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Das packende Drama beleuchtet die turbulente Entstehungsgeschichte des berühmten Stücks "Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit". Im Zentrum steht Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, der brillante Dramatiker und Abenteurer, der sich gegen die Machenschaften und Intrigen des französischen Adels behaupten muss. Die politischen Spannungen und die revolutionäre Stimmung in Paris bieten den Hintergrund für diesen fesselnden historischen Einblick. Friedrich Wolf gelingt es meisterhaft, die Herausforderungen und Triumphe eines der größten Dramatiker des 18. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen. Lassen Sie sich von dieser dramatischen Reise in die Vergangenheit mitreißen, die nicht nur Beaumarchais’ Kampf für künstlerische Freiheit, sondern auch den aufkeimenden Widerstand gegen die Aristokratie eindrucksvoll darstellt. Ein Muss für Geschichtsliebhaber und Theaterbegeisterte!
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2024
Friedrich Wolf
Beaumarchais
oder
Die Geburt des "Figaro"
Ein Schauspiel
ISBN 978-3-68912-038-2 (E–Book)
Das Drama ist 1940 entstanden.
Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.
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louis XVI., der König
comte de vaudreuil, Beaumarchais' Mäzen
duc de Richelieu, Inspektor der königlichen Bühnen
comte de vergennes, Außenminister
le noir, Polizeipräfekt von Paris
beaumarchais
bergasse, Advokat, sein Freund
arturlee, Rechtsstudent, Unterhändler
gudin, Dramatiker, Beaumarchais' Freund
Collé,Dramatiker
dagincourt,Schauspieler an der Comédie Francaise
ferrière, Spekulant
tonneau, pinguin, petitjean, Häftlinge im Gefängnis „St. Lazare“
pomaret, Chefcoiffeur der Königin
marie Antoinette, die Königin
duchesse de polignac, ihre Hofdame
madame contat, Star der Comédie Francaise
Mademoiselle henry, Schauspielerin aus Lyon
michèle,ihre Schülerin
thérèse,Beaumarchais' Frau
Schauplätze: Der Hof von Versailles - Beaumarchais' Wohnung im „Hotel de Holilande“ und im neuen Palais Beaumarchais' in Paris – Bühne des Liebhaber-Theaters des Comte de Vaudreuil – Vor den Markthallen von Paris – Gefängnis „St. Lazare“
Die Jahre: 1778–1789
Geschrieben 1940 im Camp Le Vernet
Arbeitskabinett Louis' XVI. in Versailles. Der Außenminister, Comte de Vergennes, ordnet die wichtigsten Dokumente seines Dossiers auf dem breiten Arbeitstisch des Königs, während Pomaret, der Chefcoiffeur, mit dem Modell eines komplizierten „Toupets“ respektvoll seitwärts steht.
pomaret: Bloß deshalb wurde ich befohlen, Eure Exzellenz?
de vergennes: Bloß deshalb? Falls der König einen Gegenstand – ganz gleich welcher Gattung – für bedeutsam hält, so ist er bedeutsam … selbst für den Coiffeur der Königin.
pomaret: Verzeihung, Exzellenz, ich bin der letzte, der das Toupet von Madame, das wochenlange Werk meiner Fantasie und meiner Hände, zu unterschätzen wagte, trotz der Geringheit der Kosten …
de vergennes vom Tisch her: Geringheit? Zweihundert Livres?
pomaret: … gemessen an der Aufgabe, die königliche Gestalt von Madame durch einen Satellitenkranz von edlen Steinen – er hebt das Toupet – aus dieser Haarkrone noch voller und doch jugendlicher erstrahlen zu lassen. Bei aller gebührenden Bescheidenheit, Eure Exzellenz selbst werden gestehen, dieses Toupet ist kein Toupet, es ist ein Poem!
de vergennes: Der König wird nicht sehr entzückt sein über Ihr Poem und noch weniger über die steigenden Kosten in der Apanage von Madame.
