Be still - Katie Weber - E-Book
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Be still E-Book

Katie Weber

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Beschreibung

Als hätte er nicht schon genug mit seinem Image und den daraus entstandenen Karriereproblemen zu kämpfen, begegnet der kanadische Eishockey-Star Cage Lancaster ausgerechnet auf der Hochzeit seiner Ex-Freundin seiner ersten großen Liebe Alexis nach knapp fünf langen Jahren wieder. Die Freude darüber währt jedoch nur kurz, denn Alexis konfrontiert ihn plötzlich mit einer Wahrheit, die bereits viel zu lange verschwiegen wurde - mit ihrer vierjährigen Tochter Josie, die Cage verdächtig ähnlich sieht.

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Seitenzahl: 312

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Be still

STILL I

Katie Weber

© Katie Weber, 2018

Alle Rechte vorbehalten.

Freiherr-vom-Stein-Str. 23, 69517 Gorxheimertal

Buchcoverdesign: Katie Weber – unter Verwendung

von Bildmaterial von shutterstock.com

Korrektorat: Nathalie Kunze

katieweber.de

Für Mama,

in tiefer Liebe.

Inhalt

1. Cage

2. Cage

3. Alexis

4. Alexis

5. Cage

6. Cage

7. Alexis

8. Alexis

9. Cage

10. Cage

11. Alexis

12. Alexis

13. Cage

14. Alexis

15. Alexis

16. Cage

17. Alexis

18. Cage

19. Cage

20. Cage

21. Alexis

22. Cage

23. Cage

24. Alexis

1

Cage

Das weiße Kleid an ihrem Körper sah majestätisch aus. Kelsey schien unglaublich glücklich und eigentlich sollte mich das freuen, schließlich wollte ich nur das Beste für sie. Dennoch war es seltsam zu beobachten, wie meine Ex-Freundin, meine ehemalige Wegbegleiterin, einen anderen heiratete.

Zwar war unsere Trennung schon ewig her, doch so ganz verstand ich das alles immer noch nicht. Wie war es soweit gekommen? Wann und warum? Ich wusste gar nicht mehr so recht, was der Grund unserer damaligen Trennung war, wusste nicht, ob sie oder ob ich mich dazu entschlossen hatte. Oder gar wir beide?

Momentan schien alles wie ein Film an mir vorbeizulaufen. Mein gesamtes Leben hatte sich verändert und ich stand wie ein Geist vollkommen neben mir und sah tatenlos, vor allem aber ratlos, dabei zu. Ich war nicht mehr der, der die Entscheidungen traf, sondern nur noch ein erbärmlicher Zuschauer einer Cage Lancaster Show, die ich nicht verstand und dessen Drehbuch ich sicherlich anders geschrieben hätte.

Was war bloß mit mir los, dass nichts mehr so war, wie es schien und nichts mehr so lief, wie ich es wollte, wie ich es doch eigentlich immer geplant hatte? War das alles nur ein böser Traum oder saß ich hier tatsächlich gerade auf der Hochzeitsfeier meiner Ex-Freundin und versuchte mich für sie und ihren jetzt frisch angetrauten Ehemann, meinem besten Freund Shawn, zu freuen?!

Scheinbar.

Denn ich wusste, ich liebte Kelsey nicht mehr. Das zwischen uns war schon lange Vergangenheit. Und dennoch war es merkwürdig und irgendwie auch falsch, den beiden zuzusehen, wie sie sich küssten, wie sie sich ewige Liebe schworen und die Ringe tauschten.

Eigentlich sollte ich längst daran gewöhnt sein, denn ich sah die beiden nicht zum ersten Mal so vertraut und verliebt zusammen. Schließlich war Shawn nach wie vor mein bester Freund und würde es immer bleiben. Nur weil sich meine Ex-Freundin in ihn verliebte und er ihre Liebe erwiderte, bedeutete das noch lange nicht, dass ich meine Freundschaft zu ihm kündigte. Ich hatte keinen Grund dazu, denn die Liebe tat immer nur das, was sie tun wollte. Keiner der beiden hatte es so geplant, niemand konnte wissen, dass es irgendwann mal so kommen würde, dass es nun so endete.

Vielleicht waren die beiden schon immer füreinander bestimmt gewesen?

Vielleicht war das der einzig wahre Grund, weshalb ich je mit Kelsey zusammen war?

Vielleicht war ich vom Schicksal nur Mittel zum Zweck dieser Liebe?

Vielleicht aber redete ich mir das alles nur ein, um es erträglicher für mich zu machen.

Ganz sicher sogar.

Mir war klar, Kelsey wollte nur nett sein. Sie wollte mich dabeihaben, auch wenn ihr bewusst war, dass es seltsam war, mich zu ihrer eigenen Hochzeit einzuladen. Doch genau wie zu Shawn hatte sich mein Verhältnis zu ihr kaum verändert, wir waren Freunde, unsere Trennung vor über einem Jahr verlief unkompliziert und wir waren im Guten auseinandergegangen. Wieso hätte ich diese Einladung also nicht annehmen sollen? Wäre es nicht feige gewesen, nicht zu kommen? Schließlich war mein gesamter Freundeskreis hier und heute anwesend. Ich hatte also kaum eine andere Wahl, auch wenn mir gerade so gar nicht nach Feiern zumute war und jeder hier schien es zu wissen. Deswegen schenkten sie mir immer wieder diesen mitleidvollen Blick, den ich mühsam mit einem lockeren Lächeln wegzuwischen versuchte.

