BattleTech 28: Die Kanonen von Thunder Rock - Bernd Perplies - E-Book

BattleTech 28: Die Kanonen von Thunder Rock E-Book

Bernd Perplies

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Beschreibung

„Meine Liebe … Ich schenke dir die Konföderation Capella." August 3028. Ausgerechnet am Tag seiner Hochzeit mit Melissa Steiner befiehlt Hanse Davion, der Prinz der Vereinigten Sonnen, den Angriff auf Haus Liao. Eine der Einheiten der ersten Welle sind die Söldner der Screaming Eagles unter Colonel Walther Hokala. Auf der capellanischen Grenzwelt Pleione sollen sie einen Brückenkopf für nachrückende Truppen einrichten. Ein scheinbar einfacher Auftrag, denn es stehen zwei BattleMech-Regimenter gegen nur ein Bataillon von McCrimmon's Leichter Kavallerie. Aber die Verteidiger ziehen sich aus dem Kampf zurück und verschanzen sich in einer aufgegebenen Sternenbundanlage. Thunder Rock, wie die Festung genannt wird, mag uralt und halb verfallen sein, doch seine mächtigen Kanonen schützen die Hauptstadt und den einzigen Raumhafen noch so gut wie vor 300 Jahren. Damit Pleione gesichert werden kann, muss Thunder Rock fallen.

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Über den Autor

Bernd Perplies, geboren 1977 in Wiesbaden, studierte Filmwissenschaft, Germanistik, Buchwissenschaft und Psychologie in Mainz. Parallel zu einer Anstellung beim Deutschen Filminstitut (DIF) in Frankfurt am Main, wandte er sich nach dem Studium dem professionellen Schreiben zu. Mittlerweile ist er in Vollzeit als Schriftsteller und Übersetzer (u.a. »Star Trek«) tätig. Seine Werke umfassen die ganze Bandbreite der Phantastik: So hat er unter anderem die Steampunk-Trilogie »Magierdämmerung«, die Dystopie »Flammen über Arcadion« und aktuell die Antik-Fantasy-Saga »Imperium der Drachen« verfasst. »Die Kanonen von Thunder Rock« ist der ersteBattleTech-Roman des Autors, der sich als »Fan der ersten Stunde« bezeichnet und schon Ende der 1980er mit seinemDunkelfalkenüber die Schlachtfelder der Zukunft marschierte.

Weiteres auf http://www.bernd-perplies.de

Bernd Perplies

Die Kanonen von Thunder Rock

Deutsche Erstausgabe

Impressum

Ulisses Spiele Band US41034

Titelbild: Karsten Schreurs Lektorat: Michael Fehrenschild, Matthias Heß Satz und Layout: Michael Mingers Karte im Anhang: Bernd Perplies

©2015 The Topps Company, Inc. All rights reserved.Classic BattleTech, BattleTech, BattleMech,‘MechandMechwarriorare registered trademarks and/or trademarks of The Topps Company Inc. in the United States and/or other countries. Catalyst Game Labs and the Catalyst Game Labs logo are trademarks of InMediaRes Productions, LLC.Deutsche Ausgabe Ulisses Spiele GmbH, Waldems, unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.

Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.

Printed in Germany 2015

Widmung

Für Stefan, Stefan und Stephan – die mit mir Ende der 80er die Welt von BattleTech erkundet haben.

Und für Michael A. Stackpole – der sie uns mit seiner »Warrior«-Trilogie nahebrachte.

(Verrückte Vorstellung, dass er damals fast zehn Jahre jünger war, als ich es jetzt bin.)

3027

1

Skepptana, Mark Crucis, Vereinigte Sonnen

7. Juli 3027

»Mann, ist das ein Brocken!«

»Oh ja, der istübel. Ich wette, der verspeist deineSpiderzum Frühstück.«

»DeineJavelinist für den nicht mal eine ganze Mahlzeit.«

»He, unsere Mechs sind gleich schwer, Blödmann. Außerdem kommt der Bursche kaum in meine Nähe, wenn ich aufs Gaspedal trete.«

»Stimmt, vermutlich wird selbst deine lahme Ente dem Burschen entkommen.«

»Lahme Ente? Na, dir heize ich beim nächsten Übungskampf ein.«

Die blondhaarige Frau links neben ihnen warf den beiden flachsenden Männern einen unwilligen Blick zu. »Jungs, könntet ihr mal die Klappe halten und den Sonnenuntergang genießen?«

»Hört auf den Leftenant«, knurrte der Mann an ihrer Seite.

»Aye, Captain«, bestätigte der Rechte der beiden Männer und grinste schief, bevor er den nächsten Schluck seines Biers zu sich nahm.

Sie saßen zu viert auf dem Hügelkamm im Gras, die Arme bequem auf die Knie gelegt, eine Flasche Kernland Kristall in der Hand und sahen den gewaltigen Erntemaschinen zu, die unten auf den Feldern das Getreide einholten. Grollend fraßen sich die stählernen Ungetüme mit mächtigen Scherwerkzeugen ihren Weg von Norden nach Süden und wieder zurück, sammelten dabei das Korn in riesigen Tanks und ließen eine Spur der Zerstörung hinter sich, die selbst ein BattleMech nicht gründlicherhätte erzeugen können.

Jenseits des goldgelben Meers aus sanft wogenden Ähren, das sich bis zum Horizont erstreckte, hing die G4-Sonne Skepptanas tief am westlichen Himmel und nahm durch den Staub in der Atmosphäre eine zunehmend rötliche Färbung an. Es war ein milder Abend im Spätherbst, und in diesen Breiten der nördlichen Hemisphäre fühlten sich die Sonnenstrahlen noch angenehm warm an, sodass die vier in Shorts und Kühlwesten dasaßen, ohne zu frieren.

Hinter Captain Thomas McCoy, Leftenant Penelope Biehn und den beiden Spaßvögeln Leftenant Shawn Fynn und Sergeant Archie Hicox ragten die vier BattleMechs auf, mit denen sie hergekommen waren: einPhoenix Hawk, eineJavelin, eineSpiderund eineValkyrie. McCoy trug Unternehmungen wie diese im HQ des 2. Bataillons der 2. Brigade der Screaming Eagles als »Streife« ein, Hicox nannte sie treffender »den Mech ausführen«, was auch erklärte, warum er stets heimlich Bier in einer elektronischen Kühlbox im Cockpit seinerSpidermitführte, wenn sie loszogen.

Major Erika Lighthouse, die Bataillonskommandantin, sah diese Ausflüge nicht besonders gern. Aber sie wusste, dassMcCoy’s Maraudersam besten funktionierten, wenn man ihnen diese kleinen Freiheiten zugestand. Der Ruf von McCoys Truppe aus Unangepassten und Außenseitern war im Regiment ohnehin nicht mehr zu retten.

Fynn seufzte und ließ sich rücklings ins Gras sinken. Der MechKrieger blies sich das widerspenstige braune Haar aus der Stirn. »Wisst ihr, als wir hierher versetzt wurden, um Garnisonsdienst am äußersten Rand der Vereinigten Sonnen zu schieben, dachte ich ehrlich, dass der Alte Mann beim Fuchs unten durch sei. Ich meine, zweihundert Jahre treue Pflichterfüllung im Dienst Haus Davions und man versetzt die Screaming Eagles nach Skepptana, wo es nichts als Kornfelder gibt, so weit das Auge reicht!«

»Und Bierbrauereien«, warf Hicox ein. »Viele, gute Bierbrauereien.«

»Zugegeben, ein Pluspunkt.« Fynn betrachtete die goldgelbe Flüssigkeit in seiner Flasche, die im Licht der untergehenden Sonne schimmerte.

»Dir ist schon klar, dass wir hier einen Zweck erfüllen, oder?«, warf Biehn ein. »Außer den 1st Argyle-Lanciers, dem 1. Albion Ausbildungskader und ein paar Bürgermilizen gibt es hier draußen nicht viel, um die Broken-Wheel-Region zu schützen.«

»Natürlich, ich habe die Rede des Colonels damals auch gehört. Aber wie oft sind die Eagles in den vergangenen dreieinhalb Jahren ausgerückt, um größere Piratenangriffe abzuwehren? Und ich rede hier nicht vom Überfall der Woche, sondern von ernsthaften Bedrohungen. Zehn Mal?«

»Elf Mal«, verbesserte Hicox ihn. »Drei Mal Lackland, drei Mal Sodertalje, zwei Mal Marielund, zwei Mal Gillingham und ein Mal Mararn, aber ich glaube, da hatten sich die Schlaumeier verflogen.«

Unwillkürlich musste McCoy grinsen. Mararn, das zwei Transits mit einem Sprungschiff entfernt lag, war eine Wüstenwelt, trocken und öde. Viel gab es dort wirklich nicht zu holen. Das hatte eine Bande Piraten aus den weit draußen jenseits der Inneren Sphäre liegenden Tortuga-Domänen jedoch nicht aufgehalten, auf dem Planeten eine Basis einzurichten. Vermutlich hatten sie geplant, von Mararn aus zu fetteren Welten tiefer in die Mark Crucis vorzustoßen. Ein Plan, dem die 1. Brigade der Screaming Eagles, die gegenwärtig auf der Südhalbkugel Skepptanas ihren Dienst versah, ein Ende gesetzt hatte.

