Bärenblues - Joe R. Lansdale - E-Book
Beschreibung

Florida ist verschwunden. Haps frühere Flamme, Florida Grange, hat im Provinzkaff Grovetown nach den unveröffentlichten Tonbändern einer schwarzen Blues-Legende gesucht. Dabei kam sie womöglich einem Lynchmord auf die Spur und dem örtlichen Kapuzenklan in die Quere. Also machen sich Hap und Leonard nun auf die Suche nach ihr. Rammelnde Bären, schlechte Schattenspiele, Weihnachtsameisen, fortwährender Liebeskummer und selbst der endlose osttexanische Winterregen können das unzertrennliche Detektivduo nicht stoppen. Aber nach einer kräftigen Tracht Prügel vom versammelten rassistischen Mob im Grovetown Café müssen sie sich doch fragen: Wo zur Hölle sind wir hier gelandet? Und wie kommen wir da lebend wieder raus? Bärenblues ist nach Wilder Winter und Mucho Mojo das dritte detektivische Abenteuer von Hap Collins und Leonard Pine. Und diesmal steht ihnen das Wasser wirklich bis zum Hals. (Die erste deutschsprachige Ausgabe ist unter dem Titel Mambo mit zwei Bären im Rowohlt Verlag erschienen.)

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Seitenzahl:406

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The Two-Bear Mambo 

Die Originalausgabe ist 1995 bei The Mysterious Press erschienen.

Die deutsche Erstausgabe erschien erstmals 1997 unter dem Titel Mambo mit zwei Bären (und dem Übersetzernamen Steve J. Klimchak) im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg.

© 1995 by Joe R. Lansdale

Mit freundlicher Genehmigung des Autors

© dieser Ausgabe 2016 by Golkonda Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Robert Schekulin

Korrektur: Hannes Riffel

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.de]

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

Golkonda Verlag

Charlottenstraße 36

12683 Berlin

golkonda@gmx.de

www.golkonda-verlag.de

ISBN: 978-3-946503-04-0 (Buchausgabe)

ISBN: 978-3-946503-05-7 (E-Book)

Inhalt

Titel

Impressum

Inhalt

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

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The rising world of waters dark and deep.

John Milton:Paradise Lost

Dieses Buch ist meiner Familie,

Karen, Kasey und Keith gewidmet.

Danke

für eure

Geduld.

KAPITEL 1

Als ich Heiligabend bei Leonard ankam, hatte er drüben in seinem Haus die Kentucky Headhunters voll aufgedreht. Sie sangen »The Ballad of Davy Crockett«, und Leonard steckte zur Feier des Tages mal wieder das Haus seiner Nachbarn in Brand.

Ich hatte gehofft, er würde es sein lassen. Beim ersten Mal hatte ich ihm noch geholfen, beim zweiten Mal ging es auf seine Kappe, und ausgerechnet jetzt, beim dritten Anlauf, musste ich wieder bei ihm aufkreuzen. Klar, was die Bullen davon halten würden, wenn sie hier anmarschierten. Irgendwer hatte sie schon alarmiert. Wahrscheinlich die Arschlöcher aus dem Nachbarhaus. Das Sirenengeheul war unüberhörbar.

Leonards Lover, Raul, stand auf der Veranda von Leonards Haus, die Hände in den Manteltaschen vergraben, und glotzte zu den Flammen hinüber und zu der Keilerei, die in vollem Gange war. Er machte ein entsetztes Gesicht wie ein Methodistenprediger auf Hausbesuch, der gerade feststellen musste, dass das Familienoberhaupt die letzte Hähnchenkeule verdrückt hat.

Ich parkte meinen Pick-up in Leonards Auffahrt, stieg aus und ging zur Veranda, wo ich mich zu Raul gesellte. Unser Atem dampfte schneeweiß in der klirrenden Kälte. »Was hat er denn jetzt schon wieder?«, fragte ich.

»O Mann, Hap, ich hab keine Ahnung. Du musst ihn aufhalten, bevor sie seinen schwarzen Arsch in den Knast verfrachten.«

»Zu spät, sie kriegen ihn sowieso. Die Sirenen werden wohl kaum Schlafwandlern gelten.«

»Scheiße, scheiße, scheiße«, sagte Raul. »Warum hab ich mich auch mit so ’ner Macho-Schwuchtel eingelassen. Wär ich bloß in Houston geblieben.«

Eigentlich war Raul ein ziemlich gutaussehender Bursche, aber hier, mitten in der Nacht, im orangen Flackern des brennenden Hauses, sah er verschrumpelt aus, wie das Opfer einer Riesenspinne. Er schwankte hin und her wie ein Bowlingpin, den die Kugel bloß gestreift hatte, und sah zu, wie Leonard einen hünenhaften Schwarzen auf die Veranda des brennenden Hauses zerrte. Leonard stieß den Kerl, dessen Hemd und Hose Feuer gefangen hatten, von der Veranda und trieb ihn durch den Vorgarten.

Ich kannte den Kerl. Sein Haarschnitt hatte ihm den Spitznamen »Mohawk« eingehandelt, doch nach dieser Nacht würde er wohl einfach Smoky heißen. Er und einer seiner Kumpels hatten sich mal mit Leonard und mir angelegt und eine gewaltige Tracht Prügel bezogen. Ich träumte noch manchmal nachts davon, wenn ich eine Aufmunterung gebrauchen konnte.

Andere Hausbewohner stürzten aus den Fenstern oder der Hintertür, um sich in den Wald hinterm Haus zu schlagen. Zwar stand keiner so richtig in Flammen, aber ein paar waren angesengt. Eine kleine, pummelige Frau hatte es besonders eilig. Sie trug nichts außer einem braunen Bademantel und schlampigen Puschen und hielt eine Perücke in der Rechten. Ihre kurzen Beine blitzten beim Laufen auf, ihr Bademantel flatterte, und ihr Atem zerstob in kalte weiße Dampfwölkchen. Die Perücke schmorte vor sich hin. Mit qualmendem Haarersatz und schlackerndem Bademantel verschwand sie, so schnell sie die Füße trugen, im Unterholz, dicht gefolgt von den anderen, bis auch die kaum noch im Gestrüpp auszumachen waren und nur die Rauchfahne ihrer angesengten Klamotten zurückblieb. Im nächsten Moment waren sie verschwunden wie eine Brut Wachteln, die in ihr Nest abtaucht. Die Feuerwehr raste mit Sirenengeheul heran und fuhr Mohawk, den Leonard mit einem Hüftschwung umgerissen und auf die Straße geschleudert hatte, um ein Haar über den Haufen. Mohawk kugelte über die Fahrbahn und knallte auf der anderen Straßenseite gegen den Bordstein, der Löschwagen scherte aus und schoss über den Rasen vor dem brennenden Haus, sodass Leonard aus dem Weg springen musste.

Wenigstens hatte das Rumgewälze Mohawks Feuer gelöscht. Genau wie es die Feuerwehr uns immer wieder einschärft: »Stehen bleiben, hinlegen und wälzen«, Mohawk hat’s befolgt. Leonard sei Dank.

Durch die rosarote Brille sah es fast so aus, als würde Leonard bloß Mohawk das beschissene Leben retten.

Doch Leonard war schon ins Haus zurückgerannt und beförderte ein schmächtiges schwarzes Kerlchen, dessen Haare brannnten, unsanft ins Freie. Als der sich vom Rasen hochgerappelt hatte und auf Leonards Haus zustürzte, schrie er ihm hinterher: »Verpiss dich, du blöder Gartenzwerg von einem Nigger.«

Mannomann, wie Leonard da auf der Veranda stand, wie hinter ihm die Rauchschwaden aufstiegen, die Flammen aus den Fenstern loderten und über dem Dach thronten, da sah es so aus, als wäre sein Gesicht aus Obsidian gemeißelt. Als wäre er der leibhaftige Teufel aus dem Albtraum eines weißen Hinterwäldlers: ein übel gelaunter, feuerspeiender Nigger. Wenn ich’s mir recht überlege, haben ihn wohl die Schwarzen aus dem Haus für genauso teuflisch gehalten. Wenn er’s drauf anlegt, kann Leonard so ziemlich jedem eine Gänsehaut einjagen.

