Bedrohung - Simon Kernick - E-Book + Hörbuch

Bedrohung Hörbuch

Simon Kernick

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Beschreibung

Zeit zu sterben …

Die Drohung: London, 8 Uhr morgens – eine Bombe verwüstet ein Café in der Innenstadt. Es gibt mehrere Tote.

Das Ultimatum: Wenige Minuten später geht der Anruf einer Terror-Gruppe ein. Die Unbekannten kündigen einen Anschlag an, der ganz England erschüttern wird. Verbleibende Zeit: 12 Stunden.

Der Gefangene: William Garrett erwartet die Verurteilung wegen Massenmords. Er behauptet, die Namen der Terroristen zu kennen. Aber er verlangt einen hohen Preis. Der Countdown läuft: Die Detectives Mike Bolt und Tina Boyd müssen sich auf eine erbarmungslose Hetzjagd durch London begeben, um die angekündigte Katastrophe zu verhindern – bevor es zu spät ist ...

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Zeit:9 Std. 54 min

Sprecher:Matthias Lühn

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ZUM BUCH

Die Bedrohung: London, 8 Uhr morgens – eine Bombe verwüstet ein Café in der Innenstadt. Es gibt mehrere Tote.

Das Ultimatum: Wenige Minuten später geht der Anruf einer Terror-Gruppe ein. Die Unbekannten kündigen einen Anschlag an, der ganz England erschüttern wird. Verbleibende Zeit: 12 Stunden.

Der Gefangene: William Garrett erwartet eine Verurteilung wegen Massenmords. Er behauptet, die Namen der Terroristen zu kennen. Aber er verlangt einen hohen Preis.

Der Countdown läuft: Die Detectives Mike Bolt und Tina Boyd müssen sich auf eine erbarmungslose Hetzjagd durch London begeben, um die angekündigte Katastrophe zu verhindern – bevor es zu spät ist …

Erleben Sie den neuen großen Thriller von Simon Kernick: hart, authentisch, atemberaubend.

ZUM AUTOR

Simon Kernick, 1966 geboren, lebt in der Nähe von London und hat zwei Kinder. Die Authentizität seiner Romane ist seiner intensiven Recherche zu verdanken. Im Laufe der Jahre hat er eine außergewöhnlich lange Liste von Kontakten zur Polizei aufgebaut. Sie umfasst erfahrene Beamte der Special Branch, der National Crime Squad (heute SOCA) und der Anti-Terror-Abteilung. Mit Gnadenlos(Relentless) gelang ihm international der Durchbruch, mittlerweile zählt er in Großbritannien zu den erfolgreichsten Thrillerautoren und wurde für mehrere Awards nominiert. Seine Bücher sind in dreizehn Sprachen erschienen. Mehr Infos zum Autor unter www.simonkernick.com.

SIMON KERNICK

BEDROHUNG

Thriller

Aus dem Englischen

von Gunter Blank

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausgabe ULTIMATUM

erschien 2013 bei Century, London

Vollständige deutsche Erstausgabe 04/2014

Copyright © 2013 by Simon Kernick

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Marcus Jensen

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung des Designs von R. Shailer/TW

Foto: © by Silas Manhood

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-12049-8

www.heyne.de

Für meine Töchter Amy und Rachel

1

07.25

Seine Welt implodierte exakt drei Sekunden, nachdem sie ihm die Tür geöffnet hatte.

In der ersten Sekunde schaute ihr schönes blasses Gesicht durch den Spalt, ehe sie verschwand, um ihn hereinzulassen. In der nächsten Sekunde betrat er das enge, kleine Zimmer und hielt ihr mit einem schiefen Grinsen den eben an der Tankstelle gekauften Blumenstrauß hin. In der dritten tauchte aus dem Schatten eine maskierte Gestalt auf und hielt ihm eine Pistole an den Kopf, während Mika die Tür schloss und den Raum in Halbdunkel hüllte.

»Was ist hier los?«, rief Akhtar Mohammed mit ungewöhnlich schriller Stimme. »Nehmt mein Geld, aber …«

»Setzen Sie sich!«

Akhtar schielte zu Mika hinüber, seiner geliebten Mika. Sie stand mit nichts als einem Negligé bekleidet mitten im Zimmer, im Dämmerlicht wirkte ihre blasse Haut fast durchsichtig. Aus ihrem Gesicht sprach nackte Angst. Tränen liefen ihr über die Wangen, und Akhtar hätte sie am liebsten in den Arm genommen und ihr gesagt, dass alles gut sei, doch der Maskierte packte ihn grob am Kragen und stieß ihn auf den nächststehenden Stuhl.

»Setzen Sie sich, hab ich gesagt.«

Akhtar knallte gegen die Lehne; er hob die Arme und sah den Angreifer an, damit dieser sicher sein konnte, dass er keine Dummheiten machen würde. Er war weder besonders tapfer noch tollkühn und hatte schnell gemerkt: Um hier wieder rauszukommen, musste er kooperieren.

Der Maskierte trat einen Schritt auf ihn zu und drückte ihm die Mündung der Waffe an die Schläfe. Akhtar schluckte; es fühlte sich kalt und hart an. War dies die gottgesandte Strafe für seinen Ehebruch? Falls ja, dann wäre Gott ihm vielleicht gnädig, wenn er betete. Er hatte nie im Sinn gehabt, seine Frau und seine Kinder zu verletzen oder auch nur Schande über seine Familie zu bringen.

»Ich möchte keinen Ärger«, sagte er und hörte förmlich die Angst in seiner Stimme.

»Ich werde Ihnen eine Aufgabe übertragen, Mr. Mohammed«, entgegnete der Maskierte beunruhigend gelassen.

Er sprach mit englischem Akzent, konnte also nicht Mikas Zuhälter sein. Wer zum Teufel also war das? Und woher wusste der Maskierte, wer er war? Nicht einmal Mika kannte seinen Nachnamen.

»Wenn Sie die wie befohlen ausführen, lasse ich Sie frei, und Sie werden nie wieder von mir hören. Wenn Sie sich allerdings weigern oder auch nur versagen, werde ich Ihre kleine Freundin töten. Langsam und qualvoll.«

Mika japste nach Luft. Sie stand immer noch wie angewurzelt mitten im Zimmer, und Akhtar fragte sich, warum sie nicht versuchte zu fliehen. Da fielen ihm die Schellen um ihre Knöchel auf, die mit einer dicken, dreißig Zentimeter kurzen Kette verbunden waren. Damit war sie so hilflos wie er selbst.

Er lächelte ihr aufmunternd zu, und sie sah ihn mit ihren großen, ovalen Augen an, die ihn gleich zu Anfang in ihren Bann geschlagen hatten. Doch nun wünschte er, er wäre ihr nie begegnet.

»Und falls der Gedanke an den langsamen und qualvollen Tod Ihrer kleinen Freundin Sie nicht genügend motiviert«, fuhr der Maskierte fort und verstärkte den Druck auf Akhtars Schläfe, »dann haben wir noch dies.«

Er zog eine Fernbedienung aus der Tasche und schaltete den Fernseher an. Der Bildschirm blieb ein paar Sekunden dunkel, dann erschien das Standbild zweier Personen, die auf einem ungemachten Bett Sex hatten. Die auf allen vieren kauernde Frau schaute in die Kamera, der Mann, der hinter ihr kniete, hatte die Augen geschlossen. Der Maskierte drückte einen weiteren Knopf, und das Paar begann, sich wild zu bewegen. Lustschreie erfüllten das Zimmer.

Akhtar wand sich, denn der Mann hinter der Frau war er selbst. Hatte Mika das alles eingefädelt? Hatte sie die versteckte Kamera installiert, ehe sie sich liebten? Er schaute zu ihr hinüber, doch sie schüttelte stumm den Kopf. Dies hatte nichts mit ihr zu tun.

Der Maskierte schaltete den Fernseher wieder aus, und es wurde still im Zimmer.

»Ich hab mehr als eine Stunde von eurem fröhlichen Gerammel. Bei verschiedenen Gelegenheiten aufgenommen. Alle genauso eindeutig wie diese hier. Vielleicht sogar noch eindeutiger.« Der Maskierte lachte. »Aber das wissen Sie ja, nicht? Wenn Sie also die Aufgabe nicht ausführen, schicke ich Kopien an Ihre Frau, Ihre Mutter und an den Imam Ihrer Moschee.« Ruhig zählte er Namen und Adressen auf. Sie stimmten alle.

Akhtars Atem ging schneller, er begann zu zittern. Wenn sie es erfuhren, war sein Leben ruiniert. Niemand würde ihm einen solchen Verrat an den Werten verzeihen, die seiner Gemeinde heilig waren. Und das Schlimmste: Seine Kinder würden mit dem Wissen über die schrecklichen, schäbigen Sünden aufwachsen, die er begangen hatte.

»Was soll ich für Sie tun?«, flüsterte er.

