• Herausgeber: GMEINER
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2017
Beschreibung

Baden 1847. Als sich in Offenburg Demokraten aus ganz Baden treffen, ahnt Anna nichts von der bevorstehenden Revolution. Doch bald müssen sie, ihr Bruder Franz und ihre Freundin Luise zwischen Aufständen, Barrikadenkämpfen und Besatzungstruppen ihren Weg finden. Gleichzeitig sucht ein „Radikalenmörder“ die Stadt heim und hinterlässt junge Männer mit durchschnittener Kehle, bevor er spurlos verschwindet. Und dann ist da noch ein preußischer Spitzel, dessen Lächeln Annas Herz schneller schlagen lässt …

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Seitenzahl: 418

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Gitta Edelmann

Badisches Wiegenlied

Historischer Roman

Impressum

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www.gmeiner-verlag.de

© 2017 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2017

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung einer Lithografie von Frédéric Sorrieu, 1848: © ullstein bild – Roger-Viollet

ISBN 978-3-8392-5270-3

Badisches Wiegenlied

Schlaf, mein Kind, schlaf leis, dort draußen geht der Preuß;

deinen Vater hat er umgebracht,

deine Mutter hat er arm gemacht,

und wer nicht schläft in guter Ruh,

dem drückt der Preuß die Augen zu.

Schlaf, mein Kind, schlaf leis, dort draußen geht der Preuß.

Schlaf, mein Kind, schlaf leis, dort draußen geht der Preuß.

Der Preuß hat eine blut’ge Hand,

die streckt er übers bad’sche Land,

wir alle müssen stille sein,

als wie dein Vater unterm Stein.

Schlaf, mein Kind, schlaf leis, dort draußen geht der Preuß.

Schlaf, mein Kind, schlaf leis, dort draußen geht der Preuß.

Zu Rastatt auf der Schanz,

da spielt er auf zum Tanz,

da spielt er auf mit Pulver und Blei,

so macht er alle Bad’ner frei.

Schlaf, mein Kind, schlaf leis, dort draußen geht der Preuß.

Schlaf, mein Kind, schlaf leis, dort draußen geht der Preuß.

Gott aber weiß, wie lang er geht,

bis dass die Freiheit aufersteht,

und wo dein Vater liegt, mein Schatz,

da hat noch mancher Preuße Platz.

Schrei, mein Kindlein, schrei’s: Dort draußen liegt der Preuß!

»Badisches Wiegenlied« – bekanntes antipreußisches Lied aus der Revolutionszeit (1849)

1. Kapitel

Offenburg, 12. September 1847

Die Stadt war voller Fremder; aus allen Himmelsrichtungen waren sie nach Offenburg angereist: mit der Eisenbahn, mit Kutschen und Wagen, zu Pferd oder zu Fuß. Anna hatte der Messe am Morgen in der Kirche kaum folgen können, sie war viel zu aufgeregt.

Nun stand sie vor dem Spiegel, summte eine fröhliche Melodie vor sich hin und zog ihr kariertes Kleid mit dem Spitzenbesatz am Rock glatt. Wie hatte ihr Bruder Franz noch am Frühstückstisch gesagt? »Heute wird Geschichte geschrieben!«

Sie musterte ihre streng zurückgeflochtenen Locken und steckte zur Sicherheit zwei weitere Haarnadeln in den Knoten am Hinterkopf. Das würde hoffentlich eine Weile halten.

»Anna? Du bist noch nicht weg?«, rief ihre Mutter aus der Küche, als die Treppe unter Annas Füßen knarrte.

»Doch, jetzt gleich!«

»Der Franz ist schon längst unterwegs.«

Anna griff nach dem Schutenhut, setzte ihn vorsichtig auf und band die blauen Bänder zur Schleife.

»Der Franz wollte sich ja vorher auch noch mit seinen Freunden treffen, ich geh direkt in den Salmen. Dann ade, bis später, Mama!«

»Ade, und grüß die Frau Trautvetter von mir.«

Anna zog die Tür hinter sich zu und eilte zum Gasthaus Salmen.

»Da bin ich! Was soll ich tun?«, rief sie und sah sich suchend in der Küche um. Hier blubberten und garten die Speisen in großen Töpfen, während mehrere Köche dem Küchenpersonal Anweisungen zuriefen. Es duftete nach angebratenen Zwiebeln und Speck.

»Probieren?«

»Untersteh dich!« Frau Trautvetter, die Wirtin, drohte Anna, konnte sich aber ein Lächeln nicht verkneifen. »Die Tische kannst du decken helfen, wir haben über zweihundert Anmeldungen fürs Mittagessen. Und wenn die Leute nachher zur Versammlung kommen, kannst du den Herren die Hüte abnehmen. Das schaffst du sicher besser als die Resi. Und …«

Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und seufzte. »Luise ist immer noch nicht da. Dabei hat sie’s mir gestern versprochen.«

»Vielleicht muss sie wieder ihrem Vater helfen.«

»Das ist nicht recht, die Arbeit eines Arztes sollte eine Frau nicht tun«, sagte Frau Trautvetter und kniff ihre Lippen zusammen.

Anna hob die Achseln. Luise war eben so. Sie wäre besser ein Junge geworden. Oder ihr kleiner Bruder und ihre Mutter hätten einfach nicht sterben dürfen, dann wäre sie sicher weiblicher erzogen worden. Aber Luise war immer hilfsbereit und eine treue Freundin, da konnte man ihr so manches nachsehen.

Tatsächlich hatten Frau Trautvetter und Anna erst wenige Gedecke auf die Tische gelegt, als Luise ihnen zu Hilfe kam. Erleichtert atmete die Wirtin auf.

»Wie viele Leute kommen wohl zu dieser Versammlung, wenn allein schon zweihundert zum Essen kommen?«, fragte Luise und griff nach dem Besteck.

»Sehr viele«, antwortete die Wirtin. »Guckt mal, hier.«

Sie ging hinüber zum Geschirrschrank und holte ein zerlesenes Wochenblatt aus der Schublade.

»Mein Mann hat nicht nur Flugblätter verteilen lassen, es steht auch in der Zeitung«, sagte sie stolz und las die Anzeige vor: »Am nächsten Sonntag, dem zwölften September, mittags ein Uhr, findet im hiesigen Gasthause zum Salmen eine Versammlung von Verfassungsfreunden aus verschiedenen Teilen des Landes statt, zum Zwecke gegenseitiger Besprechung und Verständigung.«

»Mein Bruder kommt natürlich auch«, sagte Anna und rückte einen Teller zurecht. »An der Universität in Freiburg reden sie scheint’s von nichts anderem mehr. Alle wollen diesen Hecker sprechen hören.«

»Aber selbst dieser Hecker wird zuerst was essen müssen, also beeilen wir uns.«

Luise und Anna halfen nicht zum ersten Mal bei einer großen Veranstaltung im Salmen aus. Doch heute würden sie nicht nur ein wenig Geld verdienen, sondern auch die Gelegenheit haben, dem einen oder anderen berühmten Redner zu lauschen. Der Wirt machte sicher ein gutes Geschäft, überlegte Anna. Und vielleicht kam ja mit all den Gästen ein gutaussehender, reicher junger Mann in den Salmen, der sich auf den ersten Blick in sie verliebte …

»Fertig!«, rief Luise.

Anna zuckte zusammen.

»Na, hast du wieder von deinem Prinzen geträumt?«, fragte Luise.

Anna streckte ihr kurz die Zunge raus. Luise lachte. Ja, wer wusste schon, was dieser wunderschöne Tag noch bringen würde und welche Menschen, die sie heute zum ersten Mal sahen, in ihrer Zukunft vielleicht eine Rolle spielen würden?

