Barfuß am Meer - Roxanne St. Claire - E-Book

Barfuß am Meer E-Book

Roxanne St. Claire

4,7
8,99 €

Beschreibung

Gärtnerin Tessa Galloway wünscht sich schon seit langer Zeit nichts sehnlicher als ein Baby - doch leider fehlt ihr dazu der passende Mann. Als sie John Brown begegnet, dem attraktiven neuen Chefkoch des Ferienresorts an der Barefoot Bay, macht sie ihm ein Angebot, das in ihren Augen kein Mann abschlagen kann: Eine heiße Nacht ohne anschließende Verpflichtungen! Doch John ist ein Mann voller dunkler Geheimnisse und absolut nicht der Richtige für Tessas Plan. Er weiß, dass er sich von der hübschen Gärtnerin fernhalten sollte - obwohl sie von der ersten Sekunde an sein Herz erobert hat ... "St. Claire schreibt Romane, die von der ersten bis zur letzten Seite fesseln." Booklist

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Seitenzahl: 557

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

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Epiblog

Danksagungen

Die Autorin

Die Romane von Roxanne St. Claire bei LYX

Impressum

ROXANNE ST. CLAIRE

Barfuß am Meer

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Sonja Häußler

Zu diesem Buch

Tessa Galloway ist Gärtnerin mit Leib und Seele – die Parkanlagen des Ferienresorts an der Barefoot Bay sind der beste Beweis, dass unter ihrer Hand die Natur zu neuem Leben erwacht. Nur in ihrem Privatleben scheint ihr dieser Segen nicht vergönnt zu sein: Denn Tessa wünscht sich schon seit langer Zeit nichts sehnlicher als ein Baby. Während ihre Freundinnen überzeugt davon sind, dass sie Mr Right bestimmt eines Tages begegnen wird, hat Tessa keine Lust, noch länger zu warten. Als sie eines Tages John Brown, den attraktiven neuen Chefkoch des Ferienresorts kennenlernt, weiß sie vom ersten Moment an, dass sie endlich den Mann gefunden hat, der ihr ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen soll. Tessa ist sich sicher, John mit dem Angebot einer heißen Nacht ohne weitere Verpflichtungen um den Finger wickeln zu können. Doch John ist nicht der, der er vorgibt zu sein – und erst recht nicht der Mann, den man sich als Vater seines Kindes wünscht. John weiß, dass er sich von der hübschen Gärtnerin fernhalten sollte – dabei hat sie längst sein Herz erobert.

Für Gena Showalter – meine Mentorin, Freundin

und Schwester im Geiste

1

»Ich könnte auch einfach zu einem Typen hingehen und ihn um Sperma bitten.« Tessa nahm ihre Flasche, wie um ihre Bemerkung mit einem Schluck kalten Biers zu unterstreichen, hielt aber mitten in ihrer Bewegung inne, als sie die Reaktion in der Nische bemerkte. »Leute, das war ein Witz.«

Ihre Freundinnen lachten nicht. Der Abend in der ortsansässigen Kneipe hätte eigentlich dazu dienen sollen, geschäftliche Strategien zu entwickeln, aber natürlich war das Gespräch schon bald auf persönliche Dinge gelenkt worden. Immerhin waren die vier Frauen zwar Geschäftspartnerinnen des Casa BlancaResorts, aber auch seit Langem beste Freundinnen, sodass kein Thema ausgeklammert wurde. Nicht einmal dieses.

»Fragen kostet nichts.« Neben Tessa beugte sich Jocelyn vor, um über den Lärm der Meute im Toasted Pelican hinweg ihre Meinung kundzutun. »Sie sind ja ganz wild darauf, dieses Zeug abzugeben.«

»Absolut«, stimmte ihr Lacey auf der anderen Seite des Tisches zu, ihre topasfarbenen Augen leuchteten mehr vor Begeisterung als vor Humor. »Wenn du den Spender kennst, brauchst du dich nicht mit Spekulationen herumzuschlagen. Du bekommst, was du siehst, nicht wie bei einem anonymen Spender.«

»Sperrrrrma.« Zoe verzog angewidert das Gesicht und ließ den Blick über das Getümmel an der Bar schweifen. »Könnte der Lebenssaft eines Mannes keinen verlockenderen Namen haben? So etwas wie ›Schokolade‹ oder ›Cabernet‹?«

»Baby-Saft?«, schlug Jocelyn vor.

»Flüssiges Gold«, fügte Lacey hinzu.

»Protein-Smoothie«, sagte Tessa trocken.

Das brachte Zoe zum Lachen, aber sie nahm den Blick nicht von der Menge. »Du denkst wohl immer gesund, was, Tess?«

Tessa schwenkte ihre Bierflasche, um zu beweisen, dass selbst sie hin und wieder einen Fehltritt in Bezug auf gesunde Lebensführung beging, und um zu einem angenehmeren Thema überzuleiten.

»Wir haben größere Probleme als meinen Kinderwunsch«, sagte sie und blickte auf das Blatt Papier hinunter, das Lacey für sie ausgedruckt hatte. Die letzte Zeile der brutalen Kritik stach ihr ins Auge. »Musste sie über den Speisesaal wirklich schreiben, dass es darin ›so lebhaft wie in einem Leichenschauhaus‹ zugeht?«

Lacey seufzte und deutete auf den Ausdruck. »Mit einer hämischen Bloggerin werden wir es ja wohl noch aufnehmen können.«

»Vixen of Vacation Vows ist nicht irgendeine hämische Bloggerin«, sagte Jocelyn. »Vix ist die hämische Bloggerin schlechthin und erhält pro Monat Tausende von Klicks. Keiner plant einen Veranstaltungsort für seine Hochzeit, ohne ihre hämischen Bemerkungen – ich meine ihre Kritiken – zu lesen.«

Und was würden diese potenziellen Gäste sehen, wenn sie nach dem Casa Blanca an der Barefoot Bay suchten? Die Worte waren noch immer ganz frisch in Tessas Gedächtnis. Das liebliche Resort mit Eigenanbau beschwört zwar Bilder von Bogie und Bergman herauf, aber als Braut muss man auf übelste Katastrophen gefasst sein.

Die Kritik hatte ihnen allen ein wenig zugesetzt. Vor allem Lacey, die das Kinn auf die Handfläche gestützt dasaß. »Wenn wir nicht bald einen Chefkoch anheuern und anfangen, ein wenig positive Resonanz zum Casa Blanca zu erzielen, wird das Resort, in das wir die letzten beiden Jahre unseres Lebens investiert haben, niemals schwarze Zahlen schreiben.«

»Wie lange dauert es denn noch, bis diese Hochzeitsveranstalter kommen können, um sich das Ganze mal anzuschauen?«, fragte Tessa.

Lacey hob den Kopf, und langsam breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. »Acht Monate, bis sie uns auf ihre Agenda nehmen, und bis dahin kannst du schon ganz gehörig schwanger sein.«

»Oder wir können ganz gehörig nicht mehr im Geschäft sein.«

Lacey schloss die Augen. Der Schlag musste sie, die Leiterin des Resorts, schließlich noch härter treffen als die anderen, die nur investiert hatten und hier arbeiteten.

Jocelyn wischte Laceys trübe Stimmung hinweg. »Hört mal, mit dem richtigen Chefkoch, ein paar aufsehenerregenden Events und wirksamen Internetkritiken werden im Winter die Besucher wie Zugvögel nur so ins Casa Blanca einfallen. Und wenn nächsten Sommer die Hochzeitsplaner kommen, werden wir die Interessenten nur so vom Hocker reißen.«

Sie verstummte so lang, dass alle vier insgeheim »Das hoffen wir« hinzufügen konnten.

»Aber dein Traum von einem Baby ist genauso wichtig wie unsere Resortträume, Tess«, fuhr Lacey fort. »Du hast Monate dafür gebraucht, all diese Bewerbungen zu sichten, um eine Leihmutter zu finden, die deinen hohen Ansprüchen genügt. Was, wenn jemand anderes sie sich schnappt?«

»Das will ich nicht hoffen. Ich habe eine Kaution hinterlegt, und die Klinik hat schon einen Hausbesuch und ein Vorstellungsgespräch vereinbart. Wenn dann noch das psychologische Gutachten …« Sie hielt inne, weil sie wusste, dass genau an dieser Stelle der ganze Prozess schon einmal – damals mit ihrem Ex-Mann – in sich zusammengefallen war, und das war der Grund, weshalb sie es nie wieder versucht hatte. »Ich werde sie kennenlernen und eine endgültige Entscheidung treffen. Natürlich will ich die perfekte Leihmutter, genau wie den perfekten Samenspender.«

»Niemand ist perfekt«, konterte Lacey.

»Ihr wisst, wie ich das meine.« Aber wussten sie das wirklich? Keine dieser Frauen hatte irgendeine Ahnung, wie schmerzlich und zermürbend Unfruchtbarkeit war. »Und das Baby wird ohnehin nicht perfekt, weil es meine Eizellen sind, die mir bereits entnommen wurden.« Tessa hob verteidigend die Stimme, während sie ihre Bierflasche hochhielt. »Sonst würde ich jetzt das hier nicht trinken.«

»Aber du musst noch einen Spender organisieren«, beharrte Lacey.

»Darüber denke ich noch nach. Ich lese dauernd diese Horrorgeschichten über Spender, die nichts als lügen und betrügen oder von denen schon sechshundert Kinder irgendwo herumlaufen und …«

»Habe ich dir nicht gesagt, du sollst dieses Thema im Internet meiden?«, schalt Lacey.

