Beautiful Pain - Felicity La Forgia - E-Book
Beschreibung

Tagsüber bringt Viktoria Kindern das Tanzen bei, nachts versucht sie, das Loch in ihrem Bankkonto zu stopfen, indem sie putzen geht. Auf den großen Durchbruch als Tänzerin hofft sie bisher vergeblich. Männer haben in ihrem Leben keinen Platz. Dafür hat sie keine Zeit, keinen Nerv und überhaupt. Aber träumen ist erlaubt. Von Desmond Faraday dem Dritten zum Beispiel, dem Bezirksstaatsanwalt von New York. Dem Mann mit sauberem Image und dunklem Blick, den sie gelegentlich nachts im Büro trifft, wenn sie dort putzt und er noch immer hinter seinem Schreibtisch sitzt. Doch als die Wege von Desmond und Viktoria sich auf unerwartete Weise erneut kreuzen, beginnt ein Tanz um Macht, Einfluss, Schmerz und Lust, auf den kein Training dieser Welt sie hätte vorbereiten können. Denn Desmond hat ein Geheimnis, das nicht nur seine weiße Weste beflecken, sondern auch Viktorias Zukunft für immer verändern könnte – das sie aber unwiderstehlich anzieht. Mit diesem romantischen BDSM Roman entführt Sie Felicity La Forgia in eine Welt aus Lust, Schmerz, Vertrauen und Liebe.

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Seitenzahl:447

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Beautiful Pain

Felicity La Forgia

© Sieben Verlag 2016, 64823 Groß-Umstadt © Umschlaggestaltung Andrea Gunschera

ISBN Taschenbuch: 9783864436086 ISBN eBook-Mobi: 9783864436093 ISBN eBook-Epub: 9783864436109

www.sieben-verlag.de

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Die Autorinnen

Kapitel 1

Viktoria

Gedämpft von der dreifachen, kugelsicheren Fensterverglasung drangen die Sirenen einer acht Stockwerke unter mir stattfindenden Verfolgungsjagd an mein Ohr.

Ich verdrehte die Augen und schauderte. Die dreihundert Meter bis zur Bushaltestelle nach Feierabend würden mörderisch werden, wenn es jetzt schon so abging dort unten. Ein Blick zur Uhr. Viertel nach eins am Morgen. Etwas über eine Stunde meiner Schicht war vorbei. Drei Stunden hatte ich noch vor mir.

„I want to go to sleep in the city that never sleeps …“, summte ich in vager Anlehnung an den alten Sinatra-Schinken. Da hatte ich den Salat. Mit einem halb unterdrückten Fluch zerrte ich den Staubsauger aus dem Kabuff. Jetzt hatte ich diese blöde Melodie im Kopf und würde sie die ganze Nacht nicht mehr loswerden. Meine Augen fühlten sich an, als habe jemand einen ganzen Eimer Sand hineingeschüttet.

Das achte und neunte Stockwerk des Granitbaus am Hogan Place waren mein Gig. Nacht für Nacht, Sonntag bis Donnerstag. Bei Wind und Wetter. Die New Yorker Staatsanwaltschaft unterhielt in diesen Stockwerken ein Großraumbüro mit dreißig Schreibtischen für Praktikanten der Rechtsfakultät von Yale, einen endlos langen Gang mit angrenzenden Glaskastenbüros – und es gab nichts Spannenderes als das Polieren von Glasscheiben, wenn einem die Augen zufallen wollten –, eine Kaffeeküche, die ich jede Nacht gleich als erstes putzte, und dann noch die Büros der Stars der Szene. Riesige, mit Hochflor-Teppich ausgelegte Räume mit verwinkelten Möbeln, in denen der Bezirksstaatsanwalt mit seiner Entourage residierte. Oh, wie ich diesen achten Stock liebte. Dann noch lieber die beiden Toilettenblocks.

Ich war Mia unendlich dankbar, dass sie mich ihrem Boss empfohlen hatte, als sie selbst den Job in der Staatsanwaltschaft hinschmeißen musste. Drei Monate zuvor hatte unser Wohnungseigentümer die Miete für unser Drei-Zimmer-Apartment im East Village um ein ganzes Drittel erhöht, und mein Konto glitt seither zum Monatsende jedes Mal unweigerlich in die roten Zahlen. Dabei war es Mia, die den größten Teil der Miete abdrückte. Ich führte punktgenau Buch über die Ausgaben, die jede von uns machte, und versuchte zu sparen wo es nur ging, um die Schulden bei meiner besten Freundin irgendwann abbezahlen zu können. Der Putzjob gab mir die Chance dazu. Wenn ich wirklich gut haushaltete, würde es mir vielleicht gelingen, sogar noch etwas beiseitelegen zu können. Schlaf war ohnehin überbewertet.

Es war also, rational betrachtet, eine wirklich tolle Sache, dass Mia mir den Job zugeschustert hatte. Gleichzeitig wollte ich sie dafür hassen, denn sie brauchte die Putzstelle nicht nur nicht mehr, sie konnte sie sich nicht einmal mehr leisten. Rein zeitlich. Dank der längst vergessenen Affäre mit einem der besten Musikagenten der Stadt hatte ihre Karriere als Lounge-Sängerin im vergangenen Jahr einen echten Senkrechtstart hingelegt.

Das verfluchte Sinatra-Lied gehörte zu ihrem Repertoire.

Ich pfiff die Melodie vor mich hin, als ich den Gang hinunterlief, den Staubsauger im Schlepp. Irgendwer hatte mal wieder das Licht im Gang angelassen. Aber wehe, wenn mir das passierte. Dann stellten sie jeden Penny meinem Boss in Rechnung, und der hatte keine Skrupel, den Betrag von meinem nächsten Wochenlohn abzuziehen. Zuzüglich Zinsen.

Die Welt war voller Arschlöcher.

„If I can make it there I make it anywhere, it…“ Ich stieß die letzte der Türen zu den Exekutivbüros auf und blieb wie angewurzelt stehen. Der Mann hinter dem Schreibtisch blickte auf und sah mich mit gerunzelter Stirn an.

„Tut mir leid“, murmelte ich. Geh, rief eine Stimme in mir, aber ich konnte mich nicht losreißen.

Der Mann lehnte sich in seinem ledernen Drehsessel zurück und zwirbelte den Kugelschreiber zwischen seinen Fingern. „It's up to you, New York, New York“, sagte er, ohne zu lächeln. „So geht es weiter.“

Hitze schoss mir in die Wangen, als wäre tief in meinem Bauch ein Vulkan ausgebrochen. „Ich … wollte nicht stören.“ Wann würde ich es endlich lernen? Es war doch nicht das erste Mal, dass Desmond Faraday der Dritte, Bezirksstaatsanwalt und damit Herrscher über den ganzen Hogan Place, mitten in der Nacht an seinem Schreibtisch saß und arbeitete. Der Mann brauchte dringend ein Leben.

Und ich auch, fügte ich mit einem inneren Stoßseufzer hinzu und sah zu, dass ich Land gewann.

Und nun? Er würde mir das Fell über die Ohren ziehen, wenn ich mit dem Staubsauger im Gang rumorte, während er arbeiten wollte. Resigniert stellte ich meinen runden Freund Henry in einem Alkoven ab und lief über die hintere Treppe hinauf in den neunten Stock, wo ich mich noch nicht um die Toiletten gekümmert hatte. Wenn der Herr Bezirksstaatsanwalt nicht weg war, sobald ich das erledigt hatte, würde es mir egal sein. Ich würde staubsaugen. Himmel, ich hatte auch einen Job zu machen, und schlimm genug, dass der bis morgens um vier ging. Vor fünf kam ich nie ins Bett. Und dreimal die Woche war die Nacht um acht wieder zu Ende, wenn ich in Kellys Tanzstudio für Alle die Klassen für die rheumageplagten Damen um die sechzig unterrichtete, die von einer erstaunlichen Determiniertheit der Teilnehmerinnen gekennzeichnet waren.

„It's up to you, New York, New York.“ Super. Er hatte mich gehört. Desmond Faraday. Ja, klar, ich hatte ja auch in allerhöchsten Tönen geträllert. Dabei konnte ich nicht mal singen. Ich griff den Wagen mit Reinigungsmitteln und Putzlappen. Im mittleren Fach lag neben einem Spachtel und den Nachfüllbeuteln für die Seifenspender auch eine Schere. Ich starrte darauf. Nur drei Sekunden. Nicht heute, entschied ich. Nicht jetzt. Desmond Faraday war zu nah.

