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Der Mord am Sohn einer 80er-Jahre-Popikone versetzt ganz Kalifornien in Aufregung. Während die Medien über nichts anderes mehr berichten, muss die Polizei den Fall zwangsweise an die berühmte Geheimdienstorganisation „SUO“ weitergeben. Um an Informationen zu gelangen, fliegen die beiden zuständigen Ermittler Agent Charles Anderson und Agent Louis Klump nach Kapstadt. Allerdings hat eine Verbrecherorganisation eine Spezialeinheit auf sie angesetzt. Die Truppe um Donald Poolman hat den Auftrag, sie zu entführen und als Druckmittel einzusetzen. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt…
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Maximilian Heilbrunner
Maximilian Heilbrunner
Anderson & Klump
Thriller
Impressum
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© 2022 Maximilian Heilbrunner
Massener Straße 41, 59439 Holzwickede
Lektorat: Elmar Freier
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.
Cover: Nico Gräbe
Erstellt mit: Cambria
Über den Autor
Maximilian Heilbrunner wurde 2004 in Unna geboren und wuchs in Holzwickede als das jüngste von drei Kindern auf. Bereits mit 13 Jahren entdeckte der Abiturient sein Talent, Texte zu verfassen. Aus diesen Texten wurden Geschichten, aus Geschichten wurde schon bald das erste Buch, ein lupenreiner Agententhriller.
Bereits ein halbes Jahr später brachte Heilbrunner seinen Debütroman in einer streng limitierten Stückzahl heraus, schon wenig später waren alle Exemplare vergriffen.
Diesen Thriller, schlicht BEGRÄBNIS betitelt, überarbeitete der junge Autor im Laufe der Zeit immer wieder. Nicht nur das: Das Buch wurde mit jeder Überarbeitung ein deutliches Stück besser, reifer. Die Zeit für die erste richtige Veröffentlichung von BEGRÄBNIS ist gekommen. Heilbrunner beweist trotz seiner Jugend erstaunliche schriftstellerische Fähigkeiten, die die Leserschaft auf fast 500 Seiten immer wieder in seinen Bann zieht.
Dem nicht genug: Heilbrunner arbeitet bereits an Teil 2 und 3 der sogenannten Anderson & Klump-Trilogie, einer Thriller-Reihe, die noch viel von sich reden machen wird. Heilbrunners Vorbild ist neben Stephen King und Simon Beckett auch sein Vater Thomas Matiszik, der mit seinen Thrillern ebenfalls kein Unbekannter ist.
Für Thomas Matiszik
Rache ist Eingeständnis des Schmerzes
(Lucius Annaeus Seneca)
Über dieses Buch
Ich möchte darauf hinweisen, dass dieses Buch zuvor bereits zwei Mal erschienen ist. Damals hieß es allerdings noch »Das mysteriöse Begräbnis«.
Beim ersten Mal hatte man meinen geschriebenen Text einfach übernommen, mit allen Rechtschreib-, Grammatik- und Logikfehlern. Auch das Cover war nicht ganz so wie ich das wollte. Deswegen wurde das Ganze später noch ein zweites Mal herausgegeben, allerdings mit geändertem Cover und eingearbeiteten Korrekturen. Zu der Zeit hatte ich mein zweites und drittes Buch bereits vollendet und eine Schreibpause eingelegt.
Vor ein paar Monaten hat sich dann ein Freund an das Lektorat meines zweiten Buches gemacht. Ich hatte eigentlich vor, es in den darauffolgenden Wochen herauszubringen. Doch ein paar Tage später habe ich mir dann aus Langeweile, die ich während der Coronakrise hatte, erneut die zweite Version meines ersten Buches geschnappt und gelesen. Dabei ist mir vor allem aufgefallen, wie schnell und hektisch mir mein Schreibstil jetzt vorkam. Deswegen nahm ich mir vor, das Buch noch einmal komplett zu überarbeiten und es so umzuschreiben, wie ich es heutzutage schreiben würde.
Damit bin ich dann ein paar Monate später fertig gewesen. Das Endprodukt mit allen Korrekturen und kleinen Schliffen ist dieses Buch hier. Es ist fast dreimal so lang wie die ursprünglichen Versionen und für mein Empfinden auch qualitativ besser geworden.
Prolog
Tag 1, 19:14 Uhr
Es wird ja behauptet, dass der Mensch im Laufe seines Lebens immer wieder Teile seiner Erinnerungen verliert, mit jedem Jahr mehr, sodass man bereits als Jugendlicher keinen blassen Schimmer mehr von der Zeit vor dem dritten oder vierten Lebensjahr hat. Und so ist es auch. Zumindest bei den Meisten. Der Mann, der gerade in seiner neuen Wohnung saß und ein altes Polaroid-Foto betrachtete, war da eine Ausnahme.
Das erste Ereignis, an das er sich erinnerte, war voller Schmerzen. Er schätzte, dass er damals etwa ein Jahr alt war, auf jeden Fall konnte er zu dem Zeitpunkt noch nicht gehen und auch nur einzelne Wortfetzen sprechen. Als kleiner Junge erkundete er die Welt, damals noch unbekannt und riesig groß, und krabbelte an diesem Tag durch sein Elternhaus. Seine Augen leuchteten, egal welchen Gegenstand sie erblickten. Dann war dort ein Schatten, er bedeckte ihn, verdunkelte alles um ihn herum. Heute wusste er, dass es sich um einen Tisch gehandelt hatte, aber damals verspürte er Angst. Trotzdem krabbelte er weiter und hörte plötzlich eine Stimme.
»Komm unter dem Tisch weg, Schatz!«
Es war die Stimme, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgen sollte und deren Besitzerin er am liebsten schon vor zehn Jahren die Kehle durchgeschnitten hätte. Damals war sie noch eine herzliche und nette junge Frau, aber das änderte sich schnell. Diese Stimme erschrak ihn damals so sehr, dass er mit seinem kleinen Köpfchen hochschnellte und gegen die Unterseite des Tisches prallte. Sofort fing er an zu weinen. Er glaubte zu wissen, dass es das erste und auch das letzte Mal war, dass ihm Tränen kamen.
Von diesem Tag an erinnerte er sich an jedes einzelne Ereignis in seinem Leben. Es war, als wären seine Augen Linsen einer Kamera, die jeden Moment ununterbrochen filmte und alles speicherte. Und immer, wenn er das wollte, konnte er die einzelnen Filme abrufen und sich alle Details ansehen. So wie er es jetzt tat.
Es war Winter und sehr kalt in dem Haus an der Cornwall Road. Er hatte es sich auf dem Schoß seines Vaters bequem gemacht und aß langsam und immer unter Beobachtung seiner Eltern seine Suppe. Er kleckerte und die Flüssigkeit landete auf seinem Lätzchen, das er um den Hals trug. Es machte ihn wütend, dass er getropft hatte und er begann zu schreien. Doch er weinte nicht.
Mum beruhigte ihn und kitzelte ihn gemeinsam mit ihrem Mann. Das Schreien ließ nach und er lachte. Sie saßen dort gemeinsam und lachten. Es gab noch andere wunderschöne Momente aus dieser Zeit, aber dies war derjenige, den er sich immer wieder vor Augen hielt, wenn er glücklich sein wollte. Diese zwei Jahre waren schön. Atemberaubend wundervoll. Und seitdem wurde es nicht mehr besser. Ab diesem Punkt sollte sein Leben mit jedem Tag ein Stück qualvoller werden.
Jemand anderer kam und nahm ihm alles, was er liebte. Mums Interesse für ihn wurde immer weniger, und irgendwann beachtete sie ihn überhaupt nicht mehr. Sie beschützte ihn, bis er in ihren Augen alt genug war, es selbst zu tun. Und Dad machte mit. So wie er es immer tat.
Und dann, obwohl er das nicht erwartete, wurde es noch schlimmer. Anfangs gab Mum ihm zumindest immer noch einen Gutenachtkuss und las ihm eine Geschichte vor. Sie behandelte ihn wie eine Mutter ihren Sohn behandelt. Weil sie eben nur einen Sohn besaß und diesen nicht verlieren wollte.
Aber so blieb es nicht. Irgendwann waren die einzigen Dinge, die sie sich zu sagen lediglich hatten, »Hallo« und »Tschüß«. Es fühlte sich so an, als würde sie durch ihn hindurchsehen, als wäre er unsichtbar für sie. Und dann kam auch noch der Erfolg. Ab dann war ihr nichts weiter wichtig als das Geld und der Ruhm.
Dieses Gefühl der Bedeutungslosigkeit war einfach schrecklich und er spürte es jetzt noch, während er das Foto betrachtete. Darauf zu sehen war ein kleiner, vergnügt lachender Junge mit einem mit Schokoladeneis verschmierten Gesicht. Er hatte seine Hand in die einer anderen Person gelegt, die man aber nicht erkennen konnte. Der Junge trug ein blaues T–Shirt, auf dem der Schriftzug Super Mario und darunter die berühmte Videospielfigur mit der roten Mütze und dem unverkennbaren Schnauzer im Gesicht abgebildet waren. Seine Haare waren strohblond und lockig. Er hatte grüne, stechende Augen und es war, als würde er ihn anstarren. Ihn warnen, dass das, was er vorhatte, nicht das Richtige sei. Als wolle er ihn mit diesem süßen Lächeln davon abhalten, etwas Unüberlegtes zu tun.