2. Kapitel

Es kamen tatsächlich viele Leute zu der Versammlung der Verfassungsfreunde. Es mussten über 800 sein, die sich in den Salmensaal drängten, Anna hatte das Zählen bereits bei 117 aufgegeben. Alle Klassen waren vertreten: Handwerksgesellen, Fuhrleute und Bauernknechte ebenso wie honorige Bürger. Luises Vater, Doktor Rasch, kam mit dem Gemeinderat Apotheker Rehmann, direkt gefolgt vom Herrn Bürgermeister Rée. Dazu waren dank der Eisenbahn, deren Strecke nun schon von Mannheim bis Schliengen fertig war, viele Mannheimer und Heidelberger gekommen, die man leicht an ihrer Sprache erkennen konnte. Und – Anna war überrascht – sogar eine ganze Menge Frauen.

»Ich hoffe, du kommst nicht auf so wilde Gedanken wie die Frau vom Struve«, sagte eine Stimme hinter ihr. »Die meint doch tatsächlich, Frauen bräuchten auch alle möglichen Rechte.«

»Franz! Jetzt hast du mich aber erschreckt!« Anna drehte sich zu ihrem Bruder um. »Du bist spät dran. Es ist schon ganz schön voll. Ah, guten Tag, Erwin, wie geht’s? Lang nicht gesehen.«

Erwin, Franz’ Freund und Studienkollege, grinste.

»Ja, in Freiburg gibt es eben auch hübsche Mädchen, also muss ich nicht ständig zurück nach Offenburg kommen.«

»Oho – du wirst mir doch nicht untreu werden?« Luise stand plötzlich neben ihnen und streckte Erwin die Hand hin.

»Aber nie im Leben!«, versicherte Erwin und deutete einen Handkuss an. »Nicht, nachdem du mir das Leben gerettet hast, liebste Luise.«

»Na ja, ich hab damals den Schnitt an deiner Hand verbunden, aber vielleicht hätte ich besser nach deinem Kopf schauen sollen?«

»Wieso – da ist alles in Ordnung, wäre ich sonst hier bei den Verfassungsfreunden?«

»Dann guckt mal, ob ihr noch einen Platz findet«, empfahl Anna mit einem Blick auf einen jungen Mann, der sich energisch durch die Menge schob.

»Ich steh lieber an der Tür«, erklärte ihr Bruder, »so kann ich zwischendurch schnell mal nach draußen und mir ein Bier holen. Was meinst du, Erwin?«

»Hervorragende Idee!«

»Da kommt der Rudi«, sagte Luise. »Das überrascht mich jetzt.«

Ein junger, hagerer Mann mit hervorstehendem Adamsapfel verbeugte sich kurz vor ihr.

»Fräulein Rasch.«

»Ach Rudi, sei nicht so förmlich«, wehrte Luise ab. »Wir kennen uns doch schon ewig.«

Rudi Müller nickte ernst. »Aber früher warst du ein kleines Mädchen und jetzt bist du eine junge Dame.«

Luise lächelte.

»Mach ihm keine falschen Hoffnungen, der hat sowieso ein Auge auf dich geworfen«, flüsterte Anna ihr zu, als Rudi weitergegangen war. »Oder gefällt er dir?«

Luise grinste. »Ich werde ganz bestimmt keinen Metzgergesellen heiraten, wenn ich überhaupt je heiraten sollte«, flüsterte sie zurück. »Aber irgendwie ist er putzig, der dünne Stock.«

Anna schüttelte den Kopf.

»Ruhe, ihr Klatschbasen, gleich geht es los«, mahnte Franz.

Luise nickte und machte sich auf den Weg hinauf zur Galerie, auf der viele Frauen Platz gefunden hatten. Von dort aus konnte sie sicher besser hören und sehen. Anna blieb mit Erwin und Franz bei der Tür stehen.

Es war schrecklich eng und heiß in dem Saal, was das Zuhören nicht leicht machte. Anna ertappte sich dabei, dass stattdessen ihre Augen über die Anwesenden glitten und bei gut aussehenden jungen Männern stets ein bisschen länger verweilten.

Mhm. Durch diese Versammlung waren eine ganze Menge interessanter Fremder nach Offenburg gekommen. Und als Oppositionelle waren sie hier auch sehr willkommen. Schließlich war der Bürgermeister selbst eines der größten Talente auf Seiten der Opposition, wie ihr Vater immer sagte. Und tatsächlich gelang es Bürgermeister Rée mit seiner kurzen Ansprache sofort, Ruhe und Ordnung einkehren zu lassen.

Annas Blick schweifte weiter. Die zwei Männer da hinten waren bestimmt Eisenbahner. Und der da drüben war vielleicht ein Zeitungsreporter. Oder gar ein Spitzel? Franz hatte vermutet, dass sich Spitzel des Großherzogs einschleichen würden. Anna beobachtete den blonden jungen Mann, der sich an die rechte Wand gelehnt hatte. Immer wieder guckte er sich um und machte eifrig Notizen. Plötzlich sah er ihr direkt in die Augen. Sein linker Mundwinkel verzog sich zu einem halben Lächeln. Annas Magen sackte ein Stück ab, wie damals, als der Nachbar sie beim Kirschenklauen erwischt hatte, und sie merkte, wie ihr Gesicht heiß wurde.

Schnell blickte sie nach vorn zur Bühne. Das also war dieser Struve, von dem alle sprachen! Der Mann am Rednerpult war wohl um die vierzig Jahre alt und trug einen vollen Bart, während sein Haupthaar an den Seiten der Stirn bereits deutlich zurückwich. Er forderte energisch, die Fürsten sollten ihre schon vor langer Zeit gemachten Versprechungen endlich erfüllen.

Gut reden konnte er. Na ja, er war ja in Mannheim Obergerichtsadvokat und zudem noch Journalist, da konnte man das erwarten.

Welches wohl seine Gattin war, von der Franz vorhin gesprochen hatte? Die glaubte, Frauen müssten eigene Rechte eingeräumt bekommen? So etwas war ganz in Luises Sinn, die hatte manchmal auch solch verquere Ideen. Anna reckte den Kopf. Die Brünette da vorne vielleicht, die mit den langen Korkenzieherlocken? Obwohl die ziemlich jung aussah. Andererseits war ein Altersunterschied von 20 Jahren zwischen Eheleuten keine Seltenheit. Anna selbst konnte es sich allerdings nicht vorstellen, einen Mann zu heiraten, der ihr Vater hätte sein können.

Unwillkürlich fiel ihr Blick noch einmal auf den blonden Mann, der zustimmend nickte, als Struve verkündete, man würde mit allen verfassungsmäßigen Mitteln kämpfen, um die verletzte Verfassung wiederherzustellen.

»Gleich plumpst Großherzog Leopold runter!«, sagte Franz und deutete auf das Bildnis des badischen Großherzogs, das sinnigerweise direkt hinter der Rednertribüne hing.

»Pst!«, machte Anna, denn ein paar Zuhörer hatten die Bemerkung gehört und sahen missbilligend zu ihnen herüber.

»Es gilt, den gerechten Forderungen des Volkes Nachdruck zu verschaffen gegen die Übergriffe einer finsteren Reaktionspartei!«, rief Struve und beendete seine Rede.

Stürmischer Beifall brauste auf und Anna war froh, so nahe an der Tür zu stehen und nun leicht hinausschlüpfen zu können.

»Wie sieht’s aus?«, fragte der Salmenwirt.

»Eng und heiß«, antwortete Anna. »Die haben nachher sicher alle großen Durst.«

Georg Trautvetter lächelte zufrieden.

»Kannst du dann Bier zapfen helfen? Wenn der Hecker das zweite Mal auf der Bühne steht, sollten wir anfangen, damit es später beim Bedienen schnell geht.«

Anna nickte.

»Ich sag noch der Luise Bescheid«, bot sie an, obwohl sie eigentlich lieber nicht in den stickigen Saal zurückgekehrt wäre.

3. Kapitel

Bis sie Luise auf der Galerie erreicht hatte, lief Anna selbst unter ihrem leichten Kleid der Schweiß den Rücken hinunter. Auf der Rednertribüne stand nun ein bärtiger Mann, der mit unglaublicher Geschwindigkeit auf das Publikum einredete und es in Bann hielt.