Tessa ignorierte ihren Kommentar und nahm einen Schluck Bier. »Ich habe einfach noch nicht entschieden, wie ich das handhaben werde, wenn es Zeit ist, die Reagenzgläser zu zücken.«

»Iiih, Reagenzglas klingt so klinisch«, stöhnte Jocelyn. »Ich finde immer noch, du solltest es auf die altmodische Art und Weise versuchen.«

Natürlich dachten alle, dass sie das tun sollte. Ihre besten Freundinnen fielen jeden Abend zusammen mit dem Mann, den sie liebten, ins Bett. Lacey hatte ein Baby bekommen, und bei Zoe würde es in sechs Monaten so weit sein. Und Jocelyn wäre zweifellos die Nächste.

»Hört mal, ich habe es zehn Jahre lang mit meinem Ex-Mann auf die altmodische Art und Weise versucht.« Tessa bemühte sich, die Bitterkeit in ihrer Stimme zu unterdrücken, aber das gelang ihr wohl nicht so ganz. »Und inzwischen ist er zweifacher Vater. Und ich bin …« Allein. »Offenbar nicht in der Lage, auf traditionelle Art schwanger zu werden.«

»Aber Joss hat recht«, beharrte Lacey. »Vielleicht war deine Unfruchtbarkeit Billys Schuld.«

Tessa legte den Kopf schief und bedachte sie mit einem ›Sei-realistisch‹-Blick. »Sag das mal seinen zwei Kindern.«

»Ich sage doch nur, dass du es vielleicht auf die altmodische Art versuchen solltest«, sagte Jocelyn. »Es kann sehr wohl vorkommen, dass man für bestimmte Spermatypen nicht empfänglich ist. Da geht es um Säure und PH-Ausgleich und so.«

»Das weiß ich alles.« Tessa gebot dem Gespräch mit der flachen Hand Einhalt. »Billy und ich waren Experten auf dem Gebiet der Fruchtbarkeit.« Oder der Unfruchtbarkeit, wie er es immer sarkastisch zu nennen pflegte. »Ich glaube, dieses Gesprächsthema war das Einzige, was uns so lange zusammengehalten hat. Als wir aufhörten, es zu versuchen, fiel unsere Ehe auseinander.«

Zoe riss ihren Blick von der Bar los und gab ein zynisches Geräusch von sich. »Ja, und es hatte überhaupt nichts damit zu tun, dass er eine zweiundzwanzigjährige Yogalehrerin gebohnert hat.«

Na ja, so war das. Tessa studierte den Mond auf ihrem Bier-etikett, doch Jocelyn stieß sie an. »Tess, du musst Geschichte machen, anstatt sie verändern zu wollen.«

»Ah, da spricht die Lebensberaterin.«

»Die Lebensberaterin hat recht«, sagte Lacey. »Wann hattest du zum letzten Mal ein Date? Wann hast du zum letzten Mal einem Typen eine Chance gegeben? Wann hast du zum letzten Mal auch nur daran gedacht, mit einem Kerl anstatt einem Reagenzglas intim zu werden?«

»Ich nehme an, das ist eine rhetorische Frage.«

»Seit wann?«, fragten die anderen wie aus einem Munde.

»Mein Herz schlägt noch, deshalb denke ich natürlich auch an Sex. Aber ein Date? Nein. Nicht seit ich herausgefunden habe, dass Billy mehr als nur den herabschauenden Hund mit dieser Fruchtbarkeitsgöttin gemacht hat. Also seit mindestens drei Jahren.«

Sie zogen alle gleichermaßen mitleidige Gesichter, was Tessa noch mehr irritierte. »Leute, wir waren ein klitzekleines bisschen damit beschäftigt, ein Resort zu bauen, und ich habe aus dem Nichts eine funktionierende kleine Gärtnerei aufgebaut.«

»Keine von uns war so beschäftigt, dass sie sich nicht hat verlieben können«, erwiderte Joceyln. »Und glaub mir, einige von uns hatten es nicht einmal auf ihrer To-do-Liste stehen.«

Lacey beugte sich vor und drückte Tessas Hände noch fester. »Sie hat recht. Sieh dir uns drei an. Wir sind der lebende Beweis dafür, dass Liebe passieren kann, wenn man es am wenigsten erwartet.«

Tessa blickte zur Decke hinauf, seufzte und nahm ihre ganze Geduld zusammen. Sie missgönnte ihnen ihr Glück nicht, nicht mal ein klitzekleines bisschen. Seit sie sich auf dem College kennengelernt hatten und vor allem seit das Leben und die Liebe sie alle nach Barefoot Bay geführt hatten, waren diese Frauen für Tessa wie Schwestern. Ihre Freude war Tessas Freude.

Aber tagaus, tagein all diese Liebe vor Augen zu haben war nicht leicht. Und wie wäre es erst, wenn sie doch noch Erfolg hätten und das Casa Blanca zu einer erstklassigen Hochzeits-Location machen konnten. Dann wären auch noch die Gäste alle total verknallt. Oh, bitte, lass mich sterben.

»Wir wollen doch nur, dass du glücklich bist«, sagte Jocelyn.

»Und schwanger«, fügte Lacey hinzu.

Der Lärm, mit dem die Einheimischen von Mimosa Key Dampf abließen, konkurrierte mit einem alten Fleetwood Mac-Lied aus der Jukebox, aber nichts davon war laut genug, um Tessas wohlmeinende Freundinnen zu übertönen. Oder die Wahrheit.

»Ich glaube nicht, dass der Typ existiert, der mich glücklich oder schwanger machen kann«, gestand sie schließlich.

Lacey schüttelte den Kopf. »Das kannst du nicht wissen. Vielleicht ist gleich um die Ecke jemand ganz Besonderes.«

»Jemand ganz Besonderes ist gleich um die Ecke«, flüsterte Zoe und deutete auf die Bar. »Und ich beobachte ihn schon seit zwanzig Minuten. Wenn der Mann dort drüben dich schon nicht glücklich oder schwanger machen kann, dann kann er dich wenigstens dazu bringen, um Gnade zu winseln. Wahrscheinlich sogar mehrmals pro Nacht.«

Jocelyn beugte sich aus der Nische, um in die Menge zu schauen. »Wow. Ist das ein Skorpion, was da auf seinem Hals tätowiert ist?«

»Hübsch.« Tessa nahm einen tiefen Schluck und sah erst gar nicht hin.

Lacey stand auf, um über die Lehne der Nische hinwegzuschauen. »Du meinst diesen Typen mit den langen Haaren und … verdammt. Das nenne ich Bizeps. Und Trizeps. Und …« Sie kniff die Augen zusammen. »Alles-zeps.« Langsam ließ sie sich wieder auf ihren Platz sinken. »Apropos Fruchtbarkeitsgötter. Das ist mal ein brandheißer, krasser Sexgott.«

Tessa verdrehte wieder die Augen. »Großartig, ›brandheiß und krass‹ stehen ganz oben auf der Liste der Qualitäten, die ich von einem Samenspender erwarte.«

Jocelyn sah noch einmal genau hin, dann wandte sie sich wieder der Nische zu, die Augen weit aufgerissen, als hätte sie etwas völlig Unfassbares gesehen. »Er sieht auf jeden Fall aus, als würde er einen sehr potenten … Protein-Smoothie abgeben.«

Zoes Lächeln flackerte. »Und, oh, wow, ich glaube, er ist …«

»Genug«, befahl Tessa. »Es ist mir egal, und wenn er wie Channing Tatums Zwillingsbruder aussieht.«

»Irgendwie tut er das sogar«, sagte Zoe. »Nur noch heißer. Wenn das überhaupt möglich ist.«

Sie konnten nichts dafür. Sie wussten nicht, wie schwer es war, in Tessas Lage zu sein. »Leute, das war nur ein Scherz, okay? Ich werde jetzt nicht zu dem Typen rübergehen und sagen …«

»Das brauchst du auch nicht«, sagte Zoe leise.

Tessa schloss die Augen und hob die Bierflasche. »Hey, brandheißer, krasser Sexgott mit langem Haar und tödlichen Tattoos, kannst du mich mit deinem potenten flüssigen Gold vollpumpen?«

Stille. Totenstille.

Langsam schlug Tessa die Augen auf. Sie spürte die Präsenz eher, als dass sie sie aus den Augenwinkeln sah. Etwas Brandheißes, Krasses und …

»Flüssiges Gold. Ist das ein einheimisches Bier?«

Oh Mann. Sexgott war wirklich irgendwie untertrieben.

Ians Erfahrung nach hielten sie die Bestaussehende normalerweise nicht so versteckt. Normalerweise benutzten Frauen die wahren Schönheiten als Köder. Aber dieses Mädchen hatte sich überhaupt nicht die Mühe gemacht, ihn auszuchecken. Und das machte die Biertrinkerin mit dem hübschen Gesicht, die nur so danach schrie, dass er handelte, noch attraktiver.

Die Blonde, die ihn schon seit zehn Minuten anstarrte, war nicht sein Typ. Die mit den wilden roten Locken trug einen glänzenden goldenen Ehering, und die andere war ein bisschen zu konservativ für seinen Geschmack.

Aber die Sahneschnitte in der Ecke war genau richtig, sie sah ihn mit großen Augen an, die einen Tick dunkler waren als die bernsteinfarbene Bierflasche, die sie jetzt langsam zurück auf den Tisch stellte. Sie hatte kaum Make-up aufgetragen, deshalb konnte Ian leicht erkennen, dass sich ihre milchweiße Haut rosa färbte, als sie sich einen Herzschlag zu lang, um beiläufig zu sein, in die Augen sahen.

»Bier ist eine gute Wahl in einer Kneipe wie dieser«, sagte er, während er die Eiswürfel in seinem Glas klirren ließ. »Der Scotch schmeckt wie verwässerte Pisse.«

Überraschung flackerte in ihren Augen auf. Wegen des Schimpfworts, oder war das Pisswasser etwa so stark, dass es seinen Akzent hervorhob? Nach all diesen Jahren sollte er es besser wissen und nicht den Fehler machen, seine britische Herkunft preiszugeben.