Aber es war nicht unüberlegt. Er fragte sich so oft, ob er es wirklich tun sollte, und mit jedem Tag wurde er sich sicherer, dass er es tun musste.
Dieser süße Junge und alle anderen hatten ihm so viel Leid zugefügt. Dieser Junge mit dem Super Mario-T-Shirt war nur einer von vielen Gründen, warum er so geworden war. Er hatte sich nicht richtig verhalten. Weder ihm noch gegenüber allen anderen. Nie hatte er das getan und trotzdem hatten ihn alle wie einen König behandelt.
Und deswegen muss er sterben, dachte er und holte sein Feuerzeug hervor. Deswegen müssen sie alle sterben. Für die Gerechtigkeit.
Er hielt das Feuerzeug an die rechte obere Ecke des alten Polaroid und sah dabei zu, wie es zu brennen begann. Die Flamme erhellte sein dunkles Zimmer ein wenig und seine Augen glänzten wie Edelsteine. Sie beleuchtete sein Gesicht, das mit Narben übersät war, acht Stück an der Zahl. Sie pulsierten auf seiner Haut, mit jedem Atemzug, den er tat. Er sah nicht menschlich aus, nicht mehr. Es hatte begonnen. Seine Rache hatte begonnen, es gab keinen Weg mehr zurück.
1
Tag 1, 19:28 Uhr
Dieser Tag sollte ein besonderer werden, in vielerlei Hinsicht. Vor Aufregung schlotterten Robert Hillburn die Knie. Mein Gott, wie lange wartete er jetzt schon auf diesen Moment? Seit sieben Jahren. Seitdem er Tessa kennengelernt und ein paar Monate später eine Band mit ihr gegründet hatte.
Seine Gabe entdeckte er bereits mit fünf. Eine glasklare Stimme, die sowohl die hohen als auch die tiefen Töne traf. Und zwar immer. Der erste Song, den er auswendig lernte, war »Bohemian Rhapsody« von Queen. Keine leichte Angelegenheit, aber mit sechseinhalb Jahren war Robert so weit und trat auf seiner Geburtstagsfeier auf. Es war zugleich auch die seines Bruders, der ihn von diesem Tag an hasste. Die ganze Aufmerksamkeit, die James damals hatte haben wollen, war ihm genommen worden. Aber das hatte er nicht anders verdient. Er war ein Arschloch und sogar schon in den Knast gewandert. Mit dieser Person hatte Robert kein Mitleid. Das hatte er noch nie.
Die musikalische Ader erbte er von seinen Großeltern, die sie bereits an seine Mutter weitergaben. All seine Geschwister konnten mindestens ein Instrument. Nicola spielte die Geige schon mit zehn Jahren fast genauso gut wie David Garrett, Daniel hatte ein Händchen für sämtliche Blasinstrumente, James war eigentlich ein ziemlich guter Schlagzeuger, hörte aber schon mit vierzehn wieder auf mit dem Spielen, rührte die Sticks nie wieder an und widmete sich vollkommen dem Kokain und Sex. Auch ihr Vater musste sich nicht verstecken, wenn es um das Spielen eines Instrumentes ging. Allerdings bediente er das wahrscheinlich unscheinbarste und unbeliebteste Instrument von allen – den Bass. Nur Musikexperten achteten auf den Bass, wenn sie einen Song hörten, außer er stach hervor. Aber Joseph Hillburn schaffte es, ihm das gewisse Etwas zu verleihen, und das schon seit Jahrzehnten. Ohne sein Zutun würden die Songs, die seine Frau komponierte und anschließend auf der Bühne vorsang, nicht halb so gut ankommen.
Doch das von allen mit Abstand begabteste Mitglied der Familie war Sophia Hillburn. Sie konnte singen – noch einmal um einiges besser als Robert –, Klavier spielen, war eine Göttin an der Akustikgitarre, brachte Nicola bei, wie man richtig Geige spielte und konnte mit der Trompete, einem Instrument, das für Robert eigentlich immer grausam klang, eine wunderbare Stimmung erzeugen. Ihr verdankten sie auch die vielen Musikstunden, das teure Essen und die guten Schulen. Seit ihrem Durchbruch mit der Band »Love & Living« im Jahre 1982 konnte sie fast im Geld baden.
Vor zwei Wochen schlugen ihm seine Bandkollegen vor, bei einer Castingshow mitzumachen und meldeten ihn ohne sein Wissen an. Kurz darauf wurde er zum Start der vierten Staffel von »THE GOLDEN SINGERS« eingeladen und durfte nun in der Vorrunde singen. Und vielleicht würde er sogar weiterkommen, denn seine Interpretation von »Dance with somebody« war einfach großartig.
Er schaute noch mal in den Spiegel und legte sich seine Frisur zurecht.
»Also, eigentlich bin ich gar nicht so überrascht, dass die mich gecastet haben«, sagte er zu seinem Spiegelbild. »Du bist in Wahrheit viel zu gut für diese Show, Bobby!«
Nachdem er noch ein paar Minuten gewartet hatte und nervös auf und ab gegangen war, öffnete ein Mitarbeiter der Produktion den Bühneneingang und Robert trat hinaus ins Rampenlicht. Hunderte, nein tausende Menschen warteten auf ihn. Das war das, was er schon immer gewollt hatte: berühmt sein.
Er nahm das Mikrofon in die Hand und begann zu singen. Für einen kurzen Moment war er noch nervös. Er sang die ersten zwei Zeilen mit leiser und zaghafter Stimme. Aber trotz alledem war es seine Stimme. Eine Stimme, die jeden Ton traf und die das Publikum nach nur wenigen Sekunden in ihren Bann zog.
Während der gesamten ersten Strophe hatte er die Augen geschlossen, konzentrierte sich, sang mit Gefühl. Als er dann zum Refrain überging, öffnete er sie und sah in die Menge. Jedes einzelne Gesicht strahlte vor Begeisterung. Die meisten Leute waren aufgestanden und klatschten im Rhythmus des Liedes von Mando Diao. Robert ließ seinen Blick schweifen und erblickte die Jury. Die war sogar noch mehr von seiner Performance angetan. Sie jubelten und klatschten, er kam sich vor wie in einem Traum.
Dann verfiel er in eine Art Rausch. Mit jeder Silbe, die er sang, wurde er selbstbewusster und lauter. Als er die zweite Strophe sang, konnte er sich ein Lächeln nicht verkneifen. Am liebsten hätte er immer weiter gesungen und nie wieder aufgehört. Die Jubelrufe wurden lauter und lauter und…
Plötzlich verstummten sie. Sie hörten ihn nicht mehr. Das Mikrofon gab nur noch ein schwaches Rückkopplungspfeifen von sich. Vielleicht für fünf Sekunden, bis es dann schließlich ganz ausfiel. Robert sang weiter und hoffte, dass es bald wieder funktionieren würde. Er lächelte weiterhin und versuchte, so gelassen wie möglich zu wirken. Er würde sich von so etwas nicht die Show verderben lassen.
Plötzlich fiel auch noch die Beleuchtung aus. Robert konnte nur noch Umrisse des Publikums und der Jury erkennen und fühlte sich ziemlich unwohl. Er merkte, wie sich seine Nackenhaare aufstellten und er Gänsehaut an Armen und Beinen bekam. Die wurde noch schlimmer, als es rechts oberhalb seines Kopfes zu rauschen begann. Ein Knistern wie bei einem alten Funkgerät. Mit einem Mal stoppte es, ein Räuspern ertönte und kurz darauf sprach jemand durch die Lautsprecher zu Robert und dem Publikum. Die Stimme klang wie die eines kleinen Jungen, was die Situation nicht weniger gruselig machte.
»Dies ist ein Befehl! Keiner der Zuschauer und Juroren wird sich von seinem Platz wegbewegen. Der Einzige, der etwas tun wird, ist der Kandidat. Er wird den Saal verlassen und zu mir kommen. Wenn nicht, lasse ich diese Halle wie einen Vulkankrater aussehen!«
»Was soll das?«, rief Robert. »Hör auf, Streiche zu spielen, Kleiner, und schalte das Licht wieder an!«
Dass jeder im Saal ihn hören konnte, lag einzig und allein daran, dass sich eine düstere Stille über das Publikum gelegt hatte. Die Zuschauer und die Jury lachten nicht, sondern lauschten weiter nervös den Worten des vermeintlichen Kindes.