»Wenn ich aufgefordert würde zu sagen, wie die Wiesen von Renchen am besten zu bewässern seien«, dröhnte seine Stimme, »so muss ich antworten: Ihr lieben Leute, das müsst ihr besser verstehen als ich, darin kann ich euch keinen Rat erteilen. Wenn aber der Herr Beamte kommt, so sagt er, so oder so muss es sein, und damit Punktum – auch wenn der Bauer weiß, dass die Anordnung falsch ist.«

Die Zuhörer nickten und applaudierten. Luise klatschte begeistert in die Hände, als Anna sie erreichte.

»Der Hecker weiß einfach Bescheid!«, schrie Luise, um den Lärm der Menge zu übertönen.

Friedrich Hecker erhob die Hand. Es wurde still im Saal.

»Wir sollen zum Bierzapfen raus, wenn der Hecker das zweite Mal spricht«, flüsterte Anna.

Luise nickte, doch Anna merkte, dass sie mit ihren Gedanken schon wieder ganz bei der Rede des Mannheimer Anwalts war.

Mühsam bahnte sich Anna erneut einen Weg durch die Zuhörer, während Hecker mit Leidenschaft über die katastrophale soziale Situation eines großen, nein, sogar des größten Teils der Bevölkerung sprach.

Über die neuen Fabriken, die den Handwerkern die Arbeit wegnahmen, hatte auch ihr Bruder geschimpft. Im bürgerlich und landwirtschaftlich geprägten Offenburg waren Fabriken allerdings kein bedeutendes Problem, obwohl die stinkenden Abwässer der Zuckerfabrik in der Ortenberger Landstraße schon einigen Aufruhr verursacht hatten.

Aber die Missernte des letzten Jahres hatten sie alle gespürt und durch den Streik der hiesigen Bäcker waren die teuren Getreidepreise wochenlang das wichtigste Gesprächsthema gewesen. Die Agentur der amerikanischen Dreimaster in Straßburg machte sehr einträgliche Geschäfte mit Auswanderungswilligen, erzählte man.

Erleichtert verließ Anna den Saal.

»Oh, Anna, gut, dass du kommst«, empfing sie die Wirtin, »ich muss schnell das Riechsalz holen.«

Ja, die dunkelhaarige Frau, die ein junger Mann in Zimmermannskluft halb ohnmächtig auf ein kleines Sofa gebettet hatte, konnte Riechsalz sichtlich gut gebrauchen!

»Sie stand neben mir und ist einfach umgefallen«, erklärte der junge Mann.

»Die schlechte Luft«, stimmte Anna zu und ärgerte sich ein bisschen, dass Luise nicht gleich mit ihr gekommen war. Die wusste bestimmt noch besser, wie man bei einer Ohnmacht helfen konnte.

»’s geht schon«, murmelte die Frau und verdrehte die Augen.

Anna klopfte ihr sanft auf die Wange, um sie bei Bewusstsein zu halten.

Endlich kam die Wirtin mit dem Riechsalz und einem Glas Wasser. Dankbar ließ die Frau sich stützen und trank das Wasser in einem Zug aus. Langsam erholte sie sich und wirkte weniger blass.

»Danke, dass Sie sich um die Dame gekümmert haben«, wandte sich Anna höflich an den jungen Zimmermann, der immer noch neben ihr stand.

»Das ist doch selbstverständlich«, erwiderte er und strich sich eine Locke aus dem Gesicht, so dass Anna seinen silbernen Ohrring sehen konnte.

»Ihringer, Josef«, stellte er sich vor.

»Anna Burger.«

»Sehr erfreut, Fräulein Burger. Dann geh ich wohl besser wieder rein, sonst versäum ich noch was.«

»Sind Sie auch von weit her? Es sind ja viele Leute mit der Eisenbahn aus Mannheim angereist.«

»Aus der Gegend von Heidelberg. Aber heut komm ich nur aus Oberkirch.«

»Auf der Walz?«

»Ja, und heute frisch in Offenburg eingetroffen, damit ich noch den Hecker reden hören kann. Morgen muss ich mal schauen, ob es Arbeit für mich gibt.«

»Oh, hier werden gerade zwei neue Häuser gebaut – da findet sich für einen Zimmermann bestimmt was.«

»Das würd mich freuen. Die Stadt gefällt mir. Vielleicht sehen wir uns dann wieder, Fräulein Burger.«

Er nickte, drehte sich um und ging zurück zum Saal, aus dem erneuter Beifall tönte.

»Wer war das?«, fragte Luise hinter Anna.

»Josef Ihringer, Zimmermann aus Heidelberg.« Anna lächelte.

»Der könnte dir gefallen«, stellte Luise fest und seufzte theatralisch.

Anna hob die Schultern. »Na, ich kann ja hoffen, dass ein Zimmermeister ihn anstellt. Dann bleibt er nämlich eine Weile hier.«

»Soso«, sagte Luise und sah zur Tür, wo der Zimmergeselle gerade verschwunden war und durch die jetzt ein anderer junger Mann herauskam. Sein Gesicht war gerötet und kleine Schweißperlen glänzten auf der Nase und im vollen, dunklen Bart.

»Ein kühles Bier?«, bot Luise an.

Der junge Mann nickte erleichtert, strahlte Luise an und ließ sich von ihr in den Schankraum führen. Anna grinste. Diese Versammlung würde ihnen wohl beiden einige neue Verehrer bescheren, aus deren Mitte sie sich möglicherweise einen passenden Ehemann wählen konnten. Vielleicht sogar einen mit einem schönen, vollen Radikalenbart!

4. Kapitel

Wie der Salmenwirt vorausgesehen und erhofft hatte, gingen die meisten Gäste nach der Versammlung nicht sofort nach Hause, sondern ließen sich ein kühles Getränk schmecken und diskutierten angeregt. Frau Trautvetter, Luise, Anna und die beiden Schankmädchen hatten alle Hände voll zu tun, um die Durstigen zu bedienen, während Herr Trautvetter unermüdlich am Zapfhahn stand.

»Wärst du früher aus dem Saal gekommen, hätten wir mehr vorrichten können«, zischte Anna Luise zu, als sie neben ihr an der Theke ein Tablett voller Getränke abholte.

»Ging nicht«, antwortete Luise, »der Hecker hat die dreizehn Forderungen des Volkes vorgelesen und alle Leute waren mäuschenstill. Das hätte einen Aufruhr gegeben, wenn ich mich in diesem Moment durchgedrängelt hätte!«

»Ausrede!«

»Ich bin gleich los, als alle laut ihr Ja gerufen haben.«

So ganz überzeugt war Anna nicht, sie wusste, wie gerne Luise radikalen Ideen lauschte.

»Schau mal, dein durstiger Verehrer von vorhin winkt«, machte sie ihre Freundin auf den bärtigen jungen Mann aufmerksam, der die Hand leicht hob und zu ihnen herüberlächelte. »Dabei ist sein Glas noch nicht mal leer.«

»Der wollte mir nur was über den Mannheimer Frauenverein erzählen. Er kommt nämlich aus Mannheim und seine Mutter ist dort Vorsitzende«, erklärte Luise.

»Aha! Soso.« Anna grinste und wandte sich an die drei Herren am Tisch hinter ihr.

»Was darf es für Sie sein?«

»Ein Glas Weißwein, bitte, ich habe gehört, diese Gegend sei bekannt für ihre guten Weine.«

Der Blonde aus dem Saal. Seine Augen waren strahlend blau und sein direkter Blick schien sie bis ins Herz zu durchbohren. Anna nickte mechanisch und drehte sich um. Weißwein.

»Und noch zwei Bier!«, rief ihr einer der anderen beiden Männer nach. Oje, die hätte sie beinahe vergessen!

Der Blonde, woher er wohl kam? Ein Badener war er nicht, wenn sie nach seiner Sprache urteilte. Hoffentlich kein Preuße. Über die erzählte man hier nichts Gutes. Der absolutistische preußische König war im freiheitsliebenden Baden alles andere als geachtet.

»Diese Forderungen sind doch nicht neu«, sagte einer der Männer, als Anna die Getränke an den Tisch brachte.

»Aber wir sind die Ersten, die sie als Programm formuliert haben!«, erwiderte der andere.

»Und das am Sonntagnachmittag in aller Öffentlichkeit«, ergänzte der Blonde.