»Wie heißt das Bier noch mal?«, fragte er.

»Das war … ein Scherz«, sagte sie so leise, dass er sie über den Lärm der Bar hinweg kaum hören konnte.

»Kann ich dir noch etwas anderes bringen?«

»Nein danke. Alles … in Ordnung.«

»Klar doch.«

Die anderen drei reagierten sofort.

»Wir müssen eben mal auf die Toilette«, sagte eine der Frauen und rutschte aus der Nische, um ihm Platz zu machen. »Kommst du, Zoe?«

Die Blonde ließ sich ebenfalls aus der Nische gleiten. »Wir besorgen noch eine Runde Getränke.« Sie drehte sich zu der Verheirateten um und warf ihr einen Blick zu, der so subtil wie ein Baseballschläger war. »Los komm, Lacey.«

»Oh. Ja.« Sie nickte und zog ebenso wenig subtil die Augenbrauen nach oben, während sie die Frau in der Ecke ansah. »Halt die Nische für uns besetzt, Tessa. Bei uns dauert es bestimmt eine Weile.«

Ian nickte dankbar. »Wir werden sie mit unserem Leben verteidigen.« Er ließ sich geradewegs auf den freien Platz neben seinem rehäugigen Opfer gleiten, wodurch Tessa in der Falle saß. Ein Hauch von etwas Blumigem, Sauberem stieg ihm in die Nase. »Tessa. Hübsch. Ist das die Kurzform von etwas?«

Endlich warf sie ihm einen Seitenblick zu, lange Wimpern flankierten diesen leicht argwöhnischen Blick, den er seit ein paar Jahren hervorrief. Wenn die Tattoos, die Zeit im Fitnessstudio oder das totale Desinteresse an einem Haarschnitt sie nicht abschreckte, dann schaffte das spätestens das Motorrad, das draußen vor der Tür parkte.

»Einfach nur Tessa«, sagte sie, während ihre Freundinnen lachend und schwatzend an der Bar verschwanden.

»Einfach nur Tessa«, wiederholte er. Nicht weil er witzig sein wollte, sondern weil er sich morgen früh, wenn er auf dem Boden in ihrer Wohnung seine Jeans suchte, noch daran erinnern wollte. »Apartment«, du Dummkopf, nicht »Wohnung«.

»Ich heiße John, übrigens.«

Sie deutete ein Lächeln an. »Hallo John Übrigens.«

Süß. »John Brown.«

»Das klingt falsch.«

Weil es falsch ist. »Also, erzähl mir etwas von dir, Tessa, außer der Tatsache, dass du …« Er drehte die Bierflasche und las das Etikett. »Belgian White Wheat Ale magst.« Die verdammten Amerikaner kauften aber auch alles, solange es nur aus Europa kam.

»Mein Lieblingsbier ist Blue Moon …« Sie wich zurück. »Blue Moon«, sagte sie leise, ihr ganzes Gesicht leuchtete auf eine Art und Weise auf, die sie innerhalb einer Sekunde von gut aussehend in atemberaubend verwandelte. »Vielleicht hat Tante Pasha das gemeint.«

»Wer ist Tante Pasha?«

In ihren Augen funkelte es geheimnisvoll. »Eine verstorbene begnadete Wahrsagerin.«

Er rückte näher, presste seinen Schenkel gegen ihren, was sie mit einem abermaligen süßen Erröten quittierte. »Hat sie Ärger in ihrer Kristallkugel aufziehen sehen?«

»Sie sah … etwas.«

»Was immer sie gesehen hat – ich hoffe, es wird heute Abend passieren.« Langsam musterte er sie von oben bis unten und brachte die Luft zwischen ihnen zum Knistern, während er ihre gebräunten Arme, ihre sommersprossige Haut und die verführerischen Kurven ihrer Brüste unter dem schlichten weißen T-Shirt bewunderte. Sie war nicht krampfhaft darauf aus, Aufmerksamkeit zu erheischen, und das gefiel ihm. Es erinnerte ihn an …

Nicht daran denken.

»Wohnst du auf Mimosa Key?«, fragte sie.

»Im Moment, ja.« Seit einem Monat, seit er überstürzt aus Singapur abgereist war, fuhr er durch Florida und hatte schließlich den Weg über die Brücke auf diese praktischerweise sehr abgelegene Insel gefunden. Er hatte im ersten Motel, das er gesehen hatte, eingecheckt und sich gleich danach aufgemacht, um die Betäubungsmittel seiner Wahl zu finden: billigen Scotch und eine willige Frau. Das Erste hatte er gefunden, und mit ein wenig Glück saß das Zweite direkt vor ihm. »Und du?«

»Ich wohne in dem Resort oben an der Barefoot Bay«, sagte sie.

»Du wohnst in einem Resort?«

»Ich bin für die Gartenanlage zuständig.«

Das erklärte die von der Sonne verwöhnte Haut und die wohlgeformten Schultern.

»Was machst du beruflich?«, fragte sie.

»Ich mache gar nichts«, gab er zu. »Ich laufe nur weg.«

»Wovor?« Sie sah ihn neugierig an, und er verfluchte sich wieder selbst. Was war heute Abend nur los mit ihm? Der Scotch war wohl noch nicht genug verwässert.

Statt zu antworten, legte er den Arm um die Rückenlehne der Nische und ließ dabei zu, dass seine Finger ihre Schulter streiften, woraufhin sich auf ihrem Arm sogleich eine Gänsehaut bildete.

»Du bist hübsch«, bemkerte er und freute sich, als er feststellte, dass sein jämmerlich einfallsloser Standardsatz dieses Mal tatsächlich zutraf. Auf eine schlichte, liebe, vollkommen authentische Art war sie sehr hübsch. Noch etwas, was ihn an …

»Du hast meine Frage nicht beantwortet.«

Weil ich immer noch total am Arsch bin. »Du bist so hübsch, dass ich ganz vergessen habe, was du gefragt hast.«

Sie verdrehte die Augen und unterdrückte ein Lächeln.

»Was willst du wissen, hübsche Tessa?« Nicht dass er ihr je etwas erzählen würde.

»Warum hast du dir ein tödliches Insekt auf den Hals tätowieren lassen?«

Er legte den Kopf schief, damit sie es gut sehen konnte, und erinnerte sich an diese unsäglich finstere Nacht, als er sich in einem Höllenloch in der Nähe der Balestier Road hatte tätowieren lassen.

»Hast du Todessehnsucht oder so?«

»Oder so.« Er kippte den Rest seines Scotchs hinunter. »Und du?«

»Ich?« Sie lachte leise und schüttelte ironisch den Kopf. »Nun, ich habe keine Todessehnsucht.«

Er sah sie verstohlen an und verlor sich einen Moment lang in ihrem aufrichtigen Blick. Verdammt, manchmal war Smalltalk einfach nicht genug. Vielleicht waren diese bedeutungslosen Plaudereien ein notweniges Übel, bevor man eine Frau flachlegen konnte, aber für einen kurzen Augenblick sehnte sich Ian nach … mehr.

Mehr Informationen, mehr Enthüllungen, mehr als eine schnelle Nummer, um den Schmerz für kurze Zeit zu betäuben.

Doch John Brown konnte nicht mehr haben. Und das sollte Ian Browning besser nicht vergessen.

»Wonach sehnst du dich dann?«, fragte er. Die Frage war ein Beweis dafür, dass sein Mund die Warnungen seines Gehirns ignorierte. Sprich über Sex, Dumpfbacke. Nicht über Sehnsüchte.

»Willst du die Wahrheit wissen?« Sie ließ den Kopf nach hinten sinken, ihr Haar streifte dabei seinen Arm.

Die Wahrheit war das Letzte, was er wollte, oder zumindest das Letzte, was er zurückgeben wollte. »Klar.«

»Tatsache ist, dass ich mich nach einem Mann sehne.«

Jetzt kommen wir zur Sache. Wenigstens hatte sie noch genügend Menschenverstand in Bezug auf das, was sich hier gerade abspielte. Er flocht seine Finger in ihre seidigen Locken und drehte zärtlich ihr Gesicht zu seinem. »Sieht so aus, als hättest du einen gefunden.«

»Aber ich will etwas Bestimmtes.« Er konnte die goldenen Sprenkel in ihren Augen sehen … und noch sehr viel mehr. Güte. Verständnis. Wahrheit. Lauter Dinge, die er nie würde zurückgeben können.

»Was immer dein Herz begehrt, Einfach-nur-Tessa. Ich kann langsam und lieb oder hart und schnell.« Ihre Augen leuchteten ein wenig auf. »Du kannst mich fesseln oder mich flachlegen.«

Wieder blitzten ihre Augen auf, dieses Mal war es mehr als Überraschung. Vielleicht war sie doch nicht so abenteuerlustig.

»Heute Nacht gehöre ich dir allein«, schloss er und rückte ein wenig näher.

Er ließ seine Lippen die ihren streifen, schmeckte einen Hauch von Bier und etwas Warmes und Hoffnungsvolles. Was für ein Jammer, dass er nicht ihr Hoffnungsträger war, zumindest nicht langfristig.

Doch bis sie das herausfände, wäre er schon längst über alle Berge.

2

Tessa schloss die Augen und öffnete den Mund, sie war sich sicher, dass die seidigen Zungenbewegungen dieses verführerischen Fremden ihren gesunden Menschenverstand wieder ein wenig anregen würden. Sein nach Scotch riechender Kuss regte so einiges an – gesunder Menschenverstand war allerdings nicht darunter.

Es sei denn, ihr gesunder Menschenverstand residierte irgendwo tief unten in ihrem Bauch und jagte knisternde Erregung durch sie hindurch.

