, und seitdem ich die Highschool beendet habe, versucht sie, mich mit irgendwelchen Singletypen aus ihrem Freundeskreis zu verkuppeln. Wenn sie hört, dass Jeff mich sitzen gelassen hat, wird sie auf ihn schimpfen, mich trösten, mit Weihnachtsplätzchen vollstopfen und dann jemanden anrufen, der zufälligerweise über die Feiertage allein zu Hause ist und weil man das doch unmöglich zulassen kann. Dieser Jemand wird ungefähr Anfang dreißig und männlich sein. Er und ich werden nebeneinander am Tisch sitzen und vor Verlegenheit nicht wissen, wo wir hinschauen sollen, weil Lindsay bei solchen Dingen ungefähr so subtil vorgeht wie ein Trampeltier im Porzellanladen. Dass die meisten ihrer Bekannten fast zehn Jahre älter sind als ich, stört sie nicht. Sie findet, der Mann darf ruhig erfahrener und reifer sein als die Frau. Meine Meinung dazu interessiert sie nur am Rande. Ich habe nichts gegen etwas ältere Männer, ich habe etwas dagegen, von meiner Schwester wie eine treudoofe Kuh verschachert zu werden.

Seufzend stelle ich die Tasse ab. Ich werde ihnen klarmachen müssen, dass das mit Jeff sowieso nichts Ernstes war und es mir nichts ausmacht, dass er weg ist. Das stimmt zwar so ganz nicht, aber ich werde den Teufel tun und mir meinen Kummer anmerken lassen. Vor allen Dingen - ich bin zweiundzwanzig Jahre alt, ich muss mir doch nicht von meiner Familie das Gefühl geben lassen, ich sei eine vertrocknete alte Jungfer, nur weil ich keinen festen Freund habe.

Ich könnte auch einfach umdrehen und wieder nach Hause fahren in die süße kleine Wohnung, die ich seit Kurzem mein Eigen nennen darf. Nun ja, gemietet eben. Ja, das könnte ich. Doch will ich das? Nein, ehrlich gesagt nicht. Ich liebe meine verrückte Familie und sie lieben mich. Und auch wenn unser Weihnachten nie nur friedlich und besinnlich ist, ist es immer voller Wärme, Lachen und Herzlichkeit. Und das lasse ich mir nicht kaputtmachen, nur weil Jeff ein idiotischer Arsch ist.

Ich lege das Geld für meinen Kaffee auf den Tisch, schlüpfe in meine dicke Daunenjacke und winke Pete, der hinter dem Tresen steht, zu. Er winkt zurück und ruft: „Frohe Weihnachten, Val. Grüß mir deinen Dad. Er soll sich nach den Feiertagen mal blicken lassen.“

„Mach ich. Dir auch frohe Weihnachten, Pete.“

Ich trete auf die Straße, ziehe meine Beaniemütze über den Kopf und schlage den Kragen meiner Jacke hoch. Es ist kalt und dicke graue Wolken ziehen am Himmel. Es wird schneien. Die Winter hier in Minnesota sind kalt und schneereich. Dass es bisher noch kaum geschneit hat, ist verwunderlich. Langsam stapfe ich hinüber zu meinem alten Toyota und lasse mich schnaufend auf den Sitz fallen. Ich umfasse das Lenkrad mit beiden Händen und starre noch einen Moment durch die Windschutzscheibe hinaus in den trüben Tag. Aber es hilft alles nichts, ich kann hier weiterhin auf dem Parkplatz verharren oder mich auf den Weg zu meinen Eltern machen. Seufzend stecke ich den Schlüssel ins Schloss und starte den Motor.

Auf der zwanzigminütigen Fahrt zur Ranch meiner Eltern drehe ich das Radio auf volle Lautstärke. Mariah Carey schmettert „All I want for Christmas is you“ und ich singe lauthals mit. Meine Gedanken schweifen zu Jeff. Wir haben uns zufällig im Supermarkt kennengelernt, wo wir beide die letzte Packung Orangeneis kaufen wollten. Es war eine limitierte Sommeredition und würde somit nicht mehr nachgeliefert werden. Während meiner Prüfungsphase habe ich dieses Eis regelrecht in mich hineingeschaufelt, und es gab Tage, da konnte ich sonst fast nichts essen, so gestresst war ich wegen der ganzen Lernerei. Wir streckten beide gleichzeitig die Hand nach der Packung aus und sahen uns erschrocken an, als unsere Fingerspitzen sich berührten. Durch und durch ein Gentleman hat Jeff mir das Eis überlassen, und ich fand ihn hinreißend mit den blonden, modisch gestylten Haaren, dem zurückhaltenden Lächeln und der zuvorkommenden Art. Wir haben uns quasi Hals über Kopf verliebt und ja, ebenso rasant hat er sich auch wieder entliebt. Und mir gleich gezeigt, wie zuvorkommend er wirklich ist.