Es war nicht fair, dass dieser Mensch so gut aussah. Es war noch weniger fair, dass er mindestens einmal pro Woche noch arbeitete, wenn ich zum Putzen kam, und dass es dafür keinen festgesetzten Wochentag zu geben schien, damit ich mich darauf einstellen konnte. Es war nicht fair, weil ich nie den Blick abwenden konnte wenn ich ihn sah. Er konnte nicht viel älter als Dreißig sein und er war wahnsinnig erfolgreich. Dass ich ein gesundes Misstrauen gegen Menschen hegte, zu deren Namen eine Zahl gehört – Desmond Faraday der DRITTE – tat nichts zu Sache. Er war der jüngste Bezirksstaatsanwalt, den New York jemals gehabt hatte, und wenn ich ihn nicht nachts im Büro sah, verging kaum ein Tag, an dem er mir nicht von einem Fernsehbildschirm entgegenlächelte, während er in seinem geschliffenen Upper-Class-Akzent Reden über ein sicheres New York hielt. Es war ein offenes Geheimnis in der Stadt, dass er sich um einen Platz als Richter am Supreme Court bemühte, und wenn man sich seine bisherige Karriere ansah, zweifelte ich nicht daran, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er auch das erreichte. Vermutlich würde er behaupten, dass er seinen Erfolg nur seiner harten Arbeit verdankte. Was für ein Blödsinn. Wenn es danach ging, müsste ich bereits in einem Penthouse mit Blick über den Central Park wohnen und mir von einer Armee an Personal alles hinterhertragen lassen. Ich riss mir den Hintern auf, jeden Tag aufs Neue, bekam nie genug Schlaf und putzte immer noch Toiletten. Fair? Ich ließ kein einziges verdammtes Vortanzen aus.

Klar, wenn ich zum Beispiel in die Bronx umgezogen wäre, würde ich viel weniger Miete zahlen und bräuchte diesen nächtlichen Job nicht. Aber Mia würde auf keinen Fall mitkommen, und außerdem war es von dort eine Weltreise bis zu Kellys Tanzstudio. Ganz abgesehen davon, dass die Theater, an die ich wollte, allesamt in Manhattan lagen. Es wäre ziemlich unsinnig, in die Bronx zu ziehen. Also blieben mir nur die Toiletten.

Und einmal die Woche das Gesicht von Desmond Faraday, Bezirksstaatsanwalt, den Gott liebte. Der mich nur dann wahrnahm, wenn ich laut und falsch im Korridor Sinatra sang. Der mit hochgekrempelten Ärmeln an seinem Schreibtisch saß und dessen Sehnen an den Unterarmen spielten, wenn er irgendwas in seinen Computer tippte. Die Spitzen seiner kurzgeschnittenen Haare wirkten wie in flüssiges Kupfer getaucht, wenn das gedimmte Licht der Schreibtischlampe darauf fiel.

In solchen Nächten hasste ich mein Leben.

*

Am nächsten Tag in der Tanzschule hatte ich Mühe, die Augen offen zu halten. Zwischen der Altdamenrunde am Morgen und dem Unterricht für die ganz Kleinen am Nachmittag hatte ich eine Stippvisite im Broadhurst Theatre eingelegt, wo ein Vor-Casting angesagt gewesen war. Einhundertachtzig hoffnungsvolle Tänzerinnen für einen einzigen Platz im Corps, befristet auf drei Monate. Der Stoff, aus dem Möchtegem-Ballerinas ihre Träume webten. Nur gut für mich, gleich nach der ersten Runde rausgeflogen zu sein. Auf diese Weise hatte ich nicht mehr Zeit verschwendet als unbedingt nötig. Zum Tanzen war ich nicht einmal gekommen. Der künstlerische Leiter des Theaters legte Wert darauf, dass sein Corps ein einheitliches Bild abgab. Er suchte für die Aushilfsstelle brünette Mädchen zwischen eins fünfundsechzig und eins neunundsechzig Körpergröße, mit einem Körpergewicht zwischen fünfzig und dreiundfünfzig Kilo. Was soll ich sagen? Ich bin brünett, eins siebenundsechzig groß und wiege laut der Waage, die wie ein Damoklesschwert im Büro von Bruce Harrison steht, dreiundfünfzigeinhalb Kilogramm, abzüglich ein paar hundert Gramm für die Kleidung. Vielen Dank, Miss Mathews, vielleicht beim nächsten Mal. Rufen Sie uns nicht an, wir melden uns bei Ihnen.

So gesehen war es eine gute Sache, dass ich dank des Castings das Mittagessen ausfallen lassen musste. Offensichtlich hatte ich ein Gewichtsproblem. Gerade noch rechtzeitig schaffte ich es, mich umzuziehen und pünktlich für den Unterricht mit den Drei- bis Vierjährigen wieder in der Tanzschule zu stehen.

Kelly, die Inhaberin des Studios, warf mir einen fragenden Blick zu, als ich mit wehendem Schal an ihr vorbei in die Umkleide stürmte.

„Keine Zeit“, rief ich ihr zu, während ich mir noch im Laufen die Schuhe von den Füßen kickte. Ich liebte die Arbeit mit den Kleinsten. Auch dann, wenn der CD-Player stotterte und ich im Verlauf der Unterrichtsstunde vier kleine Ballerinas aus ihren Trikots schälen musste, damit sie eine Pipipause einlegen konnten. Kaylee passierte ein kleines Malheur, weil sie nicht rechtzeitig Bescheid gegeben hatte, sodass mir auch noch das zweifelhafte Vergnügen zuteilwurde, eine Pfütze vom Parkett aufzuwischen.

Gegen Ende der fünfundvierzig Minuten Unterricht schwitzte ich mehr als meine Schülerinnen.

„So, jetzt setzen wir uns alle zu einem Kreis und machen schöne Ballerinafüße.“ Während die Mädchen sich kichernd und brabbelnd auf dem Boden zu einer Art mutiertem Ei setzten, suchte ich in meinem Handy nach dem passenden Track für die Port-de-Bras zum Abschluss der Stunde.

Heute Abend Aftershowparty im Loft Club. Gibt's was zu Feiern?

Ich ignorierte Mias Textnachricht, fand den richtigen Track und startete die Musik. Nein, zu Feiern gab es nichts. Pipipfützen auf Parkett waren Alltag, kein Grund, die Sau raus zu lassen. Mit tippelnden Schritten tänzelte ich zurück in die Mitte des Saals und setzte mich zu den Mädchen auf den Boden. Ich ließ meine Füße spielen, bevor ich sie streckte.

„Genau so“, lobte ich. „Ballerinas haben schöne Füße und einen geraden Rücken.“ Ich streckte meinen Rücken, meinen Hals, formte vor dem Körper mit den Armen die erste Position. Mit rührendem Eifer kopierten die Kinder die Port-de-Bras. Es war vergebliche Liebesmüh, denn die Mädchen waren zum Ende der Unterrichtsstunde unkonzentriert und zappelig. Trotzdem stand ich auf, korrigierte hier, korrigierte da.

Ein Kribbeln lief über meinen Nacken, plötzlich fühlte ich mich beobachtet. Es war nicht ungewöhnlich, dass schon lange vor dem Ende des Unterrichts die ersten Eltern kamen und versuchten, durch die teilweise verhängte Glastür einen Blick in den Übungsraum zu werfen. Irgendwie schafften die stolzen Mütter es immer wieder, eine Lücke zu finden und ihren Nachwuchs anzuschwärmen. Über meine Schulter warf ich einen Blick zur Tür. Hinter dem Vorhang zeichnete sich eine dunkle Silhouette ab. Groß, wahrscheinlich ein Mann. Das war ungewöhnlich. Fast nie holten die Väter ihre Kinder von der Ballettstunde ab.

Mit einer Verbeugung beendeten die Mädchen die Übungsstunde und ich applaudierte für ihre Geduld und Mühe. Zum Abschied bekamen sie immer ein Gummibärchen. Ich holte die Box aus dem Regal über der Musikanlage, öffnete die Tür und postierte mich im Rahmen, um mich von jedem Mädchen einzeln zu verabschieden.

Die Lobby war voll mit wartenden Müttern und Kindermädchen. Einen Mann konnte ich nirgends sehen. Vielleicht hatte ich mich getäuscht, und es war diese hochgewachsene tschechische Nanny gewesen, die zu Laurelynn gehörte.

„Onkel Dee! Onkel Dee!“ Kaylee, der offensichtlich die Geduld ausgegangen war, stürmte an mir vorbei. Nicht einmal die Aussicht auf ein Gummibärchen konnte sie aufhalten. Ich wollte ihr nachrufen, vorsichtig zu sein, da flog das Mädchen bereits in die Arme eines Mannes, der hinter der Ecke zu Kellys Büro heraustrat.