»Eine ganz einfache Sache, die Sie weniger als eine Stunde in Anspruch nehmen wird.« Er zeigte auf einen schwarzen Rucksack, der auf dem Boden neben dem abgewetzten Sofa stand. »Sie bringen das hier zu einer Adresse, die im Adressbuch dieses Telefons gespeichert ist.« Er ließ ein BlackBerry in Akhtars Schoß fallen. »Es liegt nur zwanzig Minuten von hier. Höchstens eine halbe Stunde, falls Stau ist. Sie müssen vor acht da sein, ich weiß aber, dass Sie ein Navi in Ihrem Wagen haben; wenn Sie also sofort aufbrechen, werden Sie rechtzeitig da sein. Parken Sie direkt vor der Tür. Sobald Sie da sind, rufen Sie mich an. Verstanden?«

Akhtar nickte. Er hatte keine Ahnung, woher der Mann so viel von ihm wusste, aber da er es wusste, würde er ihm gehorchen müssen. Dann würde er diesem Albtraum vielleicht unversehrt entkommen und in sein normales Leben zurückkehren können. Mika würde er vermissen – und wie, oh Gott –, aber letztlich wäre das ein geringer Preis.

Der Maskierte senkte seine Waffe, trat einen Schritt zurück und bedeutete ihm aufzustehen.

Akhtar steckte das BlackBerry ein, ohne auf die Adresse zu schauen, und warf sich den Rucksack über die Schulter. Das Gewicht verblüffte ihn, und er fragte sich, was wohl darin war. Anfangs hatte er gedacht, es handele sich um Drogen, aber dafür war er definitiv zu schwer.

Der Maskierte schien seine Gedanken zu lesen.

»Schauen Sie unter keinen – absolut keinen – Umständen in den Rucksack, Mr. Mohammed. Ganz egal, wie neugierig Sie sind. Sollten Sie es dennoch tun, werde ich es herausfinden. Dann ist unsere Vereinbarung hinfällig, und ich mache meine Drohung wahr.«

Der Maskierte trat zur Seite und ließ Akhtar vorbei. Akhtar sah noch einmal Mika an, die ihm einen hoffnungsvollen Blick zuwarf.

»Bitte tu, was er sagt«, flüsterte sie. »Er meint es ernst.«

»Das werde ich«, erwiderte Akhtar, öffnete die Tür und ging hinaus.

Nicht deinetwegen, dachte er. Meinetwegen.

2

08:00

Martha Crossman drückte die Tür ihres Lieblingscafés auf und ging hinein.

Sofort wurde sie von einer Wolke starken Kaffeedufts, den Gesprächsfetzen der frühmorgendlichen, überwiegend aus Geschäftsleuten bestehenden Gästeschar und der stickigen Luft der Zentralheizung eingehüllt. Die Alltäglichkeit der Szenerie weckte eine befremdliche, heftige Eifersucht in ihr. Als Martha vor vier Tagen zuletzt hier gewesen war, schien ihr Leben normal und auf einem geraden Gleis zu verlaufen. Zwar war sie eher unglücklich – das war sie seit langer Zeit –, aber wenigstens hatte sie da noch nicht das Geheimnis belastet, das sie nun mit sich herumschleppte.

Sie atmete tief durch. Und hätte sich am liebsten erbrochen. Sie wollte davonrennen, einen versteckten Winkel finden, wo niemand sie sehen und sie den geringen Inhalt ihres Magens auskotzen konnte. Wäre da nicht noch ihre Tochter, hätte sie schon längst Schluss gemacht. Ganz sicher. Denn was geschehen war, was sie herausgefunden hatte, war so furchtbar, dass es mit einem Schlag ihren Lebenswillen ausgelöscht hatte. Aber Lucy, ihre wunderbare, liebe Lucy, hielt sie am Leben.

Lucy und die Gerechtigkeit, der zum Durchbruch verholfen werden musste.

Der Mann, den sie treffen wollte, Philip Wright, war bereits da. Er saß hinten in einer Nische, direkt neben den silberglitzernden Espressomaschinen auf dem Tresen. Er hielt einen riesigen Becher Kaffee in der Hand und beobachtete die Tür. Sie hatte Fotos von ihm gesehen und erkannte ihn sofort. Und merkte, dass auch er sie sofort erkannt hatte. Er nickte ihr unmerklich zu. Sie rang sich ein Lächeln ab und ging zu ihm hin.

»Mrs. Crossman, ich freue mich, dass Sie gekommen sind«, sagte er, erhob sich und reichte ihr die Hand. Er war groß und kräftig, wahrscheinlich Anfang sechzig.

»Ich danke Ihnen, dass Sie sich Zeit nehmen, mit mir zu sprechen«, erwiderte sie, zog ihren Mantel aus und setzte sich ihm gegenüber.

»Kann ich Ihnen etwas zu trinken bringen?«, fragte er. Er war sanft und höflich, und zum ersten Mal seit Tagen fühlte sie, wie ihre Last leichter wurde.

»Im Augenblick nicht, danke.«

»Am Telefon haben Sie gesagt, es sei extrem dringend.«

Sie sah sich im Café um, wollte sicher sein, dass niemand sie beobachtete.

»Das ist es.«

»Ich muss gestehen, ich bin überrascht. Wie Sie wissen, beschäftige ich mich normalerweise nicht mit Dingen, in denen Zeit eine große Rolle spielt. Und da wir einander nicht kennen, nehme ich auch an, es hat nichts mit meinem Privatleben zu tun.«

»Nein. Ich brauche Ihren professionellen Rat.«

Immer noch einigermaßen ratlos runzelte er die Stirn. »Nun, dann fragen Sie einfach frei heraus.«

Sie stellte ihre Handtasche ab, die sie bis dahin fest an die Brust gepresst hatte, und achtete darauf, sie nicht loszulassen. Zu wissen, was sich darin befand, verursachte ihr Übelkeit, aber irgendwann im Laufe dieses Gesprächs würde sie es ihm zeigen müssen. Andernfalls gäbe es keine Beweise. Sie sah ihm fest in die Augen, spürte eine freundliche, aus langer Erfahrung erwachsene Klugheit und fühlte sich geborgen.

Sie beugte sich vor und begann mit leiser Stimme zu sprechen.

3

08:03

Akhtar Mohammed hielt in der von der gelben Doppellinie markierten Parkverbotszone an. Der Verkehr war schlimmer gewesen als befürchtet, und er war drei Minuten zu spät. Er konnte immer noch nicht glauben, in welchem Albtraum er hier steckte.

Er starrte auf den Rucksack auf dem Beifahrersitz, wollte unbedingt wissen, was sich darin befand. Wagte es aber nicht, ihn zu öffnen und hineinzuschauen. Dazu hatte er viel zu große Angst. Er wollte den Rucksack einfach nur loswerden und sein Leben weiterführen. Allerdings schwante ihm, dass er etwas Furchtbares enthielt, etwas, das ihn in noch größere Schwierigkeiten bringen könnte.

Er bereute es, sich mit Mika eingelassen zu haben. Verfluchte sich …

Das BlackBerry klingelte; jemand hatte eine dröhnende Hupe als Klingelton gewählt. Akhtar brauchte ein paar Sekunden, um es mit zitternden Fingern aus der Tasche zu fischen; endlich drückte er die grüne Empfangstaste.

»Wo zum Teufel stecken Sie?«, wollte der Maskierte wissen. »Ich hab Ihnen doch gesagt, dass Sie um acht da sein müssen.«

»Ich bin ja da. Ich habe gerade geparkt.«

»Sagen Sie mir den Straßennamen und wie der Laden rechts heißt.«

Hektisch sah er sich um. »Wilton Road. Direkt hinter der Victoria Station. Neben dem Café befindet sich ein Friseursalon.«

»Gut. Und nun bleiben Sie am Telefon und gehen mit dem Rucksack in dieses Café. Und benehmen Sie sich normal. Verstanden?«

Akhtar presste das Telefon an sein Ohr, griff mit der freien Hand nach dem Rucksack und zog ihn über die Schulter.

»Okay«, sagte er, als er ausgestiegen war und mit wackligen Schritten auf das Café zuging. Vor der Tür blieb er stehen, um zwei adrett gekleidete junge Frauen herauszulassen, die sich lebhaft unterhielten und ihre XL-Becher schwenkten. Seine Beine fühlten sich an wie aus Gummi, und sein Herz pochte bis in die Ohren.

»Ich gehe jetzt hinein«, sagte er und drückte sich mit dem Rucksack durch die zufallende Tür. Der Laden war gerammelt voll, doch Akhtar nahm den Jahrmarkt der Koffeinsüchtigen nur verschwommen wahr.

»Sehen Sie irgendwo eine Frau Anfang vierzig mit schulterlangen Haaren sitzen? Entweder allein oder zusammen mit einem Mann mit einem grauen Vollbart?«

Akhtar schaute sich um, zwang sich, die Gesichter der Gäste zu erfassen, und kam dabei langsam der Schlange vor dem Tresen näher. Schließlich entdeckte er im hinteren Teil zwei Personen, auf die die Beschreibung zutraf. Die Frau saß mit dem Rücken zu ihm und schien pausenlos auf den besorgt dreinschauenden Mann einzureden.

