Verlag: Emons Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Badische Bienen - Hannah Corvey

Klara Haag und Sebastian Langer in ihrem dritten Fall. In der Heidelberger Bahnstadt liegt ein Anwalt erstochen in seiner schicken Wohnung. Das aufstrebende Viertel hat damit seinen ersten Mord. Die Kommissare Klara Haag und Sebastian Langer, beruflich wie privat liiert, beginnen mit den Ermittlungen und wühlen in Ehekrisen, Liebschaften und Spielsuchtproblemen. Dabei gelangen sie aus der gutbürgerlichen Welt direkt ins Milieu. Dass Langer gleichzeitig ein lukratives Bordell im Schwarzwald erbt, macht die Lage nicht einfacher!

Meinungen über das E-Book Badische Bienen - Hannah Corvey

E-Book-Leseprobe Badische Bienen - Hannah Corvey

Hannah Corvey stammt aus einem kleinen Ort an der Mosel. Sie studierte Anglistik und Französische Philologie in Trier, absolvierte ein Verlagsvolontariat und promovierte anschließend in Sprach- und Übersetzungswissenschaft. Nach Stationen in Nancy, Frankfurt und München lebt und arbeitet sie seit 2001 in Heidelberg. www.hannahcorvey.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2018 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: istockphoto.com/coldsnowstorm

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Susann Säuberlich, Neubiberg

eBook-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-411-7

Originalausgabe

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Dieser Roman wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Kossack GbR, Hamburg.

Love is not a victory march.

Leonard Cohen

1

»Du hast was?« Kriminalhauptkommissarin Klara Haag sah ihren Kollegen Sebastian Langer entgeistert an.

Er lag neben ihr in ihrem Bett und zuckte mit den nackten Schultern. »Ich war auch ziemlich überrascht. Eigentlich kannte ich Onkel Karlheinz ja gar nicht, meine Mutter und er hatten kaum Kontakt. Ich habe ihn zuletzt als Zehnjähriger oder so gesehen.«

»Ach. Aber er hat sich offenbar an dich erinnert.« Klaras Stimme klang ungewohnt schrill.

»Klara, reg dich jetzt nicht auf. Meine Mutter sagt, Karlheinz war der größte Pingel nördlich der Alpen, es wird alles mit dem … äh … dem Geschäft in Ordnung sein, alles angemeldet und so.«

»Spinnst du? Du bist Polizeibeamter, du kannst keinen Puff erben!«

»Hab ich aber«, murmelte Sebastian und richtete seine Bergseeaugen gen Zimmerdecke. Um seine Mundwinkel spielte ein Anflug von Trotz.

»Dann musst du ihn wieder loswerden«, haspelte Klara. »Und zwar am besten schnell.«

»Klara, weißt du, was der Laden jeden Monat abwirft?« Jetzt sah Sebastian Klara direkt an.

Sie konnte die kleinen hellblauen Inselchen in der dunkelgrünen Iris erkennen. Schwamm vor ihnen etwa ein abgetakeltes Schiff mit geldgierigen Piraten darauf?

»Weißt du denn, wie viel?«, konterte sie, bereits Grässliches ahnend. Als Polizistin wusste sie, wie lukrativ viele Bordelle waren.

»Ja. Hat mir der Notar vorgestern gesagt.«

»So. Hat dir der Notar gesagt«, wiederholte Klara aufgebracht. Sie konnte es nicht fassen. Ein Puff irgendwo im Schwarzwald. Und ihr Kollege, der ihr seit über anderthalb Jahren ziemlich viel bedeutete, mit dem sie noch ganz andere Dinge verband als die gemeinsame Arbeit, der für Klaras sechsjährige Tochter Josephine so etwas wie eine Bezugsperson geworden war, war jetzt der neue … Puffvater? In Klaras Hals zog sich etwas zusammen.

»Es ist mehr als mein monatliches Gehalt«, sagte Sebastian. »Deutlich mehr.«

Klara schluckte. Vor ihrem geistigen Auge schmiegten sich drei bis vier sehr leicht bekleidete Frauen an Sebastian, lächelten verführerisch und hauchten: »Herzlich willkommen.« Mit aufkommender Verzweiflung drängte sie die Vorstellung weg. »Ist doch toll«, presste sie zwischen den Zähnen hervor. »Dann kannst du einen richtig guten Kaufpreis verlangen.«

»Hm«, machte Sebastian.

»Was, hm?«

»Ja, theoretisch schon.«

»Theoretisch? Willst du den Laden etwa behalten?« Augenblicklich rutschte Klara ein Stück von Sebastian weg, die Wärme seines Körpers verschwand irgendwo unter der Bettdecke.

»Ich muss mir das alles erst mal ansehen.«

Das alles?, dachte Klara. Was für eine diplomatisch dämliche Bezeichnung.

»Das ›Favorit‹ ist wohl ein traditionsreicher Laden mit vielen Stammkunden. Onkel Karlheinz hat sehr auf eine familiäre Atmosphäre geachtet. Natürlich auch auf Ordnung und Sauberkeit.« Sebastian verschränkte die Arme vor der nackten Brust.

»Wie bitte?«, entfuhr es Klara. Sie schwang ihre Beine aus dem Bett und sprang wie von der Tarantel gestochen auf. Ihr langes dunkles Haar fiel ihr ins Gesicht. »Hörst du dich gerade selbst reden? Es geht nicht um eine Ferienpension für Senioren. Es geht um ein Bor-dell. Und du bist Po-li-zist.« Sie sprach, als müsse sie einem begriffsstutzigen Jungen etwas erklären. Einem Zehnjährigen. Der mit seinen Apfelbäckchen und dem semmelblonden Haar seinem Onkel in so netter Erinnerung geblieben war.

»Man darf nicht immer so kleinkariert denken«, nuschelte Sebastian. »Es ist einfach eine Einnahmequelle. So ähnlich wie Wohnungsvermietung. Oder Aktien.«

Klara dachte an ihre letzte Steuererklärung und die Formulare dazu. Einkünfte aus Land- und Forstwirtschaft. Ackergäule, Zuchtstuten, Zirkuspferdchen. Ihr wurde ganz schlecht.

Seit sie mit Sebastian zusammengekommen war, hatte sie sich immer wieder gefragt, ob sie sich bei diesem lebensfrohen attraktiven jungen Mann, den sie zu Beginn ihrer gemeinsamen Dienstzeit wegen seiner Frauengeschichten aufgezogen hatte, nicht auf ein Vabanquespiel einließ. Innerlich war ein Teil von ihr auf der Hut geblieben, aber sie hatten schon viel zusammen durchgestanden, und ihre Beziehung war enger und tiefer geworden. Doch bei einem geerbten Bordell konnte man nur noch die Segel streichen. Oder etwa nicht?

»Klara, du denkst doch nicht ernsthaft, dass ich irgendwas mit den Mädels da anfange?« Ungläubig hob Sebastian die Augenbrauen. »Es geht rein ums Geschäft.«

Ja eben, dachte Klara. Mittlerweile hatte sie ihr Shirt übergestreift und war in ihre Jeans gestiegen.

»Du kannst auch gern mitkommen, wenn ich mir den Laden anschaue«, sagte Sebastian.

Langsam drehte sie den Kopf und sah ihn fragend an. Ein paar Sekunden lang wusste sie nichts zu erwidern. »Mal sehen«, sagte sie dann. Wie es dort aussieht, ist doch völlig klar, dachte sie, Karlheinz wird keine zahnlosen Siebzigjährigen angestellt haben.