Die aktuelle Saison ... Sie lief bisher nicht so, wie erwartet. Und je mehr Probleme und Spekulationen hinzukamen, je näher die Playoffs rückten, desto mehr sehnte ich es herbei. Zum ersten Mal in meiner gesamten Karriere wünschte ich mir das Ende der Saison. Und das nicht einfach nur, weil ich geschlaucht und müde war. Ich hatte längst das Vertrauen verloren – in mein Team, vor allem aber auch in mich selbst. Ich wollte endlich meine Ruhe, wollte mein Leben ordnen und in richtige Bahnen lenken. Denn das schien momentan schlicht unmöglich ...

»Hallo, schöner Fremder, ist noch ein Platz frei neben dir?«

Die Frage riss mich aus den Gedanken und sofort bildete sich eine Gänsehaut auf meinem Körper, als mir bewusst wurde, dass ich diese unvergleichbare Stimme kannte. Und doch hatte ich sie schon eine Ewigkeit nicht mehr gehört, hatte sie sehr häufig vermisst und gehofft, ich würde irgendwann noch einmal in meinem Leben in ihren Genuss kommen können. Vielleicht hatte ich gerade deshalb das Gefühl, ich bildete mir das alles nur ein und traute mich kaum, mich umzudrehen und ausgerechnet der Frau wieder in die Augen zu sehen, die damals alles veränderte, die mein Blatt wendete und mich zu einem anderen Mann machte – einem, der nur seine Karriere liebte.

Alexis war meine erste, große Liebe. Doch unsere Pläne kreuzten sich, wir hatten keine Chance. Sie ging nach England, um dort zu studieren und ihren Traum zu verwirklichen, genau wie ich, als ich nach der Highschool in die Staaten zog, um mein Sportstipendium und später meine Hockeykarriere ins Laufen zu bringen.

Unsere Träume kollidierten miteinander und so geschah das, was wir in unserem jugendlichen Leichtsinn nicht vermeiden konnten. Wir stellten unser beider Zukunft über unsere Liebe zueinander, über unsere damalige Beziehung. Und im Nachhinein wusste ich – es war ein Fehler.

»Ich weiß, du erinnerst dich an mich, Cage. Und ich weiß auch, dass ...«

Noch ehe sie ihren Satz beenden konnte, nahm ich all meinen Mut zusammen und drehte mich zu ihr um, ließ sie augenblicklich verstummen. Alexis sah bezaubernd aus – wie immer. Sie hatte sich kaum verändert, schien nur erwachsener und reifer zu sein, als bei unserem letzten Aufeinandertreffen vor knapp fünf Jahren. Ihre himmelblauen Augen strahlten wie jedes verdammte Mal mit der Sonne um die Wette und ihr atemberaubendes Lächeln, auch wenn es in diesem Moment ein wenig nervös und unsicher wirkte, umgab mich sofort mit einer unendlichen Wärme.

Aus irgendeinem Grund war ich froh, dass sie hier war und dass ich sie nach so vielen Jahren endlich wiedersehen konnte, obwohl ich nicht so recht wusste, was sie hier tat und weshalb Kelsey ausgerechnet Alexis zu ihrer Hochzeitsfeier eingeladen hatte. Doch das war mir in diesem Moment völlig egal, denn die Freude sie wiederzusehen überwog deutlich. So deutlich, dass ich keine Sekunde länger zögerte und den freien Stuhl neben mir zur Seite schob, damit sie sich setzen konnte.

Lächelnd nahm sie mein stummes Angebot an und ließ sich zaghaft neben mir nieder. Sie schien mehr als nur nervös, doch mir ging es nicht anders. Wir hatten uns eine lange Zeit nicht mehr gesehen, hatten nichts voneinander gehört und so wusste ich nicht, wie es ihr ging, was sie so machte, wo sie nun lebte und ... mit wem.

»Es ist schön, dich zu sehen«, entkam es uns beiden gleichzeitig wie aus einem Mund und wir mussten unweigerlich lächeln.

»Entschuldige, aber es ist irgendwie ... ein wenig seltsam«, gestand sie flüsternd, in der Hoffnung, die anderen Gäste an unserem Tisch würden uns nicht verstehen oder uns nicht zuhören.

»Ja. Ich weiß, was du meinst.« Schmunzelnd musterte ich sie etwas genauer. Ihre goldblonden Haare hatte sie speziell für diese Hochzeitsfeier leicht verspielt hochgesteckt und mit ein paar kleinen, weißen Blumen verziert, was wirklich schön aussah und ihr unglaublich gut stand. Es sah nicht übertrieben aus, wirkte immer noch sehr lieblich und bodenständig, so wie ich es von ihr gewohnt war. Denselben Eindruck erweckte auch ihr fliederfarbenes Kleid. Denn es war eher schlicht und dennoch hübsch, dank der edlen Spitze, die Dekolletee und Rücken verdeckte. Alexis sah wunderschön aus. Wie eben immer, wenn ich sie sah ...

»Darf ich fragen, was du hier machst?«, fragte ich leise und meine Mundwinkel zogen sich verräterisch nach oben, während sie verträumt zu Kelsey und ihrem frisch angetrauten Ehemann sah, die gerade offensichtlich das Buffet eröffneten.