»Ja, ich sehe sie.«

»Setzen Sie sich in die Nähe der Frau. So dicht wie möglich.«

»Soll ich etwas zu ihr sagen? Ihr etwas zuflüstern?«

»Tun Sie einfach, was ich Ihnen sage. Setzen Sie sich. Schön nah dran.«

Es waren diese drei Worte, die die Alarmglocken schrillen ließen. Schön nah dran.

Da kapierte er. Er trug eine Bombe bei sich. Sobald er einen Platz in der Nähe der Frau gefunden hatte, würde der Maskierte sie irgendwie zünden. Er hatte das schon im Fernsehen gesehen. Ihn töten, die Frau töten und alle drum herum. Ihm, Akhtar, würde man die Schuld geben, denn er hatte die Bombe schließlich bei sich gehabt, und die Schande, die er über seine Familie brachte, wäre unermesslich.

Er sah zu der Frau hinüber. Sie wirkte völlig normal: weiß, attraktiv, gut ausgestattet, mit teuren Kleidern. Er fragte sich, ob er sich nicht irrte. Ob er einfach nur paranoid war.

Als die Frau sich in seine Richtung drehte und sich ihre Blicke für einen Moment trafen, erkannte er sogar aus sieben Metern Entfernung die Angst und die Anspannung. Schnell wandte er sich ab.

»Sitzen Sie endlich?«

»Ich versuche, einen Platz zu finden. Es ist ziemlich voll hier.«

»Wie nah sind Sie dran?«

Es war eine Bombe. Musste eine Bombe sein.

»Nicht mehr weit, aber sie sitzt fast am Tresen, und da drängen sich eine Menge Leute.«

»Gehen Sie so nah ran, wie Sie können.«

Die Angst war nun so übermächtig, dass Akhtar kaum mehr zu gehen vermochte. Wenn er stehen blieb, würde er sterben. Wenn er die Bombe abstellte und versuchte, das Café zu evakuieren, würde der Mann am anderen Ende der Leitung sie einfach zünden. Und er würde ebenfalls mit allen anderen sterben. Wenn er auflegte, würde er auch sterben. Er saß in der Falle, der Tod war nur noch Sekunden entfernt. Er musste eine Entscheidung treffen.

Er stellte sich an das Ende der Schlange vor dem Tresen, legte den Rucksack auf den Boden und sah sich kurz um, ob ihn jemand beobachtete. Dann plötzlich wandte er sich um und ging zum Ausgang, ließ noch kurz ein hereinkommendes Studentenpärchen passieren, dessen Blick er zu vermeiden suchte, weil er die beiden soeben zum Tode verurteilt hatte, und war an der Tür.

»Okay, jetzt kann ich mich gleich setzen.«

»Wie weit weg?«

»Drei Meter vielleicht«, erwiderte er, presste das Telefon gegen den Stoff seiner Jacke, um den Straßenlärm zu dämpfen, riss die Tür auf und rannte nach draußen. Und weg.

Martha Crossman hatte bei dem Blick des Asiaten, der sie so komisch anstarrte, gleich das Schlimmste befürchtet, doch als er sich umwandte und in die Schlange einreihte, ärgerte sie sich, so paranoid zu sein. Niemand wusste, dass sie hier war. Und selbst wenn, konnten sie sie nicht in aller Öffentlichkeit umbringen.

Sie konzentrierte sich wieder auf Philip Wright. Seit sie ihm ihr Geheimnis anvertraut hatte, hatte sich sein Verhalten geändert. Zuvor hatte er ihr Mut gemacht, war aber gelassen geblieben, als erwartete er halb, seine Zeit zu verschwenden. Doch nun glich die Anspannung in seinem Gesicht ihrer eigenen.

»Sie sprechen da von Mord, Mrs. Crossman«, erklärte er ihr. »Sie müssen sofort zur Polizei gehen. Ich kann Ihnen hier nicht helfen.«

»Ich will die Polizei aber noch nicht einschalten. Nicht bevor ich absolut sicher bin, dass das, was ich entdeckt habe, auch das ist, was ich vermute.«

»Okay«, sagte er ruhig. »Das verstehe ich. Aber das kann ich schnell überprüfen. Dazu müsste ich es allerdings sehen.«

Sie deutete auf ihre Handtasche, die auf dem Stuhl neben ihnen stand. »Es ist da drin.«

Er sah sie irritiert an. »Sie haben es mit hierher gebracht?«

»Ich wollte es Ihnen so schnell wie möglich zeigen. Hören Sie«, ereiferte sie sich und sah sich dabei noch einmal im Café um, konnte aber den Asiaten nicht mehr entdecken. »Ich bin ein bisschen klaustrophobisch. Können wir nicht irgendwo hingehen, wo es ruhiger ist und nicht so voll? Bitte.«

Er nickte. »Klar.«

Martha fühlte sich schwindlig, das Gefühl, sich übergeben zu müssen, war stärker als vorhin, als sie hereingekommen war. Unsicher erhob sie sich.

Wright stand ebenfalls auf. »Alles in Ordnung?« Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Gehen wir zu meinem Wagen. Ich parke ein Stück weiter die Straße hoch.«

Sie brauchte keine Ermunterung. Der Raum um sie begann sich zu drehen, sie spürte eine Panikattacke in sich aufsteigen, die erste seit Jahren. Von Wright gestützt, eilte sie Richtung Ausgang.

»Entschuldigen Sie, Sir«, sagte jemand hinter ihnen. »Sie haben Ihren Kaffee noch nicht bezahlt.«

Genau in dem Moment, als Martha sich zu der Kellnerin umwandte, explodierte die Bombe. Ihre Wucht zerschmetterte die Fenster und den Plexiglas-Tresen, jagte gezackte Scherben mit über hundertfünfzig Stundenkilometern durch den voll besetzten Raum.

Die Bombe – fünf Kilo des Plastiksprengstoffs PETN, umhüllt von weiteren fünf Kilo metallener Schrapnells – war eigens dazu entwickelt worden, alles in der unmittelbaren Umgebung zu töten.

Weder Martha noch Philip Wright hatten Zeit zu reagieren oder auch nur zu begreifen, was geschah. Wrights linkes Auge wurde von einem Eisenbolzen durchbohrt, der tief ins Gehirn eindrang und ihn auf der Stelle tötete. Martha sah einen einzigen, alles umhüllenden weißen Blitz und hörte eine dröhnende Schallwelle über sie hinwegrauschen, ehe ein großes Stück Plexiglas, das soeben noch die Muffins bedeckt hatte, ihre Kehle wie Butter durchtrennte und ihren Kopf und ihr Geheimnis mit sich riss.

4

08:06

DC Tina Boyd saß ganz in der Nähe in einem Streifenwagen und beobachtete das Haus eines Einbrechers, der sein letztes Opfer mit einem Hammer niedergeschlagen hatte. Obwohl sie den Mann fassen konnten, hatte ein unzurechnungsfähiger Richter ihn auf Kaution freigelassen, auf die er fröhlich gepfiffen hatte und verschwunden war. Die Explosion, ein gewaltiger Knall, der klang, als käme er aus größerer Entfernung, war nichtsdestotrotz heftig genug, ihren Wagen vibrieren zu lassen.

Ihr Kollege, DC Clive Owen, der gerade versuchte, nicht zu auffällig zwei Schulmädchen hinterherzustarren, die allenfalls in die siebte Klasse gingen, drehte sich zu Tina.

»Verdammte Scheiße, was war das?«

Von ihrer Position am Rand einer Siedlung mittelhoher Apartmenthäuser westlich der Vauxhall Bridge Road konnten sie nicht viel erkennen, doch als sie in Richtung der Explosion schauten, bemerkte Tina sofort die dichte Rauchsäule, die sich etwa siebenhundert Meter entfernt zwischen zwei Gebäuden in den Himmel schraubte.

»Mist!«, rief sie. »Das könnte Victoria Station sein. Das müssen wir uns ansehen.«

»Nun mal langsam. Wir sind hier bei einer Überwachung, haben einen guten Posten bezogen. Da dürfen wir nicht so einfach die Zelte abbrechen.«

Tina warf ihm einen müden Blick zu. Owen war ihr erst vor drei Tagen zugeteilt worden, doch schon jetzt wusste sie, dass er ein Korinthenkacker war, der sich nur ungern exponierte oder gar Risiken einging. Heutzutage wimmelte es im Polizeiapparat nur so von solchen Typen. Sie kannten alle Gesetze und Vorschriften, schienen darüber aber vergessen zu haben, wie man Verbrecher fasst. Trotzdem hätte Tina ihn vielleicht sympathischer gefunden, wenn er seinem Namensvetter aus Hollywood wenigstens ein bisschen geähnelt hätte. Dann hätte sie immerhin etwas zum Hingucken gehabt. Doch das tat er nicht. Im Gegenteil.