Sie wollte jetzt allein sein. »Ich müsste eigentlich noch was arbeiten, bevor Jan nachher Josi zurückbringt«, sagte sie, auf das Fischgrätparkett des Schlafzimmerbodens starrend. »Der Bericht, zu dem ich in den letzten Tagen nicht gekommen bin …«

»Verstehe.« Sebastian klang verhalten und ein bisschen traurig. »Dann lasse ich dich mal in Ruhe arbeiten.« Er schälte sich aus dem Bett und zog sich an.

Klara sah aus den Augenwinkeln seinen muskulösen Oberkörper und das hübsche Gesicht mit dem stoppeligen Dreitagebart. Vermutlich kein Vergleich zu Onkel Karlheinz.

Ein paar Minuten später fiel die Wohnungstür ins Schloss. Morgen früh würde Klara Sebastian auf dem Polizeirevier wiedersehen, am Ende saß er vor seinem Rechner und guckte sich Porsche Targas an.

Bedrückt ging Klara in ihre Küche und trank ein Glas Wasser. Das »Favorit« lag in ihrer Magengrube wie Blei.

2

»Ich glaub fast, Rosi hat mir dasselbe Grillbesteck zu Weihnachten geschenkt.« Ein kerniges Raucherhusten war Hauptkommissar Harald Benders Satz vorangegangen und folgte nochmals, als er geendet hatte.

»Das gleiche«, murmelte Klara. Dabei sah sie auf den leblosen Körper des Mannes vor ihr.

»Wat?«, fragte Harald in seinem ortstypischen Dialekt.

»Das gleiche Grillbesteck. Wenn es dasselbe wäre, hättest du ein Problem.«

»Ah geh fott, Klara, jetzt werd mal net kleinkariert. Welche Laus ist dir denn über die Leber gelaufen?«

Die kleinkarierte »Favorit«-Laus, dachte Klara und schwieg.

Als sie heute morgen gegen acht Uhr dreißig ins Büro gekommen war, hatte Sebastian sie mit einem warmen Lächeln begrüßt und ihr kurz darauf einen Kaffee auf den Schreibtisch gestellt.

»Es ist alles okay«, hatte er dicht an ihrem Ohr geflüstert, aber für Klara war die Sache nicht so einfach okay.

Dann war zwei Stunden später der Anruf gekommen, und die Welt war seitdem noch ein Stück weniger in Ordnung. Ein Mann lag ermordet in seiner Wohnung in der Heidelberger Bahnstadt, jenem angesagten, frisch aus dem Boden gestampften Stadtteil, für dessen teure Wohnungen man sich auf Wartelisten eintragen musste. Ein Quartier, das boomte und aufstrebte – und nun sein erstes Mordopfer hatte.

Klara war mit Sebastian und ihrem älteren Kollegen Harald Bender zum Fundort geeilt. Es war nur ein kurzer Weg vom Revier in der Römerstraße bis dorthin.

Die Wohnung des Getöteten lag im ersten Stock eines der besonders begehrten Gebäude an den Pfaffengrunder Feldern, vierstöckige, modern gestaltete Passivhäuser. Die vormittägliche heile Bahnstadt-Welt war bereits durch ein Aufgebot an Einsatzfahrzeugen gestört worden, die dort hielten, wo striktes Halteverbot galt.

Die Ehefrau des Toten hatte ihren Mann auf dem Bauch liegend in der gemeinsamen Wohnung gefunden. Klara und Sebastian waren kurz nach dem Notarzt eingetroffen, der die leichenblasse Frau gerade aus dem Wohnbereich in ein anderes Zimmer führte.

Klara betrachtete wieder den sportlichen Körper des Toten. An seinem Hinterkopf zeichnete sich eine blutende Wunde ab, vermutlich war sie durch einen stumpfen Gegenstand zugefügt worden. Der Kopf war nach links gedreht, sodass man das immer noch attraktive Gesicht des Mannes erkennen konnte. Die Lider waren geschlossen, das volle dunkle Haar leicht gewellt. Die Kleidung war klassisch-leger, aus der Kategorie »Damit sind Sie immer gut angezogen«: Lederslipper, ockerfarbene Chinohose, grauer Kaschmirpullover. Der tellergroße, dunkelrote Blutfleck am Rücken ruinierte allerdings das Outfit.

»Morgen.« Klara vernahm eine ihr gut bekannte tiefe Altstimme. Es war die von Professor Monika Hansen, der Leiterin der Heidelberger Rechtsmedizin. Hinter der großen, schlanken Frau folgten die Kollegen der Spurensicherung.

»Wen haben wir denn da?«, fragte Monika Hansen und betrachtete den Toten.

»Hallo, Monika. Der Mann heißt Thoralf Kaiser, zweiundvierzig Jahre, seine Frau Melanie hat ihn gefunden«, gab Sebastian einen kurzen Bericht. »Sie war mit dem gemeinsamen Sohn Ruben übers Wochenende bei ihren Eltern in Karlsruhe gewesen.«

Als hätte er zugehört, setzte aus einem Nachbarraum das laute Weinen des etwa sechsmonatigen pausbackigen Säuglings ein.

»Was hat der Mann da im Rücken?«, fragte Monika Hansen. »Ist das ein Grillbesteck?«

»Sieht so aus, Messer und Gabel«, antwortete Harald trocken. »Manche grillen ja auch im Winter.« Er wandte sein von zu vielen Zigaretten fahl gewordenes Gesicht zum Balkon. Dort standen ein ziemlich neuer Barbecuegrill und teure Loungemöbel – auf den wenigen Quadratmetern ließen sich mühelos mehrere tausend Euro unterbringen.

»Okay«, meinte Monika Hansen und nickte den Männern von der Spurensicherung zu. »Ihr zuerst.«

Die Kollegen machten sich an die Arbeit.

In dem Wohnbereich war es sehr hell, die Januarsonne fiel durch die großen Fenster. Sie gaben freien Ausblick auf die lange, schnurgerade Promenade vor dem Haus und die dahinterliegenden Pfaffengrunder Felder.

Die Einrichtung der Kaisers war geschmackvoll. Ein hellgraues Designersofa, weiße Regale, ein großer Esstisch aus dunklem Holz mit modernen Stühlen aus Plexiglas und Stahl. Etwa in der Mitte der Tischplatte lag ein Handy, das gerade von einem Kriminaltechniker in einen Plastikbeutel befördert wurde.

In einer Ecke neben dem Sofa befanden sich ein paar Spielsachen, unweit des Kopfes von Thoralf Kaiser lächelte ein kleiner Plüschhund vor sich hin.

Mit ihrer Tochter Josephine war Klara ein paarmal auf dem sogenannten Feuerwehrspielplatz neben der Schwetzinger Terrasse hier in der Bahnstadt gewesen. Sie hatte sich das Treiben der jungen, wohlhabenden Familien angesehen und sich gefragt, wie der Stadtteil wohl in fünfzehn Jahren aussah. Scheidungsrate über dreißig Prozent. Wegzug, Aufgabe der schicken Eigentumswohnung, aus einem Haushalt mach zwei. Klara war es wie eine große Blase vorgekommen und gleichzeitig wie ein Gewinnspiel. Hundertfaches trautes Heim gegen die Statistik. Die Statistik gewann immer.

»Da dran sind Blutanhaftungen.« Die Stimme eines Kollegen von der Kriminaltechnik riss Klara aus ihren Gedanken. Er hielt einen durchsichtigen Beutel hoch, in dem sich eine massive Pfeffermühle aus hellem Granit oder Marmor befand. »Die stand drüben auf der Anrichte in der Küche.«

Monika Hansen sah sich das Fundstück an. »Könnte zu der Kopfwunde passen.« Sie ging vorsichtig neben dem Toten in die Hocke, strich ein paar Haarsträhnen von der blutigen Stelle weg und nickte nach ein paar Sekunden. »Schauen wir weiter«, sagte sie und nahm mit einem Thermometer zunächst die Körpertemperatur. Anschließend begann sie, Thoralf Kaiser zu untersuchen.

