Beschreibung

Verrat, Intrigen und verbotene Liebe: Lissy, Finn, Elif und Leon sind beste Freunde. Als Vanessa an ihre Schule kommt, nehmen sie sie in ihre Clique auf. Viel zu spät merken sie, dass die Neue sie alle in ein Netz aus Intrigen, Lügen und Geheimnissen verstrickt. In einer Partynacht voller Exzesse gerät dann alles außer Kontrolle und am nächsten Morgen ist Vanessa tot. Die Freunde verdächtigen sich gegenseitig, denn Vanessa hat jeden von ihnen aufs Übelste verraten. Doch dann erinnert sich Lissy plötzlich an die Ereignisse in jener Nacht: Sie weiß, wer Vanessa auf dem Gewissen hat! Packend und temporeich erzählt im Stil von "Gossip Girl" und "Pretty Little Liars".

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Seitenzahl: 327

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Über dieses Buch

Beste Freunde, ein Leben lang – das haben Lissy, Finn, Elif und Leon sich geschworen. Leider haben sie nicht mit Vanessa gerechnet. Die Neue in der Stufe wickelt alle um den Finger, da verblassen alte Schwüre. Schon bald kennt sie selbst die dunkelsten Geheimnisse und jede verbotene Sehnsucht. Aber wehe, man stellt sich gegen sie. Denn merke: Vanessa vergisst nichts und sie verzeiht nie! Und sie weiß genau, wie sie jeden der Freunde vernichten kann. Doch auf der Party des Jahres verliert sogar sie die Kontrolle …

 

Eins

Treffen im Roxy?In einer halben Stunde?

Diese WhatsApp-Nachricht poppte gleichzeitig auf drei verschiedenen Handys auf. Absender: Finn. Zwei Antworten folgten nur Sekunden später.

Elif: Komme.

Lissy: Bis gleich.

Die dritte Antwort blieb aus. Leon war schreibfaul, aber er würde natürlich auch da sein, denn ohne ihn waren sie nicht vollständig. Und er nicht ohne die anderen. Sie waren so was wie seine zweite Familie (vielleicht auch seine erste) und das Roxy sein zweites Wohnzimmer. Meistens hockte er vor allen anderen bereits an ihrem Stammplatz, dem Tisch am großen Fenster, und wenn seine Freunde der Reihe nach einliefen, bestellte er sein drittes Getränk.

Finn, Lissy, Elif und Leon kannten sich schon ewig. Erst waren es nur Finn und Lissy gewesen, dann hatte sich Lissy beim Ballettunterricht mit Elif angefreundet und Finn mit Leon in der Schule, obwohl die beiden total verschieden waren. Hätte ein Lehrer sie nicht zwangsweise nebeneinandergesetzt, hätten sie niemals herausgefunden, dass sie sich ziemlich gut ergänzten. Als der Kreis sich schloss, waren sie noch keine zehn Jahre alt. Es hatte sofort zwischen allen gepasst, sie waren wie vier Räder an einem Wagen. Freunde, die im Ernstfall füreinander durchs Feuer gingen. Auf WhatsApp nannten sie sich: Bad Boys and Little Bitches.

Hätte man jeden von ihnen einzeln gefragt, was ihn von den anderen trennen könnte, so hätten die Jungs vermutlich (dramatisch, wie Jungs nun mal sind) geantwortet: Der Tod. Die Mädchen hätten natürlich zugestimmt, aber ihnen wäre vielleicht als Erstes ein anderer Grund eingefallen: Die Liebe.

Doch musste man sich wirklich zwischen der Liebe seines Lebens und den Freunden entscheiden? Und waren sie zum Sterben nicht viel zu jung?

 

Nicht Leon, sondern Elif war die Erste, die im Roxy eintraf. Unter ihrer weinroten Mütze quoll das lange Haar heraus wie schwarzes Wasser. Da die Gläser ihrer Brille innerhalb von Sekunden beschlugen, nahm sie sie ab und brachte so ihre großen dunklen Augen noch besser zur Geltung. Meistens trug sie Kontaktlinsen, doch heute Morgen hatte sie verschlafen und keine Zeit mehr gehabt, sie einzusetzen. Den Tisch am Fenster hätte sie ohnehin blind gefunden, und dass er frei war, erkannte sie auch so. Zielstrebig steuerte sie den Stammplatz an. Sie kam von ihrer Mathe-Nachhilfe, und wer es nicht besser wusste, hätte denken können, sie hätte noch immer nicht genug von Zahlen und Formeln, denn sie packte sofort ihre Sachen aus und tapezierte den Tisch mit Büchern, Aufgaben- und Lösungsblättern. Dabei überkam sie beim Anblick der Kurven und Pfeile, der Funktionen und Umkehrfunktionen die pure Verzweiflung. Wie sollte sie das jemals kapieren?

Als sich zehn Minuten später Lissy – tief eingekuschelt in ihren Lieblingsschal, denn es war frostig kalt – dem Roxy näherte, sah sie Elif schon von der anderen Straßenseite aus. Super, dachte sie, Elif hat den Tisch am Fenster. Elif schaute gedankenverloren durch die Scheibe ins Januargrau auf der Straße, aber nicht in Lissys Richtung, obwohl die heftig winkte. Elif war manchmal so in sich gekehrt, die Welt könnte neben ihr untergehen, und sie würde es nicht mal merken.

Lissy kam von der Theater-AG in der Schule, sie war noch ganz aufgeregt, denn diese Stunden waren für sie der Höhepunkt der Woche. Steffen Wegmann war nicht nur ein toller Lehrer, sondern einfach ein cooler Typ. Anders als die meisten Lehrer redete er mit ihnen nicht wie mit Kindern, die von nichts eine Ahnung hatten, sondern wie mit Erwachsenen. Außerdem sah er mit seinen strahlend blauen Augen aus wie der Held ihrer Lieblingsserie, und allein damit hatte er bei ihr schon gewonnen. Sie wunderte sich, dass nicht alle Schüler (und vor allem alle Schülerinnen) das in ihm erblickten, was sie in ihm sah. Doch was war das eigentlich?

»Ey, du Blindschleiche«, spottete Lissy, als sie vor Elif stehend ihren meterlangen Schal abwickelte. »Du solltest deine Brille mal putzen! Ich hab so gewinkt.« Lissy machte es vor, übertrieb aber gewaltig.