In dem Moment, als der Gartenzwerg gerade vor Leonards Fußtritten aus dem Haus floh, ließ ich Raul auf der Veranda allein, ging rüber in den Vorgarten, wo sich Leonard im Brandstiften und Verprügeln übte, und stellte dem Gartenzwerg im Vorbeigehen ein Bein.

Er stand auf, und ich fällte ihn mit der Handkante, dann stemmte ich meinen Fuß in seinen Nacken und bückte mich, um eine Handvoll Dreck von der Auffahrt zusammenzukratzen, und klatschte sie ihm auf den Kopf.

Das Feuer war im Nu gelöscht, bis auf ein kleines Haarbüschel am Hinterkopf, das vor sich hin glomm wie Stahlwolle, die Funken gefangen hat. Sein übriger Schädel qualmte wie ein vertrockneter Kohlkopf, in dem ein glühendes Stück Holzkohle steckt. Sein Körper gab eine ziemliche Wärme ab, er wand sich, als ob er bei lebendigem Leib gekocht würde, und kreischte dabei so gellend, dass sich mir die Arschbacken zusammenzogen.

»Ich brenne«, schrie er. »Ich brenne!«

»Schon gut«, sagte ich. »Hast sowieso kaum noch Haare.«

Dann kamen die Cops. Ein paar Streifenwagen nebst Sergeant Charlie Blank in seiner zivilen Dienstkarosse. Charlie, ganz und gar im schicken K-Mart-Outfit, zu dem auch ein Paar schwarze Hochglanz-Plastikschuhe gehörte, das im Schein des Feuers funkelte, stieg gemächlich aus, als hätte er Angst, seine Hosennaht könnte platzen.

Er verschnaufte lange genug, um mit anzusehen, wie sich einer der Uniformierten Mohawk schnappte, ihm Handschellen anlegte und ihn unsanft auf den Rücksitz eines der Streifenwagen verfrachtete; nicht ohne zuvor Mohawks Kopf »aus Versehen« gegen die Wagentür zu knallen, während er ihm beim Einsteigen nachhalf.

Charlie kam zu mir herüber, warf mir seufzend einen trüben Blick zu, zückte eine Zigarette, bückte sich, um sie am Kopf des Gartenzwergs anzuzünden, und sagte: »Ich hab die Schnauze gestrichen voll, Hap. Von Leonard krieg ich schon graue Haare. Der Chief steckt mit den bösen Buben unter einer Decke, Lieutenant Hanson läuft die ganze Zeit rum, als wenn er keinen mehr hochkriegt, und ich kann’s mal wieder ausbaden. Nimm gefälligst deinen Fuß von dem Wichser runter.«

Kaum hatte ich das getan, war der Gartenzwerg, der in einer Tour jammerte, auf den Knien und klatschte sich schreiend mit der Hand auf den Nacken. Charlies Zigarette hatte zwar das letzte Glimmen längst erstickt, doch das Klatschen tat dem Burschen anscheinend gut. Charlie sah ihn an und sagte: »Hinlegen, Kumpel, und keinen Mucks!«

Der Kerl legte sich hin. Sein Kopf qualmte schon viel weniger. »Dir is ja wohl klar, dass ich Leonard einlochen muss?«, sagte Charlie

»Ich weiß. Dachte, du wolltest nich mehr rauchen?«

»Hab wieder angefangen. Ich fang zwei-, dreimal im Jahr wieder an. Eigentlich lass ich’s überhaupt nur deshalb sein, damit ich’s richtig genießen kann, wieder anzufangen. Dich muss ich auch einlochen.«

»Ich hab doch gar nichts getan. Ich hab nur den Kerl hier gelöscht. Hab ihm Dreck auf den Kopf gestreut.«

»Eins zu null für dich. Der Dreck is vielleicht deine Rettung.« Dann sagte er zu dem Kerl auf dem Boden: »Halten Sie’s für möglich, dass er Sie löschen wollte, Sir?«

»Scheiße, Mann, der Wichser hat mir ’n Bein gestellt und die Scheiße aus mei’m schwarzen Arsch geprügelt. Ich werd das Arschloch verklagen. Ich werd jedes verdammte Arschloch verklagen.«

»Was hab ich gesagt, Hap? Ich muss dich einlochen.«

»Würd’s helfen, wenn ich sage, dass ich mir beim Zuschlagen die Hand wehgetan hab?«

»Ich werd’s notieren. Ganz schön warm hier, so nah am Feuer. Fast mollig. Richtig weihnachtlich.«

»Tja, so is Leonard«, sagte ich. »Immer in Feststimmung.«

»The Ballad of Davy Crockett« war längst zu Ende, und die Kentucky Headhunters sangen mittlerweile »Big Mexican Dinner«.

»Frag mich jedes Mal, ob der Song nun hispanofeindlich is oder nich«, sagte Charlie. »So wie der Typ den öligen Mexenakzent nachäfft, findest du das diskriminierend?«

»Keine Ahnung. Da musst du Leonards Lover fragen, Raul. Der wird’s wissen. Er is Mexikaner. Aber ich verrat dir was. Leonard hat grad ’n paar ziemlich abfällige Bemerkungen gemacht.«

»Soso. Das notier ich mir gleich mit.«

»Den jungen Mann hier auf dem Boden hat er mit dem N-Wort beschimpft.«

»Genau«, sagte der junge Mann auf dem Boden. »Und drinnen im Haus hat er mich ’nen Flachwichser genannt.«

»Moment mal«, sagte Charlie. »Das wird ja richtig knifflig. Leonard is doch selber schwarz, is das dann trotzdem rassistisch? Wenn du und ich das sagen, okay, dann is das rassistisch, aber wenn ein Schwarzer das N-Wort benutzt, is das doch okay, oder?«

»Die Zeiten ändern sich«, sagte ich. »Wer blickt da noch durch. Wenn’s nich rassistisch is, is es wahrscheinlich politisch nich korrekt.«

»Das is es«, sagte Charlie. »Politisch nich korrekt. Dafür is bestimmt ’n Bußgeld fällig.«

»Mann, so ’ne Scheiße«, sagte der Kerl auf dem Boden. »Ich will hoch. Das macht ’nen schlechten Eindruck, wenn mich hier einer liegen sieht.«

»Glaubst du, das is hier ’n Schönheitswettbewerb?«, sagte Charlie. »Halt ’s Maul, verdammt.« Dann zu mir: »Is Leonard bald fertig?«

»Das Haus brennt jedenfalls lichterloh.«

Und so war’s. Das Feuer loderte und zischte, reckte sich wie ein roter Dämon in den Nachthimmel und züngelte um das geschwärzte Balkenwerk. Das Gebälk knirschte und fiel in sich zusammen. Die Hitze wurde langsam ungemütlich. Ich sagte: »Nett von dir, hier stehn zu bleiben und zu warten.«

»Hey«, sagte Charlie, dem es den Schweiß ins Gesicht trieb, »is doch Weihnachten.«

Charlie sah zu den Feuerwehrleuten hinüber, die mit ihren Schläuchen dastanden, und gab ihnen ein Zeichen. Auch wenn sie sich dabei nicht gerade ein Bein ausrissen, fingen sie an, dem ganzen Laden eine kräftige Dusche zu verpassen, damit die Bulldozer kommen und die verkohlten Balken wegschieben konnten, um so den Dealern Platz für ein neues Crackhaus zu schaffen.

Darauf war Verlass. Angeblich hatten Freunde des Polizeichefs beim Drogenumschlag in LaBorde die Hände im Spiel und kamen ungeschoren davon, solange er ein Stück vom Kuchen abbekam. Gerüchte wie dieses konnten einen zum Zyniker werden lassen, sogar eine gutgläubige und vertrauensselige Natur wie mich.

In meiner Kindheit galt einer mit ’nem Stern an der Brust noch als aufrechter Kerl, und der Lone Ranger schoss keinem Gangster in den Kopf. Heutzutage würde Jesus ein Schießeisen tragen, und seine Jünger würden sich auf ihre Feinde stürzen und ihnen ein Ding in den Arsch verpassen.