„Arsch. Blöder, egoistischer Arsch“, zische ich.

Ich merke, wie eine Ader an meiner Schläfe pocht, und Mariahs Song klingt plötzlich nicht mehr ganz so fröhlich. Ob ich es zugeben will oder nicht, es tut weh, so abserviert zu werden. Per SMS und in zwei Sätzen hat Jeff mir mitgeteilt, dass er es schön fand mit mir, er aber seiner Exfreundin noch eine Chance geben wolle. Immerhin sei sie seine große Liebe gewesen. Wütend wische ich mir über die Augen und blinzele.

„Arsch“, wiederhole ich und schniefe leise. Es ist inzwischen fast dunkel geworden, die Bäume links und rechts der Straße wirken wie stille Beobachter. Als Kind habe ich mich manchmal gegruselt, wenn wir spätabends hier entlanggefahren sind. Auch heute beschleicht mich ein leicht mulmiges Gefühl, denn außer mir ist kaum ein Fahrzeug unterwegs. Es hat inzwischen angefangen zu schneien, und vermutlich wird es nicht lange dauern, bis der Schnee zentimeterhoch liegen wird. Ich blinzele wieder und fluche. Da sitze ich nun und heule. Wegen eines Idioten, der das überhaupt nicht verdient hat. Mit einer Hand halte ich das Steuer, mit der anderen taste ich an meiner Jacke herum, versuche, ein Papiertaschentuch aus der Seitentasche zu ziehen.

„Ach, Mist.“

Natürlich habe ich mal wieder keines eingesteckt, und ich höre die mahnende Stimme meiner Mutter, die mir rät, nie ohne Taschentuch aus dem Haus zu gehen. Leise schimpfend beuge ich mich vor und öffne das Handschuhfach. Dort müsste noch ein Päckchen liegen. Ah, da ist es. Ich ergreife es, richte mich auf und schreie erschrocken auf. Vor mir steht jemand mitten auf der Fahrbahn. Ich trete voll auf die Bremse, die empört aufkreischt. Der Wagen schlingert leicht, und ich fühle, wie mein Herz vor Panik beinahe aus der Brust hüpft. Verdammte Scheiße! Endlich hält der Wagen und ich hocke zitternd hinter dem Steuer. Mein Mund steht offen und ich starre einen Moment einfach blicklos vor mich hin. Dann jedoch reiße ich mich zusammen und atme tief durch. Ich kneife die Augen zusammen, um besser sehen zu können, schalte den Warnblinker ein und taste zögernd nach dem Türgriff. Das wird doch keine Falle sein? So mitten in dieser einsamen Gegend? Etwas mulmig ist mir schon, doch ich kann auch nicht einfach weiterfahren. Die Gestalt steht immer noch da, jetzt schwankt sie leicht und ich vergesse meine Angst. Ich reiße die Tür auf und stolpere nach draußen.

„Hallo? Ist alles okay?“, stoße ich hervor, während ich die Person da vor mir anschaue. Es ist ein Motorradfahrer, komplett in eine schwarz-rote Lederkombi gekleidet. Auf dem Kopf trägt er noch den Helm und neben ihm am Rand der Straße liegt eine Maschine.

„Sind Sie verletzt? Hallo?“, wiederhole ich und komme mir dabei etwas dämlich vor. Wir starren uns gegenseitig an, dann plötzlich kommt Bewegung in die hochgewachsene, schlanke Gestalt. Sie hebt die Arme und zerrt sich mit einer wütenden Bewegung den Helm vom Kopf. Dunkelbraune, verstrubbelte Haare kommen zum Vorschein. Grüne Augen, die mich zornig anblitzen. Ein verdammt hübsches Gesicht, wie ich trotz der irritierenden Lage feststellen muss. Ein sinnlicher Mund, sexy Bartschatten auf einem markanten Kinn. Ich starre durch die tanzenden Schneeflocken hindurch auf den Typen, der da vor mir steht und so ziemlich das heißeste männliche Wesen ist, das mir je begegnet ist. Vielleicht ist er ja so eine Art Engel, der vom Himmel gefallen ist? Ein Weihnachtsengel, extra für mich? Beinahe hätte ich gekichert, reiße mich aber ob seiner wütenden Miene und des Unfalls, den er offensichtlich hatte, zusammen. Was ist bloß los mit mir? Sicher der Schock.

