Bandrih - Tina Tannwald - E-Book

Bandrih E-Book

Tina Tannwald

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Beschreibung

Nichts ist gefährlicher als die Liebe eines Gottes - zumindest, wenn er in eine uralte Fehde verstrickt ist. . Hin- und hergerissen vom Chaos ihrer Gefühle und fest entschlossen, die Geheimnisse um den Revenant Engilger zu entschlüsseln, kehrt Niall in die Anderswelt zurück. Dort gerät sie in die uralte Fehde zwischen den mythischen Thùatha de Danann und ihren Feinden, den Fir Bolg. Während sie immer tiefer in die keltischen Legenden und die Magie ihrer alten Seele eintaucht, wird sie zum kostbaren Gut für die Götter – und zur gejagten Beute. . 2. Auflage 2019 406 Taschenbuchseiten im Format 12,5 cm X 19 cm    

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Tina Tannwald

Bandrih

Druidenseele Teil 2

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Prolog

Die beiden Männer sahen auf.

In der Dunkelheit des nächtlichen Waldes näherte sich ein Lichtschein, der hierhin und dorthin zuckte wie ein lebendes Wesen. Die stummen, nebelartigen Gestalten, die ihm voran schritten, erkannten sie erst, als sie von ihnen umringt wurden, doch sie ignorierten sie.

Schließlich schälte sich die Gestalt einer Frau aus dem Licht heraus, umhüllt von einer Flut blonden Haares und dem Hauch eines Gewandes, das ihren schlanken Körper mehr betonte als verhüllte.

»Aoife«, begrüßte sie der Größere der beiden, der sie trotzdem nur wenig überragte. »Du kommst spät! Ich habe gerade darüber nachgedacht, ob wir dich wohl aufsuchen und uns bei der Gelegenheit ein paar Sklaven einfangen sollten!«

Die zierlicheFrau hob eine Augenbraue und lächelte.

»Wenn es dich danach verlangt, im Wald verloren zu gehen, Fir Bolg, nur zu. Der Pfad wird sich euch nicht zeigen.«

»Sei dir dessen nicht zu sicher«, erwiderte der Mann mit dunkler Stimme. »Wie du vielleicht bemerkt hast, wissen wir ja auch, dass er genau hier beginnt.«

Für einen Moment zuckte es in ihren schwarzen Augen, in denen keine Pupillen zu erkennen waren.

»Was willst du Eochar? «

»Nur ein wenig Beistand. Ein oder zwei Dutzend deiner Bogenschützen, um eine Sterbliche einzufangen. Wir vergelten es mit Gold.«

Einen Moment musterte sie ihn verdutzt, dann wurden ihre Augen schmal.

»Wenn die mächtigen Fir Bolg Beistand brauchen, um ein Menschenweib einzufangen, muss sie sehr gefährlich sein. Wer ist sie?«

»Nun«, erwiderte der Mann gemessen. »Wie gefährlich sie ist, wissen wir, wenn wir ihr gegenüberstehen. Sie ist eine Bandruidh.«

Unwillkürlich trat die Frau einen Schritt zurück.

»Hast du den Verstand verloren? Dann steht sie unter dem Schutz des Dagda! Behalte dein Gold, einen Streit mit den Tuathà werde ich gewiss nicht riskieren!«

»Oh doch«, erwiderte der Mann und ein Grinsen breitete sich auf seinem narbigen Gesicht aus. »In diesem Falle schon. Sie hat sich deinen entlaufenen Liebsten ins Bett geholt.«

Die Fairy erstarrte, fassungslos sah sie ihn an und sein Grinsen wurde breiter.

»Und wie man hört, hat er sich unsterblich in sie verliebt.«

Die leuchtenden Nachtfalter, die die Frau umschwirrten, gerieten in Aufruhr, während sich ihr schönes Gesicht verzerrte.

»Du bekommst so viele Bogenschützen wie du willst! Und dein Gold kannst du trotzdem behalten!«

 

 

 

 

 

 

 

 

Montag, 22. Februar

Zusammengesunken saß ich am Stamm der Weide und ergab mich der Verzweiflung.

In der Anderswelt kämpften Engilger und Ban in diesem Moment gegen den Formori, der offenbar meinem Geruch gefolgt war, und um ihr Leben. Ich traute Engilger so einiges zu, doch mehr oder weniger allein gegen dieses Monster anzutreten, war purer Wahnsinn. Es sei denn, es gelang Ban, das Ding zu beißen, doch dafür musste er nah genug herankommen.

Mit meiner Hilfe wäre es sicher gelungen, doch Engilger hatte mich ja kurzerhand in den heiligen Teich geworfen, der ein Durchgang war zwischen der Anderswelt und dieser hier. Sie meine Welt zu nennen, passte irgendwie nicht mehr.

Ich lehnte meinen Kopf an die feuchte Rinde des Baumes hinter mir und sah hoch in ihre beschnittenen Äste und den dunklen Nachthimmel. Irgendetwas musste gesprochen oder getan werden, um den Durchgang zu öffnen, doch ich hatte es versäumt, Tiw danach zu fragen.

Tiw.

Der Gedanke an ihn war ein merkwürdig zuckender Schmerz, gemischt mit Sehnsucht und Schuldgefühlen, auch wenn Engilger mir erklärt hatte, dass sie unnötig waren.

Engilger, der schönste aller Revenants und zugleich der Grausamste und Gefährlichste. Nachdem ich nun tagelang mit ihm durch die Anderswelt gewandert war, hatte ich nicht mehr den Eindruck, dass er so grausam und gefährlich war. Was vermutlich daran lag, dass er sich in mich verliebt und keine Gelegenheit ausgelassen hatte, mich mit seiner ganz eigenen Mischung aus Überheblichkeit und Charme zu umgarnen.

Die Schmetterlinge flatterten schmerzhaft sehnsüchtig in meinem Bauch, als ich mich daran erinnerte, wie es gewesen war, ihn zu küssen. Er war machtvoll, zwingend und berauschend; und gleichzeitig so besorgt darum, mir zu gefallen und mich für sich einzunehmen; eine äußerst merkwürdige Mischung. Und nun sollte ich darauf vertrauen, dass er zu mir kommen würde.

Nein, entschied ich, ich musste zurück zu der Höhle und der heiligen Quelle und dem Teich, und zwar genau zu dem Moment, in dem der Formori durch die Bäume brach. Ich musste einen Weg finden, das zu bewerkstelligen und Engilger und Ban beistehen. Und ihnen das Leben retten.

Ich seufzte tief und beschloss, erst einmal nach Hause zugehen. Es galt nun in Ruhe darüber nachzudenken, wie ich zurück in die Anderswelt gelangen konnte, und dafür war es nicht nötig, mir in einer kalten Februarnacht in Recklinghausen eine Lungenentzündung zu holen. Zumindest hoffte ich, dass es genau die Februarnacht war, in der mich Engilger in die Anderswelt entführt hatte. Derselbe Zeitpunkt war es jedenfalls nicht, denn dann hätte ich mitten zwischen den Revenants auftauchen müssen, die für mich gegen Engilger und seine Kumpanen hatten kämpfen wollen. Aber vielleicht war das auch nicht möglich, denn Tiw, Hreodborth, Millweard und Beltrame waren ja in der Anderswelt und suchten nach mir.

Ich erhob mich mühsam und sah mich um.

Es war tief in der Nacht und sehr still.

Leise stieg ich über die Mauer, die die Weide einfasste, und mir ging auf, dass ich einigermaßen Aufsehen erregen würde, wenn mich jemand sah. Ich trug die Männerkleidung der alten Kelten; die Bracae, lange Hosen, die in hohen, geschnürten Lederstiefeln steckten, ein langes Hemd und darüber eine Tunika. Und mein langes Haar war inzwischen wieder recht zottelig.

Immerhin war ich völlig trocken, obwohl Engilger mich ins Wasser geworfen hatte. Und das war mein Glück, denn die Kälte drang mir ohnehin bereits bis in die Knochen.

Brigidh sei Dank hatte ich die kleine Bauchtasche nicht abgelegt, sie enthielt unter anderem auch meinen Wohnungsschlüssel.

Der allerdings nicht in ihr zu finden war, wie ich mit wachsender Verzweiflung feststellte.

Dann fiel mir ein, dass Tiw den Schlüssel an sich genommen hatte, als wir losgegangen waren, um Hreodborth an der Weide zu treffen. Ich seufzte noch einmal; momentan schien es mir das Schicksal schwer machen zu wollen.

Ich musste also Suse aus dem Bett klingeln und sie bitten, nach Recklinghausen zu kommen. Nachdenklich zog ich die zerknitterten Geldscheine aus der Bauchtasche. Sie gaben mir ein gewisses Gefühl der Sicherheit, in dieser Welt nicht hilflos zu sein. Da ich jedoch kein Kleingeld hatte, half es mir nicht dabei, Suse anrufen zu können.

Mir fiel unsere Lieblingskneipe ein; mit ein bisschen Glück würde ich dort noch jemanden antreffen und telefonieren können.

Eilig machte mich auf den Weg durch den dunklen Park und stellte fest, dass meine Schritte kaum zu hören waren. Die Anderswelt schien bereits ihre Spuren hinterlassen zu haben.