»Glaubst du, Leonard wandert diesmal hinter Gitter?«, fragte ich.

»Bis jetzt hat er Schwein gehabt, und ich werd für ihn tun, was ich kann. Vielleicht ’ne Nacht in der Zelle. Aber ich helf ihm nur dann aus dem Schlamassel, wenn du ihm klarmachst, dass er sich ’n andres Hobby suchen muss. Ich sag dir, so ’n Hobby wirkt manchmal Wunder. Seit ich eins hab, bin ich die Ruhe in Person. Weißt du, ich werd aus Leonard nich schlau. Dachte immer, Schwuchteln stehn auf weibisches Zeug wie Stricken und Bridge.«

»Lass ihn das bloß nich hören«, sagte ich. »Von wegen weibisches Zeug, mein ich.«

»Bin ja nich lebensmüde.«

»Ich erzähl’s ihm«, sagte der Kerl auf dem Boden.

»Ein Wort«, sagte Charlie, »und ich blas dir ’n Loch in den Schädel.«

»Schon gut«, sagte der Kerl auf dem Boden.

Leonard kam auf uns zugeschlendert und sah ziemlich groggy aus.

»Charlie«, sagte er.

»Hallihallo«, sagte Charlie. »Okay, Leonard, du steigst mit Hap in den Wagen … Augenblick noch. Ich leg euch besser Handschellen an.«

»Ach komm, Charlie«, sagte ich. »Ich hab nichts ausgefressen, ehrlich.«

»Du hast den jungen Gentleman misshandelt. Her mit den Flossen, alle beide. Eigentlich sollte ich euch die Hände einzeln hinterm Rücken fesseln, aber ich bin ja nich so: Is schließlich Weihnachten.«

Wir bekamen gerade die Handschellen angelegt, als Raul auf uns zustürzte und sich heulend an Leonards Ärmel klammerte. »Hör schon auf«, sagte Leonard, »das Geflenne hält ja keiner aus. Alles, was du kannst, is flennen.«

»Ich bin eben ein emotionaler Typ«, sagte Raul.

»Meinetwegen, aber hör mit dem Geflenne auf. Das macht mich ganz nervös.«

»Ich bin’s, der heult, nicht du. Was ist dir daran so peinlich?«

»Das hat damit gar nichts zu tun.«

»Verdammt noch mal«, sagte Raul und zog an Leonards Ärmel, doch Leonard würdigte ihn keines Blickes.

»Tut mir leid, Raul«, sagte Charlie. »Du musst ihn loslassen. Wenn du ihn sehen willst, komm aufs Revier. Für Arschlöcher haben wir Extrabesichtigungszeiten.«

»Nein«, sagte Raul und ließ Leonards Arm los. »Wenn du zurückkommst, bin ich weg, Leonard.«

»Pass auf, dass dir beim Rausgehn nich die Fliegentür gegen den Arsch knallt«, sagte Leonard.

»Du könntest mich wenigstens bitten hierzubleiben.«

»Ich hab dich nie gebeten zu gehn.«

Raul sah Leonard einen Moment lang an, strich sich seine dunkle Mähne aus dem Gesicht, machte kehrt und ging zurück zu Leonards Haus. Er bewegte sich, als ob er ein Klavier auf dem Rücken schleppte.

»Mann, Leonard«, sagte ich, »Raul macht sich doch bloß Sorgen um dich.«

»Aber echt, Leonard«, sagte Charlie, »musst du immer so ’n Arschloch sein?«

»Mann, du bist vielleicht ’n eiskalter Macker«, sagte der Kerl auf dem Boden. »So würd ich nich mal mit meiner Alten quatschen, und die is strohdoof. Ihr Homos, ihr seid echt kaltblütige Wichser.«

»Halt ’s Maul«, sagte Charlie. »Kümmer dich um deinen eignen Scheiß.«

»Hey«, sagte der Kerl auf dem Boden. »Frohe Weihnachten.«

»Los jetzt«, sagte Charlie, »her mit den Flossen.«

Er fesselte mich mit Handschellen an Leonard und schickte uns zu seinem Wagen. Die halbe Nachbarschaft war auf dem Bürgersteig versammelt und gaffte zu dem brennenden Crackhaus rüber. Ein alter Mann, Mr Trotter, stand mit verschränkten Armen in einem Mantel da, der einem Grizzlybären gepasst hätte, paffte eine Zigarre und sagte: »Von allen dreien is das hier der beste Brand, Leonard.«

»Danke«, sagte Leonard. »Übung macht den Meister.«

Wir stiegen ein und schauten Charlie durch die Scheibe dabei zu, wie er dem Gartenzwerg auf die Beine half und ihn im Polizeigriff zu einem Uniformierten brachte, der sich des Kerls annahm, ihm Handschellen anlegte und ihn zu Mohawk auf den Rücksitz des Streifenwagens steckte.

Eine Handvoll Uniformierter durchkämmte den Wald hinterm Haus, und wir sahen einen mit der Bademantelfrau im Schlepptau herauskommen. Sie trug Handschellen und hatte ihre Perücke auf, aus der im Mondschein eine feine graue Rauchfahne aufstieg. Sie fluchte am laufenden Band. Sogar hinter hochgekurbelten Scheiben war sie zu verstehen. Sie brachte es fertig, »du blöder, blassschwänziger Arschwichser« in jedem Satz unterzubringen, ohne dass es sich bemüht oder gekünstelt anhörte.

Leonard lehnte sich zurück und seufzte schwer. »Scheiße«, sagte er. »Raul hat recht. Ständig muss ich den Harten markieren. Ich mag die Schwuchtel. Ehrlich. Warum kann ich’s bloß nich ruhig angehn lassen?«

»Du bist schwarz, schwul und sexuell unangepasst und fühlst dich deshalb von der weißen Gesellschaft doppelt diskriminiert, zumal du’s emotional nich auf die Reihe kriegst, dich mit dem schwarzen Macho-Gehabe anzufreunden, das dir in die Wiege gelegt worden is.«

»Ach ja. Stimmt. Hab ich ganz vergessen.«

»Und außerdem riechst du wie ’n Räucherschinken.«

Charlie glitt hinters Lenkrad und knallte die Tür zu. »Wir lassen ’n paar Jungs hier, die auf dein Haus aufpassen, Leonard. Wir wollen doch nich, dass Raul was zustößt. Jedenfalls bis er seine Sachen gepackt hat und abhaut. Er hat gesagt, ich zitiere, er verschwindet ›auf Nimmerwiedersehn‹.«

»Schon gut«, sagte Leonard. »Danke.«

»Glaubst du, er haut wirklich ab?«, fragte ich.

»Woher soll ich das wissen?«, sagte Leonard.

Charlie ließ den Wagen an. Leonard sagte: »Wie wär’s, wenn wir irgendwo auf ’n Eis haltmachen, bevor du uns einlochst?«

»Is es nich ’n bisschen kalt für Eis?«, fragte Charlie.

»Egal«, sagte Leonard. »Na, was is? Ich kann ’ne Aufmunterung gebrauchen.«

»Von mir aus«, sagte Charlie. »Is Joghurteis okay? Bin grad auf Diät.«

»Meinetwegen«, sagte Leonard. »Aber du zahlst. Ich hab kein Geld dabei.«

»Das könnte dir so passen«, sagte Charlie. »Dein Vorschlag, deine Runde. Scheiße, Leonard, du stinkst, dass einem die Augen brennen.«

»Das kommt von den Billigpaneelen in der Bude«, sagte Leonard. »Brennen wie verrückt und verbreiten einen üblen Gestank, den man nich mehr los wird. Die reinsten Grillanzünder, die Scheißwände. Soll mir recht sein, wenn ich mir überlege, wie schnell ich die Bude in Brand gesetzt hab.«

»Das hab ich überhört«, sagte Charlie.

»Ich hab Geld dabei«, sagte ich. »Ich geb ’ne Runde aus.«

Charlie setzte vom Bordstein ab. Ich warf einen letzten Blick zurück auf das brennende Haus. Ein paar Balken gaben nach und stürzten funkensprühend und qualmend ein. Raul stand auf Leonards Veranda und sah uns hinterher. Leonard glotzte in seine Richtung. Keiner der beiden winkte.

