Barfuß ins Glück - Roxanne St. Claire - E-Book

Barfuß ins Glück E-Book

Roxanne St. Claire

4,4
8,99 €

Beschreibung

Als ein Hurrikan Lacey Armstrongs Haus an der beschaulichen Barefoot Bay zerstört, beschließt sie, einen Neuanfang zu wagen und ein Hotel zu errichten. Architekt Clay Walker scheint der Richtige für den Job zu sein, doch er weckt zugleich auch verwirrende Gefühle in Lacey. Dabei ist in Laceys Leben zurzeit überhaupt kein Platz für einen Mann ...

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Inhalt

Titel

Zu diesem Buch

Widmung

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Epilog

Danksagungen

Die Autorin

Die Romane von Roxanne St. Claire bei LYX

Impressum

ROXANNE ST. CLAIRE

Barfuß ins Glück

Roman

Ins Deutsche übertragen von

Sonja Häußler

Zu diesem Buch

Als ein verheerender Hurrikan über die idyllische Küste der Barefoot Bay tobt und Lacey Armstrongs Haus zerstört, fasst sie kurzerhand den Entschluss, endlich den Neuanfang zu wagen, von dem sie schon so lange träumt, und ein eigenes Bed & Breakfast zu errichten. Sie heuert den renommierten Architekten Clayton Walker an, doch statt des erfahrenen Geschäftsmanns, den sie erwartet hat, taucht ein Typ auf der Insel auf, der zu jung, zu direkt und definitiv zu attraktiv für Laceys Geschmack ist. Eigentlich würde sie ihn am liebsten gleich wieder fortschicken, aber dann wirft sie einen Blick auf die Entwürfe, die Clay im Gepäck hat, und muss sich eingestehen, dass er für den Job genau der Richtige ist. Auch wenn ihr Herz in der Gegenwart eines Mannes schon lange nicht mehr so schnell geschlagen hat, wehrt Lacey sich mit aller Macht gegen die Gefühle, die Clay in ihr hervorruft. Denn im Moment hat sie wahrlich genug um die Ohren – mal ganz abgesehen von ihrem Exfreund, dem Vater ihrer Tochter, der plötzlich wieder vor ihrer Tür erscheint, fest entschlossen, seine Familie zurückzugewinnen. In Laceys Leben ist einfach kein Platz für die Liebe … oder doch?

Für Deborah Brooks,

meine Schwester, meine Freundin,

mein Segen.

1

Die Fensterscheiben in der Küche schossen heraus wie Kanonenkugeln, eine nach der anderen, gefolgt vom ohrenbetäubenden Krachen des antiken Vitrinenschrankes, der auf den Fliesenboden kippte.

Mist. Granny Dots gesamtes Old-Country-Service für zwölf Personen hatte darin gestanden.

Lacey presste sich mit geschlossenen Augen an die Tür des Wandschranks, ihr Körper war angespannt, ihre Gedanken rasten. Das war’s dann. Alles, was sie besaß – ein kleines Bäckereigeschäft, ein fünfzig Jahre altes, geerbtes Haus –, wurde gerade von Hurricane Damian zerstört, dem Erdboden gleichgemacht und in die Barefoot Bay geschleudert.

Rasch blickte sie über ihre Schulter. Alles, was sie besaß, aber nicht alles, was sie hatte. Ganz egal, was mit dem Haus passierte – sie musste ihre Tochter retten.

»Wir müssen in die Badewanne und uns mit einer Matratze zudecken!«, schrie Lacey über das dampflokartige Geheul des mit hundertachtzig Stundenkilometer daherrasenden Sturmes.

Ashley kauerte sich noch tiefer in die Ecke des Schrankes, in der einen Hand ein Plüscheinhorn, in der anderen ihr Handy. »Ich habe dir doch gesagt, wir hätten uns evakuieren lassen sollen!«

Nur eine Vierzehnjährige konnte in einem Moment wie diesem einen Streit vom Zaun brechen. »Ich kann die Matratze nicht allein ins Badezimmer schleppen.«

Der Orkan war jetzt mitten im Haus, er riss den Kronleuchter aus der Decke des Esszimmers, dass das Kristall nur so splitterte. Bilder wurden gewaltsam von den Haken gerissen und Möbel schlitterten über den Eichenholzboden. Über ihren Köpfen ächzten die Dachsparren in einem allerletzten Versuch, sich ans Gebälk zu klammern.

Ihnen blieben nur noch Minuten.

»Wir müssen uns beeilen, Ash. Ich zähle auf …«

»Ich gehe hier nicht weg«, weinte Ashley. »Ich habe zu viel Angst. Ich gehe da nicht raus.«

Lacey nahm ihre ganze Beherrschung zusammen und sagte: »Wir haben uns.«

»Da draußen werden wir sterben, Mom!«

»Nein, hier drin werden wir sterben.« Als Ashley aufheulte, kniete sich Lacey vor sie nieder und opferte dadurch kostbare Sekunden. »Liebes, ich habe mein ganzes Leben lang auf dieser Insel gelebt, und das hier ist nicht mein erster Hurrikan.« Aber der schlimmste. »Wir müssen uns in die Badewanne legen, unter die Matratze. Sofort.«

Mit festem Griff zog sie Ashley auf die Füße, das Handy-display beleuchtete ein tränenüberströmtes Gesicht. Gott, am liebsten hätte sich Lacey in Ashleys hastig zusammengeraffte Schätze fallen lassen und mit ihrer Tochter geweint.

Doch dann würde sie mit ihrer Tochter sterben.

Ashley zog das Einhorn an ihr Kinn. »Wie konnten sich diese Wetterleute nur so irren?«

Verdammt gute Frage.

Den ganzen Tag lang, bis in die Nacht, war der Sturm in Richtung Norden auf den Landzipfel Floridas zugerast, und man hatte nicht erwartet, dass er mehr als starke Regenfälle und Wind an die Küste Floridas bringen würde. Bis vor ein paar Stunden, als Hurrikan Damian von Kategorie drei auf Kategorie vier hochgestuft wurde, nach Osten geschwenkt war und dadurch viel näher an der Barriereinsel Mimosa Key vorbeikam.

Innerhalb von wenigen Stunden mussten sich zehntausend Einwohner entscheiden, ob sie flüchten oder sich verstecken sollten – so auch Lacey und Ashley. Ein paar Touristen nahmen über den Damm aufs Festland Reißaus, aber die meisten der orkanerfahrenen Inselbewohner hatten da bereits Schutz unter Matratzen gesucht und ihr Porzellan in Sicherheit gebracht. Und beteten. Was das Zeug hielt.

Lacey legte ihre Hände um Ashleys Wangen. »Wir müssen das jetzt tun, Ashley. Wir dürfen nicht in Panik verfallen, okay?«

Ashley nickte und nickte. »Okay, Mom. Okay.«

»Ich zähle bis drei. Eins, zwei …«

Drei wurde von dem durch Mark und Bein gehenden Geräusch übertönt, das das Carport-Dach verursachte, als es weggerissen wurde.

Lacey drückte die Schranktür auf. In ihrem Schlafzimmer war es stockfinster, aber sie bewegte sich instinktiv und war dankbar, dass der Sturm die Wände hier noch nicht zertrümmert hatte.

»Geh an der anderen Seite um das Bett herum«, wies sie ihre Tochter an, wobei sie bereits den Bettüberwurf zurückschlug und hektisch nach der Matratze griff. »Ich ziehe, du schiebst.«

Ashley riss sich zusammen und gehorchte, was Lacey mit Liebe und Dankbarkeit erfüllte. »Gut gemacht. Noch ein bisschen.«

In diesem Augenblick fuhr der Sturm wie ein Güterzug in den hinteren Flur, riss einen alten Spiegel mit sich und ließ ihn an der Schlafzimmertür zerschellen.

»Er kommt!«, schrie Ashley und erstarrte vor Angst.

Und er kam in der Tat. Wie ein Monster würde der Sturm die alten Mauern bis auf die Grundfesten niederreißen, die Laceys Großvater gelegt hatte, als er in den 1940ern auf Mimosa Key angekommen war.

»Schieb die verdammte Matratze, Ashley!«

Ashley gab alles, und die Matratze rutschte so weit nach vorn, dass Lacey sie gut packen konnte. Ächzend zerrten sie das Teil vom Bett und schleppten es in Richtung Bad. Sie hatten Mühe, es durch die Tür zu bekommen, als der Sturm eines der Schlafzimmerfenster einschlug und hinter ihnen ein Schauer aus Glas und Holz niederging.

»Oh mein Gott, Mom. Das war’s dann!«

»Nein, das war es nicht«, zischte Lacey, während sie versuchte, die Matratze hochzuhieven. »Rein mit dir!« Sie schob Ashley auf die sündhaft teure gusseiserne Badewanne mit den Klauenfüßen zu, die mit einem Mal nicht mehr die verschwenderische Ausgabe vom letzten Jahr darstellte, sondern ihre einzige Möglichkeit zu überleben.

Im Schatten konnte Lacey erkennen, dass Ashley in die Badewanne kletterte, aber die Matratze wurde in der Tür von etwas blockiert. Sie drehte sich um, um das Biest zu befreien, aber da barst das andere Fenster mit einem ohrenbetäubenden Krachen.

Während sie sich vor den herumfliegenden Trümmern in Deckung brachte, sah Lacey, was die Matratze blockierte.

Ashleys Einhorn.

Jalousien kamen hinter ihrem Rücken hereingesegelt. Keine Zeit. Keine Zeit für Einhörner.

»Beeil dich, Mom!«

Mit übermenschlicher Kraftanstrengung befreite sie die Matratze und wurde von der Wucht in Richtung Badewanne geschleudert, aber alles, woran sie denken konnte, war das verdammte Einhorn.