»Sollen wir vielleicht woandershin gehen?«, murmelte er.

Sie löste sich von ihm, um zu antworten, vielleicht auch um ein wenig auf die Bremse zu treten, aber er schloss zu ihr auf, sodass ihre Lippen wieder zueinanderfanden. Wieder geriet ihr gesunder Menschenverstand aus den Fugen.

»Oder werden mich deine Freundinnen dann verhaften lassen?«, fragte er in den nächsten Kuss hinein.

»Schwer zu sagen.« So wie die Mädels sich benommen hatten, würden sie Tessa eher in sein Auto schieben und »Ruf uns morgen früh an« rufen, anstatt sie davor zu bewahren, etwas sehr Impulsives zu tun, etwas sehr Dummes und … und …

Seine Zunge glitt über ihren Gaumen und sandte eine Lawine von Schauern ihren Rücken hinunter.

Erstaunliches.

Schließlich wich er ein wenig zurück, blieb aber so dicht bei ihr, dass sie sich nur auf das Silberblau seiner Augen konzentrieren konnte, deren Iris rauchig schwarz umrandet waren. Seine Wimpern waren dicht und schwarz und berührten einander, als er sie anblinzelte.

»Ich würde es vorziehen, nicht mit einem Axtmörder durchzubrennen.«

Er wickelte sich eine ihrer Haarsträhnen um den Finger und strich in einer aufreizend leichten Berührung mit dem Daumen über ihren Nacken. »Ich bin kein Axtmörder.« Seine Stimme war zwar tief und grollend, hatte aber etwas seltsam Ausdrucksloses an sich, als er das sagte. »Ich bin ein Typ auf der Durchreise, und gerade hast du zugegeben, dass du auf der Suche nach einem Mann bist.«

Das hatte sie, oder?

»Nicht direkt nach einem Mann …«, sagte sie vage. Ihr Gehirn wurde gerade endlich wieder so etwas wie funktionstüchtig, was seit dem Moment, in dem er an den Tisch getreten war und ihre grauen Zellen zerlegt hatte, nicht mehr der Fall gewesen war.

»Was genau dann?«

»Eher die Essenz eines Mannes.«

Er zog eine Augenbraue nach oben und unterdrückte ein belustigtes Lächeln. »Was zum Teufel meinst du mit Essenz?«

Flüssiges Gold. Sie versuchte, nach hinten zu rutschen, aber da war die Wand, und er wich keinen Zentimeter von der Stelle.

»Kannst du auch kompliziert?«, fragte sie.

»Nein.« Er hatte immer noch seine Finger unter ihrem Haar und hielt ihren Kopf. Jetzt umfasste er mit der anderen Hand ihr Kinn, drehte ihre Gesicht von ihm weg und beugte sich so nah zu ihr, dass seine Lippen ihr Ohr streiften. »Willst du, dass ich dir sage, was ich alles kann?«

Sie erschauerte unter der Wärme seines Atems und der Glut in seiner Stimme. Sie schaffte es gerade so, leicht zu nicken, denn, ja, bitte, jeder Nerv in ihrem Körper prickelte vor Vorfreude auf das, was er tun könnte.

»Ich kann dich küssen, bis du dich nicht mal mehr an deinen Namen erinnerst … oder an meinen.«

John Brown. Das konnte sie nicht vergessen.

»Und …« Er strich mit der Fingerspitze unten an ihrem Kinn entlang und an ihrer Kehle hinunter, eine einzelne glühende Linie, die genau an der Kuhle zwischen ihren Schlüsselbeinen endete. Er fuhr mit dem Daumen unter den Ausschnitt ihres T-Shirts. »Ich kann dir dieses Oberteil ausziehen, ohne überhaupt meine Zunge aus deinem Mund zu nehmen.«

Das war … ein guter Trick. Ja. Das würde sie gern mal sehen.

»Und ich könnte …« Sein Finger wanderte noch ein paar Zentimeter nach unten, sodass er auf ihrem Brustbein ruhte. »Ich könnte ein Tattoo auf diese süße Haut hier lecken.« Er ließ seine Zunge an ihr Ohrläppchen schnellen für den Fall, dass sie noch nicht herausgefunden hatte, wie talentiert seine Zunge war.

»Und ich könnte …« Er streifte mit der Fingerspitze direkt ihre Brustwarze, und Tessa sog vor Überraschung die Luft ein, als ihre Nippel sich aufrichteten und ihr Brüste vor Verlangen schon schmerzhaft und schwer wurden. »An diesen köstlichen Rosenknospen saugen, bis du wie Schokolade in der Sonne schmilzt.«

»Mmmm.« Sie schloss die Augen. »Ich liebe Schokolade.« Und Rosenknospen. Und das hier. Es gefiel ihr wirklich sehr.

»Dann besorgen wir welche für dich. Du kannst sie von meinem … Körper lecken.«

Schweigend schloss sie die Augen und versuchte, die Fassung wiederzuerlangen, brachte aber außer einem hilflosen Schauder nichts zustande.

Er blies noch mehr warmen Atem in ihr Ohr. »Willst du wissen, was ich sonst noch alles kann?«

»Eigentlich bin ich … nein, na ja. Ja. Okay.«

Er lachte leise. »Wie wäre es, wenn ich es dir zeigen würde, anstatt dir davon zu erzählen?«

Der Vorschlag ging ihr durch und durch, spannte jeden Muskel ihres Körpers an, vor allem die zwischen ihren Beinen. Sie legte den Kopf in den Nacken, um seine rauchblauen Augen, die dunklen Bartschatten, den perfekten Schwung seiner Lippen zu sehen, die sie bereits gekostet hatte und gerne wieder und wieder schmecken würde. »Besser, du erzählst mir erst mal davon.«

»Lieber zeigen.« Er näherte sich und gab ihr einen leidenschaftlichen Kuss, wild und heiß. Seine Zunge glitt in ihren Mund, während sein Finger geradewegs nach unten über ihren Körper wanderte – zwischen ihren Brüsten hindurch, über ihren Bauch, bis zum Knopf ihrer Jeans, wo er innehielt.

»Ähm, wir sind in einer Bar«, murmelte sie in seinen Mund.

»Das lässt sich ändern.«

Menschenverstand. Der verdammte gesunde Menschenverstand hatte sich bei seinem Anblick einfach verdrückt. War dies der verzweifelte Akt einer Frau, die so versessen auf Sex war, dass sie es in der Nische einer Bar treiben würde … oder war er so unsagbar attraktiv, dass sie es zulassen würde …?

Ratsch.

War das ihre Jeans oder der letzte Fetzen ihrer Würde? »Ich glaube, wir sollten an dieser Stelle … eine kleine Atempause einlegen.« Sie rückte an die Wand, und er legte seine Hand auf ihren Schenkel.

»Mit meinem Atem ist alles in Ordnung.« Er ließ seine Hand ein wenig zwischen ihre Beine gleiten. Und – Gott helfe ihr – sie schob sie nicht weg. Auch wenn alles, was sie wollte, ein Samenspender war.

Oder? Ja … und nein. Sie wollte das Sperma, aber sie wollte auch einen Mann. Diesen Mann. Sie schloss die Augen und versuchte, beruhigend einzuatmen. Dabei legte sie ihre Hand auf seine, entfernte sie aber dabei nicht direkt von ihrem Schenkel. Verdammt, Mädchen, wie war das noch mal mit diesen ambivalenten Botschaften?

Sie räusperte sich. »Wie ich schon sagte, es ist kompliziert.«

»Das muss es nicht sein.«

Tatsächlich war es das aber. Es würde Erklärungen geben, Interviews, rechtliche Dokumente. Absolut nicht das, was dieser leidenschaftliche Küsser im Sinn hatte. »Ich habe ein paar ernste Probleme.«

Er runzelte ein wenig die Stirn. »Bist du verheiratet, Tessa?«

»Nein.«

»Mit jemandem zusammen?«

»Nein.«

»Psychotisch?«

Im Moment ließe sich darüber streiten. »Nein.«

»Hetero?«

»Ja.«

Schließlich lächelte er entspannt, was ziemlich sündig wirkte, denn seine Augen glänzten, und ein Anflug von sexy Grübchen war unter seinem Bartschatten zu erkennen. »Außerdem hast du Schlafzimmeraugen, einen reizenden Mund und«, sein Blick senkte sich auf ihre Brust, »süße Titten. Das erfüllt alle meine Kriterien. Wie lauten deine?«

Sie schaffte es endlich, seine Hand zu ergreifen und von ihrem Bein zu entfernen. »Verfügbarkeit und Anziehung ist alles, was du brauchst, um mit jemandem ins Bett zu gehen?«

»Vergiss die süßen Titten nicht.«

Wieder ein leises Lachen, das in ihrer Kehle stockte. Sie sah ihn an. »Nun, du bist ehrlich, und das gefällt mir.«

Eine leichte, schnelle, kaum entzifferbare Reaktion flackerte in seinen Augen auf. »Was steht sonst noch auf deiner Liste für eine Affäre?«

Jemand, der keine Affäre wollte. Andererseits war eine Affäre vielleicht genau das, was der Arzt verschreiben würde. Nein, der Fruchtbarkeitsarzt verordnete Sperma, keinen Sex. Konnte sie nicht beides haben? Erwartete man die zwei Dinge nicht auf derselben Party?

»Tessa?«, ermunterte er sie. »Deine Liste?«

Sie beschwor die Liste herauf, die sie neulich in einer Klinik ausgefüllt hatte. »Blaue Augen.« Sie hatte schon immer ein blauäugiges Baby gewollt. Magnetisches, quicklebendiges Tiefblau mit dunkel umrandeten Iris, genau wie die, in die sie gerade starrte.