»Rigor mortis ausgeprägt. In Anbetracht der Kerntemperatur würde ich sagen, der Mann ist seit etwa zehn bis zwölf Stunden tot, also seit gestern Abend beziehungsweise Nacht.«

Klara erinnerte sich, dass sie an einen britischen Adligen gedacht hatte, als sie vor vielen Jahren zum ersten Mal die lateinische Bezeichnung für die Totenstarre hörte. Dass der Sachverhalt mit englischer Noblesse wenig zu tun hat, war ihr jedoch schnell klar geworden.

»Die anderen Tatwerkzeuge müsst ihr ja auch nicht lang suchen«, bemerkte Monika Hansen lapidar und zog das lange scharfe Grillmesser aus dem Leichnam heraus. »Voilà.« Vorsichtig ließ sie es in einen Plastikbeutel gleiten und verfuhr anschließend mit der Gabel ebenso.

»Ich sach’s jo«, grummelte Harald. »Genau desselbe Besteck.«

Klara deutete ein Kopfschütteln an. Aber eigentlich hatte sie sich längst an Haralds abgeklärte, bärbeißige Art gewöhnt. Seit dreißig Jahren fluchte er sich, »Arsch, Sack«, durch die Ermittlungsarbeit, doch sein Instinkt und seine Routine gehörten zum Besten, was die Heidelberger Polizei vorzuweisen hatte.

»Die Analyse der Kopfwunde und der Stichkanäle inklusive der ungefähren Körpergröße und Händigkeit des Täters gebe ich euch später durch«, sagte Monika Hansen. »Die toxikologische Auswertung von Blut- und Gewebeproben dauert wie gewohnt etwas länger.«

»In Ordnung«, antwortete Klara. Immer noch drang das Weinen des kleinen Jungen in ihre Ohren und zerrte an ihren Nerven – es war eines der wenigen Geräusche, die sie kaum ertragen konnte.

»Kann sich mal jemand um das Kind kümmern?«, fragte sie. Fast gleichzeitig erntete sie Blicke von Harald, Sebastian und Monika, die alle zu fragen schienen: Wer ist denn hier Mutter?

Hörbar blies Klara Luft aus, zögerte noch einen Moment und ging dann, immer dem Geschrei nach, in das benachbarte Kinderzimmer.

Die Sonnenstrahlen fielen durch die halb heruntergelassenen Jalousien und malten Muster auf die hellblau gestrichenen Wände. In einem Babybett saß der blonde Junge mit einem vom Weinen rot angelaufenen Gesicht. Er klammerte seine Händchen um die Gitterstäbe. Als Klara sich lächelnd zu ihm hinunterbeugte, streckte er ihr seine Arme entgegen. Klara hob ihn hoch.

»Ist ja gut«, sagte sie sanft. »Nicht weinen.« Mit dem sonderbaren Gefühl, das die Nähe zu einem fremden Kind manchmal mit sich bringt, schaukelte sie ihn ein wenig hin und her und versuchte, ihn zu trösten.

Auf einmal tat es Klara unendlich leid, dass dieser Junge ohne seinen Vater aufwachsen musste, dass er ihn nie kennenlernen konnte. Dabei hatte der Kleine keine Ahnung, wie sehr dieser Tag heute sein Leben veränderte. Eine Familie war zerstört worden, durch die Willkür eines anderen. Vor Klaras geistigem Auge erschien ein blasser, zurückhaltender Schulbub, der sich immer sehnte und nichts lieber wollte als Vater und Mutter.

»Ich glaube, ich kann ihn jetzt nehmen«, sagte eine leise Stimme hinter Klara. Sie drehte sich um. Melanie Kaiser stand am Türrahmen.

Die große, etwas füllige Frau war immer noch kalkweiß, die Augen waren gerötet. Der Kleine reckte die Arme nach seiner Mutter, und etwas in Klara war froh, ihn abgeben zu können.

»Es tut mir wirklich sehr leid, Frau Kaiser. Ich kann Ihnen versprechen, dass wir alles tun werden, um das Verbrechen aufzuklären.«

»Danke«, murmelte die Frau. »Aber davon wird Thoralf auch nicht mehr lebendig.«

»Nein, leider nicht.« Klara beobachtete Melanie Kaiser, die apart war, aber gerade starr und leblos wirkte. Fast mechanisch streichelte ihre Hand über das Haar ihres Sohnes, der immer noch weinte.

»Frau Kaiser, Sie waren über das Wochenende bei Ihren Eltern?«, fragte Klara.

»Ja.«

»Heute Vormittag haben Sie Ihren Mann bei Ihrer Rückkehr so vorgefunden und seitdem nichts in der Wohnung verändert?«

Melanie Kaiser nickte stumm und knöpfte mit abwesendem Ausdruck die oberen Knöpfe ihrer rosafarbenen Bluse auf. Dann hielt sie inne. »Ich darf Ruben ja gar nicht stillen, hat der Arzt gesagt«, nuschelte sie, ihre Aussprache war verwaschen. »Das Beruhigungsmittel.« Ein ratloser Blick ging an Klara. »Was mache ich denn jetzt?«

Der Junge steigerte sich in der Lautstärke.

»Schnuller?«, fragte Klara.

»Bekommt er nicht.«

»Fläschchen mit Tee?«

»Wie?«

»Tee. Etwas trinken.«

»Hm.« Verloren sah Melanie Kaiser Klara an.

Der Arzt hat das Sedativum ordentlich dosiert, dachte die und überlegte, ob es derzeit viel Sinn machte, Melanie Kaiser zu befragen. Aber es kam auf einen Versuch an.

Im Eingangsbereich der Wohnung hatte Klara eine abgestellte Wickeltasche gesehen. Sie verließ das Kinderzimmer und kam kurz darauf mit einer noch halb vollen Trinkflasche wieder, die in einem Seitenfach der Tasche gesteckt hatte.

»Versuchen Sie es.« Klara reichte die Flasche Melanie Kaiser, die sie ihrem Sohn anbot. Der drehte sich weg und schrie noch lauter.

Dann muss es so gehen, dachte Klara. Sie wollte nicht darauf verzichten, einige Fragen zu stellen.

»Frau Kaiser, ist Ihnen in der letzten Zeit irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen? Verhielt sich Ihr Mann anders, oder gab es Konflikte, zum Beispiel im Job?«

»Nicht dass ich wüsste.« Unbeholfen setzte sich Melanie Kaiser auf einen Korbsessel neben der Tür und begann, ihren Sohn vor- und zurückzuschaukeln. Die Bewegungen waren abgehackt, doch nach ein paar Sekunden hörte der Junge auf zu weinen, vermutlich eher aus Erstaunen als aus Wohlgefühl.

»Thoralf und ich waren sehr glücklich mit Ruben«, kam es schleppend aus dem Mund der Frau.

Klara nickte.