»Hör zu, wir sitzen hier seit zwei Tagen und warten darauf, dass unser Kandidat auftaucht. Hier, wo er am ehesten vermutet, dass wir nach ihm suchen werden. Bis jetzt hat er sich nicht blicken lassen. Ich weiß nicht, welche Schlüsse du daraus ziehst, aber ich vermute, er wird auch in den nächsten fünf Minuten nicht erscheinen.«

»Könnte aber sein«, beharrte Owen.

»Tja, und wenn, dann kommen wir zurück und schnappen ihn uns.«

Tina startete den Motor und fuhr rückwärts aus der Sackgasse, in der sie geparkt hatten. An der Kreuzung wendete sie und bog nach Norden ab in Richtung der Rauchsäule. Etwas Action würde ihr guttun. Seit sie vor knapp einem Monat zum zweiten Mal in ihrer Karriere wieder zur Metropolitan Police gekommen und als DC dem CID Westminster zugeteilt worden war, hatten aufregende Momente Seltenheitswert. Im Augenblick führten sie, wie es der Dienststellenleiter ausdrückte, einen Kreuzzug gegen das Einbruchsunwesen; nur dass man das, was sie da taten, nicht wirklich einen Kreuzzug nennen konnte. Gegenwärtig befanden sich alle drei Einbrecher, die sie festgenommen hatten, auf freiem Fuß, und bei der groß angekündigten und von gewaltigem Medien-Tamtam begleiteten Razzia im Haus eines Einbrecherkönigs hatten sie sich in der Adresse geirrt. Als sie schließlich die richtige herausgefunden hatten – das Apartment nebenan –, war der Verdächtige durch ein rückwärtiges Fenster geflohen und im Morgennebel untergetaucht.

»Das kommt tatsächlich aus der Nähe der Victoria Station«, meinte Owen, der mit dem Funkgerät in der Hand angespannt durch die Windschutzscheibe spähte.

»Was glaubst du, was da passiert ist?«

Die Rauchsäule bot keinerlei Anzeichen, dass sie sich schnell auflösen würde, sondern breitete sich als schwarzer Pilz am Himmel aus. Was immer es sein mochte, es war übel.

In diesem Moment knackte das Funkgerät. »Achtung – an alle Einheiten«, meldete sich die atemlose Stimme der Frau in der Zentrale. »Wir haben Hinweise auf eine Explosion in einem Café in der Wilton Road nahe Victoria Station.«

Sofort danach kam eine weitere Stimme durch den Äther.

»Hier spricht PCSO 2049. Wir haben einen männlichen IC4, der vom Tatort wegläuft, und zwar nach Osten über den Bridge Place, Richtung Belgrave Road. Wir versuchen, ihm zu Fuß zu folgen.«

Der Police Community Support Officer, eine polizeiliche Hilfskraft ohne Befugnisse, schien bereits ziemlich außer Atem. Tina fragte sich, ob es der übergewichtige Kerl war, den sie ein paarmal auf dem Revier gesehen hatte. Wenn ja, würde er die Verfolgung nicht lange durchstehen.

»Behalten Sie Sichtkontakt, 2049«, kam es aus der Zentrale, »aber nehmen Sie ihn nicht fest. Ich wiederhole: nicht festnehmen. Wir fordern bewaffnete Unterstützung zur Festnahme an.«

»Tango Four an Zentrale, nehmen motorisierte Verfolgung auf«, gab Owen durch. »Wir bewegen uns auf der Tachbrook Street in nördlicher Richtung. Geschätzte Ankunft am Bridge Place: zwei Minuten.«

»Handeln Sie mit äußerster Vorsicht, Tango Four. Halten Sie Sichtkontakt, aber schreiten Sie nur ein, wenn Sie sicher sind, dass er unbewaffnet ist.«

Genau dieser Schwachsinn, dachte Tina, machte heutzutage die Polizeiarbeit aus. Es ging nur noch um Sicherheit, Risikoabwägung und körperliche Unversehrtheit. Man konnte nicht mehr so einfach einen Verbrecher schnappen. Erst musste man durch ein Dutzend Reifen springen und die nötigen Formulare ausfüllen, ehe man einen Täter verhaften durfte. Kein Wunder, dass sie den Krieg gegen das Verbrechen verloren.

»Okay, okay, halt hier an«, forderte Owen. »Bis zum Bridge Place sind es nur noch ein paar hundert Meter. Und sei um Gottes willen bloß vorsichtig. Ich weiß, wie du drauf bist, aber wenn er eine Pistole hat, dann werde ich es sein, der die Kugel abkriegt.«

Tina bog scharf nach rechts ab in eine schmale Wohnstraße, die auf beiden Seiten vollkommen zugeparkt war. Zum ersten Mal seit Monaten spürte sie wieder einen Adrenalinstoß. Das war echte Polizeiarbeit. Die Verfolgung, der Thrill, die Festnahme. Wer wie Owen jedes Risiko scheute, sollte sich, wenn es nach ihr ginge, hinter seinem Schreibtisch verschanzen.

»Da ist er!«, rief Owen. Ein asiatisch aussehender Mann rannte fünfzig Meter vor ihnen über eine Kreuzung. Owen griff sofort nach dem Funkgerät und meldete die neue Position des Flüchtenden, während Tina Gas gab und, die Warnung der Zentrale ignorierend, die Verfolgung aufnahm.

Doch als sie vielleicht noch zwanzig Meter von der Kreuzung entfernt waren, fuhr vor ihnen ein SUV aus einer Parklücke und versuchte zu wenden. Tina musste so scharf bremsen, dass sie und Owen fast gegen die Windschutzscheibe geflogen wären.

»Verdammt, mach Platz, mach Platz!«, schrie Owen, während die Frau am Steuer sie entgeistert ansah und mit ihrem überdimensionierten Gefährt die Straße blockierte. Owen zückte seine Dienstmarke und hielt sie aus dem Fenster.

»Polizei! Machen Sie Platz! Scheiße, mach endlich Platz, verdammt!«

Die Frau schrie zurück, offenbar regte sie sich über etwas auf, jedenfalls bewegte sie sich nicht.

Ach, scheißegal, dachte Tina und sprang bei laufendem Motor aus dem Wagen. Natürlich verletzte sie wieder einmal alle Vorschriften, aber es war ihr egal, und sie sprintete die Straße hinauf. Sie redete sich ein, die Tatsache, dass es sich um einen Asiaten und höchstwahrscheinlich um einen Moslem handelte, würde sie nicht beeinflussen; im Grunde ging sie von einem Terroranschlag aus, und dann durfte sie den Verdächtigen um keinen Preis entwischen lassen.

Als sie die Kreuzung erreichte, sah sie ihn etwa vierzig Meter vor sich Richtung Vauxhall Bridge Road rennen. Das erschien ihr merkwürdig, denn das war die ungefähre Richtung, aus der er gekommen war. Er hatte also nicht viel Zeit damit verbracht, sich einen Fluchtweg zurechtzulegen. Außerdem konnte sie selbst aus dieser Entfernung erkennen, dass er erschöpft war und langsamer wurde. Sie würde ihn einholen können.

Doch da drehte er sich um, sah sie, wurde noch einmal schneller und verschwand in einer Nebenstraße. Aber Tina ging nicht umsonst fünfmal pro Woche ins Fitnessstudio. Ohne Ausnahme. Es war ihr Tempel, und das Training bereitete ihr Vergnügen, deshalb war sie extrem fit und jung genug, ein hohes Tempo anschlagen zu können. Sie trat an, fand ihren Rhythmus, und als sie an die Ecke kam, hatte er kaum mehr zwanzig Meter Vorsprung.

Wieder schaute er sich um, und diesmal konnte Tina ihn gut erkennen. Er war selbst noch jung, wahrscheinlich höchstens Anfang dreißig, und mit Anzug, Krawatte und schwarzen Budapestern geschäftsmäßig gekleidet. Was ihr erneut merkwürdig vorkam. Wie auch der panische Ausdruck in seinem Gesicht. Zwar zeigten Kriminelle, wenn sie verfolgt wurden, durchaus gelegentlich Anzeichen von Angst, aber niemals so. Alles an ihm war reine Panik. Dieser Mann wirkte völlig verängstigt, mehr wie ein Opfer denn wie ein Täter.

»Polizei!«, rief sie. »Stehen bleiben!«

Er ignorierte sie und rannte mit schlackernden Armen weiter. Rechts von ihr erhoben sich zwei öde Apartmentblöcke, die so klobig aussahen, als wären sie aus Legosteinen erbaut. Davor lungerte eine größere Gruppe von Schülern herum, die eifrig mit ihren Handys hantierten und Tina bei ihrer Verfolgungsjagd filmten. Noch fünfzehn Meter.