Für die Dauer eines halben Herzschlags dachte ich, Opfer einer Vision zu sein. Niemand anders als Desmond Faraday fing Kaylee auf, hob sie hoch und kitzelte sie am Bauch, bis die Kleine lachte. Ein süßes, glockenhelles Lachen, versetzt mit dem tiefen Brummen eines männlichen Basses. Er nannte sie sein Terrorbienchen und fragte sie, wie ihr Tag gewesen sei. Was zum Teufel machte der Kerl in meiner Tanzschule? Reichte es nicht, dass ich nachts mit seinem Gesicht fertigwerden musste?

Kurz schloss ich die Augen und nahm einen tiefen Atemzug. Scheiß drauf. Wahrscheinlich kannte er mich nicht einmal. Zumindest solange ich nicht anfing zu singen, stünden die Chancen, dass er sich an mich erinnerte, denkbar schlecht. Menschen wie Desmond Faraday der Dritte lebten zwar im selben Orbit, doch die Umlaufbahnen unserer Planeten kreuzten sich nicht. Das war ein Naturgesetz. Wäre es anders, käme es zu einem unschönen Crash.

Trotzdem konnte ich das flaue Gefühl im Magen nicht ignorieren, als ich in die Garderobe ging, um Kaylees nasse Sachen zu holen. Auf dem Weg zurück in die Halle kam mir strahlend das Mädchen entgegen. Offenbar hatte ihr Onkel sie zum Umziehen geschickt.

„Hast du Onkel Desmond gesehen?“ Kaylees Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen.

„Jupp. Er sieht sehr nett aus.“

„Er ist der Beste.“ Kaylee breitete die Arme aus, legte den Kopf in den Nacken und drehte sich mit schwärmerischer Miene im Kreis. Sie strahlte immer noch wie ein Honigkuchenpferd, was ein bisschen seltsam aussah, weil die brennend rote Farbe der Flecken auf ihren Wangen sich mit dem Bonbonpink ihres Hello-Kitty-Trikots biss.

„Schaffst du das allein mit dem Umziehen?“ Bezirksstaatsanwalt hin oder her, Desmond Faraday hatte nichts in einer Umkleide zu suchen, in der gerade zwölf kleine Mädchen damit beschäftigt waren, sich nackig zu machen. Das war nur Müttern erlaubt.

„Mommy hat mir heute Morgen eine Strumpfhose angezogen.“ Ich ahnte, dass das Code war für nein, ich brauche deine Hilfe, und seufzte. Warum tat ich mir das an? Warum wrang ich Pipi-Klamotten aus und versuchte, Kindern das Tanzen beizubringen, wenn ich eigentlich auf den großen Bühnen des Broadways stehen wollte?

„Okay, ich bin gleich bei dir, ja? Ich bringe nur schnell deine Sachen zu deinem Onkel.“

„Okaaaa-hay“, flötete Kaylee und hüpfte in Richtung Umkleide davon.

Ich umgriff die Henkel der Plastiktüte fester und machte mich auf die Suche nach Desmond Faraday. Meine Fingernägel stachen mir in die Handfläche, ein kleiner, süßer Schmerz, der meinen Arm heraufkribbelte und mich schaudern ließ. Ich packte fester zu. Das war genau das, was ich jetzt brauchte. Das Stechen erdete mich, spendete Ruhe an einem Tag, der schon eine Katastrophe gewesen war, bevor ausgerechnet Desmond Faraday in der Tanzschule auftauchte. Doch es war nicht genug.

Er stand vor dem Plakat mit den Fotos der Lehrkräfte, das einfallende Licht der Eingangstür in seinem Rücken, und las.

Ich trat auf ihn zu. Er beachtete mich nicht. Natürlich. Vielleicht sollte ich anfangen zu singen, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Stattdessen entschied ich mich für ein Räuspern.

„Kaylee ist heute ein kleines Missgeschick passiert.“ Ich streckte ihm die Tüte mit den nassen Sachen hin. Er wandte sich um. Den Augenblick, in dem sein Blick meinen traf, konnte ich genau benennen. Seine Pupillen weiteten sich, fraßen das Grün seiner Iriden. Desmond Faraday hatte grüne Augen, warum war mir das noch nie aufgefallen? Ein helles, rauchiges Grün, wie die Oberfläche eines Waldsees im Frühling, wenn die Sonne darauf fiel und er von unten zu leuchten schien.

Er rührte sich nicht. Er stand da und verschlang mich. Kaninchen und Schlange, Löwe und Gazelle. Die Klischees waren zahlreich, und doch wurde nicht ein einziges dem Blick gerecht, mit dem Desmond Faraday mich musterte. Hinter meinem Bauchnabel wuchs ein dumpfes Pochen, das absolut nichts damit zu tun hatte, dass ich heute noch nichts gegessen hatte. Meine Hand, an der die Tüte mit den Pipisachen hing, sank zwischen uns nach unten.

Plötzlich war es vorbei. Er blinzelte, legte den Kopf ein wenig schief. Das Licht der Deckenlampe malte goldene Funken in seine rotbraunen Haare.

„Kennen wir uns?“, fragte er.

Diese Frage brach auch bei mir den Bann. „Nein, Mister Faraday. Wir kennen uns nicht.“ Ich betonte dabei das Wort WIR. Dass ich ihn kannte, bedeutete gar nichts. Kurz spielte ich mit dem Gedanken, ihm zu sagen, dass ich zwar nicht ihn, dafür aber den Inhalt seines Mülleimers kannte.

Seine Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Es war unverschämt, wie dieser Mann lächeln konnte. Dasselbe Lächeln, mit dem er Millionen Wähler einfing, wenn er vor den Kameras posierte und für die Sicherheit der Menschen in New York eintrat. „Ich fürchte, Sie sind gerade klar im Vorteil.“ Er streckte mir seine Hand zum Gruß hin. „Desmond Faraday. Aber damit erzähle ich Ihnen offensichtlich nichts neues.“

„Viktoria Mathews.“ Ich wechselte die Plastiktüte von der Rechten in die Linke und ergriff die dargebotene Hand. Das Ziehen in meinem Unterleib verstärkte sich. Das Verlustgefühl, das mich überkam, als ich meine Hand wieder zurückzog, war irrational. Mit dem Kopf deutete ich auf die Plastiktüte. „Das muss gewaschen werden. Ich hab Kaylee Strumpfhosen und ein Trikot aus unserem Fundus geliehen. Sie kann die Sachen beim nächsten Mal einfach wieder mitbringen.“

„Ich werde es ihrer Mutter sagen.“ Er griff nach der Tüte. Es hätte eine nichtssagende, effiziente Geste sein können, doch so war es nicht. Seine Finger strichen über meinen Handrücken. Als wäre es Absicht, dass er zu weit gegriffen hatte, um Haut auf Haut zu spüren. Aus der Plastiktüte stieg dampfiger Uringeruch auf, doch alles, was ich roch, war der Duft von Sägemehl und Seegras, der von diesem Mann ausging und den Pipigeruch überlagerte. Seine Finger verweilten zwei Sekunden länger als notwendig auf meiner Haut, bevor er sie zurückzog. In meinen Ohren rauschte der Puls.

„Danke.“ Reiß dich verdammt noch mal zusammen, dachte ich. Meine Stimme klang zu heiser für meinen Geschmack. Das hier war Desmond Faraday. Mit meinem Selbstbewusstsein war alles in bester Ordnung. Ich glaubte nicht, dass dieser Mann, der mich in diesem Moment betrachtete wie ein Rätsel, das er im Begriff war zu lösen, mehr wert war als ich, nur weil ich tagsüber kleinen Mädchen das Tanzen beibrachte und nachts Büros putzte, während er der unangefochtene Herrscher in eben diesen Büros war. Aber ich war auch nicht naiv. Was immer ihn dazu bewog, mich heute ausnahmsweise einmal wahrzunehmen, ich konnte es nicht gebrauchen. Bedauerlicherweise ließ mein Körper sich nicht so ohne weiteres von der Vernunft überzeugen. Wo Desmond mich berührt hatte, kribbelte die Haut.

Ohne einen weiteren Gruß wandte ich mich um. Zeit, dass ich hier raus kam.

Kapitel 2

Desmond

Erleichtert stellte ich fest, dass im Foyer des Tanzstudios noch Licht brannte. Ich fuhr den Wagen an den Straßenrand, wo ich eigentlich nicht parken durfte, aber es war mir egal. Zwei Minuten. Ich nahm die sechs Stufen zum Portal in drei Schritten und griff auf die Klinke.