»Außerdem«, fuhr Hicox derweil fort, »sind auch hier drei Mal Plünderer aufgetaucht, wie du dich vielleicht erinnerst.«

Fynn nahm einen Schluck Bier. »Hierstimmt nicht so ganz. Sie sind unten im Süden gelandet, und die Leute von der Ersten durften ihren Spaß mit ihnen haben. Wir drehen doch nur Däumchen.«

»Und trinken gemütlich einen.« Hicox schlug seine Flasche gegen die seines alten Freundes.

Fynn schenkte ihm ein schiefes Grinsen. »Stimmt schon, es könnte schlimmer sein. Darauf wollte ich eigentlich auch hinaus. Man kann sich daran gewöhnen, auf Skepptana zu hocken. Ruhm lässt sich zwar keiner erringen, aber wer will schon berühmt sein?«

»Dann hat man ständig die Presse am Hals, so wie Ardan Sortek.«

»Eben, eine schreckliche Vorstellung, wie der Vorzeigeoffizier von Prinz Hanse Davion zu enden.«

Penelope Biehn stöhnte auf. »Ich steige gleich ins Cockpit meinerValkyrieund kehre zum HQ zurück. Beim Pokerabend in der Offiziersmesse ist es ruhiger als mit euch.«

»Du bist echtdünnhäutig heute Abend.« Fynn sah fragend zu ihrhoch. »Alles in Ordnung?«

Biehn warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Dann wandte sie sich ab, starrte zum Horizont und hob ihre Flasche. Sie trank einen Schluck und presste die Lippen zusammen. »Scheiße«, murmelte sie und schniefte, bevor sie abrupt aufstand. »Himmel, musstest du mich das jetzt fragen?«, fuhr sie Fynn an. Sie drehte sich um und marschierte zu ihrem BattleMech. Mit der linken Hand fuhr sie sich übers Gesicht, in der Rechten hing schlaff die fast leere Flasche.

Fynn setzte sich auf und breitete in einer Geste der Verwirrung die Arme aus. »Was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?«

McCoy verzog mitfühlend das Gesicht. »Ist nicht deine Schuld, Shawn.« Mit zusammengekniffenen Augen sah er der blonden Kriegerin hinterher, die sich am Fuß ihrerValkyrieniederließ und den Kopf in denHänden barg. »Biehn hat heute Nachmittag eine ziemlich miese Nachricht erhalten.«

Schlagartig wurde Fynn ernst. »Was ist passiert? Braucht Pen Hilfe?«

Er ist ein guter Mann, dachte McCoy,auch wenn er ständig mit Hicox herumalbert und praktisch mit jeder Farmerstochter im Umkreis von hundert Meilen im Heu war.Er schüttelte den Kopf. »Helfen können wir da nicht mehr viel.«

Nun sah auch Hicox ihn besorgt an. »Verdammt, McCoy, was soll das heißen?«

McCoy seufzte und starrte auf seine Stiefel. »Erinnert ihr euch an denSilberadler-Zwischenfall Ende Mai? Bei dem ein paar Irre von Heimdall über Formalhaut ein Landungsschiff derMonarch-Klasse, dieSilberadler, gekapert und ins Draconis-Kombinat nach Styx entführt haben?«

Fynn nickte. »Das ging durch die Medien. Ich weiß noch, dass ich damals nicht kapiert habe, wieso diese selbst ernannten Wächter des lyranischen Volkes, die eigentlich Archon Katharina Steiner loyal sein sollten, ein Schiff im Commonwealth-Raum entführt haben, nur um danach mit den Passagieren und der Mannschaft zusammen gegen ISA-Truppen des Koordinators zu kämpfen. Das ergab von vorne bis hinten keinen Sinn.«

»Was da genau passiert ist, werden wir wohl nie erfahren«, brummte McCoy. »Was wir allerdings mit einiger Verspätung mitgeteilt bekommen haben, ist, dass MechPilot Steven Biehn an Bord derSilberadlerwar. Er wurde auf Styx von den Kurita-Truppen getötet.«

»Steven?« Fynns Augen weiteten sich. »Pens Bruder?«

McCoy nickte grimmig.

»Ein Hoch auf ComStar! Dass die Nachricht nur zwei Monate zu uns gebraucht hat, haut einen ja vom Stuhl.« Mit zynischem Lächeln hob Archie Hicox seine Bierflasche.

»Wir sind hier auf Skepptana, nicht auf New Avalon«, erinnerte McCoy ihn. Er wollte noch etwas hinzufügen, als ihm ein eiförmiges Flugobjekt auffiel, das auf flammenden Triebwerken über den Himmel zog. Der Captain kniff die Augen zusammen. »Was haben wir denn da?«

Fynn und Hicox richteten ihre Aufmerksamkeit ebenfalls auf das Gefährt. »Sieht aus wie ein Landungsschiff derMule-Klasse«, meinte Fynn. »Vermutlich einer der Getreidehändler, die mit dem Sprungschiff gekommen sind, das vor zwei Tagen am Nadir-Sprungpunkt aufgetaucht ist.«

»Dass das einMuleist, sehe ich selbst. Aber was treibt der hier? Der Frachtraumhafen liegt im Süden, der Pilot steuert das Schiff aber nach Westen.«

Hicox gluckste. »Vielleicht hat er den Überblick verloren. Ist ja auch nicht leicht, sich auf Skepptana zurechtzufinden. Ein Feld gleicht dem anderen.«

»Nein.« McCoy schüttelte den Kopf und stand auf. »Der weiß genau, wohin er fliegt. Sein Kurs führt ihn direkt nach Yellowpoint.«

»Du meinst, es ist jemand an Bord, der zum Alten Mann will?«, fragte Fynn.

»Darauf verwette ich meine linke Sprungdüse.« McCoy klatschte in die Hände. »Aufsatteln, Leute. Reiten wir nach Hause und klemmen uns ans Funkgerät nach Yellowpoint. Ich will wissen, was so wichtig ist, dass jemand ein ganzes Landungsschiff deswegen umleiten lässt.«

2

Skepptana, Mark Crucis, Vereinigte Sonnen

7. Juli 3027

Aus dem All betrachtet mochte der Planet Skepptana nicht viel hermachen. Es schwebten keine Raumstationen im Orbit um die kleine, blaubraune Kugel, und wo gerade Nacht herrschte, glommen kaum mehr als eine Handvoll einsamer Lichtinseln in einem Meer aus Dunkelheit. Die Bevölkerungszahl belief sich auf etwa vierzig Millionen, und es existierten weder Schwerindustrie noch Technologieschmieden, die den strategischen Wert der ganz am äußeren Rand der Mark Crucis liegenden Welt erhöht hätten.

Erst bei genauerer Betrachtung wurde der Wert von Skepptana erkennbar. Der Planet umkreiste sein Primärgestirn in optimaler Entfernung, um für ganzjährig mildes Klima zu sorgen, und seine durch einen Äquatorialozean getrennten Kontinente auf der nördlichen und der südlichen Hemisphäre besaßen weite Landstriche, die sich flach bis zum Horizont erstreckten. So bedurfte es für die ersten Siedler praktisch keiner Terraforming-Anstrengungen, um diese Welt in die Kornkammer der gesamten Broken-Wheel-Regionzu verwandeln.

Obwohl gesellschaftlich und kulturell das Paradebeispiel eines Provinzplaneten, funktionierte Skepptana wie eine gut geölte Maschine. Riesige Erntemaschinen brachten praktisch das ganze Jahr über das in einem Mehrphasensystem angebaute Getreide ein. Über ein Netz aus schnurgeraden Schienentransportwegen wurde dieses zu der Handvoll an größeren Städten gebracht, in denen ein Teil des Getreides weiterverarbeitet wurde, während man den Rest auf überlange Schwerlastzüge verlud, von denen einer genug Fracht aufnehmen konnte, um einMule-Landungsschiff zu füllen.Mules, ähnlich wie ihre größeren GeschwisterderMammoth-Klasse, waren ein alltäglicher Anblick am Himmel über den vier großen Frachtraumhäfen von Skepptana.

In Yellowpoint sah man sie dagegen eher selten. Die Stadt lag mitten im Herzen des nördlichen Kontinents, im Westen, Osten und Norden umgeben von eintausend Kilometern Agrarland. Bei den Einheimischen hieß sie Javiksdal, aber weil sie umschlossen von einem Meer aus Weizenähren war, hatte sich unter den Screaming Eagles die inoffizielle Bezeichnung Yellowpoint eingebürgert.

Am Rand der Stadt hatten die Söldner das Hauptquartier ihrer Einheit eingerichtet. Auf dem provisorischen Flugfeld standen zwei der dreiOverlord-Landungsschiffe der Eagles sowie vierCorsair-Luft/Raumjäger, außerdem ein von Piraten erbeuteterTrojanund ein Truppentransporter derCondor-Klasse. Daneben erhoben sich Mech-Hangars für ein Bataillon BattleMechs, Baracken für zwei Infanterie-Regimenter und mehrere Fahrzeughallen, in denen die Kommandofahrzeuge, Scouts, Transporter und die leichte Artillerie der Eagles untergebracht waren.