pomaret: Und wenn ich Eure Exzellenz versichere, der König ist entzückt über die neue Jugend von Madame, der König selbst fühlt sich verjüngt in seiner gesamten Natur.
de vergennes über dem Dossier: Ihr Toupet als Medizin?
pomaretwichtig: Ärzte und Coiffeure haben ihre Mission.
de vergennes: Ist das der Sinn? Auf ihn zu. Man vertraut sich dem Coiffeur während der langen Stunden der Toilette an wie dem Arzte? Die seltsamen Ausbrüche des Königs in den letzten Tagen haben also ihre positiven Ursachen? Madame hätte das Mittel gefunden? Reden Sie!
Louis XVI., der König, von rechts; er will zum Schreibtisch, zu Comte de Vergennes, sieht Pomaret und das Toupet.
der König: Der Coiffeur?
pomaret: Von Sire befohlen … der Chefcoiffeur von Madame.
der König heftig: Das muss ein Ende nehmen, das geht ins Uferlose, der Etat wächst an wie eine Lawine, ich dulde das nicht! Er geht zum Tisch. Und wer muss diesen Druck, der aus allen Enden andrängt, auf sich nehmen? Gegen Vergennes. Ich will die Münze nicht verschlechtern lassen, ich weiß nicht, woher die Gelder nehmen! Wissen Sie es, Vergennes?
de vergennes: Es ist schwierig, Sire.
der König: Es ist unmöglich. Er setzt sich mit halbgeschlossenen Augen. Es beginnt mit einer kleinen, in vollkommener Stille fallenden Schneeflocke … es gehört ein wenig Fantasie und Größe dazu, das Bild zu verfolgen. Gegen Pomaret. Zweihundert Livres für das neue Toupet? Da setzt es an, das ist ein leichtfertiger Stich nach der Ader des Königs!
pomaret: Sire!
der König: Ich streiche diese Apanage! Zweihundert Livres …
pomarethebt das Toupet: Geruhen Sire, diese beiden Saphire in dem Kamm zu beachten; Madame selbst sagte …
der König: Schweigen Sie! Nichts sagte Madame! Misstrauisch. Gab etwa Madame den Auftrag, Saphire zu verwenden?
pomaret: Weil Sire Saphire lieben …
der König nähert sich, nimmt zögernd das Toupet: Weil ich Saphire liebe? Dass sie daran dachte? Plötzlich zu Pomaret. Hundert Livres aus meiner Schatulle, dies eine Mal noch! Ich dulde das nicht länger!
Pomaret mit tiefer Verneigung ab.
der König zu Vergennes: Wir müssen hier Halt gebieten, Vergennes! Turgot kommt täglich mit einem neuen Etat, ich begreife schon die Zahlen nicht mehr; man muss mit dem Begreiflichen beginnen, bei sich selbst, mit der Schneeflocke, verstehen Sie das, Vergennes?
de vergennes: Durchaus, Sire.
der König: Nein, Sie verstehen es nicht, Vergennes! Sie kommen mit Ihren Dossiers; der König soll unterschreiben, der König unterschreibt, der König trägt die Schuldenlast, der König schafft die Gelder, alles fällt auf mich … gut, ich werde hier anfangen, gleich hier! Er nimmt das Dossier mit mehreren großen Siegeln, reißt mit einem Ruck ein Siegel ab. Zwei Siegel, wo eines genügt? Ich verfüge, für die Akte künftig nur ein Siegel zu verwenden! Man muss beginnen, sofort, beim Greifbaren! Begreifen Sie das, Vergennes?
de vergennes notiert: Das zweite Siegel der Dossiers wird gestrichen.
der König befriedigt: Und zugleich der zweite Beamte, der zweite Siegelverwahrer; alle nutzlosen Ausgaben muss man ab heute streichen!
de vergennes: Man muss neue Quellen anschlagen, Sire.
der König: Das Land ist erschöpft.
de vergennes: Außer Landes …
der könig misstrauisch: Neue Abenteuer, Vergennes?