Das Zoe ins Krankenhaus gebracht hatte, als Ashley geboren wurde, und das jede Nacht in Ashleys Bett verbracht hatte, bis diese fast zehn war. In wenigen Minuten würde Tante Zoes Einhorn nur noch eine Erinnerung sein, wie alles andere, was sie besaßen.

Ashley streckte die Hand aus der Badewanne und zerrte an Laceys Arm. »Komm rein!«

Dieses Mal war es Lacey, die erstarrte unter dem Gewicht der Matratze und all dessen, was sie gerade verloren. Alles. Jedes Bild, jedes Geschenk, jedes Buch, jeder Weihnachtsschmuck, jedes …

»Mom!«

Die Badezimmertür schlug – von einem Seitenwind erfasst – hinter ihr zu; einen Augenblick lang herrschte unheimliche Stille im Zimmer.

In diesem Moment, in dem die Zeit stehen blieb, stürzte sich Lacey auf das Einhorn, schnappte es mit einer Hand, während sie es schaffte, mit der anderen die Matratze zu stützen.

»Was machst du denn?« brüllte Ashley.

»Etwas retten.« Sie sprang in die Badewanne, auf ihre kreischende Tochter, und ließ das Stofftier fallen, damit sie die Matratze über sie beide ziehen und sie in einer neuen Dimension von Dunkelheit einschließen konnte.

Die Tür schoss wieder auf, das kleine Fenster über der Toilette gab nach und tornadoartige Winde peitschten durch den Raum. Lacey spürte, wie ihre Tochter unter ihr schluchzte, wie sie vor Angst zitterte, wie sich ihre fohlenhaften Beine an das kostbare Leben klammerten.

Und das Leben war kostbar. Schwierig, anstrengend, vertrackt, nicht gerade das, was sie sich erträumt hatte, aber kostbar. Lacey Armstrong war nicht gewillt, es an einen von Mutter Naturs Wutanfälle zu verlieren.

»Fass mal mit an und hilf mir, das Ding unten zu halten«, bat Lacey; ihre Fingernägel brachen ab, als sie sie in die gesteppten Polster grub, auf der verzweifelten Suche nach einer Stelle zum Festhalten.

Sie stöhnte vor lauter Anstrengung und klammerte sich an die Matratze, schloss die Augen und lauschte, wie dieses kostbare Leben um sie herum geräuschvoll in Schutt und Asche gelegt wurde.

Es war nicht viel, dieses alte Haus, das sie von ihren Großeltern geerbt hatte, das mit großen Träumen und wenig Geld errichtet worden war – aber es war alles, was sie hatte.

Nein, war es nicht, rief sie sich wieder in Erinnerung. Alles, was sie hatte, lag gerade zitternd und weinend unter ihr. Alles andere waren nur Dinge. Nasse, kaputte, vom Sturm zerfetzte Dinge. Sie waren am Leben und sie hatten einander. Und sie hatten ihren Verstand, ihre Träume und ihre Hoffnungen.

»Das ist ein Albtraum, Mom.« Ashleys Schluchzen brachte Laceys innere Litanei aus lebenserhaltenden Plattitüden zum Verstummen.

»Halt einfach durch, Ash. Wir schaffen das. Ich habe schon Schlimmeres durchgemacht.« Oder etwa nicht?

War es nicht schlimmer gewesen, das College abzubrechen und schwanger nach Mimosa Key zurückzukehren, wo sie mit der bitteren Enttäuschung ihrer Mutter konfrontiert wurde? War es nicht schlimmer gewesen, in David Fox’ verträumte, abwesende Augen zu blicken und zu sagen: »Ich werde dieses Baby behalten«, woraufhin er verkündete, dass er auf dem Weg zu einer Schaf-Farm in Patagonien sei?

Patagonien, verdammt. Das brachte sie heute, vierzehn Jahre später, noch auf die Palme.

Sie würde nicht sterben, verdammt. Und Ashley auch nicht. Verstohlen sah sie über ihre Schulter und traf auf den starren Blick ihrer Tochter.

»Hör zu«, beschwor Lacey sie durch zusammengepresste Zähne. »Ich lasse nicht zu, dass dir etwas zustößt.«

Ashley brachte ein Nicken zustande.

Sie brauchten nur durchzuhalten und … zu beten. Die meisten Menschen würden in einer solchen Situation Gott irgendwelche hochheilige Versprechungen machen. Aber Lacey war nicht wie die meisten, und sie machte niemandem Versprechungen. Sie machte Pläne. Viele Pläne, die nie …

Ein starker Windstoß hob die Matratze an und ließ Lacey laut aufschreien, als Regen, Wind und Trümmer über sie hinwegfegten. Dann krachte ein Teil der Decke auf die Matratze herab. Das durchnässte Mauerwerk und Isoliermaterial hielten ihr improvisiertes Dach an Ort und Stelle, sodass Lacey die Matratze loslassen konnte. Erleichtert schaffte sie etwas Platz an der Stelle, wo die Badewanne ein wenig geschwungen war, sodass sie Luft bekamen, und zwängte sich dann wieder neben Ashley.

Jetzt konnte Lacey wieder an etwas anderes denken als ans Überleben.

Nach dem Überleben kam … was? Angesichts der nackten Tatsache, dass alles weg war. Was würde sie tun ohne Zuhause, ohne Klamotten, ohne ihr ums Überleben kämpfendes Geschäft mit selbst gebackenen Kuchen und vielleicht ohne auf Mimosa Key verbleibende Kundschaft, die ihre Cookies und Cupcakes kaufen konnte?

Die Antwort war ein donnerndes Krachen, als der Rest des zweiten Stockwerks weggerissen wurde, als hätte ein imaginärer Riese ein Stück Unkraut aus seinem Garten entfernt. Sofort prasselte Regen auf sie herab.

Als das Dach weg war, löste sich das Vakuum auf, und abgesehen vom Trommeln des Regens auf der Matratze war es fast still.

»Ist das das Auge des Orkans?«, fragte Ashley.

Lacey veränderte wieder ihre Position und schmiegte sich um Ashleys schlanke Figur. »Ich weiß es nicht, Liebes. Hey, schau mal, was ich dir mitgebracht habe.«

Sie zog das Einhorn hinter ihrem Rücken hervor und legte es Ashley auf die Brust. Selbst im Dunkeln konnte sie Ashley lächeln sehen, in ihren Augen glitzerten Tränen.

»Tante Zoes Einhorn. Danke, Mommy.«

Bei dem Wort »Mommy« zerriss es Lacey fast das Herz.

»Shhh.« Sie strich Ashley über das Haar und war dankbar für den Moment, in dem ihre Tochter einmal nicht die Augen verdrehte oder ihr Handy herauszog, um eine SMS an eine Freundin zu schreiben. »Alles wird gut, mein Engel. Das verspreche ich.«

Aber konnte sie dieses Versprechen auch halten? Wenn der Sturm vorbei war, würde das Haus, das ihr Großvater Blue Horizon House genannt hatte, nur noch eine Erinnerung an etwas auf einem unberührten Streifen Strand namens Barefoot Bay sein.

Doch Mimosa Key würde dann immer noch da sein. Nichts konnte diese Barriereinsel oder die Menschen, die diese Insel ihr Zuhause nannten, auslöschen. Genau wie Lacey waren die meisten Bewohner der Insel Kinder oder Enkel der ersten Gruppe von Pionieren, die im zwanzigsten Jahrhundert einen wackeligen Damm zu dieser Zufluchtsstätte im Golf von Mexiko errichtet hatten.

Und nichts konnte Mimosa Key die Schönheit seiner Natur nehmen, wie die zauberhafte Barefoot Bay mit ihren pfirsichfarbenen Sonnenuntergängen oder die flaumweichen roten Blumen, die jedes Frühjahr wie ein Feuerwerk explodierten und der Insel ihren Namen gegeben hatten. Nichts konnte den zuverlässigen Mond auslöschen, der jede Nacht wie ein Diamant über dem samtschwarzen Golf funkelte.

Wenn Mimosa Key überlebte, würde Lacey das auch.

Außerdem gibt es so etwas wie Versicherungen, ließ eine pragmatische Stimme in ihr beharrlich verlauten.

Der Wert des Hauses war durch die Versicherung abgedeckt, und das Land gehörte ihr, also würde Lacey neu bauen können. Vielleicht war das ihre Chance, das große alte Strandhaus endlich in ein Bed&Breakfast umwandeln zu können, ein Traum, den sie schon seit Jahren hegte. Ein Traum, den zu erfüllen sie beiden Großeltern versprochen hatte, als sie ihr das Haus und all das Land darum herum vermacht hatten.

Doch diesem Versprechen war immer wieder das Leben in die Quere gekommen. Und jetzt stand sie mit leeren Händen da.

Anstatt sich dieser Tatsache zu stellen, keimte wieder einmal der Wunsch nach einem B&B in ihr auf; der Wunsch, dass endlich, endlich einer ihrer Träume wahr werden würde. Dies trug sie durch den Rest des Sturms, während Ashley in einen unruhigen Schlaf fiel.

Als das Geheul zu einem schwachen Klagen verebbte und der Regen nur noch ein dauerhaftes Nieseln war, drangen die ersten Silberfäden der Morgendämmerung durch das kleine Luftloch zu ihnen herein, das sie geschaffen hatte. Nun war es an der Zeit, sich mit den Nachwehen des Sturms auseinanderzusetzen. Unter Aufbietung aller noch verbliebenen Kräfte schaffte es Lacey, die durchnässte Matratze auf den Boden zu schieben.