 

Durch die großen Fenster der Gaststätte fiel noch Licht auf den Gehweg und ich war erleichtert.

Mein Anblick würde mir ohne Zweifel die überraschten Blicke Aller einhandeln, die noch drinnen waren. Ich holte tief Luft und straffte mich. Ändern konnte ich es ohnehin nicht und es war auch nicht gerade das größte Problem, das ich zurzeit hatte.

Als ich durch den Wollvorhang trat, blickte Karin, die freundliche Kellnerin, auf. Ich kannte sie flüchtig und versuchte ein Lächeln. Sie erstarrte hinter der Theke, den Lappen, mit dem sie wohl den Tresen hatte abwischen wollen, in der erhobenen Hand. Dann glitt ihr Blick an mir herab und ich sah in ihren Augen, dass sie Mühe hatte, mich zu erkennen. An der Theke standen zwei Männer, die ihre Fassungslosigkeit bemerkten und sich zu mir umdrehten, ansonsten war die Kneipe leer.

Alle Drei starrten mich nun mit großen Augen an und einer der Männer grinste ziemlich unverschämt. Ich ignorierte ihn und trat lächelnd an die Theke.

»Hi, kann ich mal eben telefonieren? Ich habe mich aus meiner Wohnung ausgesperrt.«

Die Kellnerin blinzelte und kam zu sich. »Sicher … . Kommst du von einer Party oder so was?«

Ohne es zu ahnen, gab sie mir die Vorlage für eine gute Lüge.

 »Äh, ja, eine mit keltischer Verkleidung«.

»Wow«, machte sie und schien beruhigt. »Ist dir toll gelungen, du siehst richtig echt aus.«

Ich wollte mich dem Telefon zuwenden, das links neben der Theke an der Wand hing, als der Kerl mit dem unverschämten Grinsen mich ansprach.

»Heee«, lallte er, »die hatten doch immer nix an unter ihren Klamotten!«

Er lachte und war wohl der Meinung, enorm witzig zu sein. Mit schmalen Augen musterte ich ihn und spürte, dass ich überhaupt kein Problem damit hätte, ihm notfalls die Zähne auszuschlagen.

»Willst du nachsehen?«

Er riss überrascht die Augen auf, dann breitete sich die Unsicherheit in seinem trüben Blick aus.

»’Türlich nich', sorry«, murmelte er und beschäftigte sich mit seinem Bier.

Ich ging zum Telefonapparat hinüber und wählte Suses Nummer. Endlos lang ertönte das Freizeichen, schließlich wurde doch abgenommen.

»Ja?«, meldete sich ihre verschlafene Stimme.

»Suse? Ich bin’s. Du musst sofort nach Recklinghausen kommen. Ich komme nicht in meine Wohnung, weil Tiw den Schlüssel hat. Und Tiw habe ich verloren.«

Mehr mochte ich vor den interessierten Ohren der anderen nicht sagen. Für einen Moment war es still in der Leitung.

»Ist etwas passiert?«

»Oh ja«, erwiderte ich flüsternd. »Sehr viel! Ich brauche dich, Suse.«

»Ich bin in einer halben Stunde da. Wo finde ich dich?«

»Ich warte vor unserer Kneipe.«

Dann fiel mir noch etwas ein. »Ich bin die Gestalt, die auf der Treppe sitzt, Suse.«

Wieder dauerte es einen Moment, dann hörte ich sie vernehmlich Luft holen.

»In Ordnung, ich finde dich schon.«

Ich wollte Karin einen Geldschein über die Theke reichen, doch sie winkte ab. So bedankte ich mich und verließ eilig den Gastraum. Draußen setzte ich mich auf die Treppe, verschränkte die Arme und zog die Schultern hoch, um ein wenig Wärme zu finden.

 

Nach wenigen Minuten ging hinter mir das Licht aus. Karin und die beiden letzten Gäste kamen heraus und ich erhob mich, um ihnen Platz zu machen.

Die beiden Männer wichen meinem Blick aus, doch die junge Frau blieb stehen und sah mich eindringlich an.

»Alles in Ordnung mit dir?«

»Ja klar«, erwiderte ich betont fröhlich »Ich werde gleich abgeholt.«

»Es ist nur …. . Hast du dir was reingezogen oder so? Deine Augen leuchten irgendwie im Dunkeln.«

Ich schlug den Blick nieder. »Ist vielleicht noch diese Schminke«, log ich verzweifelt.

Karin nickte, als ich aufsah, obwohl sie nicht überzeugt wirkte.

»Dann gute Nacht.«

Sie wandte sich ab und ging mit schnellen Schritten Richtung Wall. Ich ließ mich seufzend wieder auf den Stufen nieder. Das konnte noch schwierig werden, wenn meine Augen sich so sehr verändert hatten. Tief einatmend beruhigte ich mich mit dem Gedanken, dass ich nicht lange bleiben würde, in dieser Welt.

 

Nach einigen weiteren Minuten bog ein Auto in die Straße ein und hielt direkt vor meinen Füßen. Die Fahrertür wurde geöffnet und Suse streckte den Kopf heraus. Ich erhob mich und ließ ihr Zeit, mich zu betrachten, obwohl mir inzwischen die Zähne klapperten.

»Ach du scheiße, was ist denn mit dir passiert?«

Ich ging um den Wagen herum, öffnete die Beifahrertür, ließ mich auf den Sitz fallen und griff nach der Wolldecke, die stets auf der Rückbank lag. Dann sah ich Suse an und versuchte ein Lächeln.

»Deine Augen leuchten«, stellte sie tonlos fest und ihr Blick glitt über mein Gesicht. »Was ist mit deinen Haaren passiert?«

»Ein Leprechaun war der Meinung, dass sie so schöner sind«, antwortete ich leise.

»Ein was?«

 »So eine Art Kobold mit magischen Kräften.«

Sie musterte mich stumm, dann legte sie den Gang ein.

»Das hört sich nach einer langen seltsamen Geschichte an. Und du siehst aus als könntest du einen starken Kaffee gebrauchen.«

Ich musste grinsen. »Danke Suse.«

Wenn ich überhaupt noch einen Anker hatte, in dieser Welt, dann war sie es. Sie würde mich weder für verrückt halten, noch in der nächsten Psychiatrie abladen, sondern mir glauben und mir helfen, meine chaotischen Gedanken und Gefühle zu klären. Zum ersten Mal seit Langem entspannte ich mich.

 

Moggedur schnüffelte neugierig an mir, als wir die Wohnung betraten, doch ansonsten begrüßte er mich wie immer. Ich kraulte ihn, während Suse an mir vorbei in die Küche ging und die Kaffeemaschine einschaltete. Dann stand sie mit verschränkten Armen im Türrahmen und beobachtete mich.

Ich fühlte mich seltsam fremd in meiner Wohnung und war unschlüssig, ob ich ins Wohnzimmer gehen und mich auf das Sofa setzen wollte.

»Komm mit,« sagte Suse leise und ich sah auf.

Sie ging mit zwei Tassen in den Händen voraus und ich erhob mich und folgte ihr zögernd.

Mein Blick fiel in das dunkle Schlafzimmer. Die Bettdecke lag noch so aufgeschlagen da, wie Tiw und ich sie zurückgelassen hatten.

Als ich endlich das Wohnzimmer betrat, fühlte ich mich einigermaßen elend. Suse saß auf dem Sofa und musterte mich forschend.

»Du siehst aus als wärest du jetzt wirklich eine Hexe. Oder besser so eine Bandruidh!«

Einem Impuls folgend setzte ich mich zu ihren Füßen auf den Teppich.

»Das bin ich wohl auch, Suse,« erwiderte ich leise und griff nach der Kaffeetasse.

Das Aroma stieg mir intensiv duftend in die Nase. Ich atmete es tief ein und wunderte mich, dass mir der köstliche Duft nicht schon früher aufgefallen war.

»Das scheint der erste Kaffee deines Lebens zu sein! Ich frage mich, wen ich da eigentlich eingesammelt habe,« frotzelte Suse, doch ich hörte die Unsicherheit in ihrer Stimme.

Ich nahm einen Schluck und genoss ihn in vollen Zügen, dann konzentrierte ich mich auf meine liebste Freundin.

»Keine Sorge, ich bin es. Zumindest zum Teil«. Ich holte tief Luft und sah sie eindringlich an. »Ich war in der Anderswelt. Ich weiß nicht, wie lange, aber einige Tage auf jeden Fall.«

Verwirrt sah sie mich an. »Einige Tage?«

»Hast du die Mailbox deines Handys schon abgehört?«

»Nein, warum?«

»Weil ich dir eine Nachricht auf gesprochen habe, bevor ich mit Tiw und den anderen zur alten Weide gegangen bin.«

Suse zog ihre Tasche heran und kramte das Handy heraus. Eine Erinnerung durchzuckte mich plötzlich wie ein scharfkantiger Stein. Ich sprang auf, lief zum Seitenfenster hinüber und sah hinaus auf den Spielplatz. Die tote Frau saß immer noch auf der Bank.

»Welche Uhrzeit zeigt die Nachricht an?« fragte ich und irgendwo weit hinten in meinem Kopf formte sich die Erkenntnis, dass mich der Anblick der Toten bei Weitem nicht mehr so schockierte wie vor meinem Ausflug in die Anderswelt.