de vergennes zieht aus dem Dossier einen Brief: Wollen Sire geruhen, einen Blick in diesen Brief unseres speziellen Londoner Vertreters zu werfen?
der König lesend: Aus London … unterzeichnet de Ronac?
de vergennes: Wollen Sire den Namen als Anagramm umgestellt und rückwärts lesen!
der König: Caron …
de vergennes: Caron de Beaumarchais.
der König: Ah, der Schreiber jener maliziösen Memoires, die Madame mit solcher Verve zu verteidigen beliebte, und jener witzlosen Komödie …
de vergennes: Gewiss, Sire, jenes „Barbiers von Sevilla“ … als Literat ebensolch ein Stümper wie als politischer Agent ein Experte.
der König: Ein Literat und also ein Abenteurer!
de vergennes: Doch von gewissem Weitblick, Sire. Er hat die Schwierigkeiten der englischen Regierung genau vorausgesagt; es ist ihm gelungen, den Lord-Mayor von London für uns zu interessieren, die Kolonie Amerika fordert heute ihre Rechte vom Mutterlande, sie rechnet auf ein bestimmtes Wohlwollen von unserer Seite.
der König erregt: Man hat Hoffnungen erweckt?
de vergennes: Man hat bloß Fühlung genommen.
der König: Ohne meine Autorisation? Er liest in dem Brief. Man hat mit der englischen Opposition und jenem Mr. Wilkes, dem Lord-Mayor von London, konspiriert, man verhandelt mit einem Exponenten des sogenannten Philadelphiaer Kongresses … natürlich immer der Herr von Beaumarchais! Man will mich in ein Abenteuer hineinziehen; wozu, was habe ich da zu suchen?
de vergennes: Der amerikanische Zucker, die Melasse, die Baumwolle, die riesigen Mengen feinsten Virginiatabaks, die jenes Land uns zusagt, würden mit einem Schlag den Kredit der Krone gewaltig stärken.
der König überlegt: Und wenn es misslingt?
de vergennes: Ich vertraue der Krone, dass sie genügend Kräfte besitzt …
der König: Wie? Auch Sie, Vergennes? Sie glauben, es fehle dem König an Entschlusskraft, an Mut, an jenen Elementen der Jugend? Auch Sie machen sich zum Komplizen jener Clique …
de vergennes: Sire!
der König außer sich: Schweigen Sie! Ihr alle werft euch Blicke zu hinter meinem Rücken, der König ist nur sein eigener Schatten, „le pauvre homme“ hat kein Mark mehr in den Knochen, keinen Saft in seinen Lenden … Ihr lügt! Ihr lügt! Hält erschöpft inne. Vergessen Sie, was ich sagte, Vergennes! Gibt ihm die Hand. Das Land zehrt zu viel an mir in letzter Zeit, ich bin unachtsam gegen meine Freunde. Sie hörten, Madame wählte die Saphire im Toupet – meine Lieblingssteine – speziell für mich; sagte der Coiffeur nicht so?
de vergennes: Genau dieses, und Sire sollten es schätzen!
der König überlegt: Wenn man bloß etwas Vertrauen haben könnte! Mit dem Schreiben. Vergennes, halten Sie diese amerikanische Sache für so bedeutsam, so wie jener Beaumarchais sie darstellt?
de vergennes: Ein neuer Erdteil, Sire, der der Krone seine Dienste zusagt. Beaumarchais möchte Euer Majestät mündlich berichten. Bei aller Reserve gegenüber seiner Person, dieser Mann besitzt die Fantasie des Kaufmanns mit dem Mut des Soldaten.
der König wieder zögernd: Sie plädieren für diesen Mann, als stünde er direkt hinter Ihnen?
de vergennes: Er steht im Vorsaal und bittet um Audienz.
der König: Ich will das nicht, Vergennes! Sie setzen mir die Pistole auf die Brust! Ich dulde das nicht!