Er blickte auf, als Anna ihm seinen Wein hinstellte, und lächelte sie an. Dieses Mal war sie auf seinen Blick vorbereitet und es gelang ihr, zurück zur Theke zu gehen, ohne rot zu werden.

»Und, was will dein Mannheimer?«, fragte sie Luise, die in diesem Moment ein Tablett mit leeren Gläsern dorthin zurückbrachte.

»Sich mit mir unterhalten. Die Meinung einer Offenburgerin hören. Er heißt übrigens Ludwig«, erklärte Luise.

»Er sieht gut aus, gell?« Anna zog die Augenbrauen hoch.

Luise seufzte und schüttelte gespielt entsetzt den Kopf.

»Anna! Dies ist eine politische Versammlung, kein Heiratsmarkt!«

Anna grinste und trug das nächste Tablett mit Getränken zu dem Tisch, an dem der Bürgermeister mit Struve und Hecker saß. An ihrer Diskussion beteiligte sich auch die junge Frau aus dem Saal, sie war tatsächlich Struves Gemahlin. Anna schnappte nur ein paar Worte auf: »Freiheit« und »Gesetze«. Schade.

Da wurde Luise wohl besser informiert. Sie stand schon wieder mit diesem Ludwig aus Mannheim zusammen und unterhielt sich angeregt. Hübsch sah sie aus, sie wirkte gar nicht so blass und mager wie sonst oft. Und wie sie jetzt lachte! Man sah sofort, dass das auf Ludwig Eindruck machte. Er ergriff ihre Hand, hielt sie ein wenig länger als üblich in seiner, sah ihr tief in die Augen und beugte sich dann zu einem angedeuteten Handkuss. Oho! Hatte er da tatsächlich ihre Haut berührt? Nein, sicher nicht, ihm musste klar sein, dass Luise unverheiratet war. Andererseits …

Anna seufzte, als sie die nächsten bestellten Getränke auf ihr Tablett stellte. So formvollendet hatte sich von ihr noch nie jemand verabschiedet.

Der Salmen leerte sich langsam, während die Offenburger heftig weiterdiskutierten. In einer halben Stunde würde der Zug Richtung Mannheim abfahren. Wenn auch zur Freude der Hoteliers einige Gäste der Versammlung in der Stadt blieben und hier übernachteten, so nutzte doch ein großer Teil die Möglichkeit, schnell wieder an den eigenen Wohnort zu gelangen. Man stelle sich vor – in nur dreieinhalb Stunden von Offenburg nach Mannheim!

Vor zwei Jahren hatte Annas Vater sie und Franz mit nach Dinglingen genommen, als der Bahnhof dort neu eröffnet wurde. Sie erinnerte sich gerne an diesen sonnigen Tag. Die Lokomotive rauchte und rußte, so dass ihre Mutter ihr einen ihrer Schals ums Haar band, um es einigermaßen sauber zu halten. Einen scheußlichen Schal mit einem grässlichen Muster. Aber die Kraft der Lok Badenia war unglaublich und die Geschwindigkeit so beeindruckend, dass Anna schnell völlig vergessen hatte, dass sie den Schal tragen musste.

Leider war es für Anna bei dieser einzigen Eisenbahnfahrt geblieben und sie beneidete die Damen und Herren ein bisschen, die gleich in die Personenwagen der Eisenbahn einsteigen würden.

Frau Trautvetter drückte ihr einen Lappen in die Hand und Anna begann, die Holztische abzuwischen. Ihre Gedanken jedoch waren bei der Eisenbahn geblieben und bei den Reisenden, die gleich nach Hause fahren würden. Ob Luises Ludwig auch dabei war, hatte sie sich gefragt, und ob sie ihn wiedersehen würden. Doch über das Bild von Ludwig hatte sich ein anderes Gesicht geschoben. Das des blonden Fremden.

5. Kapitel

13. September 1847

Anna reckte sich und lauschte einen Moment lang dem Vogelgezwitscher, bevor sie die Augen aufschlug. Sie hatte nach der Anstrengung des Vortags wunderbar geschlafen und der Nachhall eines angenehmen Traumes, dessen Einzelheiten ihr leider entglitten waren, trug ebenfalls zu ihrer guten Laune bei. Beschwingt stand sie auf und schlüpfte in Kleid und Schuhe, um am Brunnen Wasser holen zu gehen. Es war noch nicht ganz hell, als sie das Haus verließ.

»Guten Morgen, Fräulein Killy«, grüßte sie die ältliche Nachbarin, der sie an der Ecke begegnete.

»Guten Morgen, Fräulein Burger. War das nicht ein ganz besonderer Sonntag gestern? Ach, wenn mein seliger Vater das noch erlebt hätte!«

Anna nickte freundlich, rief: »Jaja«, und eilte weiter, denn wenn Hulda Killy einmal anfing, von ihrem seligen Vater zu plaudern, konnte das eine Weile dauern.

Anna aber wollte ihre Aufgaben schnell erledigen, damit sie bald mit Luise neuen Kleiderstoff kaufen gehen konnte. Luise hatte sich bereits für Grün entschieden, Anna schwankte noch zwischen allerlei zarten Farben, obwohl jetzt zum Winter hin wahrscheinlich ein goldbrauner Ton passender wäre.

Aus der engen Brandgasse neben Hubers Haus ragte ein Stiefel. Wie konnte man einen Stiefel verlieren? Nun ja, ganz nüchtern waren die Besucher nach der Versammlung im Salmen gestern nicht alle geblieben. Es war durchaus wahrscheinlich, dass dort nicht nur ein Stiefel, sondern ein Betrunkener lag, der seinen Rausch ausschlief. Das wäre nicht das erste Mal.

Vorsichtig ging Anna näher heran. Tatsächlich. Da lag einer. Der musste aber voll gewesen sein!

Sein linkes Bein ragte ausgestreckt ein Stück aus der Brandgasse, sein rechtes war angewinkelt gegen die Hauswand gefallen, ebenso sein rechter Arm, den linken Arm hatte er über den Hals gelegt. Die Haltung sah nicht gerade bequem aus.

Neugierig trat Anna näher an die Gasse und versuchte zu erkennen, wer da so über die Stränge geschlagen hatte. Das war im Dämmerlicht nicht leicht, richtig deutlich sah sie nur, dass das Gesicht von einem kräftigen Vollbart umrahmt war. War das etwa …?

Die Erkenntnis, dass der Mann dort nicht einfach betrunken, sondern tot war, traf sie wie ein Schlag in den Unterleib. Die offenen Augen und die große, dunkle Lache, in der der Kopf des Mannes lag, ließen keine anderen Schlüsse zu.

Anna schrie auf. Der Eimer rutschte ihr aus der Hand und prallte mit einem harten Plopp auf dem Pflaster auf, wo er unbeachtet liegen blieb. Anna schlug die Hände vor den Mund, um ihren Schrei zu ersticken. Sie musste Hilfe holen! Schnell! Doch ihre Füße gehorchten ihr nicht.

Tief durchatmen, dachte sie, einfach erst mal tief durchatmen. Dem armen Mann hier half keiner mehr. Sie starrte auf den Toten. In ihrem Kopf summte es seltsam. Nur langsam gelang es ihr, sich wieder zu fassen.

Immerhin war es niemand, den sie kannte. Richtig kannte, denn gesehen hatte sie ihn gestern bei der Versammlung sehr wohl. Ihre Freundin Luise würde sich einen neuen Verehrer suchen müssen. Dort in Hubers Brandgasse lag ihr Ludwig.

6. Kapitel

Anna drehte sich um und begann zu laufen. Die Gendarmerie war nicht weit. Dort musste sie Hilfe holen.

»Aber Fräulein Burger, wohin denn so schnell?«, rief Hulda Killy überrascht, als Anna an ihr vorbeieilen wollte, und streckte ihren Arm aus. Anna blieb nichts anderes übrig, als stehen zu bleiben.