»Shawn«, wisperte sie grinsend. »Er hat gehört, dass ich wieder in der Stadt bin und wollte mich unbedingt dabeihaben. Also haben er und Kelsey mich eingeladen«, erklärte sie mit nervösem Lächeln.

»Du bist wieder in der Stadt?«, purzelte die Frage regelrecht und unaufhaltsam aus meinem Mund. »Seit wann und wie lange bleibst du?« Plötzlich spürte ich so etwas wie eine sanfte Hoffnung in mir aufsteigen. Auch wenn es zwischen uns schon lange vorbei war, so wäre es doch sehr schön, ein bisschen Zeit mit ihr verbringen zu können, sich zu treffen und ein wenig zu reden, Spaß zu haben.

Alexis sah mich unsicher und zweifelnd an, seufzte kaum hörbar und durchbohrte mich mit ihren Augen, während ich tief in meinem Magen langsam spürte, dass etwas nicht stimmte und sie mir irgendetwas zu sagen versuchte, etwas, was ihr eventuell oder auch offensichtlich schwerfiel.

»Cage, ich ... Ähm, ich weiß gar nicht so recht, wie ich dir das jetzt sagen soll, aber ... Ich bin nicht nur zu Besuch hier«, stammelte sie flüsternd und biss sich nervös auf die Unterlippe, während ich zu verstehen versuchte, was sie mir damit sagen wollte.

»Wie meinst du das?«

Tief durchatmend strich sie sich verunsichert eine Haarsträhne hinter das Ohr und sah mich mit einem entschuldigenden Lächeln an. »Ich lebe hier. Bin wieder hierhergezogen. Vor ein paar Wochen schon ... Und diesmal habe ich vor zu bleiben.«

Die Erkenntnis schlug peinigend auf mich ein, denn damit hätte ich niemals gerechnet. Nie hatte ich daran gedacht, Alexis würde irgendwann wieder zurückkommen, würde wieder in meiner – in unserer – Heimatstadt leben wollen. Doch scheinbar hatte ich mich getäuscht.

»Soll das heißen, du bist wieder zurück? Du hast hier eine Wohnung und einen Job gefunden und willst tatsächlich hierbleiben?«

Alexis lächelte, diesmal etwas selbstsicherer. Überzeugter. »Ja, ich bin und bleibe tatsächlich hier. Auch wenn es noch ein wenig gewöhnungsbedürftig und seltsam ist. Vor allem, wenn man ständig Leute im Supermarkt oder an der Tankstelle trifft, die man noch von früher kennt.« Sie lachte leise und sah mich durchdringend an. »Ich hoffe, das ist okay für dich und du kommst damit klar – jetzt, wo du seit einigen Jahren aus den Staaten zurück bist und dir hier ein neues Leben aufgebaut hast.« Erneut wurde sie etwas unsicher und biss sich auf die Unterlippe.

Ich sah allerdings keinen Grund, weshalb ich nicht damit zurechtkommen sollte, sie nach so vielen Jahren wieder in meiner Nähe zu haben. Der Gedanke war genau genommen sogar ganz schön. Schließlich gehörte sie nach wie vor zu meinem Freundeskreis und wir verstanden uns trotz all der Differenzen und Streitigkeiten von damals.

Ermutigend lächelte ich sie an. »Ich freue mich, dass du wieder da bist, ehrlich.«

Alexis atmete hörbar erleichtert aus und grinste. »Dann findest du das nicht irgendwie merkwürdig und willst mir auch nicht aus dem Weg gehen?« Sie lachte nervös.

»Weswegen sollte ich? Etwa wegen der Sache von vor fünf Jahren? Das ist doch Schnee von gestern und war auch nicht weiter von Bedeutung. Das hast du damals selbst gesagt, oder?« Prüfend bohrte sich mein Blick in ihren, um die Wahrheit darin zu finden, doch Alexis verzog keine Miene, blinzelte nicht einmal. Lediglich ihr Körper verriet sie, der sich bei der Erinnerung an unsere letzte gemeinsame Nacht vor über fünf Jahren sichtlich anspannte.

Bereute sie es?

»Ich meine das ernst, Alexis. Ich freue mich wirklich, dass du wieder hier bist, denn ich bin sicher, hier wirst du glücklich. Und ich glaube, wir beide haben absolut keinen Grund, uns zu meiden. Wir sind nie im Bösen auseinandergegangen, haben nie schlecht übereinander geredet oder haben uns verflucht und daher wünsche ich dir nach wie vor das Allerbeste«, flüsterte ich andächtig, während ich mich genau wie früher einst unaufhaltsam im blauen Himmel ihrer Augen verlor.

Doch, statt sich ein wenig zu entspannen, versteifte sie sich immer mehr. »Ich bin nicht allein zurückgekommen, Cage ...«, huschte es Alexis plötzlich schrecklich leise über die Lippen, ihre Stimme schien so zerbrechlich, dass ich sie kaum verstand. »Ich ... Ich lebe mit jemandem zusammen«, erklärte sie, suchte nach den richtigen und vor allem passenden Worten. »Mit jemandem, der ...«

Ein lauter Knall unterbrach sie und wir schauten beide zu dem Brautpaar, erkannten, dass es die gigantische Hochzeitstorte war, die nun pompös und mit viel Tischfeuerwerk und Wunderkerzen angekündigt wurde. Wieder wurde mir für einen kurzen Moment bewusst, in welch makabrer Situation ich mich gerade befand. Meine Ex-Freundin hatte soeben meinen besten Freund geheiratet und meine erste, große Liebe saß mir nach fünf langen Jahren wieder gegenüber und gestand mir, dass sie ebenfalls ...