Es war einer von sechs größeren Stützpunkten, die von den Eagles auf Skepptana unterhalten wurden, wobei die übrigen fünf alle kleiner waren, mit Ausnahme des Hauptquartiers der 1. Brigade in Seapoint – oder Kustalond –, in dem auch das komplette Panzer-Regiment der 77th Heavy Armor untergebracht war, das als teilautonomer Verband zu den Eagles gehörte.

An diesem Nachmittag stand ein weiteres Landungsschiff auf dem Flugfeld der Garnison, einMule, dessen noch heißer Antrieb die Luft um das Schiff flimmern ließ. Durch das Fenster seines Büros, das im obersten Stockwerk eines nahen Gebäudes lag, betrachtete Colonel Walther Hokala den unerwarteten Gast. Mit seinen hundert Metern Höhe war derMuleetwa ein Viertel kleiner als die ihn flankierendenOverlords, um die Hüften übertraf er die beiden eiförmigen Mech-Transporter aber deutlich. Insgesamt brachte er mit seinen gut elftausend Tonnen Leergewicht eintausendfünfhundert Tonnen mehr Masse auf die Waage, seine Panzerung und Bewaffnung war aber – typisch für ein ziviles Schiff – eher schwach.

Hokala hatte sich bei der Luftraumüberwachung informiert: Das Landungsschiff war eigentlich nach Tromstada – imSöldnerjargon Bigpoint – unterwegs gewesen, um auf dem größten Raumhafen der Nordhalbkugel Fracht aufzunehmen. Beim Atmosphäreneintritt musste es jedoch zu einem Schaden am Flugleitsystem gekommen sein, denn der Pilot funkte einen Notruf und erbat eine Umleitung zum näher gelegenen Yellowpoint. Ganz ungewöhnlich war der Vorfall nicht, dennoch hatte Hokala eine schwere Lanze Mechs als Begrüßungskomitee am Flugfeld aufmarschieren lassen – und einen Zug Soldaten in das Schiff geschickt, kaum dass sich die Ladeluke geöffnet hatte.

»Sir?«

Hokala wandte den Blick von dem massigen Landungsschiff ab, das unweit der beidenOverlordsaufgesetzt hatte. »Wie sieht es aus, Leftenant?«, wandte er sich an den jungen Schwarzen, der soeben hereingekommen war. Es handelte sich um den Führungsoffizier der Einheit, die zehn Minuten zuvor an Bord desMulegegangen war.

Leftenant Duma Egwuatu nahm Haltung an. »Wir haben das Schiff einer raschen Überprüfung unterzogen, Sir. Es scheint alles in Ordnung zu sein. Uns sind keine Anzeichen feindlicher Elemente aufgefallen. Das Captain derCordeliahat unsere Hilfe beim Beheben des Schadens abgelehnt. Er behauptet, das allein reparieren zu können. Aber wenn Sie mich fragen, Sir, gibt es auf dem Schiff überhaupt kein Problem.«

Hokala runzelte die Stirn. »Wie kommen Sie darauf?«

»Es befand sich ein Mann an Bord, der sagte, dass er mit Ihnen sprechen wolle, Sir. Ein Zivilist. Er gab mir dies hierfür Sie.« Egwuatu trat vor und reichte Hokala einen braunen Umschlag.

Verwundert hob Hokala die Augenbrauen. »Danke.« Er begab sich an seinen Schreibtisch, zog in Ermangelung eines Brieföffners ein Mehrzweckmesser aus der obersten Schublade und schnitt das Kuvert auf. Eine schmale, schwarze Lederbrieftasche war darin. Er klappte sie auf, besah sich den Inhalt und klappte sie wieder zu. »Leftenant Egwuatu, bringen Sie den Mann bitte zu mir.«

»Jawohl, Sir.« Der junge Offizier salutierte, machte kehrt und verschwand aus dem Raum.

Hokala stand auf, umrundete seinen Schreibtisch und trat vor einen Spiegel, der auf der anderen Seite des Büros an der Wand hing. Er strich seine olivgrüne Uniformjacke glatt, bürstete mit der Hand einen Fussel vom Einheitsemblem eines zuschlagenden Adlers, das am Jackenärmel angebracht war, und betrachtete sich dabei prüfend.

Ein nicht sehr großer Mann mit schwarzem Haar, das langsam grau wurde, blickte ihm entgegen. Sein faltiges, pockennarbiges Gesicht trug die Spuren eines langen Lebens, und die braunen Augen wirkten etwas müde.Noch zwei Wochen und ich werde sechzig, dachte er.Fast ein ganzes Leben für die Eagles.

Als Hokala noch ein Jugendlicher ohne Ziel und Perspektive gewesen war, hatten die Söldner ihn von den Straßen von Perdido gerettet, gute hundertzehn Lichtjahre kernwärts von hier entfernt. Er hatte die Laufbahn eines MechKriegers eingeschlagen und sich hochgedient, bis er schließlich vor achtzehn Jahren den Befehl über die 2. Brigade der Screaming Eagles übernommen hatte. Vor sieben Jahren hatte ihm der sterbende Frank Davenport dann das Kommando über die komplette Söldnereinheitüberlassen.

Hokala hatte Davenport am Totenbett versprochen, auf seine Leute gut aufzupassen und die Werte hochzuhalten, die den Eagles seit mehr als zweihundertvierzig Jahren wichtig waren. Und er hatte Wort gehalten. Noch immer wehte ein Rest des militärischen Geists durch die Reihen der Söldner, der die 555. und 556. Ehrenwachenbrigade der Sternenbundverteidigungsstreitkräfte geprägt hatte. Aus ihnen waren die Screaming Eagles hervorgegangen, als die 555. und die 556. Aleksandr Kerensky 2784 den Rücken kehrten, um in der Inneren Sphäre zu bleiben, während der General in der heute legendären Operation Exodus mit einem Großteil der SBVS hinaus ins All verschwand.

Ein ganzes Leben voller Kämpfe, dachte der Colonel.Es tut gut, auf Skepptana mal ein etwas ruhigeres Leben führen zu können.Er befürchtete allerdings, dass das nicht so bleiben würde.

Es klopfte an der Tür.

Walther Hokala straffte sich, und seine Miene nahm den harten Ausdruck eines Mannes an, mit dem man lieber keine Spielchen spielte. Er wandte sich vom Spiegel ab, ging zu seinem Schreibtisch hinüber und setzte sich. »Kommen Sie herein.«

Egwuatu öffnete die Tür. »Ihr Gast, Sir.« Er ließ einen Mann in einem schlichten, grauen Anzug ein und sah Hokala danach fragend an.

»Das wäre alles, Leftenant, danke«, sagte der Colonel.

Mit einem Nicken zog Egwuatu sich zurück.

Hokala stand auf und streckte dem Mann die Hand hin. »Mister Kemper.«

»Colonel Hokala.« Der Mann ergriff die dargebotene Rechte. Er hatte einen festen Händedruck. Trotz Anzug sah man aber auch, dass Kemper von durchtrainierter Statur war. Er war kein Schreibtischtäter.

»Bitte, setzen Sie sie.« Hokala deutete auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch.

»Danke, ich stehe lieber.«

»Wie Sie wünschen.« Der Colonel ließ sich auf seinem Sessel nieder. Er hob die Brieftasche in die Höhe. »Ich nehme an, die möchten Sie wiederhaben.«

»Ja, vielen Dank.« Kemper ergriff sie und steckte sie in die Innentasche seines Anzugs.

Hokala lehnte sich zurück und verschränkte die Finger vor dem Bauch. »Darf ich fragen, was einen Agenten des Ministeriums für Geheime Untersuchungen und Operationen zu mir nach Skepptana führt?« Das MGUO war der zivile Nachrichtendienst der Vereinigten Sonnen. Bislang hatte Hokala noch nie mit ihm zu tun gehabt. Ihm war allerdings zu Ohren gekommen, dass das MGUO auf New Avalon zunehmend an Bedeutung gewann, seit Prinz Hanse Davion Quintus Allard vor fünf Jahren zum Kopf der Behörde ernannt hatte.

»Ich bin lediglich ein Bote«, erwiderte Kemper. »Minister Allard gab mir diesen Datenträger, den ich ihnen persönlichüberbringen soll.« Er holte eineHolodisk aus seiner Tasche und reichte sie Hokala. »Er ist nur für ihre Augen bestimmt«, fuhr der Agent fort. »Ich werde daher draußen vor der Tür warten. Rufen Sie mich, wenn Sie mich brauchen.«

»In Ordnung, danke.« Hokala wartete, bis Kemper den Raum verlassen hatte. Dann schob er die Holodisk in den entsprechenden Schlitz seines Schreibtischterminals.

Der Schirm des Abspielgeräts erwachte zum Leben und zeigte das Symbol der Vereinigten Sonnen, ein Schwert vor einer vierzehnstrahligen Sonne auf rotem Grund. Gleich darauf erschien ein Gesicht, das Hokala nicht erwartet hätte. Er war dem Mann seit Jahren nicht mehr persönlich begegnet. Überrascht setzte er sich auf.

