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Befleckt E-Book

Brooke Morgan

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Beschreibung

Gutaussehend, unprätentiös, humorvoll – Jack ist der Mann ihrer Träume. Holly kann es kaum fassen, dass er ihre Liebe erwidert. Nur sechs Wochen nachdem sie ihn getroffen hat, heiratet Holly den Engländer. Er ist ihre große Liebe, er wird sie nie im Stich lassen – anders als Billy, der Vater ihrer fünfjährigen Tochter Kate. Dass Billy Jack zutiefst unsympathisch findet, überrascht sie nicht. Alle anderen lieben Jack. Auch ihr Großvater Henry. Doch dann findet Henry heraus, dass Jack Kate nachts weckt, um mit ihr zu spielen. Und dass er es nicht ertragen kann, wenn Kate weint. Seltsam auch, dass er nie etwas von seiner Jugend in England erzählt. Nichts ist, wie es scheint in diesem heißen Sommer auf Cape Cod ...

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Seitenzahl: 534

Veröffentlichungsjahr: 2010

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Brooke Morgan

Befleckt

Psychothriller

Deutsch von Sophie Zeitz

Kapitel 1

Holly saß am liebsten ganz vorne im Bus. Der Blick durch die breite Windschutzscheibe gab ihr ein Gefühl von Weite und verhinderte, dass ihr übel wurde. Außerdem sah sie dem Fahrer gern zu, wenn er die schwere Bustür auf- und zuschwingen ließ. Auf der Strecke zwischen Boston und Cape Cod saßen offenbar immer die großen Kerle am Steuer; massige Männer mit dunkler Stimme, denen man abnahm, dass sie ihr Fahrzeug im Griff hatten. Manchmal machten sie Witze und unterhielten sich mit ihr. «Das hier ist mein Schiff», hatte einer einmal zu ihr gesagt. «Ich bin der Kapitän und segele über die Highways.» Er war um die fünfzig und wog sicher drei Zentner, aber in seiner Stimme lag eine so romantische Wehmut, dass sie ihm den Spitznamen «der Dichter» gab. Seitdem hoffte sie, wenn sie den Bus nahm, dass der Dichter am Steuer saß, doch sie sah ihn nie wieder. Er war fort, segelte über einen anderen Highway, auf einem anderen Schiff.

Sie war früh genug am Acht-Uhr-dreißig-Bus, um als Erste einzusteigen und vorne den Platz am Fenster zu ergattern. Wenn sie Glück hatte, setzte sich keiner neben sie, und sie konnte die Beine ausstrecken und die ganze Bank für sich haben. Nach und nach stiegen die anderen Fahrgäste zu; ein älteres Paar, das gleich nach hinten durchging, eine allein reisende Frau mittleren Alters, die sich ein paar Reihen hinter Holly auf die linke Seite setzte, zwei Teenager-Mädchen, die zur Mitte schlenderten. Geht weiter, dachte sie, immer schön weitergehen. Vielleicht habe ich Glück. Doch dann sah sie durchs Fenster, wie sich draußen eine Schlange bildete. Es würde ziemlich voll werden, schätzte sie. Zwei Plätze würde sie nicht für sich behalten können.

Um ein Haar hätte sie ihn nicht gesehen. Er bückte sich, um seine Tasche in den höhlenartigen Kofferraum zu schieben, und erst als er sich wieder aufrichtete, entdeckte sie ihn. Hochprozentig. Das war Annas neuestes Gütesiegel, nachdem «zum Niederknien» ausgemustert worden war. «Da drüben», hatte Anna gestern Abend in der Bar zu ihr gesagt, «steht einer, der ist hochprozentig. Oder fast hochprozentig. Komm, Holly, wir quatschen ihn an.» Holly lachte und sagte, sie solle die Klappe halten. Sie würde keinen Fremden in einer Bar ansprechen. Anna war zu so etwas imstande, und sie tat es normalerweise auch. Doch gestern Abend hatte Holly Anna bremsen können. Sie waren an ihrem Platz geblieben, hatten ausgetrunken und waren schließlich gegangen, um sich etwas zu essen zu holen.

Er war groß, dunkel, schlank und braungebrannt. Die Ärmel seines weißen Hemds bis zu den Ellbogen aufgekrempelt. Glattrasiert, mit gerader Nase und markantem Kinn. Khakihosen und Mokassins. Keine Sonnenbrille. Eine alte Uhr mit Lederarmband. Er wirkte ernst und gleichzeitig lässig. Und war so attraktiv, dass sein Anblick eine Welle des Wohlbehagens in ihr auslöste. Wie ein schönes Gemälde. Er blickte geradeaus, nicht in ihre Richtung. Er konnte nicht sehen, dass sie ihn anstarrte, also erlaubte sie es sich. Einmal, damals war sie sechzehn und wartete bei Friendly’s in der Schlange auf ihr Eis, entdeckte sie plötzlich vor sich einen Mann, der aussah wie Noah Wylie aus Emergency Room. Sie musste ihn unaufhörlich anstarren, so berauscht war sie von seinem Anblick. In Wirklichkeit war er noch viel attraktiver als im Fernsehen, und als er sein Eis bekommen hatte und sich umdrehte, begegneten sich ihre Blicke, und sie wurde rot. Im Hinausgehen lächelte er sie an. Später hörte sie, dass Noah Wylie in der Nähe von Buzzards Bay einen Film drehte, er war es also wirklich gewesen. Als sie Anna davon erzählte, sagte die nur: «Warum hast du dir kein Autogramm geholt, Holly? Wie konntest du dir die Gelegenheit entgehen lassen?» Aber Holly war mit einem flüchtigen Lächeln zufriedener als mit einem schnöden Stück Papier.

Der Hochprozentige stieg die Stufen herauf und reichte dem Fahrer sein Ticket. Verlegen wandte Holly den Blick ab und sah auf den Boden. Sie wurde rot, wie im Friendly’s damals. Rotwerden ist wie Übelkeit, dachte sie. Man kann nichts dagegen tun. Man hat es nicht unter Kontrolle. Es passiert einfach. Aber er geht gleich vorbei und bemerkt es nicht, und solange ich zu Boden sehe, ist alles gut.

«Macht es dir etwas aus, wenn ich mich neben dich setze?»

«Klar.» Sie musste ihn ansehen. «Ich meine, nein. Macht mir nichts aus. Setz dich ruhig. Es macht mir nichts aus.» Sie musste vollkommen verwirrt klingen. Inzwischen war sie am ganzen Körper rot.

«Danke.» Er setzte sich.

Sie starrte wieder zu Boden.

«Hinten sind noch Plätze frei, aber ich sitze lieber vorne», erklärte er. «Ich sehe gerne raus.»

«Ja.»

Er hatte einen britischen Akzent. Seine Stimme war so attraktiv wie sein Äußeres. Es war gemein. Jetzt musste sie eine Stunde und fünfzehn Minuten lang neben ihm verbringen, und höchstwahrscheinlich war sie die ganze Zeit knallrot, hatte schwitzige Hände und brachte kein Wort heraus. Sie hatte kein Buch dabei, nichts, um so zu tun, als gäbe es Wichtigeres. Er hatte auch nichts in den Händen und saß ganz ruhig da, die Arme verschränkt.

Holly kannte niemanden, der nicht von sich behauptete, als Kind schüchtern gewesen zu sein; selbst die offensten, lautesten Menschen, selbst Leute wie Anna sagten von sich: «Als Kind war ich so schüchtern, das glaubst du gar nicht.» Und jedes Mal wollte Holly antworten: «Du hast recht, das glaube ich nicht. Ich war nämlich ein schüchternes Kind, und ich bin immer noch schüchtern, und ich kann mir nicht vorstellen, dass man da je herauswachsen kann.»

Die letzten Fahrgäste stiegen ein. Eine Frau mit kleinem Kind auf dem Arm setzte sich hinter sie. Sie wirkte müde und gestresst – und so dankbar, sich endlich setzen zu können, dass sie den unglaublich attraktiven Mann vor ihr nicht einmal bemerkte. Das bewirken Kinder, dachte Holly. Sie verlangen volle Konzentration aufs Wichtige – zum Beispiel, sich in einen Sitz fallen lassen und mal eine Pause einlegen.

Sie spürte, wie die Röte aus ihrem Gesicht wich, als der Busfahrer sich ans Steuer setzte und die Tür zuschwingen ließ. Stell dir vor, du bist Anna, sagte sie sich. Sag irgendwas Geistreiches, Lustiges. Er soll denken, du bist ganz entspannt. Als passierte dir das jeden Tag. Ein blendend aussehender Mann setzt sich neben dich, und du beginnst eine sprühende Unterhaltung mit ihm.

Das hatte sie vor.

Aber sie blieb stumm.

«Ja, es ist verwirrend. Der Ausdruck ‹macht es dir etwas aus›. Das ist so eine Floskel, und man weiß nie, wie man antworten soll. Ist ‹ja› richtig und ‹nein› falsch? Oder umgekehrt? Na ja». Er sah sie an. «Meine Wortklauberei ist wahrscheinlich nicht besonders interessant. Entschuldigung, ich bin auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch und daher ein bisschen nervös.»

«Doch. Finde ich interessant. Ganz bestimmt.» Seine Unsicherheit hatte ihre schlagartig weggewischt. Sie wagte es, direkt in seine Augen zu sehen. Sie waren dunkelblau. So blau wie Billys Pullover, damals, als er mit ihr tanzte. Eine unerfreuliche Erinnerung. Wegschieben und weitermachen. Sie lächelte. Er lächelte zurück und gab ihr die Hand.

