Baumhaus mit Faultier - Ina Knobloch - E-Book
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Beschreibung

 "Ich weiß nicht, ob es Tarzan, Jane oder Mogli war, wodurch ich als Kind mit dem Dschungel- und Baumhausfieber infiziert wurde. Ich war jedenfalls noch sehr jung. Ansonsten eher die Prinzessin auf der Erbse kletterte ich wie ein Affe an allen Turnstangen und –seilen hoch, bezwang Bäume wie eine Katze und vermisste schon als kleines Kind einen Urwald und ein Baumhaus."

Die Biologin und Filmemacherin Dr. Ina Knobloch reiste durch die ganze Welt, um sich Inspirationen für ihr Baumhaus zu holen. In jahrelanger Forschung lernte sie die artenreichsten Lebensräume der Erde kennen. Und nach 30 Jahren erfüllt sie sich endlich ihren Lebenstraum: Ein eigenes Baumhaus in Costa Rica - auf einem Grundstück, auf dem sie 1987 selbst die Bäume gepflanzt hatte. Ina Knobloch will der Welt den Regenwald näher bringen und setzt sich gleichzeitig für seinen Schutz ein. Ein Weg voller Hürden und Rückschläge, aber auch einmaliger Begegnungen und großartiger Abenteuer.

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Das Buch

»Ich weiß nicht, ob es Tarzan, Jane oder Mogli war, wodurch ich als Kind mit dem Dschungel - und Baumhausfieber infiziert wurde. Ich kletterte wie ein Affe an allen Turnstangen hoch, bezwang Bäume wie eine Katze und vermisste schon als kleines Kind einen Urwald und ein Baumhaus.« Auf der eigenen Veranda lauscht Ina Knobloch dem Rauschen des Dschungels genau dort, wo sie 1987 ihre erste Nacht im Dschungel verbracht hatte, und in dem Haus, das aus dem Holz der Bäume gebaut wurde, die sie vor drei Jahrzehnten selbst angepflanzt hatte. Denn nach 30 Jahren ging ihr Traum endlich in Erfüllung: Die Biologin und Filmemacherin lebt in ihrem eigenen Baumhaus in Costa Rica und teilt ihr neues Zuhause mit exotischen Nachbarn – Faultieren, Papageien und Affen. In ihrem Buch erzählt sie von der Erfüllung ihres Lebenstraums, dem Abenteuer Baumhaus, der Artenvielfalt im Dschungel, ihren einmaligen Begegnungen und ihrem leidenschaftlichen Kampf für den Erhalt dieser exotischen Welt. Ein faszinierender Lebensweg einer starken Frau!

Die Autorin

Ina Knobloch, geboren 1963 in Karlsruhe, ist promovierte Biologin, lebt als Filmproduzentin und freie Autorin in Frankfurt am Main und Costa Rica. 1989 gründete sie den Tropenschutzverein Tropicaverde und widmete sich dann ganz dem Naturschutz, dem Filmen und Schreiben. Mehr als 100 Dokumentationen und Fernsehbeiträge produzierte und moderierte sie u.a. für ARD, ZDF und arte in den letzten 30 Jahren. Darüber hinaus schreibt sie Romane, Sachbücher und Artikel für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften.

Ina Knobloch

Baumhaus mit Faultier

Wie ich mir meinen Lebenstraum in Costa Rica erfüllte

Ullstein extra

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Inhalt

Vorwort

1. Kapitel: Der Ruf des Dschungels

Frühe Sehnsucht nach dem Dschungelabenteuer • Kartoffeln an der Leine • Wundheilung im Pflanzenreich • Der Start ins Abenteuer • Der Abriss der Erinnerung • Baumhaushürden • Erste Hilfe für Dschungelbabys • Der Kreißsaal der Meeresschildkröten

2. Kapitel: Mondholz

Der erste Baum • Der Zwerg • Baumwahl • Der Mondholzförster • Bella Italia • Holz statt Hamburger

3. Kapitel: Das Flugzeugbaumhaus

Der Fluss der Krokodile • Manuel Antonio – Das kleine Paradies • Das Flugzeugbaumhaus • San José 1987

4. Kapitel: Frühstück mit Faultier

Captain Flint • Tropengewitter • Der Tukan – Das Symbol des Regenwaldes • Das Geheimnis der Korallenschlange • Fürsorgliche Giftfrösche • Die Elefanten von Mittelamerika • Der Touristenbaum • Frühstück mit Faultier

5. Kapitel: Sehnsucht Dschungeldach

Der Wald ist genug • Forschungsstation CATIE 1987 • Baumhaus mit Baumhühnchen • Rara Avis und der Dschungelaufzug

6. Kapitel: Zwischen Himmel und Erde

Das wogende Haus • Der Plan • Kulturinsel Einsiedel • Leben wie die Baumgöttin in Frankreich

7. Kapitel: Der Traum wird wahr

Das magische Spiegelbaumhaus • Der eigene Nistplatz

Epilog

Bildteil

Projekte und Empfehlungen

Bildnachweis

Dank

Vorwort

»Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.« Weissagung der Cree

Ein poetischer Satz mit der Wucht eines Orkans, der die Realität längst in Form der Klimaerwärmung eingeholt hat.

Nichts und niemand kann das Treibhausgas Kohlendioxid besser aus der Luft filtern und für eine Ewigkeit einlagern als Bäume. Ein einzelner Baum kann mehr als fünf Tonnen Kohlendioxid speichern, und ein wachsender Wald holt im Durchschnitt zehn Tonnen Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Darüber hinaus binden Wälder Wasser, filtern Schadstoffe aus der Erde, beeinflussen die Wolkenbildung und brechen Stürme. Das alles ist schon lange bekannt, trotzdem werden die verbliebenen Urwälder der Erde in einem noch nie da gewesenen Ausmaß zerstört. Dabei kann keine Technologie der Welt dieses Wunder der Natur ersetzen.

Und Bäume sind noch viel mehr als Klimaretter: Sie liefern über ihre Früchte Nahrung, spenden mit ihrem Holz, ihren faserigen Samen und dem Kork Baumaterial, beschenken uns durch ihre Blüten mit Düften, Aromen und Parfümrohstoffen und versorgen uns über alle Pflanzenteile, von der Wurzel bis zur Krone, mit Medizin. In allen Kulturen sind und waren Bäume heilig, nur der wachstumsorientierten Weltwirtschaft scheint nichts heilig zu sein.

Die Weissagung der Cree war das Mantra meiner Schul- und Studienzeit und ist es bis heute. Meine Motivation, Biologie zu studieren, war daher keine geringere, als die Welt zu retten. Fatalerweise erlag ich als junge Studentin den Fake News einer damals brandneuen Technologie: der Gentechnik mit den vermeintlichen Wundern, die sie vollbringen sollte.

Es war damals eine Frage der Verantwortung, an der »Grünen Gentechnik« mitzuarbeiten und die Forschung voranzutreiben. Als Studienobjekt wählte ich eine tropische Nutzpflanze, die mich in den Dschungel nach Costa Rica führte und mir den rechten Weg zum Schutz der Schatzkammer Regenwald wies.

Die Urwälder der Erde sind die grüne Lunge unseres Planeten, einzigartig und voll unbezahlbaren Reichtums. Vor allem die entlegenen Wipfel der tropischen Wälder sind so vielfältig wie kaum ein anderer Lebensraum und weniger erforscht als die Tiefsee. Das alles habe ich in Costa Rica gelernt.