»Ein Uhr dreißig«, antwortete Suse hinter mir und ich wandte mich vom Fenster ab.

Wenn es sich irgendwie vermeiden ließ, musste sie von der Leiche dort unten nichts erfahren. Ich sah zur Uhr hinüber, es war zwei Uhr fünfunddreißig.

»Und welchen Tag zeigt die Nachricht an?«, hakte ich nach.

»Ähm, Montag, den zweiundzwanzigsten Februar.«

Engilger hatte tatsächlich Wort gehalten, bis auf eine Stunde genau. Wie immer er das auch angestellt haben mochte.

»Wie geht das?« wollte Suse wissen und sah verblüfft auf. »Ich meine, wie kannst du mehrere Tage weg gewesen sein, wenn du eine Stunde, nachdem du mir die Nachricht auf gesprochen hast, schon wieder da bist?«

Ich setzte mich wieder zu ihr auf den Boden und nahm einen Schluck von dem Kaffee.

»Ich weiß nicht, wie das funktioniert, Suse, aber es ist so. Ich war tatsächlich in einer völlig anderen Welt. Engilger hat mich mit einem Trick dort hin gelockt und mich von Tiw getrennt.«

»Du warst mit diesem gefährlichen Typen dort?«

»Oh ja,« bestätigte ich seufzend.

Die Erinnerung an den glühenden Kuss kam zurück und ein Schauer lief durch den Körper. Wenn dieser Formori nicht aufgetaucht wäre ... .

»Äh, täusche ich mich, oder hat sich deine Einstellung zu ihm leicht verändert?«

»Das kann man so sagen. Aber ich weiß nicht, ob er noch lebt.«

Ich sah auf meine Hände hinab und sie verschwammen vor meinen Augen.

»Wahrscheinlich wird er gerade von einem einäugigen Monster getötet, während wir hier sitzen.«

»Was? Einäugiges Monster? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen …..«, sie stutzte, »Niall! Ist wohl passender, wenn ich dich jetzt auch so nenne. Vielleicht erzählst du mir jetzt endlich mal, was eigentlich passiert ist!«

Ich wischte mir mit dem Ärmel über die Augen, dann erzählte ich ihr von dem Kampf an der Weide, der nur vorgetäuscht gewesen war, um mich von den anderen zu trennen, und in die Anderswelt zu entführen. Von dem Hüter der Schwelle, von Ban und der Zeit im Hillfort Rig. Und von der ersten Begegnung mit den Formorii und dem ersten Kuss von Engilger.

Ich schlug die Augen nieder und Suse wartete geduldig.

»Engilger hat mir erklärt, dass ich als Bandruidh das Recht habe, jeden Mann zu wählen, den ich haben will«, fuhr ich zögernd fort. »Und mein Gefährte muss es dulden. Das sind die alten Regeln und Tiw hat sie mir wohl absichtlich verschwiegen.«

Trotzig sah ich auf, doch in Suses Gesicht war gar keine Empörung zu sehen.

»Und dann kam dieses Monster aus dem Wald und Engilger hat mich gegen meinen Willen in diese heilige Quelle geworfen. Und hier bin ich wieder und verzweifle daran, dass ich nicht zurück kann und er stirbt!«

»Das kannst du nicht wissen!«, entgegnete sie mit ihrer unbestechlichen Logik. »Er kann dieses Viech genauso gut töten und dann zu dir kommen. Immerhin scheint der kleine Gnom ja auch so eine Art Kampfmaschine zu sein, mit seinen Giftzähnen.«

»Ich glaube nicht, dass ein einzelner Revenant und ein Gnom dazu in der Lage sind«, widersprach ich. »Die Formorii sind furchtbare Kreaturen.«

»Und was für welche?«

»Mythische Krieger«, erklärte ich ihr. »Größer als ein Mensch, grauhäutig, einäugig; stark und grausam. Und sie haben nur einen Arm und ein Bein, mit dem sie sich springend fortbewegen.«

Suse schüttelte sich leicht und schien es inzwischen hinzunehmen, dass ich ihr ständig von seltsamen Wesen berichtete.

»Trotzdem weißt du nicht, ob Engilger und dieser Ban mit dem Einen nicht doch fertig werden! Du musst erst mal abwarten, ob er zu dir kommt, Niall.«

»Warten«, entgegnete ich bitter. »Das ist nicht unbedingt meine Stärke. Aber das ist nicht alles, Suse.«

Ich blickte ihr in die Augen.

»Was noch?«, fragte sie leise und ich sah, dass sie es bereits ahnte.

»Ich glaube nicht, dass ich noch in diese Welt hier passe!«

»Quatsch,«, widersprach sie heftig. »Wenn du geduscht, dir diese Mähne gekämmt und wieder eine Jeans angezogen hast, sieht das schon ganz anders aus! Du bist hier zu Hause!«

Ich senkte den Blick und dachte an die Lichtkugel, die ich mit meinen Händen erzeugen konnte. Die Luft verwirbelte sich ohne mein Zutun zwischen meinen Fingern und begann zu leuchten.

»Lieber Himmel, was ist das denn?«

Das leuchtende Gebilde stieg sanft in die Höhe, bis es zwischen uns hing.

»Ich habe ein sehr altes Ritual gefeiert und weiß jetzt, dass ich eine uralte Seele habe. Sie ist von vielen Menschen mit magischen Fähigkeiten getragen worden, auch von einem legendären Druiden.«

Ich ließ die Kugel zurück in meine Hände gleiten und legte sie zusammen, bis das Licht verschwand.

 »In der Anderswelt falle ich damit nicht weiter auf, Suse. Hier bin ich jedoch ein Freak und muss aufpassen, dass die Menschen mich nicht zu merkwürdig finden und ich in der Psychiatrie lande.«

Sie schluckte und wich meinem Blick aus. »Du kannst es lernen, hier so zu leben, dass du nicht auffällst. Aber du musst es wollen! Die Revenants leben schließlich genauso unter uns.«

Da hatte sie Recht, aber bleiben konnte ich trotzdem nicht.

»Zuerst muss ich ohnehin zurück und Engilger und Ban retten«, stellte ich abschließend fest.

»Du hast dich also in ihn verliebt,« hielt sie mir entgegen und erinnerte mich irgendwie an Ban.

Ich musste schmunzeln. »Sieht so aus«, erwiderte ich knapp.

»Und was ist mit Tiw?«

»Den liebe ich auch.«

»Das wird aber kompliziert, meinst du nicht?« Sie hob süffisant eine Augenbraue.

»Nicht nach den alten Regeln, glaube ich«, gab ich zögernd zurück. »Auch wenn ich mich noch lange nicht daran gewöhnt habe, dass ich das entscheide und nicht die beiden, ähm, Männer.«

Suse ließ das so stehen und ich beschloss, mich erst einmal mit so praktischen Dingen wie essen, schlafen und Haare kämmen zu beschäftigen.

Meine Entscheidung, zurückzugehen und genau in dem Moment an der heiligen Quelle anzukommen, als Engilger mich hineingeworfen hatte, war längst gefallen. Ich musste nur noch herausfinden, wie der Durchgang in der Weide funktionierte. Vielleicht war Cathbad ja bereit, es mir in einem Traum zu verraten.

»Kannst du mir helfen, diesen Wust durchzukämmen?«, fragte ich Suse munter und hielt eine zottelige Strähne hoch.

»Klar. Und danach solltest du duschen gehen, du stinkst nämlich wie eine verwesende Ratte! Und ich werde dir währenddessen etwas zu essen machen, du siehst ganz ausgehungert aus.«

»Wie eine verwesende Ratte?« Ich musste lachen. »Ich habe Männer getroffen, die wesentlich schlimmer gestunken haben und sie wollten mich wegschleppen, um sich ein bisschen mit mir zu amüsieren.«

»Du lieber Himmel, Niall! Haben sie dir was angetan?«

»Nein. Ich habe sie elegant zusammengeschlagen, man musste sie wegtragen! Und dafür habe ich das hier bekommen.« Ich zeigte auf den Halsring, der mir eben wieder eingefallen war.

»Was ist das für ein Ring?«

Suse beugte sich herab und sah ihn sich genau an. »Er ist sehr schön und scheint sehr alt zu sein.«

»Wahrscheinlich ist er eine archäologische Sensation und ein Vermögen wert. Es ist ein keltischer Torque, ein Halsring, den nur Fürsten und tapfere Krieger tragen.«

»Wow,« sagte sie und grinste. »Dann hol mal den Kamm, du tapfere Kriegerin, damit ich dich quälen kann.«

 

Suse war geübt im Umgang mit Kamm und Bürste und nur wenig später war ich auf dem Weg ins Bad. Mein Blick fiel in den großen Spiegel und ich hielt inne.

Die Frau, die mich da verblüfft anstarrte, war hübscher als ich mich in Erinnerung hatte. Die Lockenmähne war wirklich beeindruckend und meine Augen waren von einem erschreckend hellen Blau. In den keltischen Kleidern sah ich tatsächlich wie ein Wesen aus einer anderen Welt aus. Es war erstaunlich, dass Karin und Suse mich erkannt hatten, ich hatte jedenfalls Mühe damit.