«Jack Dane.»

«Holly Barrett.»

Ein kurzer, fester Händedruck.

«Mein Großvater gibt den Leuten immer die linke Hand, weil er meint, dass sie dem Herzen näher ist.»

«Klingt vernünftig.» Jack Dane nickte. «Dürfte aber ziemlich schwierig sein, die gesamte westliche Welt umzuerziehen.»

«Ich glaube nicht, dass er das will. Es ist nur so eine Marotte. Aber genug davon. Für welchen Job bewirbst du dich denn? Oder bringt es Unglück, darüber zu sprechen?»

«Unglück? Ich hoffe, nicht. Es ist nichts Großartiges– Kellner in einem neuen Restaurant in einer kleinen Stadt. Es liegt direkt am Meer, und da wollte ich schon immer hin.»

«Wo am Meer?»

«Der Ort heißt Shoreham.»

«Du machst Witze. Das Figs? Da bewirbst du dich? Ich lebe dort, in Shoreham.»

«Genau da.»

«Das Figs ist das erste schicke Restaurant bei uns. Die ganze Stadt redet von der Eröffnung. Bisher hatten wir nur Schnellrestaurants, Imbissbuden, Dunkin’ Donuts und Pizzerias. Ich habe mir vor ein paar Tagen die Speisekarte im Aushang angeschaut. Wirklich piekfein.»

«Piekfein?» Jack Dane lachte.

«Ja, piekfein. Es gibt exotische Saucen. Granatapfel-Cocktails. Und ich glaube, da stand sogar so was wie Lachs im Kräutermantel.»

«In dem Lokal in Boston, wo ich bisher gearbeitet habe, gab es Lachs-Cocktails und Eiswürfel im Kräutermantel.»

«Ist ja unglaublich! Was für Sachen…» Dann bemerkte Holly sein amüsiertes Lächeln und wurde wieder rot. «Mein Gott, wie dumm von mir.»

«Überhaupt nicht. Ja, es war ein Scherz. Aber es hätte mich nicht gewundert, wenn es in dem Laden Lachs-Cocktails gegeben hätte. Oder Eiswürfel im Kräutermantel.»

«Du willst nur nett sein.»

«Im Gegenteil. Ich habe dort gearbeitet, schon vergessen?»

«Du bist Engländer?»

«Ja, aber ich kenne weder die Queen noch Prinz William, Prinz Harry oder David Beckham persönlich. Amerikaner sind da immer schwer enttäuscht. Ich habe schon daran gedacht zu schwindeln. Oder meinen Akzent abzulegen, damit ich keine falschen Hoffnungen wecke.»

«O nein, den Akzent solltest du nicht ablegen, er ist…»

Hinter ihnen jammerte das Kind, und seine Mutter sagte erschöpft: «Sei still, Tom.» Aber Tom gehorchte nicht. Er nörgelte lauter, und Holly hörte, wie er mit seinen kurzen Beinen gegen den Vordersitz trat – Jack Danes Sitz. Jack drehte sich um und sagte über die Rückenlehne:

«Könnten Sie bitte dafür sorgen, dass Ihr Kind ruhig ist?»

«Er ist müde und quengelig», entschuldigte sich die Mutter. Holly konnte ihr die Erschöpfung anhören. «Tut mir sehr leid. Tom, hör damit auf.»

Mit finsterer Miene drehte sich Jack Dane wieder nach vorn.

«Was wolltest du sagen?», fragte er.

«Nur, dass du den Akzent nicht ablegen solltest.»

Er zuckte zusammen, als die kleinen Füße wieder gegen seine Rückenlehne traten.

«Tom, hör jetzt auf, ich meine es ernst.»

Durch die Lücke zwischen den Sitzen sah Holly, wie sich die Mutter bemühte, den strampelnden Jungen in Schach zu halten, aber er war nicht zu bändigen. «Du ärgerst den Mann, Tom. Hör auf, oder du kommst sofort ins Bett, wenn wir zu Hause sind. Hast du mich verstanden?»

«Vollkommen zwecklos», murmelte Jack Dane.

«Sie tut ihr Bestes.»

«Sie ist nicht streng genug.»

Bumm, Bumm, Bumm – unermüdlich kickten die kleinen Füße gegen den Sitz.

Er stand auf.

«Das geht mir wirklich auf die Nerven, und ich glaube nicht, dass es aufhört. Ich suche mir einen anderen Platz.»

Geh nicht, bitte, geh nicht. Kann ich einfach mitkommen? Nein, unmöglich. Ich bleibe hier sitzen wie ein Schaf, und du setzt dich neben eine andere und unterhältst sie mit deinen Späßen, bevor der Bus die Route 128 erreicht hat, dachte Holly.

«Komm», er beugte sich vor, nahm ihre Hand und zog sie hoch. «In der Mitte sind noch zwei Plätze frei. Gehen wir.»

Sie folgte ihm den Gang hinunter, ohne sich nach der Mutter mit dem Kind umzusehen, der das bestimmt peinlich war. Jack Dane bot ihr den Fensterplatz an, hinter den beiden Teenagern, die sie in den Bus hatte steigen sehen.

«Hier ist es besser.» Er setzte sich auf den Platz am Gang und wirkte gleich entspannter. «Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass ich dich einfach mitgeschleppt habe.»

«Es macht mir nichts aus.» Sie lächelte. «Und wir sind da, wo wir angefangen haben – ob es etwas ausmacht.»

Das Geheimnis einer guten Dinnerparty ist eine Art Leitmotiv. Eine Geschichte oder eine Anekdote, mit der alle am Tisch etwas anfangen, um die sich die Gespräche drehen können. Essen und Trinken zählen, aber das Wichtigste ist die Unterhaltung.

Wann hatte ihr Vater das gesagt? Sie war noch klein, vielleicht elf. Wahrscheinlich hatte er den Boston Globe auf dem Schoß; es war Vormittag, und ihre Mutter war in der Küche. Bereitete sie eine Dinnerparty vor? Holly erinnerte sich nicht. Sie wusste nur noch, dass sie dachte, eines Tages müsste auch sie sich Leitmotive für ihre Dinnerpartys ausdenken. Auch wenn sie sich mit elf nicht viel darunter vorstellen konnte. Jetzt, da sie wusste, was ein Leitmotiv war, fehlte wieder der andere Teil. Sie hatte nie eine Dinnerparty gegeben und konnte sich auch nicht vorstellen, das jemals zu tun.

«Erzähl mal, wie ist Shoreham so?»

«Herrlich. Finde ich zumindest. Eigentlich gibt es nur eine einzige Straße, wie in alten Filmen. Die Bank, die Feuerwehr, der Friseur, der Lebensmittelladen, die Weinhandlung, der Diner, das war’s. Es gab mal ein Kino, aber das ist Ewigkeiten her. Ach, und neuerdings gibt es natürlich das Figs.»

Hör auf, wies sie sich zurecht. Du schwafelst. Du bist so daran gewöhnt zuzuhören, dass du schon nervös wirst, wenn man dir eine Frage stellt.

«Irgendwie will er mit mir ausgehen, aber ich weiß nicht, ob er ein echtes Date will oder nur so als Kumpel mit mir rumhängen. Das war nicht aus ihm rauszukriegen. Ich kapiere einfach nicht, wie er tickt.»

Die unangenehm laute Stimme gehörte einem der beiden Teenager, die vor ihnen saßen. Holly erwartete, dass die andere antwortete, aber die erste schien das Gespräch alleine zu führen.

«Meinst du? Ich sitze gerade mit Teresa im Bus, und sie meint, es ist ein echtes Date, aber ich weiß nicht, und was würde das überhaupt heißen? Ich meine, was soll ich anziehen?»

«O nein.» Jack Dane schüttelte den Kopf. «Vom Regen in die Traufe.»

«Auf keinen Fall. Das pinke Top ist total uncool.»

«Sie müssten auch in Bussen handyfreie Zonen einrichten», sagte Holly mitfühlend, während sie dachte:

Ich bin doch genauso ein Teenager wie die beiden. Als er vorhin fragte, ob wir uns umsetzen, hat das Wort «wir» genügt, und mein Herz hat höher geschlagen.

«Okay, okay, habe verstanden. Ich muss aufhören. Teresa hält mir ein Sandwich hin, und ich hab Kohldampf. Bis später. Tschüs.»

Jack Dane versank im Sitz, sodass sie Kopf an Kopf saßen. Er lehnte sich zu ihr und flüsterte: «Sie isst. Wir sind gerettet.»

Sein Atem war warm, frisch und so intensiv männlich, dass sie ihn inhalierte wie eine Droge.

«Was ist schlimmer?», flüsterte sie zurück. «Der kleine Boxer oder das Handygeschrei?»

«Unentschieden. Obwohl ich an Geschrei gewöhnt sein müsste. Das gibt es auch in Restaurants. Wenn man Lärm hasst wie ich, darf man wohl nicht Kellner werden – aber ich bin nun mal einer. Egal, erzähl, Holly Barrett, wie alt bist du?»

«Dreiundzwanzig.»

Das Flüstern und die zusammengesteckten Köpfe gaben Holly fast das Gefühl, neben ihm im Bett zu liegen und Pläne zu schmieden. Sie hatte noch nie neben einem Mann im Bett gelegen. Aber so in etwa stellte sie es sich vor.