Ich sagte: »Ah, Leonard, bevor ich’s vergesse: falls wir jemals zurückkommen, in meinem Pick-up liegt mein Weihnachtsgeschenk für dich.«

»Na ja«, sagte Leonard, »hoffentlich sind’s keine Handtücher im Partnerlook.«

KAPITEL 2

In Lieutenant Hansons Büro verdrückten wir die schmelzenden Reste unserer Joghurteistüten, es fehlte nur der Lieutenant. Da wir ihm nichts mitgebracht hatten, war das wohl auch besser so.

Charlie saß an Hansons Schreibtisch. Ich kippelte auf meinem Stuhl gegen die eine, Leonard auf seinem gegen die andere Wand. Eigentlich hätten wir in unserer Zelle hocken sollen, wie Mohawk und der Gartenzwerg mit dem angesengten Schädel und die anderen, doch wir genossen sozusagen Vorzugsbehandlung. Und eine Schattenshow obendrein.

Charlie hatte statt der Deckenbeleuchtung die Schreibtischlampe angeschaltet und warf mit den Fingern Schattenbilder an die Wand, die Figuren darstellen sollten. Hund und Ente hatte er noch ziemlich gut hinbekommen, aber danach sah alles wie eine Spinne aus.

»Und das?«, sagte Charlie. »Was meint ihr?«

»Sieht immer noch wie ’ne Spinne aus«, sagte ich.

»Mit ’n bisschen Übung wird das schon«, sagte Charlie. »Hab mir ’n Lehrbuch zugelegt. Meine Alte meint, ich brauch ’n Hobby, also hab ich damit angefangen. Ich find’s entspannend, bloß meine Alte hält nich viel davon. Sie hätt am liebsten, dass ich mich in ’nem Fitnessstudio schinde, aber da mach ich’s mir lieber bei Schummerlicht zu Hause im Sessel gemütlich und schmeiß mit der Ecktischlampe ’n paar Schatten an die Wand. Wenn ich die Schnauze voll hab, mach ich einfach die Glotze an. Hey, guckt mal, sieht das nich wie ’ne Muschi aus?«

»Wo zum Teufel siehst du da ’ne Katze?«, fragte ich.

»Nein, ’ne Muschi. Du weißt schon, ’ne Vagina. Frauen haben so was.«

»Ach ja«, sagte ich. »Kann mich dunkel erinnern.«

»Sieht doch so aus, findet ihr nich? Wie so ’n dunkles V, oder?«

»Sieht aus wie ’ne Spinne, die die Beine einzieht«, sagte Leonard. »Oder willst du uns weismachen, in deinem Buch gibt’s ’n Kapitel über Schattenvaginas?«

Charlie wedelte mit dem ausgestreckten Mittelfinger. »Der is für dich, Leonard.«

Ein Uniformierter machte die Tür auf und ließ eine Flut von Licht herein. Er blieb stehen und beäugte Charlies Schattenspiele. »Wonach sieht das aus?«, fragte ihn Charlie.

»Was?«

»Der Schatten, Jake, der Schatten.«

»Ach so. Keine Ahnung. Sieht wie ’n Schatten aus.«

»Volltreffer!«, sagte Charlie.

»Hey, hör mal«, sagte Jake. »Der Chief ist nich da …«

»Als wenn das was Neues is«, sagte Charlie.

»Und Lieutenant Hanson fehlt auch.«

»Der muss jeden Moment da sein.«

»Da is so ’n Typ in Zelle drei, der lässt fragen, ob wir seiner Frau Bescheid sagen können, dass sie ihm das National-Geographic-Bären-Special aufnehmen soll. Wenn wir uns nich beeilen, wird das nichts mehr. Fängt in ’ner Viertelstunde an.«

»Wie bitte?«, fragte Charlie.

»Sonst verpasst er’s«, sagte Jake. »Er muss über Nacht hierbleiben. Trunkenheit und Erregung öffentlichen Ärgernisses.«

»Was glaubt der denn, wo er hier is?«, sagte Charlie und verknotete, ohne Jake anzusehen, die Finger wieder zu seinen Standardschattenfiguren. Erst der Hund, den er mit Gebell begleitete, dann die Ente, zu der er schnatterte.

»Ich sag ihm nein«, sagte Jake.

»Musst du wohl«, sagte Charlie. »Was fällt dir eigentlich ein, mich mit so ’nem Scheiß zu belästigen? Moment mal.« Charlie drehte sich im Sessel herum und sah den Cop an. »Ein National-Geographic-Special?«

»Über Bären«, sagte Jake.

»Na los, ruf sie schon an. Wenigstens is es nich Drei Engel für Charlie oder so ’n Scheiß. Vielleicht wird ja noch mal was aus unsern Knastbrüdern. Worauf wartest du?«

»Okay«, sagte Jake und machte die Tür hinter sich zu.

»Können wir jetzt gehn?«, fragte Leonard.

Charlie versuchte sich wieder an der Muschi. Glaub ich jedenfalls.

»Gehen?«, sagte Charlie. »Willst du mich verarschen? Du hast das Haus von deinen Nachbarn abgefackelt. Das is das dritte Mal, Mann. Beim ersten Mal wart ihr’s zusammen, und wir haben euch da rausgehaun. Beim zweiten Mal warst du’s allein, und wir haben dich da rausgehaun. Du solltest dringend auf Schattenspielchen oder so was umsteigen, Leonard. Hör mit der Brandstifterei auf! Wir können dich für so lange hinter Gitter bringen, dass deine Sackhaare weiß sind, wenn du wieder rauskommst.«

»Das sind miese Schweine, Charlie«, sagte Leonard, »und du weißt es.«

»Wenn ich losrennen würde, um alle Häuser abzufackeln, in denen miese Schweine wohnen, müsst ich die halbe Stadt in Schutt und Asche legen.«

»Schwachsinn«, sagte Leonard.

Als wir gerade noch eine von Charlies Schattenfiguren studierten, ging wieder die Tür auf. Diesmal war es Lieutenant Marvin Hanson. Das Korridorlicht rahmte ihn ein wie den Golem höchstpersönlich. Sein schwarzes Gesicht war ein einziger konturloser Schatten. Er warf Charlie einen kurzen Blick zu, schloss dann die Tür und schaltete das Licht an. Auf einmal hatte ich das Bedürfnis, ihn lieber im Dunkeln anzusehen. Sein zerklüftetes Gesicht konnte einen ziemlich erschrecken.

»Schluss mit der Vorstellung«, sagte Hanson. »Und raus aus meinem Sessel.«

»Ja, Massa«, sagte Charlie, der langsam hinter dem Schreibtisch hervorkam, sich auf einen Stuhl setzte und eine Zigarette anzündete.

Hanson ging ein paar Schritte, um sich hinter seinem Schreibtisch niederzulassen, drehte sich dann im Sessel herum und musterte Leonard.

»Sieh mal einer an«, sagte Hanson, »wenn das nicht der Schlauste Nigger der Welt ist.«

»Hi«, sagte Leonard.

»Schon wieder das N-Wort«, flüsterte mir Charlie zu.

»Ja«, sagte ich, »aber im Gespräch unter Schwarzen, also dasselbe Problem wie vorhin. Is das rassistisch, politisch nich korrekt oder bloß ’n Spaß?«

»Ich mache keinen Spaß«, sagte Hanson. Und an Leonards Adresse: »Du Schmalspurwichser. Deine Ritterspielchen stehen mir bis hier!«

»Letztes Jahr haben die ein Kind umgebracht«, sagte Leonard.

»Selber schuld, wer von dem Stoff nicht die Finger lässt«, sagte Hanson.

»Er war noch ein Kind«, sagte Leonard.

»Okay, okay, eine Brandstiftung lass ich noch durchgehen«, sagte Hanson. »Aber zweimal? Und dann ein drittes Mal? Wie wär’s zur Abwechslung mal mit etwas mehr Respekt vor meiner Position?«

»Ihr Scheißkerl von Chief deckt die Wichser, die den Laden beliefern, also tun Sie nich so«, sagte Leonard.