Die Sehnsucht nach einem Baumhaus im Urwald hatte ich schon als Kind. Ich weiß nicht, ob es Tarzan, Jane oder Mowgli war, der oder die mich mit dem Dschungelfieber infiziert hat, ich muss jedenfalls noch sehr jung gewesen sein, als das Fieber ausbrach. Ansonsten eher die Prinzessin auf der Erbse, kletterte ich wie ein Affe – mangels Lianen – an allen Turnstangen und -seilen hoch, bezwang Bäume wie eine Katze und vermisste schon als kleines Kind einen Urwald.

Gestillt wurde meine Sehnsucht ein wenig durch unsere Ausflüge zur Rheininsel Kühkopf. Eine Insel, die erst durch die Rheinbegradigung im 19. Jahrhundert zur Insel geworden war und deren Auwälder am Rande des regelmäßig über die Ufer tretenden Auwaldes sich wild entfalten konnten. Meine Kindheit fiel in eine Zeit, in der es in Deutschland noch keinen einzigen Nationalpark gab und die Wälder überdimensionierten, ausgetriebenen Spargelfeldern glichen: aufgeräumt und gleichförmig, im Fachjargon »Monokulturen«, angepflanzt zur Holzernte.

Die Galeriewälder am Altrhein waren anders: Umgestürzte morsche Bäume blieben liegen und wurden von neuem Leben erobert. Pilze und Käfer fraßen sich durchs Holz, bereiteten den Boden für junge Pflanzen. Am Rande der Felder blühten Heckenrosen in enger Umarmung mit wildem Hopfen, der sich an die dornigen Zweige klammerte. Wilder Wein, Efeu und andere Ranken kletterten Bäume empor und pendelten als Lianen die Äste herab. Im Sommer schwärmten so viele Moskitos aus, wie ich es mir im tropischen Regenwald vorstellte – tatsächlich waren es weniger, als ich dort jemals gesehen habe –, doch auch das konnte mich nicht abschrecken. Ich sehnte mich nach dem Dschungel.

Jahre später kehrte ich als Studentin auf die Rheininsel zurück. An einem strahlenden Samstagnachmittag im Mai durchstreifte ich mit ein paar Kommilitoninnen und Kommilitonen den Auwald und hielt Ausschau nach seltenen Pflanzen, Vögeln, Käfern und Lurchen. Die Frühlingssonne war schon so stark, dass sie den feuchten Waldboden schier zum Dampfen brachte. Der typisch modrige, erdige Waldgeruch stieg euphorisierend in unsere Nasen und gab mir einen Vorgeschmack auf das Odeur des tropischen Regenwaldes.

Ein seltenes Tier hatte uns tief in die Hartholzaue gelockt, um uns dann doch mitten im Wald alleine zu lassen. Doch es gab für uns Biologinnen und Biologen so viel zu entdecken, dass uns der Irrweg wenig irritierte – zunächst jedenfalls. Als die Sonne den Zenit längst überschritten hatte und nur noch wenige rötliche Strahlen den Weg durchs Dickicht zu uns fanden, beschlossen wir, den Rückweg auf der an und für sich sehr kleinen Insel anzutreten. Doch die Richtung war plötzlich nicht mehr so klar. Die Sonne als Orientierungspunkt war längst aus unserem Gesichtsfeld verschwunden, und wir irrten bis tief in die Nacht durch den dunklen Auenwald. Stunden später, so kam es uns jedenfalls vor, hörten wir ein lautes Rauschen: Es war der Neurhein, von dessen Ufer entlang ein breiter Weg zurückführte.

Ich erlebte damals ein Abenteuer, das mich, wie viele andere heimische Waldexkursionen auch, gut auf meine späteren Dschungelexpeditionen vorbereitete. Niemand sollte die Regenwälder der Welt erkunden, ohne die Schönheiten und Besonderheiten der heimischen Wälder zu kennen und auf die Gefahren der Wildnis vorbereitet zu sein.

Der Kühkopf mit seinem Auenwald ist sicher ein Garten Eden, aber im Vergleich zu tropischen Regenwäldern höchstens ein kleiner Vorgarten, während der Dschungel einem Schlossgarten gleicht. Und in diesen majestätischen Garten wollte ich nach drei Jahrzehnten voller Abenteuer endlich einziehen, in ein Nest in der obersten Etage. Meine Vision begann, als ich 1987 in Costa Rica die Baumsamen in die Erde brachte, deren Holz ich nun ernten konnte. In Demut vor der Natur und ihren wundervollen Wäldern entschied ich, mein Leben nicht zu träumen, sondern meinen Traum zu leben und dem Glück die Tür zu öffnen. Es war ein langer, manchmal sehr steiniger, aber vor allem abenteuerlicher, lehrreicher und wundervoller Weg zu meinem Baumhaus im Dschungeldach von Costa Rica.

1. Kapitel

Der Ruf des Dschungels

Mit schamlos lautem Geschepper und Gedröhne quälte sich der uralte Jeep meines Architekten Olivier den Dschungelhügel hinauf und übertönte brutal die harmonischen Urwaldgeräusche. Der Weg zu meinem Waldgrundstück, wo später einmal mein Baumhaus stehen sollte, führt über den sogenannten »Krokodilsrücken«: Lagarta. Genau genommen heißt Lagarta übersetzt »das Biest«, steht aber auch für Kaimane, Krokodile, Leguane und Echsen. Ob der Name für den urwaldbewachsenen Felsrücken an der costa-ricanischen Pazifikküste darauf zurückzuführen ist, dass er sich wie ein überdimensioniertes Krokodil in die Landschaft schmiegt, oder dass sich in den Mangrovensümpfen am Fuß der Felsspitze tatsächlich Kaimane tummeln, weiß niemand mehr genau. Vielleicht waren es auch die vielen riesigen Schwarzleguane, die hier überall in den Bäumen sitzen und wie Wackeldackel ihre Köpfe ständig auf und ab bewegen, die zu diesem Namen geführt haben. Auf jeden Fall ein Name für einen Platz am Ende der Welt, der für mich über Jahrzehnte zu einem Sehnsuchtsort geworden ist, zu einem magischen Ort, wo meine Baumhausträume und -pläne nach so vielen Jahren endlich konkret wurden. Der Hügel war zwar nicht mehr einsam, und der wenige Kilometer entfernte Ort Nosara, nach dem die Region benannt wurde, ist auch kein Geheimtipp mehr, aber die Magie, die ich schon bei meinem ersten Besuch gespürt habe, ist geblieben.

Es war Ende der Achtzigerjahre, als ich das erste Mal dorthin kam. Damals schien die Spitze des Hügels tatsächlich am Ende der Welt zu liegen. Einsam und nur von Dschungel umgeben, tauchte, nach gefühlt stundenlanger Fahrt durch dichten Urwald, das Haus meiner Freunde am verlassenen Ende der Schotterpiste auf: Lagarta – sie hatten es einfach nach dem magischen Hügel benannt. Obwohl das Haus irgendwann verkauft und ein kleines Hotel daraus wurde, änderte sich über Jahrzehnte nichts an meinem Gefühl: Lagarta blieb mein Sehnsuchtsort, mit dem ich noch heute viele wundervolle Erinnerungen verbinde, obwohl kein Stein mehr davon übrig ist. Doch davon ahnte ich noch nichts, als ich mein Dschungelbaumhaus vor wenigen Jahren in unmittelbarer Nachbarschaft plante. Noch stand das alte Lagarta-Gebäude, benannt nach dem Urwaldhügel, auf dem es thronte. Das Haus im Kolonialstil mit ausladender Terrasse fügte sich organisch in den Urwald und bot einen atemberaubenden Blick auf den Dschungel, die Flussmündung mit den Mangrovensümpfen und die sensationellen Sonnenuntergänge über dem Pazifik.