Ja, was eigentlich?

Was genau wollte sie mir sagen? Dass sie auch bereits verheiratet war? Hatte sie einen Mann, mit dem sie zusammenlebte? Wundern würde es mich ja nicht, stören jedoch umso mehr. Doch auch das war etwas, das ich mir weder so recht eingestehen, noch verstehen wollte.

»Sie heißt Josie«, hörte ich Alexis auf einmal wieder neben mir reden und sah verwundert zu ihr rüber.

Josie? War es also doch kein Mann, von dem sie mir gerade erzählen wollte? Ich verstand nicht ganz. »Josie?«, fragte ich verunsichert und sah sie durchdringend an.

»Josephine«, hauchte Alexis leise, sah mir reumütig in die Augen. »Sie ist meine Tochter.«

2

Cage

Ungläubig und wie von einem Zehntonner überrollt starrte ich sie an, wusste nicht, wie ich reagieren, geschweige denn, was ich tun oder sagen sollte. Alexis überfuhr mich mit dieser Neuigkeit, hatte ich mich doch eben erst damit abgefunden und auch angefreundet, sie würde wieder hier sein. Nun gestand sie mir also tatsächlich auch noch, dass sie eine Tochter hatte? War das ihr verdammter Ernst?

Wieso erzählte sie mir das? Warum ausgerechnet jetzt und wieso konnte es nicht warten, bis wir irgendwann allein waren und uns in Ruhe und ohne diesen Trubel um uns herum hätten unterhalten können? Ich verstand es nicht. Und wenn ich ehrlich war, so wollte ich es auch nicht verstehen. Es tat weh zu hören, dass sie Mutter eines kleinen Mädchens war, es schmerzte zu wissen, dass auch Alexis – nein, vor allem Alexis – für immer an jemanden gebunden war. Ganz egal, ob sie mit dem Vater ihrer Tochter überhaupt noch zusammen war oder nicht. Sie würde immer mit ihm verbunden bleiben.

Die Gewissheit darüber zerfraß mich innerlich.

Auch wenn ich die meiste Zeit versuchte, gelassen zu wirken und einen abgeklärten Eindruck auf alle Menschen um mich herum zu machen, so war ich im Grunde genau das Gegenteil davon. Alexis wusste das, sie kannte mich – so, wie ich wirklich war und nicht so, wie die Presse mich darstellte. Ich war weder der Hockey-Badboy der kanadischen NHL, noch hatte ich ein Aggressionsproblem, wie mir die Medien immer wieder unterstellten. Ich war nachdenklich, sensibel und leidenschaftlich in allem, was ich tat. Und deswegen traf mich die Erkenntnis darüber, dass ausgerechnet Alexis – meine Alexis – Mutter geworden war, ganz besonders.

Ich wollte es nicht glauben.

»Cage«, riss Alexis‘ besorgte Stimme mich aus meiner Starre und ich hob den Blick, sah ihr, so tapfer wie es mir in diesem Moment nur möglich war, in die Augen, nickte verstehend, auch wenn mein Verstand noch lange nicht alles begriffen hatte, weil mein Herz es zu verhindern wusste.

»Es tut mir leid, dass ich dich damit so überfalle und das auch noch ausgerechnet hier auf der Hochzeit von Kelsey und Shawn.« Alexis drehte sich unsicher zu dem Brautpaar hinter uns um und seufzte tief. »Kelsey sieht wirklich wunderschön aus.« Ein sanftes, aber reumütiges Lächeln schlich sich auf ihre Lippen, ehe sie sich wieder zu mir umdrehte und mich entschuldigend ansah. »Ich weiß, dass es schwer für dich sein muss, auch wenn ihr euch schon vor einem Jahr getrennt habt.« Alexis griff nach meiner Hand, was ich nur zögerlich zuließ. »Ich weiß, dass es nicht der passende Ort ist, dir von meiner Tochter zu erzählen, weiß, dass es nicht schön ist, dich so auflaufen zu lassen, ausgerechnet jetzt, nachdem wir uns zum ersten Mal nach fünf Jahren wiedersehen konnten und du eigentlich meine Unterstützung und meinen Halt brauchst«, wisperte sie leise und ließ meinen Blick nicht los. »Ich hatte nur leider keine andere Wahl, Cage«, gestand sie bedauernd und schaute sich kurz um.

»Sie ist hier, nicht wahr? Josie, meine ich. Du hast sie mitgenommen«, mutmaßte ich, schluckte trocken und schwer, ehe meine Stimme versagte und zerbrach.

Alexis nickte zaghaft. »Ich konnte sie nicht zu Hause lassen und als ich dann gesehen habe, dass du auch hier bist, wusste ich, ich muss es dir endlich sagen, ich muss dir von ihr erzählen und ...« Wieder einmal stoppte sie und schien zu überlegen, ob sie überhaupt weiterreden sollte, doch in ihren Augen erkannte ich längst, dass da mehr war, was sie mir sagen wollte.