Marie Antoinette, die Königin, mit der Duchesse de Polignac; Marie Antoinette geht lebhaft auf den König zu, der sich erhebt.
marie Antoinette: Verzeihung, wenn ich Sire in einer Unterredung störe!
der König: Madame haben das erste Recht auf den König. – Vergennes, ich erwarte Sie in einer halben Stunde.
de vergennes: Befehlen Sire auch Herrn von Beaumarchais?
marie Antoinette: Herr von Beaumarchais ist zurück von England?
der König: Madame scheinen sehr informiert.
marie Antoinette: Ein solcher Mann kann schwerlich unerkannt reisen.
der König: So ist er ein untauglicher Gesandter.
de polignac: Doch ein umso amüsanterer Poet.
der König: Duchesse de Polignac, ich weiß, Sie schwärmen für die Komödie; doch ich entsinne mich nicht, Sie um Ihre Meinung gebeten zu haben.
Die Duchesse de Polignac und Comte de Vergennes mit Verneigung ab. – Der König bietet der Königin einen Sessel; sie setzt sich; er selbst bleibt stehen.
der König: Mit was kann ich Ihnen dienen, Madame?
marie Antoinette: Mit etwas Vertrauen und Achtung, Sire.
der König: Wer lässt es daran fehlen?
marie Antoinette: Sie kürzen meine Apanage, ohne mich zu fragen, Sire!
der König: Haben Sie kein Vertrauen zu mir, Madame, dass die Kürzung unumgänglich war?
marie Antoinette erregt: Nein, Sire, nein, nein, nein … wegen zweihundert Livres, wegen eines Toupets desavouieren Sie die Königin? Das ist unfassbar, das wäre unmöglich an der Hofburg zu Wien, das ist beleidigend für Frankreichs Königin und für die Tochter von Österreichs Kaiserin! Ich werde tagelang mich damit quälen, Sire!
der König nahe bei ihr: Ich habe nächtelang nicht geschlafen, Madame! Meine Minister kommen täglich mit neuen riesigen Forderungen, Zahlenhaufen, die ich durch neue Steuern zudecken soll; aber alle Wege, die man mir vorschlägt, verwirren sich zu einem einzigen Weg, und da ist immer wieder diese Schneeflocke … nun kommen auch Sie, Madame, mit einer neuen Forderung, Sie, – leiser – die Sie meinen Schlaf und meine Nächte nicht mehr kennen.
marie Antoinette leise: Ich komme, um sie wieder kennenzulernen, Sire.
der König hilflos: Madame …
marie Antoinette: Ich möchte, dass Sie mich beachten, Sire, merken Sie es nicht? Sie erhebt sich und legt ihren Arm um ihn. Ich hörte von Ihren ruhelosen Nächten, ich möchte wieder Ihnen nahe sein, ich hoffe auf den König …
der König schaut sie an: Auf den „pauvre homme“?
marie Antoinette: Ich habe das nie gehört oder beachtet, Sire, man verspottet bloß mich, Sire! Sie schlägt die Hände vors Gesicht. Ich spüre die Blicke des Hofes, die meinen Körper prüfen nach den fruchtlosen Jahren meiner Ehe, ich zerreiße die Briefe meiner Mutter, die mir Andeutungen macht, die Mittel zu nehmen, die ihr Hofarzt nach fünf kinderlosen Jahren ihr mit Erfolg verschrieben habe, und die sie einem Herrn von Ronac anvertraute …
der König aufhorchend: Einem Herrn von Ronac?
marie Antoinette: Einem Spezialgesandten der Krone.
der König forciert: Es gibt kein Mittel gegen … gegen jene Schwäche.
marie Antoinette: Es war ein bosnischer Arzt, der meiner Mutter oder meinem Vater half, Sire! Plötzlich. Ich
dulde nicht länger die Blicke auf meiner Taille, ich will nicht länger in einsamem Bette weinen! Sie wendet sich ab.