Er zwinkerte. »Stimmt.«

»Größer als eins achtzig.« Denn wenn es ein Junge würde, wollte sie, dass er die Chance hätte, über ihre eigenen eins fünfundsechzig hinauszukommen.

»Plus zwei Komma fünf Zentimeter«, versicherte er ihr. »Vielleicht sogar noch ein kleines bisschen mehr.«

»Athletisch und stark.«

Er hob den Arm, spannte den Bizeps an und ließ die zusammengeballten Muskeln, um die sich ein Tattoo aus tiefvioletten Dornen rankte, für sich selbst sprechen.

»Er sollte nie illegale Drogen genommen haben.«

Er ließ das Eis im Glas rattern und sagte: »Solange Scotch legal ist, sind wir uns einig.«

Das sah schon besser aus, deshalb beschloss sie, es darauf ankommen zu lassen. »Hochintelligent mit guten mathematischen Fähigkeiten.« Denn das würde ein Kind in dieser Welt brauchen.

Er zog eine Augenbraue nach oben. »Im Ernst?«

»Du hast nach meiner Liste gefragt. Mathe steht auch darauf.«

»Gut. Soll ich Pi auf zwanzig Stellen berechnen?«

»Kannst du das?«

»Ohne Taschenrechner.«

Junge, Junge. Er könnte … perfekt sein. »Gut, dann brauchen wir noch ein sauberes Gesundheitszeugnis, keine Allergien und nichts von dieser engen weißen Unterwäsche.«

»Ich bin nicht erkältet, habe keine Nesselsucht, und ich glaube, Unterwäsche besitze ich überhaupt nicht.«

»Das klingt von Minute zu Minute besser. Eine Sache noch …«

Er lachte. »Sag nichts. Ein schneller DNA-Test?«

»Ähm, um genau zu sein, ja.«

Sein Lächeln erstarrte und verschwand dann. »Du willst mich wohl auf den Arm nehmen.«

Wenn es doch nur so wäre. »Ich würde wirklich gern über rezessive Gene, die eine Krankheit oder Störung in sich tragen, Bescheid wissen.«

»Was?« Er wich zurück, bis gut fünfzehn Zentimeter zwischen ihnen lagen. »Es ist dir wirklich ernst.«

Sie schluckte gegen ihre staubtrockene Kehle an. »Ich sagte doch schon, es ist kompliziert.«

»Ich bestehe nicht aus dem Stoff, aus dem Heiratskandidaten sind, Süße, und so wie deine Liste klingt …«

»Nein, nein. Ich möchte nicht heiraten.« Na ja, wollte sie schon, aber wenn sie das zugeben würde, würde sie ihn sofort in die Flucht schlagen.

Er runzelte die Stirn und sah sie forschend an, als könnte er sie durch eine sorgfältige Inspektion ergründen. Das allerdings bezweifelte sie. »Was willst du denn dann, wenn du keine Affäre und keinen Ehemann willst?«

»Ich suche einen …« Bei einem weiteren vergeblichen Versuch zu schlucken wäre sie beinahe erstickt. »Einen Samenspender.«

In den zwei, drei Sekunden, die es dauerte, bis er das verarbeitet hatte, flackerte eine ganze Symphonie von Gefühlen über sein Gesicht. Erkenntnis, Überraschung, Ungläubigkeit und schließlich Ablehnung.

»Viel Glück dabei.« Er machte sich daran, aus der Nische zu rutschen.

»Ohne Haken und Ösen«, fügte sie hinzu, während sie den Drang unterdrückte, nach ihm zu greifen, um ihn aufzuhalten. »Keinen Vater, keinen Ehemann, ich brauche nur dein …«

»Tut mir leid, dafür bin ich nicht der Richtige.« Er durchbohrte sie wieder mit diesem eisig-blauen Blick, in dem jetzt noch ein weiteres Gefühl aufleuchtete. Schmerz. Tiefer, herzzerreißender, alles verändernder Schmerz, der so real war, dass es ihr den Atem nahm, und dann so schnell wieder verschwand, dass sie dachte, sie könnte ihn sich eingebildet haben.

»War schön, mit dir zu reden«, murmelte er und rückte noch weiter von ihr ab.

Sie verlor den Kampf, nicht nach ihm zu greifen, und schloss ihre Hand um sein Handgelenk, dessen schiere Breite sie fast so sehr überraschte wie der verrückte Rhythmus seines Pulses unter ihrem Daumen. »Warte.«

Er schüttelte den Kopf und riss sich los. »Viel Glück mit deiner Liste, Süße. Ich bin mir sicher, dass du das alles in einer Arztpraxis oder so finden kannst. Nicht nötig, Typen an der Bar in die Mangel zu nehmen, die jemanden aufreißen wollen.«

»Ich …« Jede Erklärung klang lahm. Jede Erklärung war lahm. »Ich wüsste einfach lieber, worauf ich mich einlasse.«

Er hob eine seiner mächtigen Schultern zu einem Schulterzucken, das wohl vermitteln sollte, dass ihm das gleichgültig war, aber irgendetwas in seiner Miene sagte etwas anderes.

Er mochte zwar aussehen wie ein krasser Sexgott, aber in John Browns Kopf ging es um mehr als nur darum, jemanden aufzureißen. Und verdammt, das machte ihn sogar noch attraktiver als seine erotischen Worte und seine seidige Zunge.

»Warum?«, fragte er, als er auf dem Weg aus der Nische hinaus kurz innehielt. »Warum machst du es nicht anonym?«

»Das könnte schiefgehen. Sie könnten bei der Bewerbung gelogen haben. Ich traue … niemandem.«

Sein Lächeln war träge, wehmütig und erreichte nicht mal annähernd seine Augen. »Aber du bist bereit, mir über den Weg zu trauen?«

»Ich dachte gerade darüber nach.«

»Da habe ich einen Rat für dich«, sagte er und beugte sich noch ein Mal so nah zu ihr, dass sie sich hätten küssen können. »Tu es nicht.«

Und damit ging er zur Bar, bevor sie sich noch eine Antwort überlegen konnte.

Sie hatte gerade einen langen Seufzer ausgestoßen, da glitt auch schon Zoe direkt gegenüber von Tessa in die Nische.

»Was hast du getan, Zugang zur Krankengeschichte seiner Familie verlangt?«

»Halt die Klappe, Zoe.«

»Das hast du nicht wirklich, oder?«

»Er ist nicht mein Typ.« Tessa drehte sich um und sah in die Menge hinein. Sie hasste es, dass ihre Augen feucht wurden. Sehnte sie sich jetzt schon nach einem tätowierten Loser, der sie mit einem einzigen feuchten Kuss und einem Kompliment über ihre Brüste ganz heiß gemacht und aus dem Häuschen gebracht hatte? Reiß dich zusammen, Tess!

»Echt?« Zoe kroch förmlich über den Tisch. »Denn eigentlich sah er genau wie dein Typ aus, als er dir die Zunge in den Hals und seine Hand in deine Hose gesteckt hat.«

»Zoe, hör auf«, sagte Lacey, die mit zwei Flaschen Wasser in die Nische gerutscht kam. »Siehst du nicht, dass sie ganz durcheinander ist?«

»Ich bin nicht durcheinander«, stritt Tessa ab.

»Ich wäre das schon«, schnaubte Zoe, während sie eine der Wasserflaschen aufdrehte. »Der Kerl ist total auf dich abgefahren.«

Jocelyn kehrte mit zwei Blue Moons zurück, von denen sie eines Tessa gab. »Was hast du zu Channing Tatums Bruder gesagt?«, fragte sie. »Er hat mich auf dem Weg nach draußen förmlich umgerannt.«

Tessa schloss die Augen und versuchte, das Tempo ihres Herzschlags wieder zu senken. »Nun, zuerst haben wir diskutiert, wie er mir mit seiner Zunge ein Tattoo verpasst.«

Zoes Flasche hielt auf halbem Weg zum Mund inne. »Ich wusste gleich, dass ich diesen Kerl mag.«

»Komm schon, Zoe«, sagte Jocelyn. »Sie macht nur Spaß.«

»Nein, mache ich nicht«, sagte Tessa humorlos. »Er behauptet, er kann mir das Oberteil ausziehen, ohne dabei seine Zunge aus meinem Mund zu nehmen.«

»Oooh.« Zoe stützte das Kinn auf ihre Fingerknöchel. »Der Kerl hat eine tolle Zunge.«

»Du hast ja keine Ahnung.« Tessa hob die Bierflasche, aber das Blue Moon war im Moment wenig interessant. Zoes kürzlich verstorbene Tante Pasha mochte zwar vorausgesagt haben, dass Tessa ihren Mann »nach dem nächsten blauen Mond« kennenlernen würde, aber sie hatte damit nicht diesen blauen Mond gemeint. Sie meinte die Art von Mond, die ungefähr so selten vorkam, wie die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann wie John Brown Tessa in den Schoß fiel.

Mit anderen Worten, nie.

»Wie kam es von der Tatsache, dass er dich fast verschlungen hätte, zu seinem plötzlichen Abgang?«, fragte Lacey.

»Nun, ich …« Tessa knabberte an ihrer Unterlippe, weil sie wusste, dass sie die Geschichte ohnehin aus ihr herausquetschen würden, deshalb wäre jeglicher Versuch, die Wahrheit abzumildern, nichts als Zeitverschwendung. »Eigentlich habe ich zu ihm gesagt … ich habe erwähnt, dass ich … ich dachte, ich sollte ehrlich sein und …«

»Das ist nicht dein Ernst«, sagten sie alle drei wie aus einem Munde, was lustig gewesen wäre, außer dass in diesem Moment überhaupt nichts lustig war.

»Doch.«

»Hast du etwa das Wort mit den fünf Buchstaben gesagt, das mit S anfängt und mit Amen endet?«, wollte Zoe wissen.