»Ich muss die Gendarmen holen«, stieß sie hervor. »Da liegt ein Toter!«

»Ein Toter – um Gottes willen!« Hulda Killy riss entsetzt die Augen auf. »Wo?«

»In ’s Hubers Brandgass«, antwortete Anna und raffte ihre Röcke, um weiterzulaufen.

»Ich pass auf!«, rief Fräulein Killy ihr nach.

Wollte sie wohl aufpassen, der Leiche nicht zu nahe zu kommen, zuckte es Anna durch den Kopf, oder wollte sie aufpassen, dass sich niemand an ihr zu schaffen machte? Bei Fräulein Killy konnte man das schlecht voraussehen, sie hatte ihre Mitbürger schon so manches Mal überrascht.

Als Anna wenig später mit zwei Gendarmen zurückkam, um ihnen den grausigen Fund zu zeigen, stand Hulda Killy tatsächlich aufrecht wie ein Wachsoldat neben dem Toten. Es war inzwischen heller geworden und die Blutlache, in der er lag, zeichnete sich deutlich von den Steinen der Gasse ab.

»Bringen Sie das Mädchen weg! Das hier ist nichts für Frauen«, befahl einer der Gendarmen und schob Anna zu ihrer Nachbarin.

Empört fuhr Anna auf. »Aber ich hab ihn sowieso schon …«

Der Gendarm warf ihr einen wütenden Blick zu und Hulda Killy nahm sie sanft am Arm.

»Sie wollten doch zum Brunnen, meine Liebe, kommen Sie, ich werde Sie begleiten.«

Mit einem letzten bösen Blick auf die Gendarmen griff Anna nach ihrem Eimer, der ein paar Schritte entfernt noch immer in der Gasse lag, und folgte Fräulein Killy.

»Der Gendarm Geggle ist ein eingebildeter Klotz!«, verkündete diese, als sie außer Hörweite waren. »So schlimm war dieser Anblick nun auch nicht. Als damals der junge Dachdecker – wie hieß er noch? – vom Dach in die Eisenstangen gefallen war, war das weit unansehnlicher. Der arme junge Mann hier hat wenigstens nicht lange gelitten. Das war ein sauberer Schnitt am Hals.«

Anna blieb stehen und starrte Hulda Killy an.

»Ein Schnitt am Hals? Sie haben ja genau hingeschaut!«

»Na ja, ich musste doch gucken, ob er wirklich tot war. Und das war er«, fügte das Fräulein entschieden hinzu. »Aber gekannt hab ich ihn nicht. Der war nicht von hier.«

Schweigend setzten die beiden Frauen ihren Weg fort.

»Aber wie soll er sich am Hals geschnitten haben?«, überlegte Anna laut. »Ist er auf eine Glasscherbe gefallen?«

Fräulein Killy blieb stehen.

»Kindchen – das hat nichts mit Glasscherben zu tun, glauben Sie mir. Das war ein Messer und ich denke, ein ziemlich scharfes.«

Anna fuhr herum.

»Sie meinen … Sie meinen, das war kein Unfall?«

Hulda Killy schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, der junge Mann wurde ermordet.«

Anna starrte sie an und ihre Hände begannen zu zittern. Fräulein Killy trat besorgt einen Schritt näher und griff nach ihrem Arm.

»Doch wir haben ihn ja glücklicherweise nicht gekannt«, versuchte sie Anna zu beruhigen.

Anna schüttelte den Kopf.

»Er hieß Ludwig und war aus Mannheim – ist für die Versammlung gestern nach Offenburg gekommen«, erklärte sie. »Mehr weiß ich auch nicht, aber die Luise – Fräulein Rasch – hat am Nachmittag ein paar Mal mit ihm gesprochen.«

»Hm. Ich denke, das sollten die Gendarmen wissen, nur – wie ich den Geggle kenne, hört der keiner Frau zu. Am besten also, Sie gehen nach Hause und schicken Ihren Herrn Vater oder Ihren Bruder zur Gendarmerie. Oder Sie laufen erst einmal zu Doktor Rasch, damit Ihre Freundin … Ach je, das ist alles doch sehr unerfreulich!«

Anna nickte benommen. Unerfreulich? Das war weit mehr als unerfreulich! Es war entsetzlich! Ein Mann war tot, weil ein anderer ihm die Kehle durchgeschnitten hatte! Ludwig würde nie mehr Luises Hand küssen und nie mehr nach Mannheim zu seiner Familie zurückkehren. Und – sein Mörder war irgendwo hier in der Stadt.

7. Kapitel

»Endlich!«

Ungeduldig nahm Annas Mutter ihr den Eimer Wasser aus der Hand. Sie sah ihre Tochter forschend an.

»In ’s Hubers Brandgass liegt ein Toter – ich hab ihn gefunden. Und dann musst ich doch erst mal die Gendarmen holen, und das Fräulein Killy …«

»Setz dich hin, Kind«, sagte ihre Mutter und schob sie auf einen Küchenstuhl. »Ist dir was passiert?«

»Nein, Mama, ich hab nur einen Toten gefunden, mit mir hat das nichts zu tun.«

»Bist du sicher, dass es nicht einfach ein Betrunkener war? Gestern haben ja manche doch arg lang gezecht.«

Elisabeth Burger sah ihre Tochter prüfend an und goss ihr eine Tasse Milch ein. Annas Hände zitterten, als sie die Tasse hob, um daran zu nippen.

»Ja, Mama, ich bin sicher. Da war so viel Blut und Fräulein Killy hat auch gesagt, dass jemand dem Mann die Kehle durchgeschnitten hat.«

»Um Gottes willen – ein Mord?«

Elisabeth Burger hielt sich am Küchentisch fest.

»August!«, schrie sie durchs Haus. »Franz!« In ihrer Stimme schwang Panik mit.

Gefolgt von seinem Sohn, hastete August Burger in die Küche, den Rasierschaum noch im Gesicht. Wenn seine Frau ›August‹ rief statt des liebevollen ›Guschtl‹, musste etwas Ernstes passiert sein!

»Die Anna hat einen Ermordeten gefunden!«

»Wer – wer ist ermordet worden?«

August Burger ergriff ein Tuch, um sich den Rasierschaum abzuwischen. Er setzte sich neben Anna, zog sie beschützend an sich und sah sie auffordernd an.

»Wer, Anna?«

»Einer, der gestern auf der Versammlung war. Aus Mannheim. Ludwig irgendwas. Er war hinterher noch im Salmen und hat was getrunken und da hat er Luise ein bisschen den Hof gemacht …«, erklärte Anna. Ihre Stimme zitterte und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

Franz griff nach ihrer Hand und hielt sie fest in seiner Rechten, während er mit der Linken ein Taschentuch hervorzog, das er ihr reichte. Anna nickte dankbar und wischte sich die Augen.

»Wer tut denn so was?« Elisabeth Burger schüttelte den Kopf. Ihr anfängliches Entsetzen wandelte sich in Empörung.

»In Offenburg wird doch nicht gemordet! Aber das sind diese Fremden, die gestern alle hierhergekommen sind. Die mit ihrem politischen Gerede.«

»Elisabeth!«, donnerte August Burgers Stimme. »Reiß dich zusammen. Es ist wichtig, über Politik zu reden. Ich tu das und der Franz und der Herr Apotheker und der Herr Bürgermeister erst recht. Trotzdem bringen wir niemanden um. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun!«

Seine Frau schüttelte erneut den Kopf.

»Und wer soll’s sonst gewesen sein? Wenn der Tote aus Mannheim kommt, wie Anna sagt, kann er ja hier keine Feinde haben. Also muss der Mörder ein Fremder sein. Einer, den er von früher kennt. Einer, der jetzt sicher längst wieder abgereist ist.«

August Burger nickte. »Das könnt sein. Was sagen denn die Gendarmen dazu, Kind?«

»Die haben mich einfach weggeschickt!« Anna schniefte und wischte erneut ein paar Tränen ab. »Ich konnt denen nicht mal erzählen, dass ich den Toten gestern gesehen hab. Lebendig. Im Salmen. Aber Luise weiß sicher mehr. Ich geh zu ihr.«

»Nein!«, rief Annas Mutter. »Solang der Mörder nicht gefasst ist, gehst du nicht auf die Straß!«

»Mama, du hast selbst gesagt, es war ein Fremder, der schon längst wieder abgereist ist«, versuchte Anna, sie zu beruhigen. Sie selbst hatte sich nun beruhigt und es drängte sie, Luise aufzusuchen, um ihr bei dieser schlechten Nachricht beizustehen.