»Wir wünschten uns noch ein Kind.«

Einen zweiten Wonneproppen konnte sich Klara problemlos in dieser Umgebung vorstellen. »Verstehe«, sagte sie. »Und im Beruf? Gab es da Probleme? Was arbeitete Ihr Mann?«

»Thoralf war Anwalt in einer größeren Kanzlei in Mannheim. Er verstand sich gut mit allen Kollegen.« Für einen Moment schloss Melanie Kaiser die Augen, wie um sich zu sammeln. »Ich habe in einer großen Softwarefirma hier in der Nähe gearbeitet«, fuhr sie langsam fort. »Bis Ruben kam. Da wollte ich mich erst einmal ein Jahr lang ganz um den Kleinen kümmern.«

»Ja, sicher«, erwiderte Klara in verständnisvollem Ton. Melanie Kaisers Aussprache war zunehmend undeutlich geworden. Doch eine Frage wollte Klara noch stellen. »Frau Kaiser, der Täter oder die Täterin war in Ihrer Wohnung. Einbruchspuren fanden sich nicht, das heißt, Ihr Mann hat ihn oder sie wahrscheinlich hineingelassen.«

Verständnislos sah Melanie Kaiser drein. »Wie? Was soll das bedeuten?«

»Das frage ich Sie. Denken Sie bitte einmal nach. Gibt es irgendjemanden in Ihrem Bekanntenkreis, dem Sie so eine schreckliche Tat zutrauen würden?«

Einige Sekunden lang schwieg Melanie Kaiser, die ruckartig schaukelnde Bewegung ihrer Arme hörte auf. »Nein. Natürlich nicht. Wir kennen doch keine … Mörder.«

Ja, dachte Klara, das glauben die meisten, und doch ist es mitunter anders.

Aus dem Flur drang eine laute Stimme in Berliner Dialekt zu ihr. »Kiek ma, da vorn umme Ecke rum.«

Unwillkürlich räusperte sich Klara. Die Bestatter. Sie erkannte den Ton des Mannes, die Berliner Schnauze passte zu Taxifahrern und Bulettenverkäufern. In ein paar Minuten trat Thoralf Kaiser in einem Zinksarg seine Reise in die Rechtsmedizin an. Wenn möglich, sollte seiner Ehefrau der Anblick erspart bleiben.

Im Flur gab es einen lauten Rums. »Mensch, du Dussel, hasde keene Augen im Kopp, du musst die Kiste anheben.«

Klara atmete tief ein. »Frau Kaiser, haben Sie jemanden, der sich um Sie kümmert, um Sie und das Kind? Sie können nicht allein hierbleiben.«

»Ich möchte zu meinen Eltern zurückfahren«, flüsterte Melanie Kaiser.

»Sie können jetzt kein Auto fahren. Gibt es eine Freundin, die Sie anrufen könnten?«

»Hm …« Angestrengt kniff Melanie Kaiser die Brauen zusammen. »Wir sind seit einer Weile mit einem anderen Ehepaar aus der Bahnstadt befreundet. Tina arbeitet von zu Hause aus, ich könnte sie anrufen.«

»Dann tun Sie das bitte. Oder geben Sie mir die Nummer, und ich erledige das.«

Stumm nickte Melanie Kaiser und zog ein Handy aus ihrer Hosentasche. »Tina Hausmann. Die PIN zum Entsperren des Telefons ist null sechs null sechs.« Ein Schluchzen entfuhr ihr. »Unser Hochzeitstag.«

Eigentlich ein blödes Datum zum Heiraten, dachte Klara, gab die Zahlenfolge ein und suchte im Kontaktverzeichnis Tina Hausmanns Nummer. Dann wählte sie und trat aus dem Kinderzimmer hinaus in den Flur, in dem etliche gerahmte Babyfotos hingen. Die Bestatter waren mittlerweile im Wohnzimmer angekommen.

Nach dreimaligem Klingelton meldete sich eine Frauenstimme. »Hallo, Melanie, wie geht’s?«

»Frau Hausmann?«, fragte Klara.

»Ja?«

»Hier ist Klara Haag, Kripo Heidelberg. Ich rufe im Namen von Frau Kaiser an und würde Sie bitten, zu ihr zu kommen, sofern es Ihnen möglich ist.«

»Kripo? Ist etwas passiert?« Die Stimme klang erschrocken.

»Ja, Frau Kaiser braucht jemanden, der sich um sie und ihren Sohn kümmert. Ansonsten müsste sie der Arzt in die Klinik mitnehmen.«

»Klinik? Was ist denn los?«

»Frau Hausmann, das erkläre ich Ihnen ungern am Telefon. Können Sie in den nächsten fünfzehn Minuten etwa zur Wohnung der Kaisers kommen?«

»Ja, sicher«, klang es zögerlich an Klaras Ohr. »Ich komme sofort.« Tina Hausmann legte auf.

Aus dem Wohnzimmer kam Sebastian auf Klara zu. »Wie geht es Melanie Kaiser?«, fragte er. »Hast du was erfahren?«

»Bislang nichts Brauchbares. Ihr Mann verstand sich mit allen gut, keine Konflikte im Job oder privat.«

»Thoralf Kaiser war kein Zufallsopfer, davon können wir ausgehen. Irgendein Problem wird es wohl in seinem Leben gegeben haben.« Skeptisch runzelte Sebastian die Stirn. »Hast du den Messerblock in der Küche gesehen?«

Klara nickte.

»Wieso dann das Grillbesteck? Ich meine … Messer und Gabel? Hat das etwas zu bedeuten?«

»Weiß nicht. Kann sein.«

»Monika meinte, dass Kaiser vermutlich zuerst niedergeschlagen und dann erstochen wurde.« Sebastian trat einen Schritt näher an Klara heran, sie roch seinen Duft.

»Was ist mit den Nachbarn?«, fragte sie. »Hat jemand was beobachtet?«

»Einige Kollegen haben mit der Befragung begonnen. Aber sicher sind um diese Zeit nicht alle Bewohner anzutreffen.«

»Vom Haus nebenan kann man direkt auf den Balkon und unter Umständen auch in die Wohnung sehen«, sagte Klara. Die einzelnen Gebäude an der Promenade standen relativ nah beieinander, getrennt von einem breiteren Weg und etwas Grün.

»Es sei denn, die Rollos sind dicht«, erwiderte Sebastian.

»Dann hätte der Täter sie allerdings nach der Tat hochgezogen. Wozu das?«

Sebastian zuckte mit den Schultern.

»Hallo. Ich bin Tina Hausmann. Jemand von der Polizei hat mich angerufen.« Eine hohe Frauenstimme klang vom Eingang zu den beiden Hauptkommissaren herüber.

Klara drehte sich um. »Ist in Ordnung«, sagte sie.

Der Streifenbeamte an der Wohnungstür ließ Tina Hausmann eintreten.

Sie kam langsam näher, hellblondes Haar fiel schulterlang über den Kragen ihres beigefarbenen Trenchcoats. »Wo ist Melanie, was ist passiert?«

Tina Hausmann hatte ein klassisch schönes Gesicht mit vollen dunkelroten Lippen, hohen Wangenknochen und einer schmalen, geraden Nase. Wahrscheinlich drehten sich die Männer nach ihr um. Sebastian allerdings konnte einfach geradeaus gucken, und das tat er auch. Klara registrierte aus den Augenwinkeln seinen verhalten taxierenden Blick.

»Frau Kaiser ist gerade im Kinderzimmer«, sagte er. »Können Sie uns bitte ein paar Fragen beantworten, bevor Sie zu ihr gehen?«

»Ja, natürlich«, kam es aus dem schimmernden Lippenpaar. »Wurde etwa eingebrochen?«

Die muss doch den Leichenwagen vor der Tür gesehen haben, dachte Klara. Wieso eingebrochen?

»Nein, Frau Hausmann. Thoralf Kaiser wurde ermordet«, antwortete Sebastian.

»Oh mein Gott.« Tina Hausmann verlor fast das Gleichgewicht. Sie stützte sich an der Flurwand ab. »Etwa hier in der Wohnung?«

Wo sonst?, fragte sich Klara, bei dem ganzen Aufgebot an Polizei. Aber die Leute stellten oft unlogische Fragen, wenn sie schockiert waren.