Akhtars Lungen fühlten sich an, als würden sie jeden Moment platzen. Seit er Hals über Kopf aus dem Café gestürmt war, rannte er ziellos umher. In seiner Panik war er an seinem eigenen Auto schon vorbeigelaufen, als die Bombe explodierte. Obwohl ihn die Druckwelle zu Fall gebracht hatte, war er, dummerweise ohne nachzudenken, wieder aufgesprungen und mit dröhnenden Ohren weitergerannt, ehe er seinen Fehler bemerkte. Zu spät: Auf der anderen Straßenseite waren zwei Polizisten aufgetaucht, die ihn verfolgten. Er hatte gedacht, er könnte ihnen entkommen, doch dann war da plötzlich auch noch diese Frau in Jeans und Sportschuhen hinter ihm erschienen, die ihn anbrüllte, stehen zu bleiben.

Er wusste nicht, wie lange er noch durchhalten würde. Ein Teil von ihm wollte sogar aufgeben, sich der Gnade der Behörden ausliefern. Doch das war unmöglich. Was die Öffentlichkeit anging, hatte er soeben ein gut besuchtes Café in die Luft gesprengt. Mit einer Bombe, die zahllose Unschuldige getötet hatte. Ihm blieb keine Wahl. Er musste fliehen. Er hatte nie eine Wahl gehabt.

Vor ihm erstreckte sich eine dicht befahrene Hauptstraße. Wenn es ihm gelang, sie zu überqueren, konnte er ein bisschen Distanz zwischen sich und die Frau bringen. Und es schaffen. Er biss die Zähne zusammen, zwang seine Beine zu einer letzten Anstrengung und stürzte sich blindlings in den vorbeirauschenden Verkehr. Links von ihm ertönte eine Hupe, ein schlingernder Wagen konnte gerade noch ausweichen, dann links von ihm noch eine Hupe, viel lauter und tiefer.

Er schaute sich um und sah den Lastwagen auf sich zuschießen, dessen Motor aufheulte, als der Fahrer versuchte, ihn zum Stehen zu bringen.

Vergeblich. Akhtar schaffte es noch, in Todesangst einen kurzen Schrei auszustoßen und seine Arme zu einer hilflosen Geste nach oben zu werfen, ehe ihn eine kreischende Wand aus Metall rammte und unter sich begrub.

Tina bekam alles ganz genau mit. Der schleudernde Wagen, der ausweichen wollte, der Mann, der unbeirrt weiterrannte und den Lastwagen nicht sah, der auf der anderen Fahrbahn heranpreschte. Der Aufprall, als der Lkw ihn erwischte, ihn wie eine Puppe über den Asphalt stieß und schließlich mit kreischenden Bremsen unter seinen Rädern begrub.

Das alles spielte sich binnen Sekundenbruchteilen ab, und Tina konnte nur schreckensstarr zusehen. Sie fragte sich, was sie hätte tun sollen, um ihn aufzuhalten, und wusste, dass sie einmal mehr ihren zahlreichen Feinden den Prügel geliefert hatte, mit dem sie auf sie eindreschen würden.

5

08:18

Der Maskierte schaute gerade Sky News, als die hübsche junge Moderatorin die Sportzusammenfassung unterbrach und mit ernster Miene verkündete, Berichten zufolge habe es in der Nähe der Londoner Victoria Station eine Explosion gegeben. Unmittelbar auf die Meldung folgten die ersten von einem Hubschrauber aus aufgenommenen Livebilder, die eine brennende Ladenfront zeigten, vor der sich viele Menschen befanden, entweder ganz offensichtlich verletzt oder einfach am Boden liegend. Notärzte und Sanitäter trafen bereits ein.

Er schaltete den Fernseher aus. Der Job war erledigt, aber seine Freude darüber hielt sich in Grenzen, obwohl der Auftrag mit hohen Risiken verbunden gewesen war und präzise Planungen erfordert hatte. Die Bombe war extrem zerstörerisch gewesen, zahlreiche Menschen waren ums Leben gekommen, niedergemäht, nur weil sie zur falschen Zeit am falschen Ort waren. Der öffentliche Aufschrei würde gewaltig sein. Ganz wie es gewünscht worden war.

Mika saß auf dem zerschlissenen Sofa, ihr Kopf war zur Seite gekippt, auf ihrer Stirn zeichnete sich ein dunkles, blutiges Loch ab. Sie war ebenfalls zu den Kollateralschäden zu zählen, leider, denn sie hatte brav ihren Job erledigt, sogar unter Stress, doch sie wusste nun mal zu viel, als dass man sie hätte leben lassen können.

Mit dem Handy, das Akhtar Mohammeds Bombe gezündet hatte, rief er die Zentrale von BBC Radio London an. Offenbar war es dort noch etwas früh am Morgen, denn es dauerte eine volle Minute, ehe jemand abnahm.

Der Maskierte hob den Hightech-Stimmenverzerrer an die Lippen, der es unmöglich machte, die ethnische Herkunft oder auch nur das Alter eines Sprechers zu identifizieren, und verlas seine kurze Botschaft.

»Ein Soldat des Islamischen Kommandos hat soeben einen vernichtenden Schlag gegen die Mächte der Kreuzzügler ausgeführt und mitten im Herzen der korrupten Hauptstadt eine Bombe detonieren lassen. Die britische Kreuzzügler-Regierung hat bis heute Abend zwanzig Uhr Zeit, eine öffentliche Erklärung abzugeben, in der sie den Abzug all ihrer Truppen aus Afghanistan sowie das Ende ihrer Unterstützung der afghanischen Marionettenregierung von Amerikas Gnaden verkündet. Geschieht dies nicht, wird irgendwo im Land eine noch viel vernichtendere Attacke stattfinden und Feuer über all eure Köpfe bringen. Merkt euch: Das Ultimatum läuft um zwanzig Uhr ab. Ihr seid gewarnt.«

Der BBC-Angestellte wollte etwas sagen, aber der Maskierte war bereits fertig mit seinem Text. Allerdings schaltete er das Handy nicht aus, sondern wischte es nur ab und warf es neben Mikas Leiche auf das Sofa. Er war ziemlich sicher, keinerlei DNS-Spuren in der Wohnung hinterlassen zu haben. Bei beiden Gelegenheiten, bei denen er sie aufgesucht hatte, hatte er jedes Mal Handschuhe getragen und Kontakte mit Oberflächen gemieden. Um jedoch ganz sicherzugehen, dass die Polizei keine Anhaltspunkte finden würde, nahm er den hinter dem Sofa abgestellten zweiten Rucksack und legte ihn in Mikas Schoß. Er enthielt eine weitere Bombe von derselben Zerstörungskraft wie die, die er Akhtar gegeben hatte, nur dass diese hier einen Timer besaß, der auf 10:35 eingestellt war, den Zeitpunkt, den er für das Eintreffen der Polizei veranschlagt hatte, wenn sie das Handy erst einmal lokalisiert hatten. Eine dritte Bombe, im Kofferraum eines in der Nähe geparkten Wagens, würde zur selben Zeit detonieren. Hoffentlich rissen diese beiden Bomben jede Menge Polizisten in den Tod. Falls jedoch nicht, spielte es auch keine Rolle. Das Ziel eines jeden Terroranschlags war es, Furcht und Schrecken unter der Zivilbevölkerung zu verbreiten, und dafür gab es kein besseres Mittel, als scheinbar wahllose Attentate zu verüben.

Er sah sich ein letztes Mal um, stellte sicher, dass er keine verräterischen Indizien zurückgelassen hatte, setzte eine Sonnenbrille und eine Baseballmütze auf und verließ die Wohnung. Draußen zog er die Mütze tief in die Stirn und senkte den Kopf, um sich gegen die kalte Februarluft zu schützen. Er ging mit der Gewissheit davon, dass niemand ihn erkennen würde, selbst wenn er von einer der unvermeidlichen CCTV-Kameras gefilmt wurde.

6

08:24

An einem Fakt gab es wenig zu rütteln. Die Inneneinrichtung von Gefängnissen war einfach beschissen.

Häftling Nr. 407886, William James Garrett, bei den internationalen Medien besser bekannt unter seinem Codenamen Fox, saß auf seiner Pritsche, ließ seinen Blick über die vier pockennarbigen Wände schweifen, die die Grenzen seiner Freiheit markierten, und fragte sich, welcher Schwachkopf entschieden hatte, sie hellgrün zu streichen. Die leuchtende Farbe machte seine Lage keinen Deut erträglicher, obwohl er sicher war, dass genau das damit bezweckt wurde. Im Gegenteil, sie bereitete ihm Kopfschmerzen.