Dazu kam es leider nicht mehr, denn abermals wurde Alexis von einem lauten Knall unterbrochen – diesmal war es das Feuerwerk hoch über unseren Köpfen, das allerdings eine Fehlzündung hatte, denn noch war es nicht dunkel genug, um das wunderschöne Schauspiel der Lichter am Nachthimmel bewundern zu können.

Ein amüsiertes Gelächter ging durch die Gäste und Alexis und ich sahen uns nachdenklich an. »Wollen wir vielleicht kurz ein paar Schritte laufen, damit wir reden können?«, fragte ich unsicher, denn ich sah ihr viel zu deutlich an, dass ihr noch etwas Schweres auf dem Herzen lag, das sie loswerden wollte.

Dankbar nickend nahm Alexis meinen Vorschlag an und stand auf, um mir zu folgen.

Da die Hochzeit auf einem alten Gutshof unweit der Stadt stattfand, war es schwer einen Platz für uns beide zu finden, an dem wir wirklich allein und ungestört sein konnten. Doch Alexis und ich kannten uns hier hervorragend aus, kannten den Hof und die umliegenden Wälder in- und auswendig, waren früher sehr oft hier gewesen. Und so liefen wir ein paar Schritte und setzten uns auf der hinteren Seite des Hofes auf eine abgesenkte Mauer.

»Also, was ist los?« Ich sah sie auffordernd an, wusste doch, dass da irgendetwas war, was sie mir sagen wollte, kannte sie immer noch viel zu gut. »Gestehst du mir jetzt auch noch, dass du nicht nur eine Tochter hast, sondern auch schon lange glücklich verheiratet bist? Etwa auch mit einem Freund von mir?«, scherzte ich zwar, allerdings nur, um meine Unsicherheit und den Frust darüber zu verbergen. Schließlich war sie bereits nervös genug.

Lächelnd schüttelte sie den Kopf, sah mich ausgiebig musternd an und schluckte hart. Tränen sammelten sich in ihren Augen, die mich vollkommen verwirrten. »Großer Gott, du ... Du siehst ihr so unfassbar ähnlich. Ich hatte das vorher nie so recht glauben wollen, doch so ist es. Es ist wirklich faszinierend.« Es war nur ein schrecklich leises Flüstern, unbedacht und unüberlegt, das sah ich ihr an. Und doch verstand ich kein Wort, war viel zu sehr damit beschäftigt, meine Enttäuschung herunterzuschlucken. »Es tut mir wirklich so unendlich leid, Cage. Ich weiß, ich kann das alles nicht wiedergutmachen, kann die Zeit leider nicht mehr zurückdrehen, aber ...« Ihre Tränen erstickten ihre Stimme, trieben mich immer weiter einer ungewissen Angst entgegen.

Was war es, was sie mir sagen wollte und weswegen entschuldigte sie sich bei mir?

»Hätte ich doch bloß früher gewusst, du würdest heute hier sein ... Ich wollte dir das nicht antun! Ehrlich nicht. Ich wollte es dir nicht in so einer Situation sagen müssen – auf der Hochzeitsfeier deiner Ex-Freundin. Das tut mir furchtbar leid, Cage. Es war nicht meine Absicht, dich ausgerechnet hier und jetzt damit zu konfrontieren, aber ich schätze, es geht nicht anders. Ich habe keine Wahl – du hast keine Wahl ... Und ich fürchte, wir werden ...«

»Alexis!«

Irritiert über diese Unterbrechung drehten wir uns beide um und sahen plötzlich meine Schwester auf uns zukommen, an der Hand ein kleines, blondes Mädchen mit strahlend blauen Augen.

»Du bist also wirklich wieder hier. Und ich dachte schon, Kelsey macht Witze, als sie sagte, diese kleine Prinzessin gehört zu dir.« Laney schloss Alexis mit breitem Grinsen in ihre Arme, als sich das kleine Mädchen auf einmal zwischen die beiden drängte.

»Mommy, Onkel Shawn hat mir eine Blume geschenkt«, quiekte sie und sprang Alexis direkt in die Arme, während ich wie ein Idiot erstarrte und nicht wusste, wie ich reagieren sollte.

Das blonde Mädchen streckte ihrer Mutter sichtlich stolz und mit leicht geröteten Wangen eine kleine Lilie entgegen und strahlte bis über beide Ohren. Ihre himmelblauen Augen erinnerten mich an jene, in die ich mich einst verliebt hatte. Und ihr Lächelns war das wahrhafte Abbild Alexis‘ Lächeln, das war nicht zu bestreiten.

Es war Josie, die fragend und neugierig zu mir herüber sah, als ich ihre Mutter ratlos musterte. Schüchtern schmiegte sie sich an Alexis‘ Schulter, die so gar nicht wusste, was sie tun oder sagen sollte. Zumal Laney bei uns stand und meine ehemals große Liebe herzlich anlächelte.

»Ihr habt euch also schon kennengelernt?«, fragte Alexis meine Schwester. Diese nickte nur stumm und grinste wieder, jedoch nicht ohne mir vorher einen vielsagenden Blick zuzuwerfen.

Alexis gab Josie einen liebevollen Kuss auf die Stirn, als ich wieder zu ihr sah und sich etwas in meinem Magen in Gang setzte.