»Ooch«, machte Elif nur und zuckte mit den Schultern.

Sie tauschten Wangenküsschen.

Lissy guckte auf die Hefte und Arbeitsblätter auf dem Tisch. »Mathe ist ein Arschloch, oder?«, sagte sie mitfühlend. Im Gegensatz zu Elif fiel ihr Mathe leicht. Das bedeutete allerdings nicht, dass sie es einem anderen auch erklären konnte. Zumindest an Elif war sie gescheitert.

Elif machte einen Schmollmund. »Verarsch mich nur«, maulte sie. »Für dich ist der Scheiß ein Klacks. Ich lern wie blöd und kapier trotzdem nichts. Und ich brauch unbedingt eine Zwei!«

Lissy kraulte Elifs Handrücken. Wenn sie nur nicht so wahnsinnig ehrgeizig wäre. Alles unter zehn Punkten grenzte für sie an Totalversagen.

»Ist das Mathe?!«, rief hinter ihnen jemand. »Tu das weg, sonst krieg ich Augenkrebs!«

Ein Rucksack landete wuchtig neben einem Stuhl, auf dem sich im nächsten Moment der Hintern eines Jungen niederließ. Das war ein typischer Auftritt für Finn. Oder wie er selbst sich vor einigen Jahren noch genannt hatte: der ultimative, multifunktionale, supergeniale, alles übertreffende, oberwitzige Finn. Ihm fiel zu fast allem, was passierte, sofort eine blöde Bemerkung ein, aber das war noch nicht einmal sein größtes Talent. Das war die Musik. Zumindest seiner Meinung nach, der nicht jeder zugestimmt hätte, denn er hatte seinen eigenen, durchaus gewöhnungsbedürftigen Stil. Einmal hatte er Verkehrsgeräusche mit coolen Beats unterlegt und das Stück Waiting for the Bus genannt, ein anderes Mal Satzfetzen, die er in der Schulcafeteria aufgezeichnet hatte, gesampelt und in Musik verwandelt. Dann wieder gab es leise, melodische Nummern, die nur aus seinem Gesang mit Klavier- oder Gitarrenbegleitung bestanden. Seine Freunde waren von seinem Talent überzeugt. Und dennoch hatte auch der eine oder andere von ihnen Zweifel, ob es für die Karriere als Superstar reichen würde, von der er träumte. Lissy etwa dachte mit leisem Bedauern, dass ihm dafür der Biss fehlte. Er hatte eine sehr sensible und schüchterne Seite, die sich immer dann zeigte, wenn es drauf ankam.

»Ihr seid viel zu hübsch für Mathe«, grinste er.

Lissy boxte ihn in die Schulter. »Du bist so ein Sexist!« Dann lächelte sie und klimperte mit den Wimpern. »Aber danke für das Kompliment.«

Er zog einen virtuellen Hut.

Finn war ein Anhänger der Theorie, dass Jungen und Mädchen niemals Freunde sein konnten, weil ihnen stets der S-e-x dazwischenkam. Es war ein Naturgesetz, er hatte einen Song darüber geschrieben, der genau diesen Titel trug: Sex Reasons Why Boys and Girls Can’t be Friends. Es gab für ihn allerdings eine Ausnahme von der Regel: War man schon befreundet, bevor das Sex-Ding ein Thema wurde, konnte man befreundet bleiben. Solche Freunde waren wie Familie, wie Bruder und Schwester, und nur krass kranke Menschen standen auf ihren Bruder oder ihre Schwester. Vielleicht redete er sich diese Theorie aber auch nur ein, denn wenn er ehrlich war, musste er zugeben: Ihm war keineswegs entgangen, wie Lissy und Elif sich in den letzten Jahren verändert hatten, und manch ein versteckter Blick auf sie war nicht gerade brüderlich.

»Ich hab so was von die Schnauze voll von dem Scheiß«, sagte Elif und packte ihre Mathesachen weg.

»Na endlich«, atmete Finn auf. Als er die Bedienung sah, rief er ihr seine Bestellung quer durch das Café zu: »Einen Erdbeershake, Betty!« Er war verrückt nach den Erdbeershakes im Roxy.

»Und für mich einen Milchkaffee«, rief Lissy hinterher.

»Da kommt Leon.« Elif wies mit einer Bewegung ihres spitzen Kinns nach draußen.

Finn und Lissy wandten die Köpfe.

Leon näherte sich gerade der Fußgängerampel. Er verschwand fast komplett in seinem übergroßen Achtzigerjahre-Bundeswehr-Parka, der anscheinend geradewegs aus der Wäschetrommel kam, so verknittert, wie er war. Mit seinen wirren braunen Haaren sah Leon aus, als wäre er mit in der Maschine gewesen. Lissy konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Natürlich schlurfte Leon seelenruhig über die Straße, obwohl noch immer rot war. Den brachte nichts aus der Ruhe, schon gar nicht das Auto, das ihn anhupte. Er machte nur eine Geste mit der Hand, die sagen sollte: Chill mal, Alter.

»Ey, du Penner!«, rief Finn, als Leon an den Tisch trat, und streckte die Faust hoch. »Alles fit im Schritt?«

Leon stieß mit seiner Faust dagegen und ließ sich auf den einzigen noch freien Stuhl fallen, ohne den Parka auszuziehen. »So ein Stress«, schnaufte er.

»Was?«, fragte Finn. »Aufstehen um halb drei? Anziehen? Atmen?«

»Leben.«

Es klang wie ein Scherz, und das war es auch, aber nur zum Teil. Leon fand das Leben manchmal wirklich unerträglich schwer. Was genau daran so schwer war, wusste er nicht. Er wusste nur, dass er es kaum ertragen hätte ohne die Dinge, die es leichter machten. Gutes Gras zum Beispiel. Oder beste Freunde.

Betty brachte Finns Erdbeershake und Lissys Milchkaffee, Leon bestellte schwarzen Tee. Als er ihn kriegte, holte er verstohlen eines dieser kleinen Rumfläschchen heraus, die es an der Supermarktkasse gab, und füllte die Tasse bis zum Rand auf.