»Offensichtlich«, sagte Sebastian. Seine Stimme klang in Klaras Ohren tiefer als gewohnt. »Sie sind mit den Kaisers befreundet?«

»Ja, Thoralf und mein Mann arbeiten in derselben Kanzlei in Mannheim. Schon seit drei Jahren. Seit etwa zwei sind wir befreundet.«

»Welche Kanzlei?«

»›Schöller und Kollegen‹. An der Augustaanlage.«

»Mit welchen Fällen war Thoralf Kaiser dort befasst?«, wollte Sebastian wissen.

»Es ist eine größere Kanzlei, die im Prinzip alles bearbeitet. Thoralf und mein Mann Robert sind spezialisiert auf Medienrecht, Urheberrecht, so etwas. Aber mein Mann macht auch Vermögensrecht, Thoralf Arbeitsrecht.«

»Ist Ihnen etwas von Konflikten oder Auseinandersetzungen im Beruf bekannt? Schwierige Fälle, aufgebrachte Klienten?«

Eine senkrechte Falte prägte sich über Tina Hausmanns zierlichem Nasenrücken ein. »Ich weiß von nichts. Natürlich bringt das Tagesgeschäft in einer Kanzlei Auseinandersetzungen mit sich. Meines Wissens war aber alles im Rahmen.«

»Und die Ehe der Kaisers? Waren Thoralf und Melanie glücklich?«, fragte jetzt Klara.

»Oh ja. Natürlich. Sehr glücklich. Sie haben ja den kleinen Sohn. Ja. Sehr glücklich.«

Vom Wohnbereich her kamen die beiden Bestatter an, einer am vorderen, einer am hinteren Ende des Sargs. »Eenmal Platz machen bitte, die Herrschaften.«

Klara und Sebastian traten gleichzeitig vor den Rahmen der offenen Kinderzimmertür und verstellten so die Sicht in den Flur. Entsetzt presste sich Tina Hausmann die Hand auf den Mund und wandte sich mit gesenktem Kopf ab. Das blonde wellige Haar verbarg ihr Profil.

»Ich möchte zu Melanie«, stammelte sie, nachdem der Sarg vorbei war. »Ich muss ihr doch beistehen.«

»Natürlich«, antwortete Sebastian, sein Ton war warm und sanft, irgendetwas daran störte Klara. Sie trat einen Schritt nach hinten.

»Oh Melanie!« Tina Hausmann eilte an den beiden Ermittlern vorbei auf ihre Freundin zu, die immer noch mit abwesendem Ausdruck in dem Korbsessel saß. »Wie furchtbar.« Sie ging vor dem Stuhl auf die Knie und umarmte Melanie samt dem kleinen Ruben. »Ich bin für euch da.«

Klara hörte ein unterdrücktes Stöhnen, wie einen Schmerzenslaut, und konnte nicht sagen, von welcher der beiden Frauen das Geräusch gekommen war.

»Wir gehen jetzt zu uns, du kannst nicht hier in der Wohnung bleiben«, sagte Tina Hausmann. »Es ist doch in Ordnung, wenn ich Melanie mitnehme?«, fragte sie Sebastian.

»Ja, tun Sie das. Wir werden uns später noch einmal an Frau Kaiser und sicherlich auch an Sie wenden. Hinterlassen Sie uns bitte Ihre Kontaktdaten.«

Während Sebastian Anschrift und Telefonnummer aufnahm, ging Klara aus dem Raum und kam kurz darauf mit dem auf dem Esstisch sichergestellten Handy wieder.

»Frau Kaiser, ist das das Telefon Ihres Mannes?« Sie hielt den durchsichtigen Plastikbeutel hoch.

Melanie Kaiser nickte.

»Hatte Ihr Mann auch einen Zugangscode eingerichtet?«

»Ja, auch das Datum unseres Hochzeitstags.«

Keine Geheimnisse voreinander?, fragte sich Klara und brachte das Telefon zurück. Wenig später trat sie wieder in den Flur. Tina Hausmann stützte ihre Freundin, die wie eine alte, gebrochene Frau wirkte. Dabei drückte Melanie den kleinen Jungen an sich, der nun ganz still war. Langsam verließen die drei die Wohnung.

Sebastian äußerte sein typisches lapidares »Tja«. Eigentlich hatte Klara schon darauf gewartet. Nach dem »Tja« kam erst einmal nichts mehr, aber auch das war typisch.

»Das Ende eines glücklichen, erfolgreichen Mannes«, ließ er schließlich verlauten.

»Genau«, erwiderte Klara. »Der Täter oder die Täterin war allerdings mit irgendetwas weniger zufrieden.«

»Beruf oder Privatleben?«

Es war das altbekannte Frage-und-Antwort-Spiel zwischen ihnen. Manchmal war es wie ein kurzer Schlagabtausch und manchmal wie ein kunstvoll langer Ballwechsel, ernst, philosophisch, analysierend oder ironisch. Jenseits der Polizeiarbeit hatte Klara bei diesen Dialogen viel über Sebastian erfahren.

»Beides geht auch«, sagte sie.

»Klar. Wie Messer und Gabel.« Sebastian zog die Mundwinkel nach unten.

Wie Puff und Polizei, schoss es Klara in den Sinn, aber sofort wollte sie den Gedanken wieder loswerden. Das war eine andere Baustelle, und Privates und Berufliches zu vermischen war noch nie eine gute Idee gewesen.

»Lass uns aufs Revier«, sagte sie. »Der Chef wird schon warten.«

3

Klara betrachtete den Bildschirm und führte die halb volle Tasse zum Mund. Der Kaffee war kalt und zu stark. Von außen drangen die Geräusche der auf der Römerstraße vorbeifahrenden Autos in ihr Büro. Es war für Klara immer noch ein befremdliches Gefühl, dass auch nach einem Mord das Leben ganz normal weiterging. Aber was hätte es sonst tun sollen? Für ein paar Menschen hatte sich alles geändert, für den Rest der Welt nichts.

Auf der professionell aufgemachten, in Hellgrau und Blau gehaltenen Internetpräsenz der Kanzlei »Schöller und Kollegen« war Klara bis zur Seite »Unsere Mitarbeiter« gekommen. Die untereinander angeordneten Fotos zeigten sechs Anwälte und zwei Anwältinnen, die alle ein verbindliches und gleichzeitig steriles Lächeln aufgesetzt hatten. Nummer vier von oben war Thoralf Kaiser, das Bild zeigte ihn in dunklem Anzug, weißem Hemd und mit silbergrauer Krawatte. Er war glatt rasiert, gepflegt, die entblößte Zahnreihe strahlte hell und makellos.

Über Thoralf Kaiser befand sich das Konterfei seines Kollegen Robert Hausmann. Mit seinen vollen Wangen, den Lachfalten um die Augen und dem lichten braunen Haar kam er Klara rustikaler, aber auch lebenslustiger vor als die anderen Mitarbeiter.

Sie lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück und trank einen letzten Schluck bitteren Kaffee. Noch ein paar Minuten hatte sie Zeit bis zur Dienstbesprechung, die Kriminaldirektor Klaus Conrad für dreizehn Uhr angesetzt hatte.

»Was heißt eigentlich Medienrecht genau?«, fragte Klara Sebastian. »Welche Fälle vertreten die da?«

»Urheberrechtssachen, Datenschutz, eventuell auch Jugendschutz? So was in der Art?« Sebastian lugte kurz hinter seinem Bildschirm hervor. Er war dabei, das Eintreffen der Hauptkommissare am Fundort der Leiche protokollarisch festzuhalten.

»Hm.« Klara überlegte. Die Internetseite der Kanzlei war modern und ansprechend, aber trotz der aufgeführten Informationen wirkte sie beliebig und austauschbar.