»Das ist kein Streich, Robert Hillburn! Du kannst dir deine dummen Scherze sparen, du eingebildeter, fauler Sack!«
Als er mit seinem Namen angesprochen wurde, zuckte Robert zusammen. Natürlich konnte man ihn sämtlichen Ankündigungen der Show entnehmen, aber wahrscheinlich wäre es doch klüger, die Drohung ernst zu nehmen. Vielleicht war tatsächlich ein Verbrecher dort und hatte die Möglichkeiten, das gesamte Publikum zu töten? Eventuell hatte derjenige eine Bombe deponiert und den Auslöser in der Hand, bereit, alles hier in die Luft gehen zu lassen.
»In Ordnung! Aber wenn das wirklich nur ein Scherz sein soll, kann ich immer noch nicht darüber lachen!«
»Keine Sorge, Bobby. Du wirst noch genug Zeit zum Lachen haben!«
Der Junge kicherte, was Robert ebenfalls als gruselig empfand. Was noch bemerkenswerter war: Er kannte seinen Spitznamen und den benutzten nur seine Freunde und seine Familie. Und bei Roberts Vorstellung fürs Fernsehen vor wenigen Minuten hatte, soweit er sich erinnerte, ihn niemand so genannt.
Seine Eltern waren nicht erschienen, die befanden sich auf ihrem noblen Anwesen in Sydney und verfolgten die Show im Fernsehen.
Seine ältere Schwester Nicola befand sich momentan auf einer Expedition. Sie arbeitete als Paläontologin und stand laut eigener Aussage vor einem großen, wissenschaftlichen Durchbruch.
Daniel, seinen großen Bruder, hatte Robert seit Jahren nicht mehr gesehen, genauso wenig wie James.
Letzteres war recht ungewöhnlich, da er und James eineiige Zwillinge waren und diese ja bekanntlich in den meisten Fällen wie ein Herz und eine Seele waren. Doch die beiden hassten sich abgrundtief und hatten schon in jungen Jahren nicht viel Zeit miteinander verbracht.
Nur Roberts Freundin und seine Bandkollegen – heute trat er zum ersten Mal ohne sie auf – waren anwesend und keiner von ihnen hatte »Bobby« zu ihm gesagt, da war er sich ziemlich sicher.
Er steckte das Mikrofon zurück in die Halterung und verließ die Bühne durch dieselbe Tür, durch die er sie auch betreten hatte. Als er sie öffnete, erblickte er den Security-Mitarbeiter, der ihn in den Saal gelassen hatte. Er lag bewusstlos auf dem Boden und Robert konnte eine große, runde Platzwunde an seinem Hinterkopf erkennen.
Verdammte Scheiße, dieser Psycho hat ihm eins übergebraten, dachte er schockiert.
Wenn dieser Junge doch keinen Spaß machte, in Wirklichkeit ein erwachsener Mann war und ihn töten wollte, dann wäre es von Vorteil, bewaffnet zu sein, oder nicht?
Er drehte den Sicherheitsmann auf den Rücken und suchte nach einer Waffe, die er schließlich in einem Halfter am Gürtel des Bewusstlosen fand. Es war eine Beretta 90. Robert kannte sich gut mit Pistolen aus und hatte dementsprechend auch keine Probleme, sie zu benutzen
»Wenn dieser Kerl mir zu nahekommt, dann schieß‹ ich ihn über den Haufen!«, sagte er laut zu sich selbst.
Er überprüfte noch einmal die Munition und ging dann, die Beretta voran, den Gang entlang, der von der Bühne weg und in Richtung Ausgang führte. Plötzlich ertönte ein knarrendes Geräusch. Robert sah sich um. Niemand war zu sehen.
»So! Wo bist du jetzt? Komm raus, du dummes Balg!«, schrie er ins Nichts hinein.
Er merkte, wie wütend er war. Dieser Typ, wer auch immer hinter der kindlichen Stimme steckte, hatte ihm seinen bislang wichtigsten und größten Auftritt, seinen glücklichsten Moment versaut. Dafür würde er ihm den Hals umdrehen.
Als er zwei oder drei Schritte gegangen war, erloschen von jetzt auf gleich sämtliche Lichter auf dem Flur.
Robert war aus hartem Holz geschnitzt und genauso wie sein Zwillingsbruder James – oder auch Jimmy, ein von ihm verhasster Spitzname, den seine Geschwister damals oft verwendet hatten, um ihn aufzuziehen – fürchtete er sich vor Nichts und Niemandem.
Fast. Denn eine große Angst hatte jeder Mensch. Bei Robert war es die Dunkelheit. Oder besser gesagt die Ungewissheit, die durch sie entstand.
Etwas zittrig ging er weiter und umfasste die Beretta nun mit beiden Händen, während er versuchte, etwas zu erkennen und zu schwitzen begann.
»Wo bist du denn jetzt? Komm raus und treib‹ keine Spielchen!«
Doch nichts regte sich.
Als Robert einen weiteren Schritt machte, stolperte er und verlor die Waffe, die mit einem metallischen Geräusch über den Boden schlitterte.
Verdammte Scheiße, dachte er und tastete, auf dem Boden hockend, nach der Beretta. Plötzlich hörte er eine flüsternde Stimme.
»Bobby!«
Sein Herz blieb fast stehen. Das Kind, der Mann oder was auch immer es war, schien nun ganz nahe bei ihm zu sein.
»Bob, komm zu mir«, flüsterte die Stimme.
Jetzt nannte der Unbekannte ihn Bob. So wurde er von niemandem genannt. Seine Freunde und Familie sprachen ihn mit »Bobby« an – diesen Kosenamen kannte der Unbekannte auch – und die restlichen Menschen nannten ihn einfach Robert. Den typischen Spitznamen Bob hasste er genauso wie labbrige Hotdogs und warme Cola.
»Lass mich bloß in Ruhe!«
Seine Stimme klang nicht mehr selbstbewusst. Er hörte sich jetzt selbst wie ein kleiner Junge an.
Er setzte sich und blickte ängstlich in die Dunkelheit. Mit der Hand hinterm Rücken tastete er nach der Waffe und bekam sie schließlich zu fassen. Mit zitterndem Körper stand er auf.
Das letzte Mal, dass sein Körper sich in solch einem Zustand befunden hatte, war schon mehrere Jahre her, als er noch ein Teenager gewesen und die Grippe mal wieder herumgegangen war. Er hatte dmals mehrere Kreislaufzusammenbrüche, starkes Fieber, Schnupfen und auch Schüttelfrost bekommen. Damals hatte er kein Glas halten können, weshalb seine Mutter ihm die Flasche hatte geben müssen, wie einem Säugling.
Jetzt zitterten seine Beine nicht nur, sie waren auch extrem schwer. Er nahm all seine Kraft zusammen, um sich fortzubewegen. Da legte sich eine Hand auf seine linke Schulter und strich ihm leicht darüber.
Erneut erschrak Robert wie noch nie zuvor in seinem Leben. Er drehte sich ruckartig, wenn auch etwas zu spät, um. Obwohl seine Augen sich langsam an die Dunkelheit zu gewöhnen begannen, konnte er nichts sehen. Er merkte, dass er kurz davor war, sich in die Hose zu machen.
Ich werde mich an dem Tag, an dem ich eigentlich bei TGS auftreten sollte, einscheißen, nur weil ich Halluzinationen habe, fluchte er innerlich.
Doch es waren keine Halluzinationen. Als Robert zwei weitere Schritte zustande brachte, stand plötzlich eine maskierte Gestalt direkt vor ihm; so nah, dass zumindest einige Details zu erkennen waren.
»Hallo, Bobby«, sagte sie und fuchtelte mit einer Brechstange herum.
Die Maske war keine übliche Sturmmaske, wie sie Bankräuber trugen, sondern eine hässliche Fratze mit verzerrtem Gesicht. Sie hatte blutrote Löcher, die aussahen wie Schusswunden.
Robert erschrak so sehr, dass er zuerst die Beretta fallen ließ und sich dann wirklich in die Hose machte. Es kam vorerst nur Urin, doch es fühlte sich trotzdem befremdlich an. Als Kind hatte er sich nie in die Hose gemacht und kannte dieses Gefühl dementsprechend überhaupt nicht. Seine Schenkel wurden nass und Wärme breitete sich in seiner Hose aus. Automatisch bekam er einen roten Kopf, obwohl ihn ja niemand sonst sehen konnte.
»Wer bist du?«, fragte er nun mit einem ängstlichen Gesichtsausdruck, der den Maskierten anscheinend amüsierte. Die Person lachte und hielt die Brechstange in die Luft. Es war auf keinen Fall ein Kind, aber irgendwoher kannte Robert dieses Lachen.
»Wer ich bin, tut nichts zur Sache. Ich bin hier, um dir einen schönen Tod zu schenken. Ich hoffe, dass du darauf vorbereitet bist. Das müsstest du doch eigentlich sein, weil du ja so perfekt bist.«
Seine Stimme war krächzend und klang wie die eines Kettenrauchers.
»Wer... Wer bist du?«, fragte Robert erneut, nun etwas lauter.
Wieder lachte der Mann.
»Was hast du vor? Leg die Brechstange weg! Ich bin doch noch viel zu jung!«, schrie Robert verzweifelt.