«Ich bin sechsundzwanzig; es ist also schon etwas länger her, dass ich ein Teenager war. Wie warst du damals?», fragte er. «Hattest du eine Clique, in der alle so laut und so schnell geredet haben?»

«Nein, ich hatte keine Clique. Bis auf eine Freundin war ich eher ein einsamer Wolf.»

«Das bezweifle ich.» Jack Dane musterte sie aus nächster Nähe so genau, dass sie allen Mut zusammennehmen musste, um sich nicht abzuwenden. «Nein, du warst kein einsamer Wolf. Einsame Wölfe sind die, die vom Rudel ausgestoßen werden. Sie streunen dem Rudel hinterher und möchten sehnlichst wieder aufgenommen werden. Aber du, Holly Barrett, warst das ruhige, schüchterne Mädchen, das die Schule ernst nahm, eifrig lernte und keine Lust auf kindischen Teenagerkram hatte. Das mag dich vom Rudel getrennt haben, aber es war nicht das Rudel, dem du angehören wolltest. Du hattest deine eigene Welt, eine viel erwachsenere Welt. Du bist ein altmodisches Mädchen.»

«Hey, ich bin’s wieder. Ja, das war ein winziges Sandwich. Also, was meinst du? Soll ich das schwarze Top zu der pinken Hose anziehen – ist das die richtige Message?»

Er hob kapitulierend die Hände und rückte von ihr ab.

«Es ist hoffnungslos. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Hör mal, ich nehme mir eine kleine Auszeit – ein Schläfchen, meine ich.» Aus der Hosentasche zog er einen kleinen iPod. «Bei dem Handygeschrei können wir uns sowieso nicht unterhalten, also schalte ich eine Weile ab. Ich will nicht unhöflich sein. Aber gestern Nacht ist es ziemlich spät geworden. Ich muss meine Batterien aufladen. Entschuldige bitte.»

«Du musst dich nicht entschuldigen», sagte sie schnell. «Kein Problem.»

«Macht es dir etwas aus?» Er lächelte.

«Nein. Macht mir nichts aus.»

Jack Dane steckte sich die Ohrstöpsel in die Ohren, lehnte sich zurück, fingerte an dem iPod herum und schloss die Augen.

Holly spürte immer noch seine physische Präsenz, seine Nähe. Ein Mal hatte sie fast das Gleiche gespürt, damals, als sie mit Billy tanzte. Billys Pullover roch nach Herbstlaub. Er drückte sie eng an sich, und sie atmete seinen Geruch ein und schmolz dahin. Als sie ein paar Wochen später miteinander schliefen, war nichts mehr da von schmelzender Hingabe, nur noch seine unverhohlene Begierde und ihre Verzweiflung.

Sie sah aus dem Fenster – sie passierten gerade die Rennbahn in Foxboro und waren bald auf der Route 495.Das hieß, es blieb nicht mehr viel Zeit bis Shoreham. Und Jack Dane würde verschwinden, so plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Manchen Leuten machte es Spaß, einem zu erklären, was für ein Mensch man war. Anna war das beste Beispiel dafür. «Ich habe diese Anzeige für Wildwasser-Rafting gesehen. Vielleicht mache ich mit. Für dich wär das nichts, Holly, das weiß ich. Du stehst nicht auf Risiko.» Oder: «Holly – ich wollte dir dieses hautenge Top zum Geburtstag kaufen, aber ich weiß, dass du es nie anziehen würdest.»

Woher, wollte Holly fragen, wusste sie das so genau? Vielleicht würde Holly Wildwasser-Rafting gefallen oder das hautenge Top. Außerdem bin ich ein Risiko eingegangen, wollte sie schreien, mit Katy bin ich ein riesiges Risiko eingegangen. Aber für Anna war Holly die graue Maus, seit sie dreizehn Jahre alt war, und Holly konnte an diesem Bild nichts ändern.

Jack Dane war anders. Ohne sie zu kennen, hatte er tief in sie hineingesehen und die Wahrheit über ihre Teenagerjahre zum Vorschein gebracht. Bis auf ihre merkwürdige Freundschaft mit Anna hatte Holly sich tatsächlich fern vom Rudel gehalten. In ihrer eigenen Welt gelebt – mit ihren Eltern, ihren Büchern, ihrer Phantasie. Und es stimmte, es war weitgehend eine Erwachsenenwelt gewesen, obwohl sie das bisher nie so gesehen hatte.

Das Einzige, womit Jack Dane falsch lag, war, dass sie nicht zum Rudel gehören wollte. Doch, wollte sie. Aber sie wusste nicht, wie. Sie war so befangen, fühlte sich wie gelähmt. Andere Mädchen waren wild und lustig, man konnte Spaß mit ihnen haben, doch Holly hatte immer das Gefühl, sie stand an der Seitenlinie und sah zu, und sie würde sich lächerlich machen, wenn sie mitzuspielen versuchte. Und immer wenn sie doch einen Versuch startete, wurde sie ignoriert. Nicht zurückgewiesen – niemand verspottete sie oder war gemein zu ihr. Es nahm einfach keiner Notiz von ihr. Nur als Annas Freundin wurde sie bemerkt.

«Ich frage mich, was Anna in Holly Barrett sieht», hörte sie Debby eines Nachmittags in der Turnhalle sagen. «Ich meine, was will sie von ihr? Holly Barrett ist nicht gerade eine Spaßkanone. Worüber redet Anna mit ihr?»

«Wahrscheinlich erledigt sie Annas Hausaufgaben», hatte Wendy erwidert.

Und Wendy hatte recht.

«Hey», Jack Dane stieß sie sanft an und hielt ihr einen Ohrstöpsel hin.

«Hör mal.»

Holly steckte ihn sich ins Ohr, und es dauerte nur eine Sekunde, bis sie den Song erkannte: Fix You von Coldplay.

«Großartig, oder?», sagte er, als das Stück zu Ende war. «So etwas ist tatsächlich möglich, weißt du.»

«Was ist möglich?»

«I’ll try to fix you – repariert zu werden. Schau nicht so erschrocken. Ich habe es nicht buchstäblich gemeint. Ich meinte nur, es ist möglich, wieder heilgemacht zu werden. Du wirktest so traurig, als du aus dem Fenster sahst, das ist alles.»

Sie legte den Ohrstöpsel in seine ausgestreckte Hand und lächelte.

«Danke.»

Er steckte sich die Stöpsel wieder in die Ohren und schloss die Augen. Würde er diesmal wirklich einschlafen oder sie weiter beobachten, wenn sie aus dem Fenster sah, fragte sich Holly.

Sie hatte sich nicht gerade hübsch gemacht, eher im Gegenteil; sie trug ihre üblichen alten Jeans und ein schwarzes T-Shirt. Kein Make-up. Keinen Schmuck. Kein Parfum. Schmutzige weiße Turnschuhe. Wer macht sich schon schick für eine Busfahrt? Jetzt wünschte sie sehnlichst, sie hätte es getan. Und dass sie irgendwann in ihrem Leben gelernt hätte zu flirten. Woher sollte sie wissen, was als Nächstes zu tun war? Würde er sie nach ihrer Telefonnummer fragen? Wenn nein, sollte sie nach seiner fragen? Nein. Absolut nicht. Viel zu peinlich. Wahrscheinlich hatte er sowieso eine Freundin. «In festen Händen», wie ihr Großvater Henry sagen würde. Er hatte ein bisschen geplaudert, sich während einer Busfahrt amüsiert. Wahrscheinlich rief er direkt nach dem Vorstellungsgespräch seine Freundin in Boston an, die ihn, wenn er zurückfuhr, an der Bushaltestelle abholte.

Holly schloss die Augen und versuchte den Geruch und die Wärme seines Atems heraufzubeschwören. Sie wollte sich den Moment der Nähe, als sie flüsterten, zurückrufen und darin verharren, ihn bewahren. Stattdessen hatte sie das Bild vor sich, wie er mit einer schlanken Blondine Hand in Hand ging. Sie machte die Augen wieder auf und starrte aus dem Fenster.

Viel zu schnell tauchte der Mill Pond Diner auf. Der Busfahrer blinkte, bremste und bog auf den Parkplatz ein.

Holly berührte Jacks Arm; er öffnete die Augen, zog sich die Stöpsel aus den Ohren.

«Sind wir da?»

«Ja.»

«Prima.»

Mit einem Zischen schwang die pneumatische Tür auf, und Holly und Jack standen auf. Anscheinend waren sie die Einzigen, die an der ersten Haltestelle ausstiegen. Jack Dane trat in den Gang und ließ Holly den Vortritt. Wieder schämte sie sich wegen ihrer nachlässigen Klamotten. Keiner von beiden sprach ein Wort, als sie aus dem Bus kletterten und ihre Taschen aus dem Kofferraum holten.

«Nett, dich kennengelernt zu haben, Holly Barrett.» Er streckte ihr die Hand entgegen. Kein «Darf ich dich anrufen?». Nichts.

Noch einmal schüttelten sie einander kurz und fest die Hände.

Ich kann ein Risiko eingehen, Anna, ich muss ein Risiko eingehen.

«Wenn du eine Mitfahrgelegenheit brauchst, mein Auto steht hier. Ich könnte dich zum Figs bringen.»

«Danke, aber der Manager sagte, er holt mich ab.» Er beschirmte die Augen gegen die Sommersonne. «Da drüben steht ein Mann, neben dem blauen Wagen. Vielleicht wartet der auf mich.»