»Du gehst nicht ohne Frühstück!«, bestimmte August Burger und nickte seiner Frau zu. »Und Franz wird dich begleiten.«

8. Kapitel

Bis Anna und Franz schließlich das Haus verließen und sich auf den Weg zu Luise machten, waren auf den Gassen ziemlich viele Leute unterwegs.

»Guten Morgen, Fräulein Burger«, grüßte ein junger Mann in sauberer Zimmermannskluft und mit dem Stenz in der Hand so freundlich, dass Franz beschützend den Arm um seine Schwester legte.

»Herr Ihringer! Guten Morgen!« Anna bemühte sich trotz ihrer gedrückten Stimmung um ein Lächeln und wandte sich zu ihrem Bruder.

»Herr Ihringer hat gestern bei der Versammlung eine ohnmächtige Dame gerettet«, erklärte sie. »Darf ich vorstellen? Herr Ihringer, mein Bruder Franz Burger.«

»Sehr angenehm.«

Josef Ihringer streckte Franz seine Hand entgegen und lächelte. Franz ließ seine Schwester los, ergriff die angebotene Hand und lächelte ebenfalls. Anna atmete auf. Die beiden jungen Männer schienen sich sympathisch zu sein. Tatsächlich waren sie im Nu in ein Gespräch über Friedrich Heckers Rede verwickelt, so dass Anna ihren Bruder schließlich am Ärmel zupfen musste, um seine Aufmerksamkeit zurückzubekommen.

»Luise!«, erinnerte sie ihn.

Mit freundlichem Handschütteln verabschiedeten sich Franz und Josef, allerdings nicht, ohne ein erneutes Treffen zur weiteren Diskussion für den Abend zu verabreden.

»Mein Freund Erwin wird da sein und vielleicht noch ein oder zwei andere Leut«, erklärte Franz und nannte seine Adresse.

»Oder Sie fragen einfach nach dem Schneidermeister Burger«, fügte er hinzu. »Mein Vater ist der beste Schneider hier in der Stadt, den kennt jeder, und auch meine Schwester Anna führt eine feine Nadel.«

Er zwinkerte und Josef Ihringer verbeugte sich zum Abschied vor Anna mit einem Lächeln.

»Willst du mich verkuppeln?«, zischte Anna, sobald sie außer Hörweite waren.

»Warum nicht, der macht einen netten Eindruck und ich fänd’s gut, wenn dein Zukünftiger ein Freund von mir wär.«

Anna stöhnte.

»Erstens ist der Josef Ihringer nicht dein Freund, zumindest noch nicht, sondern du hast ihn grad erst kennen gelernt …«

»Und zweitens ist er ganz ansehnlich, Zimmerleute werden immer gesucht, und politisch interessiert ist er ebenfalls.« Franz grinste. »Bei den Offenburgern scheinst du ja keinen Mann zu finden, da müssen wir uns doch mal auswärts umschauen!«, fügte er hinzu und beschrieb mit seinem linken Arm einen großen Bogen, der auch einige Leute auf der gegenüberliegenden Straßenseite mit einschloss.

Annas Augen folgten der Bewegung und blieben an einer hochgewachsenen Gestalt hängen. Als hätte der Mann ihren Blick gespürt, sah er herüber und grüßte. Da war er wieder! Der Blonde aus dem Salmen. Der mit den blauen Augen. Er war also gestern nicht abgereist.

Anna wandte sich abrupt ab und beschleunigte ihre Schritte. Zum Glück war Franz mit seinem Selbstgespräch beschäftigt und der Gruß war ihm nicht aufgefallen. So musste Anna weder erklären, wer der Fremde war, noch war sie gezwungen, dessen Gruß zu erwidern.

9. Kapitel

»Und du bist sicher, dass es der Ludwig ist?«

Entsetzt starrte Luise ihre Freundin an. Anna nickte und legte mitfühlend eine Hand auf Luises Arm.

»Ich hab ihn gestern ziemlich genau gesehen, als ihr miteinander an der Tür standet. Und er trug auch die gleiche karierte Hose.«

Luise sah zu Boden. Dann ging sie stumm zum Kanapee und ließ sich bedächtig am vorderen Rand nieder. Anna setzte sich neben sie und wartete. Ihre Hand glitt in die Rocktasche, um bei Bedarf sofort das Taschentuch herausziehen und ihrer Freundin anbieten zu können. Doch Luises Augen blieben trocken.

Endlich sprach sie. »Er war so nett, so höflich und er wusste so viel aus Mannheim zu erzählen. Der Frauenverein dort, der …« Sie stockte und verstummte.

Auf dem Kopfsteinpflaster der Gasse hinter dem Fenster klapperten Pferdehufe und eine Peitsche knallte. Die Sonne schien durch die Buche vor Doktor Raschs Haus in eine Ecke des Salons, in dem die Mädchen saßen, und malte mit den Schatten der Blätter ein fleckiges Bild an die goldgemusterten Tapeten. Schließlich hielt Anna das Schweigen nicht mehr aus.

»Meine Mutter gibt der Politik die Schuld«, sagte sie, »aber vielleicht war’s ja auch jemand, der eifersüchtig war, weil du so lang mit dem Ludwig geplaudert hast? Und – gib’s zu – du hast ihm ziemlich schöne Augen gemacht!«

»Unsinn!«

Das Wort knallte wie ein Peitschenhieb durch den Raum. Anna sah ihre Freundin erschrocken an. Luise schüttelte den Kopf und sagte leise: »Du verstehst das nicht. Er war so anders. Mit ihm hätte ich … Und seine Lippen waren so zart …«

»Luise«, keuchte Anna und riss die Augen auf. »Hat er dich etwa geküsst?«

»Nur meine Hand, aber ich hätte mir gewünscht …« Sie schluchzte auf und zu Annas großer Erleichterung flossen nun endlich die Tränen.

»Meinst du, so verheult können wir auf die Straße gehen?«, fragte Luise schließlich. Natürlich hatte ihr Weinen auch Annas Tränen neu fließen lassen und nun waren beider Augen rot und geschwollen.

»Ich weiß nicht.« Anna zögerte.

»Ich hole uns ein nasses Tuch zum Kühlen«, entschied Luise und verließ den Salon.

Während Anna wartete, betrachtete sie die Familienporträts an der Wand. Ein junger Doktor Rasch in altmodischer Kleidung mit schüchternem Lächeln, ein Bild aus der Verlobungszeit, wie Anna wusste. Luises Mutter als Mädchen mit ihrer Zwillingsschwester in identischen blauen Kleidern und mit der gleichen komplizierten Flecht- und Lockenfrisur. Noch einmal Luises Mutter mit Luise im Spitzenkleid als Säugling auf ihrem Schoß. Wie ähnlich Luise ihr jetzt sah! Und wie traurig, dass Frau Rasch so jung gestorben war.

»Hier, bitte!« Luise war mit einer Schüssel Wasser zurückgekehrt und reichte ihr ein nasses Herrentaschentuch. Anna hielt es an ihre brennenden Augen und genoss die feuchte Kühle. Erst nach mehreren Umschlägen ging die Schwellung der Lider zurück und Anna legte das Tuch zur Seite.

»Was meinst du, wer könnt den Ludwig …«

Luise unterbrach sie und nahm ihrerseits das Tuch von den Augen.

»Lass uns von anderen Dingen reden«, bat sie. »Das Leben geht weiter, und schließlich war er nur ein Fremder.«

Überrascht sah Anna sie an. Luises Worte passten nicht zu ihrem immer noch so traurigen Blick, doch sie kannte ihre Freundin. Ebenso wie Luise nie von ihrer Mutter sprach, würde sie wohl auch Ludwig nicht mehr von sich aus erwähnen.