Nicht abgeschlossen. Laura hatte gesagt, dass sie nicht wüsste, ob jetzt überhaupt noch jemand in der Tanzschule war. Dunkelheit war in die engen Straßenzüge von Lower Manhattan gekrochen, die Straßenlampen warfen lange Schatten zwischen hohe Backsteinbauten. Der rote Rucksack. Ich hatte vergessen, Kaylee an ihren Rucksack zu erinnern, den sie für den Kindergarten am nächsten Tag brauchte. Ich war nicht gut darin, Menschen zu enttäuschen, und schon gar nicht meine Ex und ihre entzückende Tochter. Laura war die erste Frau gewesen, die ich in mein Leben gelassen und nicht schnell genug wieder hatte loswerden können. Ihr waren einige andere gefolgt, doch sie war etwas Besonderes geblieben. Dafür, dass für mich immer die Arbeit an erster Stelle stehen würde, konnte sie nichts. Über Laura hinwegzukommen war schwer gewesen, die Trennung eine schmerzhafte Angelegenheit. Vielleicht war das der Grund, warum ich ihr und ihrer Familie half, so gut es ging. Ihr Mann war mein bester Freund, ihre Tochter ein Goldstück, und ich hatte immer noch etwas gutzumachen.

Stille schlug mir entgegen, als ich das Portal aufzog. Die Garderobenhaken im Foyer waren bis auf eine einzige Jacke leer. Wer vergaß im märzkalten, verregneten New York seine Jacke, bevor er irgendwo vor die Tür ging?

Im Büro war niemand. Abgeschlossen. Ich versuchte mich zu erinnern, aus welcher der vom Korridor abgehenden Türen Kaylee vorhin gestürmt war. Dahinter dürfte die Umkleidekabine sein, in der ich den Rucksack finden müsste. Dass jemand das Licht auszuschalten vergaß, wenn er oder sie ein Gebäude verließ, kam vor. Zumindest wenn es demjenigen nicht wieder ausgetrieben wurde. Mit einem grimmigen Grinsen erinnerte ich mich an die Rechnungen, die wir an die Reinigungsfirma verschickt hatten, die am Hogan Place putzte. Zumindest dort, wo ich es verhindern konnte, würde so eine Nachlässigkeit nicht noch einmal passieren.

Mein Fuß stockte, halb den Gang hinunter. Die Reinigungsfirma. Hogan Place. Viktoria Mathews. Der Augenblick, als unsere Finger sich berührt hatten, weil ich der Versuchung, die Haut der kleinen, süßen Tanzlehrerin zu spüren, nicht hatte widerstehen können. It's up to you, New York, New York. Verflucht, hatte ich das wirklich nicht gesehen? Natürlich kannte ich Viktoria Mathews. Ich kannte sie, weil sie es war, die in den Büros putzte. Nachts, wenn niemand dort war, außer gelegentlich der Bezirksstaatsanwalt, der wieder mal die Arbeit über alles stellte. Wie oft war ich ihr im Gang begegnet, wenn ich mir nochmal einen Kaffee holte, und hatte mich geärgert, weil die Maschine gerade einen Reinigungszyklus durchlief und die ganze Kaffeeküche nach Essig stank?

Ich hatte sie nicht erkannt. Weil sie am Hogan Place nur putzte, während sie mir hier im engen Trikot und durchsichtigen Wickelröckchen gegenüberstand. Ich war ein oberflächlicher Bastard.

Aus einer angelehnten Tür fiel ein schmaler Lichtstreifen aufs Parkett des Foyers. Ich drückte die Tür auf. Ein Umkleideraum. Eine vergessene Jacke am Haken, ein Turnbeutel auf einer Bank, ein angeknabbetter, liegengelassener Apfel. Socken auf dem Boden. Draußen trieb der Wind Regenwellen gegen das Fensterglas.

Unter einer der Bänke sah ich den roten Rucksack liegen und trat in den Raum. Ich schaute mich um. Niemand. Du kannst ihn nicht verwechseln, hatte Laura zu mir gesagt. Vorn auf dem Rucksack steht Kaylees Name drauf. Ich zerrte das rote Teil unter der Bank hervor, suchte und fand den Namen.

Der Wind drehte. Das Rauschen gegen die Fensterscheiben hörte auf. Ein anderes Geräusch übernahm. In meinen Ohren knackte es. Das Geräusch war nah. Ich wandte mich um, sah die halb offene Tür, dahinter Licht. Ich ging näher. Ein gekachelter Waschraum, ein Tisch.

Eine nackte Frau.

Die Haut sanft gerötet von zu heißem Wasser. Die Haare wie eine Kaskade aus flüssiger Schokolade über der zarten Form ihrer Schultern.

Sie war es, die das Geräusch gemacht hatte. Ein unterdrücktes Wimmern. Ich trat noch einen Schritt näher. Ich sollte gehen, mein Anstand sagte es mir, doch ich konnte nicht. Offensichtlich hatte sie gerade geduscht, das Haar glänzte feucht. Sie fühlte sich offenbar unbeobachtet, und ich sollte gar nicht hier sein, aber irgendwas zog mich magisch an.

Nicht irgendwas. Das Wimmern.

Mit einem leisen Klirren fiel etwas auf die Fliesen zwischen ihren Füßen. Eine Schere. Eine kleine Bastelschere, wie Kinder sie in ihren Schultaschen mit sich herumtragen. Ich sah das Blut. Ein paar Tropfen, die auf die Schere und die weißen Fliesen fielen.

Surreal. Abartig schön.

Wie von einem Magneten gezogen, trat ich dicht hinter sie. Jeder andere Mensch wäre vermutlich geflohen. Oder hätte irgendwas gesagt. Ich konnte nicht. Ich musste mir ansehen, was sie getan hatte. Mein ganzer Körper brannte.

Dumpfe, kalte Erinnerungen griffen nach mir, aber ehe sie zupacken konnten, vergrub ich meine Finger in den Haaren der Frau und zog ihren Kopf in den Nacken, damit ich ihr Gesicht sehen konnte.

Viktoria Mathews. Sie erschrak nicht, verfiel nicht in Panik. Sie sah nicht einmal verwundert darüber aus, dass sie nicht mehr allein war. Ihr Blick traf meinen. Ihre Augen waren glasig und schienen mich nicht wirklich zu sehen. Obwohl sie wie auf Drogen wirkte, spürte ich die Hitze, die sich in meinem Rückgrat sammelte. Sie war nackt, aber das war es nicht.

Ich packte sie, wie kein Mann eine Frau packen sollte, fest, hart, unerbittlich. Die Lust, die mir in die Eier schoss, war nicht zu bändigen. Kein Gedanke mehr an Kaylees Rucksack, an Laura, oder daran, was für ein selbstgefälliges Arschloch ich war. Nur noch ihre Brüste, die jetzt nicht mehr so flach waren wie in dem Tanztrikot, sondern apfelförmig und fest, mit steifen Nippeln, ihre blankrasierte Pussy, der Hauch von Erregung, der von ihr zu mir aufstieg. Und ihr Stöhnen. Vor allem ihr Stöhnen, zu leise, um überhaupt ein Laut zu sein.

„Es tut weh“, sagte sie, ein entrücktes Lächeln um die Lippen. „Das ist gut.“

Wie betäubt von dem Anblick, den sie bot, betäubt von ihrem Lächeln, unfähig, die Gefühle zuzulassen, die ihre glitschigen, kalten Finger nach mir ausstreckten, griff ich hinter mich und nahm ein Handtuch vom Haken. Ganz sauber war es nicht. Ich ging um Viktoria herum, ging vor ihr in die Hocke, blieb nahe genug, um meine Faust nicht aus ihren Haaren lösen zu müssen, und wischte mit dem Handtuch das Blut von ihrem Schenkel. Ich sah nicht auf den Schnitt. Ich sah in ihre Augen, so nah vor meinem Gesicht. Sie hatten dieselbe Farbe wie das Gefieder eines Adlers, ein warmes Braun mit goldenen Tupfen darin. Der Blick dieser einzigartigen Augen folgte jeder meiner Bewegungen. Ich drückte auf. Mehr als nötig. Rieb mit dem Frottee über die Haut. Ihre vollen Lippen zitterten. Sie keuchte, krümmte sich, aber wehrte mich nicht ab.

Ich inhalierte tief. War mir jeder Unze von Luft, die den Weg in meine Lungen fand, bewusst. Nur so konnte ich die überwältigende sexuelle Erregung unterdrücken, die mich packte. Ich hatte so etwas schon lange nicht mehr gespürt. Vielleicht noch nie. Einen solchen Druck in mir, ein solches Verlangen. Ich konnte die Flammen spüren, wie sie durch meine Adern und Nervenbahnen züngelten.