»Wo Leonard recht hat, hat er recht«, sagte Charlie. »Du weißt es, ich weiß es, und die Typen im Bau wissen’s auch. Die wissen, dass sie morgen früh wieder auf freiem Fuß sind. Wenn nich schon früher. Wie ich die kenne, verklagen sie Leonard auch noch.«

»Halt ’s Maul, Charlie«, sagte Hanson.

»Ja, Massa Marvin.«

»Wenn das nich rassistisch is«, sagte ich zu Charlie. »’n Weißer, der Sklavenjargon nachäfft?«

»Findest du?«, sagte Charlie.

»Haltet endlich das Maul, ihr beiden Scheißer«, blaffte Hanson. Ich sah, wie Charlie zu seinem »Ja, Massa« ansetzte, doch er verkniff es sich. Eine weise Entscheidung, fand ich.

»Was hocken die beiden Wichser überhaupt hier rum und glotzen dich und deine bescheuerten Schatten an?«, fragte Hanson. »Warum sind die nicht in ihren Zellen?«

»Dachte, die sind so was wie Gäste«, sagte Charlie. »Ich meine, verdammt, ich mag die beiden.«

»Ach ja? Ich aber nicht«, sagte Hanson. »Schon gar nicht den schlausten Nigger der Welt hier, der meint, er kann sich alles erlauben. Als ob das Gesetz für ihn nicht gelten würde. Hält sich wohl für so ’ne Art Kreuzritter oder Weltverbesserer. Für den schlausten Nigger der Welt eben.«

»Na ja«, sagte Leonard. »Ich hab schon ’ne Menge tolle Sachen über Sie und Jesse Jackson gehört.«

Hanson griff überraschend schnell für seine Ausmaße nach der Schreibtischlampe, riss mit einem Ruck den Stecker aus der Wand und warf mit der Lampe nach Leonard, der sich auf seinem Stuhl blitzartig zur Seite duckte, als wollte er einer Geraden ausweichen. Die Lampe verfehlte ihr Ziel und zerschellte an der Wand. Leonard und Hanson sprangen auf.

Es folgte ein Augenblick der Stille, in dem eine Menge hätte passieren können, tat es aber nicht. Schließlich fing Leonard zu grinsen an. Dann grinste auch Hanson. Als sich beide wieder gesetzt hatten, sagte Hanson: »Scheiße, die Lampe war von meiner Exfrau.«

»Jammerschade um das schicke Ding«, sagte ich.

»Wenn mir ’n Familienerbstück draufgeht«, sagte Charlie, »kenn ich nur eins: saufen!«

»Klingt nicht schlecht«, sagte Hanson. »Jungs, holt eure Mäntel.«

KAPITEL 3

Hanson sagte: »Ich glaub, ich spinne! Jetzt treiben’s in der Glotze schon die Bären miteinander.«

Wir sahen uns in Hansons Haus das National-Geographic-Special an. Hanson und Charlie leerten ein Bier nach dem anderen. Leonard nippte an seinem, und ich trank ein alkoholfreies Sharp’s. Ich hatte das Trinken aufgegeben, weil ich es dumm, zu teuer und nicht besonders gesund fand.

Was Bier anging, waren Hanson und Charlie da anderer Ansicht.

Charlie sagte: »Weißte, Marve, mein Alter, eigentlich sind die Bären weder in noch auf der Glotze. Den Bärenfick haben die auf Video aufgenommen oder so und nur für uns wieder abgespielt. Siehste die Bäume da? Und das Gras? Bei denen is Frühling. Vielleicht haben die Bären ihre Nummer schon vor ’nem Jahr geschoben oder vor zweien sogar. Weiß der Geier!«

Hanson hörte ihm nicht zu. Er nahm noch einen Schluck aus seiner Bierdose und sagte: »Nicht zu fassen! Zu meiner Zeit hätten die nicht mal zwei Köter im Gänsemarsch gezeigt, damit man nicht auf die Idee kommt, dass der eine gleich den andern besteigt. Und jetzt das, vor Gott und der Welt, zwei Bären beim Mambo.«

»Und das aus so ’nem Peep-Show-Winkel«, sagte Charlie. »Fehlt bloß, dass sie uns Mama Bärs Hintern von innen zeigen, damit wir sehn können, wie Papa Bärs Rute anschwillt. So läuft das bei denen, glaub ich. Wie bei den Hunden.«

Da sich keiner von uns mit Bärenschwänzen auskannte, herrschte betretenes Schweigen. Wer will schon gerne dumm dastehen.

Die Bären aus dem Special hatten ihren Mambo, wie Hanson es nannte, beendet. Keiner der beiden zündete sich eine Zigarette an, aber sie sahen ziemlich zufrieden aus. Die Kamera schwenkte zu einem Typ in Khakihosen, der uns im Gehen irgendetwas über Bären erzählte. Er stieß im Unterholz auf einen Haufen Bärenscheiße und tat gerade so, als hätte er einen Fünfzigdollarschein entdeckt. Er rührte mit einem Stock in dem Scheißhaufen herum und klärte uns über den Gesundheitszustand des Bären auf, der ihn hinterlassen hatte. Im Grunde gab es nichts, was er uns nicht über den Bären verriet, mal abgesehen von der Blutgruppe und Hutgröße. Ich war schwer beeindruckt. Zwar bin ich selbst ein ganz guter Spurenleser und kenne die meisten Baum- und Pflanzenarten, und ich könnte am Stuhlgang eines Tieres wohl auch ein paar grundlegende Dinge erkennen, falls ich das Bedürfnis hätte, mit einem Stock in seiner Scheiße rumzustochern. Aber der Typ war phänomenal. Was für mich bloß wie ein Haufen Bärenscheiße aussah, war für den die reinste Fundgrube.

Ich fragte mich, ob man wohl aufs College geht, um über Bärenscheiße Bescheid zu wissen.

Die Bärensendung war nicht übel, aber ich hatte ehrlich gesagt irgendwann keinen Nerv mehr. Was man nicht alles an Bärenscheiße erkennen kann, war so ungefähr der Gipfel meines Interesses für Bären, und mir war irgendwie unwohl in Hansons Haus. Ich hatte Angst, Florida könnte jeden Moment hereinkommen. Es war schlimm genug, dass mich hier so viel an sie erinnerte.

Nichts Bestimmtes eigentlich, sondern die ganze Art, wie das Haus eingerichtet war. Ich war zum ersten Mal bei Hanson. Normalerweise schnauzten wir uns auf dem Polizeirevier oder in üblen Hamburgerläden an, aber hier war unverkennbar eine weibliche Hand am Werk gewesen. Und bestimmt nicht die von Hansons Mutter.

Vielleicht hatte Florida noch ihr eigenes Apartment und wohnte nicht ständig hier, doch angefangen beim hübsch dekorierten Weihnachtsbaum bis zur Anordnung des Nippes auf den Regalen, verriet das Haus ihren Einfluss genauso sehr wie den von Hanson.

Außerdem gab es noch andere Hinweise. Ich nahm stark an, dass die Bücher über Aerobic und Sex mit Männern auf dem Regal nicht Hanson gehörten, obwohl man sich bei solchen Dingen nie ganz sicher sein kann.

Mir fiel jedoch auf, dass es rund um Hansons Sessel wie auf einer Müllkippe aussah, nur noch ein bisschen chaotischer. Zigarrenstummel, Asche, leere Hamburgertüten und Bierdosen lagen herum.

Schon als ich beim Hereinkommen in der Küche mit dem Fuß eine Plastiktüte mit verfaultem Sellerie beiseiteschieben musste, war es mir so vorgekommen, als wäre ein Tornado durch die Wohnung gefegt. Ich lasse jedenfalls weder fettige Bratpfannen mit verschimmeltem Rührei auf dem Boden liegen noch die Kühlschranktür offen stehen, wenn ich aus dem Haus gehe. Und kaum jemand dürfte den Fußboden für den richtigen Platz für Sellerie halten.