«Charlie Thurlow. Ja, ich habe gehört, dass er der Manager ist.» Sie wollte noch etwas sagen, aber sie spürte, dass er es eilig hatte, und so sagte sie nur: «Viel Glück, Jack Dane. Ich hoffe, du kriegst den Job. Hat mich auch gefreut, dich kennenzulernen.»

Doch als sie «Hat mich auch gefreut» sagte, war Jack bereits unterwegs zu Charlie Thurlow, der gewinkt hatte, sodass sie die letzten Worte zu seinem Rücken sagte.

«Nein, macht mir nichts aus», murmelte sie zu sich selbst, als sie sich die Tasche über die Schulter warf und zum anderen Ende des Parkplatzes ging, wo ihr Wagen in der Hitze kochte. «Es war verrückt und naiv, auf mehr zu hoffen. Es macht mir gar nichts aus.»

Kapitel 2

Zehn Minuten später kam Holly zu Hause in Birch Point an und fand einen Zettel auf dem Küchentisch:

«Sind am Back Beach, Venusmuscheln sammeln. Komm runter, wenn du Lust hast. Alles läuft prima, H.»

Sie stellte die Reisetasche ab, ging nach oben ins Schlafzimmer und schlüpfte in ihren schwarzen Badeanzug. «Altmodisch» hatte Jack Dane sie genannt. Bevor er sie nicht nach ihrer Telefonnummer fragte und ohne sich umzusehen davonging. Wenigstens war ihr Badeanzug weder geblümt, noch hatte er Rüschen. Wenn Jack geahnt hätte, wie altmodisch sie wirklich war, wäre er wahrscheinlich zu Charlie Thurlow gerannt.

Es war der ideale Tag, um in Shoreham anzukommen: ein Junimorgen mit endlos blauem Himmel, gerade so warm, dass die Aussicht auf ein Bad im Meer reizvoll erschien. In den Hundstagen im späten Juli und August konnte die Hitze feucht, dumpf und stickig werden. Wenn man an den Strand ging, erwarteten einen statt frischer Luft Moskitowolken und im Wasser Schwärme von Quallen. Jack Dane mochte vom Meer träumen, aber er wusste nicht, dass es Zeiten gab, in denen es so wenig einladend war wie der Asphalt in der Großstadt.

Sie schnappte sich ein Handtuch und eine Baseballkappe, verließ das Haus und lief die fünfzig Meter bis an die Stelle, wo der Damm begann. Jedes Mal, wenn sie das rostige Tor erreichte, bedankte sie sich im Stillen bei demjenigen, der vor vielen Jahren die phantastische Idee hatte, den Cape Cod Canal ausheben zu lassen.

Bei der Grabung des Kanals quer durch Massachusetts, der die Strecke zwischen New York und Boston für die Schifffahrt verkürzte, hatte das Engineers Corps der US Army ihrer Familie unbeabsichtigt einen etwa zwei Kilometer langen Privatstrand vermacht. Holly war immer noch nicht dahintergekommen, ob nur Sand abgeladen worden war oder ob es darunter ein steinernes Fundament gab, aber ganz gleich wie, man hatte den Damm angelegt – einen langen sandigen Finger, der sich von Birch Point wegstreckte–, an sein Ende einen Leuchtturm gesetzt und das ganze Gelände zu Staatseigentum erklärt.

Die Ostseite des Damms bildete das Ufer des Kanals; die Westseite formte eine Bucht und ging in den alten Strand am Ende von Birch Point über. In Hollys Familie wurden die Kanalseite Back Beach und die Buchtseite Front Beach genannt. Am Back Beach war das Wasser kälter, und es gab gefährliche Strömungen wegen der vorbeifahrenden Schiffe, weshalb die meisten Leute am Front Beach schwimmen gingen. Nur Holly mochte den Back Beach lieber: Als Kind hatte sie Stunden damit verbracht, den vorüberfahrenden Schiffen nachzusehen und sich auszudenken, wohin sie fuhren, woher sie kamen und was für Menschen an Bord waren.

Da das Parken am Birch Point ausschließlich Anwohnern erlaubt war, erreichte man den Damm nur zu Fuß oder per Boot. Hollys Elternhaus war fast das letzte am Point, und zum Back Beach brauchte sie nur eine Minute. Sie nahm einen kleinen Pfad durch den Wald und achtete darauf, dem rotblättrigen Giftefeu auszuweichen, der den Weg säumte. Sie sah, dass die Ebbe an ihrem Tiefpunkt war – die einzige Zeit, da man Venusmuscheln aus ihrem Versteck im Sand ausbuddeln konnte. Das Sandareal bei Widows Cove weiter links wäre ein Schlaraffenland für Henry und Katy, und Holly beeilte sich, um nicht noch mehr gemeinsame Zeit zu versäumen.

Sehr bald entdeckte sie Henry, der sich bückte, und Katy, die neben ihm hockte und mit ihren kleinen Händen den nassen grauen Sand durchwühlte. Holly blieb stehen und sah ihnen einen Moment lang zu, während sie dahinschmolz vor Stolz und Liebe und dem Verlangen, die Zeit anzuhalten, damit alles so blieb, wie es war, für immer und ewig. Ihre glückliche kleine blonde Tochter, die im Sonnenschein im Sand buddelte, ohne Sorgen, ohne Angst, dass jemals etwas Trauriges oder Schlimmes geschehen könnte.

«Hallo», rief sie und winkte. Katy drehte sich um, blickte herauf und winkte aufgeregt zurück.

«Mami! Komm. Schau dir die ganzen Venusmuscheln an!»

«Meine Güte!» Holly lief zu ihr, nahm sie auf den Arm und drückte sie fest. «Wo ist der Eimer?»

Sie setzte Katy wieder ab und spähte in den Eimer neben Henry.

«Was für ein Fang! Ihr habt ja gnadenlos zugeschlagen. Ich glaube, ihr braucht mich beim Sammeln gar nicht.»

«Hallo, Herzchen.» Henry gab ihr einen Kuss auf die Wange. «Wie war’s in Boston?»

«Schön.» Sie zog Katy an sich und gab ihr einen Kuss. «Danke, dass du auf sie aufgepasst hast.»

«Das ist das Privileg eines Urgroßvaters. Wir hatten einen Riesenspaß. Du solltest uns öfter allein lassen.»

«Ist das ein Wink mit dem Zaunpfahl, Henry?»

«Jedenfalls solltest du ihn beherzigen. Du musst mehr raus. Und ich bin absolut in der Lage, auf Katy aufzupassen.»

«Das weiß ich doch.» Sie drückte seinen Arm, dann wandte sie sich wieder Katy zu. «Also, was machen wir mit all den frischen Venusmuscheln, Küken?»

«Henry sagt, wir machen Clam Chowder.»

«Ausgezeichnet.»

«Aber er muss perfekt werden.»

Holly blinzelte Henry zu. Seit etwa einem Monat war Katy geradezu besessen davon, alles «perfekt» zu machen. «Perfekt» war ihr neues Lieblingswort, ihr Mantra. Mit ihren fünf Jahren strebte sie in allem nach Perfektion: die «perfekte» Menge Milch für die Cornflakes, die «perfekte» Gutenachtgeschichte, den «perfekten» Tag. Henry zuckte die Achseln und rollte mit den Augen.

«Wir versuchen es, Katy. Das Beste, was wir für ein perfektes Ergebnis tun können, ist – es versuchen.»

«Ich finde, wir haben die perfekte Menge Venusmuscheln», sagte Katy und schaute in den Eimer. «Oder?»

«Auf jeden Fall.» Henry streckte sich und rieb sich den Rücken. «Katy ist eine Sklaventreiberin. Nicht eine Pause durfte ich machen. Ständig hat sie gesagt: ‹Nicht aufhören, Henry›, und ich habe versucht ihr zu erklären, dass das, was für eine Fünfjährige einfach ist, für einen Fünfundsiebzigjährigen nicht unbedingt leicht ist.»

«Aber sie hat nicht auf dich gehört.»

«Sie ist ein sehr ernsthaftes Mädchen, weißt du. Sie duldet keinen Scheiß.»

«Henry!»

«Komm schon. So was hört sie doch jeden Tag auf dem Spielplatz.»

«Wir sind hier nicht in der Großstadt, Henry. Wir sind in Shoreham.»

«Und in Shoreham fluchen die Leute nicht, Herzchen? Ach, Gott.» Henry lachte und nahm den Eimer. «Ich gehe nach Hause. Warum kommt ihr nicht nach dem Essen vorbei und wir fangen an, das Chowder vorzubereiten?»

«Gerne. Und vielen Dank nochmal, dass du sie gestern Nacht gehütet hast.»

«Es war mir ein Vergnügen.» Er legte Katy die Hand auf den Kopf. «Sie war ein perfekter Gast.»

«Tschüs, Henry», sagte Katy, «grüß Bones von mir.»

«Das mach ich, junge Dame. Du siehst ihn ja nachher.» Er ging den Strand hinauf zu der Stelle, wo das hohe Gras begann, und hob seine Jacke auf. «Inzwischen suche ich im Internet nach dem perfekten Rezept.»

«Dir ist jede Ausrede recht.» Holly lächelte bei der Vorstellung, wie Henry am Schreibtisch saß und im Netz surfte. Sie war immer wieder erstaunt, wie gut er sich im Internet auskannte, und vermutete, dass er mindestens drei Stunden täglich an seinem Apple-Computer verbrachte. Als er fort war, ging sie in die Hocke, um mit Katy auf Augenhöhe zu sein.

«Was möchtest du machen? Wollen wir noch ein bisschen am Strand bleiben, oder gehen wir nach Hause?»