Klara öffnete ein neues Fenster im Browser, gab Thoralf Kaisers Namen und Beruf in die Suchmaschine ein und ging die angezeigten Treffer durch. Es gab den Link zur Kanzleiseite, daneben Einträge in zwei beruflichen Netzwerken, einen im Branchenbuch und einen in einem Juraforum. Außerdem war eine Seite mit Anwaltsbewertungen aufgeführt. Klara klickte sich durch die Trefferliste und überflog die Texte. Alles wirkte unauffällig. Auf der Plattform mit den Bewertungen gaben die beiden für Thoralf Kaiser eingetragenen Kommentare vier von fünf möglichen Sternen, es ging um arbeitsrechtliche Fälle.

Klara wollte wissen, wer der Getötete war, hoffte, ihn über die Spuren, die fast jeder im World Wide Web hinterließ, näher kennenzulernen. Bislang wurde das Bild eines arrivierten, unbescholtenen Anwalts nicht in Frage gestellt.

Ob das für seinen Freund und Kollegen auch gilt?, überlegte Klara. Sie gab »Robert Hausmann«, »Anwalt« und »Mannheim« in die Suchmaschine ein. Wieder wurden etliche Internetseiten angezeigt. Klara klickte sich durch, ließ ihren Blick über die Texte fliegen, prüfte die in Grün gehaltenen Webseitenadressen. Plötzlich stutzte sie.

»Was ist das denn?«, murmelte sie und klickte »tantra-heartsome.de« an.

Die Seite eines Tantra-Studios öffnete sich, augenblicklich wurde der Bildschirm orange und violett. In geschnörkelter Schrift hieß man den Besucher im Tantra-Paradies »Heartsome« herzlich willkommen. Eine Mittvierzigerin mit blond gesträhnter Kurzhaarfrisur und hellblauem Lidschatten war lächelnd in Aktion. Ihre, je nach Betrachter, ansprechende bis einschüchternde Oberweite presste sich an einen Kunden, der Klara entfernt an einen Kollegen aus dem Streifendienst erinnerte.

Am linken Rand der Seite fanden sich mehrere in der Form orangefarbener Blüten gestaltete Schaltflächen – »Tantra für dich«, »Deine wahre Energie«, »Videos«, »Galerie«, »Gästebuch«.

»Was ist was denn?«, fragte Sebastian leicht zeitverzögert hinter seinem Computerbildschirm.

»Warte mal …« Klara scrollte auf der Internetseite nach unten zum Impressum. »Diese Homepage ist ein Produkt der VSE GmbH.« Darunter standen eine Kölner Adresse, der Handelsregistereintrag, die Umsatzsteuernummer und die Namen der Geschäftsführer: Stefan Braun und Gabriele Schulze.

Klara las den nächsten Absatz: »Jugendschutzbeauftragter gemäß Paragraf sieben JMStV Rechtsanwalt Robert Hausmann.« Es folgte die Adresse der Kanzlei in Mannheim.

»Ach nee«, meinte Klara. »Das musst du dir ansehen.« Sie zögerte kurz. »Also die Infos hier.«

Sebastian stand auf, kam heran und stellte sich hinter Klara.

»Der Kollege von Thoralf Kaiser ist Jugendschutzbeauftragter für die Seite eines Tantra-Studios.« Klara neigte den Kopf schräg, sodass sie Sebastian ansah. »Internetseiten mit jugendschutzrelevanten Inhalten brauchen diese Angaben ja. Aber Webseitenbetreiber ist nicht etwa die gute Fee hier, sondern eine Firma namens VSE GmbH in Köln.«

»Das ist praktisch«, erwiderte Sebastian, und es klang ein bisschen wie auf einer Tupperparty. »Damit kann die Fee anonym bleiben und muss selbst keine Anschrift im Impressum angeben. Sieh mal nach, was VSE noch so macht.«

Klara gab den Firmennamen ein und überflog die angezeigten Seiten. Bei der VSE GmbH handelte es sich offenbar um eine Medienagentur, die sich auf Webpräsenzen mit erotischen Inhalten spezialisiert hatte. Klara öffnete die Seite des Unternehmens, sofort sprang ihr der breit gesetzte Slogan »Marketing mit Lust« ins Auge. Das Unternehmenskonzept wurde mit freizügigen, sich überblendenden Fotos verdeutlicht, die von Kundenseiten stammten: FKK-Clubs, Bordelle, Massagestudios.

Am unteren Seitenrand befand sich ein breites Banner – »Wir bilden aus«. Man dachte auch an die Nachwuchsförderung.

»Ist Robert Hausmann noch bei anderen Etablissements, die VSE-Kunden sind, der Jugendschutzbeauftragte?«, meinte Sebastian und beugte sich ein Stück näher zu Klara herunter. »Vielleicht gibt es so etwas wie eine Paketlösung. Webseite und Anwalt.«

»Das Rundum-sorglos-Paket?«, fragte Klara und gab mehrere Suchwörter zusammen ein.

»Allerdings wird auf manchen Internetseiten das Impressum nicht mit indexiert, sodass die Suchmaschinen die Informationen daraus erst einmal nicht erfassen. Der Programmierer der Seite kann das so einrichten.«

»Woher weißt du das denn?«, fragte Klara.

»Hab ich mal gelesen. Aber schau, da unten, Robert Hausmann und die Seite ›Sauna-fuer-dich.de‹.«

Klara rief die Internetpräsenz auf. Bei den Angaben zum Impressum fand sich das gleiche Muster: das Unternehmen VSE und Robert Hausmann als Jugendschutzbeauftragter.

Sie ging noch einmal zu den Suchergebnissen. In den Trefferlisten gab es fünf weitere einschlägige Seiten, die gleiche Angaben aufwiesen.

»Ob Thoralf Kaiser ebenfalls solche Mandanten hatte?« Sebastian rieb sich über seinen Dreitagebart.

Klara nahm das vertraute Geräusch dicht neben ihrer Wange wahr. »Bei ihm habe ich nichts dergleichen gefunden, aber wir sollten uns das noch einmal genauer ansehen.« Ein paar Sekunden lang fixierte sie schweigend den Bildschirm vor sich. »Hat deine Erbschaft eigentlich auch eine Internetseite?«, hörte sie sich plötzlich selbst fragen. Es war einfach so über ihre Lippen gekommen, und im selben Moment ärgerte sie sich schon über ihren angesäuerten Ton.

»Keine Ahnung«, sagte Sebastian.

»Ach Quatsch. Erzähl mir nicht, du hättest noch nicht nachgeschaut.«

»Ja, okay, kurz. Es gibt eine Seite.«

»Am Ende bist du auch Kunde von VSE und Robert Hausmann.«

»Unwahrscheinlich. Aber es geht auch nicht um mich, Klara. Allenfalls um einen Betrieb, mit dem ich bis vor drei Tagen rein gar nichts zu tun hatte.«

»Jaja.« Klara fühlte sich unwohl und wand sich so aus ihrem Bürostuhl, dass sie Sebastian nicht berührte. »Wir müssen rüber, die Besprechung beginnt.«

Gemeinsam verließen sie das Büro. Auf dem Flur kam ihnen Harald entgegen.

»Na, ihr zwei Hübschen, habt ihr schon eine heiße Spur?« Er hustete, und es klang, als könnten ihn nur noch kalter Entzug und sechs Wochen Nordseeluft vor dem sehr nahen Ende bewahren. Dann zwinkerte er Klara und Sebastian zu. »Conrad hat Schweißflecken unter den Armen. Es sind schon an die zwanzig Anrufe von besorgten Bahnstädtern eingegangen.«

Immer wieder hatte Klara in den letzten Jahren gerätselt, wie die Hemden des Chefs auch am Ende eines anstrengenden Arbeitstages wie frisch gebügelt und gerade erst angezogen aussehen konnten. Schweißflecken klangen gerade beruhigend normal.