Entschlossen stand Luise auf und ging hinaus zur Garderobe.

»Komm, du wolltest einen Kleiderstoff kaufen. Weißt du jetzt, welche Farbe? Ich würde ja gerne einen gestreiften Stoff nehmen, aber darin wirke ich, glaube ich, noch magerer.« Sie seufzte.

Es fiel Anna schwer, auf den leichten Ton einzugehen, doch sie tat ihr Bestes. »Ach was, mit deiner neuen Krinoline würd das sicher hübsch aussehen. Wenigstens brauchst du dein Korsett nicht so zu schnüren. Solch eine Taille hätt ich gern!«

»Und ich würde meine Bluse lieber nicht an gewissen Stellen mit Taschentüchern polstern müssen«, erwiderte Luise und griff nach ihrem Schutenhut. »Außerdem hätte es dem lieben Gott auch einfallen können, mich weniger groß wachsen zu lassen. Es ist schon etwas peinlich, auf all die ehrenwerten Herren herabzublicken.«

Sie platzierte die Schute energisch auf ihrem Kopf.

Ludwig war ein ganzes Stück größer gewesen als Luise, fuhr es Anna durch den Sinn, während sie die Bänder an ihrer Schute zur Schleife band. Sie atmete tief ein und sah Luise zu, wie diese ihren mit rosa und roten Röschen verzierten Hut langsam wieder abnahm und beiseitelegte. Stattdessen wählte sie eine schlichte Strohschute mit dunkelblauen Bändern.

Anna fiel es selten auf, aber Luise und sie waren schon äußerlich so unterschiedlich, wie sie nur sein konnten: Luise groß und schlank mit dunkelblondem, glattem Haar, das sie meist wie heute mit Kämmen tief im Nacken in einen schlichten Chignon zusammenfasste, Anna dagegen einen ganzen Kopf kleiner mit sehr weiblicher Figur. Auch waren Annas dunkle Locken nur durch straffes Flechten einigermaßen zu bändigen.

»Keine Gefahr, dass sich der Gleiche in uns beide verliebt!«, sagte Anna mit einem Blick in den Spiegel und erschrak über ihre taktlose Bemerkung. Doch Luise lächelte nur. Anna wusste genau, was sie dachte, sie hatte es ihr oft genug gesagt: Anna würde sicher bald einen Mann finden und an seiner Seite glücklich – oder auch weniger glücklich – leben, das konnte man ja nicht im Voraus wissen. Sie würde versorgt sein und Kinder aufziehen und ein schönes Heim ihr Eigen nennen.

Und Luise? Seit dem Tod der Mutter führte sie ihrem Vater den Haushalt und half ihm gelegentlich bei der Versorgung von Kranken oder Verletzten. Anna wusste genau, lieber wechselte Luise einen Verband, als auf dem Markt um frisches Gemüse zu feilschen oder zu kontrollieren, ob das Hausmädchen richtig Staub gewischt hatte. Würde sie je einen Mann finden, der wie Gustav von Struve seine Frau auf Reisen und zu politischen Versammlungen mitnahm und Wert auf ihre Meinung legte? Oder würde sie sich schließlich doch mit einem häuslichen Dasein zufriedengeben?

»Ich glaube, ich nehme lieber einen einfarbigen Stoff, vielleicht sogar einen dunklen«, überlegte Anna laut. »Dann kommt meine neue silberne Filigran-Brosche besser zur Geltung.«

»Eine neue Brosche?«

Anna nickte stolz.

»Mein Geburtstagsgeschenk. Gmünder Filigran. Handarbeit, ganz zart. Ich hab erst mit Vater geschimpft, dass er so was Kostbares ausgesucht hat, aber er hat gesagt, das ist nicht mal so teuer, weil der Silberanteil durch die feinen Fäden nicht hoch ist. Das können die Schwaben! Ich zeig sie dir nachher, wenn du magst.«

Luise nickte und hakte sich bei der Freundin ein, als sie die Gasse betraten.

»Da vorne kommt die Frau Rehmann«, kündigte Anna an und nickte der Apothekersgattin freundlich zu. Luise folgte ihrem Beispiel.

»Danke«, flüsterte sie, als sie außer Hörweite waren.

Anna unterdrückte ein Grinsen. Erst kürzlich war Luise bei einem gemeinsamen Spaziergang eine peinliche Verwechslung unterlaufen – in der Entfernung nahm sie Gesichter stets etwas verschwommen wahr. Die Bahnarbeitergattin, die in Größe und Gestalt der Frau Bürgermeister Rée glich, war über Luises ehrerbietigen Gruß leicht irritiert gewesen und Anna hatte sich ausgeschüttet vor Lachen. Immerhin – andersherum wäre es peinlicher gewesen!

10. Kapitel

Glücklich, ihre Freundin getröstet und abgelenkt zu haben, und zufrieden mit ihrer taubengrauen Seide und den hellen Bändern für das neue Sonntagskleid erreichte Anna gegen Abend ihr Elternhaus gleichzeitig mit Josef Ihringer.

»Fräulein Burger, guten Abend, ich wollte gerade zu Ihrem Bruder. Er hat mich eingeladen.«

»Ich weiß, ich war dabei«, sagte Anna.

Na, so besonders interessiert schien der junge Zimmermann an ihr ja nicht zu sein, wenn er ihre Begegnung früher am Tag bereits vergessen hatte! Gemeinsam betraten sie das Haus und Anna rief nach ihrem Bruder.

»Hier herein!«, rief Franz und schaute kurz aus der guten Stube in den Flur. »Der Erwin ist schon da.«

Anna schüttelte den Kopf über Franz’ Formlosigkeit, aber diese Studenten hatten wohl andere Regeln, wie er immer behauptete. Sie legte ihr Stoffpaket an die Garderobe, nahm Josef den Hut ab und führte ihn in die gute Stube.

»Guten Abend, Erwin«, grüßte sie. »Ist der Franz-Xaver nachher auch dabei? Ich bring euch gleich eine kleine Erfrischung.«

»Danke, Anna, wir würden gerne Wein trinken«, antwortete Franz, »und nein, der Franz-Xaver kommt nicht, aber ich bin heut noch mit einem jungen Mann ins Gespräch gekommen, den ich ebenfalls eingeladen habe. Clemens Kotte. Von irgendwo aus dem Norden, glaub ich.«

Anna nickte. Vier Gläser also. Ob es interessant war, den Diskussionen zuzuhören, oder sollte sie lieber ihr Kleid zuschneiden? Sie wusste schon ganz genau, wie sie den Ausschnitt gestalten wollte. In einem der französischen Modejournale hatte sie ein Kleid mit einer Berthe gesehen, einem umgelegten, breiten Kragen, der in waagrechte Falten gelegt war. Da würde sie die Filigranbrosche wunderbar in die Mitte des Ausschnitts stecken können.

»Und was haltet ihr denn nun von einer Republik?«, fragte Erwin gerade, als sie das Zimmer verließ.

Republik. Wollte Erwin den Großherzog stürzen? So wie die Franzosen damals ihren König? Revolution und Guillotine? Was für ein Unsinn!

Wenige Minuten später betrat Anna erneut die Stube, auf einem Tablett trug sie einen Krug Weißwein aus dem Fass im Keller und vier Gläser. Der vierte Diskutant war inzwischen angekommen und drehte sich freundlich lächelnd um, als Franz sagte: »Ah, der Wein!«

Mit einem lauten Klirren stellte Anna das Tablett auf dem Beistelltischchen ab. Beinahe hätte sie es fallen lassen. Der Fremde war kein Fremder, zumindest kein richtiger Fremder. Aber gab ihm das das Recht, sie derart anzuschauen? Und warum waren seine Augen so blau – das war doch nicht natürlich! Clemens hieß er also und er lächelte jetzt genauso schief wie im Salmen nach der Versammlung, als sie ihm den Wein an den Tisch gebracht hatte.

Anna riss ihren Blick von seinem los, nickte freundlich in die Runde und ging hinaus. Sie hatte ja gar keine Zeit, den Diskussionen zuzuhören, ihr Kleid musste zugeschnitten werden!