«Können wir am Strand bleiben und Muscheln suchen?»

«Natürlich. Los, komm.»

Sie wanderten den Strand entlang und hoben hübsche Muscheln auf, bis Katy anhalten wollte und den Schiffen bei ihrer Fahrt durch den Kanal zusehen. Holly breitete das Handtuch aus, und sie machten es sich bequem – ein Platz in der ersten Reihe für den Schiffsverkehr. Schlepper, Schnellboote, Yachten und Frachtschiffe auf ihrem Weg von New York nach Boston oder umgekehrt.

Henry hatte ihr erzählt, dass man früher nachts, wenn die Schiffe den Kanal passierten, an Bord Passagiere in Abendkleidern und Smokings tanzen sehen konnte. Inzwischen gab es Tagesausflüge und Whale-Watching-Fahrten vom nahe gelegenen Onset aus, doch vom Glanz jener Nachtfahrten von Boston nach New York war wenig geblieben. Heutzutage nahm man ein Flugzeug, den Zug oder das Auto.

«Schau, Mami, da ist eine australische Flagge.» Katy deutete auf eine schlanke, schöne dunkelgrüne Yacht. Natürlich hatte sie recht mit der Flagge. Henry hatte ihr zu Weihnachten ein Flaggenbuch geschenkt, und Katy nahm das Lernen ernst. Außerdem hatte sie für eine Fünfjährige ein phänomenales Gedächtnis.

Holly gehörte nicht zu den Müttern, die in allem, was ihr Kind fertigbrachte, Zeichen von Genialität sahen, aber Katys Erinnerungsvermögen grenzte ans Sonderbare. Eine Zeitlang hatte sie gefürchtet, es könnte sich um eine Art von Autismus handeln, und begann im Internet zu recherchieren; bis Henry sie dabei erwischte und ihr den Kopf wusch. Trotzdem fragte sie sich immer wieder, ob Katy normal und ausgeglichen war. Lachte sie genug? Oder war sie zu introvertiert? Zu ernst?

Das Muschelnsammeln hatte ihr offensichtlich Spaß gemacht, sie war also eindeutig fähig zur Freude; auch wenn sie nicht ständig auf und ab hüpfte oder herumkasperte. War das schlecht? Holly sah zu, wie Katy sich auf die Schiffe konzentrierte und nach Flaggen Ausschau hielt.

Woher soll man das als Mutter je wissen? Man kann so viel falsch machen. Bin ich zu streng? Bin ich nicht streng genug? Soll ich Henry bitten, vor Katy nicht zu fluchen, oder ist das überfürsorglich und albern? Liegt Katy eines Tages beim Therapeuten auf der Couch und gibt mir die Schuld an allem, was schiefläuft? Wird sie die gleichen Fehler machen wie ich?

Holly ließ den Blick zum Leuchtturm am Ende des Damms schweifen und darüber hinaus. Der Himmel war so klar, dass sie bis Martha’s Vineyard sehen konnte – dachte sie zumindest. An solchen Tagen war sie sich nie ganz sicher, welche der Inseln am Horizont welche war.

«Holly, du hast keine Ahnung, oder? Wie lange lebst du schon hier – und du weißt nicht, ob das da draußen Martha’s Vineyard, Nantucket oder eine andere Insel ist?»

«Geographie ist nicht meine Stärke.»

«Komm schon – du bist in allen Fächern gut.»

Sie war siebzehn, er achtzehn. Sie saßen auf dem kalten, harten Sand an einem kleinen Strand zwischen den Felsen, fast am Ende des Damms. Es war das Wochenende nach Thanksgiving, Ende November, und die Tage waren kalt und klar. Hollys Eltern waren von Boston gekommen, um für den Winter die Heizung anzustellen, und Billys Eltern, weil nach Saisonende ein Bootsverkauf stattfand. Billy hatte nur hallo sagen wollen, und sie machten zusammen einen Spaziergang.

Billy Madison, der Wochen zuvor mit ihr getanzt hatte, wenige Tage nachdem ihre Freundin Anna ihn abserviert hatte; der sie bei einem langsamen Song eng an sich herangezogen hatte; Billy, in den sie unsterblich und unerwidert verliebt war, seit sie ihn mit vierzehn das erste Mal am Front Beach gesehen hatte. Jetzt saß er neben ihr, in ebendem dunkelblauen Pullover, den er beim Tanzen getragen hatte, und in der Kälte leuchteten seine Wangen.

«Ich lerne eben gerne. Die meisten denken wahrscheinlich, ich bin eine Streberin.»

«Ich finde nicht, dass du eine Streberin bist.»

Er legte den Arm um sie und zog sie an sich. Wie es dann weitergegangen war, wusste sie nicht mehr, wie es sich anfühlte, als er sie küsste und ihr die Jeans auszog. Sie erinnerte sich an den steinharten Sand, der sich unter ihrem Rücken wie Beton anfühlte, als Billy in sie eindrang; an die Überraschung und die Angst und das Verlangen und die Hoffnung. Das war Billy Madison, und sie hatten Sex am Strand, und ihr Leben würde sich für immer ändern. Sie würde keine Jungfrau mehr sein, einen Freund haben und wissen, wie es sich anfühlte, geliebt zu werden. Der Moment, als ihr Rücken auf den harten Sand gedrückt wurde, war nicht romantisch oder innig, aber das würde schon noch kommen. Denn Billy Madison war perfekt.

«Igitt!»

Holly drehte sich um und sah Katy mit einer Muschel auf der ausgestreckten Hand.

«Weißt du, was das ist? Man nennt sie Indianische Münze.»

«Sieht aus wie ein ekliger Fußnagel. Ein ekliger, alter, gelber, hässlicher Zehennagel.»

«Früher hatten die Indianer Geld, das so ähnlich aussah. Deshalb nennt man das so.»

«Als Indianer würde ich nicht viel Geld haben wollen, wenn es so aussieht.» Katy ließ die Muschel fallen und vergrub sie im Sand. «Oh – schau, ein Schlepper!» Sie zeigte zum Kanal, in Richtung der Eisenbahnbrücke und Boston. Ein Kahn mit hochaufgetürmter Last wurde von einem Schlepper gezogen. «Wie kann ein so Kleiner einen so Großen ziehen?»

«Ich weiß es nicht.»

«Ich auch nicht.»

«Hat Henry dich mit Sonnencreme eingerieben?»

«Ja.» Katy nickte und schaute immer noch dem kleinen Schlepper nach.

«Aber du warst den ganzen Morgen draußen. Ich glaube, wir gehen jetzt.»

«Na gut.»

«War es schön bei Henry gestern Abend?»

«Ja. Ich habe Bones so lieb.»

«Er hat dich auch lieb.» Holly nahm das Handtuch, schüttelte den Sand aus und legte es um Katys nackte Schultern.

War es normal, dass ein fünfjähriges Mädchen stundenlang neben einem alten schwarzen Labrador lag, ihm den Kopf kraulte und ins Ohr flüsterte?

«Teufel nochmal, sie reißt nicht Schmetterlingen die Flügel aus», hatte Henry gebrummt, als sie ihm ihre Sorge wegen Katys Anhänglichkeit zu Bones gebeichtet hatte. «Kannst du es nicht mal locker sehen, Herzchen? Sie ist ein wunderbares Kind, und du bist eine wunderbare Mutter, und das Einzige, was du tun kannst, ist, sie abgöttisch zu lieben – und das tust du.»

Sie gingen ganz unten am Strand, barfuß am Rand des steigenden Wassers. Katy streckte die Hand aus, Holly nahm sie, dann hob sie Katy hoch und drückte sie an sich.

«Ich habe dich lieb, Kichererbse», flüsterte sie.

«Ich dich auch, Mami. Ich hab dich vermisst.»

Holly setzte sich Katy auf die Hüfte. Als sie den Pfad erreichte, der zur Straße und zum Haus zurückführte, blieb sie stehen und blickte hinauf zu dem schmalen Feld mit dem hohen Gras, wo der Sand aufhörte. Es gab keine Markierung und keinen Gedenkstein, aber irgendwo dort lag die Asche ihrer Eltern.

Ich liebe euch beide. Und ich werde niemals aufhören euch zu vermissen.

An der Straße setzte Holly Katy ab. Links führte ein kleiner Weg durch den Wald zu Henrys Haus. Es war das letzte in Birch Point und hatte einen großartigen, unverbauten Blick aufs Wasser und den Damm, während Hollys Haus, etwa fünfzig Meter weiter, versteckt zwischen den Bäumen lag. Von ihrer Veranda aus konnte sie das Wasser zwischen den Bäumen durchblitzen sehen, wenn sie genau hinsah; im Winter, wenn die Bäume kahl waren, sah man etwas mehr, aber nur von den oberen Fenstern aus war der Blick aufs Meer frei. Manchmal wünschte sie, sie könnte die vielen Bäume einfach fällen, damit sie das gleiche Panorama wie ihr Großvater hatte.

Doch das würde sie nicht übers Herz bringen. Nicht nur, weil es ihr leid um die Fauna tat, sondern auch, weil sie nichts verändern wollte. Ihre Eltern hatten hier gelebt; sie wollte die Erinnerung an sie unversehrt lassen. Sie hatte das verwitterte alte Mobiliar behalten, und merkwürdigerweise gefiel es ihr, wie die Kissen an manchen Tagen die Feuchtigkeit absorbierten; der modrige Geruch, der das Haus durchzog, passte zum tiefen Ton der Nebelhörner vom Kanal her. Die Küche war vorsintflutlich, bis auf die Spülmaschine, die ihre Mutter ein Jahr vor ihrem Tod hatte einbauen lassen, und die Kaffeemaschine, die Holly kürzlich gekauft hatte.