„Ich wollte nur ganz wenig …“, murmelte Viktoria, aber sie sprach nicht weiter, ihr Kopf sackte zurück, schmiegte sich gegen die Faust, die ich noch immer in ihren Haaren vergraben hatte. Ihr Duft war eine Mischung aus Wärme, Sex und Honig. Eine Droge, der ich verfallen würde, wenn ich ihr noch länger ausgesetzt wäre.

„Haben Sie nicht“, erwiderte ich. Die Frage, ob sie so etwas öfter tat, erübrigte sich angesichts der Spuren unter dem frischen Schnitt. Narben, teilweise schon Jahre alt, zogen sich kreuz und quer über die Haut. Schnitte. Einige so tief, dass der Heilungsprozess wulstige Spuren zurückgelassen hatte, die nie verblassen würden. In meinen Ohren rauschte das Blut.

„Herr Bezirksstaatsanwalt.“ Sie lallte und lächelte verklärt. „Bringen Sie mich jetzt ins Gefängnis?“

„Ich denke, erstmal werde ich Sie nach Hause bringen“, sagte ich, bemüht, meinen Gemütszustand zu verbergen. Sie brauchte jetzt einen Felsen, nicht einen Berg glibberiger Unentschlossenheit, der sich von dem, was er sah, vollkommen aus der Bahn werfen ließ.

Sie begann zu zappeln, entwand sich meiner Hand. Ich war verstört genug, um loszulassen. Was war los mit mir? Ich war kaputt. Ein krankes Schwein, den es erregte, eine Frau anzusehen, die sich gerade selbst verletzt hatte. Sie hockte sich neben mich auf die Fliesen und wischte mit dem dreckigen Handtuch an den Blutstropfen am Boden herum, aber das einzige, was sie damit erreichte, war, dass alles verschlierte. Wenigstens kam sie ein wenig zu sich, und das gab mir die Chance, auch meine Benommenheit halbwegs abzuschütteln.

„In den Büros haben Sie das mit dem Putzen besser drauf“, sagte ich.

Sie hielt inne, hob langsam den Kopf. „Dann ist es Ihnen also eingefallen.“

Ich schenkte ihr ein schiefes Grinsen, wies mit der Daumenspitze an meine Schläfe und drehte die Hand. „Manchmal dauert es ein bisschen.“

„Was tun Sie eigentlich hier? Sie sollten nicht hier sein.“

„Kaylee hat ihren Rucksack vergessen.“

Sie schnaubte und wischte weiter. Es schien ihr nicht einmal etwas auszumachen, dass sie nackt war. Ihr zierlicher Körper mit den schmalen, festen Muskelsträngen machte Dinge mit mir. Ich schloss für einen Moment die Augen. Als ich die Lider wieder hob, fiel mein Blick auf einen Haufen Kleider auf dem Tisch. Jeans, Rollkragenpullover. „Gehört das Ihnen? Ziehen Sie sich an, bitte.“

Sie setzte sich auf die Fersen. Mit herausforderndem Blick musterte sie mich. „Gefällt Ihnen nicht, was Sie sehen?“

Wenn sie nur den Hauch einer Ahnung gehabt hätte, wie es in mir aussah, wäre sie schreiend davon gelaufen, statt mir diese Frage zu stellen. „Sie haben Ihrem Körper einen Schock verpasst“, sagte ich so ruhig wie möglich. „Sie kühlen aus.“

Sie stand auf und zog sich ungeniert die Jeans und den Pullover an, ohne sich mit Unterwäsche aufzuhalten. Dabei lag ein spöttischer Zug in ihren Mundwinkeln. „Sie haben keine Ahnung. Das war kein Schock. Das war Erlösung.“ Sie fingerte ein Handy aus der Jeanstasche und drückte ein paar Knöpfe. „Mist“, murmelte sie.

„Wo wohnen Sie? Ich kann Sie nach Hause fahren.“

„Haben Sie nichts Besseres zu tun?“

Hunderte von Dingen. „Nein. Erzählen Sie mir von dieser Erlösung.“ Ich wollte es hören. Musste es hören. Wie ein schlafender Riese, der aus einem jahrhundertelangen Traum aufwacht, räkelte sich tief in mir die Dunkelheit und gähnte.

Viktoria hob die Schultern und ließ sie wieder sacken. „Stress. Leben. Keine Ahnung. Depression? Jeder Mensch braucht ein Ventil. Welches ist Ihres?“

„Für Sie ist es ein Ventil, wenn Sie sich die Oberschenkel zerschneiden?“ Ich blickte auf meine Armbanduhr.

„Lassen Sie sich von mir bitte nicht aufhalten“, sagte sie, trat an einen der Wasserhähne im Waschraum und feuchtete ein weiteres Handtuch an, um die Blutschlieren endgültig zu entfernen. Ich musste daran denken, wie sich der frische Schnitt anfühlte, wenn der Stoff der Jeans daran rieb. Brennend. Schmerzend. Ich sah auf sie hinunter, wie sie die Spuren ihres Ventils wegwischte.

„Haben Sie morgen Abend etwas vor?“, hörte ich mich fragen.

„Wie bitte?“

„Ich möchte, dass Sie mit mir ausgehen.“

„Warum sollte ich das tun, Herr Bezirksstaatsanwalt?“

Ich wartete, bis sie den Kopf hob. Mein Blut rauschte, ich war kurz davor, eine Entscheidung zu treffen. Die Klippe wartete bereits, ich musste nur noch springen. „Sir tut es auch“, sagte ich leise, ruhig, gefasst. Beobachtete sie dabei, ihre goldbraunen Augen, groß und mit unerhört langen Wimpern. Bebende Nasenflügel, ich erkannte genau den Moment, als zu ihr durchdrang, was ich gesagt hatte. Ich wollte ihre Reaktion sehen. Ich musste.

Sie schüttelte den Kopf. „Vergessen Sie es. Ohne mich. Suchen Sie sich jemand anders. Sie finden mich in einer Lage, in der niemand mich sehen sollte, und glauben, mich zu kennen? Nehmen Sie Kaylees Rucksack und gehen Sie einfach. Sie haben nichts gesehen, Herr Bezirksstaatsanwalt.“

Mit zwei Schritten war ich bei ihr, griff erneut in ihre Haare, riss ihren Kopf in den Nacken. Ihr Atem strich über meine Wange. Da war keine Angst in ihren Augen. Nur das leichte Zittern ihrer Nackenmuskeln, und der Duft von weiblicher Erregung. Mit der freien Hand packte ich ihren Oberschenkel, dort, wo der frische Schnitt saß, und drückte zu, presste meine Fingerkuppen in die weichen Muskeln, presste den Schnitt zusammen. Leicht zuerst, dann fester. Ihre Pupillen weiteten sich, sie öffnete den Mund, doch statt wegzuzucken, drückte sie sich näher, fester gegen meine Hände. Kleine Fältchen gruben sich in ihre Augenwinkel, als ich noch fester zudrückte und der Schmerz bei ihr ankam. In mir tobte ein Glücksgefühl, das keine andere Situation mir je beschert hatte. Ein Glücksgefühl, das falsch war, dunkel, gierig. Ich starrte ihre Augen an, die sich verschleierten, sah die einzelne Träne, die sich in ihrem linken Augenwinkel bildete, und konnte nicht wegsehen, als der winzige Tropfen langsam über ihre Schläfe und dann ihre Wange rollte.

„Wissen Sie eigentlich, was Sie sich antun?“, fragte ich leise, direkt in ihr Ohr. „Wissen Sie das? Wenn Sie sich selbst verletzen und sich in einen Augenblick der Trance verlieren? Wenn Sie überhaupt keine Kontrolle über das haben, was Sie sich antun? Dieser Moment, wenn das Gefühl der Euphorie alles andere verstummen lässt, wissen Sie eigentlich, wie viel Sie sich selbst antun könnten, ohne es zu merken? Sie bringen sich in Lebensgefahr.“

„Ich lebe so, seit ich ein Kind war“, gab sie zurück. „Ich kann damit umgehen.“

„Nicht mehr. Nicht, wenn Sie es nicht mal schaffen, diesen viel zu öffentlichen Ort zu verlassen, ehe Sie Hand an sich legen. Oder wenigstens die verdammte Vordertür abzuschließen. Sie sind ein Junkie.“

„Sie haben keine Ahnung …“

Ich inhalierte den Duft von Honig und Schweiß. „Ich werde dir wehtun.“ Meine Worte streichelten über ihren Hals. Winzige Härchen richteten sich in ihrem Nacken auf, sträubten sich unter meinen Fingerspitzen. Ich schaffte es nicht, ihr in die Augen zu sehen. In meinen Ohren brauste es. Ich konnte nicht glauben, dass ich das tat. Unter meiner Erregung brodelte Scham, dick und zäh, aber unfähig, sich durchzusetzen. „Ich kann dir geben, was du brauchst. Alles, was du brauchst. Verstehst du? Und dann ist es meine Verantwortung, dass dir nichts geschieht. Dann kannst du dich fallenlassen.“

„Lassen Sie mich los“, zischte sie.