Als Tochter eines Schneidermeisters hatte Anna schon als kleines Kind gelernt, geschickt mit Nadel und Faden umzugehen. Ihre Kleider selbst herstellen zu können, war nicht nur eine angesehene weibliche Tugend, sondern sparte zudem Geld. Dennoch fiel es ihr an diesem Abend schwer, sich zu konzentrieren, und sie musste die Rockbahnen beim Zuschneiden zweimal nachmessen. Auch die Berechnung der Berthe machte ihr unerwartet Schwierigkeiten. Schließlich gab sie auf.

Sie öffnete die Tür ihrer Kammer, um noch einmal in die Küche zu gehen, als sie hörte, wie die Stubentür aufging. Schnell schloss sie ihre Tür bis auf einen kleinen Spalt und lauschte, wie die jungen Herren sich im Flur verabschiedeten.

»Da müssen wir beim nächsten Mal aber noch mal drüber sprechen«, sagte Franz. »Das sehe ich doch ein bisschen anders.«

»Ich würde mich freuen, die Diskussion fortzusetzen«, hörte Anna eine tiefe Stimme antworten, deren Akzent in ihren Ohren fremd und ein wenig gestelzt klang. »Erst in zwei bis drei Wochen reise ich zurück nach Bonn. Auch dort gibt es Männer, deren Herz für die Demokratie und die Einigung Deutschlands schlägt. Kinkel, mein früherer Professor, und mein Freund Carl vertreten sehr vernünftige Ideen und haben bereits einiges darüber geschrieben.«

»Nächste Woche bei mir?«, schlug Erwin vor.

Alle stimmten zu und verabschiedeten sich. Anna atmete auf. Sie würde dem arroganten Menschen nicht mehr begegnen müssen, wenn das nächste Treffen bei Erwin war. Aus Bonn also. Erst kürzlich hatte Luise ihr einen Roman geliehen, der in Bonn am Rhein spielte, wo Luises Verwandte wohnten. Luises Cousine Gretchen war völlig begeistert gewesen von der geheimnisumwobenen Liebesgeschichte und hatte Luise das Buch geschickt. Anna hatte die Geschichte nicht sonderlich gefallen, aber sie hatte etwas dabei gelernt: Bonn lag im Rheinland und das Rheinland war preußisch. Sie hatte es doch gleich gewusst – ein verdammter Preuß!

11. Kapitel

Eine Woche später

Mit dem Nähen ihres neuen Kleides kam Anna gut voran, obwohl ihre Mutter sie im Haushalt mehr beschäftigte als sonst, weil sie auf der Kellertreppe umgeknickt war und sich den Fuß verstaucht hatte. Doktor Rasch hatte Schonung verordnet und so war es an Anna, alle außerhäusigen Aufgaben wie Wasserholen, Einkaufen oder andere Besorgungen zu übernehmen.

Das Einkaufen war Anna am liebsten. Beim Gemischtwarenhändler traf man eigentlich immer eine Bekannte, und das frische Gemüse auf dem Markt auszusuchen, machte Spaß. Beim Bäcker, zu dem sie einmal in der Woche die fertig gekneteten Brotlaibe brachte, um sie später, frisch gebacken, wieder abzuholen, duftete es wunderbar und beim Metzger gab es oft ein Stück Wurst zum Probieren. Manchmal stand die Hoftür ein bisschen offen und Anna konnte ein frisch geschlachtetes Schwein dort hängen sehen. Das rief in ihr dann ein seltsames Gruseln hervor. Ab und zu sah sie auch Rudi in blutiger Schürze, der sich immer schnellstens zurückzog. Wahrscheinlich wollte er ihr den Anblick von Blut ersparen. Er war eigentlich ein sehr rücksichtsvoller junger Mann und es war nicht recht von Luise, so oft über ihn zu spotten.

Heute jedoch war das Hoftor geschlossen und Anna ging an der Metzgerei Ziegler nur vorbei. An diesem Tag würde es bei den Burgers Forelle geben.

Der Geruch nach Holzofen und frischem Brot ließ ihren Magen schon einige Meter vor der Bäckerei laut knurren.

»Guten Morgen, Fräulein Burger«, grüßte sie plötzlich eine Stimme von hinten.

Anna fuhr herum. Der Preuß!

»Ein schöner Tag heute, obwohl es später ein bisschen regnen könnte, wenn ich die Wolken dort betrachte. Oder was meinen Sie? Kommt das Wetter hier nicht meist von Westen über den Rhein?«

Einen Moment lang glaubte Anna, keine Luft mehr zu bekommen, dann gelang es ihr doch zu antworten: »Ja, schon möglich.«

»Leider hat Ihr Bruder uns noch gar nicht richtig vorgestellt. Mein Name ist Kotte, Clemens Kotte, und ich bin derzeit hier, um das schöne Land Baden kennenzulernen. Ich stamme nämlich aus dem Rheinland.«

Anna nickte mit gerunzelter Stirn. Wenn nur ihr Herz nicht so laut schlagen würde! Es war ein Wunder, dass es niemand hörte! Sie musste höflich bleiben, versuchte sie sich zu beruhigen. Sie konnte sich nicht einfach abwenden. Mit Mühe fixierte sie den Blick auf seine Nasenwurzel, um ihm nicht in die Augen sehen zu müssen, und nickte noch einmal.

»Aber das wissen Sie vielleicht bereits, Ihr Bruder und ich haben …«, fuhr Clemens Kotte fort.

»Entschuldigen Sie bitte«, unterbrach ihn Anna und bemühte sich um ein höfliches Lächeln. Seine Augen waren wirklich furchtbar blau, selbst wenn sie nicht direkt hineinsah. »Ich bin leider sehr in Eile. Meine Mutter wartet auf das Brot.«

Du sollst nicht lügen, ging ihr durch den Kopf und sie merkte, wie die Röte in ihr Gesicht stieg.

Doch Clemens Kotte nickte verständnisvoll und reichte ihr zum Abschied die Hand. Zögernd legte sie ihre Rechte hinein. Seine Haut war warm und die Berührung versetzte ihr einen Stich in den Leib. Er drückte die Hand und verbeugte sich leicht.

»Bis zum nächsten Mal.«

Dann sah er ihr in die Augen. Anna nickte, drehte sich schnell um und floh vor seinem unangenehm direkten Blick.

Das nächste Mal kam bereits zwei Tage später. Clemens Kotte wechselte abrupt die Straßenseite, um Anna zu begrüßen, sobald er sie erblickte.

»Wie schön, Sie wiederzusehen, Fräulein Burger!«

Anna blieb stehen und blickte schnell um sich. War da nicht jemand, den sie unbedingt sprechen musste? Nein, die Hauptstraße war erstaunlich menschenleer. Nur Fräulein Killy warf einen neugierigen Blick herüber, bevor sie in eine Seitengasse einbog.

»Herr Kotte. Sie sind noch nicht abgereist?«

»Oh nein, ich habe so vieles zu entdecken. Gestern habe ich mir ein Pferd gemietet und bin in Richtung Schwarzwald geritten. Die Rebgemeinden sind ja wirklich von seltener Schönheit und der Blick von den Hügeln ins Rheintal … Sie können sich glücklich schätzen, hier zu leben.«

»Liegt Bonn nicht ebenfalls am Rhein? Ist es dort so anders als hier?«

Clemens Kotte schien sich über ihr Interesse zu freuen. »Tatsächlich liegt Bonn direkt am Rhein. Doch das Rheintal südlich von Bonn ist viel enger, im Norden gen Köln dafür flacher und breiter, weiter in Richtung der Niederlande ist die Landschaft dann nur noch eben. Nun – es ist einfach ganz anders. Vielleicht gefällt es mir hier auch so gut, weil die Sonne gerade so warm scheint und ich so angenehme Menschen kennen gelernt habe.« Er lächelte und sie entdeckte winzige Lachfältchen um seine Augen. Wie alt mochte er sein? Mitte zwanzig?

»Ich habe gestern in den Weinbergen gesehen, dass die Weinlese jetzt beginnt. Hier aber heißt das wohl anders, nicht wahr?«