Der Hottie kneift die Augen zusammen, und für einen Moment befürchte ich, er pfeffert den Helm direkt auf die Straße, so sauer sieht er aus. Stattdessen blafft er mich an: „Sonst geht’s dir aber gut, was? Du hättest mich um ein Haar über den Haufen gefahren. Kannst du nicht aufpassen? Du bist gerast wie eine wild gewordene Sau.“

Für einen Moment verliere ich mich noch in den wunderschönen grünen Augen, die wie Smaragde funkeln. Einfach wunderbar. Ich blinzele. Wie hat der mich gerade genannt? Wild gewordene Sau? Ich schüttele den Kopf, um die verträumte Miene vom Gesicht zu kriegen.

„Wie bitte?“, frage ich einfältig. Die grünen Augen, dieser Mund und das sexy Wuschelhaar lassen mich noch nicht ganz los.

„Hallo? Jemand zu Hause? Hast du was eingeworfen? Gesoffen? Was stimmt nicht mit dir?“

Eine schöne Stimme hat er auch. Etwas rau, tief, männlich. Ich räuspere mich.

„Was?“

Der sexy Weihnachtsengel sieht inzwischen aus, als wäre er kurz vorm Explodieren, und ich reiße mich zusammen. Ich rolle kurz mit den Schultern und streiche mir eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht, die sich aus der Mütze gemogelt hat. Allmählich lichtet sich der rosa Nebel in meinem Gehirn und ich sage: „Ich habe weder etwas eingeworfen noch gesoffen, wie du es so nett formulierst. Und ich bin auch keine wild gewordene Sau.“

Der Typ kneift die Augen zusammen.

„Sicher?“

Ich merke, wie in meinem Bauch etwas anfängt zu brodeln. Was fällt dem denn ein? So schön kann einer gar nicht sein, dass er so mit mir reden kann. Zu allem Elend muss ich an Jeff und seine üble Abfuhr denken und meine Laune macht einen mächtigen Satz in Richtung tiefstes Kellergeschoss.

„Völlig sicher. Was stehst du auch so dämlich in der Dämmerung mitten auf der Straße herum? Du kannst froh sein, dass ich dich nicht plattgefahren habe.“

Sein hübsches Gesicht verzieht sich wütend und er macht einen Schritt auf mich zu. Instinktiv möchte ich zurückweichen, immerhin kenne ich den Typen nicht. Wer weiß, wozu der fähig ist. Attraktiv hin oder her. Da ich mir die Blöße jedoch nicht geben will, presse ich die Lippen zusammen und bleibe stur stehen.

„Ich stehe nicht dämlich hier herum, ich hatte einen Unfall. Siehst du das? Hm? Ein Motorrad. Im Graben. Unfall!“

Ich werfe einen Blick auf die Maschine und zucke mit den Schultern.

„Scheint dir nicht viel passiert zu sein, wenn du mich hier so unverschämt anmachen kannst. Zumindest das Mundwerk funktioniert ja noch.“

Jetzt sieht er wirklich aus, als würde er mir den Helm am liebsten über den Schädel ziehen.

„Das ist nicht witzig, Schneewittchen. Was soll der Scheiß?“

Zum ersten Mal fällt mir auf, dass er den linken Arm ziemlich eigenartig hält, und ich bekomme ein schlechtes Gewissen. Er hat sich sicher wehgetan. Und ganz unrecht hat er nicht, ich war abgelenkt durch meine Fummelei nach dem Taschentuch. Alles Jeffs Schuld! Aber Moment mal. Schneewittchen?

„Wenn ich Schneewittchen bin, bist du dann einer meiner Zwerge?“

Okay, das war dämlich in Anbetracht dessen, dass der Kerl da vor mir sicher ungefähr eins achtundachtzig groß ist, ich dagegen lächerliche einen Meter sechzig messe. Zu meinem Ärger scheint er ähnliche Gedanken zu hegen, denn sein linker Mundwinkel hebt sich zu einem spöttischen Lächeln.