»Die Kanzlei, in der Thoralf Kaiser arbeitete, hat Kontakte ins Rotlichtmilieu«, bemerkte Sebastian an Harald gewandt.

»Mach Sach. Wie das denn?«

»Sie stellt den Jugendschutzbeauftragten für etliche Pornoseiten.«

Harald pfiff durch seine gelben Zähne. »Da könnte doch eine Spur sein. Zwischen Puff-Laken findet sich immer was.«

»Ist das nicht ein bisschen zu viel Klischee?« Sebastian verschränkte die Arme vor der Brust. »Heute ist das doch alles mehr wie … Erlebnisgastronomie.«

»Was?«, fragten Klara und Harald gleichzeitig. Klara sah Sebastian verständnislos an.

»Na ja, die meisten sind doch längst raus aus der Schmuddelecke. Guck dir doch die Läden in Heidelberg an. Bio-Bordell, Passivhaus-Puff, clean und schick.«

Sebastian hatte recht. Als ein großes deutsches Boulevardblatt über Heidelbergs Öko-Freudenhaus titelte, hatte das zu einiger Erheiterung auf dem Revier in der Römerstraße geführt. Bei der Angelegenheit ging es natürlich auch um einen Imagewechsel der Etablissements. Klara wollte das allerdings nicht ausgerechnet von Sebastian in Erinnerung gerufen bekommen.

Die drei Ermittler kamen in den Besprechungsraum mit den u-förmig gestellten weißen Tischen und der großen Wandtafel an der Frontseite. Der ältere Beamte, der als Hobbyfotograf bereits die Wände der Gänge mit Landschaftsbildern verzierte, hatte mittlerweile auch in dem einst sterilen Konferenzraum einige gerahmte Fotos untergebracht. Sie zeigten bewaldete Hügel im Sonnenaufgang. Oder -untergang.

Mehrere Kollegen saßen an den Tischen. Kurz nach Klara, Sebastian und Harald betrat Kriminaldirektor Klaus Conrad den Raum, gefolgt von seinem Stellvertreter Horst Maibaum. Klara lugte auf Conrads Hemd – es war makellos und sah wie frisch gebügelt aus. Leicht irritiert nahm sie zwischen Harald und Sebastian Platz.

»Gut. Oder besser gesagt nicht gut«, begann der Chef, stellte sich vor die weiße Tafel und öffnete einen der dicken Filzschreiber, mit dem er »Thoralf Kaiser« auf die blanke Fläche schrieb. Dahinter notierte er »22 bis 0 Uhr« als angenommenen Todeszeitpunkt.

»Den ersten Ergebnissen aus der Rechtsmedizin nach wurde das Opfer zunächst mit einer sichergestellten Pfeffermühle aus Marmor niedergeschlagen. Die Kopfverletzung wurde von Frau Professor Hansen als noch nicht tödlich eingestuft. Sodann hat der Täter zwei Teile eines Grillbestecks in unmittelbarer Folge in den Rücken des Opfers gerammt. Der Stich des Messers war letal, es drang bis in den linken Lungenflügel und den Herzbeutel vor. Die beiden kleineren Stichkanäle der Gabel sind nur fünf Komma fünf Zentimeter lang, verletzten allerdings eine Arterie, sodass starke Einblutungen erfolgten.« Conrad machte Notizen an die Tafel. »Aufgrund der Analyse der insgesamt drei Stichkanäle mittels der etablierten bildgebenden Verfahren kann von einem etwa einen Meter fünfundsiebzig bis einen Meter fünfundachtzig großen, rechtshändigen Täter ausgegangen werden.«

»Jou«, grummte Harald neben Klara. »Ziemlicher Durchschnitt.«

»Die bislang befragten Nachbarn des Getöteten haben in der Tatnacht oder am Abend keine weitere Person in der Wohnung der Kaisers oder in Begleitung des Opfers gesehen«, fuhr Klaus Conrad fort. »Jedoch wurden nicht alle Bewohner der Nachbarschaft angetroffen. Frank und Nicole, ihr seid für die möglichst lückenlose Befragung verantwortlich.«

»In Ordnung«, antwortete Nicole Neubert, eine junge, ehrgeizige Beamtin. Seit ihre Frau vor ein paar Wochen ein Baby zur Welt gebracht hatte, wirkte sie allerdings häufig unausgeschlafen.

»Wir brauchen mehr Informationen zum Umfeld von Thoralf Kaiser«, erklärte Conrad. »Die Sachlage gibt Hinweise darauf, dass sich Täter und Opfer kannten. Harald und Herr Maibaum kümmern sich bitte um die Befragung seiner Familienangehörigen, Eltern, Geschwister und so weiter. Außerdem muss überprüft werden, ob Frau Kaiser zur Tatzeit wirklich in Karlsruhe bei ihren Eltern war.« Conrad schrieb »Melanie Kaiser« an die Wandtafel und setzte ein Fragezeichen dahinter. »Klara, Sebastian, ihr fahrt zum Arbeitgeber des Getöteten.«

»Chef, wir haben da was gefunden.« Sebastian streckte seine langen Beine, die in ziemlich großen Turnschuhen endeten, aus.

»Ach ja?«, fragte Conrad auffordernd.

In wenigen Sätzen berichtete Sebastian über den von der Kanzlei »Schöller und Kollegen« angebotenen Service, Jugendschutzbeauftragte zu stellen.

»Dann findet heraus, ob der Getötete ebenfalls in dem Bereich tätig war. Daneben müssen wir seine E-Mail-Kommunikation auswerten … und lasst euch die Fälle der letzten sechs Monate geben, die er vertreten hat. Sprecht mit seinem Chef und seinen Kollegen, vor allem auch mit diesem Freund, Robert Hausmann.« Conrad schrieb weitere Stichpunkte an die Tafel. »Also, an die Arbeit. Das Letzte, was wir in der Bahnstadt brauchen, sind Kapitalverbrechen.« Mit zwei Fingern lockerte er seinen Hemdkragen.

»Brauchen wir die etwa irgendwo anders?«, raunte Harald neben Klara, und eine nikotinschwangere Atemwolke wehte zu ihr herüber. Doch sicher wusste auch er, was Conrad meinte. In diesem Vorzeigestadtteil, der weltgrößten Passivhaus-Siedlung, in der das enge, vertrauensvolle Zusammenleben der Bewohner im Konzept festgeschrieben worden war, machte sich ein Mord wirklich schlecht.

Klara und Sebastian standen auf und verließen mit einem kurzen Abschiedsgruß den Raum.

»Auf nach Mannheim.« Sebastian legte Klara die Hand auf die Schulter. »Sicher hat Tina Hausmann ihren Gatten Robert schon von dem tragischen Geschehen unterrichtet.«

4

Klara konnte ihren Blick kaum von dem Bild abwenden. Wieso hängt der sich das ins Büro?, fragte sie sich.