Der Kühlschrank aus den fünfziger Jahren pfiff auf dem letzten Loch und protestierte röhrend dagegen, dass er so lang arbeiten musste. Es gab eine separate Gefriertruhe, die in jedem Krimi eine Hauptrolle gespielt hätte, weil sie das natürlichste Versteck für eine Leiche bot. Es gab Schränke mit verblasstem, angestoßenem Porzellan, einen Toaster, so alt, dass er schon wieder retro war, einen verkratzten Eichentisch und einen Herd mit vier Kochstellen, von denen zwei nicht funktionierten.

Als sie zu Hause ankamen, ging Holly in die Küche und suchte im Regal nach Erdnussbutter und Marmelade, um Katy zum Mittagessen ein Sandwich zu machen. Sie dachte an Jack Danes Gesicht neben sich im Bus, an seinen Atem, an seinen Geruch. Und sie dachte an seine Rückenansicht, als er wieder verschwand.

Ja, ich bin altmodisch, Jack Dane. Manchmal frage ich mich, wie ich wäre, wenn alles anders gelaufen wäre. Wenn wir nicht am Thanksgiving-Wochenende hier herausgefahren wären, wenn nicht gleichzeitig ein Bootsverkauf stattgefunden hätte und Billy gekommen wäre.

«Mami – mögen Hunde Clam Chowder?»

«Ich weiß nicht, Kichererbse. Vielleicht. Aber es könnte Hunde auch krank machen.»

«Dann sollten wir Bones lieber nichts abgeben. Aus Vorsicht. Ich möchte nicht, dass er krank wird – nie.»

Ihr kleines Gesicht sah so besorgt aus, dass Holly fast wünschte, Henry hätte keinen Hund, jedenfalls keinen so alten. Wie sollte Katy es verkraften, wenn Bones starb? Katy hatte Hollys überwältigende Trauer mitbekommen, als ihre Eltern so unerwartet ums Leben kamen. Katy war zwar erst achtzehn Monate alt gewesen, doch Kinder spürten Stimmungen, und Holly war davon überzeugt, dass Katy auf irgendeine tiefe, nicht fassbare Art wusste, dass das Herz ihrer Mutter gebrochen war.

Und sie hatte den Verdacht, Katys Ernsthaftigkeit hatte mit jener Woche zu tun, als Hollys Welt zusammenbrach – als ihr Vater bei der Arbeit an einem Herzinfarkt starb; als ihre Mutter drei Tage später auf dem Rückweg vom Beerdigungsinstitut mit dem Auto gegen einen Baum fuhr.

Plötzlich waren die Großeltern, die zu Katys jungem Leben dazugehört hatten, für immer verschwunden. Die Tatsache, dass das Leben voller Risiken und Willkür war, musste in Katys kleines Gehirn gesickert sein. Kein Wunder, dass sie introvertierter war als die meisten Kinder: Als Kleinkind hatte sie nicht viel Freude in ihrer Umgebung gesehen. Doch Holly und Henry taten ihr Bestes. In der kleinen Oase, die Birch Point darstellte, gingen sie mit ihr schwimmen, sammelten Muscheln und bauten Sandburgen, sie beobachteten zusammen die Regenpfeifer beim Nestbau auf dem Damm, bestimmten die Flaggen der Schiffe, suchten Treibgut am Strand, lasen Katy Geschichten vor und schenkten ihr ihre ganze Liebe.

Bei mir ist sie sicher. Ich kann die Schläge abfangen. Ich werde da sein, wenn Bones stirbt. Ich werde niemals zulassen, dass ihr etwas Schlimmes zustößt – niemals.

«Warum sagt Henry, dass du mehr rausgehen sollst, Mami? Glaubt er, du brauchst frische Luft?»

«Wahrscheinlich.» Holly lachte. «Aber ich habe frische Luft genug. Ich habe alle Luft, die ich brauche, hier bei dir.»

Kapitel 3

Früher hatten Shorehams Einwohner Birch Point «Barrett Point» genannt und Witze über die Ähnlichkeit mit dem Sitz der Kennedys in Hyannis gemacht. Hollys Familie väterlicherseits hatte in den 1880er Jahren im Süden von Massachusetts rund einhundert Morgen Küstenland besiedelt, indem sie das Land aufkauften und Ferienhäuser darauf errichteten.

«Nicht ganz wie bei den Kennedys», pflegte Henry zu sagen. «Uns fehlen die Präsidenten, Senatoren und die brutalen Footballspiele.»

Die Sommer ihrer Kindheit hatte Holly mit ihren Cousins und Cousinen in Birch Point verbracht, beim Schwimmen und Segeln, eingebettet in eine Art genetischen Kokon. Ein ungepflasterter Privatweg schlängelte sich zwei oder drei Kilometer durch den Wald, bis zum Anfang des Damms; die Einfahrten, die davon abgingen, führten zu Häusern, mit deren Besitzern sie verwandt war – Menschen wie ihre Eltern, die im Winter in Boston und von Juni bis September hier draußen in Shoreham lebten.

Allerdings ereignete sich der Niedergang des «Familiensitzes» erstaunlich schnell: Kaum hatte der erste Verwandte das ungeschriebene Gesetz gebrochen und sein Haus an einen «Fremden» verkauft, taten es ihm andere nach. Natürlich ging es ums Geld: Was einst das Privileg der feinen neuenglischen Gesellschaft war – ein Sommerhaus–, ließ sich plötzlich gegen einen höheren Lebensstandard während des ganzen Jahres eintauschen. Die, die nicht aus finanziellen Gründen verkauften, beklagten sich, dass «ihr» Point verlorenging – schreckliche Vorstellung: man könnte am Strand einem Fremden begegnen–, holten die Fahne ein und zogen ebenfalls fort.

Holly war dreizehn, als der Exodus aus Birch Point begann; sie vermisste ihre Cousins und Cousinen, aber sie war froh, dass wenigstens ihre Eltern das Haus behielten. Henry und Großmutter Isabella hatten es ihnen zur Hochzeit geschenkt und gleichzeitig für sich selbst das Nachbarhaus am Ende des Point gekauft, das einer unverheirateten Cousine gehört hatte. Mittlerweile lebten sowohl Holly als auch Henry das ganze Jahr über hier. Und so blieb wenigstens ein Zweig der Barrett-Dynastie in Birch Point und setzte die Tradition fort.

Allerdings war Henry Barrett alles andere als traditionell, jedenfalls nicht im Bostoner Sinn des Wortes. Er hatte zwar die Groton School besucht und später in Harvard studiert, war bei den Marines gewesen und schließlich Rechtsanwalt geworden, doch er war kein typischer Vertreter der neuenglischen Oberklasse. Er war Demokrat mit einem Hang zu deftiger Ausdrucksweise, gehörte keinem Herrenclub an und hatte sich aus Prinzip von der feinen Gesellschaft zurückgezogen.

Als Holly klein war, spielte Henry keine große Rolle in ihrem Leben; zwar kamen die Großeltern oft zu Besuch, doch es war ihre Großmutter Isabella, die sich mit ihr beschäftigte, während Henry sich abseits hielt. Für Holly war er eine schillernde, aber auch einschüchternde Persönlichkeit: hochgewachsen, kahlköpfig, mit aufrechter Haltung und einer direkten Art. Er nahm kein Blatt vor den Mund und verstellte sich nicht, wenn Kinder dabei waren; er sagte, was er meinte, und als sie noch sehr klein war, fürchtete Holly sich sogar manchmal vor ihm.

«Isst du deine verdammten Erbsen auf oder lässt du sie auf deinem Teller vergammeln, Holly?», hatte er sie einmal gefragt und ihr damit eine Höllenangst eingejagt.

Dann wieder war es vorgekommen, wenn ein entfernter Cousin etwas Dummes sagte, dass Henry ihr das Gefühl vermittelte, er und sie wären die Einzigen im Raum, die einander verstanden. Oder, wenn Hollys Mutter sie ins Bett schicken wollte, dass Henry sagte: «Schlafen kann sie, wenn sie alt ist, Julia.» Dann kam es Holly so vor, als hätten sie eine besondere Bindung. Isabella wurde «Omi Bella» genannt, doch Henry bestand auf «Henry». Er sagte: «Opapa oder Opi klingt, als wäre ich ein Baby, und Großvater macht mich uralt. Lassen wir’s bei Henry.»

Als Holly älter wurde, beobachtete sie ihn von weitem auf Familienfeiern. Er konnte schroff sein, aber meistens meinte er es nicht böse – und mit der Zeit fiel ihr auf, dass die Leute mit ihm wirklich redeten. Immer stand er mit irgendjemandem in einer Ecke und führte ein ernsthaftes Gespräch. An seinem Gesichtsausdruck sah sie, dass es nicht um Smalltalk oder Familientratsch ging. Ohne das auszusprechen, verlangte Henry mehr als Allerweltsgeschwätz.