„Ja, ich bin dein Zwerg, Schneewittchen, genau.“

Aus seinem Grinsen wird ein herzhaftes Lachen und ich starre ihn böse an.

„Haha“, brumme ich und er schüttelt den Kopf.

„Okay, sorry. Es ist ja nichts passiert. Wollen wir uns vertragen?“

Er lächelt und das Grummeln in meinem Bauch verstärkt sich. Dieses Mal fühlt es sich allerdings gar nicht schlecht an.

„Von mir aus. Warum fährst du überhaupt bei diesem Wetter Motorrad? Kein Mensch ist so bescheuert, in dieser Gegend um die Jahreszeit mit einem Motorrad herumzufahren.“

So ganz versöhnt bin ich noch nicht und kann mir diese meiner Meinung nach durchaus berechtigte Frage nicht verkneifen.

Er zuckt mit den Schultern.

„Weil ich Bock hatte, deshalb.“

„Weil du Bock hattest. Das klingt ja mal vernünftig, doch wirklich.“

Er wirft mir einen kühlen Blick zu.

„Vernunft? Willst du mir was über Vernunft erzählen? Vielleicht solltest du erst mal lernen, den Blick auf der Straße zu lassen beim Fahren.“

Ich werde rot und schaue an ihm vorbei. Es schneit inzwischen sehr stark und mir ist kalt.

„Was machen wir denn jetzt? Du kannst ja wohl nicht weiterfahren mit der Maschine.“

Er streicht sich mit einer Hand durch die dunklen Haare, in denen kleine Schneeflocken glitzern.

„Keine Ahnung. Habt ihr hier ein Abschleppunternehmen oder so was? Ich kann meine Kleine doch nicht hier liegen lassen.“

Er klingt jetzt fast ein bisschen verzweifelt und ich muss mir ein Schmunzeln verkneifen. Offenbar hängt er ziemlich an seiner Kleinen.

„Ich kann meinen Vater anrufen, er kann mit dem Trecker und einem Anhänger kommen und wir können die Maschine bei uns unterstellen. Eine Werkstatt oder so was wirst du heute nicht mehr finden. Die nächste ist ein ganz schönes Stück entfernt und da ist jetzt sowieso niemand mehr.“

Er sieht noch einen Moment zu dem Motorrad, wendet sich dann zu mir um.

„Okay. Wenn du das tun könntest, das wäre super. Danke.“

Das klingt etwas widerwillig, aber immerhin.

„Gut, ich ruf ihn an. Ich bin übrigens Valerie.“

„Julian.“

Ein leichtes Lächeln gleitet über sein Gesicht und ich erwidere es. Das Flattern in meinem Bauch verstärkt sich. Julian. Ich liebe diesen Namen und jetzt heißt ausgerechnet er so. Verrückt. Ich sehe ihn noch einen Moment lang mit klopfendem Herzen an, dann wende ich mich ab und murmele: „Ich ruf dann mal an.“

Ich habe meinen Wagen schon fast erreicht, als mir ein Gedanke durch den Kopf schießt. Ich sehe Lindsay. Sehe meine besorgte Mutter. Das Date, das Lindsay für mich ausfindig machen wird. Und ohne zu überlegen, drehe ich mich um und sage: „Dafür schuldest du mir aber was.“

Er zieht eine Augenbraue hoch.

„Okay. Woran genau dachtest du? Willst du Geld dafür haben?“

Ich winke ab.

„Ich will kein Geld. Ich will dich.“

Gleichzeitig mit den Worten schlage ich mir die Hand vor den Mund und würde am liebsten im Erdboden versinken. Julian sieht mich verdattert an, dann lacht er zu meinem Ärger lauthals los. Was zur Hölle findet er daran so witzig?

„Was? Mich? Du bist ja noch durchgeknallter, als ich dachte. Soll ich mit dir ins Bett steigen, damit dein alter Herr meine Kiste abholt?“

Er lacht und schüttelt dabei den Kopf. Ich kneife wütend die Augen zusammen. Findet er mich so gruselig, dass er sich das nicht mal vorstellen könnte? Nicht, dass ich in diese Richtung gedacht hätte, aber dass er das zum Brüllen komisch findet, ärgert mich jetzt doch.