Ich ließ los und trat zurück. Meine Worte dröhnten in meinen Ohren. Ich war wie paralysiert. Sie griff nach der offenen Trainingstasche auf der Bank, wo Jeans und Pullover gelegen hatten, zerrte am Reißverschluss, gab schließlich auf und stürmte mit der offenen Tasche aus der Tür.

Viktoria

Idiot. I-D-I-O-T. Auf dem Weg zur Bushaltestelle prasselten mir Regentropfen ins Gesicht. In all ihrer Hässlichkeit erstreckte sich die 11th Avenue vor mir. Ein gelbes Taxi missachtete den Zebrastreifen vor dem Chelsea Piers Sports Center, durchpflügte eine Pfütze und badete mich in Schmutzwasser. Der Verkehrslärm rauschte in meinen Ohren. Scheiß März, der eigentlich den Frühling bringen sollte, doch stattdessen in Nässe und Kälte ersoff. Scheiß Casting im Broadhurst. Scheiß Bezirksstaatsanwalt.

Scheiß Leben.

Was bildete sich der Kerl eigentlich ein? Wir lebten in New York, der Welthauptstadt der Freaks. Jeder hier hatte seinen Tick. Letztens hatte ich von einem Typen gehört, der sein Auto geheiratet hatte, weil er sich sexuell zu dem rostigen Teil hingezogen fühlte. Ich ritzte mich, wenn der Druck zu groß wurde. Na und? Was ging es Desmond Faraday an? Einen Typen, dessen weiße Weste so wichtig für ihn war wie für andere die Luft zum Atmen, wenn er weiterhin in seinem bequemen Office am Hogan Place sitzen wollte. Was wusste der davon, wie es sich anfühlte, wenn man jeden Tag zwanzig Stunden arbeitete und doch am Ende des Monats nicht wusste, wie man seine Rechnungen bezahlen sollte?

Er hatte mich nicht einmal erkannt, dieser Idiot. Und dann, plötzlich, wenn ich blutend und verletzlich vor ihm lag, konnte er sich an mich erinnern. Fick dich, Desmond Faraday. Ich brauche dich nicht. Ich brauche dein hübsches Gesicht mit den Lachfältchen in den Augenwinkeln und den langen, kupferfarbenen Wimpern nicht. Ich brauche dein perverses Angebot nicht, und auch nicht deine Hilfe, um nach Hause zu kommen. Fick dich von Montag bis Sonntag. Fick dich mit dem Licht an. Fick dich, fick dich, fick dich.

An der Ecke zur West 18th Street stellte ich mich zu fünf weiteren erbärmlich durchnässten Kreaturen unters Dach des Bushäuschens. Zumindest musste ich nicht lange warten, bis die richtige Linie kam. Mit mir quetschte sich eine dicke, schwarze Mama in den Bus. Ich half ihr, den Kinderwagen durch die zischende Bustür zu hieven, und erntete einen dankbaren Blick. Na also, ging doch. Ich war kein Freak, sondern nett und hilfsbereit. Ich führte gemeinsam mit meiner besten Freundin einen Haushalt, putzte nachts Büros, träumte meinen Traum und tanzte um mein Leben. Ganz sicher war ich nicht der Fußabstreifer, auf dem weißwestige Staatsanwälte ihren Dreck abladen konnten. Ihre schmutzigen Fantasien. Meine Wangen glühten vor Zorn. Verdammt, aber es hatte sich gut angefühlt, als er mich angefasst hatte. Zu gut. Nicht nur in der Umkleide, sondern auch schon davor. Als ich ihm die Tüte mit Kaylees Sachen in die Hand gedrückt hatte. Der Schnitt an meinem Schenkel brannte, wo der Jeansstoff darüber rieb, eine willkommene Erinnerung an die Erlösung nach dem Schmerz. Schmerz, den er noch schlimmer gemacht hatte. Schlimmer und wunderbarer. Erlösend.

Arschloch.

Die Fahrt dauerte ihre fahrplangemäßen einundzwanzig Minuten. Zum Glück hatte der Verkehr ein Einsehen, und der Bus musste sich durch keinen Stau quälen. Nässe kroch durch meine Jacke, klebte den Stoff des Pullovers auf die Haut. Eisige Wassertropfen sickerten aus meinen Haaren den Nacken hinab, kühlten die Haut, wo Desmond Faradays Finger heiße Flecken hinterlassen hatten. Er hatte fest zugepackt, sicher, und für einen kurzen Moment lang hatte es sich angefühlt, als würde meine Haut reißen. Dasselbe Nichts im Kopf, dieselbe Euphorie, die im Nichts geboren wurde und nach außen quoll, um mich mit Glückshormonen zu überschwemmen. Ich schauderte. Vergiss es, Herr Bezirksstaatsanwalt. Im Leben nicht war ich, was er impliziert hatte. Ich war ein Mensch, ganz einfach. Eine Frau von vierundzwanzig Jahren, die schon viel zu lange ohne den Trost der Berührung eines Mannes lebte. Entzugserscheinungen. Das war die Erklärung.

Das Licht hinter unserem Wohnzimmerfenster im dritten Stock verriet mir, dass Mia zu Hause war. Gewöhnlich verließ sie gegen Sieben das Haus, um sich für ihren Gig am Abend vorzubereiten. Von halb neun bis elf spielte und sang sie in einer der angesagtesten Lounge-Bars New Yorks. Die Auftritte in ihren engen schwarzen Spitzenkleidern hatten für so viel Furore gesorgt, dass mittlerweile sogar ein Plattenlabel um sie warb. Mia hatte es geschafft. In der Stadt, die niemals schlief, war sie von einem Niemand zu einer ernstzunehmenden Künstlerin aufgestiegen. Und trotz aller Eifersucht, die ihr Erfolg in mir auslöste, war das überwältigende Gefühl, das ich empfand, Freude für sie. Und Beharrlichkeit für mich selbst. Oh ja. Sie hatte es geschafft. Ich konnte das auch.

Aus meiner Handtasche kramte ich den Schlüssel. Wie immer klemmte die Eingangstür. Das Schloss könnte eine Spur Öl vertragen, aber natürlich fühlte sich niemand dafür verantwortlich. Im Nagelstudio neben der Hauseingangstür wurde noch gearbeitet. Im Vorbeigehen nickte ich Mandy zu, die gerade dabei war, einer Kundin die Nägel zu lackieren. Aus der Bar zwei Türen weiter strömte der Geruch nach Bier und Frittiertem. Mein Magen zog sich knurrend zusammen und erinnerte mich daran, dass ich seit gestern Abend nichts mehr gegessen hatte. Noch schlimmer wurde es, als ich die Wohnung betrat und mir der Duft nach Mias Gemüse-Samosas entgegenströmte. Großartig. Genau das, was ich noch gebrauchen konnte. Ich war zu schwer für das Tanzcorps am Broadhurst. Samosas? Keine gute Idee.

Ich kickte meine Schuhe von den Füßen und warf meine Trainingsjacke in den Flur, bevor ich ins Wohnzimmer ging. Mia lümmelte mit angezogenen Knien und einem Handtuchturban um den Kopf auf dem Sofa und blätterte in einem Magazin, während sie bedächtig auf ihren Samosas kaute.

„Hey.“ Aufstöhnend ließ ich mich in den Sessel fallen und griff mir eines der frittierten Teigbällchen. Die Diät konnte genauso gut morgen beginnen.

„Willst du noch mehr? In der Küche ist der Rest. Wenn du sie lieber warm hast, kann ich sie auch noch mal aufwärmen.“

Bedächtig kaute ich. Die Samosas schmeckten herrlich. Mia kaufte das Mehl für die Panade in einem ganz bestimmten Laden ein paar Blocks die Straße hinunter. Nur bei Mia waren die Gemüsestückchen auch dann noch außen knusprig und innen cremig, wenn sie bereits erkaltet waren. Kaltes Frittierfett klebte an meinen Fingern, legte sich auf meine Lippen. Herrlich. Und ganz sicher nicht das Richtige, wenn ich ein paar Kilo abnehmen wollte. Ich genoss jeden Bissen, dann schüttelte ich den Kopf. „Sehr verlockend, aber danke. Ich muss ein bisschen abspecken.“

„Du musst was?“ Mit einem dumpfen Ooomph warf Mia das Magazin auf den Sofatisch.