In der Küche ging es bei Henry zu, als wäre er noch bei den Marines. Kaum waren Holly und Katy zum Kochen da, hatte er bereits die Aufgaben für die Zubereitung des Clam Chowder verteilt. Holly wurde an die Spüle abkommandiert, um Kartoffeln zu schälen. Katy sollte den Bacon aus der Packung nehmen und die Streifen bereitlegen, damit Henry sie klein schneiden konnte, sobald er mit den Zwiebeln fertig war. Danach sollte sie die Muscheln, die sich beim Kochen geöffnet hatten, aus den Schalen pulen. Und die ganze Zeit galt die strikte Regel: «Keine Gespräche, wenn die Red Sox spielen.» Sie arbeiteten schweigend, während im Radio ein Doubleheader übertragen wurde, zwei Baseballspiele an einem Tag, von denen die Red Sox das erste mit 2:1 gewannen.

«Guter Anfang, aber wir müssen auch das zweite schaffen. Beim nächsten Spiel machen wir endgültig Hackfleisch aus den Minnesota Twins. Was meinst du, Katy, fegen wir sie weg?»

«Ja, in Fenway müssen wir gewinnen.»

Holly griff nach einer Kartoffel und fragte beiläufig: «Henry, da hat doch dieses neue Lokal aufgemacht – das Figs. Der Manager ist Charlie Thurlow, oder?»

«Soweit ich weiß. Ich habe ja nichts gegen Veränderungen, aber für meinen Geschmack ist der Schuppen viel zu geleckt. So ein Schickimickiladen.» Mit dem Zipfel seines karierten Baumwollhemds wischte er sich die Tränen ab, die ihm beim Zwiebelschneiden kamen. «Ein Yuppie-Restaurant, das neue Einkaufszentrum, verdammt, als Nächstes wollen sie hier in Shoreham noch ein Starbucks aufmachen.»

«Das Einkaufszentrum wird schrecklich», sagte Katy entschieden.

«Genau, Katy. Und ich hoffe, dass du als Teenager immer noch so viel Geschmack hast wie heute.»

«Nach was schmecke ich denn heute?», fragte sie.

«Nach einer verrückten kleinen Erbse.» Henry lachte und machte den Kühlschrank auf. «Verflucht nochmal, wir haben keine Sahne mehr. Na ja, dann müssen wir eben Milch nehmen.»

«Mir ist auch die Sahne ausgegangen – wenn du willst, fahre ich schnell in die Stadt und hole welche», beeilte sich Holly zu sagen.

«Milch wäre gesünder.»

«Aber Milch wäre nicht perfekt?», fragte Katy.

Henry seufzte. «Schwer zu sagen.»

«Mit Sahne schmeckt es besser, und ein bisschen Sahne bringt uns nicht um. Ich fahre schnell, es dauert nicht lang.» Holly legte das Schälmesser beiseite. «Pass auf, dass Henry nicht alles durcheinanderbringt, wenn ich weg bin, in Ordnung, Katy?»

«In Ordnung.» Katy nickte. «Henry, ich weiß, dass das Einkaufszentrum schrecklich wird, aber ich weiß nicht, warum. Ist das schlimm?»

«Überhaupt nicht. Ich erkläre es dir, während deine Mutter Sahne kaufen geht. Aber ehrlich, Holly, mit Milch wird es genauso gut, du musst nicht extra losfahren.»

«Kein Problem. Ich bin zurück, bevor das zweite Spiel anfängt.»

Holly winkte, ging hinaus und lief nach Hause. Sie machte sich nicht vor, sie hätte keine Hintergedanken gehabt, als sie sich freiwillig zum Sahneholen meldete. Der Supermarkt Cumberland Farms lag fast Tür an Tür mit dem Figs, und auf dem Weg vom Parkplatz konnte sie durchs Fenster spähen, ob er da war. Sie wollte nicht reingehen oder mit ihm sprechen; sie wollte einfach nur vorbeigehen. Das war alles. Ein kurzer Blick.

Sie ließ die Fenster in ihrem Honda herunter, drehte das Radio auf und rumpelte über die Straße. Sie war froh, dass die Anwohner von Birch Point den Weg noch nicht hatten pflastern lassen. Wenn Henry sich schon bei dem Gedanken an Starbucks ärgerte, würde ihn die Vorstellung, dass sie die Sand- und Graspiste teeren wollten, zur Weißglut treiben. Und Holly war der gleichen Meinung. Auf diesem Weg lag ein Zauber. Als Kind hatte sie im Auto bei ihrem Vater auf dem Schoß gesessen und gelenkt, während er Gaspedal und Bremse bediente. Für zweieinhalb Kilometer Herr über das Auto zu sein war ein gruselig aufregendes Abenteuer: Sie biss die Zähne zusammen, zog die Schultern ein und blickte angestrengt nach vorn, mit größter Konzentration das Lenkrad umklammert. Jede sanfte Biegung war ihr wie eine Haarnadelkurve vorgekommen. Jetzt raste sie den Weg hinauf und wich instinktiv den Schlaglöchern und dem seltsamen Findling auf halber Strecke aus. Sie war zu schnell. Sie war auf dem Weg zu Jack Dane.

Gerade als sie auf den Parkplatz von Cumberland Farms einbog, spielte ein Song im Radio – New Kid in Town. Hollys Mutter hatte die Eagles geliebt, und die Greatest-Hits-CD lief praktisch immer, wenn sie Holly mit dem Auto von der Schule abholte. Sie sangen gemeinsam mit, und ihre Mutter sagte: «Irgendwann gehen wir zum Karaoke beim Chinesen in Shoreham. Dein Vater wird staunen, wie gut wir sind. Dort wird Alkohol ausgeschenkt, also müssen wir warten, bis du einundzwanzig bist, aber dann machen wir eine große Party, eine große Karaoke-Party. Klingt doch lustig, oder?»

Doch Julia Barrett erlebte Hollys einundzwanzigsten Geburtstag nicht. Es gab keine Party, kein Karaoke; Henry und Holly teilten sich eine Flasche Sekt, und Holly schlief zusammen mit Katy ein.

Hopeless romantics, here we go again…

Bis zu dieser Zeile hatte sie den Text fröhlich mitgesungen. Dann wurde ihr mit einem Schlag die Bedeutung klar und erschütterte sie.

Hoffnungslose Romantiker.

Es fängt schon wieder an.

Du fängst schon wieder an. Du fängst wieder an, einem Kerl hinterherzulaufen, in den du verknallt bist. Du fängst wieder an, einer Begegnung mehr Bedeutung beizumessen, als sie hatte.

Vor langer Zeit war Billy Madison der Neue in der Stadt gewesen. Als die Madisons von New York nach Boston zogen und sich ein Sommerhaus am Birch Point kauften. Als sie ihn mit vierzehn zum ersten Mal sah: einen Teenager, der ein Segelboot ins Wasser stieß, mit vom Wind zerzaustem blonden Haar. Als sie ihn im Herbst in der Schule in Boston wiedersah und all ihre Zeit damit verbrachte herauszufinden, wo er sich befand, um «zufällig» auch da zu sein. Bis sie schließlich begriff, dass sie ihm eine Bowlingkugel auf den Fuß werfen könnte, und er würde sich noch immer nicht nach ihr umdrehen.

Es war erstaunlich, was man sich einreden konnte, wenn man verzweifelt war. Holly wusste es nur zu gut. Als Billy sie zum Tanzen aufforderte, nachdem Anna mit ihm Schluss gemacht hatte, redete sie sich ein, dass er wirklich mit ihr tanzen wollte – nicht, dass er Anna eifersüchtig machen wollte. Und der flüchtige Sex am Strand? Sie redete sich ein, dass es etwas Besonderes war – nicht ein Racheakt oder einfach eine gute Gelegenheit. Billy lag etwas an ihr. Und er hätte gezeigt, wie viel, wenn seine Eltern nicht so kontrollierend und ablehnend gewesen wären.

Belüge dein Herz oft genug, und es bastelt sich eine Wahrheit daraus.

Der Song war zu Ende; Holly stellte den Motor ab und blieb noch einen Moment sitzen, den Arm im geöffneten Fenster, die Finger an die Schläfen gepresst.

«Die Definition von Wahnsinn», hatte sie neulich in einer Talkshow gehört, «ist, wenn jemand das Gleiche tut wie alle anderen, aber andere Resultate erwartet.» Eine dreiundzwanzigjährige Frau, die am Fenster eines Restaurants vorbeiging, um durchs Fenster den Mann zu sehen, den sie gerade kennengelernt hatte, erinnerte gefährlich an das vierzehnjährige Mädchen, das an Klassenzimmern vorbeiging, um einen kurzen Blick auf einen Jungen zu erhaschen, der eindeutig in ihre beste Freundin verliebt war.

Holly stieg aus, ging in den Supermarkt, kaufte einen Karton Sahne, stieg wieder ins Auto und fuhr nach Hause.

Sie war jetzt Mutter. Vielleicht würde sie nie mit einem Mann im Bett liegen und niemals herausfinden, was richtiger, inniger Sex bedeutete, aber das spielte keine Rolle. Das Einzige, was eine Rolle spielte, war Katy.

Als sie zu Hause ankam, stand ein schwarzer Audi vor ihrer Haustür. Manchmal nahmen Leute die Birch Point Road und parkten vor Hollys oder Henrys Haus, um zum Damm zu laufen. Sie befanden sich unbefugt auf Privatbesitz, und Holly hätte die Polizei rufen und die Autos abschleppen lassen können, während die Besitzer sich am Strand vergnügten, aber so weit ging Holly nie. Stattdessen wies sie auf einem Zettel höflich darauf hin, dass öffentliches Parken hier nicht erlaubt war, und dann notierte sie sich das Nummernschild für den Fall, dass ihr Hinweis ignoriert wurde und dieselben Leute wiederkamen. Wanderer und Fahrradfahrer, die den Privatweg benützten, störten sie nicht. Aber wenn sie gegen die Autos nichts unternehmen würde, sähe ihr Grundstück an schönen Sommertagen aus wie der Parkplatz vor dem Red-Sox-Stadion.