»Du trinkst um die Zeit schon Alkohol?«, fragte Elif empört. Dabei gab es keinen Grund, überrascht zu sein, sie kannte Leon ja.

Der zuckte nur mit den Schultern. »Wieso? Der Alkohol weiß doch nicht, wie spät es ist.«

Lissy lachte auf. Leons trockener Humor war genau ihr Ding. Obwohl Elif recht hatte. Er ging wirklich etwas zu leichtfertig mit seinen Drogen um. Aber das war nicht neu. Neu war, dass Elif es bekrittelte. Vor noch nicht allzu langer Zeit hätte sie ihm ihre Tasse hingeschoben und im selben Tonfall wie er gesagt: »Aufgießen. Bis zum Rand.« Aber das war vor ihrem großen Coming-out als Streberin gewesen.

»Lehreralarm!«, rief Finn plötzlich laut durch das Café, das mindestens zur Hälfte mit Schülern aus der Oberstufe des Frank-Wedekind-Gymnasiums besetzt war.

Gleichzeitig kriegte Lissy unter dem Tisch einen Tritt gegen das Schienbein. Sie drehte sich zur Tür um – und bekam fast eine Herzattacke.

Steffen Wegmann! Er war am Eingang stehen geblieben und hatte Finns Warnruf offenbar vernommen, denn er schaute genau in seine Richtung und zog dabei die Augenbrauen hoch. »Wird hier etwa Alkohol konsumiert?«, rief er mit strenger Miene. »Ich muss wohl eine Lokalrunde ausgeben: an Verweisen!«

Alle lachten nur.

»Ihr habt so ein Glück, dass ich nicht im Dienst bin.«

Sein Blick blieb einen Moment lang auf Lissy haften, und ihr kam es so vor, als würde er lächeln. Sie war viel zu überrascht und angespannt, um zurückzulächeln. Sie ertrug nicht einmal den Blickkontakt, sondern schlug nach ein paar Sekunden die Augen nieder.

»Irgendjemand am Tisch wird gerade feuerrot«, stichelte Finn, »ich sag aber nicht, wer.«

»Pscht«, zischte Elif.

»Wieso? Ich mein doch Leon. Weil der Arsch jede Menge Alk in seinem Tee hat.«

»Nee, Alter, hab ich nicht. Ich hab Tee in meinem Alk.«

Alle lachten. Auch Lissy. Aber sie wusste selbst, dass es bei ihr nicht echt klang. Stumm trank sie in großen Schlucken ihren Milchkaffee leer und vermied dabei jeden Blick in Steffen Wegmanns Richtung. Sie war erleichtert, dass er sich nur einen Kaffee to go holte und gleich wieder weg war. Trotzdem war ihre gute Laune verdorben. Nach einer Weile tat sie so, als fiele ihr ein, dass sie dringend zu Hause erwartet wurde. Sie verabschiedete sich kurz, bezahlte ihr Getränk an der Theke und verschwand.

»Oh-oh«, machte Finn, als sie weg war, und grinste.

 

Finn war manchmal so ein Arsch! Nach seiner blöden Bemerkung hätte Lissy ihn am liebsten erwürgt. Aber Elif mit ihrem unüberhörbaren »Pscht« war auch nicht viel besser. Und was sollte eigentlich der Tritt unter dem Tisch? Lissy war froh, dass sie von ihren Freunden weg war, denn sie wusste genau, was die dachten: dass sie in Steffen Wegmann verliebt war. Der bloße Gedanke an das feine Lächeln, das er ihr zugeworfen hatte, reichte, um ihr Herz schneller schlagen zu lassen. Hatten ihre Freunde also recht?

Lissy trat noch heftiger in die Pedale. Die frostige Winterluft vermochte ihre heißen Wangen kaum zu kühlen. Sie fühlte sich wie auf der Flucht. Doch wovor? Vielleicht vor sich selbst? Oder vor verbotenen Gefühlen? Zu Hause ließ sie ihr Rad gegen die Hauswand fallen, rannte nach drinnen und verschwand in ihr Zimmer, bevor irgendjemand sie ansprechen konnte.

Ihr Handy meldete eine SMS. Von Elif.

Alles okay, Liebes? Du warst vorhin auf einmal so komisch drauf. Wenn es an mir lag, tut es mir leid. Melde dich!

Lissy fand es nett, dass Elif sich entschuldigte. Trotzdem hatte sie keine Lust, mit ihr zu reden.

Alles gut, antwortete sie. Bis morgen.

Finn schrieb auch, er wollte wissen, was im Roxy mit ihr los war. Als ob er das nicht wüsste.

Hab meine Tage, antwortete Lissy. Das war ein nicht mehr ganz aktueller Running Gag zwischen ihnen vier und bedeutete nicht, dass sie wirklich ihre Tage hatte. Es hieß nur, dass man etwas nicht erklären wollte oder konnte. Auch die Jungs sagten Sorry, hab meine Tage, wenn sie über etwas nicht reden wollten.

Okay, kam es zurück, Finn hat dich trotzdem lieb. Und du ihn hoffentlich auch.

Lissy zögerte, dann schickte sie ihm ein Smiley.

Leon schrieb nicht. Machte er so gut wie nie. Zu viel Aufwand, wenn sich am Ende sowieso alles von selbst einrenkte. Hatte einer von ihnen jedoch ein echtes, schweres Problem, war er der Fels, an dem man sich festhalten und aufrichten konnte. Als Elif in ihrer wilden Phase total abzurutschen drohte, war ausgerechnet er derjenige gewesen, der sie auffing und wieder auf die richtige Bahn brachte. Wie genau er das angestellt hatte, wusste nicht mal Elif. Leider ließ er selbst sich von niemandem helfen.