»Schön, dass du wieder in der Stadt bist«, sagte meine Schwester ehrlich lächelnd. »Ich nehme an, ich werde euch beide jetzt häufiger sehen können.« Laney zwinkerte Alexis zu, doch dieser schien es eher unangenehm zu sein. »Falls du mal einen Babysitter brauchst, weißt du hoffentlich, dass du mich jederzeit anrufen kannst. Cage gibt dir sicher später meine Nummer, denn ich will euch ehrlich gesagt nicht weiter stören. Ich wollte eigentlich nur Josie zu ihrer Mama bringen, deswegen war ich auf der Suche nach euch.«

»Danke dir, Laney. Du bist ein Schatz.« Alexis nahm meine Schwester noch einmal vorsichtig in den Arm und wandte sich dann flüsternd an ihre Tochter, die daraufhin Laney angrinste und ihr zum Abschied winkte.

Meine Schwester ließ uns wieder allein und ich konnte nicht anders, als Alexis dabei zu beobachten, wie sie versuchte, Josie die kleine Lilie ins blond gelockte Haar zu stecken.

Ihr fliederfarbenes Kleidchen passte perfekt zu dem von Alexis, wahrscheinlich wollte die Kleine genauso schön aussehen wie ihre Mutter, was ich nur allzu gut nachvollziehen konnte. An ihrem schmalen, kleinen Handgelenk entdeckte ich ein zwar schlichtes, aber goldenes Armband, eines, das dem, welches ich Alexis einst geschenkt hatte, sehr ähnelte. Ich wusste, es konnte nicht dasselbe sein, doch ich fand es schön und es schmeichelte mir auch irgendwie, dass Alexis ihrer Tochter zumindest ein Ähnliches kaufte.

Kichernd forderte die Kleine ihre Mutter auf, die Blume fester in ihr Haar zu stecken, damit sie diese beim Tanzen nicht verlor und ich spürte, wie sich ein zaghaftes Lächeln auf meine Lippen schlich, ohne zu wissen, warum. Normalerweise konnte ich nichts mit Kindern anfangen. Ich hatte schlicht noch keinerlei Erfahrungen mit ihnen sammeln können und benahm mich immer wie ein unbeholfener Vollidiot, wenn einer meiner Mannschaftskameraden seinen Sohn oder seine Tochter zum Training mitnahm.

»Mommy, tanzt du später noch mit mir?«, fragte Josie mit immer noch leicht geröteten Wangen und schielte einmal kurz zu mir herüber.

»Sicher, Schatz, das machen wir.« Alexis lächelte ihre Tochter an und stellte sie wieder auf ihre eigenen Füße, nachdem die Blume tatsächlich im goldblonden Haar festsaß, sodass sie nicht mehr herausfallen konnte.

Josie schien nicht so recht zu wissen, was sie nun tun oder sagen sollte, stand etwas schüchtern neben ihrer Mutter, sah unsicher zu mir auf und zupfte am Kleid von Alexis.

Mir ging es jedoch nicht anders. Auch ich wusste mit der Situation nichts anzufangen und starrte beide deswegen nur stumm an.

»Mommy«, flüsterte Josie plötzlich leise, was ich allerdings dennoch verstand. »Wer ist der Mann?«, wollte sie neugierig wissen und ich musste beinahe grinsen, weil sie mich dabei so skeptisch musterte.

Alexis verspannte sich erneut, wurde blass wie eine Wand und sah hilflos zu Boden, ohne ihrer Tochter eine Antwort zu liefern. Entweder fehlten ihr die richtigen Worte oder sie wollte mich Josie einfach nicht vorstellen.

Der letzte Gedanke kränkte mich so sehr, dass ich mich von selbst zu der Kleinen kniete und ihr meine Hand entgegenhielt, während ich tapfer lächelte und versuchte, nicht wie ein unheimlicher Typ zu wirken. »Hallo, Kleine«, begrüßte ich sie. »Ich bin Cage, ein alter Freund deiner Mom«, erklärte ich ihr und hoffte, sie würde mich nicht direkt und auf Anhieb schrecklich finden.

Doch Josie musterte mich zunächst nur, sah dann einmal kurz zu ihrer Mutter auf, die mich jetzt leichenblass und mit geschocktem Blick ansah, und schüttelte dann meine Hand. »Hallo!« Sie lächelte, diesmal nicht ganz so schüchtern. »Ich bin Josephine, aber alle nennen mich Josie«, sagte sie stolz und grinste.

Entzückt sah ich kurz zu Alexis, doch diese räusperte sich nur umständlich und sah mich mit feuchten Augen und einem erneut unfassbar reumütigen und entschuldigenden Blick an.

»Sag mal, wie alt bist du denn schon, Josie?«, versuchte ich es also doch lieber wieder bei dem kleinen Mädchen mit dem zauberhaften Lächeln. »Gehst du schon in den Kindergarten?«, schob ich grinsend hinterher und versuchte mich mit der Kleinen ein wenig anzufreunden. Denn schließlich war sie ganz offensichtlich die Tochter einer der wichtigsten Personen in meinem Leben. Alexis bedeutete mir noch immer sehr viel. Und ich wollte keinesfalls, dass ausgerechnet ihre Kleine mich nicht mochte oder mich gar verabscheute.

Nach kurzer Überlegung zeigte mir Josie vier Finger vor und strahlte. »Ich bin vier und gehe schon lange in den Kindergarten und bald komme ich sogar in die Schule«, erzählte sie voller Vorfreude und Alexis lachte einmal kurz auf, auch wenn ich heraushörte, dass es ein verzweifeltes und leicht schluchzendes Lachen war.

»Nein, Schatz, das ist nur die Vorschule«, korrigierte Alexis ihre Tochter und strich ihr sanft und liebevoll über die Haare, während sie meinen Blick mied. »Schatz, wärst du so lieb und würdest die kleine Blume dort hinten an der Mauer für mich pflücken? Dann kann ich mir auch eine ins Haar stecken«, bat sie Josie lächelnd, die sichtlich begeistert von der Idee schien und sofort nickte.

»Die da hinten?«, fragte die Kleine und zeigte auf ein Gänseblümchen am unteren Rande der Hofmauer, das einige Meter von uns entfernt blühte.

Ich wusste, es war nur ein Vorwand, Josie ein paar Sekunden von uns beiden zu trennen, mischte mich daher nicht ein und wartete, bis die Kleine zu dem Gänseblümchen rannte und es vorsichtig zu pflücken versuchte.

»Da sind noch ein paar mehr. Wenn du willst, kannst du die auch für mich pflücken«, rief Alexis ihr zu und sah mich dann niedergeschlagen und entschuldigend an. Abermals.

»Es tut mir so unendlich leid, Cage. Ich muss dir wirklich dringend etwas sagen, aber es geht einfach nicht, wenn ...«

»Mommy, ich pflücke dir drei Stück«, unterbrach Josie die Erklärung ihrer Mutter.

»Ist gut, Schatz. Mach das!«, rief Alexis zur Antwort und wandte sich dann schnell wieder mir zu, ehe ihre Tochter zurückkam.

»Ich kann nicht mit dir darüber reden, solange Josie die ganze Zeit bei uns ist, das geht einfach nicht, vertrau mir! Es ist nicht so, dass ich es dir nicht sagen will oder dass ich es extra hinauszögere, aber es geht ehrlich nicht, solange sie dabei ist. Bitte vertrau und verzeih mir ... Bitte, verzeih mir!«

3

Alexis

Stolz und breit grinsend kam Josie wieder zu uns zurück und hielt mir die drei hübschen Gänseblümchen entgegen. »Mommy, ich will sie dir ins Haar machen«, bettelte sie mit ihrem kleinen Schmollmund und ich musste lächeln, auch wenn mir momentan eigentlich nicht zum Lächeln zumute war.

Ich wollte es Cage so gerne sagen, musste es endlich tun. Es war unglaublich schrecklich und makaber, was ich hier mit ihm trieb. Doch es ging trotzdem nicht anders, ich konnte ihm nichts erzählen, solange Josie bei uns war, solange sie zuhören könnte. Also hatte ich keine andere Wahl als mitzuspielen, mir nichts anmerken zu lassen – zumindest ihr gegenüber, und mir die Gänseblümchen von ihr ins Haar stecken zu lassen.

Abermals sah ich Cage entschuldigend an, doch dieser schien so gar nicht zu verstehen, was ich ihm denn so Wichtiges und Dringendes sagen wollte. Offensichtlich dachte er bisher nicht einen Moment darüber nach, wie ähnlich Josie nicht nur mir sah, sondern vor allem auch ihm. Laney hatte es offenbar sofort bemerkt und ich war ihr unendlich dankbar, dass sie ihrem Bruder nichts gesagt hatte.

Cage schien vollkommen ahnungslos und das sogar nachdem Josie ihm verraten hatte, wie alt sie war. Er hätte nur eins und eins zusammenzählen müssen, doch das tat er nicht. Dabei schien es mir so verräterisch und eindeutig, wenn man bedachte, dass wir uns vor knapp fünf Jahren das letzte Mal gesehen hatten. Schließlich war ich mir sicher, er erinnerte sich an den verhängnisvollen Abend und wusste genau, was passiert war.

Dennoch konnte oder wollte Cage die Fakten nicht sehen, schien sie vielleicht auch nicht so recht wahrhaben zu wollen, was ich natürlich verstehen konnte. Ihm machte ich sicherlich keinen Vorwurf deswegen – es war alles nur meine Schuld, meine eigene fatale Entscheidung.

»Darf ich dir vielleicht dabei helfen?«, durchbrach ausgerechnet Cage‘ Stimme meine Gedanken und ich blickte zu dem Vater meiner Tochter, wie er sie liebevoll anlächelte.

Mein Körper verspannte sich und mein Herz schien jedes Mal zu explodieren, seitdem ich die beiden so zusammen sah. Ich zitterte und musste mich unendlich zusammenreißen, damit ich mich nicht verriet. Der Anblick der beiden zerstörte mich innerlich, denn meine Schuldgefühle nicht nur ihm – Josies Vater –, sondern auch meiner eigenen Tochter gegenüber wuchsen ins Unermessliche und ich hatte unfassbar große Mühe, mich selbst aushalten zu können.

Ich hasste mich in diesem Augenblick dafür, dass ich es ihm nicht schon viel früher gesagt hatte. Hasste mich dafür, dass ich meiner Tochter den Vater vorenthalten und sie nicht an seinem Leben hatte teilhaben lassen. Ich hasste mich für all das!

Dennoch wusste ich tief in mir drin, dass es Gründe gab, weshalb ich mich für diese Lösung entschied und diese Gründe überwogen damals, wenn ich Zweifel bekam, ob ich tatsächlich das Richtige tat. Doch mit diesem Schwall an Gefühlen und Gedanken, die in diesem Moment auf mich einpeitschten und mich zu Boden rangen, seitdem ich Vater und Tochter nach vier langen Jahren endlich vereint sehen und erleben konnte, damit hatte ich schlicht nicht gerechnet.