Sie stieg aus, ging zum Haus, öffnete die Tür zum Windfang und ging ins Wohnzimmer.

Vor ihr stand ein Mann neben dem Couchtisch, mit dem Rücken zu ihr.

Als sie aufschrie, drehte er sich blitzschnell um und hob entschuldigend die Hände.

«Holly – entschuldige. Ich bin es. Billy.»

Wie gelähmt vor Schreck und Verwirrung stand sie da und starrte ihn an. Weil es nicht Billy sein konnte. Sie hatte ihn seit mehr als fünf Jahren nicht gesehen. Billy war in Stanford. In Kalifornien. Billy existierte nicht. Er durfte nicht existieren, und noch weniger durfte er in ihrem Wohnzimmer stehen. Irgendeine Synapse in ihrem Hirn war durchgeknallt: Sie sah ihn, weil sie gerade an ihn gedacht hatte.

«Die Haustür stand offen, und da bin ich einfach reingegangen. Tut mir leid. Ich hätte lieber draußen warten sollen.»

«Billy?»

«Ja. Billy.»

Ein Typ wie aus der Werbung. Rosa Polohemd, helle Baumwollhose, Gucci-Schuhe. Billy Madison, der Junge, nach dem sie sich jahrelang verzehrt hatte, der ihr Leben unwiderruflich verändert hatte – er sah immer noch aus wie ein frischer blonder Junge. Das Leben schien spurlos an ihm vorübergezogen zu sein. Ein Teenager, der an einem kalten Novembertag mit ihr am Strand spazieren gegangen war.

«Was machst du hier?»

«Ich wollte dich sehen, mit dir sprechen.»

«Warum?» Sie hörte die Angst in ihrer eigenen Stimme. Katy. Es geht um Katy. Ich möchte nicht, dass er näher als tausend Kilometer an sie herankommt, dachte sie.

«Das ist doch klar, oder?» Er zeigte auf die Fotos auf dem Couchtisch– Fotos von Katy. Hübsche Bilder einer hübschen Tochter, die er niemals anerkannt hatte.

«Ich verstehe nicht.»

«Wollen wir uns hinsetzen?»

«Nein.»

«Na gut.»

Sie standen da, starrten einander an, und Holly konnte ihr Zittern nur schwer verbergen. Einen solchen Zufall gab es nicht. Es war zu absurd, unmöglich. Aber da stand er, sah sich um – genau wie damals, als er sie fragte, ob sie mit ihm spazieren gehen wolle. Mit einer gewissen Lässigkeit, einem fast abwesenden Blick, fast schon gelangweilt.

Es war weder ein Racheakt gewesen, begriff sie plötzlich, noch Gelegenheitssex. Es war einfach die pure Langeweile gewesen.

«Du hast nichts verändert, oder? Die Einrichtung, und auch sonst. Hier sieht es noch genauso aus wie damals.»

Er war es wirklich. Das war Billy Madison und kein Hirngespinst.

«Alles hat sich verändert, Billy, alles.»

«Natürlich. So habe ich es nicht gemeint – Holly, ich weiß, alles, was ich jetzt sage, klingt falsch. Ich weiß, ich hätte mich melden sollen, ich hätte tausend Dinge tun sollen, die ich nicht getan habe. Ich weiß, dass ich meine Fehler nicht wiedergutmachen kann. Aber ich möchte sie sehen. Das ist alles. Ich hatte gehofft, wir könnten darüber reden. Ich bin wieder da. Im September fange ich an der Harvard Law School an, das heißt, ich bin wieder da.»

«Du möchtest sie sehen? Weißt du überhaupt, wie sie heißt?»

«Katy. Ich weiß es von meinen Eltern.»

«Das ist toll. Von deinen Eltern.»

«Siehst du, alles was ich sage, ist falsch.»

Holly ging zum Fenster. Sie konnte ihn nicht mehr ansehen. Warum war sie nicht auf diesen Moment vorbereitet? Warum war sie nie auf die Idee gekommen, dass er irgendwann wiederauftauchen könnte? Wie hatte sie so unglaublich dumm sein können?

Und warum konnte sie das Meer nicht sehen? Warum war sie von Bäumen eingeschlossen, von blöden Bäumen, die schon seit Jahren gefällt sein sollten? Es war verrückt, hier so zu leben. Ohne Blick aufs Meer. Es war dumm und verrückt und fürchterlich.

«Sie sieht hinreißend aus auf den Fotos.»

«Lass das. Hör auf, dir die Bilder anzuschauen. Da hast nicht das Recht dazu. Du kommst in mein Haus, ohne dich anzumelden. Du sagst, du bist wieder da und willst Katy sehen. Das kann nicht dein Ernst sein, Billy. Du hast Katy nie gesehen, du hast keinen Kontakt zu ihr gesucht, du weißt nichts von ihr. Du kannst nicht einfach…», aus ihrer Angst wurde Wut, «… du kannst nicht einfach hier auftauchen und dir einbilden, dass du sie sehen kannst. Ich lasse nicht zu, dass du ihr wehtust.»

«Ich habe nicht vor, ihr wehzutun, Holly. Warum drehst du dich nicht um und siehst mich an?»

Normalerweise wurde sie nie wütend. Sie hasste Konfrontationen und Streit und tat eigentlich alles, um Konflikte zu vermeiden. Anna hatte einmal gesagt: «Wenn jemand die Tür zuschlägt und deine Hand ist dazwischen, entschuldigst du dich noch dafür.» Aber es ging hier nicht um sie, es ging um Katy. Und wenn es um Katy ging, war Holly nicht mehr Holly. Sie war Katys Mutter.

Sie drehte sich um. «Okay. Ich sehe dich an. Und ich frage dich, was genau du vorhast. Einmal im Monat am Wochenende zu kommen und sie zum Eisessen abzuholen? So lange, bis du genug davon hast oder anderswo dringend gebraucht wirst? So funktioniert das nämlich nicht. Elternschaft ist etwas anderes. Du hast keine Ahnung.»

«Hast du ihr erzählt, ich sei tot? Ist es das?»

«Schön wär’s. Nein, Billy, ich habe ihr nicht erzählt, dass du tot bist. Weißt du, wann sie das erste Mal nach ihrem Vater gefragt hat? Im Auto. Auf dem Weg zum Kindergarten. ‹Habe ich einen Daddy?›, hat sie gefragt. Ich war nicht vorbereitet darauf. Fast hätte ich einen Unfall gebaut. Ich wollte es ihr später sagen. Wenn sie älter ist. Ich hatte es aufgeschoben, wollte warten, bis sie in die Schule kam. Aber ich hatte mir nicht überlegt, was ich ihr sagen wollte. Und da saß sie hinter mir im Kindersitz, so unschuldig, so süß. Ich konnte ihr nicht sagen, dass ihr Vater einfach weggelaufen ist und sie im Stich gelassen hat. Was hätte ich sagen sollen? ‹Tut mir leid, Schatz, dein Vater interessiert sich nicht für dich?› Konnte ich nicht. Also habe ich gesagt, was mir gerade einfiel. ‹Dein Vater ist Entdecker›, habe ich erzählt. ‹Er reist um die ganze Welt und forscht an Plätzen, die sehr, sehr weit weg sind.›

Ist das nicht lächerlich? Natürlich hat sie mich gefragt, ob du zurückkommst, und ich habe gesagt, dass ich es nicht weiß. Eine Zeitlang hat sie mir viele Fragen gestellt – was du erforschst und was Entdecker machen. Da war es zu spät. Ich musste weiterlügen. Ich habe ihr so viele Lügen erzählt, dass ich mich nicht mal an die Hälfte erinnern kann. Inzwischen fragt sie nicht mehr, weil sie weiß, dass es mich traurig macht. Jetzt fragt sie Henry. Und Henry muss lügen. Wir müssen beide lügen. Um dich aus dem Spiel zu lassen, Billy.»

Das Telefon klingelte. Holly bewegte sich nicht. Beim zweiten Klingeln sagte Billy: «Geh ruhig dran. Ich kann warten.»

«Ich gehe nicht dran. Und ich möchte nicht, dass du wartest. Ich möchte, dass du verschwindest – jetzt.»

Er bewegte sich nicht. Beim dritten Klingeln schaltete sich der Anrufbeantworter ein. Sie standen schweigend da. Billy starrte auf den Fußboden, Holly starrte ihn an, wollte, dass er aufsah und verstand, wie ernst es ihr war. Er konnte nicht einfach Katys Leben durcheinanderbringen. Das würde sie nicht zulassen.

«Hallo, Holly Barrett, hier spricht dein Reisebegleiter, Jack Dane. Ich bin losgezogen, ohne nach deiner Telefonnummer zu fragen. Glücklicherweise habe ich sie von der Auskunft bekommen. Jedenfalls habe ich den Job, bin jetzt also in deiner Stadt, und ich fange erst am Montag an. Ich wollte dich fragen, ob du morgen, am Sonntag, mit mir essen gehen würdest. Wo, das überlasse ich dir, denn du bist hier zu Hause. Wenn ja, ruf mich bitte zurück, Telefonnummer 6174957783.Ich muss aufhören, sonst ist der Anrufbeantworter voll. Wenn du bereits anderweitig festgelegt bist, bitte ich um Entschuldigung. Okay? Bis dann.»