Lissy bemerkte, dass sie eine Benachrichtigung von Finding Friends erhalten hatte, einer Internetseite, über die man Kontakte zu Menschen in aller Welt knüpfen konnte. Sie hatte sich dort vor einer Weile angemeldet, nachdem ein Mädchen aus der Stufe ihr von den weltweiten Freundschaften vorgeschwärmt hatte, die sie über diese Seite aufgebaut hatte. Lissy träumte davon, nach dem Abi ein Jahr lang die Welt zu bereisen, und da war es sicher von Vorteil, wenn man in vielen Ländern zumindest online bereits Leute kannte. Das Ergebnis war ernüchternd gewesen, was vielleicht auch daran lag, dass sie selbst kein besonders ausdauernder Mensch war. Neben zig Anfragen von irgendwelchen Perverslingen, die sie sofort blockierte, hatte sie auch ein paar ernst gemeinte Kontaktanfragen bekommen, auf die sie reagierte. Aber die Sache war schnell wieder eingeschlafen, nicht zuletzt deshalb, weil es ihr auf die Dauer zu mühsam war, immer auf Englisch zu antworten.

Sie loggte sich ein und ging zu ihren Nachrichten. Sie hatte genau eine, und die lautete: Bad_Teacher will mit dir befreundet sein. Er spendiert heute eine Runde Verweise.

Schlagartig war sie wie elektrisiert. Stand da wirklich eine Runde Verweise? Den Gag hatte heute schon mal jemand gebracht. Zufall? Ganz bestimmt nicht! Bad_Teacher – war das etwa …?

Sie sprang auf, lief im Zimmer auf und ab, über Klamotten, Bücher und anderen Kram hinweg.

Oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott!

Würde Steffen Wegmann wirklich so mit ihr in Kontakt treten?

Sie kehrte zu ihrem Laptop zurück. Las die Nachricht noch mal.

Es kann auch jemand anders sein, der heute im Roxy dabei war, fiel ihr ein. Jemand, der sie kannte und verarschen wollte.

Who the fuck are you?, dachte sie.

Als Profilbild hatte Bad_Teacher kein Foto von sich eingestellt (das hatte sie auch nicht), sondern das Foto eines Mannes, der eine irre lange Zunge herausstreckte. Auch sonst war nicht viel über ihn zu erfahren: 99 Jahre alt (ha-ha), Hobbys: Literatur, Theater und das Studium von Menschen. Spezialität: Ich bringe das Beste und das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein.

Wenn Bad_Teacher wirklich jemand anders war, der sie kannte, dann gab es einen heißen Kandidaten: Finn. Sie hatte ihm von Finding Friends erzählt. (Genau wie vielen anderen Leuten.) Doch irgendwie passte diese Art von Verarsche nicht zu ihm. Er ließ vielleicht mal einen dummen Spruch los, entschuldigte sich aber sofort, wenn er merkte, dass er zu weit gegangen war. Andererseits dachte er, dass sie in Steffen Wegmann verliebt war, und vielleicht passte ihm das aus irgendeinem Grund nicht.

Ich bringe das Beste und das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein.

Der Satz kam Lissy bekannt vor. Stammte er nicht aus dem Stück, das sie in der Theater-AG probten? Es ging darin um Mobbing. Steffen Wegmann hatte sie, ganz gegen ihren Typ und zunächst auch gegen ihren eigenen Wunsch, als die fiese Schulhof-Mobberin besetzt. Inzwischen fand sie es toll, auf diese Weise Seiten an sich zum Vorschein bringen zu können, von denen sie davor nicht einmal geahnt hätte, dass es sie gab. Sie selbst nannte dieses andere Ich die Lissy-Bitch und hatte daraus sogar ihren Nickname gemacht: L_Bitch. Lissy holte das Manuskript aus ihrer Schultasche, blätterte es durch und fand den Satz, der wortwörtlich vorkam. Ihre Figur sagte ihn zu einem ihrer Opfer.

Eine Gänsehaut lief ihren Rücken rauf und runter. Bad_Teacher war also ganz sicher jemand aus der Theater-AG. Ihr fiel ein, dass sie, als es bei der Vorbesprechung um Internet-Erfahrungen gegangen war, von ihrer Aktivität auf Finding Friends erzählt hatte. Ja, hatte sie nicht sogar in bester Laune ihren Nickname preisgegeben? Sie war sich nicht mehr sicher, aber es konnte gut sein.

Ihr fiel wieder der Blick ein, den Steffen Wegmann ihr im Roxy zugeworfen hatte. Schlagartig fing ihr Herz an zu rasen. Wer, wenn nicht er, sollte Bad_Teacher sein?

 

Irgendwann verlieSS auch Leon das Roxy und kehrte zurück in die Kälte des sich neigenden Wintertages. Wie eine Schildkröte in ihrem Panzer versteckte er sich noch tiefer in seinem dicken Parka. Finn war am längsten bei ihm geblieben, sie hatten über dies und das gequatscht, sich witzige Clips auf dem Handy angesehen und rumgealbert, bis Finn zu irgendeiner Verabredung oder einem Termin musste und Leon alleine zurückgelassen hatte. Wo sollte er jetzt hin? Zu Hause warteten auf ihn nur eine unaufgeräumte Wohnung, schmutziges Geschirr, ein leerer Kühlschrank und ein Mann, der sich die Lunge aus dem Leib hustete.

Da ihm nichts Besseres einfiel, rief er seinen Kumpel Rico an. Seit Rico aus der Behindertenwerkstatt geflogen war, weil er einen Werkzeugkasten mit einem China-Böller gesprengt hatte, hatte er Zeit im Überfluss. Zum Glück besaß er gut betuchte Eltern, die ihn finanzierten, solange sie ihn nicht besuchen mussten. Jackpot, nannte er selbst das, und es stimmte: Er hatte totale Narrenfreiheit und war trotzdem immer flüssig. Aber Leon fand Ricos Situation irgendwie auch ziemlich traurig. Geld war nicht alles. Es war nicht mal wichtig, fand er.

»Was geht, Alter?«, fragte er.

»Ich genieße die Freuden des Lebens.«

»Geil. Kann ich mitmachen?«

»Klaro. Komm einfach vorbei.«

Rico war einundzwanzig Jahre alt und saß im Rollstuhl. Kein Unfall, irgendeine Krankheit. So genau wusste Leon nicht, was ihm fehlte, irgendwas mit den Muskeln musste es wohl sein, denn seine Beine waren nur mit Haut überzogene Knochen. Er wohnte zusammen mit ein paar anderen Behinderten in einer WG. So weit wie möglich regelten die Bewohner ihr Leben selbst, für alles andere hatten sie einen Betreuer. Leon hatte dort Sozialstunden abgeleistet, die er vom Jugendgericht aufgebrummt bekam, weil er bei einer Polizeikontrolle ein paar Gramm Gras zu viel dabeigehabt hatte. Das war schon über ein Jahr her, aber der Kontakt zu Rico war geblieben. Er war ein Freund. Nicht so wie Finn, Lissy und Elif. Aber doch ein Freund. Und zwar einer, den er mit Gras versorgte. Geschenkt oder zum Selbstkostenpreis, verstand sich, denn Leon war schließlich kein Dealer.