Als er sah, wie der Maskierte die Stange hob, wollte er sich von dem Unbekannten wegbewegen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Er war in einer Art Schockstarre. Robert hatte sich noch nie so schrecklich gefühlt.
Dann war es zu spät, sich noch zu bewegen. Der Maskierte schlug zu und traf Roberts Schädeldecke. Im ersten Moment spürte Robert gar nichts. Kurz darauf durchflutete der Schmerz seinen Körper.
Doch er war nur von kurzer Dauer; ein kurzes, starkes Pochen im Kopf. Robert kippte nach hinten und Schwärze umgab ihn. Das Letzte, was er noch hören konnte, war das schreckliche Lachen seines Angreifers.
2
Tag 1, 22:46 Uhr
Etwas mehr als drei Stunden später machte es sich Sebastian Rawlings, Chef des Los Angeles Police Departments auf seinem gepolsterten Bürostuhl bequem. Er hatte sich gerade einen Kaffee geholt – wie immer schwarz und stark – und verdrehte genervt und zugleich entsetzt die Augen, als ihm am Telefon von einem weiteren Schwerverbrechen berichtet wurde.
Dies war jetzt schon der zwanzigste Mord in einer Woche und es war erst Freitag. Daran hatte sich Sebastian in gewisser Weise schon gewöhnt und notgedrungen einige Fälle an das FBI weitergegeben. Mittlerweile kamen allerdings so viele neue Fälle rein, dass auch die Kollegen dort an ihre Grenzen kamen. So musste Sebastian ein paar Morde an die Geheimdienstorganisation SUO übergeben, deren Chef durch die enge Zusammenarbeit in den letzten Jahren zu einem guten Freund von ihm geworden war.
Er legte auf und wählte die Nummer des Büros von Mark Harrison.
»Sebastian? Was gibt’s?«, fragte der Chef der SUO und klang dabei irgendwie erfreut, als wäre der Anruf so etwas wie eine Erlösung für ihn.
»Mal wieder ein Mord«, meinte Sebastian so gleichgültig, als wäre es ihm vollkommen egal.
»Geht es etwas genauer?«, fragte sein Freund mit immer noch fröhlicher Stimme, als sprächen sie über ein Treffen der beiden am Wochenende.
»Kennst Du THE GOLDEN SINGERS, diese Casting-Show?«
Ein missbilligendes Grunzen war zu hören.
»Ja, und ich kann sie nicht ausstehen.«
Sebastian schmunzelte.
»Naja, ist ja auch nicht wichtig, ob du sie magst oder nicht. Ein Typ, der vor …« Er sah auf seine Armbanduhr, »… gut zwei Stunden bei dieser Show aufgetreten ist, wurde auf ziemlich mysteriöse Weise umgebracht.«
Sebastian konnte ein Seufzen am anderen Ende der Leitung hören.
»Mensch, Sebbie, dass jemand getötet wurde, ist mir schon bewusst. Sag doch einfach wie und mach es nicht besonderer, als es ist«
»Aber es ist besonders! Der Kerl hatte richtig Pech, das sage ich dir. Plötzlich sind im gesamten Konzertsaal die Lichter ausgegangen.«
»Stromausfall?«
»Zumindest teilweise. Das Mikrofon hat auch nicht mehr funktioniert. Allerdings noch die Lautsprecher. Aus denen hat irgendeine verzerrte Stimme, die sich nach den Zeugenaussagen wie die eines kleinen Jungen angehört haben soll, gesprochen und den Sänger aufgefordert, den Saal zu verlassen, weil sonst das gesamte Publikum getötet würde.«
Als er antwortete, klang Mark nach wie vor fröhlich, anscheinend machte ihm sein Job wirklich Spaß, was man von Sebastian nicht behaupten konnte. Er war einer der jüngsten Polizeichefs in der Geschichte von Los Angeles. Das lag nur daran, dass sein Vater einen so guten Ruf besaß. Denn, nachdem der in den Ruhestand gehen musste, ernannte ihn der Bürgermeister zum Nachfolger und das Board bestätigte ihn einstimmig. Und zack: Schon war er Polizeichef von L.A..
Sein Vater legte beim Bürgermeister und den fünf Beamten des Boards, die alle gute Freunde von ihm waren, ein gutes Wort für Sebastian ein. Das fiel ihm leicht, denn Sebastian zählte wohl zu den besten Ermittlern Westamerikas. Diese Gabe hatte er wahrscheinlich von seinem Vater geerbt.
Aber jetzt war er nicht nur überfordert mit seinem Beruf, er hatte keine Zeit mehr für etwas anderes. Seinem Freund ging es vermutlich ähnlich, jedoch hatte er als Chef der SUO nicht viel mehr als Papierkram zu erledigen, was bei Sebastian etwas anders aussah.
»Haben deine Leute Sprengstoff gefunden?«, wollte Mark wissen. »Wenn nicht, dann war es eine leere Drohung.«
»Nein. Aber ich glaube, dass jeder von uns beiden in dieser Situation haargenau so gehandelt hätte, nicht wahr?«
Ein leises »Mmh« kam zurück.
»Und diesen Fall sollen wir jetzt übernehmen?«
Nun hörte sich Mark zwar nicht mehr so fröhlich wie zuvor an, klang aber nach wie vor nicht wie jemand, der über einen Mord sprach.
»Ja, ist das ein Problem? Ich meine nur, weil der Chef vom FBI mir erklärt hat, dass sie auch keine Männer mehr zur Verfügung haben.«
»Ist schon in Ordnung. Es ist nur so, dass meine Leute eben nicht alle so erfahren auf diesem Gebiet sind und die Mitglieder der Mordabteilung aktuell größtenteils beurlaubt sind. Der Rest ist anderweitig beschäftigt.«
Sebastian setzte sich etwas wütend in seinem Bürostuhl auf.
»Ich bitte dich, Mark! Deine Agenten sind die besten Ermittler Amerikas, da werden sie wohl noch einen Mord aufklären können, egal wie viel Erfahrung sie haben.«
»Dann müsste ich allerdings zwei Männer auswählen, die noch nie einen Mord bearbeitet haben. Was anderes bleibt mir momentan nicht übrig.«
Er atmete laut aus.
»Danke, mein Freund. Du rettest mir damit wirklich den Arsch. Die Familie des Opfers ist nämlich sehr wohlhabend und zum Teil auch prominent. Ich will mir gar nicht ausmalen, was für ein Shitstorm losbrechen würde, wenn wir den Mord nicht aufklären können, nur weil wir überfordert sind!«
Er lachte etwas krampfhaft und sein Freund stimmte ein.
»Das würde dann wohl an uns hängenbleiben, nicht?«
Immer noch lachend stimmte Sebastian dem zu.
»Und? Was ist dem Sänger denn genau zugestoßen?«, fragte Mark schließlich.
Sebastian hatte sich alles auf seinen Notizblock geschrieben und blätterte nun darin.
»Also genau wissen wir es auch nicht. Die Überwachungskameras haben ab einem bestimmten Punkt nichts mehr aufgezeichnet. Wir können nur Vermutungen anstellen.«
»Wer hat ihn denn gefunden? Und vor allem wo?«
»Eine alte Dame. Sie hat das Grab ihres Gatten auf dem Friedhof ungefähr zwanzig
Meilen von dem TGS-Gebäude besucht.«
Der Chef der SUO gluckste leise.
»Um diese Uhrzeit?«
Sebastian zuckte mit den Achseln.
»Tja, vielleicht ist er genau um diese Zeit verstorben. Ist auch nicht weiter wichtig. Auf jeden Fall hat die Frau auf dem Friedhof ein frisches, nur halb mit Erde gefülltes Grab gefunden und die Polizei alarmiert. Meine Kollegen haben dann unter der Erdschicht das Opfer gefunden. Sein Name lautet Robert Hillburn.«
3
Tag 2, 06:21 Uhr
Der kühle Morgenwind wehte ihm die schweißnassen Haare aus dem Gesicht. Er sah auf sein Handy, dass in seiner Armtasche lag und erhaschte einen Blick auf seine Werte:
600 Kilokalorien verbrannt, 122 Gramm Fett verloren, Puls bei knapp 95, Körpertemperatur bei 36,89 Grad.
»In Ordnung.«
Charles Michael Anderson verlangsamte sein Tempo, bis er nur noch ging. Er ließ die Arme kreisen, während er an seinem Haus ankam. Keuchend lehnte er sich an die Hauswand und dehnte seine Beine, indem er abwechselnd das rechte und dann das linke nach hinten streckte und mit der Ferse auf dem Boden blieb. So hatte es ihm sein Basketballcoach beigebracht, vor vielen Jahren auf der Highschool. Eines der wenigen schönen Dinge, die es dort gegeben hatte.