Ich versuchte vergeblich, nicht auf altmodische Gedanken über Frauen und Küchen zu kommen. Ich kannte Florida. Sie war genauso wenig eine typische Hausfrau wie eine Emanze, aber bestimmt hätte sie den Laden nicht so verkommen lassen, auch wenn das nur für die Küche und rund um Hansons Sessel galt.

Selbst von Hanson, dem alten Drecksack, hätte ich nicht gedacht, dass er es so weit kommen ließ, es sei denn, er war mit seinen Gedanken an einem trostlosen, fernen Ort.

Hatte Charlie nicht irgendetwas erzählt, von wegen Hanson würde herumlaufen, als wenn er keinen mehr hochkriegt? Und dann die Sache mit der Schreibtischlampe. So aufbrausend kannte ich Hanson gar nicht.

Und seine Einladung, uns bei ihm zu Hause das National-Geographic-Special anzusehen? So scheißfreundlich war er sonst nicht. Das war nicht der Hanson, den ich kannte. Und warum hatte er Florida noch kein einziges Mal erwähnt? War sie auf Besuch bei Verwandten? Oder beim Weihnachtschor?

Mir schoss durch den Kopf, dass zwischen ihm und Florida vielleicht Schluss war, und ein warmes Gefühl der Genugtuung stieg in mir auf, bis es von einem noch wärmeren Schamgefühl verdrängt wurde, denn im Stillen hoffte ich immer noch, mich mit ihr zu versöhnen. Es war irgendwie ein bitterer, wehmütiger Gedanke, der von Zeit zu Zeit kam und wieder ging, und ehrlich gesagt war ich jedes Mal froh, ihn loszuwerden. Hanson war schwer in Ordnung. Florida und ich hatten uns aneinander gerieben, aber der Funken wollte einfach nicht überspringen. Am Ende hatte sie sich für Hanson entschieden, und im Grunde war es für alle das Beste. Mir war klar, dass es zwischen uns endgültig aus war. Trotzdem ging mir ihre weiche, goldbraune Haut nicht mehr aus dem Kopf, die Art, wie sie stöhnte, wenn sie erregt war, wie sie ihre Beine bewegte, ihr Geruch. Ich konnte weder ihr Lächeln vergessen noch ihren Scharfsinn, ganz zu schweigen davon, was für ein gemeines Luder sie sein konnte.

Ich fragte nach dem Badezimmer, und Hanson zeigte es mir. Der Weg dorthin führte durchs Schlafzimmer, und ich warf im Vorbeigehen einen Blick aufs Bett. Es war ungemacht, die Decke zurückgeworfen, und es roch nach Schweiß und Parfum. Chanel No. 5. Wohl kaum Hansons Marke. Der schwor auf Old Spice. Ansonsten sah das Zimmer aufgeräumt aus, bis auf einen Berg von Hansons Klamotten, die sich rechts vom Bett auf dem Boden türmten.

Das Badezimmer war sauber und ordentlich, wenn man über Zahncreme und Barthaare im Waschbecken hinwegsah. Hanson hatte in einem ansonsten picobello sauberen Haus eine Dreckspur von der Küche über Sessel und Bett bis ins Badezimmer hinterlassen.

Als ich vom Bad zurückkam, saß Leonard immer noch auf der Couch, blätterte jetzt jedoch in dem Ratgeber über Sex mit Männern. Er hielt das Buch merkwürdig schräg und sagte: »Hab gar nicht gewusst, dass das überhaupt geht.«

»Bei euch Jungs vielleicht nich«, sagte Charlie. »Da geht’s um Männer und Frauen.«

»Wir Schwule sind ziemlich clever«, sagte Leonard. »Manchmal improvisieren wir.« Er legte das Buch in den Schoß. »Na klasse. Ausgerechnet jetzt, wo ich Raul vergrault hab, find ich was Geiles, das wir hätten ausprobieren können.«

»Leonard«, sagte ich und machte es mir mit meinem Bier auf der Couch gemütlich. »Du solltest Bären lieber nich beim Ficken zugucken. Das nimmt dich zu sehr mit.«

Hanson lehnte sich in seinen Fernsehsessel zurück, faltete seine Pranken vor der Brust und sah an die Decke. Wir folgten seinem Blick. Da oben schien nichts Besonderes los zu sein.

»Schätze, ich muss mir was für euch Jungs einfallen lassen«, sagte Hanson.

»Wie wär’s mit Papphüten und Tröten, und wir gehn alle nach Hause?«, sagte ich.

»Unwahrscheinlich«, sagte Hanson.

»Na, viel schlimmer kann’s nich werden«, sagte Charlie. »Hast sie ja schon dazu verdonnert, bei dir Bier zu trinken und in die Röhre zu glotzen.«

»Wisst ihr was, Jungs«, sagte Hanson, »eine Hand wäscht die andere. Ihr beide fahrt rüber nach Grovetown, um mir da ’nen kleinen Gefallen zu tun, und ich sorge im Gegenzug dafür, dass ihr ungeschoren davonkommt. Wenn ihr nicht mitmacht, könnt ihr euch auf ’ne saftige Anzeige gefasst machen.«

»Hey«, sagte Leonard, »das is Erpressung. Was zum Teufel sollen wir in Grovetown? Nach Antiquitäten Ausschau halten?«

»Nein«, sagte Hanson, »ihr sollt Florida suchen.«

»Hab mich schon gewundert, wo sie steckt«, sagte ich.

»Kann ich mir vorstellen«, sagte Hanson. »Sie ist da hingefahren, um an ’nem Fall zu arbeiten, so was Ähnliches jedenfalls. Schon mal was von der Bobby-Joe-Soothe-Sache gehört?«

»Da muss ich passen«, sagte Leonard. »Hab genug um die Ohren. Wenn ihr wüsstet, was Raul und ich durchgemacht haben, um ’n Gleitmittel zu finden, das uns gefällt. K-Y is längst nich so gut, wie alle immer meinen. Wir haben mindestens fünfundzwanzig verschiedene Tuben durchprobiert.«

»Verschone uns mit den Details«, sagte Charlie. »Aber versuch’s mal bei K-Mart. Die haben ’n ganzes Regal voll glitschigem Zeug, alles spottbillig. Von Vaseline bis Motoröl.«

»Vorerst brauch ich wohl keins mehr«, sagte Leonard. »Außer vielleicht ’n Tropfen davon in die Handfläche.«

»Bobby Joe Soothe«, sagte Hanson, »war ein Schwarzer, der ’nen kleinen Unfall gehabt hat.«

»Ich hab davon gehört«, sagte ich. »In den Nachrichten. Hat sich im Knast von Grovetown an seinen Schnürsenkeln aufgehängt oder so ähnlich.«

»So ähnlich«, sagte Hanson. »Gibt noch ’ne Vorgeschichte. Dieser Bobby Joe Soothe war nämlich kein Geringerer als L. C. Soothes Enkel. Schon mal was von L. C. gehört?«

»Teufel, ja«, sagte Leonard. »Country-Blues-Guitar. Hab sogar was von dem. ’ne CD-Box. War ’n ganz Großer, der Mann, ’ne lebende East-Texas-Legende Ende der Zwanziger, Anfang der Dreißiger. Wie Robert Johnson. Und wie bei Johnson hat man sich auch von L. C. erzählt, dass er seine Seele dem Teufel verkauft hat, um so spielen zu können. Angeblich hat er in ein Marmeladenglas gepisst und es mit zur Kreuzung rausgenommen. Dann is der Teufel vorbeigekommen, hat das Glas ausgetrunken und danach selber reingepisst, und L. C. hat die Pisse getrunken. Von da an hat L. C. den Teufel im Leib gehabt, und der Teufel hatte dafür seine Seele. L. C. hat auf der alten Akustikgitarre gespielt wie kein andrer. Mit ’nem Klappmesser oder ’nem abgebrochenen Flaschenhals is der nur so übers Griffbrett gefegt.«

»Mich kriegen keine zehn Pferde dazu, Pipi aus ’nem Marmeladenglas zu trinken«, sagte Charlie.