„Überschätz dich nicht. Du sollst nicht mit mir ins Bett steigen, keine Sorge. Da würde mir was Besseres einfallen. Du sollst … du sollst meinen Freund spielen. Über Weihnachten.“

So, jetzt ist es raus und er wird mich endgültig für verrückt erklären. Er hört auf zu lachen und mustert mich aufmerksam. Unter diesem forschenden Blick werde ich nervös und wippe unsicher auf den Fußballen.

„Du meinst das ernst, was? Was ist passiert, Valerie, hat dein Lover dich kurzfristig abgeschossen? Und nun brauchst du vor Mommy einen Ersatz, um nicht dumm dazustehen?“

Seine Stimme hat einen spöttischen Unterton, und er trifft mit seinen Worten so genau ins Schwarze, dass mir zu meinem Ärger die Tränen in die Augen schießen.

„Das … Nein, so war das nicht. Gar nicht, ich …“, stottere ich und merke, wie Julian neben mich tritt. Er hat den Helm inzwischen auf dem Boden abgelegt und legt mir sachte einen Finger unters Kinn. Widerwillig hebe ich den Kopf und sehe ihn an. Er hat Schneeflocken an den Wimpern hängen und er ist wunderschön. Und ich bin die dämlichste Kuh, die auf diesem Planeten herumläuft.

„Ganz genau so war es. Richtig?“

Ich beiße mir auf die Unterlippe, nicke schließlich knapp. Er nimmt seine Hand weg und seufzt.

„Dir ist schon klar, dass du dir damit keinen Gefallen tun wirst? Ich bin kein Vorzeige-Boyfriend. Das kannst du knicken.“

„Mir egal. Alles ist besser, als wenn Lindsay mir ein Kuppeldate verschaffen, meine Mutter mich die ganze Zeit bedauern und bemuttern und meine Großmutter über die bösen Kerle schimpfen würde.“

Er grinst.

„Gibt’s nur Frauen bei euch? Kein Wunder, dass dein Vater lieber im Schneesturm mit dem Trecker herumtuckert, als im trauten Heim zu sitzen.“

„Nein. Mein Schwager ist noch da, mein Bruder und mein Opa“, nuschele ich.

Julian verzieht das Gesicht.

„Heilige Scheiße, das ist ja wie bei den Waltons. Nee, also darauf hab ich keinen Bock. Sorry, du musst dir einen anderen Verlobten suchen.“

Damit wendet er sich ab und stapft durch den heftig fallenden Schnee zu seiner Maschine.

„Jetzt spinn doch nicht, was willst du sonst machen? Hier kommt vielleicht stundenlang kein Fahrzeug mehr vorbei und bis zum nächsten Ort ist es ein ziemlich weiter Fußmarsch.“

Er zuckt mit den Schultern und ich knirsche leise mit den Zähnen. Wäre ja auch zu schön gewesen.

„Okay, dann … ist ja gut, lassen wir das. War eine blöde Idee. Ich dachte halt nur …“

Resigniert lasse ich den Kopf hängen.

„Ich rufe meinen Vater an. Willst du dich ins Auto setzen? Es ist arschkalt.“

Er dreht sich zu mir um und mustert mich mit schief gelegtem Kopf.

„Heulst du jetzt?“

„Nein!“, zische ich. „Und du hättest auch keine Angst haben müssen, dass ich dich anbaggere. Ich hab die Schnauze voll von Kerlen, da kannst du sicher sein. Ich wollte nur … Ach, ist ja auch egal.“

Wütend wende ich mich ab und will gerade die Nummer meines Vaters aufrufen, als eine Hand nach dem Handy greift und es mir sanft wegnimmt. Ich sehe Julian mit gerunzelter Stirn an. Er seufzt leise und sagt: „Ich werde das bereuen, hundertprozentig. Aber gut, sag deinem Vater, er soll die Maschine deines Freundes abschleppen.“

Ich kann nicht anders, als zu lächeln.

„Wirklich?“

„Wirklich. Ich hab eh keinen Bock auf Weihnachten bei meiner Schwester und ihrem Macker. Schlimmer kann es bei euch also auch nicht werden.“

Er zwinkert mir zu und ich strahle ihn an. Er schüttelt den Kopf und murmelt: „Ich muss bescheuert sein. Ruf an.“

„Danke. Das … das ist nett. Es erspart mir eine wirkliche Blamage. Und ja … danke.“

Er grinst.