»Oh mein Gott«, flüsterte Ashley ungläubig. Ihre Stimme versagte, als sie sich aufsetzte. »Alles ist weg.«

Und so war es. Ein heruntergekommenes Haus, das mehr Probleme gemacht hatte, als es wert war, war durch Hurrikan Damians Aufräumaktion fortgespült worden. Lacey wurde seltsam leicht ums Herz angesichts all dieser Verwüstung. Tatsächlich war sie geradezu beseelt von neuen Möglichkeiten.

»Mach dir keine Sorgen«, sagte sie. Vorsichtig schob sie die Trümmer beiseite und blinzelte ins Licht des frühen Morgens. »Das ist nicht das Ende der Welt.« Eher ein Anfang.

»Wie kannst du das sagen, Mom? Nichts ist mehr übrig!«

Ein paar Tropfen warmen tropischen Regens schlugen ihr ins Gesicht, doch Lacey wischte sich das Wasser von der Wange und stieg über zerbrochene Wandstreben, die von zerrissener, tropfnasser Dachisolierung umhüllt waren.

»Wir sind versichert, Ashley.«

»Mom! Unser Zuhause ist weg!«

»Nein, das Gebäude ist weg. Der Strand ist noch da. Die Sonne wird wieder scheinen. Die Palmwedel werden nachwachsen.«

Ihre Vorstellungskraft erwachte durch die Wirklichkeit, die sie um sich herum sah, erneut zum Leben. Sie würde das schaffen. Das Grundstück – und das Geld von der Versicherung – konnten dazu genutzt werden, einen Traum wahr zu machen.

Neben ihr schniefte Ashley und wischte sich erneut Tränen von der Wange. »Wie kannst du nur von Palmwedeln sprechen? Wir haben noch nicht mal mehr ein … oh!« Sie ließ sich auf die Knie fallen, um eine schmutzige Videospiel-Fernbedienung aufzuheben. »Meine Wii!«

»Ashley.« Lacey streckte ihre Hand nach ihr aus und zog sie hoch, um sie an sich zu drücken. »Mein Schatz, wir haben doch uns. Wir leben noch, was ein ziemliches Wunder ist.«

Ashley kniff die Augen fest zusammen und nickte, während sie sich Mühe gab, stark und tapfer zu sein.

»Ich weiß, dass es wehtut, Ashley, aber das hier« – sie nahm die kaputte Fernbedienung und warf sie weg – »sind nur Dinge. Wir werden andere und bessere Dinge kaufen. Hauptsache, wir haben überlebt, und weißt du was? Allmählich glaube ich, dass der Hurrikan das Beste ist, was uns passieren konnte.«

Verständnislos riss Ashley die Augen auf. »Bist du verrückt?«

Vielleicht war sie das, aber verrückter Optimismus war alles, was sie im Moment hatte.

»Denk mal darüber nach, Ash. Wir können mit diesem Grundstück jetzt alles Mögliche machen. Wir brauchen nicht dafür zu bezahlen, ein sechzig Jahre altes Haus umzubauen. Wir können ganz von vorn anfangen und es absolut fantastisch machen.« Ihre Stimme wurde höher, als diese Idee zum Leben erwachte und ihr Herz erfüllte. »Du weißt, dass ich schon immer davon geträumt habe, ein Gasthaus oder ein B&B zu eröffnen, etwas, das ganz allein mir gehört und so etwas wie eine Oase wäre, ein Reiseziel.«

Ashley schloss einfach wieder die Augen, als könnte sie momentan das Wort »Oase« überhaupt nicht verarbeiten. »Aber wenn du keinen Weg gefunden hast, das wahr zu machen, als du noch ein richtiges Haus hattest, wie sollst du das jetzt können?«

Die Wahrheit schmerzte ein wenig, doch Lacey ignorierte das. Dieses Mal würde sie nicht nach Ausflüchten suchen, und so würde sie an ihr Ziel gelangen. Sie würde keine Angst davor haben, zu Ende zu bringen, was sie angefangen hatte, und sie würde nicht an sich selbst zweifeln, nur weil es jemand anderem nicht gefiel. Niemals wieder.

»Mutter Natur hat uns soeben einen Passierschein in die Freiheit ausgestellt, Kleines«, sagte sie und drückte Ashleys Schulter. »Und weißt du was? Wir nehmen ihn.«

2

Sechs Wochen später

Wahrscheinlich ist er gerade beim Mittagessen.

So einen kleinen Auftrag würde er gar nicht annehmen.

Er könnte es ablehnen, im August nach Florida zu kommen.

Lacey hatte jede Menge Gründe, nicht auf »anrufen« zu drücken und nach Clayton Walker zu fragen, den Geschäftsführer von Walker Architecture and Design. Ein Rinnsal aus Schweiß schlängelte sich ihren Rücken hinunter und verlor sich im Bund ihrer abgeschnittenen Jeans, die Ashleys Meinung nach viel zu kurz war, um von einer Mom getragen zu werden.

Zu kurz? Pech. Sie hätte an der Barefoot Bay auch nackt herumlaufen können, wenn sie das gewollt hätte. Seit der Orkan den nördlichen Zipfel der Insel verwüstet hatte, waren sie und Ashley die Einzigen hier draußen am Strand. Die Sachverständigen der Versicherung waren genauso schnell wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren, und hatten das Geld zum Wiederaufbau zugesagt. Die Planierraupen hatten das vom Sturm beschädigte Haus dem Erdboden gleichgemacht. Laceys Nachbarn, einer im Norden und einer im Süden – und keiner von beiden besonders nahe –, waren abgehauen, nachdem sie ihre Ansprüche geltend gemacht und zugesagt hatten, ihre Parzellen für einen Apfel und ein Ei zu verkaufen.

Für den nächsten Schritt bei ihrem ehrgeizigen Vorhaben benötigte sie ohnehin keine altersgemäße Kleidung. Mit einem verschwitzten Finger strich sie über die glatte Oberfläche ihres Handys, doch bevor sie wählte, legte sie das Handy auf den Campingtisch, einen der wenigen Gegenstände, die sie nach dem Sturm hatte retten können.

Was hielt sie davon ab, den Architekten anzurufen?

Die Angst vor Zurückweisung? Natürlich würde ein Architekt mit Clayton Walkers hervorragenden Referenzen, seiner Reputation und seinem Portfolio aus berühmten Hotels und Resorts kein Bed&Breakfast am Strand entwerfen wollen.

Aber er hatte persönlich auf ihre E-Mail geantwortet. Und darin hatte er geschrieben: »Rufen Sie mich an, wenn Sie das Geld von der Versicherung haben, dann schaue ich mir das Grundstück mal an.«

Sie wischte sich Schweißperlen von der Oberlippe und rückte die Bank näher an den Tisch heran, wobei sie versuchte, tiefer in dem schmalen Streifen Schatten zu versinken, den der Stamm eines Flammenbaums warf, der den Orkan überlebt hatte. Lacey linste durch ihre von der Feuchtigkeit durchnässten Locken und beobachtete ihre Tochter, die unten am Wasser stand, etliche Meter glühend heißen Sandes von ihr entfernt. Ashley schrieb eifrig eine SMS, etwas, was sie in letzter Zeit immer öfter tat, und schien die kreischenden Möwen, die um sie herumflatterten, gar nicht zu bemerken.

Ashley hatte sich bemerkenswert schnell von dem Sturm erholt und war mit einer einigermaßen positiven Einstellung in das Haus von Laceys Eltern mit eingezogen, wahrscheinlich weil sie mit dem Umzug ans Südende der Insel mehr Jugendliche in ihrer Nähe hatte, mit denen sie in ein paar Wochen die Mimosa High besuchen würde.

Der überwiegende Teil der zwanzig Kilometer langen Barriereinsel war besser weggekommen als das nördliche Ende, an dem die Barefoot Bay lag. Südlich der Center Street waren nur Fliegengittertüren, Dachziegel und ein paar Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Hier unten waren die Geschäfte in der Stadt alle geöffnet, und man war fast wieder zum Alltag zurückgekehrt. Trotzdem hatten Laceys Eltern beschlossen, noch eine Weile in New York bei Laceys Bruder zu bleiben, um Lacey und Ashley ein Dach über dem Kopf zu bieten.

Das war gut so, denn wenn jetzt auch noch Marie Armstrong Lacey die Hölle heißmachen und darauf herumreiten würde, wie vollkommen unmöglich diese Pläne waren, würde Lacey niemals den Mut aufbringen, diesen Anruf zu tätigen.

Sie angelte sich das Handy, richtete ihren Blick auf den Namen des Architekten und stellte sich die Unterhaltung mit einem Mann vor, den sie für eine Koryphäe hielt. Sie hatte ein Foto von ihm auf der Website der Firma gesehen. Der Typ sah wie Colonel Sanders aus mit seinen weißen Haaren und der Fliege, die ihm das Aussehen eines Südstaaten-Gentlemans verlieh. Wie Furcht einflößend konnte er sein?

Okay. Es wurde Zeit. Sie wandte sich ab, damit Ashleys Anblick sie nicht ablenken würde, und legte den Finger aufs Handy.

Moment mal.

Sollte sie ihn Mr Walker nennen? Seine E-Mail wirkte so locker, zumindest für ein Genie auf dem Gebiet der Architektur. Vielleicht wollte er also nicht, dass …

Eine Stimme wurde vom Strand her zu ihr herübergetragen. Eine männliche Stimme.

Lacey blickte über ihre Schulter und zog scharf die Luft ein, als sie einen Mann sah, der noch etwa anderthalb Meter von Ashley entfernt war. Einen halbnackten Mann, der lediglich tief sitzende Boardshorts und Sneakers ohne Socken trug, mit zotteligem Haar, kräftigen Muskeln und – oh mein Gott – war das etwa ein Tattoo an seinem Arm?