»L. C. hat nur ’n paar Platten gemacht«, fuhr Leonard fort, »aber er hat den East-Texas-Blues sehr beeinflusst. Seine Scheiben sind heute Raritäten. Hat wohl ’n paar Aufnahmen auf 78ern gemacht, sind aber nie veröffentlicht worden oder verschollen. So genau weiß ich das nich mehr. Kann mich nur noch ans Gröbste erinnern, hab’s aus dem Beiheft zu der Box.«

»Alles, was ich weiß«, sagte Hanson, »is, dass irgend so ’n Typ aus dem Norden in ’ner Musikzeitschrift ’nen Artikel über diesen Bobby Joe Soothe und dessen Ambitionen, in die Fußstapfen seines Großvaters zu treten, gelesen hat, in dem Bobby Joe erzählt, dass er die von L. C. eingespielten, unveröffentlichten Aufnahmen besitzt und dass er ’n paar Songs spielt, die L. C. geschrieben, aber nie aufgenommen hat. Dieser Bobby Joe hat nämlich selber ’nen ziemlich guten Blues gehabt. Also hat ihn der Yankee angerufen, hat ihm für die Aufnahmen Geld versprochen, ist hier runtergefahren, um sie sich anzuhören, und dann soll Bobby Joe angeblich dem weißen Burschen die Kehle durchgeschnitten und ihn ausgeraubt haben. Im Knast hat er sich dann vor lauter Verzweiflung an seinen Schnürsenkeln aufgehängt.«

»Ich dachte, so was wie Schnürsenkel und Gürtel darf man gar nich mit in die Zelle nehmen«, sagte ich.

»Eigentlich nicht«, sagte Hanson. »Komischerweise gab’s in Grovetown in den letzten fünfundvierzig Jahren mehr Selbstmorde dieser Art oder irgendwelche Unfälle als in allen anderen texanischen Gefängnissen seit 1965 zusammen. Das verdammte Huntsville Prison eingeschlossen. Obwohl man dem Wunderknaben, der jetzt den Laden in Schwung hält, zugute halten muss, dass sich in den letzten zwölf Jahren, seit er Chief in Grovetown ist, nur einer aufgehängt hat, Soothe eben.«

»Was is aus den Aufnahmen geworden?«, fragte Leonard.

»Das weiß keiner«, sagte Hanson.

»Und was hat Florida damit zu tun?«, fragte ich.

»Nicht so ungeduldig«, sagte Hanson. »Ehrgeizig, wie Florida nun mal ist, hat ihr der Job als Rechtsanwältin nicht mehr gereicht. Sie ist los, um eigene Nachforschungen anzustellen. Sie wollte nach Grovetown fahren, ’n bisschen rumschnüffeln, mit Hilfe ihrer Anwaltslizenz genug Material für ’ne Reportage zusammenkriegen und in den Enthüllungsjournalismus einsteigen. Am liebsten gleich ins Fernsehen. Bei ihrer Figur und Stimme, ihrem Grips und ihrer Persönlichkeit eigentlich gar nicht so weit hergeholt. Sie hat auf die Chance gewartet, um groß rauszukommen und als Journalistin Karriere zu machen. Sie hat geglaubt, wenn sie sich die Story angelt, wär sie ’ne gemachte Frau.«

»Mit andern Worten«, sagte ich, »Florida war auf ’nen möglichst fetten Braten aus und hat ihn in Grovetown gerochen?«

»Stimmt«, sagte Hanson. »Sie ist vor ’n paar Wochen runtergefahren. Hab noch versucht, es ihr auszureden, ihr klarzumachen, auf was sie sich da einlässt, aber sie wollte nicht auf mich hören. Kein Wunder, in letzter Zeit haben wir uns mehr gestritten als alles andere. Sogar die Hochzeit haben wir abgeblasen.«

»Mir war so, als wär der Termin schon gewesen«, sagte ich.

»Kann mir vorstellen, dass du ihn dir im Kalender angestrichen hast«, sagte Hanson. »Die Sache ist die, wir haben uns in die Haare gekriegt. Sie hat gemeint, ich wär ein chauvinistischer Idiot. Wenn’s idiotisch ist, dass man sich Sorgen macht um die, die man liebt, und sie nicht in ihr Verderben rennen lassen will, dann bin ich eben ein Idiot. Grovetown ist für Schwarze viel zu gefährlich, um da aufzukreuzen und die Nase in fremde Angelegenheiten zu stecken, aber sie ist trotzdem gefahren.«

»So tollkühn is Florida nun auch nich«, sagte ich. »Jedenfalls nich auf die Art. Aus eigner Erfahrung würd ich sagen, dass sie eher vorsichtig is.«

»Aber nur so lange, bis sie sich was in den Kopf gesetzt hat«, sagte Hanson.

»Stimmt«, sagte ich. »Egoistisch war sie schon immer.«

»Als sie sich beruhigt hatte«, sagte Hanson, »hat sie mich aus Grovetown angerufen, um zu sagen, dass es ihr gutgeht und dass sie auch nicht weiß, wie’s zwischen uns weitergehen soll. Ein paar Tage später hat sie noch mal angerufen und gesagt, dass es ihr gutgeht und alles nach Plan läuft. Mehr war nicht aus ihr rauszukriegen, außer dass sie ihre Sachen abholen lassen wollte, wenn sie wieder zurück ist.«

»Soll das heißen, ihr habt euch getrennt?«, fragte Leonard. »Wie ich und Raul. Das muss ’n Virus sein.«

»Schätze, von den Büchern über Aerobic und Sex mit Männern wirst du dich bald verabschieden müssen«, sagte ich.

»Sieht so aus«, sagte Hanson. »Wisst ihr, ich mag die Kleine. Ehrlich. Aber wisst ihr was? Das hört sich jetzt vielleicht bescheuert an, immerhin hab ich sie gevögelt, aber unsere Beziehung entwickelte sich zu so ’nem Vater-und-Tochter-Ding, wo sie doch so viel jünger ist und ganz anders denkt als ich.«

»Diese Vater-Tochter-Geschichte geht mir gegen den Strich«, sagte Charlie. »Jedenfalls solange du ihr den Hengst machst.«

»Du weißt schon, was ich meine«, sagte Hanson. »Ich wollte ja selber Schluss machen. Mir war nicht wohl in meiner Haut. Vielleicht nicht bloß, weil sie so jung ist, sondern weil ich … verdammt, ich liebe eben immer noch meine Exfrau. Ich meine, als wenn das noch irgendeinen Sinn hätte.«

Jetzt sah die Sache auf einmal anders aus. Ich sagte: »Wenn ihr eher auf ’ne Vater-Tochter-Beziehung zusteuert als auf ein Liebesverhältnis und sie von Liebe sowieso nichts wissen will, wo is das Problem? Und warum sieht die Küche aus wie ein Schweinestall?«

»Die Nacht vor der Abfahrt hat sie bei mir verbracht«, sagte Hanson. »Wir haben uns gestritten. Wir sind beide ausgerastet. Ich hab sie unsanft angefasst. Ist mir peinlich, aber so war’s. Sie ist auf mich los, und da hab ich … es war keine Absicht. Ich hab sie gepackt und ihr am Arm wehgetan. Ich hab’s nicht gewollt, Leute, ich schwör’s. Ich bin keiner, der Frauen schlägt.«

»Wir sind alle bloß Menschen«, sagte ich. »Jeder kann mal durchdrehn.«

»Ehrlich, ich hab noch nie im Leben ’ne Frau geschlagen, und sie auch nicht, aber ich hab sie etwas hart angefasst. Manchmal bringt sie einen echt zur Raserei. Sie hat vor dem offenen Kühlschrank gestanden und was zum Frühstück gesucht, als der Streit losgegangen ist. Hat ihn nicht wieder zugemacht, sondern den Sellerie rausgeholt und damit zugeschlagen, und da hab ich sie gepackt. Als mir klar war, was ich tat, und sie losließ, hat sie die Bratpfanne vom Herd genommen und mir damit ein Brandmal an der Schulter verpasst, dann hat sie sie fallen lassen. An meinem Pyjama klebt immer noch das Ei. Fünf Minuten später war sie weg, und ich hab grad alles so gelassen.«

»So ’ne Art Reliquienschrein, was?«, sagte Leonard.