»Guten Morgen, Colonel«, begrüßte ihn die Aufzeichnung von Prinz Hanse Davion. »Ich gestehe, dass ich nicht weiß, ob bei Ihnen gerade Morgen ist. Hier in Avalon City ist eben die Sonne aufgegangen. Es sieht nach einem wunderschönen Tag aus, so sonnig wie der, an dem wir uns das letzte Mal gesehen haben.« Der Herrscher der Vereinigten Sonnenlächelte.

Hokala erinnerte sich. Es war vor fünf Jahren auf New Avalon gewesen, anlässlich eines Empfangs, in dessen Rahmen der Prinz ihm das Sonnenbanner in Diamantfürlangjährige Pflichterfüllung und außergewöhnliche Loyalität dem Haus Davion gegenüber verliehen hatte. Hokala war die Ehrung unangenehm gewesen, denn im Grunde hatten die Screaming Eagles den Orden verdient, nicht er.

Auf dem Bildschirm wurde Hanse Davion wieder ernst. Er war seit ihrer letzten Begegnung gealtert. Obwohl er fünfzehn Jahre jünger als Hokala war, begann sein rotbraunes Haar an den Schläfen zu ergrauen, und die Falten auf seiner Stirn schienen sich vertieft zu haben. Das Leben als Herrscher über ein Sternenreich forderte seinen Tribut, selbst von einem Mann, wie dem, den seine Freunde und Feinde respektvoll »Fuchs« nannten.

»Lange Jahre haben Sie und die Screaming Eagles dem Haus Davion gut gedient. Sie haben für uns gegen praktisch jeden Feind gekämpft, und ich werde Ihnen nie vergessen, dass Ihre Leute vor fünfundzwanzig Jahren meinem Bruder Ian auf Tripoli das Leben gerettet haben.«

»Wir waren einfach nur zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort«, murmelte Hokala, obwohl er wusste, dass der Prinz ihn nicht hören konnte.

»Mir ist bewusst, dass sie nicht ohne Grund vor ein paar Jahren darum gebeten haben, mit den Eagles zum Garnisonsdienst an die Peripherie versetzt zu werden«, fuhr Hanse Davion fort. »Sie alle haben sich die Ruhe mehr als verdient. Jetzt aber brauche ich Sie erneut, Colonel. Es geht um eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit. Ich kann Ihnen keine Einzelheiten nennen, dazu ist diese Kommunikationsmethode zu unsicher. Daher möchte ich Sie nach New Avalon einladen. Kommen Sie nach Avalon City, damit wir reden können. Da auch dieses Treffen unter höchster Geheimhaltung stattfinden muss, werden Sie unter einem Vorwand den Planeten besuchen. Sie erhalten in Kürze die Einladung vom New Avalon Institut der Wissenschaften, genauer dem Kommandanten des NAIW-Instituts für Militärkunde. Anlässlich der jährlichen Kriegsspiele, die zwischen der Albion-Militärakademie und dem Institut für Militärkunde stattfinden, möchte er Sie für eine Gastvorlesung gewinnen. Nehmen Sie die Einladung an, kommen Sie im September nach New Avalon und ich werde Sie in meine Pläne einweihen. Bis dahin passen Sie auf sich auf, Colonel.«

Das Bild verschwand und Hokalas Terminal startete ohne sein Zutun den Kill-Befehl, um die Daten auf der Holodisk zu löschen und die Sektoren danach zehnfach zu überschreiben, damit niemand die Botschaft wiederherstellen konnte.

Walther Hokala lehnte sich auf seinem Sessel zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und dachte darüber nach, was er gesehen hatte. Der Teil von ihm, dessen müde Augen ihn zuvor im Spiegel angeblickt hatten, hätte den ominösen Auftrag des Prinzen am liebsten abgelehnt. Doch der Fuchs hatte den Colonel nicht ohne Grund an den Tag erinnert, an dem er ihmdas Sonnenbanner verliehen hatte.Seit ihrem Bestehen sind die Screaming Eagles den Vereinigten Sonnen treu ergeben. Wir gehen dorthin, wo wir gebraucht werden, ohne zu zögern und ohne Furcht. An diesem Prinzip werde ich heute nichts ändern. Außerdem würde Hanse Davion mich nicht zu sich rufen, wenn er uns nicht wirklich bräuchte.

Er stand auf und begab sich zur Tür. Als er sie öffnete, stand Kemper auf, der sich im Vorzimmer auf einem der Stühle niedergelassen hatte und Hokalas Adjutantin Captain Laura Pearson beim Sortieren von Unterlagen zuschaute. »Mister Kemper, kommen Sie bitte herein.«

Der Agent des MGUO nickte und leistete der Aufforderung Folge. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte er, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Hokala holte tief Luft und hob das Kinn. »Sagen Sie Minister Allard, dass ich das Angebot gern annehme.«

3

Skepptana, Mark Crucis, Vereinigte Sonnen

8. Juli 3027

Im Zimmer herrschte angenehmes Halbdunkel. Nur das Licht einer an der Außenwand des Gebäudes befestigten Hofbeleuchtung fiel durch die Jalousien und warf ein diffuses Streifenmuster auf die Wand über dem Bett. Nur in kurze Boxershorts gekleidet, ruhte Thomas McCoy auf dem Laken. Die linke Hand hatte er hinter den Kopf gelegt, mit der Rechten strich er gedankenverloren über den Rücken von Penelope Biehn, die sich – ebenfalls nackt bis auf einen hellgrauen Slip – seitlich an ihn gekuschelt hatte.

»Willst du was rauchen?«, fragte er. »Der Adept hat Nachschub bekommen.«

Sergeant Dan »Adept Delta« Jorden war der Versorgungsoffizier des Bataillons. Er hatte den Ruf, alles beschaffen zu können: Alkohol, Medikamente, Informationen, was man eben brauchte. Gerüchten zufolge hatte er früher für den zivilen Nachrichtendienst ComStars gearbeitet, daher der Spitzname. Bestätigt hatte Jorden das allerdings nie.

Biehns Haar strich über McCoys Schulter, als sie leicht den Kopf schüttelte. »Heute nicht.«

»Es sind Zigaretten von Mejicanos. Nicht zu vergleichen mit den Grasstängeln, die sich die Leute hier anstecken.«

»Danke, aber nein. Ich bin nicht in Stimmung.«

McCoy deutete ein Schulterzucken an. »Okay.«

Eine Weile lagen sie wortlos beisammen. Draußen auf dem Hof war das schwere Stampfen eines vorbeimarschierenden Mechs zu hören. Dem rhythmischen Quietschen nach zu urteilen, handelte es sich um EisenhowersPanther, der seit ein paar Tagen Probleme mit dem Hüftaktivator hatte. Die Beta-Scoutlanze der 2. Kompanie schob in dieser Woche Wachdienst.

»Weißt du, was ich mich frage?«, sagte Biehn leise, als es draußen wieder still geworden war.

»Hm?«

»Ob der Adept mir die Nachricht vom Tod meines Bruders früher hätte besorgen können, wenn ich ihn beauftragt hätte, Nachforschungen anzustellen. Ich wusste, dass Steven auf derSilberadlervom Commonwealth in die Vereinigten Sonnen unterwegs war. Aber ich dachte mir, dass sich schon jemand melden würde, wenn ihm bei dem Zwischenfall etwas passiert wäre.«

McCoy strich ihr durchs Haar. »Mach dich deswegen nicht verrückt. Geändert hätte es auch nichts. Du wärst niemals rechtzeitig auf New Avalon eingetroffen, um an der Gedenkfeier für die Toten teilzunehmen. Wir sind hier einfach zu weit draußen.«

Biehn löste sich von ihm und setzte sich auf. Sie zog ein Bein an die Brust und starrte ins Leere. »Wie er wohl gestorben ist?«

Auch McCoy richtete sich in eine halb sitzende Position auf. »Er wird den ISA-Truppen den Arsch versohlt haben, wie es sich für einen guten AVS-Soldaten gehört.«

Sie warf ihm einen Blick zu. Im Halbdunkel sah er sie kläglich lächeln. »Ja, vermutlich hast du recht. Er war immer der Hitzköpfigere von uns beiden. Als Kind war er unerträglich. Als große Schwester hatte ich ständig Ärger mit ihm. Wir hätten uns nach dem Tod unserer Eltern nicht so auseinanderleben dürfen. Wir waren doch alles, was uns an Familie geblieben war.« Eine Träne rollte über ihre Wange, und sie wischte sie schnell weg.