„Das sagtest du bereits.“

Ich drehe mich hastig um und stoße dabei gegen seinen Arm. Er verzieht das Gesicht und ich sage erschrocken: „Du bist verletzt. Tut es sehr weh? Ich kann dich ins Krankenhaus fahren.“

Er pustet sich eine Strähne aus der Stirn.

„Ich glaub nicht, dass das notwendig ist. Geht schon.“

Ich mustere ihn skeptisch.

„Wenn du meinst. Jetzt rufe ich erst mal an, bevor es so stark schneit, dass hier niemand mehr durchkommt.“

Gleich darauf rede ich mit meiner Mutter und bitte sie, meinem Dad auszurichten, er möge mit dem Traktor zu der Stelle kommen, an der Julian und ich warten. Ich tische meiner Mutter eine Geschichte auf, warum mein Freund lieber mit dem Motorrad fährt anstatt mit mir im Wagen, und sehe ihren skeptischen Gesichtsausdruck regelrecht vor mir. Letztendlich bleibt ihr jedoch nichts anderes übrig, als mir die Story abzukaufen, und sie verspricht, meinen Vater gleich loszuschicken. Eine halbe Stunde später sind mein Dad und mein Großvater da und haben ein stabiles Holzbrett dabei, über das wir die Maschine auf den Anhänger befördern können.

„Junge, nächste Weihnachten lässt du das Motorrad aber daheim. Nicht, dass du dir noch den Hals brichst. Um die Jahreszeit fährt man doch kein Motorrad mehr in dieser Gegend.“

Mein Vater schlägt Julian auf die Schulter und der lächelt gequält. Ich werfe ihm einen beschwörenden Blick zu und er verdreht die Augen.

„Ich werd’s mir merken. Nächstes Jahr fahren Valerie und ich zusammen, klar. War eine blöde Idee“, murmelt er und ich blase erleichtert die Luft durch die Zähne. Das kann ja heiter werden. Worauf habe ich mich da nur eingelassen? Gleich darauf sitzen mein Vater und mein Großvater wieder auf dem Trecker und tuckern vor uns her. Julian sitzt schweigend neben mir. Er ist ziemlich blass und hält sich mit der Hand den Ellenbogen. Ich starre angestrengt durch den dicht fallenden Schnee nach draußen. Da fahre ich nun zu meinen Eltern und habe meinen ganz persönlichen Weihnachtsengel dabei.

3

JULIAN

Schweigend starre ich hinaus in die Dämmerung. Auch wenn es noch nicht komplett dunkel ist, erscheint es einem so, denn der Schneefall ist mittlerweile so stark, dass man kaum die Hand vor Augen erkennen kann. Mein Arm pocht und tut weh, doch das ist mir ehrlich gesagt gerade ziemlich egal. Meine Gedanken drehen sich wild im Kreis, und es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Mir ist klar, dass ich beschissenes Glück hatte. Ich hätte mir das Genick brechen können, so wie ich mich mit der Maschine abgelegt habe. Zum ersten Mal überkommt mich so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Ich bin, außer ihrem Verlobten, Maddisons engster und einziger Verwandter. Unsere Eltern sind vor einigen Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen und Maddy und ich haben uns notgedrungen eng aneinander angeschlossen. Es würde ihr das Herz brechen, wenn sie nun auch noch mich verlieren würde. Und ich Idiot habe nichts Besseres zu tun, als im Dezember mit einer Kawasaki durch Minnesota zu brettern. Mit einem frustrierten Seufzen hebe ich den unverletzten Arm und streiche mir mit der Hand durch die feuchten Haare. Aus dem Augenwinkel merke ich, wie Valerie mich ansieht. Als sie meinen Blick bemerkt, sieht sie sofort wieder auf die Straße und umklammert das Lenkrad fester.

„Hast du Schmerzen?“, fragt sie leise.