»Ich versuch ihm schon die ganze Zeit klarzumachen, dass sie sich wieder einkriegt«, sagte Charlie. »Mein Gott, sie hat doch aus Grovetown angerufen, oder nich? Sie weiß, dass Marve die Sicherungen durchgebrannt sind, und sie is daran nich ganz unbeteiligt gewesen. Schuld sind alle beide. Nächstes Mal seid ihr schlauer.«

»Es geht mir nicht darum, sie zurückzugewinnen«, sagte Hanson. »Ich meine, jedenfalls nicht so. Ich mach mir bloß Sorgen um sie, ganz allein da unten, aber wenn ich selber hinfahre, hält sie das wieder für chauvinistisch. Warum sollte sie mir überhaupt irgendwas erzählen? Eigentlich geht sie mich ja nichts mehr an, aber …«

»Warum fährst du nich einfach trotzdem hin«, sagte Leonard, »und siehst nach, ob es ihr gutgeht? Wenn du recht hast, is eure Beziehung sowieso im Eimer. Anscheinend hast du dich schon damit abgefunden. Kann dir doch egal sein, was sie von deiner Stippvisite hält.«

»Ich würde ihr gerne zeigen, dass ich sie respektiere«, sagte Hanson. »Sie soll nicht denken, ich würde hinter ihr herspionieren.«

»Ja glaubst du denn, dass sie nich misstrauisch wird, wenn die beiden Schwachköpfe bei ihr aufkreuzen?«, sagte Charlie. »Als ob sie die nich kennen würde. Als ob sie Hap nich gevögelt hätte.«

»Danke, Charlie«, sagte ich, »du verstehst echt was davon, eine angespannte, trübe Atmosphäre aufzulockern.«

»Darum geht’s nicht«, sagte Hanson. »Wenn ihr sie seht, könnt ihr ja sagen, Charlie hätte euch von ihr erzählt und ihr wolltet nur mal nachsehen, ob alles okay ist. Der alten Zeiten wegen.«

»Ach, jetzt bin ich’s gewesen«, sagte Charlie.

»Vielleicht könntest du so tun, als ob du mit ihr ausgehen willst oder so, Hap?«, überlegte Hanson.

»Wenn das keine tolle Idee is«, sagte Charlie. »Jetzt weiß ich, warum du die ganze Woche so schlapp gewesen bist. Die ganze Grübelei, um diesen Plan auszuhecken, hätte mich auch geschlaucht.«

»Du hast gewonnen, Charlie«, sagte Hanson. »Das haut nicht hin. War ’ne Schnapsidee von mir. Keine Ahnung, was mit mir los ist. Der ganze Scheiß stinkt mir gewaltig.«

»Ich riech’s bis hierher«, sagte Charlie.

»Okay«, sagte Hanson. »Wie wär’s mit ’nem Gläschen Eggnog, bevor wir euch beide zurück in den Zwinger stecken?«

»Grovetown?«, sagte ich. »Da wollt ich schon immer mal hin. Ich muss nur noch mal nach Hause, um mich umzuziehn und was zu lesen einzustecken.«

»Es sei denn«, sagte Leonard, »wir sollen sofort aufbrechen. Jetzt gleich.«

KAPITEL 4

Nach Mitternacht, also am Weihnachtstag, setzte ich mich ans Steuer von Charlies Wagen und wir machten uns auf den Weg zu Leonard. Dort sollte Leonard in seinen Wagen umsteigen und uns zu Charlies Haus folgen, wo ich Charlie mitsamt seinem Wagen abliefern würde, um dann mit Leonard in dessen Schüssel aufzubrechen. Charlie war einfach zu voll, um noch zu fahren.

Es war ziemlich kalt geworden in jener sternenklaren Nacht. Nächte wie diese hatte ich als kleiner Junge immer genossen. Mein Vater, der eigentlich Automechaniker war, aber gelegentlich auch in der Gießerei aushalf, ist oft mit mir auf die Veranda gegangen, wo wir in Decken gemummelt auf der Treppe hockten und nach den Sternen guckten. Wir lebten damals weit draußen auf dem Land, wo es keine Straßenbeleuchtung gab, und sobald wir im Haus das Licht ausmachten, leuchteten die Sterne am samtschwarzen Firmament wie kleine weiße Neonlichter.

Mein Vater war ein Brocken von einem Mann und immer zu müde, um mit mir Ball zu spielen oder irgend so was, das Väter mit ihren Söhnen normalerweise anstellen. Nach einem Zwölfstundentag harter körperlicher Arbeit war er kaum dazu aufgelegt, an seinem Feierabend noch einem Ball hinterherzujagen. Aber er tat sein Bestes. Wenn er Zeit hatte, führte er mich in die Geheimnisse des Waldes ein. Er kam zu meinen Auftritten im Schultheater, sorgte dafür, dass ich Geld für Comics hatte, und manchmal knapste er sich sogar etwas von seinem Schlaf ab, um mit mir auf der Veranda zu sitzen und auf den Großen Bären und den Kleinen Bären und die anderen Sternbilder zu zeigen, für die er oft Namen parat hatte, von denen ich nur noch weiß, dass es andere waren als die, die man normalerweise hört. Dieselben Namen hatte schon sein Vater und sein Großvater benutzt, die sich am Sternenhimmel auskannten wie ein alter Trucker auf der Straßenkarte.

Bei unserer Sternenguckerei erzählte mir mein Vater Geschichten. Er hatte Bonnie und Clyde gekannt und sie an einem Vierten Juli mal in der Nähe von Gladewater, Texas, herumkutschiert und mit ihnen Feuerwerksknaller aus den Autofenstern geworfen. Damals hatte er noch keine Ahnung, dass die Polizei von ganz Texas hinter ihnen her war.

Zur Zeit der großen Depression war er mit seinen Freunden eines Nachts Pretty Boy Floyd begegnet, unten bei den Bahngleisen, wo sie als Handlanger arbeiteten. Nebenbei verdiente sich Dad auf Jahrmärkten mit Box- und Ringkämpfen ein paar Dollar dazu. Er kannte die ganzen alten Legenden über Billy the Kid, Belle Starr, Sam Bass und Jessie James, und als kleiner Junge war er einmal dabei gewesen, als Frank James in einem Sears-Kaufhaus eine Rede über die Übel der Gesetzlosigkeit hielt. Ich liebte seine Erzählungen, auch wenn er manchmal ein wenig übertrieb.

Heutzutage bekam ich nur noch die Meldungen aus den Spätnachrichten zu hören. Vergewaltigungen, Massenmorde und Kindesmisshandlungen. Kinder mit Schießeisen statt Phantasie, geschweige denn Ehrgeiz. Eine Welt, die mein Vater nicht mehr verstanden hätte. Zum letzten Mal hab ich ihn vor ein paar Jahren an Weihnachten gesehen. Er machte den Eindruck, als ob er die schöne neue Welt, in der er lebte, gerade erst entdeckt hätte und von ihr so angewidert war, dass er nicht auf ihr bleiben wollte. Zwei Wochen später war er tot. Ein Herzschlag, und er hatte es hinter sich.

Als wir bei Leonard ankamen, stand ihm die Hoffnung, dass Raul nicht gegangen wäre, ins Gesicht geschrieben. Doch Rauls Ford Kombi war verschwunden. Eine Handvoll Polizisten war dageblieben und bewachte das Haus. Leonard bedankte sich, schickte sie nach Hause, und Charlie gab seinen Segen dazu.

Leonard ging hinein, und ich machte es mir solange mit Charlie bei laufendem Motor und hochgedrehter Heizung im Wagen gemütlich. Charlie war zwar ziemlich betrunken, sprach aber deutlich, woraus ich schloss, dass ihm noch ein paar graue Zellen geblieben sein mussten.

»Ich hab ’n Weihnachtsgeschenk für euch«, sagte Charlie. »Ein guter Rat. Tut nich, was Hanson von euch will.«

»Immerhin besser als Knast«, sagte ich.