McCoy verzog die Miene. »Nicht alle Entscheidungen, die man im Leben trifft, sind kluge. Leider weiß man immer erst hinterher, was man falsch gemacht hat.«

Biehn hob die Hand und schob ein paar verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht. »Ich hasse mich für diese dummen Gedanken, aber ich frage mich, ob er noch am Leben wäre, wenn ich damals nicht die Akademie geschmissen hätte, sondern mit ihm zu den AVS gegangen wäre, bei ihm geblieben wäre, um auf ihn aufzupassen.«

»Jetzt redest du Unsinn, Pen«, schalt McCoy sie. »Der Tod kommt, wenn er kommt – für Krieger wie uns meist unerwartet. Niemand hätte damit rechnen können, dass die Passagiere eines Zivilschiffs auf einem toten Kombinatsplaneten in einen Kleinkrieg verwickelt werden. Aber es ist passiert, und Steven hat mit Sicherheit wie ein Mann gehandelt. Er hat die Schwachen gegen die Schlangen beschützt, wie es seine Aufgabe als Soldat war. Er ist das Risiko bewusst eingegangen, so wie wir es jedes Mal eingehen, wenn wir in einen Kampf ziehen. Trauere um ihn, sei stolz auf ihn – aber zerbrich dir nicht den Kopf darüber, ob du sein Schicksal hättest ändern können.«

Seufzend nickte Biehn und fuhr sich noch einmal mit der Hand übers Gesicht. »Du hast recht. Es tut mir leid. Was jammere ich dir auch die Ohren voll? Dazu treffen wir uns schließlich nicht.«

McCoy schenkte ihr ein schiefes Grinsen. »Schon in Ordnung, Pen. Ich bin froh, mit einer Frau im Bett zu liegen, die Gefühle hat. Sonst könnte ich den Adepten auch bitten, mir eine Puppe zu beschaffen, wie Hicox eine hat.«

Biehn riss die Augen auf. »Archie besitzt eine Sexpuppe?«

»Er hat sie mir mal gezeigt. So eine dralle Rothaarige.«

Seine Bettgefährtin stieß ein fassungsloses Lachen aus. »Nein! Du machst Witze! Komm, gib es zu.«

Sein Grinsen wurde breiter. »Ja, stimmt. Aber ich dachte, es bringt dich auf andere Gedanken.«

Biehn verdrehte die Augen. »Oh ja, diese Bilder bekomme ich in den nächsten Tagen nicht mehr aus dem Kopf, so viel steht fest.« Sie warf ihm einen mild tadelnden Blick zu. »Idiot. Jetzt hätte ich doch Lust auf eine Zigarette. Von Mejicanos, sagst du?«

»Die besten, die man für so ein mickriges Söldnergehalt kriegen kann«, versprach McCoy. Er stand auf und durchquerte das Zimmer, um aus einem Schrank eine angebrochene Stange zu holen. Er nahm ein Päckchen heraus und warf es Biehn zu. Geschickt fing sie es auf.

Während er zum Bett zurückkehrte, nahm sie eine Zigarette heraus und rieb das Zündplättchen an der Kontaktstelle der Verpackung, um sie zu entzünden. Sie lehnte sich an das Kopfteil des Bettes, verschränkte die Arme vor der Brust und nahm einen langen Zug. »Nicht schlecht«, gestand sie, als sie den Kopf hob und den Rauch in Richtung Decke blies, wo er vom Belüftungssystem des Zimmers abgesaugt wurde.

McCoy legte sich neben sie. »Sage ich doch.« Er nahm auch eine. Wieder lagen sie eine Weile schweigend nebeneinander, genossen die Anwesenheit des jeweils anderen und die importierten Zigaretten von Mejicanos. »Weißt du, Pen, in einer Sache liegst du falsch.«

Biehn sah ihn fragend an. »Was meinst du?«

Er erwiderte den Blick. »Du hast gesagt, du hättest keine Familie mehr. Das stimmt nicht. Die Eagles sind deine Familie. Und wenn nicht die ganze Truppe, dann wenigstens unser wilder Haufen,McCoy’s Marauders. Zugegeben, keine Verwandtschaft, mit der man sich auf New Avalon brüsten kann, aber für dich da, wenn du sie brauchst.«

»Mit Archie Hicox, Crazy Jenny und Geist in einer Familie?« Die blonde MechPilotin verzog die Mundwinkel zu einem sarkastischen Grinsen. »Da fragt man sich, ob man allein nicht besser dran wäre.«

McCoy schüttelte den Kopf. »Wäre man nicht, vertrau mir. Sie sind die Besten, auch wenn ihre Qualitäten manchmal etwas … tiefer verborgen liegen.«

Biehn lehnte sich an ihn und legte eine Hand auf seinen Oberschenkel. »Ich weiß, McCoy. Und auch wenn das vorhin anders geklungen haben mag: Ich bereue nicht, mich den Eagles angeschlossen zu haben. Und ich bin froh, dass mich Davenport als »ausgleichendes Element«, wie er es damals nannte, in deine Einheit gesteckt hat. Ansonsten wären wir heute nicht hier.« Sie zog an ihrer Zigarette, blies den Rauch zur Decke und lächelte ihn an.

»Das wäre verdammt schade, keine Frage«, bestätigte er.

Sie sahen sich in die Augen. Biehn beugte sich zur Seite und drückte ihre Zigarette in dem provisorischen Blechdosen-Aschenbecher auf dem Nachttisch aus. »Genug geredet. Wie wir festgestellt haben, wissen wir als Soldaten nie, ob schon am nächsten Tag irgendwelche Verrückten unser Raumschiff entführen werden. Also sollten wir die Stunden nutzen, die uns bleiben.«

»Unbedingt«, bestätigte McCoy, als er Penelope Biehn zu sich zog.

4

Pleione, Kommunalität Tikonov, Konföderation Capella

12. August 3027

»Allmächtiger.« Der Sprecher, der das Mech-Duell kommentierte, schnappte förmlich nach Atem, als derRiflemanmit erhobenen Waffenarmen aus dem Boxenbereich in den Tunnel der Ishiyama-Kampfarena auf der Spielewelt Solaris VII trat.

»Was ist das, Kevin?«, rief sein Kollege nicht weniger überrascht. »Das Logo sieht aus wie ein Cartoongeist, über dem ein Fadenkreuz liegt.«

»Ich werd’ verrückt.« Simon Hawkins, von allen wegen seiner hektischen Natur nurFlipgenannt, sprang von dem Stuhl auf. »Das ist derLegendenkiller!«

»Was quatschst du da?«, fragte Yan Soong, der mit ihm zusammen in einem der Aufenthaltsräume der Basis von McCrimmon’s Light Cavalry die Aufzeichnung des Schaukampfs sah.

Hawkins fuhr sich durch das kurze, braune Haar und sah ihn aufgeregt an. »Dieser Mech ist derLegendenkillervon Gray Noton!«

Der Sprecher namens Kevin bestätigte im Tri-Vid die Worte des jungen MechPiloten. »Für diejenigen unter unseren Zuschauern«, fuhr der Mann fort, »die mit Notons Namen nichts anfangen können, rasch ein paar Informationen. Gray Noton war siebenfacher Champion der Spiele von Solaris VII. Damit hält er den Rekord als langjährigster Champion, oder, Karl?«

»Das ist verdammt richtig, Kevin«, bestätigte sein Kollege. »Noton, dessenRiflemannamensLegendenkillerunter seinen Gegnern gefürchtet war, hatte sich erst kürzlich zur Ruhe gesetzt, um fortan hinter den Kulissen zu agieren. Manche sagen, er habe als Informationshändler gearbeitet. Das ist nicht völlig abwegig bei der Menge an Kontakten, über die Noton verfügte.«

»Wir sprechen in der Vergangenheitsform von ihm, weil Noton vor drei Wochen unter nicht ganz klaren Umständen ums Leben gekommen ist. Es heißt, er sei an Drogenmissbrauch gestorben, aber es gibt auch Stimmen, die von Mord sprechen. Möge er in Frieden ruhen.«

»Verdammt, das wusste ich gar nicht.« Hawkins machte ein betroffenes Gesicht, als er sich wieder setzte. »Von wann ist die Aufzeichnung?«

Sein Freund betätigte eine Taste auf der Fernbedienung und ein Datum wurde am unteren Rand des Schirms eingeblendet. »Vom 26. Mai«, sagte er.

»Oh Mann, Noton ist schon ein Vierteljahr tot? Der Mann war einer der ganz Großen bei den Spielen. Ich sollte wirklich mein Spiele-Abo auf Gold aufwerten, damit ich die Aufzeichnungen nach zwei Wochen bekomme und nicht erst nach drei Monaten.« Seine Miene hellte sich auf. »Aber Justin Xiang, der jetzt imLegendenkillersitzt, ist auch ein echtes Ass.«

Soong warf ihm einen schrägen Blick zu. »Das ist der Typ, der in seinen Kämpfen die ganzen Davion-Piloten abgemurkst hat, richtig?«

»Genau. Justin Xiang hieß ursprünglich Justin Allard und war Kommandant eines Ausbildungsbataillons auf Kittery in den Vereinigten Sonnen. Dann soll er letztes Jahr eine Kompanie Rekruten in einer Falle geführt haben, woraufhin er vor Gericht gestellt und von Prinz Hanse Davion persönlich verbannt wurde. Seitdem treibt er sich auf Solaris VII herum undübt seine eigene Art der Rache. Ein echt krasser Bursche. Hast du den Kampf gesehen, in dem er mit seinemCenturionBilly Wolfson abgemurkst hat? Er hatYen-Lo-Wang– so heißt sein Mech – mit speziellenStahlklauen ausgestattet und WolfsonsRiflemandamit regelrecht filettiert.«

Seufzend schüttelte Soong den Kopf. »Du verbringst eindeutig zu viel Zeit mit diesem Kram.«

»He, die Kämpfe sind lehrreicher als jedes Akademiematerial«, protestierte Hawkins. Er blickte auf die Tri-Vid-Darstellung. Xiang hatte seinen Gegner im Tunnellabyrinth der Ishiyama-Arena gestellt. Auch der andere Pilot, den Kommentatoren zufolge der amtierende Solaris-Champion Philip Capet, natürlich ein Pilot aus dem Davion-Raum,führte einenRifleman. Rubinrote Lanzen superheißen Lichts stachen aus den Läufen der an beiden Armen angebrachten schweren Laser desLegendenkillersund trafen den anderen Mech an der rechten und der linken Schulter. Gleichzeitig löste Xiang die mittelschweren Laser seiner Maschine aus, die weitere Keramikpanzerung schmolzen, während die beiden Autokanonen kleine Krater in die Tunnelwand und die rechte Schulter des Stahlkolosses schlugen.