Rico saß, den Laptop auf dem Schoß, im Wohnzimmer. Leon griff in die Schüssel auf dem Couchtisch, holte eine Handvoll Erdnussflips heraus und schob sie sich in den Mund.

»Was machst du?«, fragte er mampfend.

»Pornos gucken«, grinste Rico. »Gibt echt krasses Zeug, Alter. Willst du sehen?«

Leon hob abwehrend die Hand. »Nein, danke.«

»Alter Romantiker, du.« Rico lachte. »Hast du was zu rauchen mit?«

»Klar.«

Ricos eh schon blendende Laune hellte sich gleich noch mehr auf. »Weißt du, dass du mein allerbester Freund bist?« Er klappte den Laptop zu und legte ihn weg.

Leon ließ sich auf die durchgesessene Ledercouch fallen, packte Tabak, Paper und ein Tütchen Gras aus. Rico rieb sich die Hände und sagte: »Endlich kriegt mein behindertes Leben wieder Sinn.« Routiniert baute Leon den Joint und überließ Rico den ersten Zug. Der war mit dem Ergebnis höchst zufrieden. »Mann, du baust echt die besten«, lobte er. »Das Zeug zieht rein. Wo kriegst du das nur immer her?«

Leon nahm den Joint, zog und behielt den Rauch lange in den Lungen, ehe er ihn langsam ausatmete. Es dauerte eine kleine Weile, bis die Wirkung im Kopf ankam, dann aber heftig. Er ließ sich gegen die Lehne sinken und gab sich ganz dem Gefühl hin, das wohlig warm durch ihn hindurchströmte.

»Es kommt auf mich zu«, sagte er, »ganz von selbst. So wie alles andere auch.«

Zwei

»So ein Mist!«, schimpfte Elif. Sie war gerannt wie eine Verrückte, aber sie hatte trotzdem nur noch die Rücklichter des Busses zu sehen gekriegt. Wie sollte sie jetzt in die Schule kommen? Ihr Rad hatte einen Platten, und ihren Bruder Mehmet um die Zeit aus dem Bett zu kriegen, damit er sie in die Schule fuhr, war praktisch unmöglich.

Ehe sie sich eine Lösung für ihr Problem überlegen konnte, hielt neben ihr ein dunkler Golf. Das Seitenfenster fuhr herunter, der junge Fahrer lächelte sie an und fragte: »Hat hier jemand ein Taxi bestellt?«

»Ich ganz bestimmt nicht«, gab sie zurück.

»Du siehst aber so aus, als würdest du dringend eines brauchen«, antwortete er unerschrocken.

Sie kannte den Typen, wenn auch nur vom Sehen. Er arbeitete in der Sparkasse schräg gegenüber von der Bushaltstelle. Jeden Morgen stieg er genau dann aus dem Auto, wenn sie auf ihrem Rad vorbeifuhr. Jeden Morgen sah er sie an und lächelte ihr zu. Und sie lächelte zurück. Jeden Morgen.

Elif konnte nicht wissen, dass der Golf-Fahrer seit ihrer ersten zufälligen Begegnung vor mehreren Wochen seinen Ablauf ganz darauf abgestellt hatte, diesen Moment zu wiederholen. Er war damals früher dran gewesen und fuhr seitdem jeden Tag um diese Zeit zur Arbeit. Er stellte sein Auto auf dem Angestelltenparkplatz immer so ab, dass er Elif im Rückspiegel kommen sah. Erst wenn sie nahe genug war, stieg er aus. Seit einer Weile erlaubte er sich einen zusätzlichen Nervenkitzel: Er stieg erst aus, wenn er bemerkte, dass sie von sich aus zu seinem Auto herüberschaute.

Sie musste all das aber gar nicht wissen, um zu verstehen, dass die tägliche Begegnung kein Zufall war. Und die Vorstellung gefiel ihr. Auch wenn er nicht zu hundert Prozent in ihr übliches Beuteschema passte, fand sie ihn irgendwie süß.

»Nun steig schon ein«, drängte er.

Eigentlich sah er harmlos aus in seinem Anzug und mit den gescheitelten, dezent gegelten Haaren. Aber hatten nicht immer die harmlos wirkenden Typen die meisten Leichen im Keller?

Ach, was soll’s, dachte sie schließlich. Er wird mich schon nicht auffressen.

»Ich bin übrigens Benedict«, sagte er, als sie eingestiegen war. »Und wie heißt du?«

 

Den ganzen gestrigen Tag über hatte sich Lissy dem Gedanken hingegeben, der Typ, der sich hinter Bad_Teacher verbarg, sei Steffen Wegmann. Doch an diesem Morgen erwachte sie mit dem schalen Gefühl, dass sie ziemlich naiv war, wenn sie das ernsthaft glaubte. Elif hatte schon recht, wenn sie ihr vorhielt, sie habe eine allzu blühende Phantasie. Lehrer stellten ihren Schülerinnen nicht nach, auch nicht im Internet, und wenn doch, dann waren das eher Mädchen von Elifs Sorte. Also solche mit beneidenswert weiblichen Formen und hohem Vamp-Faktor. Wo blieb Elif eigentlich? Hatte sie vorhin nicht geschrieben, dass sie den Bus nehmen würde, weil ihr Rad einen Platten hatte? Der Bus war doch längst hier gewesen.

Lissy wollte gerade ihr Handy nehmen, um Elif eine Nachricht zu schreiben, als Finn in der Schulcafeteria auftauchte. Sie winkte ihn zu sich. Cool, wie er nun mal war (oder zumindest sein wollte), winkte er nur zurück und schlurfte weiter zum Getränkeautomaten. Also ging sie zu ihm.