der König: Ich habe Sie verletzt, Madame…
marie Antoinette: Ich habe mich in Feste gestürzt, Sire, für eine Soiree mussten zwei Provinzen ihre Jahresabgaben verdoppeln, ich habe die jungen Grafen und Granden um mich versammelt, weil ich mich verlassen fühlte, Sire, jawohl, weil ich sehnsüchtig war, weil ich einsam war, weil ich dürstete; Sie hatten kein Zutrauen mehr zu sich, Sire, wegen einiger Niederlagen, die Sie bei Ihrer jungen Frau erlitten, und ich verlor das Vertrauen zu mir selbst. Doch jetzt höre ich, dass Sie Ihre Hand in einem grandiosen Unternehmen haben, über ein Weltmeer hinweg, in einem fernen Erdteil! Das kann nur ein starker Mensch, ein entschlossener Mensch!
der König irritiert: Was vermuten Sie, Madame?
marie Antoinette: Ein Mann, der solches will und wagt … Sire, der Missmut ist von mir gewichen, ich habe neues Vertrauen zu mir und zu Ihnen … Sire; ich möchte Ihnen gefallen, Sire.
der König: Deshalb das Toupet mit den Saphiren, Madame?
marie Antoinette: Deshalb, Sire.
der König küsst ihre Hand: Ich danke Ihnen, Madame. Leiser. Doch ich möchte nichts versäumen. Was erzählte Herr von Beaumarchais von den Geheimmitteln Ihrer Frau Mutter?
marie Antoinette erstaunt: Herr von Beaumarchais?
der König: Verzeihung, ich meinte jenen Herrn de Ro– nac; Herr von Beaumarchais wartet in einer anderen Mission draußen. Stark. Ja, wir werden jetzt selbst die Geschäfte des Landes in die Hände nehmen; das Land wird sparen; das Land wird auf blühen; der Herzschlag des Landes wird über den Ozean fühlbar sein! Das
Land wird einen Thronfolger haben; ich zähle auf Sie, Madame.
marie Antoinette leise: Sie haben mich verstanden, Sire. der König schellt mit einer silbernen Glocke, worauf de Ver– aennes erscheint: Herrn von Beaumarchais! o
Comte de Vergennes ab.
marie Antoinette: Sie haben heute einen glücklichen Tag, Sire; Herr von Beaumarchais ist der Sturmvogel des Glücks.
der König wieder misstrauisch: Ich werde ihn an die Leine nehmen, Ihren Sturmvogel, Madame! Es gilt hier nicht, „memoires“ zu schreiben und Komödien zu verfassen, sondern die Gelder der Krone anzulegen.
marie Antoinette lächelnd: Herr von Beaumarchais wird die Gelder ebenso zum Tanzen bringen, Sire, wie die Gedanken der Menschen.
der König etwas pikiert: Aber nach meinem Taktstock, Madame!
Comte de Vergennes mit Beaumarchais tritt ein. Beide verneigen sich tief vor der Königin; die Königin lächelt Beaumarchais leicht zu; dann entfernt sie sich, vom König bis zur Tür geleitet.
der König zurück zu seinem Schreibtisch, er nimmt ein Schriftstück, dann mit der Miene des „starken Mannes“ mitten in die Sache springend: Sie glauben, Herr von Beaumarchais, jene amerikanischen Kolonisten werden ihren Standpunkt mit Erfolg gegen die englische Krone vertreten?
Beaumarchais: Sie haben ihrem Mutterlande England gegenüber die Forderung der Rechtsgleichheit gestellt: eine eigene Vertretung im englischen Parlament, Steuerfreiheit ihrer Waren, freie Wahl der Schiffstransporte …
der König: Und was sagt England?
Beaumarchais: Einflussreiche englische Kreise – unter ihnen der Lord-Mayor von London – halten diese Forderungen für berechtigt.
der König: Das bedeutet für uns?