War er ein Tourist? Ein Surfer? Wahrscheinlich einer der vielen Aasgeier, die die Trümmer nach Brauchbarem durchwühlten. Seit der Damm wieder passierbar war, tauchten sie überall auf der Insel auf und schlugen Kapital aus dem Unglück anderer.

Ashley lachte über etwas, das er sagte, und er drehte sich gerade weit genug um, dass Lacey einen Blick auf seine schweißglänzende Brust werfen konnte und auf seine Bauchmuskeln und … wow.

Ashley warf die Haare zurück, und der Mann trat einen Schritt näher.

Okay, bis hierher und nicht weiter, Junge. Lacey stürmte vorwärts, getrieben von Urinstinkten; sie vergaß den Anruf und ignorierte den glühenden Sand, der unter ihren nackten Füßen brannte.

»Entschuldigen Sie.«

Beide drehten sich zu ihr um. Ashleys Körpersprache drückte Empörung aus, und sie verdrehte die Augen. Doch Lacey hatte dafür keine Augen, ihr Blick war auf das Raubtier gerichtet. Und wie eine Löwenmutter bereitete sie sich auf den Gegenangriff vor, während sie rasch die Gefahrenstufe einschätzte.

Seine Gefahrenstufe war … heiß.

So lächerlich das auch sein mochte.

Mit seinem strahlenden Lächeln brachte er sie aus der Fassung, und mit einer entwaffnenden Geste warf er seine honigfarbenen Locken nach hinten und ließ dabei ein hübsches gebräuntes Gesicht und einen winzigen goldenen Ring in einem Ohr erkennen. Als er ihr die Hand hinhielt, riss er sie abrupt aus ihren Gedanken.

»Ich heiße Clay Walker.«

Wie bitte?

»Sind Sie Lacey Armstrong?«

»Nein. Ich meine, ja. Aber …« Sie erstarrte, war total aus dem Konzept; seine Worte hatten einen Kurzschluss in ihrem Gehirn ausgelöst.

Colonel Sanders war er nicht.

Er sah überhaupt nicht aus wie auf dem Foto. Kein weißes Haar, keine Fliege – kein Hemd! Er konnte gar nicht Clayton Walker sein, weil … nun ja, er war einfach umwerfend.

»Was wollen Sie hier?«, fragte sie. Es war ihr gleichgültig, dass sie eine schwitzende, Gift sprühende, beinahe siebenunddreißigjährige Mom mit viel zu kurzen kurzen Hosen war, die auf seinen Waschbrettbauch starrte. Oder dass sie immer noch das Handy in der Hand hielt, mit dem sie ihn gerade hatte anrufen wollen. Na ja, nicht ihn. Sondern Colonel Sanders.

»Ich hatte Ihnen mitgeteilt, dass ich mir das Grundstück mal anschauen wollte.«

»Oh, ich hatte erwartet, dass jemand kommt …«, der älter war. Angezogen. Nicht umwerfend. »… nachdem ich angerufen hätte.«

»Ich wollte nicht warten«, sagte er. Er streckte ihr noch immer die Hand hin, und sie hatte keine andere Wahl, als sie zu ergreifen. Sofort verlor sich ihre Hand zwischen seinen großen, schwieligen, männlichen Fingern. »Ich war zu fasziniert von dem Gedanken, hier zu bauen.«

»Ich auch.« Fasziniert war sie auch. Fasziniert und misstrauisch.

»Ich hoffe, das stört sie nicht.« Er deutete mit einem flüchtigen Blick auf seinen nackten Oberkörper. »Hier ist es höllisch heiß.«

»Kein Problem«, log sie; sie zog ihre Hand zurück und zwang sich dazu, ihren Blick von seinem Körper loszureißen und ihm ins Gesicht zu sehen. Als wäre das weniger umwerfend. »Aber es liegt ein Irrtum vor.«

Dunkle Brauen schossen nach oben und gaben Augen preis, die ungefähr die Farbe des Wassers hinter ihm hatten. »Ein Irrtum?«, fragte er.

»Sie sind nicht Clayton Walker.«

»Man nennt mich Clay.« Er lächelte; es war eher ein halbes Grinsen, das Fältchen um seine Augen bildete und gerade, weiße Zähne enthüllte. »Mein Ausweis ist im Wagen, wenn sie wollen, gehe ich ihn holen.«

Der Hauch eines schleppenden Südstaatenakzents stand ihm so gut wie die Shorts, die um seine schmalen Hüften hingen. »Das ist nicht notwendig, ich war auf der Website und habe Clayton Walker gesehen, und er ist nicht …« Sexy. »Sie.«

»Sagen Sie mir jetzt nicht, dass Sie Clayton Walker Senior erwartet haben?« Sein Lächeln wurde ironisch.

Senior? Meinte er seinen Vater? »Ich hatte den Besitzer der Firma erwartet.« Den Mann, der einige der faszinierendsten Hotels der Welt entworfen hatte und der wahrscheinlich nicht Haare hatte, die ihm bis auf die Schultern fielen, oder einen Ohrring oder ein Tattoo auf einem beachtlichen Bizeps, das einen von Flammen umzüngelten Stern darstellte. »Den Clayton Walker, mit dem ich E-Mail-Kontakt hatte.«

»Tatsächlich haben Sie mit mir gemailt«, sagte er schlicht und ergreifend.

»Ich hatte den Kontakt von der Website.«

Er zuckte mit einer seiner muskulösen Schultern. »Ich nehme an, mein Name steht noch dort. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemandem dieser Fehler unterläuft.«

»Arbeiten Sie für ihn?«

»Nein, ich habe nichts mehr mit der Firma meines Vaters zu tun.«

»Oh. Was für ein Jammer.« Ein Gefühl der Enttäuschung machte sich in ihrem Magen breit und vermischte sich dort mit einer ungewohnten Angespanntheit.

»Aber ich bin Bauunternehmer«, sagte er, wobei seine Stimme nicht mehr ganz so glatt klang. »Und baue Häuser.«

»Aber Sie sind nicht der Clayton Walker.«

Er lachte leise, ein grollender, kehliger, sinnlicher Laut, der in Lacey von Kopf bis Fuß widerhallte. »Hören Sie, ich schaue mir das Gelände schon seit ein paar Tagen an, und nach der E-Mail zu urteilen, die Sie mir geschickt haben, bin ich durchaus in der Lage, diesen Auftrag für Sie zu übernehmen.«

Außer dass er dazu nicht in der Lage war, weil er zu jung, zu unerfahren und zu … oben ohne war. »Sind Sie Architekt?«

»Kommt darauf an, wie Sie ›Architekt‹ definieren. Ich bin Architekt, habe aber noch keine Zulassung, jedenfalls noch nicht offiziell.« Wieder betörte er sie mit seinem Lächeln und trat einen Schritt näher, sodass sie seine wirklich bemerkenswerten blauen Augen besser sehen konnte. Nicht dass sie es auf einen Architekten mit bemerkenswerten Augen abgesehen hätte. Außerdem war er ja gar kein Architekt. Zumindest nicht offiziell.

»Warum schauen wir uns das Gelände nicht mal an und gehen ein paar Ideen durch, die mir so vorschweben?«, schlug er vor.

»Wie können Sie schon Ideen haben, wenn ich Ihnen noch gar nicht gesagt habe, was ich genau will?« Sie hatte nicht schnippisch klingen wollen, aber sie konnte diesem jungen Mann unmöglich ihren Traum anvertrauen. Sie musste ihn loswerden und herausfinden, wie sie an den echten Clayton Walker herankäme.

»Vielleicht wollen wir ja das Gleiche.« Rasch und unauffällig glitt sein Blick an ihr herunter, was ihr auf einen Schlag ins Gedächtnis rief, dass sie heute viel zu wenig anhatte. Und hier draußen war es heiß.

Oh nein. Nein, nein, nein.Fangt erst gar nicht damit an, ihr hirnlosen Hormone. Der Kerl war bestenfalls neunundzwanzig, mindestens sechs oder sieben Jahre jünger als sie. Er war der Sohn eines Mannes, den sie wollte, nicht ein Mann, den sie wollte.

»Wann waren Sie hier?«, fragte sie. Seit dem Orkan war sie fast jeden Tag hier oben gewesen. »Ich habe Sie nicht gesehen.« Denn er wäre ihr garantiert nicht entgangen.

»Vor ein paar Tagen.« Endlich wandte er seinen hypnotischen Blick von ihr ab und konzentrierte sich auf das Grundstück hinter ihr. »Das ist eine coole Stelle für ein Resort.«

Cool? Er klang wie Ashleys Freundinnen. Vielleicht war er sogar noch jünger, als sie geschätzt hatte. »Kein Resort«, verbesserte sie ihn. »Alles, was ich im Sinn habe, ist ein kleines B & B.«

»Ehrlich? Ich würde von etwas Größerem träumen, Miss …« Kaum wahrnehmbar rückte er näher, ein Lächeln zog seine Mundwinkel nach oben. »›Miss‹ ist doch richtig, nicht wahr?«

Wollte er sie anbaggern? »Ms«, sagte sie ein wenig spitz. »Und das hier ist kein Traum, es ist ein Plan für meine – unsere – Zukunft. Die von meiner Tochter und mir.« War ihm die Betonung aufgefallen? »Ich habe ganz spezifische Pläne.« Und darin hast du keinen Platz. »Und eigentlich hatte ich gehofft, Ihren …«

»Meinen Dad zu treffen, schon kapiert. Er ist nicht der, den Sie dafür brauchen, glauben Sie mir.«

Ihm glauben? Wohl kaum. »Ihr Vater ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet.«

»Aber er ist in North Carolina, und ich bin hier«, sagte er mit diesem Akzent und einem weiteren, Gehirn lahmlegenden Lächeln. »Und ich habe schon ein paar Vorstellungen, wie das hier aussehen könnte.«

»Nun, Vorstellungen habe ich auch. Eigentlich habe ich eine … Vision.« Und ein nicht mal ganz dreißigjähriger Möchtegernarchitekt mit Schlafzimmerblick kam darin nicht vor.