Tessa nahm einen Schluck und starrte Zoe an, die die Hände vors Gesicht schlug. »Verdammt, verdammt, verdammt. Sie hat es getan.«

»Und wie ist es gelaufen?«, fragte Jocelyn voller Sarkasmus.

»Nicht so toll«, gestand Tessa. »Im einen Moment hat er mir noch Feuer in den Hals geatmet, im nächsten ist er zur Salzsäule erstarrt und verschwunden.«

Lacey legte die Hand auf Tessas Arm. »Vielleicht triffst du ihn ja irgendwo in der Stadt wieder.«

»Er sagte, er sei auf der Durchreise, und ehrlich gesagt: Wenn ich ihn nie wiedersehe, ist ›nie‹ noch zu früh.«

Zoe schnaubte ein Lachen. »Berühmte letzte Worte.«

»Gesprochen von wem?«, sagte Tessa herausfordernd.

»Von uns allen«, antworteten sie. Vollkommen einstimmig natürlich.

3

Ein Samenspender? Was zum Teufel war das denn gerade?

Ian drehte den Zündschlüssel in seinem Motorrad und betätigte den Anlasser. Dann fuhr er über knirschenden Kies und schoss vom Parkplatz der Bar auf die Straße hinaus. Er ließ den Motor der Ducati aufheulen, um ihre weichen Lippen und ihre unmöglichen Worte aus dem Kopf zu bekommen.

Funktionierte nicht.

Das war ja genau das, was er brauchte. Noch ein Kind, das er niemals zu sehen bekäme. Noch jemand, der zwar zu ihm gehörte, aber von einer völlig Fremden aufgezogen wurde. Ein weiterer verdammter Schlamassel.

Und würde Henry Brooker nicht absolut begeistert sein? Ian konnte sich die Reaktion seines starrsinnigen, unbeherrschten Kontaktmanns bei ihrer nächsten Telefonkonferenz schon vorstellen.

Verflucht noch mal, Mann, du bist im Zeugenschutzprogramm und keine verdammte Samenbank.

Bestimmt würde sie auch dafür bezahlen, aber irgendeinem Mädel, das ein Baby haben wollte, sein Sperma anzubieten, war wohl nicht der »rechtmäßige Arbeitsplatz«, den er besser finden sollte, wenn er in den Staaten bleiben wollte. Das sagte zumindest seine Kontaktperson vom britischen Zeugenschutz.

Und hierbleiben wollte er, nur ein Land entfernt von …

Bloß nicht daran denken.

Er fuhr so scharf um die Kurve, dass er praktisch in die Bordsteinkante hätte beißen können, aber das war ihm schnurzegal. Körperliche Schmerzen waren immer willkommen. Sie vertrieben die anderen.

Warmer tropischer Wind wehte ihm ins Gesicht, als er über die Hauptstraße des Inselstädtchens fuhr, an einem Gemischtwarenladen vorbei und auf den Parkplatz des Fourway Hotels.

Das Hotel hatte nichts von einem Bumslokal, auch wenn man das dem Namen nach hätte denken können. Wenn er allerdings eine Weile hierbleiben wollte, wäre es nicht das Richtige. Heute Morgen hatte es noch nach einer guten Idee ausgesehen. Schwüles Wetter, weg vom Festland und jenseits der Massen bot Mimosa Key eine Chance, sich nach dem Schlamassel in Singapur wieder zu sammeln. Ein Platz, um zu warten – und zu warten und zu warten –auf Neuigkeiten, die vielleicht nie eintreffen würden.

Aber wenn die unglückliche Begegnung von heute Abend irgendein Hinweis darauf war, wie die Einheimischen hier so tickten, dann musste er schnellstens fort von hier und einen anderen Ort finden, an dem er sich verstecken und diese höllische Warterei hinter sich bringen konnte.

Schlitternd fuhr er in eine Parklücke und suchte den leeren Parkplatz automatisch nach möglichen Problemen ab. Verdammt, er hatte so die Nase voll davon, sich zu verstecken.

Als er den Schlüssel aus dem Zündschloss zog, wurde die Tür des Motelbüros aufgerissen, und eine Frau kam heraus. Das Licht hinter ihr beleuchtete blondes Haar und eine Silhouette, die … interessant aussah. Außer dass er sein Interesse schon in dieser Bar verpulvert hatte. Jetzt wollte er nur noch seinen Kopf unter dem Kopfkissen vergraben und diesen Tag beenden.

»Entschuldigen Sie«, rief sie. »Sind Sie Mr Brown?«

Das war er jetzt. In Singapur war er Sean Bern gewesen. Jetzt war er John Brown. Wer würde er nächste Woche sein?

Der Gedanke daran drehte ihm den ohnehin schon übersäuerten Magen um. Als das hektische Klappern ihrer hochhackigen Schuhe auf ihn zukam, wurde er ihrer markanten Gesichtszüge und ihres Raubtierlächelns gewahr.

»Ich bin Grace Hartgrave.« Sie musterte ihn unverhohlen von oben bis unten, und er zog sie als Ersatz für die Frau in der Bar, der er so nahegekommen war, in Betracht. Aber er verwarf diesen Gedanken sofort wieder. »Mir gehört das Motel.«

Er runzelte die Stirn, während er von seinem Motorrad stieg. »Stimmt etwas nicht?«

»Ich muss Sie etwas fragen.« Sie erreichte ihn, und er konnte erkennen, dass sie die Vierzig schon ein paar Jahre hinter sich gelassen hatte. Jede Menge Drinks und haufenweise Zigaretten hatten ihre Spuren auf dem durchaus attraktiven Gesicht hinterlassen. »Meine Rezeptionistin von heute Morgen hat gesagt, dass Sie …« Sie ließ ihren Blick zu seiner Brust hinunterwandern, und sie zog anerkennend die Augenbrauen nach oben. »Und verdammt, sie hat nicht übertrieben.«

»In welcher Hinsicht?« Als würde er das nicht wissen.

Wieder blieb ihr Blick an seinem Körper hängen, dann sah sie ihm in die Augen. »Sie haben bar bezahlt.«

»Haben Sie damit ein Problem?«

»Es ist ungewöhnlich.« Doch ihre ausgehungerten Augen sagten, dass ihr das ganz egal war. Das Problem war, dass er nicht mehr hungrig war, und selbst wenn er es noch wäre – sie stünde nicht auf seiner ganz persönlichen Speisekarte.

»Ich habe für das ganze Wochenende bezahlt«, sagte er und wich einen Schritt zurück, auf dass die Botschaft bei ihr ankäme. »Wenn ich die Fliege mache, gehört das Geld Ihnen.«

Die Botschaft kam nicht an, und sie kam näher. »Sind Sie Bodybuilder?«

»Nicht direkt.«

»Was führt sie auf unsere abgeschiedene, kleine Insel?« Sie warf sich ein paar blonde Strähnen über die Schulter, eine Einladung, wie er sie schon unzählige Male von unzähligen Blondinen gesehen hatte. Was für ein Pech, dass er es auf Brünette abgesehen hatte.

»Das geht Sie nichts an.«

Sie zog beide Augenbrauen nach oben, völlig unbeeindruckt von seiner Abfuhr. »Alles, was in diesem Motel passiert, geht mich etwas an. Es gehört mir nämlich.«

»Das haben Sie schon erwähnt.«

Sie strahlte ihn an. »Ich glaube, das war kein guter Start, Mr Brown.« Sie streckte die Hand aus. »Können wir noch mal von vorne anfangen? Darf ich Sie John nennen?«

Er bewegte keinen Muskel. »Nein.«

»Sie sind nicht besonders freundlich, wissen Sie das?«

Er sah sie aus schmalen Augen an. »Wenn Sie dann keine Fragen mehr haben, Ma’am, dann werde ich …«

»Ma’am?« Ihr Lachen war ein wenig zu laut. »Ich mag vielleicht ein, zwei Jährchen älter sein als Sie, aber das bedeutet noch lange nicht, dass Sie mir mit Ma’am und solchem Quatsch kommen müssen, Großer.«

»Gracie!« Wieder ging die Bürotür auf, und dieses Mal kam ein Ungeheuer von einem Mann heraus, der verdammt nah dran war, so lang wie breit zu sein. »Wo bist du?«

Sie blickte über ihre Schulter und verdrehte die Augen, als sie wieder Ian anschaute. »Und das dort«, murmelte sie, »ist meine Sträflingskugel mit Kette.« Sie räusperte sich. »Ich spreche gerade mit einem unserer zahlenden Gäste, Ron.«

Der Mann kam herübergeschlendert, das Licht spiegelte sich auf seiner Glatze, der Blick aus seinen dunklen Augen bohrte sich in Ian. »Sind Sie der Typ aus Zimmer 301?«, fragte er.

Ian nickte, sein sechster Sinn für dumme, eifersüchtige Ehemänner schlug Alarm und zwang ihn, sich auf den Ärger einzustellen, den er eigentlich hatte vermeiden wollen.

Der Mann sah von Ian zu seiner Frau, ohne sein Misstrauen und seine Abscheu zu verbergen. »Was geht hier draußen vor?«

»Ich habe ihm von dem neuen Diner erzählt, das gerade aufgemacht hat, weil wir keinen Zimmerservice haben«, sagte sie schnell.

Ian warf ihr einen Blick zu. Warum log sie? Ian drehte sich um und streckte dem Mann die Hand hin. »John Brown.« Vielleicht würde diese Geste die unangebrachte Eifersucht des Mannes beschwichtigen.

»Das ist mein Mann, Ron Hartgrave«, stellte die Frau ihn anstandshalber vor.