„Du hast mich gehört.“ Ich hob die Schultern. Meine Finger kribbelten, so gern wollte ich noch eine der Samosas essen, aber Disziplin war das Erste, was man während einer Tanzausbildung lernte, und die hörte nicht im Tanzsaal auf.

„Und was bringt dich, Miss Man-kann-zwischendeinen-Oberschenkeln-durchsehen, zu dieser Erkenntnis?“

„Nichts Bestimmtes.“ Ich wollte nicht an Bruce Harrison denken, den Halbgott des Broadhurst Theatre. Ich wollte nicht an Desmond Faraday denken und auch nicht daran, dass ich in vier Stunden schon wieder am Hogan Place stehen und Böden schrubben musste. Alles, was ich wollte, war, mich ins Bett zu legen und für ein paar Stunden die Augen zuzumachen, damit ich später den Rest der Nacht angehen konnte.

„Hühnerscheiße“, konstatierte Mia treffend. Dafür liebte ich meine Freundin. Sie fand immer die richtigen Worte. Gut, dass sie nicht ihre eigenen Texte sang, wenn sie vor einem Mikrofon stand. „Hat es mit diesem Vortanzen heute im Broadhurst zu tun? Du hast nicht auf meine SMS geantwortet.“

„Weil es nichts zu antworten gibt. Ich hab nicht mal vorgetanzt. Ein Schritt auf die Waage und dann ‚danke, das war's'.“ Seufzend schloss ich die Augen. „Was soll's. In meiner Pause in der Tanzschule hab ich im Dancer's Weekly gesehen, dass die für diese Show am Lemontree Pinnacle noch Tänzerinnen suchen.“

Obwohl ich die Augen immer noch geschlossen hielt, wusste ich, dass Mia den Kopf schüttelte. Wir kannten uns seit der ersten Stunde an der Brooklyn School of Performing Arts. Blut, Schweiß und Tränen einer künstlerischen Ausbildung schweißten zusammen. „Das ist eine Burlesque-Show, Vika. Du bist klassische Tänzerin. Das ist doch nie und nimmer, was du eigentlich willst.“

„Mach die Jobs, die du bekommst, bis du die Jobs bekommst, die du willst. Du weißt doch, was sie immer sagen.“

„Das ist Blödsinn. Hör auf damit, Vika. Du machst dich kaputt. Niemand kann das auf Dauer durchhalten, was du abziehst. Zwei Jobs, Vortanzen, ständig auf Abruf sein. Das, was die uns in der Schule gesagt haben, ist Schwachsinn. Nicht die Besten gewinnen die größten Gigs, sondern die mit den besten Beziehungen. Komm mit mir auf die Partys. Zeig dich. Wenn du die richtigen Leute kennst, brauchst du dich auch nicht mehr auf jedes beschissene Casting schleppen.“ Sie zwinkerte. „Und ich, Baby, kenne die richtigen Leute.“

Diese Diskussion hatte angefangen, sobald wir beide unsere Diplome in der Hand gehalten hatten. Mia glaubte an Beziehungen, Kontakte und den ein oder anderen wohl eingesetzten Blow-Job hier und da. Ich glaubte an Fleiß, Disziplin und Starrsinn. Was soll ich sagen? Fünf Jahre später hatte Mia einen Agenten, ein festes Engagement und ihren ersten Plattenvertrag in der Tasche, während ich einfach nur müde war.

Ich schlug mir mit den flachen Händen auf die Oberschenkel und stand auf. „Ich muss ins Bett. Wenn ich nicht ein paar Stunden Schlaf bekomme, bevor ich in den Hogan Place gehe, schlaf ich dort auf den Kloschüsseln ein.“ Und die Vorstellung, dass ausgerechnet Desmond Faraday mich nach dem Disaster im Umkleideraum von Kellys Tanzstudio bei einem Nickerchen auf der Klobrille erwischen würde, war noch schlimmer, als die Vorstellung, es niemals auf die großen Bühnen dieser Stadt zu schaffen.

Kapitel 3

Der Rest der Woche verlief unspektakulär. Ich verpflichtete mich für einen Auftritt im Kindertheater am übernächsten Samstag, schickte meine Bewerbungsmappe an zwei Shows, die im kommenden Jahr starten würden, und trainierte in jeder freien Minute, in der ich das Tanzstudio für mich hatte. Endlich war Freitag, und ich hatte das Gefühl, kurz vor dem Abflug ins Paradies zu stehen. Freitage waren gut. Ich liebte Freitage. Vor allem die Freitage, an denen Mia nicht in der Stadt war und die, nach dem Ende der letzten Einheit in Kellys Tanzstudio für die mehr oder weniger Talentierten, wirklich ganz allein mir gehörten. Die Freitage, an denen ich abends nach Hause kommen, beim Pizzadienst anrufen und mir eine Salamipizza mit käsegefüllter Kruste bestellen konnte, die ich dann in mich hineinstopfen würde, während Sheldon im Fernsehen über The Big Bang Theory schwadronierte und keine Ahnung hatte, wovon seine Mitbewohner redeten.

Perfekt. Bis auf die Pizza. Es würde doch wieder nur ein Knäckebrot mit praktisch fettfreiem Frischkäse und Radieschenscheiben geben. Aber egal. Dieser Freitag gehörte mir. Kein Hogan Place. Keine um die Ohren geschlagene Nacht. Und vor mir ein Samstag ohne Pläne, ohne Veranstaltungen, nur ich und das Sofa.

Was machte es schon, dass Kelly mich bat, morgens halb neun für Angela einzuspringen, die normalerweise die Gymnastik für Schwangere unterrichtete? Ein kleines Studio wie das von Kelly musste sich alle möglichen ausgefallenen Dinge einfallen lassen, die nicht alle mit Tanzen zu tun hatten, damit es sich rentierte und die Miete bezahlen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wie es war, schwanger zu sein, und welche Gymnastik man diesen Damen zumuten konnte, aber Kelly hatte versprochen, dass Angela einen ausführlichen Leitfaden im Büro deponiert hatte. Also sagte ich zu.

Am Ende von anderthalb Stunden Ablesen vom Blatt und Korrigieren der Übungen, mit Damen in diversen Schwangerschafsstadien, von einer Mittvierzigerin, der man noch gar nichts ansah, bis zu einem Teenager, die scheinbar kurz vor der Entbindung stand, war ich ausgelaugt, aber happy. In diesen anderthalb Stunden hatte sich mein Weltbild ordentlich gerade gerückt. Was machte es, wenn unsereins so kämpfen musste? Die Welt würde nicht davon untergehen, wenn ich meine hochtrabenden Ziele nicht erreichte. Die Welt drehte sich weiter. Jeder Topf fand seinen Deckel, sogar die schüchterne Philosophie-Studentin mit den mausblonden Haaren, die nach dem Unterricht von einem ganz und gar hingerissen aussehenden jungen Mann abgeholt und mit äußerster Vorsicht auf dem Weg zum Auto gestützt wurde. Er stand im Halteverbot, damit für sie der Weg nicht so weit war. Grinsend schaute ich hinterher. Es erinnerte mich an Desmond, der auch im Halteverbot gestanden hatte.

„Sie sehen besser aus.“

Ich fuhr herum. Desmond Faraday, in all seiner Glorie, offener dunkler Wollmantel über einem perfekt sitzenden Anzug, lehnte an der Wand zum Büro und sah mich an.

„Besser als was? Als eine Schwangere im neunten Monat? Kunststück, ich watschele ja auch nicht“, gab ich zurück.

Nur ein Zucken im Mundwinkel verriet, dass er meine Retorte amüsant fand. Er änderte nichts an seiner Haltung, sah mich nur an, von Kopf bis Fuß, und ich fühlte mich taxiert wie auf dem Sklavenmarkt.

Blut schoss mir heiß in die Wangen. Scheiße. Ich hatte es tun müssen, hatte das hässliche Wort denken müssen. Alles, was ich gerade noch an guter Laune empfunden hatte, verpuffte. Ja, ich hatte das Wort nachgeschlagen, das Desmond Faraday bei unserem letzten Treffen zwar nicht ausgesprochen, dafür aber reichlich impliziert hatte. Masochismus. Nicht, dass ich es nicht kannte. Aber manchmal half es, wenn man einem Begriff eine klinische, wissenschaftliche Definition zuordnen konnte. Masochist: Jemand, der zur sexuellen Befriedigung gern Strafen oder Schmerzen erleidet.

Die beschissene Erklärung half überhaupt nicht. Ich brauchte den Schmerz nicht für den Kick. Ich brauchte ihn, um bei Verstand zu bleiben. Ich sog den Kick in mich auf und hatte Angst vor dem Tag, an dem ich die Kontrolle verlieren würde. Ich wusste, dass dieser Tag kommen würde. Jedes Mal, wenn ich nach der Klinge griff, rückte er ein bisschen näher. Das hatte nichts mit Befriedigung zu tun, sondern nur mit Scham. Also war ich keine Masochistin.