Bedächtig stieg ich aus den Kleidern und dachte daran, sie direkt in die Waschmaschine zu stecken.

Dann setzte ich mich nackt auf den Klodeckel und lachte leise; wie absurd, jetzt ans Wäschewaschen zu denken. Zumal es in der Anderswelt keine Rolle spielte, ob sie sauber waren oder nicht.

 

Als ich frisch gewaschen und in meinen Bademantel gewickelt am Esstisch saß, fühlte ich mich nicht mehr ganz so fremd. Suse hatte mir Eier gebraten und alles aufgetischt, was mein Kühlschrank noch enthielt und für ein spätes Abendessen taugte. Sie beobachtete mich, während ich das Essen hungrig verschlang.

»Ich gehe morgen Nacht zurück, Suse«, eröffnete ich ihr. »Ich finde einen Weg, den Durchgang in der Weide zu öffnen!«

Sie seufzte. »Willst du nicht wenigstens ein, zwei Tage abwarten, ob er nicht doch zu dir kommt? Wenn du es schaffst, genau in dem Moment zurückzukehren, in dem er dich ins Wasser geworfen hat, ist es doch egal, wann du gehst.«

Sie hatte natürlich Recht, aber hier herumzusitzen und zu warten, würde mich wahnsinnig machen.

»Und wenn du irgendwo anders landest und er kommt inzwischen zurück und sucht dich hier?«, hielt sie mir entgegen und hatte mir offensichtlich vom Gesicht abgelesen, was ich von ihrem Vorschlag hielt. »Und dann kommst du gar nicht mehr zurück, oder wie?«

In einer Mischung aus Zorn und Sorge sah sie mich an und ich verstand.

»Natürlich komme ich zurück, Suse, keine Sorge. Ab und zu möchte ich schon heiß duschen.«

Ich grinste schelmisch und der unpassende Spaß erinnerte mich an Engilgers Humor, den er gern ausspielte, wenn es eigentlich nichts zu lachen gab. Ganz abzutun war Ihr Einwand allerdings nicht. Wenn ich Engilger knapp verpasste, was dann?

Dann würde ich eben in der Anderswelt darauf vertrauen müssen, dass er mich fand, beschloss ich. Den Gedanken an ein Scheitern schob ich beiseite, ich brauchte eben ein wenig Glück. Und mein Vorhaben war ohnehin so verrückt und gefährlich, dass es durch zu viele Bedenken nur komplizierter wurde.

»Hast du seit dem Abend mit Tiw irgendetwas Seltsames bemerkt?«, wechselte ich das Thema.

»Vielleicht«, erwiderte sie zögernd. »Ich bin im Supermarkt von einer Rothaarigen angesprochen worden. Aber ich war ziemlich reserviert, weil nämlich die Beschreibung dieser rothaarigen Frau auf sie gepasst hat, ich meine von dieser Revenant.«

Ich erstarrte auf meinem Stuhl. »Was wollte sie?«

»Sie hat einfach eine Unterhaltung angefangen; sprach mich auf die Sojasprossen an, die in meinem Einkaufswagen lagen. Sie war sehr nett, aber irgendwie auch aufdringlich, wollte einen Kaffee mit mir trinken gehen. Ich habe abgelehnt.«

»Hatte sie eine aufgetürmte rote Mähne?«

Suse nickte mit Nachdruck.

»Sunnigfu«, entgegnete ich und ballte die Fäuste. »Es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit, wie sie dich gefunden haben kann. Sie muss sich an deine Fersen geheftet haben, nachdem ich Tiw und den anderen in den Nebel gefolgt bin. Sie scheinen alle sehr feine Sinne zu haben.«

»Keine Sorge, ich trage ja immer noch das Band und trenne mich nicht mal beim Duschen davon.«

Sie hob das Handgelenk. Das rote Wollband, das ich ihr umgelegt hatte, sah zwar ein wenig verwaschen aus, aber es war noch da.

»Hast du sie seitdem noch mal gesehen? Oder eine gestreifte Katze?«, fragte ich und merkte selbst, dass ich sie beinahe verhörte.

»Nein«, erwiderte sie bestimmt. »Weder noch. Mir passiert schon nichts!«

Sie legte ihre Hand auf meine und ich drückte ihre Finger.

»Das hoffe ich Suse. Und es tut mir sehr leid, dass ich dich da mit reingezogen habe.« Ich musste schlucken. »Ich überlebe es nicht, wenn dir was passiert!«

»Jetzt übertreib mal nicht! Ich glaube, du brauchst erst mal ein paar Stunden Schlaf, dann sieht alles schon viel besser aus!« Sie erhob sich. »Kann ich dich allein lassen, oder soll ich hierbleiben?«

Ich schüttelte den Kopf und bemühte mich um ein zuversichtliches Lächeln.

»Du kannst mich ruhig allein lassen, ich bin doch jetzt eine gefährliche Kriegerin.«

Suse griff nach ihrer Tasche und ich stand auf und nahm sie fest in den Arm.

 

Nachdem ich hinter ihr die Tür geschlossen hatte, räumte ich den Tisch ab, und stand dann unschlüssig vor dem Sofa. Schließlich setzte ich mich doch hin, zog die Beine an und kuschelte mich unter die Decke.

Die Gedanken an Tiw überfielen mich augenblicklich.

Ich sah sein Gesicht vor mir, mit den strahlend grünen Augen, und erinnerte mich daran, wie er meinen Schmerz in sich aufgenommen hatte, an diesem ersten Abend. Ich spürte die tiefe Verbundenheit mit seiner Seele, seinen Erinnerungen, seiner besitzergreifenden Liebe. Und dann rannen mir heiße Tränen der Schuld und Scham über die Wangen, denn ich hatte ihn betrogen.

Nicht nach den alten Regeln, meldete sich eine leise Stimme in meinem Kopf. Ich war nun eine Bandruidh und hatte das Recht, zu wählen!

Plötzlich fiel mir ein, dass Engilger genau das zu mir gesagt hatte, als wir an der Weide gestanden hatten. Er hatte mich aufgefordert, einfach noch einmal zu wählen, dann könnten wir uns den Kampf sparen. Ich hatte ihn daraufhin schwer beleidigt und Tiw war es gewesen, der ihn zum Kampf aufgefordert hatte.

Hätten wir das alles vermeiden können, wenn Tiw nicht so verzweifelt verhindert hätte, dass ich von den alten Regeln erfuhr? Und hatte Engilger nichts anderes getan, als sich an die alten Regeln zu halten? Aber in diesem Moment hatte ich ihn noch gehasst und gefürchtet; es hätte nichts geändert.

Verwirrt schloss ich die Augen, die inzwischen vor Müdigkeit brannten.

Wieder einmal erkannte ich, dass ich träumte.

Sunnigfu tauchte auf, die über einen Parkplatz schlich und sich einem hell erleuchteten großen Gebäude näherte. Sie zögerte, es zu betreten, doch in ihren Augen brannte der Hass. Keuchend fuhr ich aus dem Schlaf auf.

Die Revenant umschlich das Krankenhaus, in dem meine Arbeitskollegin Beate lag! Ich hatte Engilger nie gefragt, wo seine kleine Gefolgschaft geblieben war, nachdem sie mich und die anderen in den Nebel gelockt hatten. Und Sunnigfu schien nun beenden zu wollen, was Perigher begonnen hatte.

Ich sprang vom Sofa, lief ins Schlafzimmer und zog in größter Hast die Sachen an, die mir als Erstes in die Hände fielen. Dann stieg ich in meine Stiefel, griff nach dem Autoschlüssel und stürmte zur Tür hinaus. Bevor ich sie zuzog, fiel mein Blick auf die kleine Bauchtasche; ich nahm sie auch noch mit.

 

Auf die Uhr hatte ich nicht geschaut, doch es war noch dunkel, als ich mit viel zu hoher Geschwindigkeit Richtung Recklinghausen-Süd fuhr. Und ich hoffte inständig, dass nicht irgendwo eine Polizeistreife das Ende der Nachtschicht abwartete und mich entdeckte.

Ich hatte Glück, die Straßen waren leer und ich hielt nur wenige Minuten später direkt vor dem Haupteingang des Krankenhauses. Hastig durchquerte ich die Eingangshalle und achtete nicht auf den überraschten Blick der Frau am Nachtempfang.

Den Fahrstuhl zu nehmen, verwarf ich; es würde zu lange dauern. Und während ich immer zwei Stufen auf einmal nehmend die Treppe hinaufraste, fiel mir ein weiterer guter Grund ein, Sunnigfu einzufügen. Sie wusste mit Sicherheit, wie man den Durchgang in der Weide benutzte. Und sie würde es mir entweder verraten oder Perighers Schicksal teilen.

 

Ich verlangsamte meinen Schritt, als die Intensivstation in Sicht kam, doch von Sunnigfu war nichts zu entdecken.

Der Pfleger, den ich nun schon kannte, sah überrascht auf, als ich an das Glasfenster klopfte, hinter dem er an einem PC saß. Er erhob sich sofort und kam zu mir heraus.

»Bitte, ich weiß, es ist spät, aber ich hatte einen furchtbaren Traum, kann ich Beate kurz sehen?«

Ich sah ihn so flehend an, dass sein Blick weich wurde.

»Sie ist auf die Innere verlegt worden, Zimmer fünfhundertzehn in der fünften Etage«, gab er preis. »Sagen sie der Nachtschwester, dass ich Ihren Besuch erlaubt habe, ich heiße Ulli.«

 

Im fünften Stock angekommen, trat ich leise in den Gang hinaus. Und sah Sunnigfu, die nur wenige Meter entfernt ihre Hand auf eine Türklinke legte. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie mich an, wirbelte herum und lief davon.

Sie war schnell und ich holte sie nicht ein, bevor sie am anderen Ende des Ganges im Hausflur verschwand.

Doch ich holte auf, als ich hinter ihr die Treppen hinuntersprang. Es hatte Vorteile, als Kind in einem Hochhaus fangen gespielt zu haben; ich erwischte ihr Haar, als sie die Tür im zweiten Stock aufriss. Mit einem Ruck riss ich sie zurück und drückte sie an die Wand.

»Stad, mo taibhse [1]«, zischte ich und sie keuchte, als ich ihr die Hand an die Kehle legte und meinen Daumen in ihren Kehlkopf bohrte. »Sunnigfu, tá an-athás orm bualadh leat[2].«

Eine unbändige Wut überkam mich, es zuckte mir in den Fingern, ihr mit bloßen Händen das Genick zu brechen und den Fluch auszusprechen, der Perigher ausgelöscht hatte. Sunnigfu schien den Gedanken in meiner Aura zu spüren und versuchte meine Finger zu lösen.

»Halt still, oder willst du Perigher so schnell folgen?«

Sie erschlaffte und sah mich zornig an.

»Selbst wenn du Engilger entkommen bist, er wird dich finden und zerbrechen«, erwiderte sie gepresst.

»Du wirst dich wundern, Sunnigfu, ich werde ihn finden! Und du wirst mir jetzt sagen, wie man den Durchgang in der Weide benutzt!«

Überraschung zeichnete sich in ihrem Gesicht ab, dann grinste sie hinterhältig.

»Du willst gegen Engilger kämpfen? Du bist total verrückt!«

Genau dort wollte ich sie haben, langsam verstärkte ich den Druck auf ihren Kehlkopf.

»Rede! Ansonsten bist du nutzlos für mich und kannst Perigher Gesellschaft leisten.«

»Lässt du mich gehen, wenn ich es dir sage?«

»Ich lasse dich jedenfalls nicht gehen, wenn du es nicht sagst! Feilsche nicht mit mir, Sunnigfu, ich habe vom Grünen gelernt, wie man das macht!«.

So hatten Ban und Engilger den Hüter der Schwelle genannt und Sunnigfu schien ihn zu kennen, denn ihre Augen wurden noch größer.

»Vom Grünen? Aber wie ….?«

Ich drückte ihr die Daumen fester in den Kehlkopf und sie keuchte auf.

»Du musst den Ort kennen, an den du willst und ihn dir genau vorstellen und dann musst du die Hände auf den Stamm legen«, brachte sie mühsam heraus.

»Und wie komme ich zu einer von mir gewählten Zeit an diesen Ort?«

»Das geht nur, wenn an diesem Ort ein Teil von dir ist, etwas, das dir gehört. Ansonsten hast du keine Chance!«

Im ersten Moment erstarrte ich, doch dann fiel mir ein, dass ich mir darum keine Sorgen machen musste. Ohne darüber nachzudenken riss ich mein Knie hoch und stieß es ihr in den Magen. Sie krümmte sich, ich packte ihren Nacken und drückte sie hinunter.

»Was wolltest du von Beate?«

Ich spürte die Gnadenlosigkeit, die sich in mir ausbreitete und diesmal hieß ich sie willkommen.

»Ein einziger Schlag in deinen Nacken, Sunnigfu und der alte Fluch, den du schon einmal gehört hast, und deine Seele geht für immer! Betrittst du dieses Haus noch einmal in welcher Form auch immer, richte ich dich nach den alten Regeln der Derwydhs[3], denn ich bin eine Bandruidh. Hast du mich verstanden, Revenant«?

»Ja«, keuchte sie erstickt. »Ich werde mich fernhalten!«

»Du wirst es bei Dagdas Gericht schwören«, forderte ich und drückte sie weiter hinunter, sodass sie in die Knie ging.

»Ich schwöre es! Dagda ist mein Zeuge!«

Ich ließ sie los und sie hechtete mit einem Sprung zur gegenüberliegenden Wand. Von dort aus starrte sie mich zornfunkelnd an.

»Wirst du auch mit einem Wolf fertig, Bandruidh?« flüsterte sie und duckte sich, als wolle sie springen.

»Willst du es versuchen?«, konterte ich und starrte ihr in die Augen.

Mit einem leisen Knurren wirbelte sie an mir vorbei und die Treppe hinunter. Kurz darauf riss sie im Erdgeschoss die Tür auf, dann verklangen ihre Schritte und es war still.

 

Ich lehnte mich an die Wand hinter mir und atmete tief ein, denn nun bebten mir die Knie und mein brutales Vorgehen irritierte mich. Bis vor kurzem hätte ich geschworen, niemandem Schmerzen zufügen zu können, wenn er mich nicht gerade angriff oder bedrohte. Das war nun offensichtlich anders. Mein schlechtes Gewissen regte sich, doch ich schob es beiseite. Immerhin hatte ich Sunnigfu gehen lassen, ohne ihr die Seele zu nehmen.

Ich stieß mich von der Wand ab und beschloss, wenigstens kurz nach Beate zu sehen. Jetzt, wo ich wusste, wie ich zu Ban und Engilger zurückkehren konnte, war ich ruhiger.

Ich trat in den Gang hinaus und auf die Tür zu, deren Klinke Sunnigfu in der Hand gehabt hatte. Sie trug die Nummer fünfhundertzehn und mir ging durch den Kopf, dass ich Beate wohl gerade zum zweiten Mal das Leben gerettet hatte.

Eine Lampe brannte über ihrem Bett, doch sie schlief. Ich trat näher hin und blickte auf sie herab. Ihre linke Gesichtshälfte hing noch immer schlaff herab, aber sie schien ihre Hände wieder besser gebrauchen zu können, denn sie hielt die Fernbedienung des Fernsehgerätes noch in der Hand. Ich atmete tief ein und konzentrierte mich auf ihre Aura.

Nach wenigen Augenblicken konnte ich das Flimmern über ihrer Haut sehen und stellte erleichtert fest, dass es kräftiger geworden war. Trotzdem breitete ich meine eigene Aura aus und umhüllte sie mit Liebe und Kraft. Sie schien es zu spüren, denn sie öffnete die Augen. Ich ergriff ihre Hand und setzte mich zu ihr aufs Bett.

»Perigher ist tot, Beate«, sagte ich sehr leise. »Ich habe Rache genommen für dich.«

Ihre Augen weiteten sich, dann meinte ich Genugtuung in ihrem Blick zu erkennen. Um einiges kräftiger als beim letzten Mal drückte sie meine Finger. Ich erhob mich und legte ihre Hand zurück auf die Decke.

»Ich muss gehen, aber ich komme wieder!«

Einem Impuls folgend beugte ich mich über sie und zeichnete ihr mit dem Daumen eine Triskele[4] auf die Stirn, das alte Schutzzeichen der Druiden.

 

Der Morgen dämmerte, als ich das Krankenhaus verließ.

Vor meinem Auto blieb ich stehen und sah mich aufmerksam um, doch von Sunnigfu war keine Spur mehr zu entdecken. Ich schloss die Augen und lauschte forschend, aber es war niemand in der Nähe, der meine Aufmerksamkeit erregte. Schließlich stieg ich ein und fuhr zurück in die Innenstadt.

Ich wollte sofort zur Weide.

Solange es noch nicht richtig hell war und kaum Menschen unterwegs waren, hatte ich eine Chance, unbemerkt den Durchgang zu benutzen. Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte vier Uhr fünfzehn; viel Schlaf hatte ich wieder nicht bekommen.

 

Voller Eile lief ich die Treppe zu meiner Wohnung hinauf und Moggedur wich erschrocken zurück, als ich die Tür aufriss. Ich strich ihm flüchtig über den Kopf und vergewisserte mich, dass er genug zu fressen hatte, während ich bereits meine Sachen auszog und sie liegen ließ, wo es sich gerade ergab.

Im Bad stieg ich in die Kleider, die ich in der Anderswelt getragen hatte, und stellte nebenbei fest, dass sie nicht gerade gut rochen. Dann zerrte ich die Stiefel über die Füße, verschnürte sie mit fliegenden Fingern und schlüpfte in meine Steppjacke.

Im Flur hielt ich inne, beugte mich noch einmal zu Moggedur hinab und strich ihm liebevoll über den Kopf.

»Ich weiß, das ist alles ganz schön verrückt, mein Kleiner. Aber ich bin wahrscheinlich eher zurück, als du glaubst.«

Dann griff ich zum Telefon und wählte Suses Handynummer. Zu meinem Erstaunen meldete sie sich sofort.

»Suse, ich bin’s! Ich weiß jetzt, wie ich den Durchgang in der Weide benutzen kann! Ich bin auf dem Weg, der Wohnungsschlüssel liegt unter dem Oleander. Ich habe keine Zeit mehr, ihn dir zu bringen.«

»Du gehst jetzt schon?«

Sie klang besorgt, aber darauf konnte ich nun nicht eingehen; ich hatte nicht mehr viel Zeit, bis die Straßen sich belebten.

»Ja. Mach dir keine Sorgen, ich bin bald zurück.«

»Pass gut auf dich auf, hörst du?!.«

»Das werde ich, Suse. Und du lass dich nicht von hübschen Männern ansprechen. Slán, mo cridhe [5]«, erwiderte ich leise und legte auf.

 

Im Park hinter der Volkshochschule war es still und menschenleer, was mich sehr erleichterte. Vor der kleinen Mauer, die die Weide begrenzte, hielt ich inne und beruhigte mein aufgeregtes Herz. Ich musste mich nun darauf verlassen, dass Sunnigfu die Wahrheit gesagt hatte und mein Eibenstock mich zu Engilger zurückbrachte. Er hatte ebenso wie der Wollumhang immer noch in der Höhle gelegen, als er mich in den Teich geworfen hatte und würde mich nun hoffentlich zu genau dem Zeitpunkt zurückbringen, den ich wählte.

Aufmerksam forschte ich in meiner Umgebung nach der Präsenz eines Revenants und stutzte. Schwach und weit entfernt meinte ich den Neid zu spüren, den ich schon einmal Sunnigfu zugeordnet hatte.

Mit klopfendem Herzen stieg ich über die Mauer und trat nah an den Baum heran, dann schloss ich die Augen.

Die Erinnerung an Engilger und die Leidenschaft, die ich mit ihm erlebt hatte, war stark und ich glaubte beinahe, das Gras in der Nähe des kleinen Teiches wieder unter den Fußsohlen zu spüren.

Die Schatten der Bäume hatten die Felswand beinahe erreicht und der schmale Eingang zur Höhle hatte wie ein dunkles Loch im Felsen geklafft, der noch von der Sonne beschienen worden war. Ich hatte den Eindruck, die Höhle noch einmal zu betreten und mein Blick fiel auf den Eibenstock, der neben Engilgers Schwertgehänge an der Felswand lehnte. Dann wünschte ich mir inbrünstig, forderte geradezu, dort zu sein, neben meinem Stock zu stehen, genau in dem Moment, als der Formorii heranstürmte.

 

 

[1]Gäl.:Steh still, mein Geist.

[2]Gäl.:Schön, dich zu sehen!

[3]Gäl.:  Druide

[4]Gäl.: Die Dreierspirale, auch Triskele genannt, symbolisiert den Kreislauf jeden Lebens in der materiellen Welt: Das Werden - Das  Sein - Das Vergehen. Jeder der Aspekte, immer nach außen fließend, kehrt schließlich immer zu dem Punkt zurück, wo er begann.

[5]Gäl.: Ade, mein Herz

 

 

Und wieder zurück ... Zeit spielt keine Rolle mehr

Ich wurde regelrecht hineingesogen in den Baum und etwas presste mir die Lungen zusammen. Es dauerte nur einen Moment, dann schleuderte mich eine Kraft zu Boden, als wäre ich geschubst worden. Schmerzhaft fiel ich auf die Knie und schürfte mir die Hände auf.

Mein Blick fiel auf felsigen Boden und es war dämmrig um mich herum. Draußen ertönte ein ohrenbetäubendes Gebrüll, dann ein schwerer Schlag, als würde jemand versuchen, einen Baum mit der Faust zu fällen. Und dann hörte ich einen menschlichen Schrei, schmerzverzerrt und voller Zorn.

Bebend kam ich auf die Füße und mein Blick suchte den Eibenstock. Er lehnte immer noch am Felsen, doch das Schwert war nicht mehr da. Ich griff nach dem Stock, rannte hinaus und versuchte gleichzeitig, meine Steppjacke abzustreifen. Sie fiel zu Boden, als ich vor der Höhle erstarrte.

Zwischen den Bäumen schwang das monströse, grauhäutige und einbeinige Monster eine große Keule. Es blutete aus etlichen Wunden, aber es stand noch immer sicher auf diesem einen Bein und hieb auf den Menschen ein, der sich vor ihm duckte und im Vergleich zu ihm wie ein Kind wirkte.

Engilger war noch immer barfuß. Er hatte sein Schwert erhoben, doch seine linke Schulter hing merkwürdig schlaff herab. Der Formorii musste ihn getroffen haben.

Der Zorn darüber, dass dieses hässliche Ding den Mann geschlagen hatte, den ich für mich wollte, überflutete mich so schnell, dass ich schier in Flammen aufging. Ich hob den Eibenstock und schrie aus Leibeskräften.

»Stadaim! Bíodh an diabhal agat! Mac an madra![1] «

 

Monster und Mensch wandten sich mir überrascht zu, aber Engilger nutzte seine Chance und hieb dem Monster das Schwert in die Kniekehle. Der Formorii brüllte wutentbrannt und voller Schmerz auf.

»A dagda, go gcuidí sé![2]«, rief ich und schleuderte ihm die Kugel aus hellem Licht entgegen, ohne wirklich zu wissen, wo sie so plötzlich hergekommen war.

Schwankend hob er die Keule, das Licht traf ihn und blendete das einzige Auge, das er besaß. Wie in Zeitlupe sah ich ihn fallen, die Keule wurde aus der Bahn gelenkt und streifte Engilgers Unterschenkel.

Der Formori fiel wie ein gefällter Baum und hielt sich die grobschlächtige Hand vor das Auge, seine merkwürdig hohen Schmerzensschreie hallten durch den Wald. Engilger taumelte, hob jedoch sein Schwert und hieb mit einem zornigen Schrei auf den unförmigen Kopf ein. Wie durch ein Wunder traf er das Genick des sich windenden Monsters und es lag mit einem erstickten Keuchen still.

Für den Bruchteil eines Augenblicks herrschte verblüffte Stille, dann sank Engilger stöhnend auf die Knie. In Windeseile war ich bei ihm und kauerte mich zu ihm auf den Boden.

»Niall? Du bist zurückgekommen?«

Er sah mich fassungslos an und lächelte selig.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass er noch ganz bei sich war. Seine linke Schulter war zertrümmert, ich konnte die zersplitterten Knochen sehen. Die linke Seite und sein Unterschenkel waren aufgerissen und bluteten stark. Er hob die Hand und wollte mich berühren, doch er verfehlte mich.

»Sei still«, wies ich ihn barsch an. »Und schließ die Augen.«

Er tat es, ich legte meine Hände auf seine Brust, schloss ebenfalls die Augen und atmete tief ein.

 »Biguol en uuodan so he uuola conda«, sprach ich leise und wiederholte den alten Zauberspruch, mit dem ich schon Tiws Wunden nach dem Kampf mit Perigher geheilt hatte.

»Sose benrenki sose bluotrenki sose lidi. Renki ben zi bena bluot zi bluoda. Lid zi geliden sose gelimida sin.[3]«

Engilger seufzte leise; es klang erleichtert. Ich öffnete die Augen und sah fasziniert dabei zu, wie sich seine Knochen richteten und die Wunden verschlossen. Dann fiel mir endlich auf, dass jemand fehlte.

»Wo ist Ban?«

Engilger öffnete mühsam die Augen. »Drüben am Waldrand. Aber ich glaube für ihn ist es zu spät.«

»Nein!«, entfuhr mir, ich sprang auf und lief los.

Der Gnom lag ganz in der Nähe am Fuße eines Baumes. Der Formorii musste ihn gegen den Stamm geschmettert haben, denn sein Rückgrat war gebrochen.

Ich ließ mich auf die Knie fallen; Verzweiflung und Wut überfluteten mich wie eine nachtschwarze, kalte Woge. Nicht mein Ban, mein Beschützer, der kleine weise Gnom, der Engilger dazu gebracht hatte, sich in mich zu verlieben.

Tief Luft holend legte ich meine Hände auf den kleinen knorrigen Körper. Er war noch warm, doch ich spürte keinen Atem und keine Aura. Ich schloss trotzdem die Augen und wiederholte den alten Zauberspruch, dann betrachtete ich ihn forschend. Die Knochen richteten sich, doch sein Brustkorb blieb still, er regte sich nicht.

Mit geballten Fäusten hieb ich so heftig auf den Baum ein, dass ich mir die Haut aufriss.

»Gib ihn mir zurück, Dagda! Ich lasse ihn nicht gehen!!

Mein gequälter Schrei hallte durch den stillen Wald. Schluchzend ließ ich den Kopf sinken und konnte es nicht fassen, dass ich zu spät gekommen war, um ihn zu retten. Nur einen verdammten, kurzen Moment zu spät!

Vor meinem inneren Auge tauchte das Bild eines stämmigen Mannes auf.

Er trug eine kurze Tunika und hielt eine riesige, mit Eisen beschlagene Keule an seiner Seite. Rotes langes Haar fiel ihm bis über die Schultern und seine blauen Augen waren so wissend und tief, dass mir ein Schauer über den Rücken jagte. Und er lächelte ganz unbefangen.

»Was gibst du mir, Bandrih, wenn ich ihn dir zurückgebe?« fragte seine Stimme in meinem Kopf.

Die irre Hoffnung, die in mir aufkeimte, verdrängte das Erstaunen augenblicklich.

»Was willst du für ihn?« fragte ich, ohne laut zu sprechen.

Der Mann musterte mich.

»Eine Nacht mir dir würde mir reichen«, entgegnete er schließlich augenzwinkernd.

Eine Nacht mit einem Unbekannten gegen Bans Leben.

»Überlege nicht zu lange, Bandrih«, fügte der Bärtige hinzu und lachte herzhaft, als sei das alles ein großer Spaß.

»Du kriegst sie,« sagte ich laut.

»Du wirst zu mir kommen und den Preis einlösen, Bandrih.« Er nickte mir zu, dann war er fort.

Vor mir im Gras regte sich Ban und schlug blinzelnd die Augen auf. In meiner Freude riss ich ihn an mich und achtete nicht darauf, ob er mich überhaupt erkannt hatte.

Der Gnom zappelte in meinen Armen. »Bandrih? Du bist wieder da?«

Vorsichtig setzte ich ihn auf den Boden und strahlte ihn an. »Natürlich, Ban! Ich musste doch kommen und euch retten!«

»Und das hast du in der Tat getan, kleine Hexe.«

Engilger stand hinter uns und lächelte mich an. Er war zweifellos schwach auf den Beinen und Erschöpfung zeichnete sich in seinem Gesicht ab, doch er war so schön, wie immer. Langsam erhob ich mich.

»Wenn ich zwei Schritte auf dich zugehe, nimmst du mich dann in den Arm?« fragte ich leise.

»Ich warte darauf, dass du sie gehst, mo cridhe«, erwiderte er leise und öffnete seine Arme.

Ich stürzte mich hinein und drückte mich an ihn, während er schwankend seine Arme um mich schloss.

»Du bist tatsächlich sturer als ein Maulesel, Niall! Und man wird dich nicht los, selbst wenn man dich von einer Welt in die andere wirft«, sagte er leise und vergrub sein Gesicht in meinem Haar.

Tränen der Erleichterung liefen mir über die Wangen und ich musste schmunzeln, seinen unpassenden Humor hatte ich tatsächlich vermisst.

»Ich hatte nicht vor, mir den Mann, den ich mir gerade erst ausgewählt habe, von einem hässlichen Monster zerquetschen zu lassen«, hielt ich dagegen. »Dafür bist du einfach zu schön.«

»Was für ein Glück, dass deine Wahl auf mich gefallen ist, Bandrih,« bemerkte er leise. »Das hat mir wohl das Leben gerettet; und dem kleinen Giftzwerg auch.«

Ich löste mich ein Stück von ihm und sah ihn an. »Ich gehe nicht einfach weg, wenn die, die ich liebe, in Gefahr sind«, sagte ich ernst. »Und wenn man mich gegen meinen Willen in die nächste Welt wirft, komme ich eben zurück!«

Seine Augen wurden weich und zärtlich. »Er durfte dich nicht in die Finger kriegen, Niall, sie sind wie wilde Tiere.«

Ich verschloss ihm den Mund mit einem Kuss und spürte, wie er die Gefühle der Liebe und Leidenschaft aufsog, die aus mir herausströmten.

Schließlich löste er seine Lippen von Meinen. »Du bist unglaublich, kleine Bandrih«, flüsterte er und sein Gesicht hatte nun etwas mehr Farbe.

Allerdings spürte ich, dass sein ganzer Körper vor Anstrengung bebte. Zögernd entzog ich mich seinen Armen und er sah mich fragend an.

»Ich werde jetzt mit Ban eine weiche Unterlage pflücken und dann werden wir beide uns in dieser Höhle ausschlafen, bis die Sonne wieder aufgeht. Du kannst es brauchen, glaube ich. Und ich habe seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen!«

Engilger sah sich nach dem toten Formori um. »Sie werden ihn suchen, Niall. Wir können hier nicht lange bleiben.«

Unschlüssig hielt ich inne. »Aber wir schaffen es auch nicht, ernsthaft wegzulaufen. Ich bin hundemüde und dir geht es doch auch nicht anders!«

»Ich werde den Formori wegschaffen«, warf Ban ein, »und seine Spur verwischen. Mir geht es gut. Und ich brauche keinen Schlaf. Sie werden ihn weit von hier entfernt finden.«

Erstaunt sahen wir beide auf den Gnom hinab. Mir fiel ein, was der grüne Leprechaun mir über seine Stärke gesagt hatte, aber war er kräftig genug, dieses massige, zwei Meter lange Monster wegzuschaffen?

Ban ging auf den Formori zu, ergriff sein Bein und begann, ihn in den Wald hinein zu schleifen als sei er gerade so schwer wie ein Sack Kartoffeln und ich sah Engilger verblüfft an.

Der grinste anerkennend. »Jetzt können wir beruhigt schlafen gehen.«

 

Ich machte mich daran, die großen Farnwedel abzureißen, die unter den Bäumen wuchsen, und hielt ihn davon ab, mir zu helfen. Engilger beobachtete mich, während der Farnhaufen, den ich vor ihm auftürmte, immer größer wurde.

»Wie ist es dir gelungen, wieder hierher zu kommen, Niall, genau zur richtigen Zeit? Das haben bisher nicht viele geschafft.«

»Ich habe die Weide benutzt. Und das Wissen darum, wie es funktioniert, hat mir Sunnigfu verraten. Ich musste allerdings ein bisschen nachhelfen.«

»Sunnigfu war bei dir?«

»Das kann man so nicht sagen. Ich habe sie aufgespürt.« Ich hielt inne und erwiderte seinen erstaunten Blick.

»Du hast sie aufgespürt?«

»Ich habe sie im Traum gesehen«, erklärte ich knapp. »Sie wollte wohl Perighers Werk vollenden und meiner Arbeitskollegin im Krankenhaus endgültig die Seele nehmen. Also habe ich sie im Krankenhaus eingefangen und sie bei der Gelegenheit gleich nach dem Geheimnis gefragt, wie man die Weide benutzt und zum gewünschten Zeitpunkt hier ankommt.«

»Das hätte sie einem Menschen nicht verraten dürfen«, stellte er fest und zog die Augenbrauen hoch.

»Nun, ich habe ihr als Alternative angeboten, Perigher zu folgen«, erwiderte ich ruhig. »Und das wollte sie nicht.«

»Du hast sie gehen lassen?«

»Ja, ich habe sie gehen lassen, nachdem ich alles mit ihr geklärt hatte.«

»Du hättest sie töten sollen Niall!«, hielt er mir düster entgegen. »Sie wird jetzt Rache nehmen wollen! So eine Demütigung erträgt kein Revenant, ohne einen Kampf zu fordern.«

Ich hielt inne und straffte mich. »Ich werde sie töten, wenn sie mich angreift oder zum Kampf fordert. Ich töte nicht ohne Not, Engilger!«

»Perigher hat dich auch nicht angegriffen oder zum Kampf gefordert.«

Alarmiert sah ich ihn an. »Perigher hat einen Menschen aus meiner Umgebung, den ich sehr mag, beinahe getötet! Das ist etwas anderes!«

Er musterte mich intensiv, als wolle er in mich hineinblicken und nickte.

»Ich verstehe, du beschützt die Menschen, die du gern hast, und riskierst dein Leben für sie.«

Mit gerunzelter Stirn erwiderte ich seinen Blick, doch er schmunzelte.

»Ich versuche nur, dich zu verstehen, Niall. Du lebst gefährlich, auf diese Art!«

»Ich wusste auch nicht unbedingt, ob ich in einem Kampf gegen einen Formori mit heiler Haut davon komme! Trotzdem bin ich hier, weil ich euch retten wollte!«

»Oh, ich glaube, ich hätte ihn schon noch erwischt, aber mit deiner Hilfe ging es ein wenig schneller.«

Ich hieb die Farnwedel, die ich gerade trug, auf den Haufen und stemmte die Hände in die Seiten.

»Du bist so arrogant und überheblich, Engilger, das ist einfach … .«

Mir fehlten die Worte. Ich griff mir ein Bündel von dem Farnkraut und marschierte zornig zur Höhle hinüber. Er folgte mir, ebenfalls ein Bündel im Arm und sah schon wieder ganz munter aus.

»Warte doch, Niall!«, lachte er und schien meinen Ärger gar nicht ernst zu nehmen. »Du warst eine große Hilfe, wirklich! Es hätte sonst viele Tage gedauert, bis meine Wunden verheilt wären.«

Das fachte meinen Zorn nur weiter an, offenbar wollte er mir klar machen, dass er auch meinen Zauberspruch nicht gebraucht hätte. Ich warf das Grünzeug in der Höhle auf den Boden und stapfte mit bösem Blick zurück zum Waldrand. Er folgte mir und ergriff meinen Arm.

»Jetzt bleib endlich stehen, du zornige Fairy!«

»Ich kann gern wieder in den Teich springen, wenn ich hier so überflüssig bin,« fauchte ich und versuchte, mich aus seinen Armen zu winden.

»Bei Dagda,« wisperte er und seine Augen begannen zu funkeln. »Dein Zorn ist so unwiderstehlich, dass ich gleich vergesse wie müde ich bin.«

Er zog mich an sich, bis ich mich nicht mehr rühren konnte, und vergrub sein Gesicht in meinen Locken.