Ron nickte und streckte ihm eine fleischige, feuchte Hand hin, die bestimmt auch fest zuschlagen konnte. Nicht dass Ian ihn nicht hätte zerquetschen können. Er wollte es nur nicht. Ärger war das Letzte, was er wollte, vor allem nach Singapur, wo Ärger ihn ins Gefängnis gebracht hatte – und geradewegs auf den Radar des Mannes, der ihn tot sehen wollte.

Dieses Mal würden die Leute vom Zeugenschutzprogramm nicht so verständnisvoll reagieren. Ians Bitte, zumindest auf demselben Kontinent wie seine Kinder zu sein, würde ignoriert werden, und Henry Brooker würde seinen Hintern nach Corvo oder Tasmanien oder einen anderen entlegenen Teil der Hölle verfrachten lassen.

Bei Ians Kontaktmann bei den Behörden gab es keine dritte Chance.

Und bei den Gangmitgliedern und Kopfgeldjägern, die alle Spuren verfolgten, um die derzeitige Identität und den Aufenthaltsort von Ian Browning herauszufinden, würde es nicht einmal eine zweite Chance geben.

»Deine Mutter sucht dich, Gracie«, sagte Ron zu seiner Frau. »Sie will, dass du heute Abend den Laden abschließt.«

Sie stieß den Atem aus, dass ihr Pony flatterte. »Natürlich will sie das, meine verdammte Cousine ist ja noch auf ihrer Hochzeitsreise.« Sie lächelte ihn breit an. »Die Pflicht ruft aus dem Super Min«, sagte sie und deutete auf den Minimarkt gegenüber. »Bitte, lassen Sie es uns wissen, falls Sie irgendetwas brauchen, Mr Brown.« Sie drehte sich um, damit ihr Mann ihr Gesicht nicht sehen konnte, und zwinkerte Ian verschwörerisch zu. »Ganz egal, was.«

Ian reagierte nicht, außer dass er dem dicken Mann hinter ihr zunickte. Dann machte er sich auf den Weg zu seinem Zimmer und war froh, als er hörte, dass sich ihre Absätze in die entgegengesetzte Richtung entfernten.

Als er die Tür seines Zimmers öffnete, sah er sich um und entdeckte, dass Ron Hartgrave noch immer an derselben Stelle stand und ihn anstarrte.

Großartig. Das brauchte er jetzt so nötig wie Kopfschmerzen.

Er drehte den Schlüssel im Schloss, ging hinein und ließ sich aufs Bett fallen, ohne sich die Mühe zu machen, sich auszuziehen oder das Licht einzuschalten. Er starrte in der Dunkelheit an die Decke und versuchte, seinen Kopf leer zu bekommen – einen Trick, den er schon früh gelernt hatte, als Alkohol nichts geholfen hatte und er in dunklen Erinnerungen zu versinken drohte.

Aber heute funktionierte dieser Trick nicht.

Anstelle einer wohligen Decke aus Nichts, zerrte ein hübsches Gesicht an seinem Bewusstsein – Augen so groß und braun, dass man am liebsten darin versinken würde, und ein verheißungsvoller Kuss – nein. Das verhieß Probleme, und sonst gar nichts.

Mit einem leisen Grunzen rieb er sich die Augen, Zigarettenrauch und Erschöpfung brannten unter seinen Lidern. Das Gesicht mit diesen Augen verschmolz langsam zu einem anderen … sehr viel vertrauteren.

Bloß nicht daran denken.

Er wälzte sich herum und presste sein Gesicht in das Kissen. Er hasste den Schmerz in seinem Inneren, und dass sich seine Kehle zuschnürte. Nein, nein. Nicht heute Abend.

Denk an das hübsche Mädchen und seinen sexy Mund und die kecken Brüste. Ach, zum Teufel, denk an den eifersüchtigen Ehemann und die verzweifelte Motelbesitzerin. Denk an, was du willst, nur nicht an …

Kates Körper auf dem Küchenboden, umgeben von einer Pfütze Blut, die sich über die Holzdielen ergoss, das Geräusch zweier hilfloser Kleinkinder in ihren Bettchen.

Denk nicht daran, Ian. Denk nicht …

Zu spät. Er war schon mittendrin. Er roch das Blut, hörte die Schreie, atmete den Kummer eines ehemals absolut wundervollen Lebens ein, das von der Hand eines zugekoksten, durchgeknallten, niederträchtigen Killers namens Luther Vane ausgelöscht worden war.

»Oh Gott.« Sein Schrei wurde durch das Kissen gedämpft und durch die Faust, die wieder und wieder auf die Matratze einschlug, bis seine Schulter genauso wehtat wie sein armes, unglückliches Herz.

Seine Frau war tot, und nichts würde sie je wieder zurückbringen. Nicht Sex mit einer Fremden, keine Flasche Alkohol, nicht der Wind auf seinem Gesicht. Nichts. Kate war tot.

Warum konnte er sich nicht einfach eine Pistole in den Mund stecken und bei ihr sein?

Wegen Shiloh und Sam. Solange auch nur ein Hauch von einer Chance bestand, sie wiederzusehen, würde er alles … alles …dafür tun. Nur dass diese Chance von Tag zu Tag mehr schwand.

Und damit versank Ian immer tiefer in seiner ganz persönlichen Hölle.

Tessa ging entschlossen und voller Vorfreude auf ihre nächste Aufgabe zur Komposttonne.

Es gab einen Grund, weshalb sie es liebte, Kompost zu erzeugen, und das lag nicht nur an dem Geld, das sie sparten, wenn sie natürlichen Humus herstellten, um die Böden der kleinen Farm zu düngen, auf der so viele Lebensmittel für das Resort angebaut wurden. Schon seit sie – frisch vom College und mit einem völlig nutzlosen Abschluss in Soziologie – zum ersten Mal in einer Produktionsgemeinschaft gelandet war und der Leiter ihr eine Mistgabel in die Hand gedrückt und ihr aufgetragen hatte, »den Mist zu wenden«, hatte sie Freude an der Komposterzeugung.

Natürlich lungerte da auch noch das Kollektivmitglied Billy Fontaine um die Komposttonne herum, und vielleicht hatte auch er etwas mit ihrer Liebe zu tun, das »schwarze Gold« aus der merkwürdigen Mischung aus Küchenabfällen und trockenem Laub herzustellen.

Während sie sich dem Kompostbehälter näherte, holte Tessa tief Luft und ließ sich von dem erdigen, natürlichen Duft beruhigen. Sie wischte sich mit dem Ärmel die ersten Schweißperlen von der Stirn, öffnete die Gittertür und begutachtete, wie weit der Zersetzungsprozess ihres Komposts fortgeschritten war. Der Geruch sagte ihr, dass er Fortschritte machte, aber es war Zeit, ihn umzugraben und zu wässern.

Entschlossen stach sie mit ihrer Mistgabel fest hinein und stellte befriedigt fest, wie sich ihre Muskeln anstrengten.

Sie lockerte den Kompost ausgiebig auf, wahrscheinlich mehr als der Haufen erforderte, aber jedes einzelne Zustechen mit der Mistgabel entspannte sie. Jedes Mal, wenn sie ein paar Schichten abtrug, war sie in Gedanken auf dieser ersten Farm und dieser ersten wahren Liebe.

Sie hatte Billy geliebt, ja, aber es war nicht allein ihm zu verdanken, dass sie so viel Freude am Gärtnern und an der Landwirtschaft gefunden hatte. Aus Nichts etwas wachsen zu lassen faszinierte sie. Sie liebte dieses System, den Prozess, diese tiefe Befriedigung, etwas auf eine bestimmte Art zu tun – die einzige Art, die richtige Art – und genau das gewünschte Ergebnis zu erhalten.

Nach einem Monat auf dieser Farm hatte sie erkannt, dass sie die Berufung ihres Lebens gefunden hatte. Und nach ein paar Monaten mit Billy hatte sie geglaubt, den Mann gefunden zu haben, der die Liebe dieses Lebens war.

Und das war er auch – eine Zeit lang – gewesen. Sie stach mit der Gabel in den Haufen, hob ächzend eine volle Ladung ab und ließ die alten Fehlerdämonen arbeiten, als würden diese die Mistgabel führen. Man erreichte wohl nicht immer das gewünschte Ergebnis, selbst wenn man die Dinge auf die richtige Art tat. Sie hatte in ihrer Ehe versagt, in ihren Versuchen, Mutter zu werden und …

»Tessa, da bist du ja!«

Beim Klang einer Männerstimme fuhr sie herum, überrascht, Clay Walker zu sehen, der um das Gewächshaus herumkam. Laceys Ehemann und der Architekt des Resorts kam selten in den Garten.

»Wo sollte ich sonst sein?«

»Im Resort, bei Lacey.«

Sie sog leise die Luft ein. »Mist. Ich sollte heute die Bewerbungen für die Stelle als Koch mit ihr durchgehen, nicht wahr?«

»Ich habe ihr gesagt, dass ich mich auf dem Weg zum Haus nach dir umsehe. Ich muss den Babysitter ablösen.«

»Ich dachte, Lacey hätte das Baby heute bei sich.« Ein wenig Enttäuschung machte sich in ihrer Brust breit. Das Einzige, was ihr noch besser gefiel als Pflanzen, Ernten und Kompostieren, war die Gelegenheit, Elijah zu halten, und genau das hatte sie vorgehabt, während sie sich Lebensläufe ansahen.

»Nein, sie führt ein Vorstellungsgespräch durch.«

»Ein Vorstellungsgespräch?« Da stimmte was nicht. »Ich dachte, wir würden zuerst die neuen Bewerbungen durchgehen.«

»Jemand ist vorbeigekommen, der sie sehr beeindruckt hat. Sie will nicht mal weg, um Elijah zu holen – deshalb gehe ich nach Hause.« Er machte Anstalten zu gehen, offenbar hatte er es eilig. »Ich beeile mich jetzt besser mal, und das solltest du auch.«

Sie sah auf ihre Khaki-Shorts, ihre Stiefel und ihr mit Erde beschmiertes T-Shirt hinunter. Sie sollte einen potenziellen Küchenchef interviewen, während sie stank wie ein Komposthaufen?