»Kämpfe wie dieser sind bestenfalls lehrreich, wenn man vorhat, Duelle in unwegsamen Gelände zu führen«, widersprach Soong. »Im Feld geht es um Zusammenarbeit, nicht um solche Einzelaktionen. Wenn man so nah an den Feind herankommt, dass man ihn mit ›Klauen filettieren‹ kann, muss die Lage wirklich verzweifelt sein.«

»Nun ja, ganz freiwillig hat Xiang diese Taktik nicht angewandt.« Hawkins rieb sich mit dem Finger über den Nasenrücken. »Seine Autokanone war blockiert. Ihm blieb keine andere Wahl.«

Sie sahen zu, wie sich die beiden Kontrahenten wieder trennten, als der gegnerische MechPilot seinenRiflemanzurückzog.

Soong lehnte sich auf seinem Klappstuhl zurück und verschränkte die Arme. »Es gibt immer eine Wahl. Man muss nicht auf Solaris VII kämpfen. Echte MechKrieger tragen ihre Haut nicht so zu Markte, wenn du mich fragst.«

Hawkins schnaubte, während er erneut von seinem Stuhl aufstand, um zu den Getränkekästen zu schlendern, die am anderen Ende des Aufenthaltsraums standen. Xiang pirschte sich derweil langsam durch die Tunnel voran. Das Bild verkleinerte sich und wurde zu einem Bild-im-Bild, während Werbung für eine lokale Schwebermarke lief. »Wenn du nur was zu Meckern hast, wieso sitzt du dann mit mir hier?«, fragte der junge MechKrieger seinen Freund.

»Weil die Alternative wäre, mich mit den Maulhelden von der Artillerielanze beim Pokern zu betrinken. Oder mir alte Kriegsgeschichten von Eddy anzuhören. Oder das Cockpit meinesEnforcerauszusaugen.«

»Zugegeben: eines schlimmer als das andere.« Hawkins nahm sich eine Flasche mit Wasser. Wenn es auf Pleione von etwas mehr als genug gab, dann war es Wasser, das aus den silbernen Ozeanen gewonnen wurde.

»Höre ich hier Kritik an den bedeutenden Lehren von Sergeant Edward Weathers?«, vernahmen sie plötzlich eine Stimme von der Tür her.

Hawkins blickte auf und sah Commander Damien Eisen hereinkommen, den befehlshabenden Offizier der Kampflanze, der auch Yan Soong angehörte. Obwohl kaum ein MechKrieger unter mangelndem Selbstbewusstsein litt, stach Eisen aus dem 3. Bataillon von McCrimmon’s Light Cavalry noch heraus. Der dunkelhaarige Endzwanziger mit den markanten Zügen hatte ein Ego von der Größe einesAtlas, und es wurde nicht kleiner dadurch, dass er zu den besten Piloten der Einheit gehörte. Er führte seine Lanze in seinemEisenbeißergetauftenCenturion, ohne jede Furcht und mitunter mit einem Wagemut an, der ans Tolldreiste grenzte. Insgeheim war Hawkins froh, dass er mit seinemOstscoutzur Befehlslanze der Bravo-Kompanie unter Al Matthews gehörte. Der Captain war zwar ein harter Knochen, aber zumindest kein Irrer.

»Commander!« Unwillkürlich nahm Hawkins Haltung an.

Eisen lachte. »Zieh dir den Stock wieder aus dem Hintern, Flip. Wir sind nicht im Dienst.«

»Was machst du denn hier?«, wollte Soong wissen. »Ich dachte, du trainierst mit Eva auf dem Schießstand.«

»Er hatte es satt, von mir vorgeführt zu werden«, warf die Frau ein, die hinter Eisen in den Aufenthaltsraum kam. Genau wie Hawkins, Soong und Eisen trug sie Stiefel und enge schwarze Hosen, doch statt eines T-Shirts in den Einheitsfarben Weiß und Karmesinrot hatte sie einen grauen Tanktop an. Ihre dunkle Mähne war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, die rechte Hand lag lässig auf dem Griff der geholsterten Dienstpistole.

»Ich habe dich gewinnen lassen«, gab Eisen gereizt zurück, »weil ich dachte, dass sich daraus ein netter Abend entwickeln könnte.« Er ging zu den Getränkekästen.

»Tja, falsch gedacht, Damien«, entgegnete Eva Greenfield spitz, als sie ihm folgte. »Geh doch zu Jenna Anderson und versuch’s bei ihr.«

»He, das ist nicht fair. Das war ein … Unfall.«

»Pass bloß auf, was du sagst, sonst erleidest du gleich noch einen Unfall.«

Eisen sah Hawkins an und verdrehte die Augen. »Weiber.« Er prüfte die Getränkebestände und verzog das Gesicht. »Gibt es hier nur noch Wasser? Ist ja erbärmlich.«

»Trink doch Kühlflüssigkeit, wenn es dir nicht passt.« Greenfield nahm sich eine Flasche. Hawkins hielt ihr stumm den Öffner hin, und sie schenkte ihm ein dankbares Lächeln. Ihm war bewusst, dass diese Frau weit außerhalb seiner Liga spielte. Dennoch konnte er sie nicht einfach vergessen, schließlich gehörte sie zur gleichen Kompanie, und sie liefen sich jeden Tag über den Weg.

»He, ist das der Kampf Justin Xiang gegen Philip Capet?«, fragte Eisen, als er – notgedrungen doch mit einer Flasche Wasser – zum nächsten Tisch des Aufenthaltsraums spazierte und einen Stuhl besetzte.

Hawkins nickte. »Ich habe die Aufzeichnung heute hereinbekommen. Ich muss unbedingt wissen, ob Xiang auch den Davion-Champion von Solaris besiegt hat. Xiang ist mit Philip NotonsLegendenkilleran den Start gegangen.«

Eisen nahm einen Schluck Wasser und zuckte mit den Schultern. »Tja, ich könnte es dir verraten, denn ich habe den Kampf schon vor zwei Monaten gesehen. Aber ich schätze, das wäre nicht nett. Oh, jetzt kommt eine gute Stelle!«

Er deutete auf den Tri-Vid-Schirm, der einen Sims auf halber Höhe einer Schluchtwand zeigte. Der Abgrund war vielleicht zwanzig Meter tief und in den steilen Schluchtwänden waren zu beiden Seiten mehrere Tunnelöffnungen zu erkennen. Sprungfähige Mechs mochten den Spalt leicht überwinden. XiangsRifleman, der soeben auf den Sims trat, war dazu nicht imstande.

»Oh, das sieht nicht gut aus«, bemerkte einer der beiden Kommentatoren.

»Ja, es scheint, als habe sich Xiang in eine ungünstige Position manövriert«, bestätigte sein Kollege. »Vor allem, wenn man bedenkt, was wir eben erfahren haben. Liebe Zuschauer, bereiten Sie sich auf einen Schock vor.«

Mit dem Rücken zur Felswand schob sich Xiang langsam den Sims entlang, als auf einmal der zweiteRiflemanauf der anderen Seite der Schlucht auftauchte. Sofort richtete Xiang seine Waffenarme aus. »Es ist vorbei, Philip«, war die Stimme Xiangs aus dem Cockpit zu hören.

»Ach ja, Xiang?« Der Davion-Pilot lachte schallend. »Jetzt kommt die Überraschung, Capellaner. Was hältst du von der Taktik?«

Unvermittelt tauchten aus den Tunnelöffnungen links und rechts von Xiang zwei weitere Mechs auf. Es handelte sich um einen humanoidenFirestarterund einen gedrungenenUrbanMech. Beide Maschinen waren deutlich leichter als XiangsRifleman, zusammengenommen brachten sie aber fünf Tonnen mehr auf die Waage.

»Was?«, entfuhr es Hawkins. »Was machen zwei weitere Maschinen im Parcours? Das ist doch Betrug! Das Duell muss abgebrochen werden.«

Die Kommentatoren äußerten sich ähnlich empört. Zweifellos waren Bestechungsgelder geflossen, um die zusätzlichen Mechs in die Arena zu schmuggeln. Trotzdem hielten die Kameras gnadenlos auf das Spektakel drauf.

Eisen lachte. »So ist das mit den Davions. Nur in der Überzahl sind sie mutig. Und nun schau genau hin und sieh, wie ein Capellaner das Problem löst.«

Auch Xiang lachte in der Aufzeichnung. »Sie werden nie ein guter Taktiker, Capet!« Dann trat seinRiflemaneinen Schritt nach vorne und stürzte in den Abgrund.