Sie kannte das Gemälde, hatte das monumentale Original vor etlichen Jahren im Pariser Louvre gesehen, als sie dort mit Jan gewesen war, noch vor der Geburt ihrer Tochter Josephine. »Das Floß der Medusa« von Géricault – eines der großen Meisterwerke der französischen Malerei. Der Vorfall, den es abbildete, war weniger rühmlich. Klara hatte in einem Ausstellungskatalog darüber gelesen. Nachdem die Fregatte »Méduse« Anfang des 19. Jahrhunderts vor der Westküste Afrikas auf einer Sandbank aufgelaufen war, baute die Besatzung ein großes Floß aus Masten und Rahen der Medusa. Es sollte von den sechs Beibooten, in denen nur wenige Männer Platz hatten, an Land gezogen werden. Doch schon nach kurzer Zeit kappte man von den Booten aus die Leinen und überließ das Floß mit etwa hundertfünfzig Männern darauf dem Atlantik. Wenige Tage später kam es zu Kannibalismus, unvorstellbare Szenen spielten sich ab. Nach fast zwei Wochen konnten nur noch fünfzehn Männer gerettet werden. Die Besatzung des herankommenden Schiffes hielt die an Mast und Seilen des Floßes befestigten Fetzen für Stoff oder Segelteile, doch es waren Stücke von Menschenfleisch, die zum Trocknen dort aufgehängt worden waren.

»Selbstverständlich bin ich gern bereit, Ihnen Auskunft zu geben.« Markus Schöller, der Chef der Anwaltskanzlei, hatte die Hände auf der spiegelnden Glasplatte seines Schreibtischs gefaltet. »Wir sind absolut schockiert über den Tod unseres Mitarbeiters. Er war seit drei Jahren zu unserer vollsten Zufriedenheit für die Kanzlei tätig.« Schöllers kahler Schädel glänzte, ähnlich wie der seidige Stoff des dunkelgrauen Maßanzugs.

Alles so glatt, dachte Klara. Doch dann waren da die fast pyramidenförmig aufgetürmten Leiber hinter dem Anwalt, Verzweifelte, Tote und Sterbende unter einem dunklen, wolkenverhangenen Himmel.

»Wir brauchen von Ihnen umfassende Auskunft über die Fälle, die Thoralf Kaiser in den letzten sechs Monaten bearbeitet hat«, sagte Sebastian. »Die Sichtung der E-Mail-Kommunikation und die der brieflichen Korrespondenz eingeschlossen.«

»Natürlich. Den entsprechenden richterlichen Beschluss legen Sie mir vor?«

»Natürlich«, entgegnete Sebastian. »Aber es wäre hilfreich, wenn Sie uns bereits einen Einblick geben könnten. Gab es besonders konfliktträchtige Fälle? Aggressive Mandanten, sehr hohe Streitwerte, Verbindungen zu organisierter Kriminalität?«

»Herr Kaiser war nicht mit Strafrechtsangelegenheiten befasst«, antwortete Markus Schöller, und ein angedeutetes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. »Auch nicht mit organisierter Kriminalität.« Die dunklen Augen blieben fest auf Sebastian gerichtet. Das kantige Gesicht, von einigen tiefen Falten durchfurcht, wirkte hart, aber die ruhige Selbstsicherheit des Anwalts gab ihm eine gewisse Attraktivität. »Von aggressiven Mandanten, wie Sie es nennen, weiß ich nichts. Herr Kaiser arbeitete professionell und kundenorientiert. Er war ein von allen sehr geschätzter Kollege, der stets bemüht war, das Optimum für die Mandantschaft zu erreichen.«

Abandonnons-les! – Lasst sie uns aufgeben! –, sollen die Offiziere auf den Beibooten gerufen haben, bevor sie die Leinen zu dem Floß kappten. Mahnt das Gemälde einen engagierten Anwalt, niemanden aufzugeben?, fragte sich Klara. Oder ist genau das Gegenteil gemeint?

»Wissen Sie, ob Herr Kaiser private Sorgen hatte, finanzielle Schwierigkeiten, Eheprobleme? So etwas ist ja oft am Arbeitsplatz bekannt.« Sebastian versuchte weiter, der glatt polierten Fassade ein paar nützliche Informationen zu entlocken.

»Das Privatleben meiner Mitarbeiter geht mich nichts an.«

»Einer Ihrer Mitarbeiter, Robert Hausmann, ist der Jugendschutzbeauftragte für mehrere Internetseiten mit pornografischen Inhalten«, fuhr Sebastian fort.

»Und?«

»Hatte Thoralf Kaiser ebenfalls Kontakte ins Rotlichtmilieu?«

»Das entzieht sich meiner Kenntnis.«

»Bitte, Herr Schöller, Sie wissen, wovon ich spreche.«

»Es ist eine völlig normale anwaltliche Tätigkeit, als Jugendschutzbeauftragter im Kontext entsprechender Internetseiten zu fungieren. Unsere Vertragspartner sind hier auch nicht die Besitzer der jeweiligen Etablissements, sondern die VSE GmbH, eine Medienagentur mit Sitz in Köln, die jeweils als Webseitenbetreiber fungiert.«

»Herr Kaiser stand in keinem beruflichen Kontakt zu dieser Medienagentur?«, hakte Sebastian nach.

»Nein. Ansprechpartner für die Agentur ist Herr Hausmann.«

Klara war seinerzeit in Paris fasziniert gewesen vom »Floß der Medusa«. Nicht weil ihr das Bild so gut gefiel, sondern weil sich dahinter diese besondere Geschichte verbarg. Das Gemälde selbst schien zunächst eine wenig bedeutsame Szene irgendeines Schiffbruchs zu zeigen, gemalt im Stil des 18., 19. Jahrhunderts. Man war versucht, es für einen dieser »alten Schinken« zu halten, wie sie hundertfach in Museen hingen. Tatsächlich aber zeigte es viel mehr: tiefste Abgründe menschlicher Existenz.

Es kam immer auf die Geschichte dahinter an.

»Gut, Herr Schöller«, meinte Sebastian mit betont freundlicher Stimme. Es war seine »Der nette Kerl von nebenan«-Stimme, die er vorzugsweise gebrauchte, wenn er von jemandem die Nase voll hatte. »Dann möchten wir jetzt gern mit Robert Hausmann sprechen. Wo finden wir ihn?«

»Über den Gang, die letzte Tür rechts.«

»Vielen Dank.« Sebastian erhob sich.

Klara zögerte noch einen Moment. »Warum haben Sie sich ausgerechnet dieses Gemälde ins Büro gehängt?«, fragte sie an den Anwalt gewandt.

»Weil es mir gefällt.« In Markus Schöllers Miene regte sich nichts.

»Gefällt?«, fragte Klara.

»Ja. Oder welche Gründe haben Sie, ein Bild aufzuhängen?«

»Zum Beispiel den, dass mir das Motiv oder die Geschichte, die erzählt wird, etwas bedeutet.«

»Ach? So kompliziert denke ich nicht.« Über Schöllers schmale Lippen huschte ein Lächeln.

Blödmann, hätte Klara am liebsten geantwortet. Sie stand auf und verließ grußlos den Raum. Sebastian wurde noch ein joviales »Bis bald« los und folgte ihr. Über den marmorgefliesten Flur gingen sie hinüber zu Robert Hausmanns Büro.

5

»Psst, nicht so laut, Melanie und der Kleine schlafen.« Tina Hausmann führte den Zeigefinger an die vollen Lippen, ihr Mann goss gerade das bauchige Rotweinglas zum dritten Mal ein.

»Ermordet. In seiner eigenen Wohnung. Bei uns nebenan.« Hastig trank Robert Hausmann zwei Schlucke und stellte das Glas energisch auf dem Küchentisch ab, die teure Lampe aus gebürstetem Stahl warf einen warmen Lichtkegel auf die Platte. »Natürlich war heute die Polizei schon bei mir in der Kanzlei und wollte alles Mögliche wissen.«

»So?«

»Das kannst du dir doch denken, oder? Ob Thoralf Probleme hatte, beruflich oder privat, welche Fälle er bearbeitet hat, mit welchen Mandanten er zu tun hatte.« Robert trank noch einen Schluck. »Ob er glücklich war in seiner Ehe.«

»Was hast du geantwortet?« Prüfend sah Tina ihren Mann an.