Die zweite Übung war eine, die Coach Quill ganz besonders gerne angewandt hatte. Eigentlich war es gar keine Dehnübung, aber Charles führte sie trotzdem jedes Mal nach dem Joggen durch. Dabei setzte man sich im 45-Grad-Winkel an eine Wand und bleib so lange in der Position, bis die Zeit vorbei war. Nur zählte Quill damals immer extra langsam und zögerte die letzten Sekunden so sehr hinaus, dass sich ein paar der Spieler fast übergeben mussten. Charles machte das nie etwas aus, er mochte es, da es eine Art Wettbewerb war. Außerdem besaß er eine enorm hohe Ausdauer, die er sich im Laufe der Jahre antrainiert hatte. Sowohl seine Mutter, die nun bereits seit mehr als vierzig Jahren als Fitnesstrainerin tätig war, als auch sein Vater, der sich auch in seinem mittlerweile hohen Alter jeden Tag zu einer Joggingrunde aufraffte, hatten ihm eingeschärft, wie wichtig Bewegung war. Und Kondition war etwas, das man in keinem Sport unterschätzen sollte.
Heute machte er die Wandhocke nur für anderthalb Minuten, da ihm das Joggen schon genug zugesetzt hatte. Er ließ die Arme ein weiteres Mal kreisen, stellte sich gerade hin und bückte sich anschließend nach unten, um mit den Fingern die Zehnspitzen zu berühren. Das schaffte er nicht jedes Mal. Ganz im Gegensatz zu seiner Mutter war er alles andere als gelenkig und kam gerade mal bis zum oberen Teil des Schienbeins. Aber es half und er fühlte sich deutlich besser danach.
Ein paar Mal atmete er noch aus und ein, dann ging er zur letzten Übung über. Er hob abwechselnd die Beine an und beschrieb einen Halbkreis, sodass die Adduktoren trainiert wurden. Warum die fürs Laufen wichtig waren, hatte der Coach ihm und den anderen Jungs aus der Mannschaft bestimmt zehntausend Mal erklärt.
»Das reicht dann auch«, meinte er, nachdem er jedes Bein jeweils zehn Mal gekreist hatte. »Jetzt gibt´s erst Mal Frühstück.«
Das Eingangstor wurde von zwei Männern mit Sonnenbrillen und ziemlich grimmigen Blicken bewacht. Er nickte ihnen zu, sie ließen ihn passieren und er betätigte den Code an einem digitalen Eingabefeld rechts vom Tor. Dann trat er ein.
Das Geräusch des sich schließenden Tors ertönte hinter ihm und er warf noch einmal einen Blick über die Schulter. Die Männer hatten ihm den Rücken zugewandt und standen kerzengerade da. An ihren Hüften baumelten Pistolen und sie würden jeden Unbefugten in die Schranken weisen, falls nötig. Das hatte Charles allerdings nicht zu verantworten. Mark, der zugleich sein Chef und ein jahrelanger Freund war, hatte sie nach seinem letzten Einsatz vor drei Monaten hier postiert.
»Mir ist nichts wichtiger als die Sicherheit meiner Mitarbeiter«, sagte Mark, als sie darüber diskutierten, ob das wirklich nötig wäre. Wie immer war sein Gesicht dabei nahezu ausdruckslos. Nur ein leichtes, fast schon unsichtbares Lächeln konnte man erkennen. Man sah es nur, wenn man auf seine Augen achtete.
Charles war zu dem Entschluss gekommen, dass die Leibwächter kein Problem für ihn darstellten und ihn nur schützen konnten. Außerdem bezahlte er die Männer, die schichtweise sein Haus bewachten, nicht und musste sich keine finanziellen Sorgen machen.
Das musste er schon lange nicht mehr. Seitdem er in Marks Organisation, der SUO, arbeitete. Jeder Einsatz brachte ihm einen Haufen Geld ein und, obwohl es oft sehr gefährlich wurde, machte es ihm Spaß.
Teil der SUO wurde er vor knapp drei Jahren. Kurz nachdem er der Organisation bei der Suche nach einem entführten Kind geholfen hatte.
Das Kind war der Enkelsohn des kalifornischen Gouverneurs und der Entführer führte die Polizei und auch den Geheimdienst monatelang an der Nase herum. Mark erzählte ihm damals alles bei einem gemeinsamen Dinner und Charles bot ihm seine Hilfe an. Er hatte schon immer gut mit Menschen verhandeln können. Er besaß eben sehr viel Empathie (was den meisten Frauen aber anscheinend herzlich egal war).
Nachdem er dem Unbekannten in einem langen Telefonat ein Angebot gemacht und sich mit ihm an einem abgelegenen Ort verabredet hatte, um das Geld zu übergeben, fuhr er allein, unbewaffnet und mit einem Koffer voller Hundert-Dollar-Bündel zum Treffpunkt.
Dort traf er den maskierten und bewaffneten Entführer an. Neben ihm stand der sechsjährige Junge, zitternd und schwitzend vor Angst. Der Entführer hielt ihn am Kopf fest und wies Charles an, den Koffer zu übergeben. Der ging einen großen Schritt auf ihn zu und nutzte dann sein jahrelanges Karatetraining, um den Entführer auszuschalten. Ohne Waffe oder faule Tricks, nur mit einem gezielten Roundhouse-Kick.
Danach feierte ihn eine Woche lang ganz Los Angeles als Helden. In allen lokalen Zeitungen und Fernsehsendern berichtete man über den jungen Mann, der den seit Monaten gesuchten Entführer des kleinen Stevies endlich ausgeschaltet hatte. Noch nie in seinem Leben waren ihm so viele Fragen gestellt worden und noch nie zuvor hatte er sich so stark gefühlt. Nur eine Stunde nach der Verhaftung des Entführers standen die Reporter Schlange vor seinem Zuhause, bei dem es sich damals noch um eine mickrige und verschmutzte Studentenbude handelte. Sie hielten ihm Mikrofone ins Gesicht, blendeten ihn mit den Blitzlichtern ihrer Kameras und riefen ihm eine Frage nach der anderen entgegen.
Genauso schnell war alles wieder Schnee von gestern; die Medien stürzten sich auf andere Sensationen und niemand interessierte sich mehr für den tapferen Charles Anderson. Dennoch zeigte ihm diese kurzzeitige Aufmerksamkeit wie schön es sein konnte, im Rampenlicht zu stehen. Und er stellte sich die Frage wie es wäre, immer wieder im Fernsehen aufzutauchen, weil er mal wieder jemandem das Leben gerettet, einen oder mehrere Verbrecher ins Gefängnis gebracht oder sogar ein ganzes Syndikat hochgenommen hatte. Wegen dieser Vorstellungen kam es ihm mehr als nur gelegen, als ihm Mark anbot, bei seiner Organisation einzusteigen.
Nach einer nächtlichen Suchaktion, nur wenige Tage zuvor, lagen einige seiner Männer schwerverletzt im Krankenhaus, andere waren tot. Anstatt sich von dieser Information abschrecken zu lassen, nahm Charles die Einladung, ohne zu zögern an.
Die Eignungsprüfung der SUO war zwar nicht leicht, aber Charles bewies am Ende doch, dass er das Potenzial zu einem guten Geheimagenten hatte. Reiche Erfahrung im Nahkampf, hohe Kenntnis in Bezug auf nahezu alle möglichen Arten von Waffen, eine außerordentliche Menschenkenntnis, welche er in seinen Einsätzen immer wieder aufs Neue unter Beweis stellte, ebenso wie seine enge Beziehung zum Chef der Organisation verhalfen ihm dazu, den heiß umkämpften, aber auch extraordinär gut bezahlten »Arbeitsplatz« zu ergattern. Mark sorgte dafür, dass sein Freund nicht zu häufig, aber dennoch regelmäßig einen Auftrag erhielt. Er war ein Mensch, der ständig eine Beschäftigung benötigte und war zudem eine große Hilfe für die SUO.
Sein letzter Auftrag lag jetzt schon sehr lange zurück. Bei diesem Einsatz verlor Charles nicht nur fast sein Leben, sondern musste auch zum ersten Mal einen Menschen töten. Und bei einem blieb es nicht.
Er selbst, zwei seiner Kollegen, vier Männer vom FBI und eine Reihe Polizisten waren beteiligt. Sie hatten zuvor mehrere Tage lang Kontakt zu einem Informanten gehabt, der ihnen schon des Öfteren geholfen hatte. Damals, am 16. Januar 2018, informierte er Alfred Baker, den leitenden Ermittler des Teams, in dem auch Charles und einige andere Männer waren, darüber, dass ihm eine – Zitat – ziemlich heftige Sache zu Ohren gekommen war. Den gesamten Winter über hatte Krieg zwischen zwei Großfamilien, den einflussreichen, ursprünglich aus Sizilien stammenden Santinís und dem, hauptsächlich an der Grenze zwischen Tijuana und San Diego tätigen Alvarro-Kartell, geherrscht, der damit geendet hatte, dass das Oberhaupt des Kartells, Ricardo Sanchez, in seinem Badezimmer mit einem Gürtel stranguliert vorgefunden worden war. Eines von vielen Opfern dieses Krieges, aber mit Abstand das bedeutendste.