Hawkins schlug die Hände über dem Kopf zusammen, und weil er noch immer die Wasserflasche in der Rechten hielt, verschüttete er dabei einen Teil der Flüssigkeit. »Der ist wahnsinnig. Sein Mech hat keine Sprungdüsen!«

Unter ohrenbetäubendem Getöse rutschte der sechzig Tonnen schwere Koloss die steile Felswand hinunter. Eine Wolke aus Staub und Schutt begleitete ihn. Die linke Fußspitze verfing sich und der Mech begann sich zu drehen, doch es gelang Xiang, sich zurückzuwerfen und wieder auf den felsigen Abhang zu krachen. »Mein Gott!«, schrie einer der Kommentatoren. »Das habe ich ja noch nie gesehen.«

Binnen Sekunden war die wilde Schlittenfahrt zu Ende und derRiflemanlandete dröhnend auf dem Boden des Abgrunds. Eine mobile Kamera zoomte den Rücken des Mechs heran. Die Panzerung war praktisch vollständig aufgerissen worden. Xiang blieb jedoch kaum Zeit, sich zu sammeln, denn schon im nächsten Moment sank derFirestartervon den heißen Ionenstrahlen seiner Sprungdüsentornister getragen zu ihm herab.

»Dummer Zug«, warf Eisen lakonisch ein.

Der Pilot desFirestarterhatte kaum Zeit, zur gleichen Erkenntnis zu kommen. DerLegendenkillerhob die Waffenarme und superheißes, scharf gebündeltes Licht spießte den leichten Mech von unten auf. Eine Sekunde später schlugen Flammenzungen aus Schultergelenken und Hals der leichten Maschine, dann explodierte sie in einem spektakulären Feuerball.

»Was für ein Glückstreffer«, entfuhr es Eva Greenfield. »Er muss die Brennstoffzellen der beiden Flammer im Torso erwischt haben. Und die haben den Fusionsreaktor gegrillt.«

»Kein Glückstreffer.« Eisen schüttelte den Kopf. »Der Mann hat was drauf.«

»Sag bloß, du bist auch ein Fan dieser Duelle, Damien«, warf Yan Soong ein.

»Nicht der Duelle an sich, nein.« Der Commander grinste wölfisch. »Aber ich mag diesen Xiang, der reihenweise blasierte Davion-Kämpfer zerlegt.«

Gespannt sahen sie zu, wie XiangsRiflemansich durch den Feuerregen des zerstörtenFirestarterauf den nächsten Tunneleingang zuschleppte. Eines seiner Kniegelenke schien blockiert, denn der Mech zog das linke Bein nach. Von oben schickte derUrbanMechihm Salven aus seiner Autokanone hinterher, grub damit aber nur den Schluchtboden um.

»Der andere Pilot ist vorsichtiger«, bemerkte Soong. »Er hat gesehen, wie Xiang seinen Kameraden erwischt hat.«

»Ha, warte es nur ab.« Eisen lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und streckte die Beine aus.

»Suchen Sie sich ein Plätzchen mit ausreichender Kamerapräsenz, Capet«, forderte Xiang seinen Kontrahenten auf. »Ich komme jetzt rauf und bring Sie um.« Auf den Bildern sah man, wie er in den Tunnel hineinmarschierte. Statt jedoch seinen Worten Taten folgen zu lassen, bog er nur um die nächste Ecke und legte sich mit seinem Mech dort auf die Lauer.

Soong schüttelte den Kopf und blickte zu Boden. »Ich ahne, worauf das hinausläuft.« Seine Befürchtung bestätigte sich gleich darauf, als der Pilot desUrbanMechseinen Mech ebenfalls in die Schlucht steuerte. Langsam rückte er in Richtung des Tunnels vor. Mit seinem leichten Laser gab er einen Sondierungsschuss in die Dunkelheit vor sich ab, traf aber nur die Wand.

Dann zoomte die mobile Kamera heran und XiangsLegendenkillerfüllte Bild und Korridor aus, als er inSicht kam. DerRiflemanfeuerte alle Waffensysteme gleichzeitig ab. Ein Sturm aus Vernichtung hüllte den halb so schwerenUrbanMechein, als der von zwei schweren Lasern, zwei Autokanonensalven und zwei mittelschweren Lasern getroffen wurde. Panzerplatten flogen in alle Richtungen davon, dann begann die Maschine zu zucken, als das Magazin der Imperator-B-Autokanone getroffen wurde und die Munition in einer Kettenreaktion explodierte. Der Waffenarm des Mechs wurde abgerissen und sein Torso beulte sich von innen, bevor unvermittelt der komplette Schädeldom wie ein Deckel nach hinten klappte. In einer Detonation, die XiangsRiflemangegen die nahe Tunnelwand trieb, wurde der leichte Mech zerrissen.

Mit einem Begeisterungsschrei stieß Hawkins eine Faust in die Höhe. »Was für ein Kampf!«

»Was für ein Idiot«, bemerkte Eisen. »Man folgt keinem doppelt so schweren Mech allein in ein Tunnellabyrinth. Dachte der Pilot ernsthaft, Xiang würde ihn einfach ignorieren?«

»Offensichtlich«, warf Greenfield ein.

Ermutigt durch seine zwei schnellen Abschüsse sahen die vier denRiflemandes aufsteigenden Stars von Solaris VII durch die Steinkorridore aufwärts hetzen. Philip Capet hatte sich, wie man sehen konnte, an einem Engpass auf die Lauer gelegt. Die Tunnel waren an dieser Stelle stockdunkel, und es war nur den ausgefeilten Kameraoptiken geschuldet, dass die Zuschauer überhaupt etwas zu sehen bekamen. Die MechPiloten waren derweil ganz auf ihre Wärmesignaturkameras angewiesen, die ihnen nur ein verschwommenes Bild ihres Gegners lieferten.

Xiang erreichte den engen Korridor und wurde langsamer. »Kommen Sie raus, Philip! Hören Sie auf, sich zu verstecken!«

Das Kamerabild schaltete zu Capet, der die Arme seines Mechs hob. »Verstecken? Ich erwarte freudestrahlend Ihr Erscheinen.«

Die beiden Kontrahenten tauschten noch ein paar weitere Höflichkeiten aus, während die Regie im Wechsel Xiangs Vorrücken und Capets Falle zeigte. Der Tunnel, durch den sich XiangsRiflemannun aufwärts bewegte, war so eng, dass er seine Maschine nicht mehr drehen konnte. Er zögerte kurz, marschierte dann aber weiter, wobei seine Schritte eigenartig ungelenk wirkten.

Hawkins kniff die Augen zusammen. »Die Silhouette des Mechs sieht seltsam aus«, murmelte er, als er zu erkennen versuchte, was dort gezeigt wurde. »Es ist als ob …«

Er wurde unterbrochen, als Capets Mech hinter XiangsLegendenkillerim Gang auftauchte. »Es ist vorbei Justin Xiang«, rief er siegessicher. »Fahr zur Hölle!« Er löste alle Waffensysteme seines Mechs aus. Von einer Sekunde zu nächsten wurde der Gang in hartes Laserlicht getaucht und Autokanonengeschosse hämmerten auf die Feindmaschine ein wie ein tödlicher Hagelsturm. Gleich darauf stieß Capet einen Überraschungsschrei aus, genau wie Hawkins im Aufenthaltsraum. Alle starrten auf das Geister-Logo auf der Brust desRifleman.

»Er hat die Maschine gedreht«, keuchte Hawkins und griff sich an den Kopf. »Er ist rückwärts in Capets Falle marschiert, weil er wusste, dass der ihn von hinten angreifen würde.«

In der Tri-Vid-Aufzeichnung bestätigte Xiang seine Worte, indem er die Waffenarme desLegendenkillersüber den Kopf schwang und auf das Cockpit von CapetsRiflemanausrichtete. Sein Mech war schwer getroffen. Einer der mittelschweren Laser im Torso war auf jeden Fall hinüber. Aber der Davions hatte seine Schäden wie mit einer übergroßen Schrotflinte gut über die komplette Panzerung verteilt.

Justin Xiang war ein besserer Schütze.

»Versuchen Sie bei Ihrem letzten Atemzug nicht an Ihr Versagen zu denken, Philip …« Er feuerte den linken Waffenarm ab und traf genau das Cockpit. Der schwere Laser schmolz die vergleichsweise schwache Kopfpanzerung wie Butter weg, und die Cockpitscheibe platzte in einem Regen aus Glassplittern. Auch der verbliebene mittlere Laser und die Autokanone fanden treffsicher ihr Ziel und verwandelten die Cockpitreste in einen Krater zwischen den Schultern desRifleman. Die letzten Projektile flogen einfach hindurch und schlugen in die rückwärtige Wand ein.