Sie nahm sich nur Zeit, die Hände zu waschen, dann rannte sie an der Westseite aus dem Garten, vorbei an Rockrose, einem der hübschesten, abgeschiedensten Ferienhäuser des Casa Blanca, und direkt zum Strand.

Während sie über den Weg eilte, der parallel zum Strand über das Anwesen verlief, blickte sie auf den Golf von Mexiko hinaus und merkte, dass die trockeneren Winde die normalerweise ruhige See in Bewegung versetzten. Das bedeutete, dass man sehr gut Muscheln sammeln konnte.

Konnte dies der Tag sein, an dem sie eine Scaphella junonia finden würde?

Sie ging über einen einfachen Steg zum Strand hinunter, um eine Abkürzung zum Resort zu nehmen. Den Blick nach unten gerichtet suchte sie den von Muscheln übersäten Strand ab auf der Suche nach der einen. Die seltenste Muschel im Atlantik wäre für jeden erfahrenen Muschelsucher eine Trophäe, aber für einen frisch gebackenen Hobbysammler wie Tessa wäre es einfach nur ein Glücksfall. Und Hoffnung.

Sie war eine praktisch veranlagte und vernünftige Frau, die wusste, dass ihr heimliches Spiel schlichtweg albern war. Eine Scaphella junonia zu finden bedeutete nicht wirklich, dass sich ihr Lebenstraum erfüllen würde. Es war irgendein eingebildetes »Zeichen«, reines Wunschdenken. Was sie wollte, bekam sie nicht von einer Meeresmuschel, Himmel noch mal. Aber es machte Spaß, dieses Spiel zu spielen, während sie über den Strand rannte.

Beim Anblick einer riesigen angeschlagenen Muschel blieb sie stehen, ihre bräunliche Farbe ähnelte den giraffenähnlichen Flecken der Junonia, aber sie ließ sich nicht täuschen. Sie blickte auf, um zu sehen, wie nahe sie dem malerischen Hotelgebäude des Casa Blanca inzwischen gekommen war, und nahm sich kurz Zeit, den Anblick zu bewundern. Das Dach mit den khakifarbenen Mönch-und-Nonne-Ziegeln neigte sich über cremefarbene Bögen im marokkanischen Stil. Das Ganze erinnerte sie eher an eine Sandburg an den Stränden Nordafrikas als an ein typisches Florida-Resort.

Ein paar Minuten später war sie nahe genug, um das Pool-deck oben zu sehen, wo sich ein paar wenige Gäste aufhielten und ein spätes Frühstück genossen. Sehr wenige Gäste. Sie bewegte sich ein wenig schneller, angespornt von dem Gedanken, dass sie wirklich einen großartigen Koch brauchten, um sich nach der vernichtenden Kritik zu erholen, die sie kurz nach der Eröffnung des Resorts bekommen hatten. Wochenlang hatten sie Anzeigen geschaltet und Lebensläufe gesichtet, aber ein echtes Talent war entweder außerhalb ihrer Preisvorstellungen oder hatte kein Interesse daran, auf der bescheidenen Barriere-Insel Mimosa Key zu arbeiten und zu leben.

Mit wem führte Lacey dann dieses Vorstellungsgespräch?

Während sie sich dem Bediensteteneingang näherte, warf Tessa noch einen letzten Blick auf den Sand und verlangsamte ihre Schritte, als sie etwa drei Meter entfernt etwas Braunes entdeckte. War das etwa eine Juno…

»Tessa!« Die Hintertür flog auf, und Laceys kupferfarbenes Haar erschien im Sonnenlicht, zusammen mit einer alles andere als begeisterten Miene. »Ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr kommen. Warum gehst du nicht an dein Handy?«

Weil es wahrscheinlich unter einem Stapel Saatgutrechnungen im Gewächshaus lag.

»Meine Güte, es tut mir leid.« Tessa blinzelte die Muschel an, danach Lacey. »Ich wusste nicht, dass wir ein Vorstellungsgespräch haben.«

Darauf sagte Lacey nichts. Mhm, war sie etwa sauer? Vielleicht. Sie lehnte im Türrahmen, die Arme über einem hübschen weißen Pulli verschränkt, der ihr bis zu den Hüften herunterhing und ihre Figur betonte, an der sie so hart arbeitete, um ihr Gewicht von vor der Geburt wiederzuerlangen. Ihr Gesicht war angespannt und seltsam.

»Tut mir leid«, sagte Tessa noch einmal, der trockene Sand spritzte unter ihren Arbeitsstiefeln. Als sie bei Lacey anlangte, warf sie noch einen kurzen Blick zurück zu der kleinen braunen Muschel, die ein paar Zentimeter von einem leeren Liegestuhl entfernt im Sand lag. Sie musste einfach nachsehen. »Eine Sekunde, Lace.«

Lacey packte sie am Arm. »Sofort.«

»Lacey, das ist eine …« Wie konnte sie ihren albernen Aberglauben erklären? Eine Muschel, von der ich glaube, dass sie bedeutet, dass ich ein Baby bekomme. »Kann ich nur kurz …«

Lacey schüttelte den Kopf und zog sie nach drinnen. »Hör zu.«

»Ich weiß, ich komme zu spät, aber …« Sie warf noch einen verstohlenen Blick über die Schulter und merkte sich die Lage der Muschel. Nicht dass es auch nur irgendeine Chance gäbe, dass eine Junonia nicht von der ersten Person, die sie entdeckte, aufgelesen würde. »Ich muss …«

»Nein.«

Bei diesem harten Wort wandte Tessa ihren Blick von dem sonnigen Strand ab und sah ihre Freundin an, eine Frau, die selten ein Wort sagte, das nicht aufmunternd, warmherzig und selbstlos war. »Was ist los, Lace?«

Lacey blinzelte mit ihren goldbraunen Augen, ihr Gesichtsausdruck schwankte prekär zwischen Aufregung und Unheil. »Nichts. Alles. Vielleicht etwas.«

Tessa lachte leise. »Das ergibt keinen Sinn, Boss.«

Lacey seufzte genervt, dann musterte sie Tessa von oben bis unten. »Du solltest wirklich an dein Handy gehen.«

»Tut mir leid. Bin ich zu schmutzig für ein Vorstellungsgespräch mit einem Chefkoch?«

»Mit diesem Chefkoch.«

Tessa runzelte die Stirn. »Warum?«

»Hör mal, ich habe eine gute Nachricht, und ich habe eine … andere Nachricht.«

»Die gute zuerst«, sagte Tessa sofort.

»Ich habe einen Koch gefunden, ich meine, ich habe den Koch gefunden.«

»Echt?« Das wäre eine Erleichterung. »Bist du sicher?«

»Ganz sicher. Er ist brillant, talentiert, schnell, kreativ, günstig, und er kann morgen anfangen.«

»Das ist fantastisch.« Sie drückte Laceys Arm. »Was ist die andere Nachricht?«

»Entschuldigen Sie bitte, Mrs Walker?«

Tessa drehte sich um, als sie die tiefe Stimme aus dem Flur hörte, die ihr seltsam … vertraut vorkam. Sie kannte diese Stimme.

»Ich habe die Eier Benedict mit Schinken …« Er verstummte, als sich ihre Blicke trafen. Seine Augen waren noch genauso wahnsinnig eisblau, wie sie sie in Erinnerung hatte, ihre waren zweifellos aufgerissen vor sprachlosem Schock.

»Das wäre dann die andere Nachricht«, flüsterte Lacey.

4

Ian hatte schon vermutet, dass er eventuell auf die Spermajägerin und Gärtnerin treffen würde. Als die gesprächige alte Dame im Minimarkt erwähnt hatte, dass das örtliche Resort wahrscheinlich pleitegehen würde, wenn sie dort keinen Koch fänden, hatte er sich daran erinnert, dass die attraktive Frau in der Bar gesagt hatte, dass sie in einem Resort arbeitete.

Und das hätte ihn beinahe davon abgehalten, die Uferstraße hinaufzufahren, um sich das mal anzusehen. Allerdings wollte er den Job zu sehr, um sich von einer kleinen Begegnung davon abhalten zu lassen. So wie sie ihn jedoch gerade anstarrte – als wäre er tatsächlich der Axtmörder, vor dem sie sich gestern Abend gefürchtet hatte –, wäre es vielleicht klüger gewesen, er wäre geblieben, wo er war. Zweifellos war sie noch immer sauer, dass er sie abgewiesen hatte.

»Eier Benedikt mit Schinken?«, fragte sie, als sie schließlich ihren Blick von ihm losriss und Lacey Walker ansah, die das Vorstellungsgespräch geführt hatte, während er seit einer Stunde in ihrer Küche kochte. »Das steht nicht auf unserer Speisekarte.«

»Könnte es aber. John, das ist Tessa Galloway, aber … ich glaube, ihr habt euch schon kennengelernt.« Lacey konnte die Belustigung in ihrer Stimme kaum unterdrücken, Tessa jedoch sah alles andere als amüsiert aus.

»Hallo, Tessa.«

»Hi.« Sie lächelte ihn nicht allzu freundlich an und strich sich die Haare aus dem Gesicht, was eine schmutzige Schliere auf ihrem Wangenknochen enthüllte. Sie verschränkte die Arme, als wollte sie nicht gezwungen sein, ihm die Hand zu geben. Vielleicht verdeckte sie aber auch nur noch mehr Schmutz auf ihrem T-Shirt.