Fox hielt das Gefängnis nicht aus. Seiner Meinung war es sehr viel inhumaner, einen Mann ohne einen Funken Hoffnung für den Rest seines Lebens wegzusperren und ihm allenfalls via Fernsehen und Internet einen Blick nach draußen zu gönnen, als ihn einfach hinzurichten. Was ihn überraschte, war die große Anzahl von Männern in den Zellen ringsum, die zum Teil lebenslänglich hier einsaßen und sich so an die Institution gewöhnt hatten, dass sie jedes Verlangen nach einem Leben außerhalb der Mauern verloren hatten. Und sollten sich eines Tages die Gefängnistore unvermittelt öffnen, würden neunundneunzig Prozent der Insassen lieber hinter Gittern bleiben, hatte ihm ein alter Knastbruder gestanden.

Aber nicht Fox. Er würde nicht wie diese Zombies enden und dem Establishment in den Arsch kriechen, während er die Tage zählte, bis er irgendwann abkratzte, ungeliebt, unbetrauert, eine Hassfigur für die Massen.

Doch die Verbrechen, deren er angeklagt war, reichten, um ihn für tausend Jahre hinter Gitter zu sperren. Er war der einzige überlebende Terrorist einer blutigen Geiselnahme in einem Londoner Hotel, die mehr als siebzig Todesopfer gefordert hatte. Und es gab eine ganze Reihe von Zeugen, die gesehen hatten, wie er mindestens fünf der Geiseln ermordet hatte. Der furchtbarste Terroranschlag der britischen Geschichte. Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass er schuldig gesprochen würde. Selbst seine Anwälte mussten das eingestehen. Aber da der britische Steuerzahler sie pro Stunde bezahlte, wollten sie ihr Bestes geben. Trotzdem würden auch sie nicht verhindern können, dass man ihm lebenslänglich aufbrummte, mehrfach vermutlich, mit anschließender Sicherungsverwahrung. Er hatte absolut keine Chance, je wieder rauszukommen.

Und dennoch …

Fox’ Kopf schmerzte. Vor drei Tagen hatte er seinen ersten Vorgeschmack auf die Gewalt im Gefängnis erhalten, als ein anderer Häftling ihn mit einem selbst gebastelten Messer attackierte. Fox strich mit dem Finger über die Stelle am Schädel, wo ihn die Klinge erwischt hatte, und berührte jeden einzelnen der neunzehn Stiche. Sie fühlten sich empfindlich an, aber er ignorierte den Schmerz – die Wunde würde schnell verheilen. Wie auch die Schnitte in seiner rechten Hand und auf seinen beiden Unterarmen, mit denen er den Angriff abgeblockt hatte. Er hatte ziemlich heftig geblutet, aber nicht zum ersten Mal in seinem Leben. Schon bei den zahlreichen Gelegenheiten davor war er unbeeindruckt aus dem Scharmützel hervorgegangen.

Im Fernseher in der Ecke seiner Zelle liefen wie jeden Morgen die BBC Breakfast News. Trotz allem wollte er beim Frühstück über das, was in der Welt geschah, auf dem Laufenden bleiben, auch wenn ihn wenig davon interessierte. Doch heute schien etwas Ungewöhnliches passiert zu sein. Der geleckte Moderator hatte abrupt das Interview mit einem viertklassigen Schauspieler unterbrochen und verkündet, die BBC habe Berichte über ein Bombenattentat in einem Café der Innenstadt erhalten.

Fox stand von seiner Pritsche auf und drückte den Rufknopf an der Wand. Im Grunde war ein Gefängnis nichts anderes als ein billiges, schäbiges Hotel, und vielleicht fühlten sich genau deshalb viele Insassen hier so wohl.

Von draußen drangen die gewöhnlichen Morgengeräusche herein, das Scheppern der Türen, die Rufe, das Rasseln der Schlüssel, die gelegentlichen Lacher – Geräusche einer abgeschlossenen Inselwelt, aber immerhin einer Welt, und fast wünschte er, er wäre draußen und könnte daran teilhaben. Doch man hatte ihn auf Befehl des Direktors in Schutzhaft genommen, um weiteren Angriffen auf sein Leben vorzubeugen, und so schnell sollte sich daran nichts ändern.

»Guten Morgen, Mr. Garrett«, sagte Fenwick, einer der Wärter, mit einem fröhlichen Lächeln, gerade so, als würde er seinen Nachbarn begrüßen und nicht einen Terroristen, der sich bald wegen des schlimmsten Massakers der jüngeren britischen Geschichte verantworten musste. »Was kann ich für Sie tun?«

»Guten Morgen, Sir«, erwiderte Fox, presste sein Gesicht gegen die Lücke und nahm befriedigt das Zurückzucken seines Gegenübers zur Kenntnis.

»Sie wissen, dass meine Verhandlung in weniger als einem Monat beginnt?«

»Ich weiß.«

»Sie wissen auch, was man mir vorwirft?«

»Das weiß ich.«

»Und Sie wissen auch, dass ich den Ermittlern gegenüber kein Wort über die anderen Beteiligten verloren habe?«

»Worauf wollen Sie hinaus, Mr. Garrett? Sagen Sie es mir, denn offen gestanden bin ich ziemlich beschäftigt.«

Fox nickte. »Natürlich«, sagte er und starrte den Wärter ungerührt an. »Ich möchte kooperieren, Mr. Fenwick. Ich möchte der Polizei alles über die Leute hinter dem Anschlag auf das Stanhope sagen. Und ich möchte das jetzt sofort tun.«

»Sie kennen die Vorschriften, Mr. Garrett. Sie müssen einen offiziellen Antrag stellen.«

»Es eilt.«

»Wie so vieles.«

»Ich habe gerade im Fernsehen gesehen, dass in London ein weiterer Anschlag verübt wurde. Und ich weiß, dass dieselben Leute dahinterstecken.«

Das ließ Fenwick zögern. Er schaute Fox ungläubig an.

»Woher wollen Sie das wissen?«

Fox hielt seinem Blick stand.

»Ich weiß es. Und ich muss den Direktor sprechen. Sofort!«

Fenwick nickte. Offenbar wurde ihm bewusst, dass er Garretts Forderung nicht ignorieren konnte. »Ich werde ihn über Ihr Anliegen informieren.«

»Noch was«, sagte Fox und hielt einen Moment inne, um Fenwicks volle Aufmerksamkeit zu haben. »Es gibt nur eine Person, mit der ich reden will.«

7

08:50

Tina stand neben einer mit Graffiti verschmierten Wand auf der Straße und rauchte eine Zigarette. Ihre Hände zitterten noch unter dem Eindruck des gerade Geschehenen.

Die Straße war fünfzig Meter vor und hinter dem Lkw abgesperrt, überall drängten sich Krankenwagen. Nachdem die Notärzte verzweifelt, aber erfolglos versucht hatten, dem Mann, dem Tina hinterhergerannt war, das Leben zu retten, hatte man ihn nun in eine der Ambulanzen verfrachtet. An der Stelle, an der er gelegen hatte, war nur ein großer, dunkler Blutfleck zurückgeblieben.

Der Fahrer des Lkw schien unter Schock zu stehen. Zwei Verkehrspolizisten hatten ihn in den am weitesten entfernten Streifenwagen bugsiert, wo er sich das Elend, das er verursacht hatte, nicht mit ansehen musste. Demnächst würde auch Tina ihre Aussage machen müssen, doch jetzt waren alle verfügbaren Kräfte zur Victoria Station abkommandiert worden, wo die Explosion stattgefunden hatte. Von dort stieg immer noch dichter, gelblicher Rauch auf, während ringsum Hubschrauber wie Aasgeier über der Szenerie kreisten. Die Luft war erfüllt vom Heulen der Sirenen.

Tina seufzte. Kaum einen Monat zurück im Dienst, und schon war wieder alles schiefgelaufen. Dabei hatte sie ihre Pflicht getan. Der Verdächtige war vom Schauplatz einer Explosion geflüchtet, die höchstwahrscheinlich durch eine Bombe ausgelöst worden war. Sie hatte sich eindeutig ausgewiesen und ihn aufgefordert, stehen zu bleiben. Wäre er unschuldig gewesen, hätte er gehorcht. Aber er war davongerannt, hatte nicht einmal darauf geachtet, wo er hinlief, und es war übel ausgegangen. Hätte ein anderer Kollege die Verfolgung aufgenommen, würde er jetzt als Held gefeiert. Nicht Tina. Schlicht und einfach, weil sie es war, denn nach Ansicht zu vieler ihrer Kollegen zog sie das Unglück an wie ein Magnet.

DC Clive Owen kam zu ihr herüber und betrachtete sie mitfühlend. »Geht’s dir gut?«

Sie nahm einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. »Ging schon mal besser.«

»Du hast das Richtige getan. Es heißt, der Typ hat während der Rushhour eine Bombe in dem Café deponiert, die jede Menge Opfer gefordert hat. Geschieht ihm recht, was ihm zugestoßen ist. Und spart dem Steuerzahler die Kosten, ihn die nächsten vierzig Jahre hinter Gittern durchfüttern zu müssen.«

Doch Tina konnte den verängstigten Blick, mit dem der Verdächtige sie angestarrt hatte, nicht vergessen. Das war nicht der Blick eines abgebrühten Terroristen.