Beaumarchais: Dass die Kolonisten auch unsere Schiffe benützen können, dass Sire ein Monopol erlangen können auf die wesentlichen Produkte dieses ungeheuren Erdteils, wie auf Zucker, Mais, Tabak, dass die Krone Frankreichs nicht nur die Bedürfnisse ihres eigenen Landes befriedigen wird, sondern dass alle Länder Europas ihren Warenbedarf bei Frankreich decken werden …
der König: Vorausgesetzt, dass die Kolonisten siegen oder dass das Parlament die Forderungen annimmt …
Beaumarchais: Wenn England weiß, dass Frankreich nicht uninteressiert ist an der Frage …
de vergennes: Richtig! Doch Sie kennen die Härte eines William Pitt und seines Parlaments, Herr von Beaumarchais.
Beaumarchais: Ohne eine gewisse Kühnheit wird nie ein Plan gelingen, Comte de Vergennes.
der König: Ihre gewisse Fantasie und Kühnheit, Herr von Beaumarchais, konnte bisher nur Ihr eigenes Haus zum Zusammenbruch führen; aber jetzt diese Übersee-Spekulation … ganze Länder und Meere werden erschüttert werden!
Beaumarchais: Verzeihung, Sire, so muss das Meer wohl erschüttert werden, damit die Wogen wieder frei von Küste zu Küste rollen, damit auch Frankreich an dem freien Zustrom der Schätze des neuen Erdteils …
der König unsicher: Warten wir vorerst …
Beaumarchais leidenschaftlich: Ich beschwöre Sie, Sire, doch warten heißt hier sterben! Das Interesse aber, das heute alle Franzosen an jenem edlen Farmervolk nehmen, ist eine der lebendigsten Kräfte unseres Landes!
de vergennes nachdenklich: Dieses Interesse kann ebenso gut ein sehr großes und ernstes Übel sein, Herr von Beaumarchais. Glauben Sie nicht, dass es aus einer bloßen Liebe für Amerika stammt; die Wurzel liegt tiefer.
Beaumarchais: Ich sehe kein Übel, wenn gemeinsame Interessen sich mit der Liebe verbinden!
der König: Meine Herren, wir vertagen diese Frage!
Beaumarchais: So ist meine Mission hier beendet, Sire?
der König: Den Zeitpunkt, wann Ihre Mission beendet ist, bestimme ich, Herr von Beaumarchais. Ich habe mit Ihnen in einer anderen Sache zu sprechen. Zu de Vergennes, der sich verneigt. Ich werde die Dossiers allein studieren.
Comte de Vergennes ab.
der König hat sich gesetzt, er schließt halb die Augen: Meine speziellen Agenten sollten ihre Aufträge und deren Ergebnisse ebenso exakt beachten … wie ihre Verse! Wenn man einen Vers Ihrer Komödie vergäße, Herr von Beaumarchais?
Beaumarchais lächelnd: Ich habe noch nicht erlebt, Sire, dass man in einer guten Komödie einen Vers vergisst.
der König öffnet die Augen: Die Kaiserin von Wien hat an Madame geschrieben?
Beaumarchais: Ich gestehe, sie erkundigte sich nach dem Zustande von Madame … und nach der Thronfolge.
der König: Weshalb verschwiegen Sie mir das?
Beaumarchais: Aus Delikatesse, Sire.
der König heftig: Ich wünsche keine „Delikatesse“, wo es galt, Ihren Auftrag auszuführen! – Wie heißt das Mittel des Arztes?
Beaumarchais: Sie nannte es nicht, Sire.
der König: Und Ihnen schien das nicht wissenswert? Weil Sie selbst nach Belieben Kinder zeugten? Weil Sie dem „pauvre homme“, dem König, auch nicht den Wunsch der Vaterschaft mehr zutrauen? Schweigen Sie! Weil Sie vielleicht meinen Bruder, den künftigen Thronfolger, nicht erzürnen wollten?