»Gott, Mom, jetzt gib ihm doch eine Chance.«

Ashleys Stimme schreckte sie auf. Sie hatte ganz vergessen, dass ihre Tochter auch da war, den ganzen Wortwechsel mitanhörte und natürlich eine eigene Meinung dazu hatte. »Liebes, das ist nicht deine Angelegenheit. Und Mr Walker …«

»Clay. Der Jüngere.«

»Ich will ehrlich zu Ihnen sein«, sagte sie mit einem resignierten Seufzer. »Das hier ist mit einem hohen Einsatz für mich verbunden, und ich habe mein Herz bereits an den Mann gehängt, der Crystal Springs und French Hills entworfen hat, die, wie Sie wohl wissen, von Clayton Walker gebaut wurden. Dem Clayton Walker. Ich bin mir sicher, dass Sie sehr gut sind in dem, was Sie tun, aber ich möchte jemanden mit mehr Erfahrung.«

Sein Gesichtsausdruck wirkte mit einem Mal angespannt und kühl. »Manchmal kann Erfahrung ein Hindernis sein, und was Sie brauchen, ist …« Er fuhr sich mit der Hand durch die sechzehn verschiedenen Karamelltöne seiner Haare, sodass sie ein wenig zerzaust waren und ihm eine Locke über ein Auge fiel. »… eine ganz neue Sicht auf die Dinge.«

Hinter ihm starrte Ashley gerade auf seine Hinteransicht.

Nein. Ja. Wow. Dieser Kerl musste gehen. »Es tut mir wirklich leid, aber ich glaube nicht, dass es einen Grund gibt, dies hier noch weiter fortzusetzen. Adios.«

Ungläubig lachte er auf. »Adios?«

»Und vielen Dank.«

Er trat einen Schritt zurück. »Nun, ich würde ja sagen ›Gern geschehen‹ aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass Sie etwas anderes sagen wollen.«

»Nun, ich sagte Adios und meinte es auch so.«

Er machte eine großspurige Kopfbewegung, mit der er es irgendwie schaffte »Das werden Sie noch bereuen« auszudrücken, ohne ein Wort zu sagen. Dann nickte er Ashley zu, wandte sich um und joggte in die entgegengesetzte Richtung.

»Mom!«, rief Ashley verzweifelt mit erstickter Stimme. »Du warst so was von fies zu ihm.«

»Ich wollte nicht unhöflich sein, aber er ist nun einmal nicht derjenige, den ich engagieren möchte. Er ist nicht Clayton. Er ist nicht der Mann, den ich haben wollte.«

»Aber er ist offensichtlich der Mann, dem du eine Mail geschrieben hast.«

Sie warf Ashley einen scharfen Blick zu. »Das war ein Irrtum.« Oder etwa nicht? »Oder er fängt die E-Mails seines Vaters ab, auf der Suche nach einsamen Frauen.« Nicht dass sie einsam gewesen wäre.

»Nun, Frauen findet er jede Menge, darauf wette ich.«

»Um Himmels willen, er ist doppelt so alt wie du.«

»Hast du ihn deshalb weggeschickt?«

»Nein, er ist zu jung.«

»Gerade hast du noch gesagt, er wäre zu alt.«

Frustration überkam Lacey. »Zu alt für dich, um ihm schöne Augen zu machen, zu jung für mich, um meinen Traum zu verwirklichen.« Und um ihm schöne Augen zu machen.

Ashley zog ihr Handy heraus und drückte mit dem Daumen auf das Display. »Großartige Ausrede, Mom.«

3

Ich hatte mein Herz an den Mann gehängt, der Crystal Springs und French Hills entworfen hat.

Nun, du hattest ihn, Süße, direkt in deinen samtigen Pfötchen. Wenn sie Clayton Walker Architecture and Design anriefe, würde sie natürlich eine andere Antwort erhalten.

Er rannte so schnell er konnte, wobei er den Sand unter seinen Füßen aufwirbelte, was ihn noch entschlossener machte. Er wollte diesen Auftrag. Er brauchte diesen Auftrag. Und er musste den Deal abschließen, bevor sie sich die Koryphäe angelte, die jedweden Konkurrenten ausbooten würde, selbst den eigenen Sohn.

Vor allem den eigenen Sohn.

Verdammt. Er würde C.W. diesen Job nicht überlassen. Das war eine Frage des Stolzes. Zum Teufel, es war eine Frage des Überlebens.

Und alles, was zwischen ihm und dem, was er wollte, stand, war eine engstirnige, verkrampfte, rechthaberische, sinnliche Rotblonde. Wie konnte er sie bloß umstimmen?

Von dem Moment an, als er von dem Orkan hörte, der Mimosa Key streifte, hatte er gewusst, dass dies die perfekte Lösung sein würde. Abgelegen, unberührt und außerhalb des Radarschirms der Konkurrenz konnte er den alles umfassenden Auftrag bekommen, den er brauchte, um sich beruflich zurückzumelden. Der Wiederaufbau nach einer Katastrophe war zwar nicht so sein Ding, aber Menschen, die in dieser Situation steckten, neigten dazu, rasch zu handeln und sich nicht monatelang Zeit zu nehmen, um Konkurrenzangebote einzuholen.

Es musste einen Weg geben, sie umzustimmen.

Nun, es war nicht zu übersehen gewesen, dass sie ziemlich damit beschäftigt war, seinen Körperbau zu studieren. Die Idee, sie in einer langen, heißen Sommernacht davon zu überzeugen, dass er genau der Richtige für den Auftrag war, war zwar äußerst reizvoll, aber Sex dazu zu benutzen, an den Job zu gelangen, war einfach nur geschmacklos. Schlimm genug, dass sie glaubte, er hätte seinen Vater ausgebootet – ein verständlicher Irrtum, da seine Schwester sich weigerte, seinen Namen aus der Kontaktliste auf der Website von Walker Architecture and Design zu nehmen. Er würde nicht auch noch versuchen, den Auftrag an sich zu reißen, indem er mit ihr schliefe.

Natürlich hätte sie den alten Herrn am Telefon, noch bevor Clay zurück zu seinem Wagen gelangte. Der Gedanke daran veranlasste ihn, noch schneller zu laufen und über einen umgestürzten Baum zu springen, um zu der Lichtung an der Straße zu gelangen, auf der er geparkt hatte.

Dann ruf ihn eben an, Erdbeerblondschopf. Es gibt nichts, was ich mehr liebe als eine Herausforderung.

Er machte die Tür auf, um in den Pick-up zu steigen. Dabei warf er einen Blick nach hinten auf die Skizzen, die er mitgebracht hatte. Wetten, dass sie ihre Meinung änderte, wenn sie seine Vorschläge sah?

Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht hatte sie nicht besonders viel Vorstellungskraft, wenn alles, was sie auf dieses Juwel von Grundstück bauen wollte, »nur ein kleines B&B« war. Sie würde ganz herkömmlich vorgehen. Nach Schema F. Stinklangweilig. In dieser Hinsicht wäre Dad einfach perfekt für den Auftrag. Er griff nach hinten und holte die Skizzen hervor.

Nach seiner ersten Fahrt zum Strand war er zurück zu der Wohnung gerast, die er angemietet hatte, um seitenweise Skizzen zu zeichnen. Nichts allzu Detailliertes, lediglich Ausdrücke seines Bauchgefühls, nachdem er die unberührte, tropische Barefoot Bay gesehen hatte. Schließlich hatte sich alles zusammengefügt und sah nach dem Erfolg aus, den er brauchte, um seinem Vater den Mittelfinger zu zeigen und den ersten Schritt zur Wiederherstellung seines Rufs machen zu können.

Aber Lacey Armstrong wollte die Koryphäe. Die Koryphäe würde ihr einen vierstöckigen stuckverzierten Kasten hinknallen, das Ganze mit venezianischen Fenstern verzieren und La Bella Vista nennen.

Dumme Gans mit ihren sexy Beinen und ihren vorgefassten Meinungen.

Er streifte das Gummiband von einer der zusammengerollten Skizzen und betrachtete, was er gezeichnet hatte. Wie zum Teufel konnte er sie davon überzeugen, sich das anzusehen? Und wenn sie es täte, würde es genügen, um sie davon abzuhalten, seinen Vater anzurufen?

Als er die Zeichnung gerade wieder nach hinten werfen wollte, war hinter der Biegung Motorengeräusch zu hören, und ein Jeep Rubicon der Extraklasse ohne Verdeck kam auf ihn zugerast. Am Steuer saß eine Frau, daneben noch eine und eine dritte saß auf dem Rücksitz. Aus den Lautsprechern dröhnten die Bässe eines Rocksongs.

Er musterte gerade das wilde blonde Haar, die Sonnenbrille und die gebräunte Haut der Fahrerin, als eine der beiden anderen brüllte: »Halt an, Zoe! Frag den Typen da!«

Zweifellos Touristinnen. Der Jeep kam etwa fünf Meter vor ihm mit quietschenden Reifen zum Stehen. Der Wagen schlingerte, als die Fahrerin rückwärts auf ihn zufuhr.

»Entschuldigen Sie!«, schrie sie und drehte die Musik leiser. Sie blickte über die Schulter, um etwas zu den anderen beiden zu sagen, als er um den Wagen herumkam, um zu ihnen zu treten.

Die Frau auf dem Rücksitz sah nicht aus wie eine Touristin, eher wie eine Geschäftsfrau. Sie hatte ihr schwarzes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst und trug eine frische weiße Bluse. Sie erwiderte nichts auf das, was die Fahrerin gesagt hatte, doch die Frau auf dem Beifahrersitz lachte leise und beugte sich vor, um ihn anzusehen. Ihre straßenköterblonden Haare fielen dabei über ihr kantiges Gesicht.

Die Blondine schob die Sonnenbrille in ihre Mähne hinauf. »Wir suchen die Barefoot Bay, aber hier oben gibt es überhaupt keine Straßenschilder. Wissen Sie, ob wir auf dieser Straße dahin durchkommen?«

Genau der richtige Zeitpunkt zum Urlaub machen, Ladys. »Der Strand ist gleich da drüben.« Er deutete hinter sich. »Am besten, Sie parken hier und gehen zu Fuß. Oder Sie fahren noch ein Stückchen weiter. Sie kommen hier durch, aber es gibt jede Menge Orkanschäden, und die Straße wird ziemlich gefährlich.«

»Fahren wir einfach weiter«, sagte die Geschäftsfrau auf dem Rücksitz. Wahrscheinlich eine Grundstücksmaklerin, die den anderen ein Grundstück zum Schnäppchenpreis besorgen wollte, überlegte er. Na, dann viel Glück mit der zickigen Eigentümerin. »Wenn wir erst mal weiter in die Richtung fahren«, fügte sie hinzu, »werde ich Laceys Haus schon erkennen.«

Oh? Freundinnen der Rotblonden?

»Danke«, sagte die Blonde und bedachte ihn mit einem strahlenden Lächeln. »Das war wirklich sehr freundlich. Sie waren wohl schon am Strand?«

»Zoe«, tadelte die Beifahrerin und stieß sie mit dem Ellbogen an. »Musst du mit jedem Mann flirten?«

»Nur mit den tollen«, scherzte sie lachend.

»Keine Ursache«, versicherte ihr Clay. »Ja, ich war da oben.«

»Ist wirklich alles zerstört?«

Er schenkte ihr ein trockenes Lächeln. »Wirklich alles.«

»Oh, Mann, was für ein Jammer.« Sie fuhr sich mit der Hand durchs Haar und wechselte einen Blick mit ihren Freundinnen. Dann warf sie ihm ein weiteres Tausend-Watt-Lächeln mit Grübchen zu. »Na ja, danke noch mal. Ist das Ihr Wagen? Wollen Sie mitfahren oder können wir sonst etwas für Sie tun?«

Oh ja, das konnten sie. Unwillkürlich lächelte er, denn manchmal kam es ihm so vor, als würde ihm das Universum eine Leiter reichen, wann immer er vor einer Mauer stand.

»Haben Sie gerade gesagt, dass Sie hierhergekommen sind, um Miss Armstrong zu sehen?«

»Ja, das haben wir vor«, sagte die Knackige auf dem Rücksitz. »Warum?«

»Na ja, nur wenn es keine allzu großen Umstände macht – könnten Sie ihr die hier geben?«

»Klar.« Die Fahrerin streckte die Hand aus, und er händigte ihr seine Ideen aus, die sofort hinten auf dem Rücksitz landeten. »Stehen Ihr Name und Ihre Telefonnummer darauf?«

»Sagen Sie ihr, sie sind von Clay Walker. Dem Clay Walker.«

Lacey hatte viel zu viel Energie darauf verschwendet, sich den Kopf zu zerbrechen, wie sie mit Clayton Walker – Senior – sprechen sollte. Er stand im Moment nicht zur Verfügung. Das war alles, was Lacey aus seiner arktisch unterkühlten Assistentin herauskriegen konnte, selbst als Lacey ihr bis ins Detail erklärte, weshalb sie anrief und wie dringend sie einen Architekten für ihre Pension in der Barefoot Bay brauchte. Sie nannte Details zum Gelände und zum Auftrag, aber sie bezweifelte, dass Miss Eiswürfel sie überhaupt aufschrieb. Sie erhielt lediglich das Versprechen, dass Mr Walker sie zurückrufen würde, sobald er einmal Zeit dazu fände.

Mit anderen Worten, nie, wie die Zicke damit andeutete.

Lass dich von dieser Ausrede bloß nicht entmutigen, rief Lacey sich selbst zur Räson, als sie und Ashley in ihren schlammbedeckten VW-Passat stiegen. Sie würde wieder anrufen und …

»Da kommt jemand die Straße herauf«, sagte Ashley und streckte den Finger in die Höhe, um auf das nicht mehr allzu weit entfernte Geräusch eines Automotors hinzudeuten.

Oh Gott. Womöglich kam er zurück.

Der Gedanke daran ließ Laceys Herz einen ebenso unnatürlichen wie ärgerlichen Hüpfer machen, dass sie mit einem Ruck den Zündschlüssel drehte, als ein riesiges weißes Allradfahrzeug über einige Trümmer rollte und so laut und ausdauernd hupte, dass alles andere davon übertönt wurde.

»Was zum …«

»Das ist Tante Zoe!«, schrie Ashley und ließ ihren Sicherheitsgurt nach hinten schnellen.

»Nicht nur Zoe!« Lacey schlug die Hand vor den Mund und zog schockiert die Luft ein. »Sie sind alle gekommen!« Tessa und Jocelyn winkten und brüllten aus dem offenen Fahrzeug.

Zoe brachte den Jeep kreischend zum Stehen; alle drei Insassinnen kletterten aus dem Wagen heraus und rannten mit ausgestreckten Armen auf Ashley und Lacey zu.

Sofort bildete sich ein Knäuel aus Umarmungen. Sogar Ashley machte mit, sie hüpfte auf der Stelle, während sie sich gegenseitig drückten und kreischten und eine Lawine aus Erklärungen losließen.

»Wir wollten euch überraschen!«

»Wir sind gekommen, um euch aufzumuntern!«

»Wir hatten das schon seit dem Orkan geplant, aber wir wussten, dass du uns das ausreden würdest!«

Lacey taumelte, umarmte ihre geliebten Freundinnen und war ganz atemlos vor Lachen und fassungsloser Freude. Schließlich hatte sie sich wieder beruhigt und die Tatsache verarbeitet, dass ihre besten Freundinnen gekommen waren, um mit ihr die Scherben ihres vom Orkan zerstörten Lebens aufzusammeln.

Sie waren durch das ganze Land angereist, in Tessas Fall sogar vom anderen Ende der Welt.

»Tessa Fontaine!« Sie legte ihre Hände auf frische rosige Wangen, die wie immer ohne Make-up, jedoch auf natürliche Art schön waren. »Ich wusste gar nicht, dass du wieder in den Staaten bist.«

»Ich bin zurückgekommen, während du mit alldem hier fertigwerden musstest«, sagte Tessa. Ihre Stimme war so weich und erdig wie ihr Haar; Schatten der Trauer ließen ihre tiefbraunen Augen so ernst erscheinen. »Übrigens heiße ich wieder Galloway. Fontaine habe ich jetzt offiziell abgelegt.«

»Oh, Tess.« Die Scheidung, natürlich. Jetzt war sie wohl endgültig. »Schöner Mist.«

»Tessa wohnt jetzt bei mir«, verkündete Zoe.

»Echt?«

»Nicht für immer.« Tessa zuckte mit den Schultern, die von vielen Stunden Feldarbeit in einem Dutzend ferner Länder gebräunt waren. »Ich bin letzten Monat nach Flagstaff gekommen, um mit Zoe abzuhängen, aber wir wollten dich mit alldem nicht belasten, weil du selbst alle Hände voll zu tun hattest.«

»Wir mussten einfach hierherkommen, um euch aufzumuntern.« Zoe drückte Laceys Hand, ihren anderen Arm hatte sie bereits liebevoll um Ashleys Schulter gelegt. »Und unser gemeinsames Patenkind zu sehen, das mittlerweile schon viel zu erwachsen und einfach hinreißend ist.«

Ashley strahlte sie an und entblößte dabei ihre Zahnspange mit dem tollen pinkfarbenen Schmuck. »Danke, Tante Zoe.«

Lacey wandte ihre Aufmerksamkeit Jocelyn zu, dem einzigen Menschen auf der Welt, der in einem Allradfahrzeug über einen Strand fahren konnte, ohne dass dabei auch nur ein Haar ihrer perfekten Frisur in Unordnung geriet.

»Und nur durch höhere Gewalt konnte Jocelyn Bloom zurück nach Mimosa Key gebracht werden«, rief Lacey. »Mindestens ein Dutzend Filmstars aus L.A. sind jetzt wohl starr vor Angst ohne ihre Lebensberaterin.«

Jocelyn tat den Kommentar mit einer wegwerfenden Handbewegung ab. »Alles, was ich brauche, ist ein Telefon und Internet, dann kann ich eine Weile von hier aus arbeiten. Du warst immer für jede von uns da, deshalb ist es jetzt an der Zeit, dass wir zu dir kommen.«

»Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat«, sagte Zoe und ihre grünen Augen funkelten vor lauter Freude. »Mein Job hat sich sozusagen in Luft aufgelöst.«

Alle lachten, und Lacey spürte, wie sich der Druck, der all diese Wochen auf ihr gelastet hatte, so leicht wie einer dieser Heißluftballons hob, die Zoe für ihren Lebensunterhalt fuhr.

»Ich fühle mich schon besser, wenn ich euch drei nur anschaue«, sagte Lacey. »Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann wir das letzte Mal alle zusammen waren.«

»Bei Tessas Hochzeit«, sagte Jocelyn, die wahrscheinlich auch hätte sagen können, wann das war und was jede von ihnen angehabt hatte.

»Oh je«, jammerte Tessa. »Dieses Unternehmen hier endet hoffentlich erfolgreicher als das andere.«

»Tess, komm mal her.« Lacey streckte die Hand aus, um sie zu umarmen. »Du bist dieses Jahr durch die Hölle gegangen.«

Sie ließ sich drücken, aber nicht besonders lang. »Die Hölle ist, einen Orkan durchzumachen. Zoe hat mir erzählt, dass ihr euch in einer Badewanne in Sicherheit gebracht habt! Stimmt das?«, fragte sie Ashley.

»Ja«, bestätigte Ashley. »Mom war unglaublich. Wenn sie nicht gewesen wäre, wären wir in ihrem Schlafzimmerschrank gestorben.«

»Ohhh!« Der kollektive Aufschrei wurde von weiteren Umarmungen begleitet, doch die Tränen in Laceys Augen rührten von Ashleys unerwartetem Kompliment.

»Hey, Ashley hat mich ein paarmal echt aufgebaut, glaubt mir.«

»Lacey war schon immer unsere furchtlose Anführerin«, sagte Zoe. »Die Haussprecherin, die uns in unserem ganzen ersten College-Jahr vor Schwierigkeiten bewahrt hat.«

»Als könnte dich irgendjemand vor Schwierigkeiten bewahren, Zoe«, konterte Tessa.

Sie lachten erneut, doch Jocelyn wurde schnell wieder ernst beim Anblick der kahlen Bäume, der Trümmerhaufen und allem anderen, was von diesem einst so herrlichen Anwesen am Meer noch übrig geblieben war.

»Mein Gott, Lace«, sagte sie mit Entsetzen in der Stimme. »Es ist, als wäre Barefoot Bay dem Erdboden gleichgemacht worden.«

»Uns hat es voll erwischt«, stimmte Lacey zu.

»Fast alles ist futsch«, sagte Ashley mit weinerlicher Stimme. »Mom hat es geschafft, etwa fünf von meinen Sachen zu retten, aber alles andere wurde vom Bulldozer platt gewalzt oder ist davongeflogen.«

Tessa warf ihr einen mitfühlenden Blick zu. »Das muss hart für dich sein, Kleines.«

»Ich sag dir mal was, mein Schatz« – Zoe beugte sich zu Ashleys Ohr vor – »das ist die Gelegenheit zum Shoppen!«

»Und ihr wohnt jetzt bei deinen Eltern, Lace?«, fragte Tessa.

»In ihrem Haus am anderen Ende der Insel, aber sie selbst sind zurzeit bei Adam in New York.«

»Wollen sie nicht kommen, um zu helfen?« Jocelyn warf Lacey einen Blick zu. »Ich weiß, dass deine Mom – nun ja – ihre ganz eigenen Ansichten hat.«

Lacey verbiss sich ein Lachen. »Mein Dad hat angeboten zu kommen, aber ganz ehrlich, das Letzte, was ich will …« Ist, mich jetzt auch noch mit meiner Mutter herumzuschlagen. Aber das würde sie in Ashleys Anwesenheit nicht zugeben. »Ist, dass sie sich mit diesen Bauarbeiten herumschlagen müssen. Aber für euch ist alle Male Platz«, fügte sie hinzu. »Wir werden uns schon arrangieren.«

»Ich bleibe in einem Hotel auf der anderen Seite des Damms«, sagte Jocelyn rasch.

»Den Teufel wirst du«, schoss Zoe zurück.

»Wir haben genug Platz und würden uns über Gesellschaft freuen. Nicht wahr, Ash?«

»Ja und wie!«, stimmte Ashley zu, sie sich immer noch an ihrer geliebten Tante Zoe festklammerte. »Ihr müsst bei uns wohnen.«

Jocelyn schüttelte den Kopf. »Nee, tut mir leid. Ich habe gerade mindestens sechs Klienten, für die ich rund um die Uhr erreichbar sein muss. Ich habe drüben in Naples ein Zimmer im Ritz gebucht. Ich werde also dort wohnen und komme zu euch rüber, wann immer ich kann.«

»Edel, edel – im Ritz also«, stichelte Zoe und reckte die Nase in die Luft. »Also, wir werden die ganze Nacht Pyjamapartys veranstalten und Wein trinken.« Sie musterte Ashley. »Du natürlich nicht. Zeig mir den Strand, meine Süße.«

Zoe zerrte Ashley mit sich fort, und sie rannten Arm in Arm auf den Strand zu.

Lacey atmete langsam aus, während sie ihnen nachsah, und wandte sich dann an Tessa und Jocelyn. »Ich kann gar nicht fassen, dass ihr da seid.«

Tessa schlang den Arm um Lacey und zog sie auf das entkernte Anwesen zu. »Und ich kann nicht glauben, dass du alles verloren hast.«

»Alles«, bestätigte Lacey. »Babyfotos und Erinnerungen, Andenken und – ach, jeden Tag fällt mir etwas Neues ein.«

Sie schüttelten die Köpfe und seufzten mitleidig.

»Aber wenn es einen dermaßen getroffen hat, lernt man, dass materielle Dinge eigentlich nicht wichtig sind. Wichtig ist, dass wir es überlebt haben und von vorn anfangen können.«

»Wenn man bedenkt, dass ich meinen Klienten für diesen Rat dreihundert Mäuse pro Stunde abknöpfen könnte«, sagte Jocelyn ironisch. »Und du bist da ganz von allein draufgekommen?«

»Mir sind eine ganze Menge Dinge durch den Kopf gegangen, als ich in dieser Badewanne lag und die Welt um mich herum einstürzte.«

Sie hatten sich inzwischen zu dritt untergehakt und gingen ein Stück auf und ab. »Was denn zum Beispiel?«, fragte Tessa.

»Zum Beispiel, dass ich mir diesen Dreiviertel-Abschluss als Hotelfachfrau zunutze machen werde. Und damit meine ich nicht so etwas wie das mickrige Tortengeschäft, das ich von meiner Küche aus betreibe.«

»Du denkst an das Gästehaus, von dem du seit dem College redest?« Tessa bückte sich, um eine herumliegende Orangenblüte aufzuheben, die irgendwie überlebt hatte. Sie drehte sie zwischen den Fingern und roch daran.

»Genau.«

»Und wie läuft das bisher?«

»Noch gar nicht«, gestand Lacey traurig. »Ich dachte, ich hätte einen Architekten, aber ich glaube, den, den ich wollte, bekomme ich nicht.«

»Und deshalb gibst du auf?« In Tessas Stimme schwang ein vertrauter Hauch von Enttäuschung mit. »Die Welt ist voller Architekten, Lacey.«

»Ich brauche einen mit der richtigen Inspiration und mit Referenzen.«

Die anderen beiden Frauen beugten sich vor und wechselten einen Blick. »Ich spüre geradezu eine ausgewachsene Lacey-Armstrong-Ausrede auf uns zukommen«, stichelte Jocelyn.

»Nein, nein. Ich möchte das machen, und ich habe das Geld von der Versicherung, was ausreicht, um ein richtig schönes B&B zu bauen, mehr sogar, wenn ich mich dazu durchringen kann, was« – sie stieß ein leises, selbstironisches Lachen aus – »bei mir immer die Frage ist.«

»Jetzt weißt du, weshalb wir hier sind«, sagte Tessa leise.

»Weshalb?«

»Um dich davon abzuhalten, Gründe ins Feld zu führen, weshalb du es nicht bauen kannst – nicht richtig, jedenfalls.«

»Darin wart ihr schon immer gut.« Lacey blickte von einer zur anderen. »Was meint ihr mit ›richtig‹?«

»Fertig«, sagte Jocelyn. »Dass es fertig gebaut wird, läuft und Geld abwirft.«

»Ich weiß nicht, ob ich das kann …« Sie verstummte, als sie ihre strengen Gesichter sah, und lachte. »Okay, okay. Und ich werde dieses Geld brauchen, weil meine Einnahmequelle versiegt ist und ich von meinem Ersparten lebe.«

Jocelyn setzte sich auf die Kante des Picknicktisches. »Wenn du Geld brauchst, musst du deine Gäste verwöhnen.«

»Gäste? Ich bekomme ja nicht mal den Architekten, den ich davon zu überzeugen versuche, hierherzukommen.«

»Was du brauchst, ist ein Wellnessbereich«, überlegte Jocelyn weiter und ignorierte ihren Einwurf. »Ich kann halb L.A. hierherschicken, wenn du Lava-Shell-Massagen anbietest.«

»Wie steht es mit einem Garten?« Tessa ging um den Tisch herum. »Du solltest deine eigenen Nahrungsmittel anbauen.«

»Das wäre fantastisch, Tess, aber wie du siehst, ist der Weg vom Grünzeug zum Gourmet-Gemüse weit.«

Tessa wedelte mit der kleinen Blüte, die sie immer noch in der Hand hielt. »Aber du hast hier eine lebende Ixora ›Nora Grant‹ – ich garantiere dir, dass sie essbar ist, wenn sie richtig zubereitet wird, und darüber hinaus noch ziemlich gesund.« Sie grinste, als die anderen beiden die Augen verdrehten. »Du wirst schon bald wieder bessere Tage sehen. Als ich auf Borneo war, haben wir nach einem verheerenden Sturm einen Biobauernhof aufgebaut, der schon in kürzester Zeit florierte.«

»Ja, du solltest unbedingt Biogemüse anbauen«, stimmte Jocelyn zu. »Dafür kannst du jede Menge Geld verlangen.«

»Schön, dass ihr bereits die Wellness-Behandlungen und die Speisekarte plant, wenn ich noch nicht mal Baupläne habe.«

»Lacey.« Tessa knuffte sie in die Seite. »Hör auf, immer einen Grund zu finden, Nein zu allem zu sagen.«

In diesem Moment kamen Zoe und Ashley vom Strand heraufgestürmt, wobei der Sand unter ihren Füßen nur so aufwirbelte. »So habe ich Ashley seit dem Sturm nicht lachen gehört.«

»Was glaubst du, warum wir es mit Zoe aushalten? Sie schafft es immer, einen zum Lachen zu bringen.«

»Und sie hat es geschafft – wie lange? – drei Jahre in Flagstaff zu bleiben?«, fragte Lacey. »Das ist geradezu ein Rekord für unseren Wandervogel.«

»Daran ist ihre Großtante Pasha Schuld, wie ich herausgefunden habe«, sagte Tessa. »Sonst wäre sie spätestens beim nächsten Vollmond weitergezogen.«

»Redet ihr von mir?«, fragte Zoe vorwurfsvoll, vom Laufen ganz außer Atem. »Eins weiß ich nur zu genau: Wenn sich euer kleiner Hexenzirkel trifft, dann geht es immer nur um eins: Was machen wir bloß mit Zoe?«

»Dieses Mal nicht«, sagte Tessa ruhig. »Dieses Mal geht es um: Was machen wir bloß mit Lacey?«

Zoe fächelte sich Luft zu und schirmte mit der Hand ihre Augen ab. »Können wir das irgendwo im Schatten diskutieren? Vorzugsweise mit Cocktails? Hier ist es heißer als in Arizona, nur dass ihr hier einen verdammten Strand habt.«

»Das ist Florida im August«, sagte Jocelyn. »Deshalb wurden Klimaanlagen erfunden.«

»Was wir in Omas Haus fast drei Wochen lang nicht hatten«, berichtete ihnen Ashley. »Aber jetzt schon.«

»Gott sei Dank«, sagte Zoe. »Sonst wäre ich zu Jocelyn ins Ritz gezogen, weil ich dort nicht schwitze.« Sie stieß Ashley an. »Ich glitzere und funkle.«

Während sie zu den Autos gingen, fuhren sie mit dem Geplänkel fort, doch Lacey blieb ein wenig zurück, den Arm immer noch um Tessa gelegt. »Mir war gar nicht bewusst, wie sehr ich euch brauche«, flüsterte sie, ihre Stimme war plötzlich ganz belegt vor Rührung. »Vielen, vielen Dank, dass du gekommen bist, Tess. Ich kann mir vorstellen, was für ein absolut schreckliches Jahr das für euch gewesen sein muss, bis die Scheidung endlich durch war.«

»Für Billy war es nicht schrecklich. Er hat eine Freundin.«

»Der Mistkerl.«

»Sie ist schwanger.«

Lacey erstarrte, als wäre ein Kübel Eiswasser über ihr ausgeschüttet worden. »Du machst Witze.«

»Würde ich über so etwas Witze machen? Fünf Jahre lang habe ich alle möglichen Länder abgeklappert, um diesen Biobauernhof mit ihm aufzuziehen. Dabei habe ich alle möglichen Samen zum Keimen gebracht, nur nicht den, den ich wollte.«

»Ach, Liebes.« Lacey nahm Tess’ Hände in die ihren.

»Nun ist er auch noch völlig von sich eingenommen, als wäre er jetzt, wo er ein Baby gezeugt hat, erst ein richtiger Mann.« Ihre Stimme überschlug sich ein wenig, wie immer bei diesem Thema. »Das hat er mir erst neulich per SMS mitgeteilt, und dabei ist sie noch nicht einmal drei Wochen schwanger.«

»Ich bin froh, dass du jetzt hier bist«, sagte Lacey.

»Eigentlich war es Zoes Idee. Aber ich war sofort dabei.«

»Und – Wunder über Wunder – ihr habt Jocelyn dazu gebracht, wieder einen Fuß nach Mimosa Key zu setzen.«

»Ja, irgendwie schon.« Tessa sah zu Jocelyn hinüber und schüttelte den Kopf. »Natürlich kriegt man nichts aus ihr heraus, was sie nicht preisgeben will, aber eins ist klar: Sie wird sich nicht südlich der Straße aufhalten, die durch die Mitte der Insel verläuft.«

Dort lebt ihr Dad noch, dachte Lacey. »Hey, sie ist jetzt hier, Tessa. Wir werden ihre Probleme schon irgendwie umschiffen.«

»Als würde uns dieser Kontrollfreak eine andere Wahl lassen. Und wo wir gerade von Problemen reden – hast du in letzter Zeit etwas von David gehört?«

»Oh, Gott, bitte. Das Letzte, was ich gehört habe, war, dass er zu einer Antarktis-Expedition aufgebrochen ist, vielleicht war es aber auch zum Trekking in Tibet. Ich verliere da irgendwie den Überblick.«

Tessa verdrehte die Augen, als sie den Jeep erreichten. »Also spielt er immer noch Peter Pan.«

»Er schickt Geld und Weihnachtskarten«, sagte Lacey, wobei sie plötzlich das seltsame Bedürfnis verspürte, Ashleys Vater beziehungsweise ihren eigenen Exfreund verteidigen zu müssen.

»Das reicht ja wohl kaum.«

»Mir schon.«

»Gibt es da gerade überhaupt jemanden auf dem Gebiet der Romantik?«, fragte Tessa.

Lacey schnaubte nur. »Wer sollte das sein? Mit den paar Singlemännern, die es auf Mimosa Key gibt, war ich schon verabredet, und mir ist nicht danach, in Fort Myers Bar-Hopping zu machen, wenn ich zu Hause eine Tochter im Teenager-Alter sitzen habe.«

»Vielleicht können wir uns zusammen bei einem Online-Dating-Service anmelden.«

»Hör auf zu träumen, Tess.« Auch wenn Lacey das natürlich selbst schon in Erwägung gezogen hatte, als sie auf den Kalender geschaut und den Tatsachen ins Auge geblickt hatte. Sie würde demnächst siebenunddreißig werden, und wenn sie je ein weiteres Kind haben wollte … Jedenfalls würde sie den Teufel tun und Tessa gegenüber das Thema zu Sprache bringen.

Glücklicherweise setzte Jocelyn dieser Unterhaltung ein Ende, indem sie mit ihrem Handy herumfuchtelte. »Ich muss im Hotel einchecken«, verkündete sie. »Ein Notfall. Ein Klient braucht dringend meine Hilfe. Am besten, ihr packt euer Gepäck in Laceys Wagen und fahrt mit ihr, Mädels. Was haltet ihr davon? Und ich nehme den Mietwagen.«

Lacey spürte, wie sich Tessa neben ihr anspannte und zum Protest ansetzen wollte, deshalb schritt sie ein, weil sie nicht wollte, dass diese perfekte Wiedervereinigung zerstört würde. »Tu, was du tun musst, Joss. Ich bin einfach froh, dass du in der Nähe bist.«

»Oh mein Gott, Lacey, das hier soll ich dir geben.« Zoe beugte sich über den Fahrersitz des Jeeps und hielt ein paar Rollen hoch. »Hoffentlich ist die Nummer von dem heißen Surfer-Typen drauf.«

Laceys Herz setzte kurz aus, als sie die Papierrollen nahm. »Welcher heiße Surfer-Typ?«

»Jemand namens Clay Walker.«

Fast hätte sie die Rollen fallen lassen. »Ihr habt ihn gesehen?«

»Zoe hat ihn praktisch mit den Augen verschlungen«, sagte Tessa.

»Als hättest du nicht auch gern ein bisschen an ihm geknabbert«, schoss Zoe zurück.

»Das war der Typ, den Mom am Strand total gedisst hat«, sagte Ashley.

»Ich habe ihn nicht gedisst.« Lacey schluckte, das Papier blieb an ihren feuchten Handflächen kleben. »Was hat er gesagt?«

»Nichts«, sagte Zoe. »Er hat uns die gegeben, um sie dir mitzubringen und dir zu sagen, dass sie von Clay Walker stammen.«

»Nein«, korrigierte Jocelyn sie. »Er sagte, von dem Clay Walker – an Selbstbewusstsein scheint es ihm jedenfalls nicht zu mangeln.«

»Wie auch, der Typ war ja so was von höllisch heiß.« Zoe stieß Ashley mit dem Ellbogen an. »Und dann auch noch so gut wie nackig. Ich würde ja zu gern mal auf diesen Schultern reiten.«

Tessa hielt Ashley die Ohren zu. »Nicht vor dem Kind.«

»Ich bin vierzehn, Tante Tessa.«

»Seine Schultern können mir gestohlen bleiben.« Lacey schnipste so heftig an dem Gummiband, von dem die Papierrollen zusammengehalten wurden, dass es riss. »Er kam unter falschem Vorwand hierher, wahrscheinlich ein Betrüger, der sich in E-Mails einhackt, um an Aufträge zu kommen.«

Zoe gab einen erstickten Laut von sich. »Ja, davon gibt es viele im Internet. Dabei könnte er problemlos sein Geld als männliches Profimodel verdienen.«

Lacey rollte eine der Rollen auf der Motorhaube ihres Autos auf. »Seit dem Sturm kommen jede Menge Schwindler hier runter … deshalb …« Gütiger Himmel. »… sollten wir …«

»Was sollten wir, Mom?«

Gänsehaut lief ihr prickelnd die Arme hinauf und brachte die Haare in ihrem Nacken dazu, sich aufzurichten.