Als wir in dem rostigen Jeep geräuschvoll die Straße hinaufkrochen, war daher meine Vorfreude auf Lagarta mindestens so groß wie auf mein eigenes Dschungelgrundstück, wo bald mein Baumhaus stehen sollte. Wobei »Straße« noch immer nicht der richtige Ausdruck für die mit Schlaglöchern gespickte Schotterpiste war. Doch der mühsame, abenteuerliche Weg war für mich keine Zumutung, sondern der Zugang zu einer anderen, archaischen, erd- und naturverbundenen Welt, die die Zivilisation weit hinter sich lässt. Einzig unser dröhnendes Gefährt störte die Idylle der Wildnis. Kein Wunder, dass sich die Brüllaffen lautstark beschwerten. Trotz unseres enormen Motorengeräuschs konnte ich sie hören, die lauten, raubtierhaften Rufe der größten Affen, die die Neue Welt zu bieten hat – wobei die Kopf-Rumpf-Länge der Tiere keinen Meter misst. Dennoch sind sie die heimlichen Herrscher des Dschungels. Gewaltig und kilometerweit durchdringen ihre Rufe den Urwald und stehen dem Gebrüll von Löwen in nichts nach.

Und wie bei den Königen der afrikanischen Savanne sind es vor allem die Männchen, deren Rufe lautstark durch die Wildnis schallen. Damit verständigen sie sich innerhalb des Rudels und vertreiben konkurrierende Gruppen, Feinde oder Störenfriede. Je tiefer die Stimme der Affen, desto beeindruckender ist ihr Gebrüll. Forschende der Universität Cambridge haben jetzt herausgefunden, dass ausgerechnet die außergewöhnlich männlich klingenden Exemplare besonders kleine Hoden haben. Über die Gründe für diese seltsame Korrelation gibt es bislang nur verschiedene noch nicht bewiesene Theorien. Vielleicht, vermuten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, haben die Tiere mit weniger imposantem Brüllorgan es nicht nötig, ihre Männlichkeit lautstark unter Beweis zu stellen. Sozusagen: Der mit der »dicken Hose« braucht keine tiefe Stimme, oder: Der, der gut brüllt, hat auch ohne »dicke Hose« Autorität.

Aber so gefährlich das Gebrüll der Affen in manchen Ohren auch klingen mag – diese Primaten sind völlig harmlos. Für mich ist das charakteristische Urwaldgeräusch längst zu einem Lockruf des Dschungels geworden, wie ein Willkommensgruß, sobald ich aus dem Großstadtdschungel in meine Wildnis zurückkehre. Wenn ich morgens im Urwald aufwache oder wenn mich die Brüllaffen in der Dämmerung wecken, klingt ihr Gebrüll für mich wie Musik in den Ohren.

Doch jetzt, mitten am Tag, unter der sengenden tropischen Mittagshitze hörte es sich wie ein wütendes Wehklagen an, was es zweifelsohne auch war. Normalerweise dösen die Tiere um diese Zeit lieber im Blätterwerk und sind in den Wipfeln des Dschungels schwer zu entdecken. Morgens und abends dagegen ziehen sie in großen Familienclans durch das Dschungeldach, springen von Wipfel zu Wipfel auf der Suche nach den süßesten Früchten und den zartesten Blättern. Die Rudelführer rufen dann lautstark ihre Familie zusammen oder zetern, wenn ihnen eine andere Gruppe zu nahekommt. Aber um die Mittagszeit werden sie nur aktiv, wenn irgendetwas nicht in Ordnung ist, und das schien jetzt der Fall zu sein.

Fast schämte ich mich für die zu laute Rostlaube meines Architekten, die den Affen ihren Mittagsschlaf raubte. Mit einer lässigen Handbewegung versuchte Olivier meine Bedenken, die er überhaupt nicht teilte, wegzuwischen: »Die Affen stören sich nicht an meiner röhrenden Schüssel, das wüsste ich.«

Meinem Gesichtsausdruck war wohl anzusehen, dass mir diese Erklärung kaum die Schuldgefühle gegenüber den Affen und den übrigen Dschungelbewohnern nahm. Dabei musste Olivier es wissen, er lebte jetzt schon über zwei Jahrzehnte in dem Urwalddorf Nosara, zu dem auch dieser Hügel gehört, und war oft mit der alten Schrottkiste unterwegs, auch hier oben. Längst ist Lagarta kein einsamer Hügel mehr mit einem einzelnen Haus im Urwald. Inzwischen stehen überall kleine und größere Häuser, meist gut versteckt im Dschungel, manche aber auch ganz offensichtlich und demonstrativ am Straßenrand. Einige davon hat Olivier entworfen und stets darauf geachtet, dass sie sich gut in die Natur integrieren und die Wanderrouten der Tiere nicht stören. Aber das Gebrüll der Affen hätte eindeutiger nicht sein können. Olivier sah mich ungläubig an: »Hörst und siehst du es denn nicht?«

»Was?«

»Den Bagger, den Presslufthammer?«

Kaum hatte es Olivier ausgesprochen, sah und hörte ich es auch ganz deutlich. Wir hatten Lagarta und damit auch mein Grundstück, auf dem ich endlich mein Baumhaus bauen wollte, fast erreicht. Der Lärm dröhnte jetzt fast schmerzhaft in meinen Ohren. Unaufhörlich schlug der Bagger in »mein« Zimmer ein: das Gästezimmer, in dem ich meine erste Nacht im Dschungel verbracht hatte. Die Zacken an der Schaufel fraßen sich wie die Zähne eines Ungeheuers in das Gemäuer, das mir über Jahrzehnte eine zweite Heimat gewesen war. Lagarta war schon seit vielen Jahren ein kleines Hotel, und mein einstiges Zimmer war zu einem Teil davon geworden. Das romantische Gebäude und all meine Erinnerungen daran waren überhaupt der Grund, weshalb ich unbedingt auf dem direkt benachbarten Urwaldgrundstück mein Baumhaus hatte bauen wollen.

Mit quietschenden Bremsen kam Oliviers Fahrzeug endlich zum Stehen. Jetzt war nur noch der dröhnende Lärm des Baggers und des Presslufthammers zu hören, gegen die das scheinbar immer wütender werdende Gebrüll der Affen kaum ankam. Fassungslos stand ich vor der Ruine meiner zweiten Heimat. Die Besitzer hatten mir zwar erzählt, dass sie wegen Renovierungsarbeiten geschlossen hätten und ich ausnahmsweise »mein« Zimmer nicht haben könne – aber damit hatte ich nicht gerechnet. Das waren keine Renovierungsarbeiten. Die Gästezimmer wurden in Schutt und Asche gelegt – und dabei sollte es nicht bleiben.

Noch bevor ich meine Empörung zum Ausdruck bringen konnte, kam die damalige Managerin angerannt, in der einen Hand eine Kachel und in der anderen einen geschnitzten Holzbalken: Reliquien aus »meinem« Zimmer, Erinnerungen an drei Jahrzehnte Lagarta. Es fiel mir schwer, die Tränen zurückzuhalten. Zum einen war ich sehr gerührt, dass sie daran gedacht hatte, mir Erinnerungsstücke aufzubewahren, aber vor allem der unerwartete Verlust meines lieb gewonnenen Heims überwältigte mich. Dabei war ich doch selbst gerade im Begriff, dieser zweiten Heimat untreu zu werden, indem ich mein eigenes Haus zwischen die Baumwipfel bauen wollte und künftig ohnehin nicht mehr in dem Gästezimmer gewohnt hätte.