»Wenn sie irgendeine Scheiße mit dir abziehen wollen, stärke ich dir den Rücken«, fuhr Owen fort. »Und ich schätze, das wird nicht mehr lange dauern.«

Auf der anderen Seite der Absperrung war ein silberglänzender Audi A6 vorgefahren. Kurz darauf ging die Tür auf, und Tinas Chef, DCI Frank Thomas, stieg aus. Er bemerkte sie sofort und kam auf sie zu. Thomas war ein großer, korpulenter Mann mit zu hohem Blutdruck, der es unbedingt zum DCS bringen wollte. Er sah extrem angepisst aus. Er hatte sich von Anfang an gesträubt, Tina in seine Einheit aufzunehmen, und seine Haltung schien soeben bestätigt worden zu sein.

»Das hier ist ja wohl ein astreines Schlamassel«, verkündete er mit seinem ausgeprägten walisischen Akzent, mit dem er klang wie eine Billigversion von Tom Jones. »Wir haben einen Bombenanschlag, wir haben zahlreiche Opfer, und der einzige Verdächtige«, das Wort »einzige« zog er dabei genüsslich in die Länge, »wird von einem Lkw überfahren und zerquetscht, bevor wir ihn vernehmen können. Und als Sahnehäubchen haben wir eine Beamtin, die ihren Kollegen im Auto zurücklässt und sich eigenmächtig an die Verfolgung macht …«

»Ganz so war es nicht, Sir«, warf Owen ein.

»Klappe, Clive. Und dieser Cop ist die Schwarze Witwe persönlich, die am meisten umstrittene Person der Met, Miss Tina Boyd!« Er funkelte sie an. »Jetzt haben wir nicht nur einen Haufen Papierkram und eine publicityträchtige Untersuchung der IPCC am Hals, nein, auch der einzige Verdächtige, der uns Hinweise auf die anderen Mitglieder der Terrorzelle hätte geben können, ist tot.«

»Wäre es Ihnen lieber gewesen, ich hätte ihn entkommen lassen, Sir?«, beharrte Tina.

»Sie hat recht, Sir …«

»Clive, habe ich nicht gesagt, du sollst ruhig sein?« DCI Thomas wandte sich wieder an Tina. »Was mir lieber gewesen wäre? Dass Sie Sichtkontakt behalten, aber sich ansonsten zurücknehmen, so wie man es Ihnen beigebracht hat, denn wenn ich mich nicht irre, ist das in so einem Fall vorgeschrieben, und dann …« Er hielt inne, um Luft zu holen. »… dann hätten wir ihn lebendig erwischt.«

»Ich habe getan, was ich richtig fand«, sagte Tina.

»Sie haben das getan, wovon Sie glaubten, es bringe Ihnen Ruhm und Ehre. Das ist ein gewaltiger Unterschied.«

»Sir, ich habe versucht, einen Kriminellen zu fassen. Ich dachte, dazu wären wir da. Es war einfach Pech, dass er überfahren wurde.«

»Das Pech scheint irgendwie an Ihnen zu kleben.«

Tina seufzte. Dagegen ließ sich schwer etwas sagen. Außerdem hatte sie sich vorgenommen, sich künftig ausgleichend statt konfrontativ zu verhalten. »Aber ich befand mich zwanzig Meter hinter ihm, als er gegen den Lkw rannte.«

»Wissen wir überhaupt, ob er Teil einer Terrorzelle war?«, fragte Owen.

Thomas nickte entschieden. »Ja, es gab einen Anruf. Eine islamistische Gruppe, von der noch niemand gehört hat, hat die Verantwortung übernommen. Und für heute noch einen zweiten Anschlag angekündigt. Einen größeren. Das ist vielleicht bloß leeres Geschwätz, aber die gesamte Met ist in Alarmbereitschaft. Deshalb hätten wir ihn unbedingt in einem Stück gebraucht.«

»Dann würde ich es gern wiedergutmachen, Sir«, sagte Tina.

»Tja, dummerweise werden Sie dazu keine Gelegenheit haben.«

»Sie wollen mich doch nicht suspendieren?« Die Enttäuschung traf Tina wie ein eiskalter Guss. Trotz der ständigen Enttäuschungen, die sie bei der Met erfuhr, liebte sie ihren Job und wusste, dass sie gut war.

»Um ehrlich zu sein, DC Boyd, einen Teil von mir drängt es geradezu danach, aber offenbar werden Sie anderswo gebraucht. Ich habe Anweisung, Sie mit sofortiger Wirkung zeitweilig vom CID freizustellen. Und man hat mir eine Nummer gegeben, die Sie anrufen sollen.«

Er fischte eine Visitenkarte aus der Tasche und gab sie ihr.

»Trotzdem müssen Sie heute noch eine umfassende Aussage über das machen, was hier geschehen ist, und Sie müssen sich dem IPCC zur Verfügung stellen, wenn die sich melden. Zunächst einmal können Sie gehen.«

Tina starrte die handschriftliche Nummer auf der Karte an. Erst dachte sie, es handele sich um einen Witz, aber heute war nicht der Tag für schlechte Scherze. Sie warf Owen einen irritiert fragenden Blick zu, doch der hatte offensichtlich keine Ahnung, was los war. Deshalb wandte sie sich wieder an Thomas.

»Danke, Sir«, sagte sie und musste brüllen, um den Lärm eines Hubschraubers zu übertönen.

Sie wartete, bis der Hubschrauber sich entfernt hatte. Dann wählte sie die Nummer. Jemand nahm beim ersten Klingeln ab. Jemand, dessen Stimme sie sofort erkannte.

Mike Bolt. Der Mann, mit dem sie eine Menge Erfahrungen und Erlebnisse teilte, den sie jedoch seit über einem Jahr weder gesehen noch gesprochen hatte.

»Dein Boss hat mir erzählt, du hättest etwas mit dem Verdächtigen der Coffeeshop-Bombe zu tun«, begrüßte Bolt sie, ohne sich mit einleitenden Floskeln nach ihrem Befinden aufzuhalten.

»Stimmt. Hängst du auch drin?«

»Indirekt«, erwiderte er kryptisch. »Es gibt da eine Sache, für die ich dich brauche.«

Tina zog an ihrer Zigarette und trat sie aus.

»Was für eine Sache?«

»Du erinnerst dich doch an Fox, den Terroristen, der bei dem Anschlag auf das Stanhope-Hotel gefasst wurde? Nun, aus welchen Gründen auch immer will er plötzlich kooperieren. Ich habe zwar nicht die leiseste Ahnung, was ihn dazu treibt, aber er will unbedingt mit dir reden. Du musst sofort zu uns rüberkommen.«

»Ich habe hier kein Fahrzeug, und die Straßen rund um die Victoria Station sind dicht. Außerdem habe ich nicht die leiseste Ahnung, wo du steckst oder für wen du gerade arbeitest. Es ist eine Weile her, meinst du nicht?«

Sie zwang sich, ihn nicht zu fragen, weshalb er sie die ganze Zeit über nie angerufen hatte. Sie kannte die Antwort ohnehin.

»Wir sind keine zehn Minuten Fußweg von dir entfernt. Ich schicke dir eine SMS mit der Adresse.«

Damit legte er auf, und Tina holte tief Luft. Es war kaum neun Uhr morgens, und einmal mehr schien es einer der dramatischsten Tage ihrer Karriere zu werden.

8

09:12

Mit Crack lässt sich wunderbar Geld verdienen. Es ist eine der am stärksten süchtig machenden Drogen. Der erste Zug aus der Pfeife kommt dir vor wie ein fünfminütiger Orgasmus in hundertfacher Intensität, während du gleichzeitig merkst, dass du zehn Millionen im Lotto gewonnen hast. Süchtige tun praktisch alles, um an den nächsten Hit zu kommen, sie sind auf der ewigen Jagd nach dem High des ersten Mals, ohne es je wieder zu erreichen. Und es gibt viele von ihnen – sie existieren an der Peripherie unserer Welt, unsichtbar und ungeliebt.

Wenn man also ein Crackhaus betreibt und Rocks für 10 Pfund pro Hit verkauft, kann man leicht zwei, drei Riesen am Tag einnehmen. Natürlich hat man Kosten. Man muss das Koks und Natron kaufen, das Produkt herstellen, außerdem für Security sorgen, denn da draußen laufen genug Leute herum, die keine Sekunde zögern würden, dich auszurauben. Trotzdem steht am Ende eine Profitrate, die für die meisten legalen, mit der Rezession kämpfenden Unternehmen ein unerfüllbarer Traum bleiben wird. Und den Gewinn braucht man noch nicht mal zu versteuern.