Die darauffolgenden Wochen hörte man von beiden Seiten nichts mehr. Schließlich, so sagte es der Informant, einigte man sich. Die Santiní-Familie bot ihren Feinden an, ein für alle Mal Frieden zu schließen und sie machten ein Treffen auf einem abgelegenen und verlassenen Fabrikgelände aus. Dort sollten sie, als Entschädigung für Ricardos Tod, einen Haufen Geld erhalten, wie viel das gewesen war, wusste Charles nicht mehr.
Baker trommelte sein gesamtes Team, bestehend aus ihm selbst, Charles, Brandon Cross, mehreren Agenten des FBI und einer Truppe SWAT-Polizisten, zusammen. Sie fuhren, bis an die Zähne bewaffnet und mit Schutzwesten am Leib, zu dem Fabrikgelände. Charles erinnerte sich, dass er ziemlich nervös und sein Puls mindestens bei hundertzwanzig war. Dieser Einsatz war mit Abstand sein wichtigster und gefährlichster. Er ahnte, dass es Schwierigkeiten geben könnte, aber mit dem Massaker, das folgte, hatte niemand rechnen können.
Sie waren ausgestiegen, erst die Polizisten des SWAT, dann die FBI-Agenten und zum Schluss Baker, Cross und er selbst. Alle zückten sie ihre Pistolen und am Eingang trennten sie sich schließlich. Per Funk teilten die SWAT-Leute ihnen nach und nach mit, welche Räume sicher waren. Und dann wurde es laut. Schüsse und Schreie ertönten. Todesschreie, von beiden Seiten. Charles war mit Baker zusammen. Sie nickten sich kurz zu und liefen dann los. Eine lange Treppe in das zehnte Stockwerk hoch und …
Es musste Glück sein, anders konnte er sich die Tatsache, dass er heute noch lebte, nicht erklären. Von allen Seiten schossen sie auf ihn und Baker. Letzterer starb sofort, durch die erste Kugel, die ihn traf. Trotzdem hörten sie nicht auf. Der leblose Körper seines Kollegen zuckte wie eine Puppe und Blut spritzte nach rechts und links. Charles bekam nicht einen Kratzer ab und tat anschließend das, was er am besten konnte: rennen.
Er nahm die Beine in die Hand und rannte um sein Leben. Doch dabei sah er nicht einfach geradeaus. Er erhob die Waffe und schoss Gott weiß wie oft. Jeder einzelne Schuss traf ins Schwarze.
Später war er sich nicht mehr sicher, wie viele Männer er bei der Schießerei getötet hatte, aber es war ihm auch verdammt noch mal egal. Sie hatten Baker getötet, der so etwas wie ein Mentor für ihn gewesen war. Und er war nicht der Einzige, der an diesem Tag auf Seiten der Polizei gestorben war.
Die Clan-Mitglieder waren so auf ihn fokussiert, dass sie nicht bemerkten, wie ein paar Männer des SWAT-Teams und zwei der FBI-Leute hinter ihnen auftauchten, um ihnen den Garaus zu machen. Die gesamte Schießerei dauerte nicht länger als ein, zwei Minuten. Ein, zwei Minuten, in denen neunundzwanzig Menschen starben und siebzehn weitere schwer verletzt wurden. Charles und zwei SWAT-Polizisten waren die Einzigen, die glimpflich davongekommen waren.
Dieser Tag war einer der wenigen in seinem Leben, an denen er an so etwas wie einen Gott glaubte. An einen Gott, der ihn irgendwie brauchte und ihn deshalb beschützt hatte. Aber dafür hatte dieser Gott auch viele andere sterben lassen.
Charles hatte keine Ahnung, woher Gangster gewusst hatten, dass sie Besuch bekommen würden und warum sie sich zusammengetan hatten. Aber das war eine der unwichtigeren Sorgen, die er nach diesem Ereignis hatte. Sein Leben ging den Bach hinunter, er veränderte sich drastisch und, obwohl er sonst immer jemand war, der viel sprach, schwieg er fast nur noch. Die Monate waren für ihn nur schwer und mit viel Alkohol auszuhalten. Eigentlich war er kein Trinker, aber in dieser Zeit tat ihm eine Flasche Whisky pro Tag irgendwie gut.
Psychologische Hilfe lehnte er ab, obwohl ihm Louis geradezu den Befehl erteilte, sie anzunehmen. Er erzählte seinem Freund, dass ihn Albträume plagten und er nur noch maximal fünf Stunden pro Nacht schlief. In jeder dieser Nächte hatte er alles vor Augen. Baker, der zwei oder drei Meter neben ihm stand und dessen Körper von Schüssen zerfetzt wurde. Die Kugeln, die an seinem Schädel vorbeisausten und ihn nur um ein Haar verfehlten. Das Adrenalin spürte er ebenfalls. Das Adrenalin, das ihn antrieb, so schnell zu rennen, wie er es noch nie in seinem Leben getan hatte. Und er hörte die Stimmen der SWAT-Männer, die die Treppe hinaufkamen und ihre Waffen auf die Kriminellen richteten.
Es war alles so klar, als würde er jedes einzelne Detail, jeden einzelnen Atemzug noch ein weiteres Mal erleben– und das jede Nacht.
Schließlich raffte Charles sich auf und rief die Nummer an, die Louis ihm gegeben hatte. Er machte einen Termin bei Dr. Zoey Chadwick ab und ging anschließend jeden Tag zu ihr. Seine Nächte wurden länger und auch angenehmer, die Erinnerungen an das Erlebnis weniger und auch seine physische Gesundheit besserte sich. Auf den Whisky konnte er erst nicht verzichten, doch irgendwann nahm er alle Flaschen, die er noch in seinem Haus irgendwo stehen hatte, packte sie in einen großen Sack und warf sie in den Müll. Seither hatte er keinen Schluck Alkohol mehr getrunken. Irgendwann würde er wieder anfangen, das wusste er, aber vorerst würde er keine alkoholischen Getränke mehr anrühren.
Mark erteilte ihm keine Aufträge mehr, weil er ihm Zeit zum Regenerieren geben wollte. Das machte ihn langsam verrückt, er wollte wieder raus aus seinem Haus und etwas unternehmen. Er war zwar auf ein paar Partys und in Clubs gewesen – ohne sich dabei von den ganzen Mixgetränken verlocken zu lassen –, aber von wirklichem Spaß konnte man dabei nicht sprechen.
Auch an seinen letzten Sex konnte er sich kaum noch erinnern. Er hatte seit Ewigkeiten keine feste Beziehung mehr gehabt. Entweder er war zu speziell für die meisten Frauen, oder er machte irgendetwas anderes falsch. An seinem Aussehen – fand er – konnte es nicht liegen und an seinem Geld eigentlich auch nicht.
Er wohnte nämlich in einem edlen Haus mit Pool, Lamborghini und allem erdenklichen Luxus in einem der Nobelvororte von Los Angeles. Heute war er wieder etwas früher aufgestanden als sonst, um joggen zu gehen. Das hatte Dr. Chadwick ihm ausdrücklich empfohlen. Vor zwei Monaten hatte er das noch öfter gemacht, doch mittlerweile wurde es so heiß in L.A., dass ihm ein Mal pro Woche vollkommen genügte.
Charles betrat sein Haus, streifte sich seine nass geschwitzten Sportklamotten ab und stieg in die Badewanne. Bevor er das tat, sah er auf die Uhr und staunte, wie früh es noch war. Dr. Chadwick hatte ihm neben dem Joggen empfohlen, früher aufzustehen und auch ein sogenanntes Traumtagebuch zu führen. Letzteres hatte er bereits nach einer Woche nicht mehr getan, er kam sich lächerlich vor. Es fühlte sich an, als wäre er ein kleines Kind, das ein Experiment wagte.
Den ersten Tipp hatte er wiederum befolgt und tat es nach wie vor. Er ging früher ins Bett und stand früher auf. Und er hatte das Gefühl, dass es ihm guttat.
Jetzt lag Charles lange im Wasser, tauchte mehrere Male unter und dachte dabei über sein Leben nach. Über die letzten drei Monate und ob es ihm überhaupt je gelingen könnte, wieder zu arbeiten und dieses Ereignis aus seinem Kopf zu verbannen.
Vor drei Monaten, kurz nach dem Einsatz, dachte er das erste Mal in seinem Leben wirklich über Selbstmord nach. Die Tabletten befanden sich sogar schon aufgelöst in seinem Whiskyglas, er hätte nur noch trinken müssen.
Aber es gelang ihm nicht. Die Angst vor dem Tod brachte ihn davon ab. Er war noch recht jung, er konnte etwas aus seinem Leben machen, wenn er es wollte. Ihm wurde klar, dass es schlichtweg einfach feige wäre, sich das Leben zu nehmen und sich dadurch nicht dem Problem stellen zu müssen. Außerdem konnte er das seinen Eltern nicht antun. Sie liebten ihn nach wie vor über alles und würden für immer um ihn trauern. Er warf das Whiskyglas gegen die Wand und saugte die Scherben später weg.
Ich bin nicht feige, dachte er damals und holte sich eine neue Flasche aus dem Kühlschrank.