»Einen schönen guten Morgen, meine Süße«, sagte er, während seine Münzen durch die Innereien des Automaten klackerten. »Womit kann ich dienen?«

»Fällt dir zu Bad_Teacher was ein?« Lissy blieb absichtlich vage. Sie hatte sich so hingestellt, dass ihr keine Regung in seinem Gesicht entging.

»Wen meinst du konkret?«, fragte er, ohne sie anzusehen. »Hier rennen so viele schlechte Lehrer rum.«

»So als Nickname zum Beispiel?«

»Nickname?« Er streifte sie mit einem Seitenblick. »Du musst schon mehr verraten. So sagt mir das gar nichts. Echt nicht.«

Die Colaflasche rollte polternd in den Ausgabeschacht.

Hm, dachte Lissy. Sie bemerkte keine Verstellung. Anscheinend hatte er mit Bad_Teacher wirklich nichts zu tun. »Schon gut. Nicht so wichtig.«

»Jetzt sag schon.«

»Ich hab gestern eine komische Nachricht in so einem Forum gekriegt.«

»Bloß nicht darauf reagieren«, warnte er, nun ganz ernst. »Du kannst dir alles Mögliche einfangen, von einem irren Stalker bis hin zu einem Computervirus.«

»Hab nicht vor zu antworten. Ich dachte nur … vielleicht ist das ja wieder so ein Witz von dir.«

»Echt nicht. Ich schwör!« Finn sah sie aus seinen strahlend blauen Augen an. »Noch sauer wegen gestern? He, es tut mir wirklich leid. Ich und meine Klappe – du kennst uns ja. Aber es war nicht okay. Über Verliebtsein macht man keine Witze. Also tausendmal sorry. Ich mein’s ernst.«

»Ich bin nicht verliebt!«, protestierte sie sofort.

»Okay, okay! Wie auch immer, alles wieder gut?«

Sie nickte. Er drückte sie an sich, und da wusste Lissy endgültig, dass Finn nicht der Typ für so eine miese Stalking-Nummer war. Schon gar nicht bei einer so engen Freundin wie ihr. Und er hatte recht: Am besten, sie vergaß Bad_Teacher einfach. Und Steffen Wegmann gleich mit.

 

Wo steckst du?!Alles gut bei dir? Ich mach mir Sorgen! Lissy.

Elifs Handy war ungefähr zwei Kilometer von der Schule entfernt, als es den Eingang dieser SMS meldete. Es steckte in ihrem Rucksack, der auf dem Rücksitz des schwarzen Golfs lag. Der Wagen stand am hintersten Ende eines verwaisten, von Gestrüpp begrenzten Parkplatzes. Niemand saß drin.

Ein schmaler Weg führte zwischen den Büschen hindurch runter zu einem Bach. Elif war hier als Kind oft gewesen, allein oder mit Freundinnen, sie hatten sich wilde Abenteuer mit Einhörnern und Elfen und natürlich schönen Prinzen ausgedacht. Sie hatte sich so sehr in diese Abenteuer hineinphantasiert, dass sie regelrecht in ihnen gelebt hatte. Und nun schien es, als sollte hier tatsächlich ein Abenteuer für sie beginnen. Zumindest wenn es nach Benedict ging.

»Ich war sofort von dir verzaubert«, sagte er.

Elif wollte diese Worte nicht hören. Benedict war sicher ein netter Typ, und die kleinen Begegnungen jeden Morgen bedeuteten ihm anscheinend viel. Was sollte sie dazu sagen? Ein freundliches, offenherziges Mädchen wie sie lächelte im Lauf eines Tages vielen Menschen zu.

»Als ich dich vorhin an der Haltestelle stehen sah, war mir klar: Das ist ein Wink des Schicksals.«

Schicksal war ein verdammt großes Wort für ein paar belanglose Zufälle, fand sie.

»Du musst jetzt nichts sagen«, brach Benedict das Schweigen, das entstanden war, weil sie einfach kein Wort hervorbrachte. »Es tut mir leid, dass ich dich so mit meinen Gefühlen überfalle. Ich bin nicht geschickt in diesen Dingen. Aber ich meine es ehrlich. Gib mir eine Chance. Einfach nur reden, ohne jeden Druck. Wir gehen es langsam an. Lernen uns erst mal kennen. Sehen, was passiert. Okay?«

Elif räusperte sich. Was sollte sie sagen? Sie wusste es nicht. Deshalb sagte sie nur: »Ich muss zur Schule.«

 

Kaum hatte Es zur Pause geklingelt, sprangen die Klassentüren auf, und Schüler jeden Alters fluteten die Gänge. Wegen der Kälte trieb es die meisten in die Cafeteria, doch einige gingen auch nach draußen auf den Hof. Zwei von ihnen waren Leon und Finn. Leon hatte einen Tennisball mit in die Schule gebracht, den er am Morgen am Straßenrand aufgelesen hatte, und den warfen er und Finn sich die ganze Zeit schon zu. Morgens vor dem Unterricht in den Gängen, einmal sogar im Klassenzimmer während der Stunde, als Bio-Hempel den Schülern den Rücken zuwandte. Finn war ein klasse Fänger, aber Leon auch ein guter Werfer. Umgekehrt funktionierte es so lala. Abgesehen von seinen Werferqualitäten war Leon nicht unbedingt der sportliche Typ. Finn zog ihn immer damit auf, dass er die Kondition einer alten Oma habe. Schon möglich, dass er es lieber bequem hatte. Andererseits hatte er in seinem Leben schon genug Stress gehabt, und es hörte ja nicht auf. Mutter gestorben vor drei Jahren, Vater mit Staublunge frühpensioniert, ein Wrack, das bloß noch auf den Tod wartete. Manchmal kam es Leon so vor, als sei das ganze Leben nur ein Warten auf den Tod, aber dann sah er Finn, der so viele Pläne hatte, und Elif und Lissy, die jedes Jahr hübscher wurden, und das tröstete ihn und machte ihm Mut. Außerdem: So schlecht war sein Leben auch wieder nicht, er kam alles in allem gut durch, und solange er seine Freunde hatte und hin und wieder auf einer Party ein süßes Mädchen zum Knutschen und Fummeln fand, wollte er sich nicht beklagen.

»Hierher!«, rief Finn. »Kommst du so weit?«

»Das ist doch gar nichts!«, lachte Leon.