Es war aber auch die Erinnerung, die mich in dem Moment übermannte, als ich die Reliquien in der Hand hielt – die Erinnerung an meine allerersten Stunden in Costa Rica, auf Lagarta und in »meinem« Bungalow. Es war im Herbst 1987 gewesen, als ich das erste Mal dem Ruf des Dschungels gefolgt war. Nie zuvor war ich in den Tropen gewesen und sehnte mich nach diesem Paradies, über das ich so viel gelesen hatte. Costa Rica war keine zufällige Wahl. Schicksalhaft trat damals Roland Lelin in mein Leben, ein alter Familienfreund, den ich und der mich schon ganz vergessen hatte –, bis ich ihn bei meinem Onkel wiedertraf.

Frühe Sehnsucht nach dem Dschungelabenteuer

Die schwüle Sommerhitze hing im Sommer 1986 schwer über der Rhein-Main-Ebene und fühlte sich fast tropisch an, zumindest so, wie ich mir tropische Hitze vorstellte. Als ich mit meiner kleinen »Knutschkugel«, meinem leuchtend feuerroten, aber leider sehr rostigen Fiat 500, nach Dreieich zu meinem Onkel Walter tuckerte, war ich froh, wenigstens das Stoffdach nach hinten rollen zu können, sodass ein laues Lüftchen durch das kleine Auto wehte. Trotzdem standen mir Schweißperlen auf der Stirn, als ich bei meinem Onkel vor der Tür stand. Verschmitzt begrüßte er mich mit den Worten: »Fühl dich ganz wie in Costa Rica.«

Verwirrt sah ich ihn an und folgte ihm ins Esszimmer. Walter hatte mich zum Dinner eingeladen und einen alten Freund angekündigt, aber nicht verraten, wer das war. Als ich das Esszimmer betrat, traute ich meinen Augen kaum: Roland, der Auswanderer, den ich schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen, der sich aber kaum verändert hatte, saß wie ein Guru im Yogasitz wild gestikulierend auf dem Tisch und schilderte in hellsten Tönen die Aussicht von seiner Terrasse im Dschungel von Costa Rica auf den Sonnenuntergang. Er bemerkte gar nicht, dass ich mich leise dazugesellt hatte, um seinen Abenteuern zu lauschen. Er schwärmte gerade von dem einzigartigen Blick auf die Mangroven, die Sümpfe und das Meer, unberührt und wild, als er plötzlich zur illegalen Abholzung abschweifte: Raubbau im geschützten Mangrovenwald, den er zunächst nicht hatte stoppen können. Zum einen hatte er die Behörden nicht anrufen können, da sein Telefon noch nicht installiert war, und zum anderen mahlen die Mühlen der Behörden dort auch heute noch sehr langsam. Selbst wenn er zur Umweltbehörde durchgedrungen wäre, hätte es einige Zeit gedauert, bis die Polizei im entlegenen Mangrovenwald von Nosara angerückt wäre, um die Holzfäller im Schutzgebiet zu stoppen.

Nicht nur Roland war verzweifelt, auch die Einheimischen seien es gewesen, denn die Holzfäller waren bewaffnet und ließen sich nicht einfach vertreiben. Dass ich später auch noch solchen Verbrechern begegnen würde, hatte ich damals gewiss nicht gedacht, als ich Rolands Räuberpistolen aus dem Dschungel lauschte.

»Also, was habe ich gemacht?«, grinste Roland in die Runde, bevor er fortfuhr: »Ich habe jedem, den ich getroffen habe, erzählt, dass denen jemand nachts Zucker in den Tank schütten müsste … Ihr glaubt nicht, wie schnell die Motoren stillstanden. Wer den Zucker in den Tank gefüllt hat, habe ich nie rausbekommen und will es auch gar nicht wissen – hat auf jeden Fall super geklappt. Aber wer hinter den Holzfällern steckt, weiß ich: der Jeckel!«

»Etwa der Jeckel?«, fragte mein Onkel erstaunt zurück. Roland nickte vielsagend. Ich hatte keine Ahnung, von wem sie sprachen, erfuhr aber kurz darauf, dass es sich um einen Anlagebetrüger handelte, der deswegen in Deutschland schon im Gefängnis gesessen hatte und jetzt für seine dubiosen Costa-Rica-Geschäfte Investoren suchte.

Immer wieder nutzen Betrüger das grüne und gute Image von Costa Rica aus und werben damit Anleger an, die sie mit einem Schneeballsystem um ihr Geld prellen. Auch jetzt sitzt gerade wieder so ein Bauernfänger aus Frankfurt im Gefängnis, der mit seiner Firma und angeblichen Baumplantagen in Costa Rica ein Vermögen veruntreut hat, was für die vielen ehrlichen ökologischen Projekte in Costa Rica ebenfalls einen großen Imageschaden bedeutet.

Die Achtzigerjahre waren ein Wendepunkt in der Geschichte von Costa Rica, weg von der traditionellen Landwirtschaft, hin zu ökologischem Anbau, weg vom Raubbau der Regenwälder, hin zu Schutzgebieten und Aufforstung. Fast ein Viertel der gesamten Landesfläche waren bereits damals unter den strengen Schutz eines Nationalparks gestellt worden.

Die Urwaldflächen dort sind zwar nicht vergleichbar mit dem Amazonas, da Costa Rica insgesamt kaum größer ist als die Schweiz. Trotzdem wird ein enormer Beitrag zum Klima- und Artenschutz geleistet. – In ganz Deutschland gab es damals gerade einmal vier Nationalparks, ganz am Rande der damaligen Bundesrepublik. In der Ausdehnung erstreckten sie sich noch nicht einmal über ein Prozent der gesamtdeutschen Landesfläche. – Maßgeblich beteiligt an dieser Wende in den Achtzigern war der damalige Präsident Óscar Arias Sánchez, der sich erfolgreich für den Frieden in Lateinamerika starkmachte und dafür den Friedensnobelpreis erhielt, genau in dem Jahr, als ich dieses gelobte Land zum ersten Mal betreten sollte: 1987. Ich hatte es Roland fest versprochen.

Kartoffeln an der Leine

Mein Studium der Biologie hatte ich wenige Monate zuvor erfolgreich abgeschlossen und wollte es mit einer Promotion krönen. Sehr bewusst hatte ich dafür eine inhaltsreiche tropische Pflanze als Forschungsobjekt gewählt: die Yamswurz, und zwar nicht irgendeine, sondern eine ganz besondere: Dioscorea bulbifera, deren Knollen nicht in der Erde, sondern an den Blattachseln der Ranken wachsen und tatsächlich ein bisschen aussehen wie Kartoffeln an einer Wäscheleine. In ihren Knollen und Blättern produziert die Pflanze sogenannte Diosgenine, dem Progesteron ähnliche Hormone, die schon die Urvölker zur Verhütung nutzten und die später zur Entwicklung der Antibabypille führten. Für die Herstellung der menschlichen Hormonpräparate wurden die Pflanzenhormone aus der Yamswurz nur minimal chemisch verändert.

Die tropische Pflanze schürte meine Sehnsucht nach den feuchtheißen Tropen, dem Dschungeldach und einem großen Abenteuer, nach einem Haus in den Wipfeln des Urwaldes, zwischen all den Wundern der Natur. Mit großem Elan stürzte ich mich in die Vorbereitungen, verschlang Bücher über tropische Pflanzen und verbrachte jede freie Minute in den Gewächshäusern des Frankfurter Palmengartens.

Schon als Kind war ich Dauergast in diesen Tropenhäusern und fasziniert vom Dschungel gewesen und hatte davon geträumt, im richtigen Dschungel einmal große Abenteuer zu erleben. In den Tropicarien des Frankfurter Palmengartens hatte ich wahrscheinlich mehr Zeit verbracht als auf Spielplätzen. Der Duft des Dschungels, den ich in den Gewächshäusern inhalierte, hatte stets eine unglaubliche Sehnsucht in mir entfacht.

Da der Palmengarten in direkter Nachbarschaft zu meiner Universität lag, konnte ich selbst in der Mittagspause den Atem des Dschungels einsaugen und die unglaubliche Artenvielfalt studieren. Bevor ich einen Fuß auf echte tropische Erde gesetzt hatte, war ich Expertin für Tropenökologie und führte als Werksstudentin die verschiedensten Gruppen durch diese Gewächshäuser: Volkshochschulgruppen, Schulklassen, Kegelklubs und viele andere Interessenverbände, aber ganz besonders geprägt haben mich die Führungen von Blinden.

Bevor ich die erste Blindengruppe durch die Gewächshäuser navigierte, war ich ziemlich panisch. Alle meine Erklärungen des komplizierten Zusammenlebens von Pflanzen und Tieren im Regenwald hatten sich im Wesentlichen auf Formen und Farben bezogen. Auch meine Erklärungen über Inhaltsstoffe, Gifte und Heilmittel bezogen sich stets auf eine visuell erfassbare Pflanze. Ich überlegte fieberhaft, wie ich den Dschungel blind begreifbar machen konnte und stakste mit geschlossenen Augen durch die Gewächshäuser. Natürlich: Es waren die Düfte des Dschungels, die Blinde viel besser wahrnehmen als sehende Menschen. Zum ersten Mal ordnete ich den wunderbaren, lieblichen Duft der Frangipani, Plumeria alba, zu, das fruchtige Odeur der Mango, Mangifera indica, den frischen Geruch den Kaffeeblüten, Coffea arabica, und vieles mehr. Ich inhalierte nicht mehr nur das Gesamtbouquet des Tropenwaldes, sondern versuchte, jede einzelne Pflanze »zu erschnüffeln«.

Seither betört und inspiriert mich der Duft der Frangipani. Dass später mein Baumhaus von duftenden, wilden Bäumen dieser Art umgeben sein würde, hätte ich damals in meinen kühnsten Träumen nicht zu hoffen gewagt.

Neben den Düften habe ich versucht, die Formen haptisch zu ergründen und verbal, zum Nachfühlen, wiederzugeben. Die Resonanz war so überwältigend, dass ich manche »blinde« Erlebnisse auch auf andere Gruppen übertrug. Als eine französische Austauschklasse zu einer Führung kam und ich trotz meiner mangelnden Französischkenntnisse weitgehend auf die Übersetzungen der Lehrerin verzichten wollte, versuchte ich mit wenigen Worten die Schulklasse auf Riechen und Fühlen einzustimmen. Damit hatte ich anscheinend das Herz der Lehrerin erobert.

Das war kurz vor meinem Forschungsaufenthalt in Paris. Ich hatte zu dieser Zeit zwar das Stipendium in der Tasche, aber noch kein Zimmer in Aussicht. Doch schon am selben Abend brauchte ich mir darüber keine Sorgen mehr zu machen: Jene Lehrerin der französischen Austauschklasse hatte mir eine Bleibe in ihrer Nachbarschaft vermittelt. Wir sind noch heute befreundet. Meine tropische Schlingpflanze schien mir auf eine unergründliche Weise einen Weg weisen zu wollen.

Wundheilung im Pflanzenreich

Die Monate in Paris gingen wie im Flug vorüber und waren nicht nur ein persönliches Abenteuer: Ich konnte tatsächlich auch erstmals im Detail wissenschaftlich nachweisen, wie sich die Zellen der Yamswurzknollen nach einer Verletzung verändern, die Wundfläche verschließen und Abwehrzellen bilden.

Wie ein gesunder Mensch entwickelt auch eine gesunde Pflanze nach einer Verletzung in Sekundenschnelle Abwehrstoffe und ebenfalls eine Wundschicht. Vergleichbar mit dem Schorf bei Menschen und Tieren bilden Pflanzen einen sogenannten Wundkallus, um sich vor Bakterien und Pilzen zu schützen und das Austreten von Körpersäften zu verhindern.

Anders als bei Tieren und Menschen können sich die Zellen der meisten Pflanzen sogar wieder komplett in den Urzustand versetzen und sich zu den unterschiedlichsten Organen entwickeln. Aus einer einzelnen Wurzelzelle kann ein Blatt wachsen, aus einer Knollenzelle eine ganze Pflanze, aus jeder Zelle kann wieder alles werden – als würde aus einer Haut- oder Blutzelle wieder ein ganzer Mensch wachsen können.

Dieser pflanzlichen Eigenschaft ist es zu verdanken, dass bereits die Gärtner der Antike wahre Wunder vollbrachten. Ohne dieses botanische Wunder wären Rosenzucht und üppiger Obstanbau fast unmöglich. Beispielsweise auf wilde, gegen Kälte und Schädlinge resistente Rosen werden gewünschte Sorten gepfropft und bestimmte Eigenschaften – Farbe, Duft, gefüllte Blüten – gezielt gefördert.

Die Ableger einer Pflanze sind schlicht Klone, eine einzelne Pflanze kann mit ihnen zahlreich vermehrt werden und alle enthalten den gleichen genetischen Code. Klonen muss nichts mit Genmanipulation oder Gentransfer zu tun haben, es ist ein uraltes Handwerk, das jeder Gärtner beherrscht und Kinder schon mit Begeisterung ausprobieren.

»Meine« Yamswurz gehört allerdings zu einer Pflanzengruppe, bei der dies normalerweise nicht so einfach gelingt, weshalb die Ergebnisse meiner Forschungen umso interessanter waren. Die Yamswurz sieht zwar aus wie eine Kartoffel, sie gehört aber eher zu den Lilien- und Zwiebelgewächsen, die sich nicht über Stecklinge vermehren lassen und ganz anders aufgebaut sind.

Eine spannende wissenschaftliche Herausforderung, aber für mich zählte vor allem, dass diese Pflanze meine Eintrittskarte in die echte tropische Wildnis war, denn meine Forschungsergebnisse aus Paris führten zu weiteren Förderungen und in die Welt. Nach Rolands schillernden, abenteuerlichen Erzählungen wollte ich allerdings nicht mehr irgendwo im Dschungel forschen, sondern unbedingt in Costa Rica.

Es gab am Frankfurter Botanischen Institut nicht viele Wissenschaftler, die mit tropischen Pflanzen arbeiteten. Wir kannten uns untereinander, und ich fragte nun jeden, ob er Verbindungen zu einem Forschungsinstitut in Costa Rica habe. Dass ich schon beim ersten Kollegen ins Schwarze treffen sollte, hatte ich nicht zu träumen gewagt.

Wenig später hatte ich ein Stipendium in der Tasche, und es dauerte auch nicht lange, bis das Ticket nach Costa Rica bei mir im Briefkasten landete. Nur mit dem Zimmer in Universitätsnähe war es genauso schwierig wie in Paris. Aber darüber machte ich mir keine Gedanken mehr, schließlich hatte sich mithilfe der Yamswurz immer etwas gefunden. Inzwischen hatte ich auch einige Wochen an der Universität Basel geforscht und am Max-Planck-Institut in Köln und jedes Mal einen Unterschlupf im letzten Moment gefunden.

Der Start ins Abenteuer

Viel mehr Gedanken machte ich mir darüber, was ich alles mitnehmen sollte. In meinem weitläufigen Verwandten- und Freundeskreis hatten sich doch noch einige gefunden, die irgendeine Beziehung zu Costa Rica hatten, und wenn es um drei Ecken war. Die Aussagen darüber, was ich für einen mehrmonatigen Forschungsaufenthalt dort bräuchte, hätten allerdings unterschiedlicher nicht sein können. Eben mal schnell im Internet nachschauen war auch keine Option, denn das war noch nicht einmal erfunden, zumindest nicht das World Wide Web. Aber auch Reisebüros und Literatur waren wenig hilfreich, es gab auch keine Reiseführer. In diversen Reisebüros bekam ich meist umgehend Informationen über die Karibikinsel Puerto Rico. Es blieb mir also nichts anderes übrig, als mich darauf zu verlassen, was mir die stille Post zugeflüstert hatte, und ich beherzigte die meist gut gemeinten Tipps.

Da es keine Direktflüge gab, startete ich zunächst mit ziemlich viel Gepäck nach Florida. Als sich die automatische Tür am Flughafen Miami öffnete, schlug mir die heiße Luft entgegen wie eine Druckwelle oder ein gigantischer Fön. Als hätte die tropische Sonne nur darauf gewartet, mir zum Willkommensgruß ihre feuchtwarme, schweißige Hand entgegenzustrecken. Dabei war ich noch ein gutes Stück von den Tropen entfernt, als ich bei der Zwischenlandung das gut klimatisierte Flughafengebäude verließ, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Die Hitze nahm mir schier den Atem, was mich aber nicht dazu veranlasste, postwendend in das angenehm kühle Flughafengebäude zurückzukehren. In Deutschland war der Oktober alles andere als golden gewesen, und nachdem ich mich ein wenig daran gewöhnt hatte, genoss ich die Hitze sogar. Blinzelnd blickte ich in einen strahlend blauen Himmel. Nichts war von der Hurrikansaison zu spüren, die normalerweise um diese Jahreszeit, begleitet von sintflutartigen Regenfällen, durch Florida tobt. Kein noch so kleines Wölkchen war am Himmel zu sehen, und neben der inzwischen wohltuenden Wärme genoss ich vor allem die Farben und das Licht der subtropischen Vorboten meiner Expedition ins Unbekannte.

Dieses kurze Rendezvous mit der guten Laune der Natur kam mir wie ein gutes Omen für meinen bevorstehenden viermonatigen Aufenthalt in Costa Rica vor. Normalerweise bin ich nicht abergläubisch, aber Anfang zwanzig, so ganz auf sich allein gestellt in der weiten Welt, ohne Handy oder Internet als sicheren Draht in die Heimat, galten selbst für mich als Wissenschaftlerin andere Gesetze zwischen Himmel und Erde als die streng naturwissenschaftlichen. Und so nahm ich den strahlend blauen Himmel von Florida als wohlwollenden Fingerzeig des Himmels mit auf meine Weiterreise.

Zuversichtlich stieg ich in die Anschlussmaschine nach Costa Rica, als die gnädige Sonne sich längst mit einem rauschend roten Inferno für den Tag verabschiedet hatte. Keine drei Stunden dauerte es, bis unter mir das Lichtermeer der Hauptstadt San José aufleuchtete. Kein Wölkchen trübte meinen Blick auf das gelobte Land im Glanz der Nacht. Auch hier schien das Schicksal ein Loch in den Wolkenvorhang gerissen zu haben: Die Regenzeit, die normalerweise erst im Januar zu Ende geht, schien sich für mich bereits Mitte Oktober auf leisen Sohlen davongeschlichen zu haben. Es war, als wollte sich das Land bei meiner Ankunft mit allen Mitteln von seiner besten Seite zeigen.

Als ich das Rollfeld betrat, überraschte mich die im Gegensatz zu Miami klare, angenehm kühle Nachtluft und erinnerte mich daran, dass ich mich auf einem Bergplateau in 1200 Metern Höhe befand.

Unsere Maschine war weit und breit das einzige Flugzeug auf dem damals noch winzig kleinen Flughafen. Es schien, als wären alle Flughafenmitarbeiter mit der Ankunft unserer Maschine aus einem Dornröschenschlaf erwacht und sofort in emsiges Treiben verfallen – allerdings fern von jeglicher Hektik. Mañana – »morgen«, tranquilo – »gelassen« ist das Motto der Costa Ricaner. Worte, die mich bis heute wie ein Mantra verfolgen, wenn ich in allzu hektische Situationen gerate.

In entsprechendem Tempo und ohne jegliche Zwischenfälle verlief auch die Passkontrolle. »Alemán«, nickte mir der Kontrolleur beim Blick in meinen Pass anerkennend zu, um nach einer kurzen, dramaturgischen Pause mit »Futbol, muy bien« fortzufahren. Meinem Gesichtsausdruck war wohl zu entnehmen, dass ich keine Ahnung hatte, wovon er sprach. Dass mit futbol Fußball gemeint war, entging mir zwar trotz meiner mangelnden Spanischkenntnisse nicht, nur der Zusammenhang erschloss sich mir nicht so recht.

Ich hatte damals weder eine Ahnung davon, welche zentrale Bedeutung dieser Sport für das kleine mittelamerikanische Land hatte, noch daran gedacht, dass die Deutschen im Jahr zuvor den WM-Titel mit einem 0:2 für Frankreich nur knapp verpasst hatten, was zu dem anerkennenden Nicken des Zollbeamten geführt hatte. Davon, dass die Costa Ricaner fieberhaft daran arbeiteten, sich für die darauffolgende WM zu qualifizieren und dies auch schaffen sollten, hatte ich ebenfalls keine Ahnung. Aber mir dämmerte, dass außer mir wohl nicht viele Deutsche hier unterwegs waren.

Die Bemerkung quittierte ich mit einem entsprechend freundlichen »Gracias«. »Danke« war so ziemlich das einzige Wort, das ich auf Spanisch gelernt hatte. Da ich die darauffolgende Frage »Hablas español?« nur mit einem bedauernden »No« beantworten konnte, stempelte der freundliche Beamte endlich meinen Pass und ließ mich weiterziehen. Von Ungeduld in der wartenden Schlange hinter mir war nichts zu spüren, statt europäischer Hektik lateinamerikanische Gelassenheit – pura vida. Das ist ein nicht zu übersetzender Ausdruck costa-ricanischer Lebensfreude und passt eigentlich immer.

Diese Gelassenheit verschaffte dem Bodenpersonal genug Zeit, die für die wenigen Passagiere unverhältnismäßig vielen und teilweise sehr unförmigen Gepäckstücke in die Halle zu bugsieren. Was weniger an meinem etwas zu umfangreich geratenen Gepäck lag, sondern vielmehr an dem Usus gut situierter costa-ricanischer Familien, in Miami shoppen zu gehen. Entsprechend waren überdimensionale Pappkartons, verschweißte Fahrräder oder Kinderwagen kein unübliches Gut, das das Flughafenpersonal neben zahlreichen Koffern unterschiedlichster Größen und Farben nun hereinschleppte. – Förderbänder waren in den Achtzigerjahren am Flughafen in San José noch Zukunftsmusik. Mit meinen zwei riesigen Koffern und dem Seesack sah ich daher eher dazugehörig aus denn fremd.

Als mich Roland und seine Frau Monika vor dem einzigen Ausgang des damals einzigen internationalen Flughafens des Landes erwarteten, war ich noch der festen Überzeugung, den Inhalt meines schweren Gepäcks dringend zu benötigen. Mit leicht hochgezogenen Augenbrauen begutachteten die beiden inzwischen in Costa Rica heimisch gewordenen Freunde das Transportgut: Roland hoffnungsfroh, dass ein paar mehr Schuhe für ihn in den Koffern wären als vorgesehen, und Monika leicht belustigt.

Bei der Bemerkung: »Da passen aber viele Schuhe Größe 46 rein«, zuckte ich zusammen. Größe 46? Nicht, dass ich den Auftrag vergessen hatte, für Roland Schuhe zu besorgen – aber hatte er wirklich Größe 46 gesagt? Unbemerkt senkte ich den Blick und schaute auf ein paar ziemlich große Füße in ziemlich durchlöcherten Schuhen. Ich hatte mich schon gewundert, dass es in Costa Rica keine Schuhe in Größe 42 geben sollte.

Die Freude über das Mitbringsel in falscher Größe war damals also dementsprechend getrübt, vor allem weil die heiß ersehnten Quanten bereits für den Abend verplant gewesen waren. Der Tag sollte nämlich mit meiner verspäteten Ankunft um 22 Uhr nach einer achtzehnstündigen Reise keinesfalls zu Ende sein. In Deutschland dämmerte inzwischen schon der nächste Tag, und im Flugzeug hatte ich vor Aufregung nicht schlafen können. Ich war todmüde, aber nicht bereit, irgendetwas zu verpassen. Mir blieb wenigstens Zeit für eine kurze wohltuende Dusche im Hotel, bevor wir wieder aufbrachen, und zwar diesmal zu Fuß. Das Hotelgebäude war eines der wenigen gut erhaltenen Kolonialbauten und lag ziemlich günstig im Zentrum der Hauptstadt San José.

Nach wenigen Metern erreichten wir den Stadtpark Morazán, benannt nach einem frühen costa-ricanischen Präsidenten, der sich bereits Mitte des 19. Jahrhunderts für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in ganz Lateinamerika starkgemacht hatte und dafür bis heute verehrt wird. Allerdings nicht von allen, da er in Costa Rica die allgemeine Wehrpflicht einführen und die Föderation vor allem mit militärischen Mitteln vereinen wollte, woraus eine sehr kurze Amtszeit in Costa Rica resultierte: Im April 1842 wurde José Francisco Morazán zum Präsidenten von Costa Rica gekürt, und im September des gleichen Jahres wegen Amtsmissbrauch in der Hauptstadt hingerichtet. Was die Costa Ricaner nicht davon abhielt, ihm mit diesem wunderschönen tropischen Park ein Denkmal zu setzen.

Zwischen riesigen Gummibäumen und schier endlos langen Palmen wandelten wir auf einem von verschnörkelten Parkbänken gesäumten Weg, der ein wenig aus der Zeit gefallen schien, genau wie der Musiktempel, der mir irgendwie bekannt vorkam. »Versailles mon amour«, beantwortete Roland meine stumme Frage und fügte noch hinzu, dass der Tempel tatsächlich ein exakter Nachbau eines Musiktempels im Versailler Schlosspark sei, aber erst 1920 gebaut wurde. Ein Relikt aus den Zeiten rauschender Feste einer prosperierenden Stadt.

Unser Ziel lag in unmittelbarer Nähe, und die Klänge lateinamerikanischer Tanzmusik drangen bereits gedämpft in den Park und mischten sich melodiös mit dem Gezirpe der Zikaden, das wie von einem Geisterdirigenten inszeniert zu einem Crescendo anschwoll, als wir später den Park verließen. Vor uns lag ein koloniales Prachtgebäude aus dem Ende des 19. Jahrhunderts im viktorianischen Stil, das vor einigen Jahren zum nationalen Monument erklärt wurde. Auf dem über Eck liegenden Eingang prangte in Leuchtschrift der Name: Key Largo. Zielsicher steuerte Roland darauf zu. Ich sollte das Herz von Costa Rica tanzend erobern, und trotz aller Müdigkeit war ich mehr als bereit dazu.

Die lateinamerikanischen Rhythmen weckten meine müden Lebensgeister. Monika und ich schwangen ungelenk die Hüften zu den Salsaklängen, zumindest im Vergleich zu den fließenden Bewegungen einheimischer Tänzerinnen. Unsere Bewegungen wurden aber nach jedem Schluck Piña Colada harmonischer, während Roland mit seinen Hobbitfüßen, die durch meine Schuld nackt und schmutzig über die Tanzfläche huschten, eher einen rituellen Ureinwohnertanz aufführte. Für die Einheimischen boten wir sicherlich einen grotesken, wenngleich auch unterhaltsamen Anblick. Bis in die frühen Morgenstunden hielten uns die heißen Rhythmen in Atem und boten einen perfekten Auftakt für mein bevorstehendes Dschungelabenteuer.

Ich hatte diesen Abend und die ganze exotische Atmosphäre unglaublich genossen und empfahl später jedem, der es hören wollte oder auch nicht, diese Tanzbar zu besuchen – nicht ahnend, dass sich das Key Largo zu einer der verruchtesten Bars, dem Epizentrum der Prostitution und des Drogenumschlags in Costa Rica entwickeln sollte. Ich hatte in dem Etablissement nur ein harmloses Tanzlokal sehen können. Dass der noch immer angesagte Club damals schon bekannt dafür war, dass dort vor allem amerikanische Männer auf der Suche nach jungen Costa Ricanerinnen, vornehmlich Prostituierte, waren, entzog sich meiner Kenntnis, und aufgefallen war mir nichts dergleichen – der Tag war schließlich sehr lang gewesen. Als wir endlich zum Hotel aufbrachen, hatte in Deutschland schon längst der Alltag begonnen. Acht Stunden Zeitunterschied trennen die Länder – und ich war inzwischen weit mehr als vierundzwanzig Stunden unterwegs.

Pura vida – Sitten und Gebräuche

Als das Telefon um sieben Uhr dreißig Ortszeit klingelte, um mich zu wecken, war ich trotzdem schon längst auf den Beinen, obwohl ich nach der langen erschöpfenden Reise höchstens vier Stunden geschlafen hatte. Meine innere Uhr und der enorme Zeitunterschied hatten zu einem leichten Dämmerschlaf in den Morgenstunden geführt, und die strahlende tropische Sonne, die hier das ganze Jahr über pünktlich um sechs Uhr morgens über den Horizont kriecht, hatte mich geweckt. Begleitet wurde das Farbenspiel, das mit einem leuchtenden Orange begonnen hatte, von einem Orchester unterschiedlichster Töne: Krächzend und singend begrüßten die verschiedensten exotischen Vögel den prächtigen Morgen, während hupend und mit knatternden Motorengeräuschen die Pendler ins Zentrum drängten. Aus der Ferne gesellten sich Markt- und Marimbaklänge hinzu. Das Timbre dieses Instruments, das an ein Xylophon erinnert, ist die wunderbare Musik von Lateinamerika und ganz besonders von Costa Rica.

Als ich wenig später den Speisesaal des Hotels betrat, saßen Monika und Roland schon beim Frühstück. Die deftigen Gerüche, die mir in die Nase stiegen, konnte ich normalerweise um diese Uhrzeit nicht ertragen, höchstens den wohltuenden Duft von frisch gebrühtem Kaffee, der im Kaffeeland Costa Rica natürlich auch nicht fehlte und sich mit den anderen Gerüchen verband. Da sich in Deutschland der Tag aber bereits neigte und mein Magen noch heimatlich eingestellt war, störten mich die deftigen Dämpfe jedoch wenig, und ich merkte, wie hungrig ich eigentlich war.

»Möchtest du auch ein Pinto, unser typisches Tico-Frühstück?«, fragte mich Monika gut gelaunt. In Anbetracht meines knurrenden Magens nickte ich nur, ohne zu ahnen, was auf mich zukommen sollte.

Ticos, das hatte ich längst bei meinen Vorbereitungen gelernt, nennen sich die Costa Ricaner selbst, Ticas sind demnach Costa Ricanerinnen. Nachdem die Bestellung aufgegeben war, fragte ich trotzdem nach, denn der eine Begriff war mir völlig fremd: »Und was heißt Pinto?«

»Gesprenkelt, weil …«, Monika musste ihre Erklärung unterbrechen, da das »Gesprenkelte« gerade serviert wurde. Weitere Erklärungen konnte sie sich dann auch ersparen, das »Gesprenkelte« war mehr als deutlich zu erkennen: Leuchtend rote Bohnen und grüne Kräuter kontrastierten einen blütenweißen Reis.

Im Pinto stecken aber noch ein paar mehr raffinierte Zutaten, und jeder costa-ricanische Koch und fast jede Familie hat ihr eigenes »Pinto-Geheimnis«. Die grünen Kräuter stellten sich als gehackter Koriander heraus. Der eigenwillige Geschmack dieses eigentlich asiatischen Krauts ist nicht jedermanns Sache, aber ich liebte ihn vom ersten Moment an. Zu den Ingredienzen gehören außerdem noch Zwiebeln, ganz fein gehackte rote und grüne Paprika sowie etwas frischer Chili. Als Beilage zum klassischen Pinto reicht man gebratenen Speck, gebratene Kochbananen, Tortillas und Spiegel- oder Rühreier. Aber die Krönung ist die Sauce, die Salsa Lizano. Mit »costa-ricanischem Ketchup« wäre diese Köstlichkeit, die um 1920 in Costa Rica erfunden wurde, zu profan beschrieben. Es ist eine feine Komposition aus Gemüse, Senf, Chili, Kurkuma, fein säuerlich abgerundet mit Tamarinden.

Richtig genießen konnte ich die costa-ricanische Spezialität nicht, denn Roland drängte zur Eile, da er auf jeden Fall vor Sonnenuntergang zu Hause sein und unterwegs noch ein paar Besorgungen machen wollte. Doch bis dahin waren es noch mehr als acht Stunden. Ich konnte kaum glauben, dass wir für die gut dreihundert Kilometer bis nach Nosara, an der Pazifikküste, fast den ganzen Tag brauchen sollten, aber ich verstand natürlich, dass Roland noch bei Tageslicht ankommen wollte. Noch heute muss man für viele Erledigungen nach San José, die Hauptstadt und einzige richtige Stadt im ganzen Land, fahren. In und um diese Stadt leben schließlich auch die meisten der knapp fünf Millionen Einwohnerinnen und Einwohner von Costa Rica. Da Monika und Roland aber genau wussten, was sie wo kaufen wollten, waren wir mit den Einkäufen bald fertig und fuhren nun gen Nosara auf der Panamericana, der weltberühmten Straße, die am Pazifik entlang von Alaska nach Feuerland führt – also auch durch Costa Rica und nicht nur entlang der Küste.

Der Aufbruch ins Paradies

Da die Pazifikküste von Costa Rica an zwei großen Halbinseln ellenlange Windungen vollführt und dies die Strecke von Nicaragua nach Panama vervielfacht hätte, wurde die Panamericana in Costa Rica durch die Hochebene im Zentrum verlegt, sodass sie sich dort wie eine Schlange durch die Kordilleren die Berge hinauf und hinunter windet. Rolands vollgepackter zebragestreifter Pick-up, der mich sehr an den legendären Serengeti-Fuhrpark des damals gerade verstorbenen Bernhard Grzimek erinnerte, kroch entsprechend langsam die Serpentinen hoch.

Schwer beladene, uralte, schnaufende Laster bremsten den fließenden Verkehr auf der einzigen Nord-Süd-Verbindungsstraße des Landes. Langsam fing ich an zu glauben, dass Roland mit seiner Zeiteinschätzung nicht übertrieben hatte, und war insgeheim sogar dankbar dafür, dass wir nur so langsam vorankamen. Ich hatte dadurch viel mehr Zeit, die atemberaubende Landschaft zu genießen. Endlose Kaffeeplantagen schmiegten sich an die Bergrücken, gespickt mit Schattenbäumen, deren leuchtend orange Blüten hell im Morgenlicht strahlten. Diese Korallenbäume, Erythrina, erfüllen jedoch noch eine andere Funktion: In ihren Wurzeln leben stickstofffixierende Bakterien, die den Boden mit natürlichem Dünger anreichern.

Doch schon bald kroch ein dichter Nebelschleier über die Kuppen, waberte gespenstisch über den Asphalt und versperrte den Blick auf die malerische Landschaft. Niemals hätte ich hier fahren wollen. Wie aus dem Nichts tauchten steile Felsvorsprünge direkt neben der Straße auf, und die engen Kurven waren plötzlich kaum mehr zu sehen. Eine extrem steil überhängende Felswand hat sich besonders in mein Gedächtnis gebrannt, vor allem nach dem, was mir ein paar Jahre später genau an dieser Stelle passierte:

Die Erde bebt

Ich hatte 1990 gerade den offiziellen Preis »Amiga de Costa Rica« (Freundin von Costa Rica) überreicht bekommen und wurde mit einem Wagen des Tourismusministeriums nach Nosara gefahren. Meine Spanischkenntnisse waren zu dieser Zeit leider immer noch nicht die besten, und ich unterhielt mich radebrechend, so gut es eben ging, mit dem Fahrer über alle möglichen Themen, als wir in einen Stau gerieten und schlingernd zum Stehen kamen.

»Terremoto«, kommentierte der Fahrer mit einer wackelnden Geste am Lenkrad. Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, und stellte allerlei Vermutungen an, von einer defekten Kupplung bis zum Motorschaden. Da der Fahrer aber keinerlei Anstalten machte, nach dem Motor zu sehen und auch alle anderen Fahrzeuge standen, war mir schnell klar, dass wir keine Panne hatten. Als ich die ersten Fahrer eines Radrennens erblickte, die die Panamericana überquerten, glaubte ich die Lösung des Rätsels gefunden zu haben. Doch als die Radfahrer längst vorbeigefahren waren, der Verkehr immer noch im Schneckentempo voranging und mein Fahrer mir weiter zu erklären versuchte, was terremoto bedeutet, wurde mir bewusst, dass auch das Radrennen nicht die richtige Antwort war. Erst als wir eine weitere Kurve passiert hatten und ich die Katastrophe sah, erkannte ich die tragische Bedeutung dieser spanischen Vokabel: Erdbeben.

Wenige Meter vor uns, mitten auf der Panamericana, lag ein riesiger Felsbrocken, der von der Steilwand förmlich heruntergeschüttelt worden war. Daneben stand ein Bus mit einer völlig zerstörten Fahrerkabine, der Busfahrer lebte nicht mehr. Ein schweres Erdbeben der Stärke 7,5 hatte das Land erschüttert, und ich war mittendrin und hatte es nicht bemerkt.