Lange Zeit später stieg Charles aus der Wanne, ließ das Badewasser ablaufen und trocknete sich ab. Er wollte sich schließlich seinen Pullover anziehen, als sein Handy, das auf der Ablage lag, klingelte. Der Anrufer war Mark.
»Was gibt es?«, fragte er genervt, ohne daran zu denken, dass sein Chef ja einen Fall für ihn haben könnte.
»Hey, wie geht’s dir?«, entgegnete Mark und ging nicht auf die genervte Stimmlage seines Agenten ein.
»Schwer zu sagen. Es gibt gute und schlechte Tage.«
»Und was würdest du sagen, ist heute für ein Tag?«
»Falls du mich irgendwohin einladen möchtest, ich werde mich heute erst einmal aufs Ohr legen und dann versuchen, irgendeine Ablenkung zu finden. Vielleicht ja morgen.«
»Ich feiere keine Party oder so etwas. Es geht um einen Auftrag für dich. Bist du wieder einsatzbereit?«
Erst wollte er ›Nein‹ sagen. Er war müde und wollte jetzt schlafen. Aber ein neuer Fall war ja genau das, was er wollte. Er brauchte Ablenkung und die bekam er mit solch dusseligen Partys einfach nicht. Er musste den Auftrag annehmen, um dieses Ereignis ein für alle Mal aus seinem Kopf verbannen zu können.
»Ich bin dabei.«
4
Tag 2, 06:34 Uhr
Er verspürte mal wieder diese Wut. So wie an fast jedem Tag in seinem Leben. Im Prinzip war er ein Vulkan, in dessen Inneren es brodelte und der jederzeit ausbrechen konnte. Und wenn er es tat, richtete er gehörigen Schaden an.
Sein Name war Donald Albert Poolman, er war ein Mann wie jeder andere auch und am liebsten würde er jeden Tag einem Haufen Leute die Zähne ausschlagen. Er redete sich ein, dass er ein besonderer Mensch war, ein Individuum, das es kein zweites Mal gab. Jeden Tag tat er das und irgendwie klang die Stimme, mit der er diese Worte aussprach, nicht wirklich überzeugend. Was konnte er schon? Er konnte Menschen erschießen und allein mit seinem Hass war er in der Lage, fünf Männer gleichzeitig zu verdreschen. Er war stark und wenn er wütend war, wurde er noch stärker. Aber hatte ihm das in seinem Leben wirklich schon mal etwas gebracht? War er durch seine Schandtaten je zu einer Freundin gekommen, die ihn auch wirklich liebte und wertschätzte? Nein, definitiv nicht.
Er hasste sich selbst dafür, dass er so ein Mensch geworden war. Von dem kleinen, freundlichen Jungen hin zu einem Schläger und Mörder. Das hatte er nicht zu verantworten, das war ihm klar, aber trotzdem war er damit nicht zufrieden. Er war nicht depressiv oder so etwas in der Art. Der Moment, in dem Donald Poolman sich eine Kugel in den Kopf jagte oder eine Überdosis Tabletten nahm, käme erst, wenn jemand ihn dazu zwang. Und selbst dann Trotz seiner Art und den vielen Wutausbrüchen liebte er das Leben. Es hatte lange gedauert, bis er diese Liebe wiedergefunden hatte, aber jetzt besaß er sie schon einige Jahre. Sie war zu stark, als dass er auch nur an Selbstmord denken könnte. Aber man konnte sich selbst auch abgrundtief hassen, ohne dass man unter Depressionen litt. Das wusste Donald jetzt.
Es gab Menschen, die sich seine Art zunutze machten. Menschen, mit denen er jetzt bereits seit fünf Jahren zusammenarbeitete. In diesen fünf Jahren waren es immer mehr Mitglieder geworden und die Organisation hatte sich einen Ruf erarbeitet. Seit zwei Jahren fand man fast täglich einen Bericht über die AOC (American Organized Crime) in der Los Angeles Times. Wie zum Beispiel den, der gerade vor Donalds Augen lag und den er sich heute bereits sechs Mal durchgelesen hatte und dessen Schlagzeile lautete:
Multimilliardär Franklin bestohlen: Mehrere Millionen Dollar, Schmuck und Kunstwerke fehlen!
Die letzten Tage vergingen für Donald wie im Traum. Stundenlang arbeitete er an einem Plan, sah sich alles, was er im Internet über die Villa des Unternehmers Miles Franklin finden konnte, an, setzte sich mit seinen Kollegen zusammen und zeigte ihnen, wie er die Überwachungskameras, Bewegungsmelder und Alarmanlagen des Geländes umgehen wollte. Und die dreckigen Ratten verarschten ihn einfach. Klauten ihm den Plan bis ins kleinste Detail, fuhren bereits am nächsten Abend los und führten die Aktion durch. Ohne ihn.
Jetzt wurden sie von allen verehrt und verbrachten ihre Zeit damit, zu pokern und zu saufen. Und Donald hatte nichts. Er saß in der Kantine und aß seine Brötchen. Eins mit Käse und Salami und das andere mit Butter und Nutella. Wie jeden Morgen.
Die AOC war die gefürchtetste Verbrecherorganisation im ganzen Land und hatte ihre Männer wirklich überall. In jedem Bundesstaat der USA saßen ihre Spitzel.
Durch einen dieser Spitzel war Donald gestern an weitere Informationen über den Milliardär Franklin gelangt. Er hatte eigentlich heute Abend rausfahren wollen, vielleicht allein oder mit ein paar anderen der Mitglieder. Es wäre alles perfekt abgelaufen, er hätte eventuell sogar noch mehr mitgehen lassen können als seine drei Kollegenschweine. Aber dazu war es ja jetzt nicht mehr gekommen.
Ohne ihn hätten sie das nicht mal im Entferntesten geschafft. Sie hatten nicht die Fähigkeiten wie er. Durch seinen jahrelangen Freund Collin, der auch bei der AOC arbeitete, kannte er sich außerordentlich gut mit Computern und Sicherheitssystemen aus. Bei weitem nicht so gut wie Collin, aber gut genug. Wegen seines Talentes auf diesem Gebiet hatte sich sein Kollege sogar schon bis zur Eliteeinheit vorgearbeitet. Dort wäre Donald jetzt wahrscheinlich auch, wenn die drei Wichser ihn nicht betrogen hätten.
Der Auftraggeber ihrer Einheit hatte die drei belobigt und sie hatten neben einer Beförderung sogar ein Gespräch mit dem Boss persönlich führen dürfen. Der hatte ihnen wahrscheinlich auch ein paar hundert Riesen für diese Aktion gezahlt. Aber Donald hatte davon nichts.
Niente.
Nada.
Diese verlogenen Arschlöcher, dachte er.
Er stand von seinem Platz auf, hob den Stuhl, auf dem er gerade eben noch gesessen hatte, in die Luft und warf ihn gegen die Wand. Dort zersplitterte er in tausende Teile, die in alle Richtungen flogen. Die Mitarbeiterin an der Essensausgabe warf ihm einen vielsagenden Blick zu.
»Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass Sie Ihren Frust nicht an den Möbeln auslassen sollen?«
Donald beruhigte sich nur langsam wieder. Am liebsten hätte er jetzt die gesamte Kantine zerlegt. Und mit den Trümmern, die danach übrigblieben, würde er seinen drei »Kollegen« dann einen nach dem anderen aufschlitzen. Ja, so würde er es machen. Wenn er die Gewissheit besäße, nach so einer Aktion nicht selbst dran glauben zu müssen.
Er machte sich klar, dass es nichts bringen würde, die drei zu töten und irgendwelche Möbel zu zerstören. Klüger wäre ein Versuch, zu beweisen, dass er in Wirklichkeit derjenige war, der diesen unglaublichen Plan entworfen hatte.
Die Notizen auf seinem Laptop könnten ihm dabei helfen. Wurde nicht jedes Dokument vom Betriebssystem mit einem Änderungsdatum versehen?
So krieg‹ ich diese Mistkerle vielleicht doch noch dran, dachte er, stand auf, warf der Mitarbeiterin ein höfliches Lächeln zu und fuhr anschließend mit dem Fahrstuhl nach oben.
Auf der sechsten Etage befand sich sein Büro. Ein sehr kleines und auf das Nötigste reduzierte Zimmer. Da er sich in der roten Einheit befand, besaß er keinen großartigen Schnickschnack und hatte auch nicht wirklich viel Platz in seinem Büro. Ganz im Gegenteil zu Mitgliedern der Spezialeinheit. Die bekamen nur das Beste.
Er ging zu seinem Schreibtisch und griff sich die Tasche mit dem Laptop. Dann verließ er das Büro und fuhr mit dem Fahrstuhl wieder herunter.
Das Hauptquartier der AOC erstreckte sich über neun Stockwerke. Die oberste Etage war der Sitz der Spezialeinheit, die darunter die Arbeitsfläche der roten Einheit, die siebte Etage wurde von den Mitgliedern der sogenannten grauen Einheit bezogen, das sechste Stockwerk gehörte den Leuten, die Teil der schwarzen Einheit waren, und so ging es weiter, bis man bei der dritten Etage und damit der weißen Einheit angekommen war. Dann kam die Kantine, danach die Büros der Auftraggeber, und anschließend gab es noch das Untergeschoss, in dem ein riesiger Aufenthaltsraum als Büro des Bosses diente.