Finn stand am anderen Ende des Schulhofs, vor der Terrasse der Cafeteria, auf der ein paar Leute in dicken Jacken vor dampfenden Tassen saßen. Leon ging einige Schritte zurück, lief los, holte dabei aus und warf den Ball mit voller Wucht. Er stieg hoch in die Luft, war nur noch ein schmutzig gelber Tupfen im Grau des Himmels, ehe er sich herabsenkte.

»Der kommt gut!«, rief Finn und machte, den Ball immer fest im Auge behaltend, ein paar Schritte nach hinten. Dabei stieß seine Ferse gegen irgendwas, er geriet ins Straucheln und fiel. »Scheiße!«, rief er. Er hörte noch, wie der Ball gegen die große Scheibe der Cafeteria knallte, und befürchtete schon das Schlimmste, aber zum Glück hielt das Glas. Ein Riesenauftritt war es trotzdem, denn aufgeschreckt wie Schafe, wenn es donnert, schauten alle zu ihnen. Was schon wieder cool war. Er sprang auf und machte eine tiefe Verbeugung.

Überhaupt nicht cool fand Finn, dass sich jemand, während er seine kleine Show abzog, den abgeprallten Ball schnappte. Scheiße, dachte er, ausgerechnet Konni, der Freak. Irgendwie war der Typ überall, er tauchte praktisch aus dem Nichts auf. Wie ein Gespenst.

Konni war der Sohn des Hausmeisters und bewohnte mit seinem Vater die kleine Wohnung in der hintersten Ecke des Schulgebäudes. Mutter gab es keine. Vielleicht abgehauen, vielleicht hinter der Schule verscharrt. Wer wusste das schon? Konni war hier auch Schüler, aber er hielt sich so weit wie möglich von allem fern. Dabei war er keiner von den Außenseitern, denen man ansah, dass sie nur zu gerne dazugehören würden. Es schien eher so, als blicke er mit Verachtung auf den Rest der Welt, weil einfach niemand gut genug für ihn war. Für jemanden, der Klamotten trug, die vermutlich niemals in Mode gewesen waren, und das mit einem Haarschnitt kombinierte, der wie das Ergebnis einer langen, schweren Krankheit aussah, war das ein ziemlich großes Maß an Selbstüberschätzung, fand Finn. Aber vielleicht gab er sich auch nur so unnahbar, um sich nicht eingestehen zu müssen, dass er ein total verklemmter Soziopath war. Jedenfalls führte er Finns und Leons inoffizielle Liste möglicher Amokläufer an der Schule mit großem Abstand an.

Inzwischen war auch Leon herangeschlurft.

»Kriegen wir den Ball zurück?«, fragte Finn.

Konni blieb auf Abstand, grinste und warf den Ball mehrmals hoch, um ihn sicher wieder zu fangen. »Klar«, sagte er, »du musst ihn dir nur holen.«

So, wie Konni guckte, konnte Finn sich schon denken, dass gleich irgendwas Fieses kam. Konni holte aus und schleuderte den Ball hoch in die Luft. Wow, dachte Finn. Ob der Ball über den Seitentrakt flog oder ganz hinten auf dem Flachdach landete, war nicht zu sehen. Es war auch egal, denn weg war der Ball auf jeden Fall.

Arsch, dachte Finn, während Leon in seinem Rücken anerkennend meinte: »Klasse Wurf, Alter.«

 

Von allen Schülern in der Cafeteria waren Lissy und Elif vermutlich die einzigen, die auf den Knall, den Leons Wurf gegen die Scheibe verursacht hatte, kaum reagierten. Sie waren zu sehr in ihr Gespräch vertieft. Lissy konnte einfach nicht glauben, was Elif ihr eben erzählt hatte. Erst stieg sie zu einem fremden Typen ins Auto, und dann gestand ihr der praktisch aus dem Nichts seine Liebe. Am frühen Morgen, noch vor Beginn der Schule! Das sollte mir mal passieren, dachte Lissy neidisch, obwohl sie keine Ahnung hatte, was sie dann machen würde. Zu Elif passten solche verrückten Storys ja. Die erlebte dauernd die krassesten Sachen. Spontane Aktionen und sprunghafte Wechsel waren so was wie ihr Markenzeichen, genau wie ihr Hang zu Extremen. Mit vierzehn hatte sie, ohne dass ihre strengen Eltern davon wussten und gedeckt von ihrem Bruder Mehmet, im Club die Nächte durchgetanzt, jetzt, mit sechzehn, war sie die größte Streberin der Schule und hockte sogar an den Wochenenden über den Schulbüchern. »Ich bin nicht so klug wie du«, sagte sie immer, wenn Lissy sie daran erinnerte, dass es auch noch was anderes gab als Lernen, »ich muss mir alles hart erarbeiten.« Dem Feiern hatte sie völlig abgeschworen, nur mit ihren Freunden machte sie hin und wieder eine Ausnahme.

»Und was ist der Typ noch mal von Beruf?«, fragte Lissy.

»Der Typ heiß Benedict«, gab Elif spitz zurück, um, wieder entspannt, fortzufahren: »Er arbeitet in der Sparkasse schräg gegenüber von der Bushaltestelle bei uns.«

»Dann ist er bestimmt total alt, oder? Ich meine, wenn er schon einen Job hat und ein Auto.«

»Nee, gar nicht. Also … ich hab ihn nicht gefragt. Aber er ist … schätze … keine Ahnung, neunzehn, höchstens zwanzig.«

Das wäre noch im Rahmen, fand Lissy. Obwohl es ja auf das Alter nicht ankam, wenn man jemanden wirklich liebte. (Wie alt war eigentlich Steffen Wegmann?)

»Und wie geht’s jetzt weiter?«

Elif zuckte mit den Schultern. »Wir haben Handynummern ausgetauscht. Vielleicht gehen wir irgendwann ins Kino oder so. Mal sehen.«

»Verliebt kommst du mir nicht gerade vor.«

»Bin ich auch nicht. Man kann ja auch einfach mal weggehen, ohne dass gleich irgendwas läuft.«

Lissy hatte ein seltsames Gefühl bei der Sache. Auch wenn Elif natürlich recht hatte. Aber mit Jungs auszugehen, mit denen nichts lief, war eigentlich nicht Elifs Ding.