Die meisten Crackhäuser werden von Dealern auf eigene Rechnung betrieben. Allerdings lassen die meisten die Häuser verkommen und erregen so die Aufmerksamkeit des Wohnungsamts und, wenn’s dumm läuft, auch die der Cops und müssen dann zusehen, wie ihre Häuser dichtgemacht werden. Aber als halbwegs intelligenter Unternehmer, der sein Geschäft diskret betreibt, kann man monatelang unentdeckt bleiben, manchmal sogar Jahre, und dabei ein Netzwerk aufbauen, mit dem man sich absichert. Wenn man dann auch noch das Koks, das man zur Crackherstellung benötigt, selbst importiert, kann man sogar richtig reich werden.

Nicholas Tyndall war so ein Mann. Als etablierter Gangster mit besten Kontakten zur Unterwelt und sogar zum Polizeiapparat betrieb er im Nordosten Londons elf Crackhäuser, die ihm angeblich mehr als zweihundert Riesen pro Woche einbrachten. Keines der Häuser wurde je dichtgemacht, denn Tyndalls Briefkastenfirmen kauften nicht nur sie, sondern auch die Häuser in der Nachbarschaft (meist zu extrem günstigen Konditionen) – und damit hielten sich die Beschwerden und das Interesse der Polizei in Grenzen. Wenn niemand ein Verbrechen anzeigt, so meinen viele von ihrer Aufklärungsrate besessene alte Hasen, dann heißt das auch, dass es nicht begangen wurde. Auf diese Weise waren alle glücklich: die Dealer, die Junkies, die braven Bürger und die Vertreter von Recht und Ordnung.

Eines jedoch bereitet jedem Crackunternehmer Kopfschmerzen: das Einsammeln der Einnahmen aus den Häusern. Dazu braucht man Männer, denen man trauen kann. Verlässliche Männer, die den Leuten, mit denen sie zu tun haben, eine Scheißangst einjagen. Einer dieser Männer war LeShawn Lambden. Ein Kerl wie ein Gebirge. Knapp zwei Meter groß und hundertzehn Kilo schwer, bepackt mit pulsierenden, von täglich drei Stunden Training erzählenden Muskeln und dem Gesicht eines Kampfstiers, in dem pechschwarze Augen glühten, die Normalbürger und Kriminelle gleichermaßen einschüchterten.

Alle paar Tage machte LeShawn mit seiner Truppe die Runde durch Tyndalls Crackhäuser und sammelte achtzig Prozent der Einnahmen ein. Die restlichen zwanzig Prozent durfte der Dealer, der das Haus kontrollierte, einsacken. Um das Risiko, von den Bullen überrascht oder, schlimmer noch, von Mitwissern in einen Hinterhalt gelockt zu werden, zu minimieren, variierte LeShawn die Tage, an denen er seine Runde machte, und die Reihenfolge, in der er die Häuser aufsuchte, nach einem zufälligen Muster. Außerdem benutzte er stets wechselnde Fahrzeuge. Auf der Straße eilte ihm der Ruf voraus, dass noch nie jemand versucht hatte, ihn zu berauben oder ihm auch nur etwas zu unterschlagen.

Das sollte sich nun ändern.

Der Job war bis ins Kleinste ausgetüftelt worden. LeShawn mochte sich alle Mühe gegeben haben, unberechenbar zu bleiben, aber am Ende war es seine Lederjacke, die ihn verriet. Ein knielanges Teil, das er immer trug, wenn er geschäftlich loszog, weil er darin cool und bedrohlich wirkte wie Arnie im ersten Terminator-Film. Es hatte keine Schwierigkeiten bereitet, einen GPS-Sender ins Futter zu nähen. Ein schneller, lautloser Einbruch in die Wohnung einer seiner Freundinnen, bei der er ein paar Nächte zuvor geschlafen hatte, und schon befanden sich gleich vier dieser Dinger in seiner Jacke – nur für den Fall, dass ein Akku den Geist aufgab. Die GPS-Sender waren mit einem Laptop verbunden, das bereits die Koordinaten der elf Crackhäuser enthielt. Sobald LeShawn innerhalb von fünfzehn Minuten zwei der Häuser aufsuchte, schrillte ein Alarm, und wir wussten, dass er sich höchstwahrscheinlich auf einer seiner Touren befand.

Und so hockte ich nun also in einer schmutzigen, mit Unrat übersäten Baulücke in South Tottenham auf dem Beifahrersitz eines Volvo C60, an dessen Steuer Cecil saß, der LeShawns Route auf seinem Handy verfolgte. Gerade war LeShawn vor Crackhaus Nummer elf ausgestiegen, dem letzten auf seiner Liste, knapp zweihundert Meter von unserem Standort entfernt.

Cecil war klein, drahtig und sehr, sehr zäh. Er hatte sich den Schädel kahl rasiert, was mich an eine Fliege erinnerte – außerdem hatte er jenen stechenden Blick, der selbst solche Zeitgenossen nervös machte, die sich körperlich überlegen wähnten. Er sah auf seine Uhr und zählte die Sekunden herunter. LeShawn und seine Truppe blieben nie länger als nötig in den Häusern. Sie marschierten rein, ließen sich vom Dealer die Einnahmen aus dem Safe holen, zahlten ihm seinen Anteil aus und verschwanden wieder. Es war nicht ihr Job auszurechnen, ob die Summe der Koksmenge entsprach, die der Dealer erhalten hatte. Dies besorgten Tyndalls Finanzbeauftragte. Durchschnittlich verbrachte LeShawns Wagen vor einem der Häuser vier Minuten und fünfzehn Sekunden. Bei diesem dauerte es ein bisschen länger, vier Minuten fünfzig, weil der Weg von der Straße zum Haus länger war.

Was bedeutete, dass es für uns Zeit wurde.

Cecil nickte mir knapp zu. »Bist du bereit?«

»Sicher«, antwortete ich, gelassener, als ich mich fühlte. Das Adrenalin pumpte bereits durch meine Adern und schärfte meine Sinne. Der Job mochte bis ins letzte Detail geplant sein, aber wir beide wussten, dass in Situationen, in denen Tempo und Gewalt eine Rolle spielen, zuerst der Plan auf der Strecke bleibt. Wenn die Dinge aus dem Ruder liefen, kam es immer darauf an, einen kühlen Kopf zu bewahren und nicht in Panik zu geraten.

Cecil ließ den Motor an, fuhr aus der Lücke und bog am Ende der Straße links ab.

Die Gegend war ein wenig heruntergekommen, doch offenbar hatte jemand Geld dafür bereitgestellt, die Straßen sauber und die Mauern frei von Graffiti zu halten. Die dreigeschossigen Sozialbauten aus den Sechzigern verbreiteten nichtsdestotrotz dank ihres schmutzig braunen Anstrichs eine Atmosphäre der Armut und Geschmacklosigkeit. Die Straße war ausgestorben. In dieser Gegend fuhren die Leute morgens eher nicht zur Arbeit, und die Kids, die nicht ihren Rausch ausschliefen, saßen bereits in der Schule.

Vor uns parkte ein metallgrauer BMW X5 verkehrswidrig auf dem Gehweg. Es war eines der Autos, die LeShawn regelmäßig einsetzte; hinter dem Lenkrad saß ein junger, schwarzer Bursche.

Cecil glitt auf ihn zu. Die Straße war schmal und links und rechts zugeparkt, wir mussten langsam fahren. LeShawn trug die Beutel mit dem Geld stets höchstpersönlich und ließ sie, auch wenn er die Crackhäuser betrat, keine Sekunde aus den Augen. Zudem befand er sich immer in Begleitung eines seiner Männer. Unser Plan lautete deshalb, ihn um die Kohle zu erleichtern, wenn er auf dem Weg zurück zum Wagen war. Auf diese Weise hatten wir die ganze dreiköpfige Truppe im Blick und konnten sie kontrollieren. Doch das erforderte präzises Timing. Waren wir zu früh dran, mussten wir den Block noch einmal umrunden, und sollte der Fahrer uns das zweite Mal sehen, würde er sofort Verdacht schöpfen. Diese Jungs trugen Waffen, und wenn sie nervös wurden, konnte alles passieren. Außerdem waren wir nur zu zweit, dabei brauchte man für so einen Job eigentlich vier oder fünf Männer.

Das alles schoss mir durch den Kopf, als wir im Schritttempo auf unsere Opfer zurollten. Mein Herzschlag toste wild in meinen Ohren, und langsam dämmerte mir, dass das Ganze vielleicht keine so clevere Idee war.

Doch dann sahen wir, wie LeShawn und sein Leibwächter über die Grasnarbe vor dem Gebäude auf den X5 zuschlenderten. Sie bewegten sich mit dem Selbstvertrauen, das nur Männer zeigen, die bewaffnet sind. LeShawn hatte den kleinen Seesack mit dem Geld locker über die Schulter geworfen, aber beide Männer hatten die Hände in den Jackentaschen vergraben, wo sie garantiert den Finger am Abzug einer Pistole hatten.

LeShawn drehte den Kopf langsam in unsere Richtung.

»Okay«, sagte Cecil, der noch immer geradeaus starrte, und versuchte, möglichst gelassen zu klingen. »Ich zähle bis drei, und dann legst du los.«