Den kannten nur die wenigsten und die, die ihn kannten, wussten auch nicht sonderlich viel über ihn. Doch eines wusste jeder: Er war mächtig. Dazu kamen noch enorm hohe Intelligenz, eine gewisse Brutalität, die nur wenige Menschen an den Tag legten und selbstverständlich Geld. Genug Geld, um sich alles und jeden zu kaufen und damit zu tun, was auch immer einem gerade vorschwebte.
Dieser Mann gab den Auftraggebern, auch »Stellvertreter« genannt, die Aufträge durch, die ihre »Angestellten« dann erledigen sollten. Jeder Stellvertreter hatte mehrere Angestellte unter sich, die eine der sieben Einheiten bildeten. Es kam gelegentlich auch vor, dass der Boss den Mitgliedern höchstpersönlich einen Auftrag gab. Das waren dann meistens Dinge, die nicht der Organisation, sondern ihm privat Vorteile verschafften. Doch man konnte selbstverständlich auch eigenständig Verbrechen begehen und sich Pläne ausdenken, so wie Donald es getan hatte.
Wenn man etwas Außergewöhnliches leistete, wie die Männer, die ihn hintergangen hatten, wurde man befördert. Da sich die drei genauso wie Donald in der roten Einheit befunden hatten, waren sie nach ihrer Beförderung Mitglieder der Spezialeinheit, auch Elite genannt. Man bekam ein neues Büro, mehr Geld, eine spezielle Ausrüstung und natürlich spezielle Aufträge. Nur die besten Leute kamen dahin und Donald war der Meinung, dass er dazugehörte.
Er wollte das Ganze noch mal mit seinem Auftraggeber klären. Er musste ihm klar machen, dass seine Kollegen Verräter waren und er das Genie, das hinter diesem Plan steckte.
Als er im Erdgeschoss angekommen war, schaltete sich das Licht automatisch an. Er öffnete eine Tür. Im Raum saß ein rundlicher, älterer Mann. Man sah ihm seine Gefährlichkeit nicht mal im Geringsten. Wer nicht schon mindestens einmal beobachtet hatte wie er einen seiner Bodyguards mit einer Schere totgestochen hat, nur weil er an diesem Tag schlechter Laune gewesen war, der betrachtete ihn wahrscheinlich als älteren, mürrischen, vielleicht ein wenig übergewichtigen Herren.
»Mr. Turner? Ich möchte mit Ihnen über den Raub bei Miles Franklin sprechen«, begann Donald das Gespräch und bemerkte die Angst in seiner Stimme, die immer vorhanden war, wenn er diesem Mann unter die Augen trat.
Sein Chef sah ihn gleichgültig an.
»Was gibt es denn da noch zu besprechen? Ich weiß nichts davon, dass Sie an dem Überfall beteiligt waren, oder habe ich etwas verpasst?«
Donald ballte die Fäuste und versuchte die wahnsinnige Wut, die in ihm brodelte zu unterdrücken. Aber es gelang ihm nicht. Wie immer.
»Meine Fresse, das versuche ich ihn doch gerade zu erklären!« Er merkte, wie respektlos dieser Satz geklungen haben musste. »Entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise, Sir. Ich bin nur etwas aufgebracht und versuche, Ihnen irgendwie klarzumachen, dass dieser ganze Plan, diese Idee, alles, was die drei beförderten »Helden« gestern fabriziert haben, eigentlich auf mich zurückzuführen ist. Ich stecke hinter dem Einbruch, ich besitze sogar noch eine Skizze.« Erschöpft atmete er aus und betrachtete Turner hoffnungsvoll. Der blieb genauso ruhig, wie er schon zu Beginn des Gesprächs gewesen war.
»Sie haben keine Beweise. Solange das so bleibt, bin ich gezwungen zu glauben, dass Sie einfach nur einen Teil der Belohnung haben möchten. Und Sie wissen, dass Betrug zwar zu den Methoden eines Verbrechers gehört, unter Kollegen jedoch eher verpönt ist!«
»Und ob ich Beweise habe! Wie gesagt: Ich habe alles aufgeschrieben. Auf dem Laptop. Die Datei hat ein Datum und ich habe jeden einzelnen Teil des Plans notiert. Dass der Überfall exakt so durchgeführt wurde, kann doch kein Zufall sein!«
Turner verzog nach wie vor keine Miene.
»Zeigen Sie mir den Laptop«, befahl er ihm.
Für einen winzigen Augenblick stand Donald nur rum. Stocksteif und überrascht von der Tatsache, dass er nach seinem respektlosen Verhalten gegenüber Turner noch keine Schere im Schädel stecken hatte. Dann löste er sich aus der Starre und nickte.
Die Auftraggeber besaßen für sämtliche Geräte ihrer Untergebenen ein Masterpasswort. Dieses tippte Turner nun ein. Anschließend setzte er sich seine Lesebrille auf und runzelte die Stirn.
Einige Minuten lang saß er nur da und sagte nichts. Einmal blickte er auf und Donald dachte, dass er ihm sagen würde, ob die Beweise ausreichten. Doch dann wandte er sich wieder dem Laptop zu.
Er scrollte und scrollte und so langsam wurde Donald ungeduldig. Allerdings sagte er nichts. Der gehörige Respekt, den er diesem kahlköpfigen Mann zollte, hinderte ihn daran. Nicht nur wegen seiner Macht oder seines Geldes, sondern vordergründig wegen seiner Weisheit und Erfahrung.
Schließlich klappte Turner den Laptop zu. Er setzte seine Brille ab und steckte sie zurück in das dazugehörige Etui.
»Ich muss sagen, das überzeugt mich, Poolman. Ich hätte zwar nicht gedacht, dass Sie zu einem so großartigen Plan fähig sind, aber die Lage ist klar: Hier haben drei Mitglieder nicht nur ihren Kollegen, sondern auch ihren Auftraggeber betrogen. Der Boss kümmert sich um dieses Problem. Sie, Mr. Poolman, werden selbstverständlich befördert!«
In erster Linie war Donald in diesem Moment glücklich. Kurz zuvor hatte er nicht einmal gedacht, dass sein Chef sich seine Notizen ansehen würde. Er hatte es nicht nur seinen Kollegen heimgezahlt, sondern würde nun auch befördert und damit höchstwahrscheinlich ein Mitglied der Spezialeinheit werden.
Außerdem wollte er sich nicht ausmalen, was mit den drei Verrätern passieren würde. Er hatte bereits viele Geschichten gehört, wie der Boss mit solchen Leuten umging. Und keine dieser Geschichten war eine, die man seinen Kindern zum Einschlafen vorlesen sollte.
Nachdem er von Mr. Turner seine Beförderungsurkunde erhalten hatte, fuhr er wieder mit dem Fahrstuhl nach oben. Er pfiff vor sich hin, als er durch die Kantine ging. Die Mitarbeiter und die anderen Mitglieder der AOC sahen ihn überrascht an. Vorhin hatte er noch fast einen Stuhl zerstört und jetzt pfiff er? Wenn sie das Gespräch mitgehört hätten, dann wüssten sie, warum er so verdammt glücklich war.
»Ich möchte zu King«, sagte er im Flüsterton, als er bei der Dame an der Essensausgabe angelangt war. Um in das Büro des Chefs der Spezialeinheit zu kommen, erforderte es einen gewissen Umweg. Die Mitarbeiterin musterte ihn von oben bis unten und sprach dann in ein Funkgerät.
»Ist es frei?« Einige Sekunden Stille. Anschließendes Nicken der Frau. »Sie können zu ihm.«
Mr. King hasste es, wenn mehrere Leute vor seiner Tür standen oder gar klopften. Deswegen informierte seine Sekretärin die Männer und Frauen in der Kantine über seine Verfügbarkeit, immer wenn jemand um ein Gespräch unter vier Augen bat. Wollte er selbst mit jemandem sprechen, wurde dieser zu ihm beordert und musste, egal ob er einer Verpflichtung nachging, sofort erscheinen. Neben dem Boss war der Anführer der Spezialeinheit die wichtigste und mächtigste Person in der Schattenorganisation. Falls die eigentlich perfekte Tarnung der Geheimbasis auffliegen sollte und die Polizei eine Razzia unternahm, entdeckte man nur die Kantine. Ein für Unwissende unsichtbarer Weg führte einen direkt zum Büro. Die wichtigsten Unterlagen, Akten und Foto- oder Videodateien wurden an diesem Ort gelagert.
Ein Mann um die vierzig im Jogginganzug öffnete. Er war bei den meisten Mitgliedern gefürchtet. Ein Grund dafür war seine Skrupellosigkeit. Es war schon oft geschehen, dass jemand ihm nicht mit genügend Respekt gegenübergetreten ist und er ihn einfach erschossen hatte. Und dagegen hatte bisher niemand etwas unternommen.