Drei

Lissy fand, dass es an der Zeit war, auch einmal etwas zu wagen. Elif war nur ein paar Monate älter als sie und hatte im Gegensatz zu ihr schon so viel erlebt. Jetzt hatte sie mit diesem Benedict schon wieder was Neues am Start. Und was hatte sie, außer einer hoffnungslosen Schwärmerei für ihren Lehrer? Allzu lange musste sie nicht nachdenken, um auf etwas zu kommen: Sie hatte Bad_Teacher. Obwohl sie ihn eigentlich abgehakt hatte, spukte er noch immer in ihren Gedanken herum. Vielleicht lag hier ja das Abenteuer bereit, das sie suchte. Doch was sollte sie jetzt, Wochen nach seiner Anfrage, schreiben? Bestimmt rechnete er gar nicht mehr mit einer Antwort. Wäre doch nur Elif bei ihr. Was hätten sie für einen Spaß gehabt, sich freche Sprüche auszudenken! Aber Elif hatte keine Zeit mehr für so was, und so bieder, wie sie inzwischen geworden war, hätte sie ihr vermutlich bloß davon abgeraten.

Weil ihr nichts Besseres und schon gar nichts Witziges einfiel, schrieb Lissy Bad_Teacher schließlich: Kennen wir uns? Von der Schule vielleicht? Die Antwort kam prompt: Wer kann schon behaupten, dass er einen anderen kennt? Lissy rollte mit den Augen. Auf noch mehr Geheimnistuerei hatte sie absolut keine Lust. Sie wollte sich schon ausloggen, als Bad_Teacher nachschob: Wir kennen uns, aber ich kann dir nicht sagen, wer ich bin. Für mich steht zu viel auf dem Spiel. Was sollte das bedeuten? Was stand für ihn auf dem Spiel? Als sie ihn genau das fragte, antwortete er: Ich hab eigentlich schon zu viel gesagt. Vielleicht sollten wir es lassen. Das Online-Symbol neben seinem Namen verschwand. Er hatte sich ausgeloggt.

Was stand für Bad_Teacher auf dem Spiel? Lissys Herz raste. Vielleicht eine Familie? Vielleicht eine Karriere als Lehrer? Vielleicht weil Bad_Teacher eben doch, wie sie insgeheim hoffte, niemand anders war als Steffen Wegmann?

 

An jenem Morgen, der seinem Teenagerleben eine neue Richtung geben sollte, fühlte Finn sich schon auf dem Schulweg von einer beinahe frühlingshaften Leichtigkeit erfüllt. Er war ein wenig früher dran als sonst, weil Lissy ihm gesimst hatte, dass sie dringend mit ihm reden müsse. Hoffentlich hat sie keine Dummheiten gemacht, dachte er. Sie war in letzter Zeit komisch drauf. Dass Elif kaum noch was mit ihr unternahm, schlug ihr unübersehbar aufs Gemüt. Aber war das wirklich alles? »Die arme Lissy müsste mal jemand entkorken«, hatte Leon vor Kurzem erst in seiner gewohnt trockenen und oft unüberlegten Art gemeint und Finn dann aufmunternd auf die Schulter geklopft. »Wäre das nicht ein Job für dich, Alter? Ihr versteht euch doch sonst auch so gut.«

Arsch, hatte Finn nur gedacht und die Bemerkung ignoriert.

Als er in die Aula kam, fiel ihm sofort dieses Mädchen auf, das er noch nie zuvor an der Schule gesehen hatte. Lange blonde Haare, mit einem leichten Stich ins Rötliche, tolle Figur, große Augen in einem bezaubernden Gesicht (erst als er dieses Gesicht sah, wurde ihm die Bedeutung des Wortes »bezaubernd« klar). Über ihrem Mundwinkel ein punktförmiges kleines Muttermal. Fein geschwungene Lippen. Wow, dachte er bei dem Anblick, endlich kommt Glanz in diese Hütte. Erst dann fiel ihm auf, dass sie offenbar mit Konni unterwegs war. Konni?! Er musste zweimal hingucken. Was hatte der denn mit einer Klassefrau wie ihr zu tun? Wo gingen sie hin?

»Da bist du ja!«, rief Lissy in diesem Moment.

Finn schaute auf den Rücken des fremden Mädchens, das sich rasch von ihm entfernte. Wiegender Gang. Faszinierend. Hypnotisierend. Erst als sie mit Konni um die Ecke verschwunden war, fragte er: »Was gibt’s denn?«

»Nicht hier.«

Sie gingen in die Cafeteria und setzten sich an einen der hintersten Tische. Dort zeigte Lissy Finn auf ihrem Smartphone einen Chat. Finn erinnerte sich dunkel, dass sie ihn vor einiger Zeit schon mal wegen einer Chat-Anfrage angesprochen hatte. Was der Typ schrieb, machte ihn in seinen Augen nicht unbedingt vertrauenswürdig.

»Ist das wieder dieser Kerl?«, wollte er wissen.

Sie nickte. »Was denkst du?«

»Keine Ahnung. Was denkst du?«

Lissy zwirbelte an einem losen Faden herum, der sich aus ihrem Schal gelöst hatte. Sie räusperte sich und sagte dann mit kaum hörbarer Stimme: »Ich dachte … es ist vielleicht …«

»Wer?«

»Steffen Wegmann.«

Sie sagte es so leise, dass es kaum mehr als ein Lufthauch war.

Finn schnaufte. So war das also. Arme Lissy. Es war bestimmt ein Scheißgefühl, in einen Lehrer verknallt zu sein. Andererseits hätte es auch schlimmer sein können. Zum Beispiel der Vater eines ihrer besten Freunde. Zum Beispiel sein eigener. Bloß nicht!

»Ich glaube, es ist nur jemand, der dich verarschen will«, sagte er. »Aber selbst wenn nicht: Mal angenommen, es ist Wegmann – was dann? Macht er sich bloß einen Spaß? Oder geilt er sich damit auf? Und wenn er doch mehr will … von einer Schülerin … was würde das über ihn aussagen? Als Mensch? Ich meine, hat er nicht eine Frau und zwei kleine Kinder?«