Einen Moment lang schwankte der enthauptete Mech, dann stürzte er langsam und unter metallischem Ächzen nach hinten, bevor er krachend auf den Tunnelboden schlug. »So fällt des Prinzen Champion«, verkündete Justin Xiang mit Eiseskälte in der Stimme. »Seine Herren werden ihm bald folgen.«

Während die Kommentatoren Kevin und Karl ein paar Schlussworte sprachen, herrschte im Aufenthaltsraum der Kaserne von McCrimmon’s Light Cavalry atemlose Stille. Hawkins konnte es kaum fassen, was er soeben gesehen hatte. Er schaute zu seinem Freund hinüber, in dessen Augen widerwillige Anerkennung lag.Na, Yan? Blickst du immer noch so verächtlich auf Männer wie Xiang?

Damien Eisen stellte seine Wasserflasche auf den Tisch und zollte dem MechKrieger in der Tri-Vid-Aufzeichnung mit langsamem Klatschen seinen Respekt.

»Ja, nicht schlecht«, musste auch Greenfield eingestehen.

»Nicht schlecht?« Auf Damiens Miene zeigte sich ein düsteres Lächeln. »Der Mann ist ein Held und ein Vorbild für uns alle. Selten habe ich einen MechKrieger gesehen, der so skrupellos und professionell die Vereinigten Sonnen in ihre Schranken gewiesen hat. Hanse Davion mag sich unglaublich mächtig vorkommen, doch er sollte niemals einen zu allem entschlossenen Capellaner unterschätzen. Ich wünschte nur …«

Hawkins und Soong sahen den Commander fragend an, und auch Greenfield hob die Augenbrauen. »Was? Was wünschst du dir, Damien?«

In Damien Eisens graublauen Augen funkelte es unheilvoll. »Dass ich auch irgendwann die Gelegenheit bekomme, es den Davions in ähnlicher Weise heimzuzahlen, sie dafür zu bestrafen, dass sie die Konföderation immer wieder wie den Dreck unter ihrer Schuhsohle behandeln.«

Hawkins schluckte und blickte auf die rauchenden Überreste des am Boden liegendenRifleman. So ein Kampf, das wusste er als langjähriger Abonnent der Aufzeichnungen von Solaris VII, konnte stets auf zweierlei Arten enden. Keineswegs immer gewann der Favorit.Man sollte sehr vorsichtig mit dem sein, was man sich wünscht …

5

Pleione, Kommunalität Tikonov, Konföderation Capella

13. August 3027

»Guten Morgen, Major.«

»Morgen, Steven.«

»Wie geht es Ihnen heute, Sir.«

»Sehr gut, danke, Commander. Und selbst?«

»Ich kann nicht klagen. Auch wenn ich mir wünschte, ich bekäme endlich die neue Klimakontrolle für mein Quartier. Sie wurde vor vier Wochen bestellt und ist noch immer nicht da. Und Sie wissen, wie kühl die Räume tiefer im Inneren sind.«

Major Emile Loo seufzte und schüttelte den Kopf. Er legte das Pad, auf dem er gerade die neusten Nachrichten gelesen hatte, auf den breiten Schreibtisch vor sich und lehnte sich in seinem lederbezogenen Schreibtischsessel zurück. Loo war ein kleiner, drahtiger Mann, und der Sessel, den er von seinem Vorgänger geerbt hatte, war etwas zu großfür ihn. Doch obwohlseine Einheit bereits seit fünf Jahren Garnisonsdienst auf Pleione schob, hatte er es nie geschafft, sich einen anderen Sessel zu bestellen.

Der Major sah seinen Adjutanten, Commander Steven Whitehall, unzufrieden an. »Sie sind nicht der Einzige, der darüber klagt, dass die Klimatechnik in der Festungüberholt werden müsste.Mir liegen mittlerweile Beschwerden von drei verschiedenen Stellen vor: von Commander Landons Lanze, einer der AsTech-Unterkünfte und der Kantine. Leider scheint sich in der Stadtverwaltung von New Jericho niemand dafür zu interessieren. Wie es aussieht, muss ich an einem der nächsten Abende mal wieder mit Gaius Schumacher essen gehen.«

Whitehall, ein schlanker, höflicher, junger Offizier und Gentleman in grüngrauer Uniform, verzog die Miene. »Mein Beileid, Sir.«

Der Major schmunzelte. »Oh, der Gouverneur ist kein so übler Mann – wenn man weiß, wie man ihn nehmen muss. Wissen Sie, er braucht das Gefühl, bedeutsam zu sein. Geben Sie ihm dieses Gefühl, und er wird Ihnen jeden Wunsch erfüllen.«

»Diese Haltung dürfte er mit jedem Provinzweltgouverneur von Ronel bis Hurik teilen.« Whitehalls Mundwinkel zuckten, während er sich vor Loos Schreibtisch setzte, ein Bein über das andere schlug und sein eigenes Notizpad auf den Oberschenkel legte. »Legen wir los, Sir?«

Loo nickte. »Legen wir los. Status des Bataillons?«

»Das 3. Bataillon von McCrimmon’s Light Cavalry ist derzeit in sehr gutem Zustand. Wir haben aktuell nur vier Krankmeldungen, und zwei Maschinen fallen wegen Reparaturarbeiten aus.«

»Welche Mechs?«

»Subcommander BallardsCenturionhat Probleme mit den Wärmetauschern, und die Zuführung der Raketenlafette im linken Torso von Captain MilnersWhitworthblockiert regelmäßig.«

Der Major runzelte die Stirn. »Was hat Digby wieder mit der Maschine angestellt? Die Longbow-LSR-Lafetten sind für gewöhnlich sehr zuverlässig.«

Whitehall zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, Sir. Das weiß ich nicht.«

»Es war auch eher eine rhetorische Frage.« Loo beugte sich vor und legte die Unterarme auf die Schreibtischplatte. »Sagen Sie den Reparaturmannschaften, sie sollen Milners Problem bevorzugt lösen. Seine Kompanie hat in zwei Tagen Patrouillendienst. Da braucht er den Mech.«

»Ich werde es weiterleiten, Sir.« Loos Adjutant machte sich einen Vermerk.

»Was ist mit den Krankmeldungen? Jemand aus Digbys Kompanie dabei?«

»Nein, Sir. Zwei AsTechs, Subcommander Chao und ein Koch.«

»Ein Koch?«

»Ja, Sir. Bellegarde. Lebensmittelvergiftung.«

Loo warf ihm einen warnenden Blick zu.

»Das ist kein Witz, Sir. Er war vorgestern im Hafenviertel in einem Restaurant. Dort muss es passiert sein.«

Der Major seufzte. »Als Koch müsste Bellegarde eigentlich klug genug sein, um zu wissen, dass man nicht im Hafenviertel speist, wenn man es vermeiden kann.« Er wischte das Thema mit einer Handbewegung beiseite. »Weiter. Irgendwelche Zwischenfälle auf Pleione, von denen ich wissen müsste.«

»Nein, Sir. Die Lage ist ruhig, sowohl hier in New Jericho, als auch in Maculata und den anderen Küstenstädten. Es gab eine Streikdrohung von Arbeitern am Raumhafen, aberUnited Water, die der Streik besonders betroffen hätte, konnte ihn abwenden. Ansonsten gehen die Vorbereitungen für den Colonization Day am Sechzehnten gut voran. Die Marschroute für die Mech-Parade ist abgenommen. Insgesamt keine besonderen Vorkommnisse.« Whitehall studierte die Anzeige seines Pads und nickte bekräftigend.

»In Ordnung. Haben wir Nachrichten von Ningpo oder Slocum erhalten?« Auf diesen Welten waren das 1. und das 2. Bataillon von McCrimmon’s Light Cavalry stationiert.

»Nur zwei, Sir. Major Masters plant einen Kurzbesuch im Oktober. Sie schreibt etwas von einer hausgemachten Bouillabaisse, die Sie ihr noch schulden.« Fragend sah Whitehall auf, aber Loo nickte nur schmunzelnd. »Danke, ich werde ihr demnächst antworten. Und die zweite Nachricht?«

»Stammt von Colonel Chester McCrimmon, Sir. Er, äh, schickt Glückwünsche von Ningpo. Zu ihrem zweiundfünfzigsten Geburtstag. Er schreibt wörtlich: ›Machen Sie mal wieder einen mit Ihren Offizieren drauf, Emile.‹ Seine Worte, nicht meine, Sir.« Whitehall wirkte ein wenig verlegen. »Möchten Sie die ganze Nachricht lesen? Es ist nur eine kurze HPG-Textsendung. Ich habe sie auf meinem Pad.«

Loo winkte ab. »Lassen Sie es gut sein, Steven. Ich weiß, was Chester schreibt. Er schreibt jedes Jahr das Gleiche.«

»In Ordnung, Sir.«

»Sie können wegtreten, Commander.«

»Danke, Sir.« Whitehall erhob sich, drehte sich um und schritt zur Tür. Dort angekommen hielt er inne. »Ach, Sir?«

Der Major, der soeben sein Pad wieder aufnehmen wollte, sah ihn fragend an. »Hm?«

»Alles Gute auch von mir fürs neue Lebensjahr. Ich weiß, dass Sie Ihren Geburtstag nicht feiern, aber … nun ja … Glückwünsche schaden nie, wie ich finde.«

Emile Loo schenkte seinem Adjutanten ein Lächeln. »Danke, Steven. Ich weiß das zu schätzen.«