„Geht schon“, antworte ich mürrisch. Mir ist klar, dass Valerie nichts für meine Misere kann, aber mir ist so danach, jemanden dafür verantwortlich zu machen. Ich werfe einen Blick zur Seite und muss nun doch leicht schmunzeln. Sie sieht süß aus, wie sie da so verkrampft hinter dem Steuer hockt. So klein und zart wie Schneewittchen. Und so sieht sie auch aus. Vorhin, als sie da aus dem Wagen ausstieg und auf mich zukam, ist mir für Sekunden im wahrsten Sinne des Wortes die Luft weggeblieben. Und das lag nicht an dem Unfallschock oder den Schmerzen in meinem Arm. Nein, das lag an diesem Mädchen, das mit verkniffener Miene neben mir sitzt, ihre hübsche Stirn in Dackelfalten gelegt hat und angestrengt nach draußen starrt. Für Sekunden dachte ich, ich träume. Oder bin tot. Na ja, zumindest ohnmächtig. Sie kam wie eine überirdisch schöne Erscheinung auf mich zugeschwebt, und wenn ich mich nicht gerade auf die Fresse gelegt und mir um ein Haar den Hals gebrochen hätte, ich schwöre, ich hätte sie mir sofort geschnappt. So etwas Wunderschönes hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen wie diese zierliche junge Frau mit dem langen schwarzen Haar, der lustigen, bunt gestreiften Beaniemütze auf dem Kopf und den strahlend blauen Augen. Ihre Haut ist hell und erinnert mich an süße Sahne. Sie reicht mir gerade bis zur Schulter und ja, verfickte Scheiße, sie ist fucking hot. Sie hat ein süßes, bildhübsches Gesicht, ein hinreißendes Lächeln und … Ich blinzele und rolle genervt mit den Augen. Ist gut jetzt. Ich klinge ja wie ein beschissener Literaturstudent. Der hätte vielleicht eine Vorliebe für so einen schwülstigen Blödsinn, aber ich doch nicht. Ich habe schon genug heiße Bräute gesehen. Ich muss grinsen. Okay, bei Weitem nicht nur gesehen. Dummerweise hat noch nie eine so ein merkwürdiges Gefühl in meiner Magengegend ausgelöst, wie Schneewittchen das tut. Und das, nachdem sie mich beinahe über den Haufen gefahren hätte. Da kommen wir übrigens zum springenden Punkt, warum ich sie nicht direkt angegraben habe. Ich starrte ihr also so entgegen, checkte sie aus alter Gewohnheit in Sekundenschnelle ab und stellte fest, wie heiß sie war. Dann jedoch fiel mir ein, dass sie mich beinahe überfahren hätte, weil sie wie eine gestochene Hummel durch den Wald gerast ist. Und das hat meine Flirtlaune ein klein wenig gedämpft. Davon abgesehen, dass mein einzig wahres Baby ziemlich ramponiert neben mir im Straßengraben lag.

„Ist was?“, fragt Valerie und ich zucke wie ertappt zusammen. Sieht man mir an, dass ich die ganze Zeit über sie nachdenke?

„Was soll sein? Ich hatte einen Unfall mit meinem gerade abbezahlten Motorrad, das jetzt auf dem Anhänger eines Treckers liegt, anstatt unter meinem Arsch zu vibrieren. Mein Arm pocht, als ob eine Armee darin Marschübungen veranstalten würde. Ich sitze neben der Frau, die mich um ein Haar plattgemacht hätte, in einer alten Klapperkiste, deren Heizung den Namen nicht mal ansatzweise verdient, und werde von ebendieser Frau quasi entführt und gezwungen, mich vor ihrer Familie als ihren Freund auszugeben. Über die Feiertage, die ich eigentlich bei meiner Schwester verbringen wollte. Nein, also wenn du mich so fragst, es ist nichts.“

Ich höre selbst, wie angepisst ich klinge und irgendwie tut es mir leid, denn Valerie kann weder etwas für meinen Unfall noch dafür, dass ich überhaupt hier unterwegs war. Eine Weile ist es still im Auto, dann sagt sie zögernd: „Ich … Es tut mir leid. Ich glaube, das war eine ganz blöde Idee von mir. Du willst zu deiner Schwester und ich …“ Sie trommelt mit den Fingern auf dem Lenkrad herum und sagt schließlich leise: „Sag mir, wo sie wohnt, ich fahre dich hin. Vergessen wir das Ganze. Wenn das Wetter besser wird, kann mein Dad deine Maschine zu einer Werkstatt bringen, aber deswegen musst du nicht meinen Freund spielen.“

Ich sehe hinaus in die graue Dunkelheit und schweige.

„Also? Wohin?“, fragt Valerie nach einer Weile.