»Geh nicht Niall,«, flüsterte er. »Weißt du noch, was ich in Rig gebrüllt habe, als ich so betrunken war? Ich will dich Niall, und ich brauche dich, das ist die Wahrheit! Und du hast mir gesagt, dass du bei mir bleiben willst, bevor ich dich ins Wasser geworfen habe, erinnerst du dich?«

Er hielt mich ein wenig von sich weg und sah mich mit dunklen Augen an.

»Sag es mir noch einmal, Niall.«

Seine Hände glitten auf meine Hüften hinab und zogen mich an seine Lenden.

»Nicht wenn du mich so wütend machst«, zischte ich, riss mich los und stapfte in den Wald.

Ich nahm das letzte Bündel Farnkraut auf und lief, den Blick starr geradeaus, zurück in die Höhle. Als ich schon beinahe an ihm vorüber war, wandte ich den Kopf und funkelte ihn an.

»Geh in den Wald und leg Hand an dich, ich gehe schlafen!«

Ich rechnete damit, dass er mir folgen würde, doch er kam nicht. Leicht irritiert blickte ich nach draußen, doch von Engilger war nichts zu sehen.

Kopfschüttelnd breitete ich das grüne Polster aus, spähte noch einmal hinaus, dann rollte ich mich darauf zusammen; sollte dieser Dickschädel doch tun, was er wollte. Das Farnbett war nicht so weich wie mein Sofa, aber ich hatte in dieser Welt schon schlechter gelegen.

 

Nur wenig später ertönten Engilgers Schritte in der Höhle. Er legte sich zu mir, rückte nah an mich heran und kuschelte sich an mich.

»Ich habe getan, was du wolltest, mo maise«, flüsterte er. »Aber es war schade darum. Meine Lanze ist nie prachtvoller als nach einem Kampf!«

Ich musste lachen, obwohl ich es gar nicht wollte. »Du bist völlig verrückt! Und mich machst du auch verrückt!«

»Das hoffe ich doch, kleine Bandrih! Und ich habe noch ein wenig übrig von der Leidenschaft, die der Kampf mit sich bringt, wenn du wieder aufwachst. Dann werde ich mich benehmen und dich höflich fragen, ob ich das Lager mit dir teilen darf.«

»Schlaf endlich, du verrücktes Märchenwesen«, erwiderte ich leise.

Er legte leise seufzend seinen Arm um mich und mir fiel ein, dass es das erste Mal war, das wir so beieinanderlagen. Ich dämmerte bereits weg, als ich seine leise Stimme noch einmal hörte.

»Ich liebe dich, Niall. Du bist wie ein helles Feuer in einer Dunkelheit, die sehr lange gedauert hat!«

 

In meinem Traum sah ich Tiw und war erstaunt, nicht den Wolf mit den grünen Augen zu sehen, sondern seine menschliche Gestalt. Er stand am Rande des Waldes und sah auf die Ebene hinaus. Ich spürte seine Sehnsucht und das verzweifelte Bemühen, den Gedanken zu verdrängen, dass ich vielleicht nicht mehr am Leben war. Meine Hand strich ihm über die Wange und er sah auf und runzelte die Stirn. Seine Finger fuhren hinauf zu seinem Gesicht, als hätte er mich gespürt, und ein leises Lächeln breitete sich in seinen Augen aus. Plötzlich war er verschwunden und ich sah vier Wölfe, die über die Ebene jagten.

 

Warme Lippen weckten mich, küssten meine Wange, den Nacken. Finger fuhren sacht über meine Schulter und ein leises Lachen folgte.

»Ein Brandzeichen wie bei einer Kuh«, murmelte Engilger.

Er schmiegte seinen warmen Körper an mich und ich spürte sein drängendes Verlangen durch die Kleider hindurch. Das Bild der Wölfe verschwand und ich drehte ihm mit geschlossenen Augen das Gesicht zu. Er küsste mich zart, während sich seine Hand meinen Bauch hinab schlängelte und unter das Hemd tauchte. Plötzlich hielt er inne.

»Ban, du störst gerade sehr, mein Freund!

»Besuch ist gekommen«, erwiderte der Gnom unbeeindruckt. »Aber sie ist nicht gerade freundlich.«

Irritiert schlug ich die Augen auf und stützte mich auf die Ellenbogen.

Im Eingang der Höhle erschien Sunnigfus rote Mähne; Engilger sprang in einer geschmeidigen Bewegung auf und schirmte mich ab. Erstaunt starrte ich ihn an, denn er war nackt. Das schien ihn jedoch nicht weiter zu stören, ebenso wenig wie die Tatsache, dass er der Revenant vermutlich gerade einen prachtvollen Anblick bot.

»Sunnigfu«, begrüßte er sie betont gelassen. »Was tust du hier?«

Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, doch ihr Körper war gespannt wie eine Bogensehne und sie ballte die Fäuste.

»So ist das also«, zischte sie leise. »Damit hat sie sich ihr erbärmliches Leben erkauft!«

»Nein«, entgegnete Engilger. »Damit habe ich mir mein erbärmliches Leben erkauft. Und zwar nach den alten Regeln.«

Sie zuckte zusammen, die Antwort überraschte sie offensichtlich. Doch sie fing sich schnell.

»Seit wann interessieren dich Regeln? Du wolltest sie dir nehmen, sie zerbrechen und mir Tiw bringen!«

Das also war ihr Teil der Abmachung mit Engilger, Tiw und ich waren beide verschachert worden wie Trophäen. Ich spürte meinen Zorn aufsteigen und ließ zu, dass er sich in der kleinen Höhle ausbreitete. Engilger fuhr zu mir herum, sein Blick war schuldbewusst, während Sunnigfu mich mit bösem Grinsen hochzufrieden anstarrte.

»Alles hat sich geändert, Sunnigfu«, sagte Engilger und wandte sich ihr wieder zu. »Ich halte mich nun an die alten Regeln und du wirst es auch tun!«

Ich erhob mich und bohrte meinen Blick in ihren. »Tiw ist nicht mehr zu haben! Was willst du also?«

Sie schluckte, doch sie erwiderte meinen Blick und ihre Augen wurden schmal.

»Draußen im Gras hängt der Duft eines toten Formori. Ich könnte vergessen, dass ich weiß, wer ihn getötet hat, wenn …«

»Übertreib es nicht!«, zischte Engilger und ich zuckte ebenso zusammen, wie sie. »Ich habe den Formori getötet. Willst du mich etwa erpressen?«

Sein Körper spannte sich und ich bekam eine leise Ahnung davon, wie gefährlich er sein konnte. Sunnigfu duckte sich, doch sie sah ihn trotzig an und ballte die Fäuste.

»Ich will einen ceallach[4] mit ihr«, sie nickte in meine Richtung. »Und wer siegt, bekommt Tiw!«

»Also gut,« erwiderte ich zornig. »Du sollst deinen Kampf haben, du Miststück!«

Sie verfolgte mich inzwischen ebenso, wie Perigher und Engilger es getan hatten, und ich hatte überhaupt entsetzlich genug davon, verfolgt zu werden. Ich sprang auf, doch Engilger hielt mich am Arm fest und sah mich eindringlich an.

»Du musst nicht kämpfen, Niall! Und du kannst sie nicht gehen lassen, wenn du den Kampf gewinnst, denn sie würde uns an die Formorii verraten. Lass mich das klären!«

Ich sah aus dem Augenwinkel, wie Sunnigfu erschrocken die Augen aufriss, während Ban sich an ihr vorbei schob und den Höhlenausgang blockierte.

Mir war klar, was Engilger mir sagen wollte. Er würde sie töten und damit nicht nur verhindern, dass sie uns verriet. Ich sah in seinen Augen, dass es auch die Wiedergutmachung wäre für das kleine, schmutzige Geschäft, das er mit ihr abgeschlossen hatte.

»Nein«, erwiderte ich bestimmt. »Ich werde gegen sie kämpfen.«

Und mir war durchaus klar, dass ich sie nicht noch einmal gehen lassen konnte.

Merkwürdigerweise lächelte Engilger. Er ließ meinen Arm los und sah Sunnigfu an, die erleichtert wirkte und mich spöttisch betrachtete.

»Du wirst diesen Kampf nicht überleben, Sunnigfu«, sagte er leise. »Ich wünsche dir Frieden. Und sei dir sicher, dass ich eingreifen werde, wenn du dich nicht an die Regeln hältst.«

Sie runzelte die Stirn, aber dann straffte sie sich.

»Wir werden sehen, wer seinen Frieden findet! Und ich erwarte von dir, dass du dich ebenfalls an die Regeln hältst und dich nicht auf mich stürzt, wenn ich deinem Liebchen das Genick gebrochen habe und ihre Seele nehme.«

Damit wirbelte sie herum und lief hinaus.

Ich griff nach meinem Eibenstock und wollte ihr folgen, doch Engilger hielt mich erneut zurück.

»Sie wird bald merken, wie stark du bist, Niall und jede Form annehmen, die sie hat. Nur den Nebel darf sie nicht wählen, dann greife ich ein. Und nur dann darf ich eingreifen, wenn ich mich an die Regeln halte, mo cridhe, ist dir das klar?«