Ich sagte es in meinem Kopf, immer wieder, während wir uns anstarrten. Ganz gleich, was er in mir gesehen zu haben glaubte. Ganz gleich, was Mia in meine Bereitwilligkeit, auszuhelfen, hineininterpretierte. Ich war keine verdammte Masochistin, der einer davon abging, wenn sie herumgeschubst und vermöbelt wurde. Wie konnte ich denn eine Masochistin sein, wenn ich nach jeder Trainingseinheit alle meine Muskeln spürte und mir die Zehen wehtaten vom darauf Herumbalancieren?

Oder war ich doch eine, weil ich mit schmerzenden Zehen und Muskeln trotzdem fünfmal in der Woche losschlurfte, um diesem arroganten Bastard und seinen Jüngern den Dreck hinterherzuräumen?

Er stieß sich von der Wand ab und kam auf mich zu. Mit dem Zeigefinger fuhr er sich über die Unterlippe, als wollte er ein Lächeln verbergen.

„Gehen Sie mit mir aus?“

„Nein.“

Sein Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln, das ihn um Jahre jünger machte. „Ich komme wieder.“

Dann drehte er sich um und ging.

Ich blickte ihm hinterher, unfähig, mich zu rühren. Es dauerte wohl Minuten, ehe ich mich umwandte und ins Studio ging. Bis zum Beginn der nächsten Stunde dauerte es noch fünfunddreißig Minuten. Es handelte sich um die komplette achte Klasse einer Highschool in Lower, die für den Schuljahresabschluss im Frühsommer ein Stück einstudierte. Sie brachten ihre Klassenlehrerin mit, und das Studio stellte gleich zwei Trainerinnen zur Verfügung. Das hatten die Kids auch dringend nötig. Aber es machte Spaß. Sie waren überraschend enthusiastisch bei der Sache, und ich freute mich auf die Stunde mit ihnen.

Cassandra wärmte sich bereits auf. Ein Bein auf der Stange, die Arme hoch über dem Kopf, perfekte Position. Einmal, vor Jahren, war sie in meiner Situation gewesen, auf der Jagd nach dem großen Durchbruch, kein Vortanzen hatte sie ausgelassen. Dann hatte sie Jake kennengelernt, und das Vortanzen und die Karriere waren egal geworden. Jetzt unterrichtete sie nur noch ein bisschen, weil ihr das die Chance gab, auch selbst in Form zu bleiben. Ans Theater wollte sie nicht mehr. Zu viele Verpflichtungen, sagte sie, die sich mit einem harmonischen Privatleben bissen.

Gut, wenn man kein Privatleben hatte.

„Wer war der Kerl, mit dem du dich unterhalten hast?“, fragte sie und sah mich im Spiegel an, ohne sich aus ihrer Pose zu bewegen.

„Unterhalten ist ein wenig übertrieben. Ich hab kaum was gesagt.“

Sie lächelte. „Du weichst mir aus.“

Ich hätte ihr sagen können, dass er der Bezirksstaatsanwalt von New York City war. Entweder würde sie den Scherz komisch finden, oder sie würde mir glauben und keine Fragen mehr stellen. „Ein flüchtiger Bekannter“, sagte ich stattdessen. Über mir schwebte immer noch der Geist von Desmond Faraday, der einfach zu sexy für diese Welt war. Für diese Welt und meinen Seelenfrieden.

„Der hat dich mit seinem Blick quasi ausgezogen.“ Ein vielsagendes Grinsen blühte auf Cassandras Gesicht, während sie wie in Zeitlupe den Oberkörper nach links neigte. Sie verlor kein bisschen Spannung dabei. Ihre Muskeln waren noch immer perfekt ausgebildet. Sie hätte eine ganz Große werden können. Liebe war doof. Liebe verbaute Chancen und zerstörte die größten Talente. Liebe sorgte dafür, dass den Ballettliebhabern wirklich erbauliche Momente versagt blieben, weil sie die Tänzerinnen von den Bühnen holte und an den Kochtopf stellte.

Nicht mit mir.

„Hat er nicht“, sagte ich. Natürlich hatte er. Das wusste ich besser als sie.

„Erzähl dir das, bis du es selber glaubst.“

Ich musste an seine Drohung denken, wiederzukommen, und kämpfte gegen einen unerwartet heftigen Anfall von weichen Knien. Na toll.

Die Kids waren an diesem Freitag aufgekratzt und überdreht. Cassandra und ich hatten alle Hände voll zu tun, zumal die Klassenlehrerin ständig draußen vor der Tür war, um zu telefonieren. Aber es machte Spaß. Es war so ganz anders als das, womit ich es sonst zu tun hatte. Was wir einstudierten, war Ballett gekoppelt an ein Theaterstück, mit absoluten Laien, die weder tanzen noch schauspielern konnten, doch die das, was ihnen an Talent fehlte, durch Enthusiasmus wettmachten. Cassandra und ich waren beide kaum zehn Jahre älter als die Kids und konnten uns noch gut genug an unsere eigene High School Zeit erinnern, was es uns leichter machte, mit ihnen umzugehen. Ich bedauerte es, als die Stunde vorbei war und der ganze ungeordnete Haufen in einer Wolke aus Teenagerproblemen aus dem Studio wehte.

Im Korridor stand Desmond Faraday.

Etwas über eins achtzig groß. Schlank, mit schmalen Hüften und langen Beinen. Ganz Gentleman, in seinem Anzug, der ihn auf eine Weise sexy machte, wie eine Frau durch teure Lingerie sexy wurde. Akzentuiert. Selbstbewusst. Dieses Mal wartete er nicht, sondern kam direkt auf mich zu, bis sein Duft nach Sägemehl und Leder mich einhüllte. Trug er Leder? Nein, er trug Kaschmir und ein seidenes Hemd. Der Ledergeruch erinnerte mich an den Moment im Waschraum, als er mich in meiner verletzlichsten Lage ertappt hatte und ich mich nicht einmal dafür hatte schämen können. Warum hatte ich mich nicht geschämt? Ich war ein Wrack. Desmond Faraday hingegen war ein Abbild männlicher Eleganz in einer Hülle, die vor Selbstbewusstsein nur so strotzte. Ein Mann, der das Ergebnis war von gut anderthalb Jahrzehnten Übung darin, sich durchzusetzen.

„Sie sind kein Wrack“, sagte er.

Scheiße, hatte ich das laut ausgesprochen? Nein, das hatte ich nicht. Konnte der Mann Gedanken lesen?

„Sie denken an unsere letzte Begegnung“, sagte er und neigte den Kopf ein wenig, bis ich die Gegenwehr aufgab und ihm in die Augen blickte. „Ich weiß das, weil ich ebenfalls die ganze Zeit daran denke. Ich muss mich entschuldigen. Ich befürchte, dass ich alles auf die schlecht möglichste Art gesagt habe. Ich war zu schnell, viel zu forsch.“

„Ich kenne Sie ja gar nicht.“ Ich war noch nie besonders schlagfertig gewesen, aber selbst für mich war diese Antwort lahm. Bis eben noch war ich zusammen mit den Kids beim Tanzen aufgedreht und happy gewesen. Jetzt fühlte ich mich schutzlos und schwach, und das war seine Schuld.

„Deshalb möchte ich, dass Sie mit mir ausgehen. Damit wir einander kennenlernen. Lassen Sie mich Ihnen beweisen, dass ich kein Monster bin.“

Der Gedanke, dass er ein Monster wäre, war mir überhaupt nicht gekommen. Ich sah nur einen übergriffigen, arroganten Macho, der es gewohnt war, dass die Welt nach seiner Pfeife tanzte, und ich wusste, dass ich zu dieser Welt nicht gehören wollte. Oder glaubte es zu wissen. Oder was auch immer. Sein Duft und das Jadegrün seiner Augen sorgten dafür, dass meine Gedanken durcheinanderwirbelten und ich keinen einzigen fassen konnte.

„Ich habe keine Zeit“, sagte ich.

„Ich habe Ihnen noch keinen Zeitpunkt genannt.“

„Ich habe grundsätzlich keine Zeit.“

„Das klingt stressig“, sagte er.

„Sie haben keine Ahnung. Es war mir wie immer eine Freude, Herr Bezirksstaatsanwalt.“ Überflüssigerweise wies ich in Richtung des Portals.

„Ich komme wieder“, sagte er und lächelte ein kleines, geheimnisvolles Lächeln.