Ich hatte nicht erwartet, dass plötzlich alles in mir verrücktspielte und ich mir unweigerlich und augenblicklich wünschte, ich hätte mich damals anders entschieden, hätte nie diesen Fehler begangen, die beiden voneinander zu trennen, Cage und Josie im Ungewissen zu lassen.

»Du kannst die hier rein machen.« Meine Kleine hielt ihrem Vater eines der Gänseblümchen hin und deutete auf eine Stelle direkt neben meinem rechten Ohr.

»Das wird hübsch aussehen, Mommy«, meinte Josie strahlend bis über beide Ohren, als sie und Cage sich ans Werk machten, meine Haare zu verschönern. Josie kicherte leise vor sich hin, als ihr Dad sich offenbar absichtlich ungeschickt anstellte und sie ständig dabei um Hilfe bat, mir das Gänseblümchen in die Haare zu stecken.

Ich konnte nicht anders, musste schmunzeln über sein Verhalten Josie gegenüber. Schließlich hatte er doch absolut keine Ahnung, dass er gerade tatsächlich seiner eigenen Tochter dabei half, ihre Mutter aufzuhübschen. Und dennoch war er unheimlich aufmerksam und ließ sich auf Josie ein, spielte sozusagen den netten Onkel, damit sie ihn direkt ins Herz schloss, ohne zu ahnen, dass der liebe Onkel eigentlich ihr wunderbarer Dad war.

Absurd.

Unwirklich.

Und ich fühlte mich so unendlich schrecklich deswegen!

»Fertig!«, verkündete Josie nach einer Weile, in der ich einfach nur versuchte stillzuhalten und mir immer noch nichts anmerken zu lassen. »Jetzt siehst du schön aus, Mommy«, lachte meine Kleine und ich sah sie und Cage gespielt empört an.

»Wie? Etwa erst jetzt?«, schmollte ich, musste aber dennoch grinsen und Josie schüttelte sofort den Kopf.

»Du bist immer schön«, gab sie zu und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen, während Cage bestätigend und mit einem undefinierbaren Lächeln auf seinen Lippen nickte. Ein Lächeln, das ich so bisher noch nicht von ihm kannte.

»Wollen wir vielleicht wieder zu den anderen gehen?«, fragte er und sah uns liebevoll an, deutete zum Gutshof, aus dem seit einigen Minuten schallende Musik dröhnte. »Schließlich hatten wir noch nichts von der Torte«, schob er grinsend hinterher und brachte Josie damit in Panik.

»Oh nein! Mommy, bitte! Ich mag auch noch ein bisschen Torte haben. Die sah so schön bunt aus wie ein Regenbogen«, bettelte meine Kleine mit großen Kulleraugen, denen ich sowieso selten etwas abschlagen konnte.

»Ist gut, lasst uns die Torte plündern gehen, bevor die anderen Gäste sie aufessen und uns nichts übrig lassen!« In diesem Moment war mir leider nicht so recht bewusst, was ich da sagte, und genau das würde sich prompt rächen, das ahnte ich.

Uns. Ein Wort mit viel zu gewichtiger Bedeutung ...

Unsicher sah ich zu Cage, der mich wieder einmal nur musternd, aber lächelnd ansah, während Josie vor uns herlief und den Weg zu ihrer Regenbogentorte suchte.

»Deine Tochter also, hm?« Cage grinste verschmitzt. Dabei sah er aus wie der Junge von damals, in den ich mich unsterblich verliebt hatte. »Gibt es einen Grund, warum du sie ausgerechnet Josie genannt hast?«

»Josephine«, wisperte ich nur leise, versuchte meine Stimme stark und klar zu halten, doch es gelang mir nicht. Erneut brach sie ab, denn ich hatte schlichtweg Angst, was passieren würde, würde Cage die Zeichen endlich deuten, die ich ihm gab.

»Josephine«, wiederholte er mit verträumtem Lächeln. »Der Name meiner Grandma.«

Ich stolperte fast, als die Worte über seine Lippen kamen, doch in letzter Sekunde fing Cage mich auf, noch bevor ich den Boden küssen konnte. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und meine Kehle schnürte sich so sehr zu, dass ich kaum atmen konnte.

Cage schien meine Anspannung zu merken und starrte mich aus einer Mischung von Unglauben und Verwirrung entgegen, während er mich noch immer in seinen Armen hielt.

Noch bevor er weitere Fragen stellen und mich in eine Zwickmühle bringen konnte, zupfte Josie plötzlich an dem Ärmel seines Hemdes.

»Könntest du mir bitte ein Stückchen Torte holen?«, fragte sie ihn mit ihrem typischen Hundewelpenblick und ich wunderte mich über ihre Offenheit Cage gegenüber. Schließlich kannte sie ihn doch gerade mal ein paar Minuten. Wieso fragte sie also nicht mich, ob ich ihr ein Stück der Torte holen konnte? Seltsam.

»Natürlich«, erwiderte ihr Dad lachend. »Aber wir machen das gemeinsam, ja?« Cage warf mir noch einmal einen fragenden Blick zu, ehe er Josie an die Hand nahm und die beiden mich stehenließen.