Beaumarchais: Sie beleidigen nicht bloß mich, Sire; Sie beleidigen sich selbst und Madame!
der König auf ihn zu: Was hat Madame Ihnen anvertraut? Was? Sie sind doch in allen Künsten sehr bewandert, Herr von Beaumarchais! Kann eine Frau einem Manne gegenüber nicht Achtung, ja sogar Liebe empfinden, auch wenn er kein … Tier ist? Kennen Sie nicht solche Fälle?
Beaumarchais: Grade junge und amouröse Frauen unterwerfen sich oft geistigen Männern ohne Rücksicht auf ihre Physis.
der König schließt wieder halb die Augen: Madame hat große Achtung vor Ihnen, vor Ihrem Geist und Ihren maliziösen Memoires, sie ist jetzt entflammt von dem amerikanischen Projekt. Sprachen Sie mit Madame darüber?
Beaumarchais: Ich kam direkt vom Schiff zu Ihnen, Sire. Zielend. Sire selbst müssen Madame mit dem Projekt entflammt haben.
der König schließt die Augen: Glauben Sie?
Beaumarchais zupackend: Nichts fesselt eine Frau mehr, als wenn sie die Geisteskraft des Mannes spürt, ein kühnes männliches Projekt. Nichts entflammt ihre Liebe so sehr wie der Geist ihres Partners und die Größe seines Gedankens; dieses Feuer ist mächtiger als eine Liebkosung.
der König öffnet die Augen: Vielleicht ist dies das Mittel?
Beaumarchais: Das stärkste Mittel, stärker als alle Arztgeheimnisse von Wien!
der König wieder zögernd: Aber wenn das Unternehmen fehlschlägt, wenn England die Unterstützung der Farmer als eine Herausforderung ansieht?
Beaumarchais: Sire, ich nehme die Sache auf mein Konto, ich werde den Auftrag auf meinen oder einen anderen Namen firmieren, ich werde eine Handelsfirma gründen, Sire werden das erste Betriebskapital anonym investieren.
der König: Ohne dass ich ins Spiel gezogen werde!
Beaumarchais: Mit keinem Wort, Sire, lediglich mit einer kleinen anonymen Summe.
der König: Wie groß wäre diese kleine Summe?
Beaumarchais: Etwa – zwei Millionen Livres.
der König nachdenklich: Und ich habe grade mit Sparmaßnahmen begonnen.
Beaumarchais: Sire werden zwei bis drei Millionen für das Projekt opfern, um später dreihundert Millionen zu ersparen.
der König: Was sind Sie eigentlich, Herr von Beaumarchais, ein Komödienschreiber oder ein Spekulant?
Beaumarchais: Ein Mensch, Sire, belastet mit ein wenig Fantasie und Entschlossenheit, das zu tun, was man Glück nennt.
der König: Vielleicht setze ich auf Ihr Glück, Herr von Beaumarchais; Sie erhalten meine Befehle.
Arbeitskabinett Beaumarchais’ im „Hotel de Hollande“, Paris, Rue de Condé. Landkarten, Abbildungen der Tabak- und Maisstaude, seltener Pflanzen und Tiere an den Wänden; ein Globus und Schiffsmodelle auf den Simsen. Das Haus ist erworben von der neu gegründeten Exportfirma Roderique Hortalez & Co. – Beaumarchais steht neben dem Schreibtisch; dort sitzt vor zahlreichen Akten der Advokat Bergasse, Beaumarchais’ Freund; ihm gegenüber ein junger, etwas wild gekleideter Mann, Artur Lee, der Abgesandte des amerikanischen Kongresses.
Beaumarchais: Sie sind recht jung, Mister Lee.
lee: So jung wie die dreizehn Kolonien unsres Bundes.
bergasse: Und der Kongress ist in der Lage, die übernommenen Verpflichtungen einzulösen.
lee: Wenn George Washington und Thomas Jefferson mich bevollmächtigen und ihr Wort geben, so ist das so sicher wie der Umlauf der Erde um die Sonne.
Beaumarchais nimmt ein Papier:
